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In seinen Fußstapfen

Auguste von der Decken: In seinen Fußstapfen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleIn seinen Fußstapfen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1891
isbn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectid90b9b182
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Fünftes Kapitel.

Am anderen Morgen fand zwischen dem Kanzler des Herzogs, Dr. Hedemann einerseits und dem Stadtsyndikus und Protonotar anderseits auf dem Rathause die Prüfung der alten Gerechtsame statt, welche der Herzog erst anzuerkennen und zu beschwören hatte, bevor die Stadt ihm huldigte.

Das uneingeschränkte Münzrecht, die Zollfreiheit von mehreren herzoglichen Elbzöllen, die Freiheit von allen gewöhnlichen Landessteuern, Beden und Schätzungen, die unbeschränkte Gerichtsbarkeit und die kirchliche Unabhängigkeit waren den Fürsten abgewonnen. Das Recht, eignes Kriegsvolk zu halten und Befestigungen anzulegen, und die Freiheit, Bündnisse mit andern Fürsten und Städten zu schließen jedoch nicht gegen den eignen Landesherrn – alles dies, die vollste Unabhängigkeit gewährleistend, war nach und nach erworben worden. Die Schriftstücke hierüber lagen im Stadtarchiv verwahrt und der neue Herzog mußte alle jene Errungenschaften bestätigen.

Als die Stadtverordneten sich überzeugt hatten, daß der Huldigungsbrief, welchen der Kanzler übergab, genau mit ihren alten, von den Landesherren oft beschworenen Vorrechten übereinstimme, erklärten sie sich befriedigt und bereit, den Fürsten anzuerkennen.

Noch einmal nahm jetzt Dr. Hedemann das Wort: »Es ist Sr. Fürstlichen Gnaden aus der Bürgerschaft Anzeige und Beschwerde zugegangen, daß die Gilde der Sülfmeister beabsichtige, sich der Eidesleistung auf offenem Markte zu entziehen. Se. Fürstlichen Gnaden sind nicht gewillt, derlei Unterschiede unter der Stadt Angehörigen gelten zu lassen und begehrt, auch die Patricier an ihrem althergebrachten Platze zu sehen.«

Der Syndikus antwortete, das Gerede der Bürger sei unwahr, der Kanzler solle hinausschauen, vor den Fenstern der Schreiberei sehe er schon etliche aus den Geschlechtern sich versammeln.

Nachdem nun alle Vorfragen erledigt waren, begaben sich der dienstthuende Bürgermeister, Jürgen von Dassel, ein Syndikus und ein Kämmerer hinüber in das fürstliche Schloß, um den Herzog zur Huldigung abzuholen. Der weite Marktplatz hatte sich inzwischen gefüllt. Reihenweise standen die Bürger zur Huldigung bereit.

Alle Innungen und Gewerke waren mit ihren Fähnlein und Abzeichen vertreten. Sie warteten, bis die Reihe an sie kommen würde, ihre Pflicht gegen den Fürsten zu erfüllen.

An der Thür des Rathauses begrüßte der ganze Rat den Landesherrn mit seinem Gefolge und geleitete ihn in den herrlichen alten Saal, die Gerichtslaube, wo alle städtischen Feierlichkeiten bereits seit Jahrhunderten vor sich gegangen waren. Als der feierliche Zug durch die Bogenthür eintrat, umfing die Kommenden altehrwürdige Pracht und Schönheit. Der hehre Raum, mit der Schlußwand aus hohen gemalten Fenstern, durch welche die warme Sommersonne strahlte, lag in farbenprächtigem Funkeln wahrhaft großartig vor ihnen da.

Der Herzog wurde von dem ältesten Bürgermeister Konrad Elver in den Ratstuhl geleitet, während der Rat sich außerhalb der Sitze aufstellte. Der Bürgermeister von Dassel eröffnete die Handlung mit einer Anrede an den Herzog, in welcher er sich das Dokument der Rechtsverbriefung erbat und die Huldigung der Stadt zusagte. Der Kanzler händigte darauf dem Bürgermeister die verlangte Urkunde ein und erklärte die Bereitwilligkeit des Landesherrn, seine Verpflichtungen zu erfüllen und die Huldigung entgegen zu nehmen.

Nachdem die Akte verlesen und der Gleichlaut derselben mit den älteren Herzogsbriefen dargethan worden, trat der Bürgermeister Elver vor den Herzog und las die Eidesformel feierlicher Zusage vor, welche der Fürst, stehend, die Rechte auf die Brust gelegt, nachsprach.

Nun stattete der alte Elver seinen Dank im Namen der Stadt für die erneuerte Zusicherung ab, und dann empfing der Kanzler den Huldigungseid von seiten der sämtlichen Ratsglieder.

Darauf verließ die ganze Versammlung im großen Zuge die Gerichtslaube und begab sich in den nach dem Marktplatze belegenen Saal. Hier trat der Herzog an ein offenes Fenster und blickte freundlich auf den von der ganzen Bürgerschaft bedeckten Marktplatz hinab.

Der Bürgermeister von Dassel verkündete den unten Versammelten, daß der Herzog die herkömmliche eidliche Zusicherung geleistet habe und nahm darauf der Bürgerschaft, die mit aufgehobener Rechten die vorgesagten Worte in brausendem Chor nachsprach, den Huldigungseid ab. Es erfolgte nun noch die Einladung an den Herzog zu einem festlichen Mahle im Rathause, welche der Fürst dankend annahm.

Alsdann begab man sich nach dem Herzogenhause hinüber, wo der weitere Verlauf der Huldigung mit einem beim Volke beliebten Gepränge vor sich gehen sollte. Es handelte sich jetzt noch um die feierliche Überreichung des silbernen Kredenzbechers und des weißen Hengstes.

Alles Volk wogte und drängte nach dem Ochsenmarkte zu, wo auf der großen Freitreppe des Fürstenhauses der Herzog mit seiner Begleitung und der ganze Rat Aufstellung genommen hatten; allein hier war, wie gestern durch David Sterns Söldner, eine Absperrung zur Freihaltung des nötigen Raumes vorgenommen. Die Hellebardiere standen nicht dicht gereiht, dazu hätte ihre Zahl nicht ausgereicht, aber doch einander so nahe, daß ihr rechter Arm mit der weit abgestellten Pike den halben Raum zwischen sich und dem Nachbarn ausfüllte. Und die Scheu vor der öffentlichen Gewalt, die sich jetzt besonders kräftig zeigte, half Ordnung halten. Es galt, den ganzen Weg von der nicht weit vom Herzogenhause gelegenen Burmestergasse bis zum Schloß abzugrenzen. Zu Ende jener Gasse befand sich der Ratsmarstall, in welchem schon seit mehreren Tagen der mühsam herbeigeschaffte, weißgeborene Hengst gepflegt wurde, der, altem Herkommen nach, heute dem Herzoge zugeführt werden sollte.

Im Marstalle legte man eben die letzte Hand daran, den starken Gaul, welchen der Stallmut ungeberdig machte, prächtig aufzuschirren. Es war eines jener Tiere besonderer Art, von weichem, schneeweißem Haar und rötlichen Augen, die in der alten Geschichte Niedersachsens so sehr ihre geheimnisvolle Rolle spielten, daß sie noch immer als Wappentiere auf Fahnen, Rüstungen und Münzen von den Herzogen geführt wurden. Man hatte den Weißgeborenen mit glänzendem Zaumzeuge versehen. Eine rote, goldgestickte Sammetdecke lag auf dem glatten Rücken. In beide Seitenösen der Trense waren – die Zügelriemen verdeckend – rotseidene Tücher eingeknüpft, an denen das herrliche Tier von Franz Töbing und Schorse Dassel geführt werden sollte. Lude Elver trug den silbernen Becher voran. Alle drei Junker waren in den Lüneburger Farben, blau, weiß und rot, gekleidet.

Jetzt setzte sich der Zug in Bewegung, um durch die schmale Burmesterstraße den Markt zu erreichen. In der Gasse gab es kaum Zuschauer, Mauern und Nebenhäuser grenzten dieselbe eng ein. Das Roß spitzte die rötlich durchschimmernden feinen Ohren und strebte kräftig vorwärts. Der kleine dicke Elver trug den schweren Pokal im Arm und trabte, wie es eben ging, voran.

Als man sich nun aber dem Ausgange der Gasse auf den Markt näherte, als tausendstimmiges Geschrei: Sie kommen, Sie kommen! – ihnen entgegen brauste, als die Stadtpfeifer auf der Rathaustreppe mit Pauken und Trompeten zu lärmen anfingen, kam auch in den Festzug anderes Leben.

Lude Elver nahm den blitzenden Becher in beide Hände, hielt ihn weit vor sich hin und schritt, sich in die Brust werfend, langsam und gravitätisch fürbaß. Das Pferd hob den Kopf, blies die Nüstern auf und warf die Vorderhufe so kräftig vor, daß die beiden Führer sich fest gegen die Flanken des aufgeregten Tieres legen mußten, um es niederzuhalten.

»Laß nicht locker, Franz,« raunte Dassel dem Freunde zu, »der Gaul hat den Teufel im Leibe!«

»Ihn sticht der Hafer, aber uns soll er nicht meistern,« lachte Töbing.

Als das Volk nun wirklich des ersehnten Schauspiels ansichtig wurde, ging eine gewaltige Bewegung durch die Massen. Kinder wurden emporgehoben und das Freudengeschrei brach immer aufs neue los.

Das Schieben und Stoßen der Zurückstehenden drückte auf die Vorderen; sie mochten wollen oder nicht, hier und da geriet einer zwischen die Kette der Söldner und wurde unsanft zurückgeworfen.

Plötzlich, als man eben nach dem Fürstenhause umbiegen wollte und die neugierige Bewegung im Volke den Höhepunkt erreicht haben mochte, wurde eine Frau durch das Drängen hinter ihr in die Bahn der Vorschreitenden gestoßen, sie fiel zur Erde und Lude Elver, der sich gehindert sah, gab der Daliegenden einen unsanften Tritt mit dem Fuße. Vielleicht hierdurch wurde ihr Kopftuch zur Seite geworfen und Franz Töbing erkannte das blasse, erschrockene Gesicht seiner Hete, das sich eben empor hob, dicht vor den hinausstampfenden Hufen des stallmutigen Rosses.

Ein blitzartiger Schreck durchzuckte ihn, er ließ den Zügel fahren, stürzte vor und riß das Mädchen vom Boden auf. Einen kurzen Augenblick hielt er die Zitternde an sich gepreßt in den Armen, dann wurde sie fortgezogen, während ein vielstimmiges Angstgeschrei ihn aufschrecken und emporblicken ließ.

Der Hengst stand auf den Hinterbeinen, seine rötlichen Augen schienen zu glühen, er schnob wild hinaus und hieb mit den Vorderhufen um sich. Schorse Dassel klammerte sich, laut um Hilfe rufend, wie ein Verzweifelter an den einen Zügel und hing da wie ein zu leichtes Gewicht, das jeden Augenblick empor geschnellt werden kann.

Franz Töbing sprang an seinen Platz und zwang das aufgeregte Tier nieder, in seiner Seele toste es ebenso wild, wie in dem unverständigen Geschöpfe. Der Fußtritt, welchen Lude Elver dem darniederliegenden Mädchen gegeben, hatte sein Blut in ungeheuren Aufruhr versetzt. Hätten seine wutflammenden Blicke die kleine dicke Gestalt des Voranschreitenden durchbohren können, sie wären ihm gefährlicher geworden als die Rosseshufe.

Endlich langte man vor der erlauchten Versammlung an, die sich auf der Schloßtreppe wartend aufgestellt hatte. Elver entledigte sich rasch des Bechers und wich, mit scheuem Blick auf den Hengst, zur Seite. Jetzt galt es auch, das unbändige Tier abzugeben. Die Wildheit jedoch, welche nun über den Weißgeborenen kam, übertraf alles bisher Geschehene. Mochte der leidlich freie Platz das Pferd locken, sich auszutoben, oder schreckte es die bunt besetzte Treppe, es stieg, es warf sich von einer auf die andere Seite, es schlug hinten und vorn aus. Vergebens versuchten die Stallknechte des Herzogs sich der Zügel zu bemächtigen. Hätten die Führer losgelassen, wäre sicher ein Unglück geschehen. Plötzlich wurde Schorse Dassel zur Seite geschleudert; erlahmte seine Kraft oder hatte ein Hufschlag ihn getroffen?

Da riß Franz Töbings Geduld, er war ein trefflicher Reiter und wußte es; mit einem gewaltigen Satz schwang er sich auf des unbändigen Tieres Rücken, nahm mit scharfem Ruck die Trensenzügel in beide Fäuste, legte seine kräftigen Schenkel mit klammerartigem Druck an des Rosses Flanken, schlug seine Hacken in die Weichen des Tieres und versuchte nun mit der tollen Laune, die in ihm tobte, und mit allen seinen Reiterkünsten, des Wildlings Herr zu werden.

Welch ein Schauspiel für die gesamten Männer! Sie wußten das kecke Stücklein zu würdigen und verfolgten den Kampf zwischen Roß und Reiter mit gespannten Blicken. Hin und her fuhr das Tier mit allen Tücken und Nücken einer ungebändigten Naturkraft. Doch sie fand ihren Meister; immer zahmer und weicher wurden die Bewegungen des wilden Hengstes, und endlich hielt er zitternd, schweißbedeckt und gehorsam vor der Treppe still und ließ sich von seinem Reiter, der sich herab schwang, den Stallknechten überliefern.

Ein lauter Beifall brach aus.

»Das war, bei Gott! ein Reiterstücklein, wie's wenige giebt!« rief der jüngste Herzogsbruder Georg, der auf einer unteren Treppenstufe stand und schüttelte des erhitzten Junkers Hand. Auch Herzog Christian sprach ihm seinen Beifall aus. Alles dies galt Franz Töbing wenig. Er war von anderen Gedanken erfüllt. Rachegelüste gegen Elver kreisten in seinem wilderregten Blute.

Als jetzt die Ladung zum Mittagsmahl – der großen Kollation – im Rathause ertönte, setzte sich die ganze Gesellschaft der Männer in Bewegung.

Die Tafeln waren mit aller Kunst, vielem schweren Silber und köstlichen Schaustücken im Huldigungssaale hergerichtet. Den ersten Gang trugen die Bürgermeister selbst dem regierenden Herrn auf, während Söhne der Ratsherren die anderen Fürstlichkeiten bedienten. Auch Franz Töbing war unter ihnen. Als er eben einen schön verzierten Hirschbraten vor dem Herzog Georg – dem General-Wachtmeister des Königs von Dänemark – niedersetzte, sagte der Prinz: »Ihr seid zu tüchtig, Junker, um hier in den Mauern Eurer alten Stadt zu verkümmern. Ihr seid ein geborener Rittersmann. Wollet Ihr mit mir gen Schweden ziehen, so soll es Euch an der Stelle als Führer eines Reiterfähnleins nicht fehlen. Bedenkt es Euch, wir sprechen uns nachher in mehr Ruhe.«

»Schönen Dank, Ew. Fürstliche Gnaden, ich will es bedenken, aber ich glaube, ich kann nicht.«

Ein Gang nach dem anderen wurde aufgetragen, die Schenken wanderten mit hohen Kannen um die Tafeln und füllten Pokale und Becher mit trefflichen alten Weinen aus dem Ratskeller, die Stadtpfeifer bliesen fröhliche Weisen vom hohen Gange in den Saal hernieder, die Gäste schwelgten in allem Guten, was die reiche Stadt ihnen bot.

Endlich – die heiße Augustsonne neigte ihrem Untergange zu – kam Bewegung in die Menge. Die Gäste erhoben sich einzeln, schwankten hier- und dorthin, schwatzten und lachten mit diesem und jenem, stießen an, ließen in befreundeten Gruppen das seltsame Schaustück eines alten Humpens kreisen und entfesselten also den Zwang der Festtafel. Selbst der Herzog rief bald den einen, bald den andern der Männer in seine Nähe. Die jüngeren Fürstenbrüder mischten sich sonder Rückhalt unter die Gäste.

In einem der Nebenzimmer war Franz Töbing mit Lude Elver zusammen geraten; zufällig war es ersterem bis jetzt nicht gelungen, den plötzlich Gehaßten allein zu treffen.

»Bist doch ein elender Kerl, Lude,« sagte Töbing, seinem Jugendgenossen hart in den Weg tretend, »ich will dir's hiermit zu wissen thun, daß ich dich durchwalke, wo ich dich im Freien antreffe.«

»Hast wohl zu viel getrunken, Franz?« fragte der Selbstgefällige erstaunt, »was habe ich dir gethan?«

»Könntest mir thun, was du wolltest, es würde mich nicht so erboßen. Aber ein wehrloses Mägdelein mit Füßen zu stoßen, pfui, das ist gemein und dafür kommt dir eine Tracht Hiebe zu, die ich dir nicht schenke.«

»Pah, wir sind unserer Zwei und ich wehre mich.«

»Um so besser.«

»War wohl ein Schätzlein von dir« – höhnte Elver. »Eine von den Gutwilligen –«

»Hund – schweig, oder ich breche den Festfrieden und schlage dir hier die Zähne ein!«

»Schon wieder in kriegerischem Feuer, mein Reitersmann?« sprach eine volltönige Stimme in den Wortwechsel hinein. Franz wandte sich und erblickte den Herzog Georg, der, heiteres Wohlgefallen in seinem kräftigen Männergesicht, ihn prüfend anschaute.

»Ja fürstliche Gnaden,« antwortete Töbing, »ich stehe einem Feinde gegenüber, dem ich nichts Gutes weissage.«

»Ihr solltet Eure übersprudelnden Kräfte besserem zuwenden, Junker; habt Ihr an meinen Vorschlag gedacht?«

Lude Elver hatte sich leise fortgestohlen, die beiden anderen traten – der junge Herzog hatte einen Wink gegeben – in die tiefe Nische eines auf den Markt hinausgehenden Fensters. Der weite Platz, noch immer festlich belebt, lag im leisen Abendschatten, während die hochstaffeligen Häusergiebel mit ihren blanken Wetterfähnlein und aufragenden Wasserspeiern in schönem Rotgold erglänzten. »Was hält Euch hier, Töbing?« begann Herzog Georg. »Zwar seid Ihr eines Bürgermeisters Sohn, ohne Zweifel begütert, vielleicht von dem engen Ehrgeiz erfüllt, allhier dereinst zu regieren und zu triumphieren – über fürstliche Macht zu triumphieren, wie Ihr heute gesehen, – ich aber rufe Euch zu, für einen tapferen Gesellen, wie Ihr seid, giebt es doch besseres!«

»Ich verstehe Euren Ruf, Herr,« entgegnete Franz Töbing ernst, »allein ich habe meinen Sinn auf anderes gesetzt. Ich meine, in der Nähe sollen wir anfangen, so wir Kraft in uns fühlen, etwas Ordentliches zu thun. Und ich sehe unter all dem Triumph des Sülfmeisterregimentes, unter alle dem Glanz, der manches Auge blendet, eitel Ungerechtigkeit, verdrehtes Wesen, Tyrannei und Willkür!«

»Wie?« fragte der Fürst erstaunt, »was höre ich? Einer aus der bevorzugten, herrschenden Gilde, dem die Vorrechte, so er genießt, verkehrt dünken?«

»Ja, so ist es. Ich sehe, wie wenige Übermütige alle Macht in der Stadt an sich gerissen haben. Wie grausame Schranken auferbaut werden, wo Menschen sich gleich stehen und zu einander neigen, und ich will versuchen zu ändern und zu bessern. Hier ist mein Kampfplatz. Jene Arglosen, die sich dort unten auf dem Markte im Festjubel tummeln, will ich zum Siege über die anführen, welche hier auf ihre Kosten prassen. Was gehen mich Dänen und Schweden an!«

Der Herzog blickte erstaunt auf den Schwärmer, der doch in der Vollkraft des reifen Mannes vor ihm stand. Mit bewölkter Stirn und nicht ohne Strenge erwiderte er: »Ihr scheint verkehrter Ordnung zugeneigt, Herr und Knecht, reich und arm muß es geben, wird es ewig geben, denn die Ungleichheit ist Gottes Wille. Er hat in seiner wechselvollen, hehren Schöpfung nichts gleich gemacht. Und daß die angeborene Ungleichheit von Körper und Geistesgaben in Bälde – und hättet Ihr alles Erdengut mit der Goldwage ausgewogen – doch wieder Ungleichheit des Besitzes schaffen würde, so wollet Ihr's klüglich lieber beim natürlich gewordenen Alten bestehen lassen.«

»Eure Fürstlichen Gnaden irren in meiner Absicht und Meinung. Jeglichem will ich das Seine lassen. Nur wo die Bäume in den Himmel wachsen vor Hochmut, da möcht' ich ihre geilen Zweige beschneiden. Die Sülfmeister dieser Stadt überheben sich, sie wollen kein menschlich Empfinden mehr gelten lassen. Was sich nicht ihrem Rechenexempel eingepaßt, das schelten sie eitel Unthat. Solcherlei Überhebung ists, die ich nicht dulden, sondern bekämpfen will.«

»Ich sehe, Ihr habt besonderer Ursach willen einen Spahn wider das Sülfmeisterregiment. Einen Kampf wollt Ihr innerhalb dieser Mauern. Uns Fürsten kann es recht sein, wenn Ihr die Lüneburger Stadtkinder, die uns über den Kopf wachsen möchten, zu Paaren treibt. Ich bin wahrlich begierig, wie weit Ihr damit kommen mögt!«

Ein Knäuel halb Trunkener wälzte sich aus dem Saal in das Zimmer. Ihr Geschrei, ihr Lachen und Balgen unterbrach die Zwiesprache der beiden am Fenster, der Herzog winkte gnädig, machte sich Bahn und kehrte in den Saal zurück. Franz Töbing aber ging in den Flur hinaus, sich nach Lude Elver, auf dessen Abstrafung er brannte, umzusehen.

Die kleine dicke Gestalt Ludes war aber unter dem Gewimmel, das sich jetzt durch alle Räume verbreitete, nicht zu finden. Unmutig und zwiespältigen Sinnes verließ Franz Töbing das Rathaus und ging auf den Markt. Er hatte noch keine Antwort von der alten Gesche, dem Gemüseweibe, und sie war doch voll Dienstwilligkeit gewesen. Es blieb ihm nichts übrig, als Gesche wieder aufzusuchen, er mußte Hete sehen und wissen, mit wem sie gestern Hand in Hand gegangen, und wie es mit ihr nach dem Schrecken vom heutigen Morgen stehe.

Als er einige Schritte weit gekommen war, sah er ein Weib auf sich zu humpeln und erkannte, als sie das Regenlaken zurückschob, seine Botin, die Gemüsefrau.

»Sieh, Gesche, bist du's? Sprich, kannst du mir helfen, die liebste Jungfer Korbelin zu sehen?« flüsterte er, sich zur Alten neigend.

»Das Kindlein mocht' es erst nicht thun, war bange vor dem Meister, der schlimm ist,« tuschelte das Weib. »Als er aber samt dem Cellischen Herrn zum Abendtrunk in die Gildestube ging, von wo sie heute gewiß nicht früh heimkehren, hat das Heteke die Muhme gebeten, einen Sprung nach der Freundin machen zu dürfen. Fieke hat's erst nicht gewollt, dann aber gelitten und so ist die Jungfer eben nach Mine Soltau geschlüpft, allwo der feine Junker sie finden kann.«

»Dank Gesche, Dank!« murmelte er, schob ihr rasch ein Geldstück zu und eilte quer über den Markt davon.

Andreas Soltau hatte des festlichen Tages halber eingewilligt, seinen Schwager Johannes Stern in dessen Zechstüblein zu begleiten. Er that es nicht oft und nicht gern, die Neigungen des verwachsenen Denkers lagen nach ganz anderen Richtungen, aber er war noch zu jung, um nicht mit einer gewissen zaghaften Beschämung sich von dem Üblichen auszuschließen und sich unverhohlen als Sonderling zu bekennen. So küßte er denn seine Schwester, die im Garten mit einem kleinen Zicklein spielte, zum Abschiede und ging widerwillig fort.

Als Andreas das Haus verlassen hatte, kam die Magd heran und bat, ob sie nur noch einmal auf den Markt dürfe, wo wohl manche der schönen Ritter und Herren vom Rathausschmause herabkommen würden, sie sehe den Staat der herrlichen Gewänder und Ehrenketten für ihr Leben gern. Mine hatte nichts dagegen, daß Lotte gehe, und die Alte trippelte, so rasch sie konnte, davon.

Wenige Minuten später huschte eine schlanke Gestalt, züchtig das große Tuch über den Kopf geschlagen, durch die Gasse hinter der roten Mauer und schlüpfte in Soltaus Gartenpforte.

»O Hete, liebe Hete, wie schön, daß du kommst!« rief Mine mit all' ihrer süßen Freundlichkeit und schlang beide Arme um die Größere, zog ihr das Kopftuch herunter und küßte sie herzlich. »Sieh, ich bin ganz allein – es glänzte etwas wie Befriedigung in Hetes dunklen Augen auf. »Andreas und Lotte sind beide fort und ich habe dich ja so lange nicht gesehen!«

»Vater ist auch aus und Fieke ließ mich gehen. Ach, es ist vielleicht Unrecht, daß ich komme, aber es soll auch nur dies eine Mal sein.«

»Unrecht? Was meinst du?«

Sie umfaßten sich und schlenderten miteinander den langen Weg an der Mauer auf und ab, das weiße Zicklein sprang um sie her. Hete bekannte nun, wie schwer ihr Herz sei. Ihr Vater hatte sie nach des Bürgermeisters Besuch vorgenommen, und ihr anbefohlen, Franz Töbing, wo sie könne, aus dem Wege zu gehen. Und dann wäre ihr Vater sehr böse geworden, als sie den Junker gestern auf dem Walle getroffen, obwohl sie doch ganz unschuldig an der zufälligen Begegnung gewesen sei. Und sie merke es recht gut, gegen den Schreiber Tobias Bussen solle sie freundlich sein, aber das könne sie nicht, den möge sie gar nicht. Dann erzählte sie von dem Vorfall heute Morgen auf dem Markte. Fieke sei mit ihr und den Kindern hingegangen, da sie »Ihn« in der Pracht des Aufzugs gar zu gern habe sehen wollen. Ein Glück, daß ihr Vater nicht wisse, daß der Junker es gewesen, der sie aufgehoben. Sie habe sich immer geschämt, wenn sie nachher wieder daran gedacht und habe es doch den ganzen Tag thun müssen. Und nun solle ihre herzallerliebste Seutemine nicht böse werden, wenn »Er« vielleicht herkomme. Sie müsse »Ihn« noch ein einzigmal sehen, es sei nur, um »Ihn« zu bitten, daß er thue, was ihr Vater wolle und ihr nicht mehr nachgehe, es sei ja doch alles umsonst.

Nach diesen Worten seufzte und weinte Hete und wurde zärtlich von Mine, die alles, was sie gehört hatte, merkwürdig schön und herzbewegend fand, getröstet.

Als sie sich dann wieder im Gehen umwandten, sahen sie die stattliche Gestalt Franz Töbings im bunten Festputz eben durch die Gartenpforte eintreten. Sein Auge glänzte hell auf, und er eilte den Mädchen, die beide freudig erschraken, raschen Schrittes entgegen.

»Die tugendsamen Jungfern seien alle beide freundlich begrüßt,« sagte er bewegten Tones, während sein Blick sich voll heißer Liebe auf Hetes zartes Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen richtete.

»Mein Bruder ist leider nicht zu Hause, Junker,« sagte Mine, welche sich geschickt in die Lage fand. »Wollet aber zu uns eintreten, es ist möglich, daß Andreas nicht allzu lange im Zechstüblein bleibt. Ihr wißt selbst, daß er nicht gern dort ist.«

Man hatte das Haus erreicht, Franz ging an Hedwigs Seite und sah sie, ohne zu sprechen, zärtlich an. Es war beiden wohlthuend, daß Mine etwas sagte, der Sinn ging ihnen aber nicht ein.

Jetzt befanden sie sich alle drei im Wohnzimmer und dann war die gute Mine mit schlauem Lächeln leise hinaus geschlüpft.

»Hete!« sagte Franz Töbing aus tiefster Brust und mit einem erleichternden Atemzuge. Er legte die Arme fest und fester um sie, und sie ließ für einen Augenblick das Köpfchen an seine stark arbeitende Brust sinken. »Hete, meine Hete, sie wollen dich mir nehmen. Keiner gönnt uns unser Glück. Aber ich lasse dich nicht, Heteke, wir gehören zusammen, mögen auch alle Väter und Sülfmeister dagegen schreien. Höre nicht darauf, Hete. Unnatur will uns trennen, Naturtrieb zieht uns zueinander, du, mein süßes Lieb. Ist es nicht so? Sprich', Kind, sag' es mir auch, daß du es fühlst, wie fest wir zueinander gehören.«

»Viellieber Junker,« flüsterte das Mädchen und senkte mit großer Innigkeit ihren strahlenden Blick in den seinen. Er küßte ihr Augen, Stirn und Mund, sie wand sich sachte los, und er ließ sie, um sich neben sie auf die braune Holzbank zu setzen, die längs der Wand hinlief. Hier legte er den Arm um sie, und sie plauderten.

Der Väter Einrede, die Begegnung auf dem Walle, die Zudringlichkeit des herzoglichen Schreibers, das heutige Begebnis auf dem Markte, alles, alles, kam zwischen ihnen zur Sprache.

»Und nun, Heteke, gelobe mir, daß du zu mir halten und dereinst mein Weib werden willst,« sagte er endlich und zog sie fester an sich.

Sie seufzte tief und wehrte seine Liebkosungen ab. »Es ist ja nicht möglich, Junker. Ich bin ja nur hier, um Euch zum Guten zu sprechen. Seid nicht bös und wild meinetwegen. Es soll einmal nicht sein, daß wir zusammenkommen.«

»Und das sagst du so ruhig, als wär' es dir recht?« fuhr er auf.

»O, wie könnt Ihr das denken, aber ich sehe kein gutes Ende!«

»Erzwingen will ich's, und sollt' ich mit Aufruhr und Gewalt ihre Satzungen zusammenreißen.«

»Das dürft Ihr nicht. Ihr stürzt Euch in Ungemach; o, wie kann ich Euch den Gehorsam gegen Eure Eltern lehren.«

Er sprang empor. »Der Gehorsam soll ein Ende haben. Mag geschehen, was will. Rauben sie dich mir, so kenne ich keine Bedenken mehr. In Zorn und Rachsucht bäumt sich meine ganze Seele auf. Sie sollen sich hüten, mich zum Äußersten zu treiben.« – Hete faltete die Hände im Schoß und sah voll Bangigkeit zu ihm empor.

In diesem Augenblick wurde die Stubenthür aufgestoßen und in derselben erschien das erhitzte Gesicht der Muhme Fieke, dahinter die händeringende Mine.

Hete flog empor, dunkel erglühend und erbebend blieb sie wie angewurzelt stehen.

»Unglückliches Kind,« keuchte die Alte – »also doch mit deinem Buhlen.«

»Was wollt Ihr meiner Braut?« rief Franz Töbing und legte den Arm um die vor Beschämung Schwankende.

»Hete soll schnell kommen – Korbelin ist da – er tobt im Hause umher nach dem Mädchen. Ich bin heimlich weggesprungen – lauf, Hete – lauf!«

Vergebens war des Junkers Bitten und Halten. Das Mädchen riß sich los, warf ihr Tuch über den Kopf und dann stürzten beide Frauen durch die dämmerige Gasse von dannen.

Franz Töbing stand und schaute ihnen nach. Wilde Gefühle durchtobten seine Brust. Sein, ihm gehörig war sie, ihm ins Herz gewachsen. Mit allen Fasern seines heißesten Empfindens, seines stärksten Wollens hing er an ihr. Und doch stand sie unter anderer Gewalt und war ihm unerreichbar. Seine stolze eigenwillige Seele bäumte sich hoch dagegen auf.

»Was kann ich für sie thun – ich muß etwas für sie thun,« sprach er zu sich selbst. »Halt, ich gehe und strafe Lude Elver ab. Daß er es wagte, mein süßes Kind mit seinem Fuße zu berühren, ist eine Unthat, die er mir büßen soll! Lude, ich werde dich züchtigen, Lude, du sollst meine Fäuste fühlen!« Er schwenkte drohend seine starken Arme und schritt nach dem Markte zu davon.

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