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In sicherer Hut

Johanna Spyri: In sicherer Hut - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleIn sicherer Hut
pages137-168
created20010405
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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Johanna Spyri

In sicherer Hut

Erzählung


1. Kapitel

Vor der Abreise

In Dresden, nicht weit von der Terrasse an der Elbe, steht ein großes, steinernes Haus. Dort saß an einem sonnigen Julimorgen Herr Feland in seinem Lehnstuhl und hielt eine so große Zeitung vor sich, daß man von seinem Gesicht gar nichts sehen konnte.

Ihm gegenüber saß die Frau des Hauses im weißen Morgenhäubchen und goß von Zeit zu Zeit aus dem Kessel ein wenig Wasser auf den duftenden Kaffee in der Maschine. Das Frühstück sollte gleich beginnen.

Da öffnete sich die Tür. Zwei kleine Mädchen traten ein. Hinter ihnen stand ein großes Fräulein, das mit einiger Besorgnis die lebhaften Sprünge beobachtete, mit denen die kleine Rita durch die Stube lief. Schließlich landete sie mit einem großen Satz auf Papas Knien. An der Gewandtheit des Sprungs sah man deutlich, daß er nicht zum erstenmal ausgeführt wurde. Triumphierend schaute nun Rita umher, als wollte sie sagen: Nun sitze ich wieder auf meiner festen Burg, wo mich kein Unheil treffen kann. Dann steckte sie das lockige Köpfchen unter die große Zeitung und rief schelmisch: »O Papa, ich finde dich schon! Wann gehen wir auf die Gemmi?«

Der Papa legte das Blatt weg, küßte die Kleine und sagte: »Erst guten Morgen, kleine Heuschrecke. Nachher kommen die Reisepläne.« Wegen ihrer geschickten Sprünge nannte der Papa sie nämlich die kleine Heuschrecke. Als Rita nun die große Zeitung nicht mehr zwischen sich und dem Papa sah, legte sie ihre Arme um seinen Hals und sagte ihm mit großer Zärtlichkeit guten Morgen. Inzwischen stand Schwester Ella ganz still neben Papas Stuhl und wartete seinen Morgengruß ab. Jetzt küßte er auch sein älteres Töchterchen, das sich dann still an den Tisch setzte.

»Bitte geh auch an den Tisch, wo du hingehörst!« sagte der Papa zu Rita, die noch gar keine Anstalt machte, ihren hohen Sitz zu verlassen.

»Ich gehe gleich, Papa«, versicherte Rita, setzte sich aber erst noch auf ihrer Burg zurecht. »Ich wollte nur warten, bis du gesagt hast, wann wir auf die Gemmi gehen.«

»Sobald die Mutter gepackt hat«, erwiderte der Papa.

Jetzt sprang Rita herunter und lief zur Mama.

»O Mama, so wollen wir doch heute packen! Bitte, bitte, gleich auf der Stelle«, bat Rita schmeichelnd. »Ich will dir helfen, und Ella kann auch helfen und Fräulein Hohlweg auch, und dann können wir morgen fort und dann...«

»Jetzt trinken wir erst unsere Milch und sitzen eine Weile ganz ruhig am Tisch, liebes Kind«, berichtigte die Mutter. Und Rita, die fürs erste keine weitere Antwort auf ihre Frage erwartete, setzte sich nun an ihren Platz zwischen Vater und Mutter, und das Frühstück begann.

Schon seit längerer Zeit hatte in Herrn Felands Haus jeder Morgen mit der dringenden Frage nach der Gemmireise angefangen. Im Kopf der kleinen Rita kam kaum mehr ein anderer Gedanke zustande. Dieses Reiseziel war auf folgende Weise in die Vorstellungen der kleinen Rita eingedrungen und hatte sich da festgesetzt.

Im vergangenen Sommer hatten Vater und Mutter eine Schweizerreise gemacht. Auf dem Gemmipaß, der sie von Wallis zum Kanton Bern hinüberführte, hatte es ihnen so besonders gut gefallen, daß sie beschlossen, im folgenden Sommer wieder hierherzufahren. Die Kinder und Fräulein Hohlweg wollten sie mitnehmen und einige Zeit dort bleiben. Die Eltern hatten auf ihrer Reise den Fremdenführer Kaspar kennengelernt und ihm ihre Absicht mitgeteilt, in der Gegend eine Wohnung zu mieten, statt in einem Hotel zu wohnen.

Da hatte Kaspar ihnen den Vorschlag gemacht, sein eigenes Häuschen, das unweit des Gemmipasses an einem grünen Abhang nahe beim Fußwege stand, zu beziehen. Gerade diese Zeit war für ihn die beste, sein kleines Haus zu vermieten. Er selbst war dann immer mit den Fremden unterwegs, und seine beiden Buben hüteten auf der Alm die großen Herden. Seine Frau konnte im Dachkämmerchen oben wohnen und die Familie Feland bedienen. Für diese konnten dann die große Wohnstube und die beiden Schlafkammern eingerichtet werden. Dieser Vorschlag hatte Herrn Feland und seiner Frau sehr gefallen. Nachdem sie sich das Häuschen angesehen hatten, beschlossen sie, es für die Sommermonate des kommenden Jahres zu mieten.

Diese Nachricht und die Schilderung der schönen Wiesen und hohen Schneeberge, der grünen Almen und der vielen weidenden Kühe hatten bei beiden Kindern einen tiefen Eindruck gemacht. Und seit langem konnte Rita kaum mehr den Tag der Abreise erwarten. Schon im Winter war kein Tag vergangen, ohne daß Rita wiederholte: »Mama, wird nun bald der Sommer kommen?«

Nun war der Sommer da, und Ritas Fragen wurden immer bestimmter und dringender. Jeden Morgen sprach sie nun in erwartungsvollem Ton die Worte: »Wann gehen wir auf die Gemmi?« Mit jedem Tag wuchs die Ungeduld des Kindes, und es häuften sich die stürmischen Fragen und Bitten. Denn jetzt konnte Rita kaum mehr erwarten, daß man in einen Wagen steige und den hohen Bergen und grünen Wiesen entgegenfahre.

Endlich kam der Tag, als das ganze Haus Feland wie ein großer Jahrmarkt aussah. Alle möglichen Kleidungsstücke lagen in solcher Menge in allen Zimmern umher, daß man sich nirgends mehr setzen konnte. Nach und nach verschwand aber alles in drei riesigen Koffern, und zwei Tage später saß die ganze Familie Feland im Reisewagen. Ella in stiller Freude zwischen Mama und Fräulein Hohlweg, Rita neben dem Papa, den sie alle Augenblicke begeistert umarmte. Denn nun ging es ja auf die große Reise, nun fuhren sie auf die Gemmi.

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