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In seinen Fußstapfen

Auguste von der Decken: In seinen Fußstapfen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleIn seinen Fußstapfen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1891
isbn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectid90b9b182
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Erstes Kapitel.

Die frühe Dämmerung eines schwülen Gewitterabends war über der alten Hansastadt Lüneburg hereingebrochen. Graues Gewölk hing regenschwer herab, nur vom Licht zuckenden Wetterleuchtens erhellt. Manchmal schien auch dumpfes Rollen und Grollen herüberzutönen, doch mochte das Gewitter noch fern sein. Einzelne lauwarme Tropfen wurden von dem durstigen Staube der Straßen rasch aufgesogen. Hier und da standen nach Kühlung lechzende Menschen vor den Thüren, saßen auf den Bänken oder lagen in den Fenstern der Ausluchten, sie riefen sich ihre Befürchtungen wegen drohenden Wetters zu, oder hofften auf Erleichterung von der sengenden Glut der letzten Tage.

Plötzlich prasselte, trotz aller Erwartung mit erschreckender Hast, ein gewaltiger Regen herunter und scheuchte die Ausschauenden in den Schutz ihrer Häuser zurück. Das Wetterleuchten zuckte stärker um die hochragenden Giebel und die Ausflüsse der Dachrinnen, die über den Bürgersteig hinausreichenden Drachenköpfe der Wasserspeier, gossen ihren Inhalt auf die Mitte der düstern Straßen.

Fast schien es, als habe der eilige Wanderer, welcher dicht an den Häusern hinglitt und sich scheu nach jedem Nahenden umsah, diesen Augenblick benutzt, der die Straße von lästigen Zeugen seines abendlichen Ganges befreite, um Heimliches ins Werk zu setzen.

Der hastig Zuschreitende war in einen langen Mantel gehüllt, ein herabhängender Schlapphut deckte seinen Kopf, allein beides diente vielleicht mehr als bergende Hülle, denn als Schutz gegen das Wetter. Der Mann war zu jugendlich schlank, zu geschmeidig und beweglich, als daß man ihm Fürsorge gegen einen warmen Gewitterregen hätte zutrauen können.

Jetzt bog er in die düster und einsam daliegende Koltmannsgasse, die, teilweise an Gärten und Hinterhäusern herlaufend, jeglichem geheimen Unterfangen günstig sein mochte. Nach flüchtigem Umschauen schwang sich der Wanderer über eine Gartenmauer, durchkreuzte, offenbar genau mit der Örtlichkeit bekannt, ein von Rosenduft erfülltes Gärtchen, gelangte an eine Planke, überstieg auch diese, duckte sich vorsichtig in den Schatten und sah sich um. Er befand sich jetzt auf einem geräumigen Hofplatze, der jedoch von Tonnen, Brennholzhaufen und mancherlei Gerät beschränkt wurde. Zur Seite lag auch hier ein Gartenfleck. Ein voll blühender weißer Rosenstrauch jagte dem Spähenden jähen Schrecken ein, doch er erkannte seinen Irrtum und lachte halblaut vor sich hin. Vorsichtig wagte er einige Schritte und stand dann neben aufgeschichteten leeren Bierfässern, von wo aus er die Umgebung noch besser übersehen konnte. Das Haupthaus mit der weit offenen großen Hinterthür, aus der ein heißer Brodem weiß und süßduftend in die Dunkelheit herausquoll, lag gerade vor ihm. Zur Linken befand sich die Malzdarre und der andere Braukessel, er sah hier durch offene Thüren und Laden Lichtschein und arbeitende Männer. Einer sang den alten Gewittersegen.

Die Hauptaufmerksamkeit des Lauschenden richtete sich indes auf den an das Gärtchen stoßenden, ihm zur Rechten liegenden Flügel des Vorderhauses. Wenige Schritte von demselben entfernt war Holz aufgeschichtet, und die Wahrnehmung, daß dieser bergende Haufen sich noch am selben Flecke wie vor wenigen Tagen befinde, erfüllte das ungestüm klopfende Herz des Verborgenen mit Genugthuung. Ein paar rasche Schritte brachten ihn zwischen den Holzstoß und das Haus. Schwacher Lichtschein drang durch die grünlichen bleigefaßten Scheiben eines Fensters. Hier war das Hinterstüblein für die Frauen ein stiller Sammelplatz derselben nach gethaner Arbeit.

Als der Kommende sein Auge dem trüben Glase näherte, gewahrte er mit Befriedigung, daß nur zwei Personen im Gemach seien. Drüben am Tische neben dem breiten Kachelofen saß mit dem Rücken nach dem Fenster eine alte Frau; sie sang mit zittriger Stimme ein Abendlied, es war des Brauers Korbelin alte Base Fieke, die Mutterstelle an den Kindern vertrat. Doch nur flüchtig war sein Blick über das gebückte Mütterchen hingeglitten, eine schlanke, junge Gestalt, die unweit davon am Spinnrade saß, nahm all seine Aufmerksamkeit gefangen. Sie war's die ihm Herz und Gedanken erfüllte. Er pochte mit leisem Finger an das klirrende Fenster. Das Mädchen hob den Kopf, schob das Rad zurück und stand auf. Es kam, scheu nach der Alten umblickend, ans Fenster und öffnete dasselbe.

»Was willst Du, Hete?« fragte Fieke, ihr Lied unterbrechend.

»Ist hier drinnen arg heiß,« Frau Base.

»Soll nicht taugen, Luft zu machen, wenn's gewittert, zieht den Blitzschaden an.«

»Das Wetter läßt nach.«

Wir preisen dich, du starker Gott,
Du hilfst uns treu aus jeder Not,

kneterte die Alte inbrünstig.

»Was waget Ihr wieder, Junker,« flüsterte das Mädchen am Fenster.

»Kommt heraus, vielliebe Jungfer Hedwig. Der Regen hört auf. Ist allhier und im Gärtlein frisch und mollig. Konnt's nicht mehr ausstehen ohne Euch, Hete!«

»Geht, Junker, ich darf nicht. Wenn's Einer sähe!«

»Ich würde sagen, sie ist meine Braut, und keinen geht's an, als uns beide allein.«

»Wie Ihr wieder sprecht, Franz Töbing, Ihr erschreckt mich.« Er hatte sich ihrer kleinen warmen Hand bemächtigt, die in der seinen wie ein gefangenes Vögelein zitterte.

Behüt uns Herr vor Sünd' und Schand.
Und übe Gnad' an Stadt und Land,

sang Fieke langsam.

Auf sein dringendes Zureden und beunruhigt von dem Gedanken, die Base könne sich umwenden, oder es könne jemand hereingetreten, gab sie nach und verließ leisen Schrittes die Stube. Gleich darauf sah er sie aus den weißen Dampfwolken des Braudunstes, die aus der Hinterthür des Hauses qualmten, hervortreten. Ihm schien's plötzlich, als werde sie ihm in Wolken entführt. Ein Schmerz packte ihn und er stürzte auf sie zu, um sie zu halten. Sie stieß einen leisen Schrei des Schreckens aus, als er sich so weit vorwagte und den verborgenen Stand hinter dem Holzstoße verließ.

»Geht, geht, laßt mich,« stammelte sie.

»Komm,« sagte er herrisch, umfaßte sie und trug sie fast gewaltsam mit sich fort. »Weißt nicht, du Süße,« flüsterte er, seine Lippen auf ihre Stirn neigend, »wie's in mir nach dir schreit – wie ich nicht sein mag ohne dich – o du meine herzliebe Hete!«

Sie standen jetzt nebeneinander bei dem weißen Rosenstock im Gärtchen. Der Regen hatte ganz nachgelassen, es war frischer geworden, aber noch immer herrschte eine gewitterschwere Luft. Am trüben Himmel begann es wiederum zu wetterleuchten.

Er preßte die schwach Widerstrebende an sich, und beschwor ihr mit heißen, leidenschaftlichen Worten seine Liebe. Ihn dürstete danach, von ihr ähnliches zu hören, sie aber antwortete auf sein Drängen:

»Ihr wißt ja doch, lieber Junker, daß alles umsonst ist. Ihr seid des hochmögenden Herrn Bürgermeisters Einziger, und ich bin Brauer Korbelins Kind, das geht nicht. Euer wertester Herr Vater leidet's nicht und mein Vater ist auch hart und gestreng, der bittet keinen, mich zu nehmen.«

Sie hatte mit ihrer schlichten Einrede so durchaus recht, daß er nichts als Versicherungen seiner Liebe, seiner Treue und des festen Willens sie, trotz allem und allem zu besitzen, erwidern konnte.

Dann sahen sie den Kopf der Base aus dem offenen Fenster herausfahren. Die Alte spähte nach beiden Seiten im Dunkel umher und rief dabei einmal über das andere: »He–te – He–te – Heteke!«

Das Mädchen riß sich von ihm los und flüchtete ins Haus. Er knirschte, als er sie fliehen sah: »Warum hab ich kein Recht – keine Macht? Ich will's! Und wäre die ganze Stadt gegen mich,« Er stampfte heftig auf und wandte sich zum Gehen, wußte er doch, daß heute nicht mehr daran zu denken sei, sie wieder zu sehen.

Korbelins Brauhaus in der Bardowikerstraße hatte vorn zu beiden Seiten der Hausthüre Vorbaue, in denen man eines freien Ausblicks genoß. Dieselben gehörten zu den Gaststuben, hier versammelten sich zur Linken der großen Hausdiele die Herren, zur Rechten Gewerksleute, Fremde und Knechte: Korbelins Bier war beliebt, aber noch ein anderer verborgener Grund füllte schon seit einiger Zeit die Herrenstube mit den Söhnen der Patricier.

Franz Töbing, der Keckste und Munterste der Sülzjunker der Stadt, er, dem alle anderen zuliefen und in Lust und Übermut folgten, verlangte im stillen danach, mit ihr, für die er in heimlicher Leidenschaft glühte, wenigstens unter einem Dache zu sein, und suchte also seine Freunde hierher zu ziehen. Mochte es ihm doch auch beim Kommen oder Gehen glücken, die schlanke Hete über die dunsterfüllte Diele huschen zu sehen. Er konnte sie so schwer erreichen, da freute ihn schon die flüchtigste Begegnung mit ihr. Die sittige Maid rührte sich thätig im Hauswesen, im übrigen war sie an das Hofstüblein gebunden. Auf dem Rathause oder im Schütting, wo die Familientänze der Geschlechter gehalten wurden, war des Brauers Töchterlein nicht zu finden. Franz hatte das Mädchen bei einem wunderlichen Freunde entdeckt, mit dessen Schwester die Hete verkehrte. Allein wie selten durfte sie zu Mine Soltau gehen? Wäre Franz nicht ein wagehalsiger Scherumnichts gewesen, der als verzogener Bursche nach eigenem Sinn zu handeln liebte, so würde er sicherlich mit dem zaghaften Heteke nie so weit gekommen sein. Er aber setzte seine Sache auf nichts, wenn er sie nur sehen konnte.

Die hochmögenden Väter der Stadt, die Regierenden vom Rat, die Sülfmeister und ihre Vetternschaft verkehrten hauptsächlich im Ratskeller. Sie fanden an Stammtischen ihre gewöhnlichen Plätze samt würdiger Gesellschaft, in der sie miteinander tranken, stritten, liebten und haßten.

Die ungebundene Jugend aber ging allezeit gern ihren eigenen Weg und siedelte sich, flüchtig und veränderlich gesinnt, bald hier, bald da an, meistens indes da, wo es ihrem derzeitigen Führer gefiel, sie hinzulocken.

Die Zechstuben bildeten einen festen Verband aller derer, die nach Alter und Stand zusammen gehörten und kein Fremder durfte sich ungeladen eindrängen.

Franz Töbing lehnte noch eine Weile in der Koltmannsgasse an der eben überstiegenen Gartenmauer. Er fühlte sich im Innersten ergriffen und schlang die Arme – in denen er sie gehalten – fest über der Brust zusammen, um Jauchzen und Sehnen zurückzudrängen.

War sein heißes Begehren einer ehelichen Verbindung mit der Brauerstochter auch gegen jede seit alters hergebrachte und unerschütterliche Ordnung der Stadt, er dachte seinen Willen durchzusetzen. Ihm war seit Kindesbeinen nie ein Wunsch versagt, er wollte sich erst seiner zärtlichen Mutter anvertrauen und dann trotzig vor seinen gestrengen Vater hintreten. Hete war ja so fromm und tugendsam. Was fehlte ihr an Vorzügen? Ja, sie konnte sich getrost mit allen Patricierstöchtern messen! Wenn seine Eltern sie nur kennten, würden sie ihm gewiß recht geben.

Schwer nur raffte er sich aus solchem oft gehegten Gedankengange empor, um Korbelins Bierstube aufzusuchen, wo er des Abends mit den Genossen zusammen zu treffen pflegte.

Der Gewitterhimmel hatte sich geklärt, dann und wann lugte der halbe Mond aus verflatterndem Gewölk hervor und warf Streifen plötzlichen Lichtes in die naß und blank glitzernden Straßen. Franz kannte seinen kurzen Weg genau, der ihn um zwei Straßenecken auf die vordere Seite des eben verlassenen Anwesens bringen sollte. Ohne sonderlich Obacht zu geben, schlenderte er fürbaß und stieß, als er in die Bardowikerstraße biegen wollte, mit einem ihm begegnenden langen Gesellen fast zusammen. Obwohl er nicht schreckhaft geartet war, durchzuckte ihn jetzt doch etwas derartiges, als der Dunkle und Dürre gegen ihn lief.

Der Mond warf eben sein wechselndes Licht auf die Gestalt des anderen. Es war ein Mann in soldatischer Tracht. Von seinem breitkrämpigen, zurückgeschobenen Hut fiel eine dünne Feder wie der Zweig einer Trauerweide herab. Ein weißer Kragen legte sich auf den dunklen Rock, den ein lose hängender Mantel halb bedeckte. Der lange Degen mit breitem Handkorb, der am Lederbandelier nachschleppte, schlug klirrend gegen die Sporen der hohen Stulpenstiefel.

Franz Töbing erkannte sein Gegenüber. Er hatte den Mann in demselben Hause gesehen, wo er Hedwig Korbelin zuerst erschaut. Ein Feldhauptmann war's, der auf den Wunsch des Rats jüngst nach Lüneburg gekommen. Der Kriegsmann wollte die von ihm angeworbene Kompanie in den Dienst der Stadt geben und befand sich, um darüber zu unterhandeln, in Lüneburg.

»Ach, Herr David Stern, Ihr seid's,« sagte Franz, jetzt ganz aus seiner träumerischen Zerstreutheit zu sich gekommen.

»Seid gegrüßt, Junker Töbing.«

»Wohin des Wegs? Geht's heimwärts? Ich weiß, Ihr habt hier eine verwandte Sippe.«

»Ja, ich wohne in dem frommen Hause meines Bruders.«

Die unklare Vorstellung eines Zusammenhangs mit dem Mädchen, von dem Töbings ganzes Herz erfüllt war, lieh dem Fremden in den Augen des Verliebten etwas Vertrautes, so daß er sich von Wohlwollen und Wärme durchströmt fühlte. Er hatte David ebenda kennen gelernt, wo er mit ihr zusammen getroffen, das war's. Außerdem mischte sich noch unbewußter eine andere Empfindung ein. Er wollte den Vorurteilen und Gesetzen seines Kreises Trotz bieten. Er glaubte die Macht zu haben, es zu können. Daß er den Söldling des Rats, den Bruder eines Handwerkers der Stadt, nicht in die Genossenschaft der Junker führen dürfe, wußte er genau, aber wer wollte es ihm verwehren, wenn er's doch that? Und wenn er am Althergebrachten zu rütteln dachte, warum nicht gleich und hier damit anfangen? Er war ganz in der Laune, es mit aller Welt aufzunehmen.

»So Ihr nicht erwartet werdet, Hauptmann Stern, kommt mit mir und trinkt ein Schöpplein unter den Junkern der Stadt auf gutes Abkommen mit dem Rat.«

»Bin mir der Ehre bewußt, deren Ihr mich würdigt, edler Junker,« sagte der Geladene ungewissen Tons, er entsann sich trotz langer Abwesenheit noch sehr wohl der strengen Sitte seiner Vaterstadt, die alle Stände genau sonderte. »Allein falls Ihr Ungelegenheiten hättet« –

Franz brauste auf: »wessen ich mich unterfange, das verantworte ich auch! Soll mir keiner meinen Gast verunglimpfen, kommt.«

Sterns hagere Gestalt neigte sich mit dem steif gegebenen Zeichen der Zustimmung. Wo er eben um einen guten Platz für sich und die Seinen bei der Stadt unterhandelte, lag ihm nichts an einem Streit mit den Söhnen derselben. Er war aber auch nicht der Mann, sich um die Möglichkeit einer Rauferei zu drücken. Vielleicht besaß Franz Töbing die Macht, deren er sich berühmte. Und dann war es für ihn vorteilhaft, wenn er sich in der Junker Genossenschaft einnisten konnte.

So gingen sie miteinander die wenigen Schritte bis zu Korbelins Hause. Schon unten hörten sie, in der aufgetreppten Herrenstube zur Linken, lautes Treiben und Lärmen.

»Da giebt's etwas!« rief Franz seinem Begleiter zu, indem er diesem voran, die Treppenstufen zur Gaststube mit einem Satz überspringend, die Thür aufriß und vom andern gefolgt eintrat.

Es herrschte ersichtlich unter den Anwesenden eine große Erregung. Zwei Tische, an deren Seiten Bänke herliefen, standen in dem niedrigen Gemach mit der starken Balkendecke, in welchem schwerer Gewitter- und Bierdunst lag. Auf jedem der Tische brannte eine doppelarmige kupferne Lampe mit qualmendem Docht und beleuchtete eine Menge erhitzter junger Gesichter und viele Bierkrüge. Von den Versammelten saßen nur wenige, sie standen zu zweien und dreien oder lehnten sich in lebhaftem Wortwechsel über den Tisch; es schien, als sprächen sie alle zu gleicher Zeit.

Franz, dessen Kommen nicht sofort bemerkt wurde, winkte dem Stubenknecht, der im Hintergrunde beim aufgelegten Faß stand und bestellte für sich und den Gast Bier. Jetzt wurde man seines Eintritts gewahr.

»Ah Töbing! – Sieh Franz, weißt du's schon? – Große Kunde aus Celle! – Er will uns beehren! – Na, Franz hat's von seinem Herrn Vater gewiß längst gehört! Wir reden von den Festivitäten, die bevorstehen.« – So tönte es von allen Seiten ihm entgegen.

»Wer will kommen? So sprecht doch vernünftig!« rief der Eintretende ungeduldig.

»Der Herzog! – Unser Herzog! – Herzog Christian von Celle und da giebts Festlichkeiten!«

»Endlich soll also die Huldigung vor sich gehen?«

»Was ist's weiter?« erwiderte Franz ohne sonderliche Erregung. »Der Bruder des Herzogs ist schon im März gestorben, es versteht sich von selbst, daß der Nachfolger im Sommer herkommt, seine erste Stadt zu begrüßen und sich huldigen zu lassen.«

»Sich huldigen lassen, eigentlich kaum,« sagte Lude Elver, der Sohn eines anderen Bürgermeisters hochmütig. »Denn es fragt sich, wer huldigt. Ich meine immer, er huldigt der Stadt, bestätigt ihre Briefe, Rechte, Freiheiten und Privilegien und die Stadt thut ihm dafür den Willen, seine Landesherrlichkeit, die eigentlich Ärmlichkeit ist, gnädigst zu souteniren.«

»Na, Lude, reitest ja auf hohem Pferde,« warf der muntere Schorse von Dassel lachend ein.

»Lude sagt, wie's ist; unsere Stadt hat Hoheitsrechte,« erklärte Garlop.

»Das hat sie,« bekräftigte Johann Saukenstedt, der junge Doktor des römischen Rechts, der kürzlich als Consiliarius des wirklichen Syndikus angestellt worden war. »Der Stadt Lüneburg Unterwerfung ist keine subjectio simplex, sondern eine durch Kontrakte modifizierte, privilegierte und konditionierte. Anders ist sie nicht unterthan. Sothane Verpflichtungen sind von allen Herzögen anerkannt.

»Haben im Fürstenhaus nicht Küche noch Herd, falls sie hier wohnen wollen,« spöttelte Elver. »Aus der Rathausküche wird ihnen sechs Tage die Kost gesandt, länger dürfen sie sonder Zustimmung nicht bei uns bleiben. Ist schlau gemacht von unsern Herrn Vätern, auf daß die Herzöge sich nie einbilden, sie könnten hier Hof halten.«

»Wenn Ihre fürstlichen Gnaden aber kommen, freut sich die Stadt doch in aller Unterthänigkeit,« sagte Jürgen Borghalt.

Es war nicht sowohl abfällige Meinung als unwirscher Widerspruchsgeist, der Franz Töbing auffahren ließ. »Unser Herr Herzog ist er doch, und mit gebührender Ehrfurcht müssen wir ihn trotz aller Eurer hochmütigen Widerrede empfangen.«

»Jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat,« ertönte plötzlich eine laute, trockene Stimme, die vielen unbekannt war. Und jetzt zuerst bemerkten die jungen Leute einen hageren Mann, in feldmäßiger Tracht, der halb hinter Töbing gestanden hatte, nun aber hervorgetreten war.

»Wen hast du da? – Wen bringst du mit, Franz! Ah, der Stern ist's!« so riefen die Versammelten erstaunt.

»Es ist mein Gast, der Feldhauptmann David Stern,« erwiderte Töbing bestimmt und herrisch.

»Ja, der Söldlinge Führer, so mit dem Rat um seiner Kompanie Löhnung feilscht,« sagte Doktor Johann Saukenstedt nichtachtend.

»Ist er nicht ein Bruder des Buchdruckers Stern am Sande? Einer aus den Gewerken?«

»Gewiß, der Stadt Kind, das Sitten und Bräuche Lüneburgs kennen sollte.«

»Wie kommt der unter uns!« rief Lude Elver und richtete seine kleine dicke Gestalt hoch hinter dem Tische auf.

»Ich sagte es Euch, ich brachte ihn mit!« antwortete Töbing noch lauter und trat Elver trotzig gegenüber!

»So laßt ihn doch; was macht's, wenn er einmal mit uns trinkt?« meinte Schorse Dassel gutmütig.

»Wir leiden keine Abwendlichkeit vom Hergebrachten!«

»Wir stehen auf unsern Satzungen.«

»Will Töbing uns hier neumodischen Kram beibringen?«

»Laß ihn gehen, Franz, er paßt uns nicht!«

»Ist dem gemeinen Wesen nicht dienlich, Herren und Knechte zu mengen,« – also schwirrte es durcheinander und reizte den erregten Jüngling, der geglaubt, nach seinem Sinne verfahren zu können, zu heftigem Widerspruch.

»Wie Ihr Euch aufblast!« spottete er, »wer seid Ihr denn? Ihr wolltet mir Vorschriften machen? Weiß allein, was ziemlich, und wer mir gut genug ist, soll's Euch auch sein!«

»Wollet Euch meinethalben nicht erzürnen, geehrte Herren und Junker,« besänftigte der Eindringling, dem vor allem an einem günstigen Abschluß seiner Geschäfte gelegen war und wandte sich zum Gehen.

»Bleibt, David Stern!« herrschte sein Gastfreund ihm zu. »Sie sollen uns hier dulden! Will doch sehen, wer meines Vaters Sohn hier die Thür weist und wer sich weigert, mit mir und meinem Gast zu trinken. Ihr und ich sind eins, Hauptmann. Stoß mit uns an, Lude Elver!«

Er hatte seinen Schoppen ergriffen und streckte denselben seinem Gegenüber entgegen. Elver aber wandte sich verächtlich ab. »Mit 'nem halben Mann stoß' ich so wie so nicht an,« murrte er.

Garlop lachte. »Das war gut gedient auf seine närrische Partnerschaft.«

Töbing stieß sein Trinkgefäß auf den Tisch, das Bier spritzte heraus und floß ihm über die Rechte, er achtete es nicht. Er hob die beiden geballten Fäuste. »Bin halb noch Mannes genug, dich Knirps niederzuschlagen, wenn du mir nicht Bescheid thust.«

»Laßt ab, Junker, ein zorniger Mann richtet Hader an, ein Geduldiger aber stillet den Zank;« raunte Stern dem Aufbrausenden zu, »will mich nicht eindrängen.«

»Komm herein, Lude Elver, haben unsere Kräfte lange nicht gemessen. Am Palmsonntag vor drei Jahren hab ich dich zuletzt durchgewalkt, mir däucht, es mag wieder an der Zeit sein!«

Die nächsten Freunde der beiden Streitenden hatten sich um die Erbosten gesammelt und sie zu beschwichtigen versucht. Man redete besonders Franz Töbing von allen Seiten besänftigend zu, allein es zeigte sich doch dabei, daß man sein Wagniß der Einführung des nicht Hergehörigen verurteilte.

»Mach doch keinen Streit unter uns, Franz,« hieß es. – Gegen dich hat keiner was einzuwenden. – Daß wir einen, der drüben in der Gesindekammer trinken muß, nicht hier wollen, weißt du. – Laß den Langen seiner Wege gehen, dann giebt's wieder glatte Ordnung in der Herrenstube.«

Nur schwer gelang es dem gütlichen Zureden, das erregte Gemüt Töbings zu beruhigen. Er blieb dabei, er komme und gehe mit seinem Gast; als man sich aber nach diesem umsah, hatte der hagere Landsknechtsführer schon still die Schänkstube verlassen.

Alles lachte über die Täuschung des Streitenden, der sich plötzlich Grund und Boden unter den Füßen weggezogen sah und kaum umhin konnte, selbst mitzulachen. Nach einiger Zeit war das gute Einvernehmen so weit hergestellt, daß die Freunde und Kampfhähne aus der Kinderzeit, Franz und Lude, sich die Hände reichten. Man nahm wieder am Tische Platz, redete von den bevorstehenden Festlichkeiten, ob wohl auch die Junker zur großen Gasterei zugezogen würden, und wer von ihnen den weißen Hengst und den silbernen Pokal zur Huldigung werde darbringen dürfen. So vertiefte man sich aufs neue in einen lebhaften Meinungstausch, über das, was eigentlich bei der Herzogsfeier geschehen solle, oder altem Herkommen nach geschehen müsse.

Erst als der Nachtwächter den Abendsegen abrief, schied man von den gewohnten Plätzen. Franz stand noch eine Weile mit Schorse Dassel sprechend auf der Hausdiele und spähte hin und her, aber keine Hete ließ sich sehen.

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