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In seinen Fußstapfen

Auguste von der Decken: In seinen Fußstapfen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleIn seinen Fußstapfen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1891
isbn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectid90b9b182
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Neunzehntes Kapitel.

Im Laufe des Winters hatte der Lüneburger Rat vergeblich alle nur möglichen gütlichen Versuche gemacht, sich der schwedischen Besatzung zu entledigen. Man hatte an Banner geschickt, aber die Antwort war, die Kriegszustände seien noch nicht danach, die Stadt frei zu geben. Gegen das Frühjahr brauchte der schwedische Obergeneral gediente Truppen und ließ sich daher die Hälfte des Stammerschen Regiments; jedoch ohne den Oberst, nachkommen. Es war dies eine Erleichterung, aber immer noch keine Befreiung.

Der Kurfürst von Brandenburg hatte geantwortet, die Armee seines Generals Klitzing würde Lüneburg zu Hilfe eilen, doch sei es nötig, daß die Stadt zu ihrer Sicherung nach Austreibung der Schweden, ein brandenburgisches Regiment als Garnison behalte.

Auch an Kursachsen hatten sich die Väter der Stadt in ihrer Ratlosigkeit gewandt und die freundliche Entgegnung erhalten, der General von Vitzthum solle Lüneburg baldthunlichst Hilfe gegen die Schweden bringen, die Stadt werde natürlich dafür ein kursächsisches Regiment einnehmen. Somit hatte der Rat in seinem Ungeschick sich drei Herren, statt des einen aufgeladen. Um nicht aus dem Regen in die Traufe zu geraten, mußten eilige Boten versuchen, Brandenburger und Kursachsen höflichst abzuwehren. Ob es aber gelingen würde, stand dahin; eine Stadt, die für reich und fest galt, erschien für jegliche Macht in dieser Zeit als ein Gewinn und die Wiederbefreiung von einer Garnison, die sich festgesetzt hatte, hielt unter allen Umständen schwer.

So war der unter Hoffen und Fürchten ersehnte Frühling des Jahres 1637 herangekommen.

Hans Stern war zweimal auf längere Zeit fern gewesen und hatte, wenn er heimkehrte, sich viel mit der »Getreuen Brüderschaft« und mancherlei aufreizenden Umtrieben beschäftigt. Die Versammlungen in der verlassenen Kirche wurden mit alter Heimlichkeit und Vorsicht wieder aufgenommen, denn man hatte jetzt die Späheraugen der Schweden zu fürchten. Neben all' diesen Sorgen und Geschäften hatte Hans die stille Freude, Hete in der Obhut der Seinen wohlgeborgen und unentdeckt zu sehen. Er hielt sich indes möglichst wenig zu Hause auf. Jegliche Begegnung mit seinem Vater, von dem er sich innerlich schroff geschieden fühlte, war ihm peinlich und einem freundlich unbefangenen Verkehr mit Hete mochte er sich auch nicht hingeben. Sah er sie in ihrem mädchenhaften Liebreiz neben seiner Mutter walten, so preßte sich ihm das Herz vor Weh zusammen, und er eilte fort, sich in die Arbeit zu stürzen, welche allein ihn von seiner inneren Not befreite. Mit Ursel kam er wenig in Berührung, beide Verlobte suchten sich nicht und Johannes Stern hatte anerkannt, daß bei der jetzigen Zeiten Not eine fröhliche Hochzeit nicht gefeiert werden könne.

Unter all' dem Drange der öffentlichen Zustände, deren Beschwerden Heinrich Stern treu mit den Seinen geteilt hatte, war sein heimliches Bestreben, Beate von Dassel wiederzusehen, immer dasselbe geblieben. Manchmal war ihm geglückt, was er ersehnte, manchmal hatte er wochenlang vergebens gehen, vergebens hoffen und harren müssen.

Eines Tages hatte Heinrich eine Bestellung bei Niklas Kröger auszurichten, der in der Nähe des Dasselschen Hauses wohnte. Heinrich war schon öfter bei diesem treuen Gehilfen gewesen, doch nie hatte er die Rückseite seines kleinen Hauses, an der Katzengasse, kennen gelernt. Heute bei dem linden Wetter saß der Hausvater mit den Seinigen im Hof unter einer eben neubelaubten Linde. Der Kommende setzte sich zu den freundlichen Leuten auf die Bank und plauderte mit ihnen.

»Ihr habt da einen prächtigen Garten zur Seite, Niklas,« sagte Heinrich, dem plötzlich eine Ahnung aufstieg und blickte nach dem hohen Hause hinüber, das gerade vor ihm lag. »Wem gehört der Garten? Ist das nicht des Senators von Dassel Haus?«

»Ganz recht, Heinrich, der Garten gehört dazu und beides ist Schorse Dassels Eigentum. Es ist recht hübsch für uns, hier gleich hinter der niedrigen Hecke die blühenden Bäume zu sehen.«

Heinrich verfiel in Nachdenken; als Kröger ihn vor die Hausthür begleitete, hatte der Verliebte seinen Entschluß gefaßt, er müßte sich dem alten Freunde anvertrauen. Wie ein stammelnder Knabe und über und über errötend, brachte er sein Geheimnis vor. Er berichtete, bei welchen Gelegenheiten er Beate gesehen – vor dem langjährigen Geschäftsführer seines Vaters brauchte er nichts zu verbergen – erzählte, wie er ihr seitdem nachgehe, daß sie voll Güte gegen ihn sei und daß der Gedanke, von Krögers Hof aus in Dassels Garten zu gelangen und die Geliebte vielleicht einmal wieder zu sprechen, ihn mit Wonne erfülle.

»Hilf mir dazu, mein guter alter Niklas,« bat der Erregte stürmisch. »Laß mich in deinem Hofe heimlich aus der Lauer liegen und halte mir neugierige Augen fern.«

Kröger nickte mir eigenem Schmunzeln: »Bin ja auch einmal jung gewesen!« Daneben drängte sich ihm die Erwägung auf, daß in dieser wüsten Zeit, in der seine Partei manche Bande zu sprengen, manche Grenze einzureißen hoffte, eine Verbindung zwischen dem jungen Gesellen und der Tochter des Senators vielleicht möglich und seiner Sache förderlich sein würde. Er versprach also, nach dem Mädchen, das er schon öfter allein im Garten gesehen, auszuschauen und Heinrich, wo er könne, Vorschub zu leisten.

Beate war schon seit längerer Zeit träumerisch und in sich gekehrt gewesen, sie hatte die Einsamkeit aufgesucht und die Ihrigen meinten, das Mädchen habe doch mehr an Christoph, ihrem ungetreuen Verlobten, gehangen, als man früher geglaubt. So geschah es alsbald, daß Beate auf dem Wege, der an Krögers Hecke entlang führte, allein und in Gedanken verloren, zur Dämmerzeit von Heinrich wahrgenommen wurde.

»Mit Verlaub, Jungfer Dasselin, darf ich guten Abend bieten?«

Das Mädchen schrak auf, blieb stehen und blickte den über die Hecke spähenden Heinrich unter dunklem Erröten an. Er erkundigte sich in geziemenden Worten, wie es ihr und den hochachtbaren Ihrigen in sothanen schweren Zeiten ergehe. Sie erwiderte, daß ihre ganze Sippe, Gott sei Lob, gesund sei und streifte dabei, mit niedergeschlagenen Augen und zuckender Hand, junge Blätter von einem Zweige.

»Ich habe mich immerdar,« hob er wieder an, »so ich Eurer von ferne ansichtig worden, werte Jungfer, ohnmaßen gesehnet ein freundlich Wörtlein in der Nähe mit Euch wechseln zu dürfen und würd' es Euch inniglich danken, wolltet Ihr gestatten –«

»Ihr sehet ja, daß ich Euch Rede stehe,« flüsterte sie.

»Lauscher und neugierige Augen sind vielleicht ringsum – dürfte ich nur – die Hecke überschreiten!«

Sie erschrak, schien zu kämpfen, dann hauchte sie, halb abgewandt, so leise, daß er's kaum hörte: »So Ihr es – besser – sicherer haltet – morgen;« sie eilte, wie erschrocken über ihre eigenen Worte, davon.

Welche Stunden der Unruhe folgten für beide dieser gewagten Verabredung! Sie wußten, daß man der Umwohnenden halber erst nach eingetretener Dämmerung zusammentreffen dürfe und ebensowohl, daß man sich in einem schattigen Laubengange halten müsse, der die Lustwandelnden jedem unberufenen Auge verbarg. Beide jungen Liebesleute wurden von heimlicher Ungeduld und Bangigkeit verzehrt, freilich war es auch etwas Großes, worauf sie sich einlassen wollten, aber die Hoffnung auf das ungestörte Wiedersehen überwog ihre Beklommenheit.

Beate stand im bergenden Schatten eines hohen Baumes, als Heinrich mit unterdrücktem Jubellaut auf sie zueilte.

»O Jungfer Beate, wie danke ich Euch diese Erlaubnis. Wie lange habe ich Eure liebe Nähe nicht empfunden! Wie schwer ist es mir geworden, Euren Anblick oft lange Zeit zu entbehren und wenn ich Euch sah, Euch nicht anreden zu dürfen –« sein Herz war übervoll, er mußte eine ganze Flut von Freude über sie ausschütten.

»Vielleicht ist es unrecht, daß ich gekommen bin,« sagte sie leise und zaghaft; »denkt nicht geringer von mir, weil ich hinter dem Rücken meiner Eltern Heimliches thue, aber –«

»Aber Euer mildes Gemüt, das keinen Menschen quälen mag, hatte Nachsicht mit mir. O Ihr Liebe, Süße, Gütige!« Er ergriff ihre beiden Hände und küßte sie freudig.

»Beate – Kind – bist du noch im Garten?« tönte des Senators fette Stimme vom Hause her. Wie der Wind huschte das Mädchen von dannen.

»Es ist spät, Mutter will sich zur Abendsuppe setzen, laß doch nicht auf dich warten,« hörte der ängstlich lauschende Heinrich den würdigen Herrn mahnen. So war es nur ein kurzes, aber doch hohes Glück gewesen, dies heißersehnte Wiedersehen. Und doch auch ein Beweis, daß sie, die er so sehr liebte, ihm gut war. Welch' ein »Vielleicht« ließ sich an diese kurzen Minuten knüpfen. O, er wollte täglich aufpassen, ob er sie nicht wiedersehen könne!

Und so geschah es in der That. Waren es auch immer nur wenige Augenblicke, die zwischen ihrer Zusammenkunft während der bergenden Dämmerung und der Abendbrotszeit in Beatens Hause lagen, so genügte diesen beiden jungen Herzen auch das flüchtigste Wiedersehen. Jedes Wort, das sie sich zuflüstern konnten, diente ihnen als lange anhaltendes Trostmittel und nährte ihre schönsten Hoffnungen für die Zukunft. Geselligkeit gab es, selbst für die ersten Familien, in dieser harten Zeit des Schwedenregiments gar nicht in der Stadt, daher verließen Beatens Eltern abends nie das Haus und so fand sich für das junge Paar keine Gelegenheit, länger und unbeschränkter zusammen zu treffen.

Hans Stern hatte sich mittlerweile eines starken und entschlossenen Anhangs unter der »Getreuen Brüderschaft« versichert. Man war sich vollauf einig geworden, daß die Hinausschaffung der Schweden unter allen Umständen bewirkt werden müsse. Das Übereinkommen mit dem Herzog Georg war durch Hans in's Werk gesetzt worden, alle Teile sahen aber ein, daß sowohl eine Belagerung der Stadt durch Truppen des Landesherrn, wie auch ein Aufstand innerhalb der Mauern ohne großes Blutvergießen und arge Zerstörungen nicht abgehen könne und zauderten deshalb, zu dem Äußersten zu schreiten.

Oberst Stammer hatte auf Befehl des Generals in letzter Zeit wiederum Mannschaft nach dem festen Platze Winsen abgeben müssen, den die Schweden gleichfalls besetzt halten wollten; seine also zusammengeschmolzene Truppe bildete aber doch mit den Ratssöldnern immer noch eine ansehnliche Zahl waffengeübter Männer.

Die Nachricht vom Anrücken der Brandenburger von der einen und des kursächsischen Armeekorps von der andern Seite brachte plötzlich eine neue Wendung in die Sachlage und rief ungeheure Aufregung in den Gemütern der Bürger hervor. Zugleich aber verlautete, daß auch Herzog Georg mit mehreren Regimentern herbei ziehe. Da waren denn drei Helfer zur Hand, die den Schweden ihre Eroberung streitig machen wollten.

Jetzt galt kein Zaudern mehr; damit nicht ein weiterer Überfall Lüneburg wieder einem fremden Herrn in die Hand spiele, sandten die Bürger ihrem Herzoge Eilboten entgegen und am nächsten Tage stand der General auch bereits in dem nur eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Lüne.

Hans Stern las abends in der alten Kirche seinen Getreuen einen Brief des Herzogs vor, in welchem Georg der Bürgerschaft Hilfe forderte, und beredete mit den Seinen dringende Maßregeln für den nächsten Tag. Es war Sterns Wachsamkeit auch geglückt, die Boten der beiden fremdherrlichen Generale an den Rat abzufangen und die Briefe, welche sie trugen, zu erlangen. Beide wünschten, der Rat solle ihnen heimlich die Thore öffnen lassen, sie würden dann mit der schwedischen Garnison schon fertig werden. Die Brandenburger unter Klitzing standen in Bardowiek, die Kursachsen unter Vitzthum in Bienenbüttel, beide also fast ebenso nahe wie die niedersächsische Armee Georgs. Wahrlich, die Stadt befand sich in einer Lage, die rasche Entschlüsse verlangte!

Christoph Töbing schritt sinnend in seinem Zimmer auf und ab. Er war eben spät abends vom Rathause zurückgekehrt, wo man stundenlang verhandelt und überlegt hatte, ohne zu einem rettenden Entschluß zu gelangen. Immer erschien es den Patriziern noch das Schlimmste, sich dem eignen Landesherrn zu unterwerfen. Es war Christoph ganz klar, daß die Zeit dränge, daß bei der Bürgerschaft am meisten gesunder Sinn und die alleinige Rettung der Stadt zu finden sei. Er neigte sich auch, seit er öfter bei dem alten Stern verkehrte und seit ihm Herz und Sinn von Ursel Prigge erfüllt waren, ohne daß er es sich selbst klar machte weshalb, unwillkürlich der Bürgerschaft zu, aber er wußte, daß unter den andern Ratsgliedern nahezu ein Haß gegen die Gemeinen herrsche. Hatte doch heute noch einer der Herren gesagt, man solle alle die Sterns in eine mit Nägeln gespickte Tonne packen und nach Schweden schicken, dann würden wieder gute Zeiten für Lüneburg anbrechen. Und ein anderer hatte hinzugefügt, man solle an Sterns Thür schreiben: »ein Rathaus, aber zum Schlimmen.«

Töbings unruhiger Gedankengang wurde durch rasches Anklopfen unterbrochen. Die Thür öffnete sich, ein Mann im dunklen Mantel trat ein; Hans Stern stand dem Sülzjunker gegenüber. »Ihr!« entfuhr es den Lippen des Überraschten.

»Ja ich, Christoph Töbing. Ich komme zu Euch, der Ihr, wie es heißt, der Einsichtigste im Rate seid, wenn Ihr auch nicht eigentlich dazu gehört.«

»Was wollt Ihr von mir, Stern?« fragte Töbing mürrisch; es regte sich bei ihm eine Mißempfindung gegen Ursels Verlobten, dem Führer des Plebs.

Hans war nicht ohne ernste Überlegung und inneren Zwiespalt zu einem von der Gegenpartei gegangen. Aber er mußte es versuchen, gewichtigen Beistand zu gewinnen; stand doch für die Seinen, für das Wohl der Stadt alles auf dem Spiele.

»Helft mir, der obersten Behörde Widerstand gegen unseren natürlichen Schutzherrn brechen. Ihr kennt die Lage der Stadt so gut wie ich. Morgen fällt die Entscheidung. Wir öffnen unserem Herzoge die Thore. Es handelt sich um des Rates Entschließung wegen der Söldner. Sie haben den Fremdlingen schwören müssen, sie können also nicht gegen diese fechten, aber ob sie ihnen helfen werden, hängt von der Herren Willen ab. Sollen wir sie samt den Schweden gegen uns sehen? – Und leider ist mein eigener Vater ihr Anführer!« Es war dies alles rasch und bewegt hervorgestoßen und verfehlte seine Wirkung nicht.

Ein Kampf streitender Gefühle hatte sich, während der andere sprach, in Töbings Gemüt erhoben. Geburt und anerzogene Vorurteile hielten ihn Sterns Bestrebungen fern. Er wußte genau, was er und was das ganze Sülfmeisterregiment opfern mußte, wenn die Bürger jetzt dem Landesherrn die Thore öffneten. Die Herrlichkeit des ersten Standes war dahin, ihre ängstlich gehüteten Privilegien würden keine Geltung behalten. Und doch – und doch – heiße Wünsche trieben ihn auf jene Seite. Ursel hatte ihm längst gestanden, daß sie den Vetter nicht liebe, daß sie Hans aber ehelichen werde, wenn – nun, sie hatte es nicht ausgesprochen, war denn bei ihrem Schillern und Scherzen ein offenes Wort zu erlangen? Aber er wußte doch, daß sie erwarte, vielleicht ersehne, er werde ihr seine Hand antragen. Dies konnte aber nie geschehen, wenn nicht alle bestehenden Verhältnisse zusammenfielen und neue, freiere Zeiten anbrachen. Sollte er nicht dazu helfen, daß sie kamen?

»Ihr könntet mich gewinnen, Hans Stern,« fuhr der Junker auf, »so Ihr mir Eure Base, die Priggin, überließet. Ich liebe das Weib; sie sagt mir, daß sie Eure Verlobte ist.«

»So war Eure damalige Zusammenkunft mit ihr in unserm Hause doch ein verliebtes Stelldichein?« rief Hans entrüstet.

»Ruhig Gesell, sie ist der Spröden eine. Deshalb eben läuft man ihr nach.«

»Sie weiß selbst, daß sie zu gut ist, Euch ein Spielzeug zu sein.«

»Wenn ich Euch meine Beihilfe für Ursels Besitz zusagte, und Ihr sie mir dafür schafftet?« fragte Christoph listig.

»Sie hat allein über sich zu entscheiden und niemals treibe ich solchen Handel!« rief Hans zornig. »Thut für uns, für Eure Vaterstadt, was Ihr für recht haltet, und laßt die Weiber aus dem Spiele.«

Töbing verfiel noch einmal in ernstliches Nachsinnen.

Hans las in des Junkers Mienen, daß er schwer mit sich kämpfe. Jetzt fuhr Christoph empor, entschlossen rief er: »Ich halte Euch die Söldner fern, hier meine Hand darauf! Betrachtet sie als nicht vorhanden und macht Eure Rechnung mit den Schweden ohne sie ab.«

»Werdet Ihr das können? Bedenkt die Hartnäckigkeit meines Vaters.«

»Ohne Sorge. Ist er hartnäckig, so will ich schlau sein. Ich sehe ein, Ihr habt recht. Weshalb soll Bürgerblut zu gunsten der Schweden fließen? Der Rat darf nicht im eigenen Fleische wüten!«

Die Widersacher reichten sich unwillkürlich zu kurzem, kräftigem Druck die Hände, dann schieden sie beide leichteren Herzens.

Der von vielen bangen Seelen mit Spannung erwartete Morgen brach an. Die nach Lüne zu belegenen beiden Thore waren schon in der Nacht von Stammer und den Seinigen besetzt, auf den daneben befindlichen Wällen stand die übrige Mannschaft. Mit dem Morgengrauen rückten die Bürger unter Hans Sterns, Korbelins, Grätzes und Krögers Führung auf das Lüner Thor zu. Die Schweden hatten sich mit den auf die Straßen gerichteten Geschützen und anderen Hindernissen eine befestigte Stellung geschaffen und erwarteten die Stadtsöldner, damit diese den Bürgern, wenn sie zum Angriff übergehen sollten in den Rücken fielen.

Trotz der frühen Morgenstunde war der Marktplatz schon so voll von jammernden und Hilfe flehenden Menschen, daß die Ratspersonen, welche sich auch bereits versammelten, kaum hindurch gelangen konnten.

In der Reitendendiener-Gasse standen die Ratssöldner unter Stern und ihrem Leutnant des ersten Winkes zum Ausrücken und zur Beteiligung am Kampfe gewärtig. Die Stadtfahne, von Holt getragen, flatterte im Morgenwinde.

Da bog Christoph Töbing um die Ecke und kam auf den Hauptmann zu. Alle wußten, daß der derbe Junker die rechte Hand des regierenden Bürgermeisters sei, und so erwartete man von ihm Befehl und Entscheidung.

»Ihr sollt mit aufs Rathaus kommen, David Stern,« sprach der Bevollmächtigte, »das Kollegium ist versammelt und will Euch Verhaltungsmaßregeln geben.«

»Bedarf es deren noch, achtbarer Junker?« fragte der Hauptmann. »Ich meine, unsere Sache liegt einfach so, daß wir diese aufsässigen Bürger zu Paaren treiben und den Schweden beistehen, die Stadt gegen jeglichen Angriff zu verteidigen.«

»Ihr habt nichts zu meinen und nichts zu schwatzen, Stern; muß man Euch mahnen, zu gehorchen? Der Rat ist Euer Herr und jetzt kommt, seinen Willen zu vernehmen.«

Der alte Landsknecht war an Gehorsam gewöhnt und schickte sich an, zu folgen.

Bevor sie die Truppe verließen, wandte Töbing sich zu dem Offizier, auf welchen das Kommando überging und sagte mit lauter, weithin vernehmlicher Stimme: »Ihr geht mir nicht vom Fleck, ehe Euer Hauptmann zurückgekehrt ist. Mit Eurem Kopfe, Leutnant, haftet Ihr mir dafür, daß keinem andern Befehle Folge gegeben wird als dem, welchen Euer Hauptmann Euch bringt. Und nun vorwärts, David Stern!«

Der alte Haudegen hatte bei Töbings Worten einen fast verächtlichen Blick auf den Vorsorglichen geworfen, als wolle er sagen: sie rühren sich nicht ohne mich.

Der Rat war mit allen seinen Gliedern – Bürgermeister, Senatoren, Syndici – vollzählig anwesend, als Christoph Töbing mit seinem Begleiter in den großen prächtigen Saal, die Laube, trat, welcher zu allen wichtigen und außerordentlichen Versammlungen diente. Eben fielen durch die vier östlichen Fenster die ersten Purpurstrahlen der aufgehenden Sonne.

Die Herren saßen heute nicht in der alten Ordnung auf ihren gereihten Bänken, sondern standen in wechselnden und bewegten Gruppen zusammen.

Sie sahen bleich und verzagt darein und manches Aufatmen begrüßte den Eintritt der beiden Entschlossenen. Gottlob, das waren doch ein paar Männer, auf die man sich verlassen konnte.

»Die Bürger ziehen in bewaffneten Scharen zum Lüner Thore,« sprach Thomas Töbing mit heller aber etwas zitternder Stimme. »Jeden Augenblick kann's da los gehen.«

»Hört! wie sie auf dem Markte toben und schreien!«

»Wir müssen uns mit aller Macht wehren – es geht über uns und unsere Rechte hin – laßt Stern unverzüglich eingreifen!« tönte es von den Lippen der Männer.

»Mein Volk steht in Reih und Glied, wohlweiser Herr,« sprach David Stern zum Bürgermeister Töbing, »gebt mir nur den Befehl zum Angriff, so falle ich den Bürgern in den Rücken, Stammer und ich nehmen sie zwischen uns, und ihre Frechheit soll ihnen übel bekommen« – ein grimmiges Lächeln hob den weißen Schnauzbart.

»Wartet noch,« sagte Thomas mit einem hilfesuchenden Blick in Christophs rotes Gesicht. »Wir müssen uns erst noch einmal vergewissern, wie wir alsdann zum Herzoge Georg stehen, dessen Überfall zu gewärtigen sein dürfte.«

»Ach, was schert Euch der Herzog!« rief Stern unmutig.

»Er hält's heimlich längst mit den Bürgern,« sagte Witzendorff, »und würde, käme er herein, den Rat im Unrecht sehen und sich wie in einer eroberten Stadt breit machen.«

»Ja, Se. fürstlichen Gnaden gelten für gestreng – aber mancherlei alte Rechte sprechen für uns – wir haben es nie an schuldiger Devotion fehlen lassen – die stipulierten Gelder sind rechtzeitig abgeführt« – schrieen die Umstehenden durcheinander.

Da donnerte der erste Kanonenschuß über die Stadt hin.

»Das ist die Scharpe Grete, ich kenne den Ton! – Und das der Blaue Singer! – Unsere Kanonen haben die Hallunken wider uns gewendet, sie schießen unsere Häuser zusammen! – Das haben uns die Bürger angerichtet!«

Lautes Geschrei gellte vom Marktplatze herauf.

»Den Befehl, Hochmögender,« drängte Stern, dessen alte Augen kampfesmutig flackerten.

»Im Güldenen Kompromiß sind unsere Rechte wider die Herzoge bündig niedergelegt,« sprach der Syndikus Melbeck.

»So wollen wir die Akte verlesen,« forderten mehrere Stimmen. »Sie liegt im Archiv.«

Christoph hatte Stern keinen Augenblick aus den Augen gelassen. Lauernden Blicks, in Miene und Geberde wie aus dem Sprunge, lauschte er der hastig hin und her wogenden Versammlung. Die Kanonenschüsse folgten sich jetzt rascher und eine fieberhafte Spannung zuckte auf allen Gesichtern.

»Ich weiß, wo die Akte im Archiv liegt,« rief Christoph, »rasch, Hauptmann, laßt uns sie holen und zu Ende kommen!«

»Es wird Zeit, vorwärts, wenn das alte Papier nötig ist,« knurrte der Landsknecht.

Christoph öffnete die schwere, eisenbeschlagene Thür, welche neben dem Kamin, über zwölf, zwischen Mauern empor gehende Stufen ins Archiv führte. Oben schloß eine zweite feste Thür das wichtige Gemach. Der Junker sah sich mit einem befehlenden Blick nach Stern um, dieser, im Eifer, in der Unruhe endlich thätlich eingreifen zu dürfen, folgte. Kaum hatten die beiden etwa die Hälfte der Stufen miteinander überschritten, so rief Christoph: Ah, der Schlüssel zu oben – verzeiht, und in wenigen Sprüngen flog er, während der Hauptmann stehen blieb, zurück.

Unten angelangt, schlug der Junker die Thür zu, drehte den großen verschnörkelten Schlüssel zweimal um und schob ihn in die Tasche. Von innen donnerte der Eingefangene mit Degenknauf und Fäusten gegen die Thür, aber von seinem Schelten drangen nur unverständliche Laute durch die dicken Eichenbohlen. Die Versammlung im Saal hatte dem Thun des Entschlossenen unter starrer Verblüffung zugesehen.

Christoph Töbing lehnte den Rücken gegen die geschlossene Thür und blickte zufrieden, mit geringschätzigem Lächeln um sich.

Man stürmte unter Zanken und Drohen auf ihn ein; »was soll das alberne Spiel? – es ist keine Zeit zu Narrenspossen – der Hauptmann muß seine Pflicht thun – wir zwingen Euch, so Ihr Euch nicht fügt!« also brauste vielstimmiges Geschrei um den kecken Gesellen her.

Der Junker erhob gebieterisch die Rechte und alle, gespannt des Rätsels Lösung zu erfahren, schwiegen und blickten auf den Unbegreiflichen.

»Den Schlüssel müßt ihr, wohledle Herren, mir mit meinem Leben nehmen,« rief Christoph mit der rauhen Entschiedenheit, die ihm sein Übergewicht eingetragen hatte, »anders gebe ich ihn nicht! Ich habe euch den Dienst geleistet, einen Mann unschädlich zu machen, der im Begriffe stand, das fürchterlichste Blutbad unter unsern Bürgern anzurichten. Ich entlaste eure Gewissen von dem Fluche, den ihr auf euch laden wolltet, solches zu befehlen. Ich erspare euch die Strafe, welche unser Herzog, dessen Einzug nicht zu hindern ist, über euch verhängt haben würde. Ihr werdet mir's danken, daß –«

Ein Bote stürzte herein und rief: »Man sieht die herzoglichen Truppen anrücken und Oberst Stammer verlangt die Hilfe der Ratssöldner!«

Im selben Augenblick ertönte der schrille Ton des Sturmglöckleins über den Häuptern der Versammelten, das nur erklang, wenn der Feind vor den Thoren stand, Angstgeschrei auf dem Markte antwortete. Die Kanonenschüsse verstummten; die nach der Stadtseite gerichteten schweren Wallgeschütze mochten nicht so rasch nach außen zu wenden sein, und die Abwehr der Herzoglichen beschäftigte die schwedische Besatzung jetzt gewiß hauptsächlich.

Ein zweiter Bote sprang herbei, es war der Fähnrich Holt. Er riß seinen großen Schlapphut mit der roten Feder vom Kopfe, neigte sich tief und stammelte: »Wir wissen nicht aus noch ein, hochmögende, wohledle Herren. Ein Befehl nach dem andern kommt von den Schweden, und wir dürfen nicht folgen, ohne unsern Hauptmann. Wo ist David Stern?«

Aller Augen richteten sich auf Christoph. Dieser rieb seinen breiten Rücken an der Archivthür, hielt den gezogenen Degen in der Faust und sagte harten Tons: »Euer Hauptmann ist verhindert, und ich rate Euch, Holt, und jedem, dem sein Leben lieb ist, keinen Schritt vom Flecke zu wagen, ehe David Stern einen bündigen Ratsbefehl überbringt. Geht und sagt das dem Leutnant und Eurer ganzen Mannschaft!«

Der Fähnrich lief ebenso verwirrt, wie er gekommen, von dannen. Die Söldner in der Reitendendiener-Gasse hatten während der Zeit des Zusammenhausens manche kleine Zänkerei mit der schwedischen Besatzung gehabt, dagegen waren schon manche mit den Bürgern befreundet und so verlangten sie nicht den Eindringlingen beizustehen. Sie blieben in erster Linie dem Rate verpflichtet, konnten nach ihrem zweiten Eide nicht auf die Schweden einhauen, aber der Entwickelung ruhig zuzusehen war den meisten völlig nach dem Sinn. Als Holt mit der empfangenen Weisung angestürzt kam, erkannte man die Absicht des Rats, die Söldner unbeteiligt zu halten und lehnte die weiteren Forderungen der jetzt von zwei Seiten bedrängten Schweden bestimmt ab.

Die Verteidigung des Thores war für diese immer schwieriger geworden. Mit allen Mitteln der Belagerung, Geschossen, Grabenleitern und Brechstangen pochte außen der Herzog an, während die Bürger immer mehr Raum gewannen, vordrangen und binnen kurzem hoffen konnten, den Einlaß des Ersehnten zu erzwingen.

Oberst Stammer erkannte klar die Unhaltbarkeit seiner Lage und beschloß, sich in die Kalkbergveste zu werfen. Er befahl den Rückzug und im Lauftritt rannten die Schweden über die Wälle dem Kalkberge zu. Ein tausendstimmiges Freudengeschrei der Sieger begleitete den Abzug des Feindes. Und nun war das Thor in wenigen Augenblicken geöffnet, so daß der Herzog an der Spitze von 700 Musketieren in die Stadt seiner Väter einreiten konnte. Die andern Regimenter blieben vor den Thoren und hielten diese belagert.

Das Notglöcklein schwieg jetzt, aber von allen Türmen begannen die Fest- und Freudenglocken zu läuten.

Der Kampf zwischen Bürgern und Schweden hatte Opfer gekostet, doch nicht so viele, wie man nach der gegen die Stadt gewandten Kanonade angenommen. Die Wallgeschütze waren zu hoch gerichtet gewesen und hatten nur einige Wetterhähne und Giebelverzierungen niedergeworfen.

Ein Teil der Bürgertruppe schloß sich dem einziehenden Herzoge an und begleitete denselben unter Jubelrufen nach dem Marktplatze. Der General stieg im Fürstenhause ab, die Mannschaft rückte in die von den Schweden verlassenen Quartiere ein. Dies alles vollzog sich in bester Ordnung und in die Gemüter der geängstigten Einwohner kehrte das Gefühl der Sicherheit zurück.

Die erste Maßregel des Herzogs Georg war, den noch immer in großen Sorgen versammelten Rat zu beschicken und demselben zu befehlen, er möge auseinander gehen, der Herzog werde die Verwaltung der Stadt vorläufig selbst in die Hand nehmen.

Unter großer Niedergeschlagenheit hatten die seit vielen Stunden in der Laube Versammelten diesen Bescheid des Fürsten angehört, und ohne Widerrede entschlossen sie sich, zu gehorchen. Auch Christoph Töbing mit dem Schlüssel zu David Sterns Gefängnis in der Tasche, war zur Stelle geblieben. Jetzt sagte er spöttisch zu dem kläglich darein schauenden Thomas:

»Du, Vetter, hast als erster Bürgermeister noch eine Pflicht zu erfüllen. Sintemalen man dem wütenden Stier keinen roten Lappen zeigen soll, räume ich das Feld. Nimm hier den Schlüssel und befreie, wenn ich außer Sicht bin, unsern trefflichen Hauptmann.«

Er ging, und Thomas schloß alsbald die schwere Thür auf.

David Stern war eben nicht der Mann, sich einer blinden Wut zu überlassen. Finster und steif wie immer trat er aus dem Dunkeln in das farbige Licht des schönen Saals. Er wußte genau, daß Christoph Töbing ihn überlistet und hier gefangen gehalten habe, um den Bürgern zum Siege zu helfen, und wunderte sich nur, den Junker auf jener Seite zu finden. Seine eigene Abneigung gegen die Aufrührer, die seinen Herrn, den Rat, gestürzt und seinem alten Herrn, dem Herzoge – dem Bündner des katholischen Kaisers – zum Siege geholfen hatten, war jedoch durch die eben erlittene Niederlage noch verschärft worden. Grollend verließ er das Rathaus und begab sich zu seiner Truppe zurück.

Der Herzog hatte mittlerweile die Älterleute der Gilden und Anführer der Bürger um sich, im Empfangszimmer des Fürstenhauses, versammelt. Er dankte ihnen für die bewiesene Treue, versprach ihre Rechte zu wahren und die Verwaltung der Stadt, nach Herkommen, aber auch zugleich nach besseren Grundsätzen der Machtteilung, gerecht und väterlich einzurichten. Alsdann befahl er Hans Stern, zu bleiben und in sein Arbeitszimmer zu treten und entließ die übrigen huldvoll.

»Euch, Stern, vor allen muß ich danken,« sprach Herzog Georg, als beide allein waren, und reichte dem treuen Helfer die Hand. »Ihr habt viel für Eure Stadt und Euer Herrscherhaus gethan. Ihr allein besitzt die Kenntnis aller Verhältnisse, die Einsicht in das, was not thut. Ihr müsset mir ferner beistehen, eine angemessene Neuordnung der Dinge zu schaffen.«

»Zuerst hätten Ew. Fürstlichen Gnaden noch mit drei Feinden fertig zu werden,« mahnte der Umsichtige bescheiden.

»Ihr habt recht, Stern, mit einem grollenden Feinde auf dem Kalkberge und zwei falschen Freunden außerhalb der Stadt. Ich denke, sie sollen uns nun nicht gefährlich werden.«

»Ich kann Ew. Fürstlichen Gnaden die Briefe vorlegen, welche der brandenburgische General von Klitzing und der Kursachse von Vitzthum im Namen ihrer Fürsten an den Rat gerichtet haben.« Hans zog dabei zwei Papiere hervor und übergab sie dem Herzoge. Eifrig griff derselbe danach und überflog die beiden ähnlich lautenden Schriftstücke, dann sagte er:

»Klitzing erklärt sehr offen, daß es Georg Wilhelm von Brandenburg an festen Plätzen in der Elbgegend gelegen sei;« lächelnd fuhr er dann fort: »Wir wollen Euch das glauben, Vetter, aber wir wehren uns doch gegen Eure freundnachbarschaftlichen Gelüste, so gut wir können.«

Er warf die Papiere auf den Tisch, neigte sich und schrieb auf den Brief des Brandenburgers: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.«

»Die beiden Generale werden vermutlich von der Schwierigkeit einer Belagerung Lüneburgs zurückweichen, da nun dasselbe von Ew. fürstlichen Gnaden besetzt ist,« meinte Hans.

»Ja, es soll mein erstes sein, sie zu beschicken. Auch mit Stammer wollen wir in Unterhandlung treten. Zwar kann er uns die Stadt von der Veste aus in Brand schießen, er soll aber weder genügenden Proviant, noch gutes Trinkwasser oben haben und wird die Unhaltbarkeit seiner Lage einsehen.«

»Wenn der erste Zorn über seinen Rückzug verraucht ist, wird er sich in das Unabänderliche fügen.«

»Und was nun die Rechte Lüneburgs selbst anbetrifft,« fuhr der Herzog, sich fest aufrichtend, fort, »so sind die alten vielfach verklausulierten Privilegien vor den neugeschaffenen staatlichen Verhältnissen hinfällig geworden. Mein Bruder, der regierende Herr, erst kurze Zeit am Ruder, war in dieser Zeiten Not noch nicht zur Huldigung hier in der Stadt und hat noch nichts von ihren Vorrechten beschworen. In dieser Kriegszeit ist mehr und mehr dargethan worden, daß nicht jede Stadt für sich stehen und nach Belieben Partei nehmen kann. Neue Rechtsbegriffe über Landeshoheit vernichten die Ausnahmestellung einzelner Gemeinden sowohl, wie die Oberhoheit des Kaisers. Ich muß die Zukunft meines Hauses in den Wirren dieser Zeit zu sichern suchen. Und was hier am Orte unsere Herzogsrechte anbetrifft, Hans Stern, so sollt Ihr mir dieselben wahren helfen.«

»Ich bin gern zu Ew. Fürstlichen Gnaden Diensten.«

»Wohlan, so ernenne ich Euch zum ersten Bürgermeister von Lüneburg und –«

»Mich zum Bürgermeister?« rief Hans überrascht. »O, mein gnädiger Herr, sollte ich dieser Würde auch wohl gewachsen sein?«

»Seid getrost, mein Braver! Eure Jugend ist kein Hindernis, sie giebt Euch Mut und Kraft zu harter Arbeit der Neuordnung. Ich will zwei aus der Bürgerschaft und zwei aus der Sülfmeister-Gilde zur Bürgermeisterwürde berufen und Ihr sollt mir die drei anderen nennen, welche sich am besten dazu eignen, Eure Kollegen zu werden.«

Hans Stern blieb noch längere Zeit auf dem Fürstenhause, um mit dem Herzoge und seinen Räten zu überlegen und zu arbeiten und mittels seiner Kenntnis der Menschen und Verhältnisse die verwirrten Zustände klären und ordnen zu helfen. Unter ernsten Mühen vergingen die nächsten Tage.

Nach längeren Unterhandlungen hin und her bequemten sich die außenstehenden Armeen zum Abzuge.

Auch Oberst Stammer hatte nach einigen Tagen erkannt, daß er sich nicht lange auf dem Kalkberge halten könne, zum Entsatz war keine Aussicht, so ging er auf Übergabe-Verhandlungen ein und schloß mit dem Herzoge einen Vertrag. Nach diesem sollten er und die Seinen mit Waffen und Fahnen unbehelligt aus Lüneburg abziehen.

Währenddem hatte in der Bürgerschaft eine zornige Stimmung wider die Schweden um sich gegriffen. Mannigfache Bedrückungen heischten Rache. Der letzte Kampf am Thore war dazu gekommen und hatte die Gemüter erbittert. Unter diesen Umständen schien es nicht rätlich, die Abziehenden mitten durch die Stadt rücken zu lassen. Die Entfernung vom Kalkberge bis zu dem Thore, durch welches die Schweden ihre zur Elbe führende Straße erreichen konnten, war eine weite. So beschloß man, daß sie über die Wälle ziehen sollten, da aber der Ilmenau-Fluß zwei hohe Wälle trennte, schlug man, um diesen Weg zu ermöglichen, eine Brücke über den Fluß.

Hans Stern suchte seine Freunde zu besänftigen, er sah aber, daß ihm dies nicht gelinge. So pflichtete er dem Vorschlage bei, von seiten des neuen Rats die Söldner aufzubieten, daß sie an allen den Punkten, wo die Möglichkeit einer Gefährdung der Schweden durch die Bürger gegeben war, sich aufstellen und die Abziehenden beschützen sollten.

Der Hauptmann Stern empfing diesen Befehl mit Genugthuung. Er war dem Sohne, der plötzlich zur Würde seines Gebieters emporgestiegen war, geflissentlich aus dem Wege gegangen und hatte sich in der letzten Zeit gar nicht mehr bei den Seinigen blicken lassen. Er zog es vor, in der Reitendendiener-Gasse bei der Truppe zu bleiben. Jetzt aber, als die Ratsordnung zum Schutz der Schweden erlassen wurde, fühlte David Stern seinen Groll gemildert. Am Abend vor dem Abzug der Feinde fand er sich bei Seutemine ein und trug ihr, als er den vielbeschäftigten Sohn nicht traf, einen Gruß an Hans auf.

Am andern Morgen ließ sich's der Hauptmann angelegen sein, die sorgfältigsten Vorkehrungen zu treffen. Er teilte seine Mannschaft in verschiedene Häuflein, die teils am Fuße des Kalkbergs, teils am Altenbrücker-Thore, durch welches die Feinde hinausziehen mußten und an manchen andern Stellen, an denen ein Überfall möglich schien, den zugesagten freien Abzug der Fremdlinge sichern sollten. Mit der Umsicht eines alten Kriegsmannes beschloß er selbst an verschiedenen Punkten nachzusehen.

Nachdem David Stern das Abrücken der Schweden aus der Bergveste überwacht hatte, eilte er quer durch die Stadt nach der neu geschlagenen Brücke. Hier lag am Flusse eine städtische Mühle mit buschigem Gärtchen; der Müller galt als besonders feindselig gegen die Fremdlinge gesinnt, es war nicht unmöglich, daß er einen Trupp rachsüchtiger Bürger durch sein Grundstück schlüpfen ließ. Am Fluß, zu beiden Enden der Brücke, gab es etwas Vorland und das Absteigen von dem einen, das Hinaufsteigen zu dem andern hohen Walle mußte die Davonziehenden vereinzeln und schwächen.

Der Hauptmann hatte hier unter Holt, der seine Fahne zurückgelassen, dreißig Mann aufgestellt, mehr konnten sich kaum in dem engen Winkel bewegen. Jetzt kam er dazu, während eben der Vorbeizug der Schweden über die Brücke begann. David Stern wechselte einige Abschiedsworte mit dem Obersten Stammer und stand noch, ihm nachblickend, als lautes Geschrei hinter seinem Rücken ihn herum fahren ließ. Da war wirklich der gefürchtete Überfall der Bürger.

Unter Pavel Korbelins und Niklas Krögers Führung brachen sie aus dem Mühlengärtchen hervor und warfen sich über die ihnen zunächst befindlichen Söldner. Diese thaten das Möglichste, die ihrer Obhut anvertrauten Schweden zu schützen. Eine Stockung im Vorbeimarsch derselben trat ein, doch konnten sie sich kaum am Kampfe beteiligen, da es zu wenig Platz gab. Korbelin, der nach Hetes Fortzug noch viele Unbill von Stammer erduldet hatte, lechzte danach, sich an diesem zu rächen. Kröger hatte es ebenfalls darauf abgesehen, eine alte Rechnung zu begleichen. Nach dem neulichen siegreichen Gefechte am Thore gegen die Fremdlinge war den Bürgern der Waffenmut gewachsen. Somit ließen sie sich nicht leicht von den Söldnern beirren und in Flucht jagen. Eine wilde Rauferei, Mann gegen Mann, auf engem Raume, begann.

Um Mittag schritt Peter Holt mit aschfahlem Gesichte und schlotternden Knieen durch das Gäßchen hinter der roten Blauer auf das Soltausche Haus zu.

Hans war eben vom Fürsten gekommen, mit dem er am Morgen gearbeitet hatte. Er, Andreas, Seutemine und Hete waren im Wohnzimmer zur Mittagsmahlzeit versammelt, als der Fähnrich eintrat. Nach einem Blick in Holts Gesicht erkannte Hans, daß er den Bringer einer schlimmen Nachricht vor sich sehe und eilte mit hastiger Frage auf den Verstörten zu.

Peter Holt sank auf einen Schemel, drehte den Hut in der Hand und konnte vor Bewegung nicht sprechen. Die Anwesenden standen erschrocken um ihn her.

»Faßt Euch, Mann,« sagte Hans, und schüttelte den Weichherzigen an der Schulter; »heraus damit, es ist irgend ein Unglück geschehen. Sind die Schweden doch überfallen? Haben meine Freunde sich nicht bedeuten lassen? O die Unvernünftigen!«

Der Fähnrich nickte und kam dann unter halbem Schluchzen zum Sprechen: »An der neuen Brücke – so sie Stammers-Brücke heißen – stand ich mit unseren Leuten. Da stieß mein lieber Hauptmann auch zu uns. O jemine, hätte er's doch nicht gethan! – Die Bürger stürzten hervor, es gab ein Handgemenge, mehr eine Rauferei, als ein ernstes Gefecht. Sie hatten nichts gegen uns, wir nichts gegen sie. Der Hauptmann haute aber gleich auf seine mächtige Art ein. Da höre ich ein Geschrei, alles stutzt, ich wende mich. Liegt da unser großer Hauptmann zusammengebrochen im Winkel, viele Leute sind um ihn herum, der Kampf hört ganz auf. Ich herbei. Er hat einen Stich in die linke Brust, ist ganz machtlos, und ich sehe, es geht mit ihm zu Ende. Kein Wort hat er mehr sagen können und ist nach wenigen Augenblicken in meinen Armen verschieden. Als er tot war, hatten die Bürger sich verlaufen, die Schweden zogen ungehindert ihrer Wege.«

Von einzelnen Ausrufen der Umstehenden unterbrochen, hatte Fähnrich Holt so weit berichtet, dann hielt er tief aufseufzend inne.

»Werdet Ihr die Leiche meines Vaters hierher bringen?« fragte Hans, der seine weinende Mutter umfaßt hielt, düster.

»Nein, löblicher Herr Bürgermeister. Wir da in der Reitendendiener-Gasse möchten dem Toten gern die letzten Ehren geben. Er ist uns immer ein strenger, aber wackerer Hauptmann gewesen und hat alles mit seiner Truppe geteilt. Lasset uns die Leiche, er ging uns näher an als Euch.«

Das war nun leider, wie Weib und Sohn fühlten, ganz wahr und daher wagten sie nicht auf ihrem äußerlichen Anrechte zu bestehen. Aber Abschied nehmen wollten sie doch von dem Toten, der ihnen im Leben so nahe und doch so fern gestanden hatte.

Seutemine und Hans begleiteten Peter Holt nach der Reitendendiener-Gasse, wo sie von dem Fähnrich in das große kahle Hauptmannszimmer geführt wurden. Hier lag die lange Gestalt des Erstochenen auf seiner harten Bettstatt. Ein Mantel war über den Körper gebreitet, aber der Kopf mit dem weißen Haar und Bart und den eisernen Gesichtszügen lag frei da.

Seutemine sank neben dem Toten auf ihre Kniee und sprach ein inbrünstiges Gebet. Der Sohn stand in ernsten Gedanken daneben. Seine ganze Jugend, in der er nichts vom Vater gewußt hatte, die spätere Zeit, in der sie immer feindlich zusammengetroffen waren, alles, was je zwischen ihnen vorgefallen, ging vor seinem geistigen Auge vorüber. Der letzte Gruß, den er gestern Abend von dem nun Verstorbenen erhalten, bedeutete ihm jetzt ein Vergeben und Vergessen alles bisherigen Zwiespaltes. Mochte des Verblichenen Andenken in Ehren bleiben! Leider hatte sich seine Seele in der Gemeinschaft mit diesen, ihm nahe stehenden Manne, der doch achtbar und tüchtig gewesen, nie wohl gefühlt.

Die Untersuchung des Überfalls an der Stammers-Brücke und die Frage nach dem, der David Sterns Tod verschuldet, brachten kein Ergebnis. Zwar wurden die Beteiligten bald herausgefunden, ihr Zorn gegen die Schweden war aber berechtigt gewesen, der Herzog konnte ihnen im Grunde ihre Empfindung nicht verdenken, so gingen sie fast straflos aus. Und wessen Degen im Handgemenge und Gedränge dem Hauptmann jenen Todesstoß versetzt, wollte niemand wissen.

Ob nicht einige doch den Thäter kannten? Andreas machte sich darüber seine eigenen Gedanken, doch ohne sie mitzuteilen.

»Der Tod Franz Töbings ist nun gesühnt,« sprach er zu sich selbst. »Und er, Niklas, der mit mir am schwersten unter des teuren Mannes Ermordung gelitten, er wird hier seine Rache genommen haben. Wer wollte ihm die That verdenken, wenn er sich, mit der Waffe in der Hand, dem verderblichen langen Degen gegenüber gesehen? – O, welche Wandlungen wird die strenge, harte Seele David Sterns noch zu bestehen haben! Barg sie auch einen festen Kern von Glaubenskraft und Frömmigkeit in sich, war sie auch von Rechtschaffenheit und Treue erfüllt, so fehlte ihr doch die erwärmende Christenliebe, ohne welche sie sich schwerlich zu Gott durchringt.«

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