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In seinen Fußstapfen

Auguste von der Decken: In seinen Fußstapfen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleIn seinen Fußstapfen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1891
isbn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectid90b9b182
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Fünfzehntes Kapitel.

Am Tage nachdem der Bürgermeister Stats Töbing den von ihm bestellten Abgesandten der Gewerkschaften nicht vorgelassen, trafen sich die Franz-Brüder ohne alle Vorsichtsmaßregeln bei hellem Mittage zu außerordentlicher Versammlung in ihrer Kirche. Entrüstet über die schnöde Nichtachtung von seiten des Rats beschlossen sie einstimmig, ihrerseits eine Gesandtschaft nach Celle an den Herzog zu schicken, welche am nächsten Mittage abreisen sollte. Hans Stern ward auserwählt, mit Niklas Kröger, Pavel Korbelin und noch zwei anderen Bürgern den Auftrag zu übernehmen. Die Herzöge mußten doch wissen, daß der Bürgerstand in Lüneburg treu zu ihnen halte.

Frau Seutemine hatte ihren liebsten Jungen gleich am morgen nach dem Zerwürfnis unter vielen Thränen angefleht, ihr zu verzeihen. Sie gab den Sachverhalt von Töbings Besuch – nach Ursels Unterricht, die sehr gewarnt hatte nichts von ihrer Fastnachtsbekanntschaft mit dem Junker zu verraten – so harmlos wie möglich an. Der gute, weltfremde Andreas kam dazu und fand Hans viel zu eifersüchtig und zu hart. Man müsse einmal sehen, ob Ursel nichts für Heinrich ausgerichtet habe, der erste Juni sei nahe. Ursel halte sich versichert, daß Christoph Töbing ihrem armen Heinrich den Juni auf ihre Fürbitte abstreichen lassen werde. Wer dann noch etwas auf die schlaue kleine Frau sagen könne, wenn sie ihrem bedrängten Bruder solchen großen Dienst geleistet haben würde?

Hans söhnte sich selbstverständlich mit seiner tief gebeugten guten Mutter aus, alle jene Zwischenreden und Entschuldigungen für Ursel glitten aber scheinbar an dem finsteren Unmute des Zürnenden ab.

Als Hans, nachdem er sich in Sterns vorderem Hause verabschiedet, auch in die Druckerei ging, um dort für die Zeit seiner Reise nach Celle Lebewohl zu sagen, sah er Ursel an ihrem offenen Fenster sitzen, aber er schritt abgewandten Kopfes und gesenkten Blickes so fern wie möglich an ihr vorüber.

Heinrich empfing ihn freudig im Geschäft. Der gestern so Lebensmüde war heute Nachmittag von einer Frische und Heiterkeit, die Hans auffallen mußte. »Man merkt, herzlieber Junge,« sagte er teilnehmend, »daß du ein ganz anderer bist, seit der Pranger dir erlassen wurde. Aber du hast recht, solche Strafe ist auch für unsereinen nicht zu ertragen.«

Als Heinrich den Freund über den Hof zurückbegleitete, rief Ursel den Bruder an und fragte so laut, daß der Scheidende jedes Wort verstand: »Warum ist Hans nicht in Arbeitskleidern, und warum geht er schon wieder?«

Heinrich antwortete: »Er reitet an den Herzogshof nach Celle.«

»O, das ist bei jetzigen Zeiten gefährlich!« rief das junge Weib und fing an zu weinen.

Hans hatte sich an diesen Zwischenfall nicht gekehrt. Eine unwillkürliche Regung zog ihn freilich zu ihr, um auch der einst Lieben die Hand zum Abschiede zu reichen, aber sein Ärger über sie war zu groß, und ohne sie anzusehen, schritt er, wohlzufrieden mit seiner Strenge, davon.

Als Hans am Morgen des Reisetages, von seiner Mutter begleitet, bei Andreas im Turmzimmer stand, um Lebewohl zu sagen, fand er den Ohm in bewegter Gemütsstimmung.

»Nun bist du also doch mitten in diesen gefährlichen Umtrieben, mein Knabe,« sprach der Alte schwermütig. »O, hätte ich dich doch davon fern halten können! Wie soll man's aber dämmen und hindern, so die Seele ihr angeborenes Recht heischet? Ich sah es alle die Zeit her kommen, daß du in seine Fußstapfen treten würdest!«

»In seine? – In wessen Fußtapfen, Ohm? Mir däucht, ich gehe sonder Vorbild und fremdem Willen ganz genau meinen eigenen Weg.«

»Dein Weg ist dir durch inneres Müssen, durch die Richtung deines Wesens, durch die Vorschule deiner Seele gegeben und angewiesen,« sprach Andreas mit tiefem Ernst.

»Ach, Ihr kommt auf Eure übernatürlichen Lieblingsgedanken. Dann kann man nicht mit Euch streiten,« lächelte der frische, mitten im Wirken stehende Mann.

»Gott wolle geben, daß du dem Ziele in diesem Leben näher kömmst, daß nicht wieder ein jähes Unglück den Faden vor dem Ende zerreißen möge,« fuhr der Verwachsene feierlich und mit gefalteten Händen fort. »Sei gesegnet, liebe, teure Seele!« Die hellen, stahlgrauen Augen des kleinen Mannes schweiften mit jenem starren Blick, der nichts Wirkliches erschaut, in die Ferne und die mageren weißen Hände breiteten sich aus.

Hans neigte unwillkürlich das Haupt und Seutemine, die sich manchmal verstohlen eine Thräne fortgewischt hatte, rief: »Du machst mich ganz bange, Bruder. Ihm wird doch nichts zustoßen? O jemine, sollte der Ritt gen Celle wirklich gefährlich sein?«

»Ganz ruhig, Mutter, wir werden uns unserer Haut schon wehren!«

Zur bestimmten Zeit ritten die fünf Männer wohlgemut miteinander zum Sülzthore hinaus. Aber je weiter sie kamen, je deutlicher drängten sich ihnen die Spuren der Kriegsschrecken auf und bedrückten ihnen das Gemüt. Man hatte einmal im Laufe dieser fürchterlichen Kämpfe von den Lüneburger Wällen aus acht Dörfer in der Runde zu gleicher Zeit brennen sehen. So war es kein Wunder, daß man auf Schritt und Tritt Spuren der Verwüstung fand, welche die Kriegsvölker angerichtet. Zusammengefallene, verlassene, eingeäscherte Häuser, wüst liegende Felder, scheue, hungerbleiche Gesichter, wo man ja einmal Bewohner jener Trümmerstätten sah. Wie gut hatte man es dagegen hinter den festen Mauern der Stadt. Wie notwendig war es, die sichere Zuflucht zu schützen! Eine rechte Liebe für die wohlbehütete Heimat erfüllte die Herzen der Reisenden. Sie waren ja auch ausgezogen, den besten Schutz für ihren häuslichen Herd anzurufen und erkannten jetzt immer mehr den wohlbegründeten Wert ihres Vorhabens.

Die Heide liegt in der frühen Zeit noch braun und öde da. Keine Spur von den lustigen roten Blüten, die im späteren Sommer mit ihrem Schimmer die Fläche überziehen. Dunkle Föhrenwälder und einzelne alte Eichen in der Nähe verödeter Dörfer bilden die Hauptabwechselung in der Landschaft. Die weißstämmige Birke schwenkt freilich ihre lichtgrüne Fahne, als wolle sie damit Hoffnung auf bessere Zeiten in verzweifelnde Menschenherzen winken.

Ohne gefährliche Begegnung mit Truppenteilen, wie es bei der Lage der Dinge sehr gut möglich gewesen wäre, und lebhaft erfüllt von ihrem Unternehmen, langten die Abgesandten in der Fürstenstadt an. Pavel Korbelin besaß eine reiche alte Muhme in Celle, die er aufzusuchen ging, die vier andern begaben sich in eine Herberge. Zu ihrer Freude hörten sie, daß Herzog Georg auch am Hofe zugegen sei.

Es war für die Bürger ein feierlicher Augenblick, als sie vor ihrem Landesherrn und dessen Bruder standen. Bei etwaigen Besuchen der Herzöge in Lüneburg hatten die Patrizier nie einen aus den Gewerken den fürstlichen Personen nahe kommen lassen, jetzt endlich sollte auch die Stimme des Bürgers an das Ohr des Landesvaters dringen.

Seit fast drei Jahren war der Herzog August, ein 59jähriger, friedsamer und wohlmeinender Herr, seinem Bruder Christian im Regimente gefolgt. Er empfing die Abgesandten gütig und fragte nach ihrem Begehren.

Hans Stern war auch hier als Sprecher von den andern auserwählt, er trat vor, begrüßte die Herzöge ehrerbietig und schilderte mit warmen Worten die Sorge der Bürgerschaft für ihre Stadt den drohenden Kriegsgefahren gegenüber.

»Wir wissen, Ew. Fürstliche Gnaden,« fuhr er lebhaft fort, »daß an den Rat von Lüneburg Dero Mahnung ergangen ist, gerüstet und wachsam zu sein, um vor Überfall geschützt zu bleiben. Aber wir wissen nicht, ob die Väter der Stadt, solcher gnädigen Erinnerung nach, Willfährigkeit und Fürsorge bewiesen haben. Die Hochmögenden halten uns in Unwissenheit und Abhängigkeit. Sie bestimmen über uns und unsere Kräfte, unser Geld, unsern guten Willen, aber sie geben uns keinerlei Bürgschaft ihrer treuen Sorge. Unser Vertrauen ist erschüttert, derohalben wollen wir sie nicht mehr für uns bestimmen lassen, sondern kommen anhero, um ohne Mittler Ew. Fürstlichen Gnaden unsere Bitte um Schutz vorzutragen.«

»Ihr führt eine kühne Sprache, junger Gesell, und weichet vom Althergebrachten ab,« erwiderte der regierende Herr. Es lag vielleicht etwas Erstaunen, aber kein ungnädiger Ausdruck im Ton.

Jetzt mischte sich auch Herzog Georg in das Gespräch. Während der schon hinfällige ältere Bruder im Lehnsessel saß, stand der General straff und scharf beobachtend daneben. Er hatte eine kräftige Gestalt, markige Gesichtszüge und gebieterische Augen. Sein Haar, noch immer stark und braun, trug er von der Stirn zurückgestrichen, ein voller Lippen- und spitzer Kinnbart zierten sein Antlitz. Das Wams wurde von einem leichten Brustharnisch gedeckt, auf demselben lag der breite spitzenbesetzte Kragen, eine seidene Schärpe in den Landesfarben schlang sich schräg über die Brust, auf der linken Hüfte neben dem Degengriff herabfallend. Seine hohen gelben Reiterstiefel mit Radsporen waren bis über die Kniee heraufgezogen. So machte seine ganze Erscheinung einen kriegerischen und Ehrfurcht gebietenden Eindruck.

»Und wie denkt ihr euch, daß wir helfen und euch gegen widrige Anfechtungen der Feinde schützen sollen?« fragte der General mit prüfendem Blick?

»Wir möchten von Ew. Fürstlichen Gnaden Truppen Besatzung einnehmen und nicht, wie der Rat, von Fremden Hilfe erwarten.

»Lasset uns euer Begehren erwägen, getreue Bürger,« sprach der gebietende Herr. »Wir haben auf den Rat, eure gesetzliche Obrigkeit, Rücksichten zu nehmen und dürfen altehrwürdige, verordnete und beschworene Rechte nicht freventlich antasten. Geht und seid der gnädigen Gesinnung eures Herzogs versichert.«

Die Abgeordneten fanden keine Gelegenheit, weiteres vorzubringen, sie zogen sich unter Ehrfurchtsbezeigungen zurück.

»Mit welchem Bescheid gehen wir?« fragten sie einander. »Haben wir Unterstützung unserer Forderungen von den Herzögen zu hoffen? – Der General schien bereitwilliger, als unser Landesherr.«

»Sie kennen unsere Meinung und wissen nun, daß sie auf die Bürgerschaft rechnen können, und dies ist schon den Ritt wert,« tröstete Hans Stern.

Es blieb den Abgesandten nichts übrig, als ihre Heimreise für den andern Morgen zu rüsten und festzusetzen. In der Abenddämmerung aber langte ein Diener des Herzogs Georg in der Herberge an, welcher den Sprecher der Lüneburger aufforderte, noch einmal mit ihm aufs Schloß zu gehen.

Dies war den Bürgern eine hochwillkommene Nachricht. Sie hatten anerkannt, daß der regierende Herr, welcher der Stadt und des Rats Gerechtsame beschworen, wenig für ihre Wünsche thun könne, wogegen der Generalissimus frei war, ihnen mit Truppen beizustehen. So mochte Stern denn versuchen, noch etwas für ihre Sache zu erwirken.

Hans Stern stand bald darauf dem Herzog Georg allein gegenüber. Der Fürst erschien dem jungen Bürgersmann diesen Abend nicht ganz so streng und gebieterisch, wie bei dem feierlichen Empfang am Morgen. Die grauen Augen blickten wohlwollend und etwas im Wesen und in der Begrüßung des hohen Herrn schien um Vertrauen zu werben und Vertrauen zu verheißen. Der General veranlaßte den Bittsteller, noch einmal, offener seine Wünsche und Ansichten zu entwickeln, was Hans, da es sich um seine Lieblingsgedanken handelte, mit Eifer that.

»Wisset,« erwiderte der Herzog gedämpften Tones, »daß ich in lebhafter Unterhandlung mit dem Rate gestanden habe. Ich wollte der Stadt zu ihrer besseren Verwahrung ein paar Kompagnien meines zur Hand befindlichen Meyerschen Regiments einlegen. Aber der Rat will nichts davon wissen. Es sind Entschuldigungen eingegangen, und wir haben uns unter der Bedingung zufrieden erklärt, daß sie uns Verpflegungsgelder für das Regiment geben, wonach wir auf 5000 Thaler für drei Monate uns geeinigt haben.«

Hans war entrüstet und erstaunt über die Mitteilung. So forderte der Rat aus eigensüchtigen Bedenken in den schweren Zeiten nicht allein die Mittel zum Unterhalt von Söldnern, sondern auch für Truppen, welche die Stadt hätten schützen können, aber nicht dazu herein gelassen wurden und alles dies ohne Wissen eines der mit schweren Abgaben Heimgesuchten. War das eine Verwaltung, welche der Bürger Liebe und Treue verdiente?

Hans sprach sich in bitteren Worten über den Rat aus: »Wie können sie denken, in solchen schlimmen Zeiten allein fertig zu werden? An den Bettelstab bringen sie die Stadt, um ihrem Eigenwillen keinen Herrn zu setzen. Wo die Feinde von allen Seiten mit Mord und Brand dräuen, sollten sie die Hand küssen, welche sich ihnen entgegenstreckt. Wollen Ew. Fürstliche Gnaden Höchstihre gute Stadt nicht sinken und verderben lassen, so ist ein Dienst des andern wert. Die Bürgerschaft wird fest zu ihren Landesherren halten.«

Der junge Sprecher stand in fester Haltung da. Die aufrichtigste Hingabe und Begeisterung sprachen aus seinem ganzen Wesen.

»Ihr geht darauf aus, das Sülfmeister-Regiment zu stürzen!« sprach der Herzog scharf.

»Wir sehen keinen Grund, sie länger als unbeschränkte Herren über uns anzuerkennen.«

»Und wie stellt Ihr Euch alsdann die Verhältnisse der Stadt vor? Was strebt Ihr an? Seid Ihr Euch darüber schon klar?«

»Wir wünschen,« sprach Hans Stern warm, »Verwaltung der Stadt durch Erwählte aus allen Ständen und Ausgleich zwischen den verschiedenen Gilden zur Berechtigung an Erwerbung von Eigentum und städtischen Ämtern.«

Der General lächelte unter seinem überhängenden Schnurrbart in sich hinein: »Und was sollte uns bewegen, Euren Wünschen Förderung angedeihen zu lassen?«

»Gleichheit von Nutzen und Gewinn! Ist die Stellung des Landesherrn nicht eine ebenso zurückgedrängte, wie die der Gemeinen? Wäre es für Ew. Fürstliche Gnaden nicht ebenso vorteilhaft, die übermütigen Patrizier zu unterwerfen, wie für uns?«

Ein seltsamer Glanz ging über das ernste Gesicht des Herzogs, sein Auge blickte wie in weite Ferne hinaus. »Schon einmal, vor langen Jahren hat einer aus Eurer Stadt also zu mir geredet. Euer Wesen, das Feuer, welches aus Euren Augen leuchtet, erinnert mich an ihn. Leider hat ihn ein früher Tod bei seinen wohlgemeinten Bestrebungen ereilt.«

»Franz Töbing?« fragte Stern mit fast ehrfürchtigem Ton.

»Ja, er. Ihr tretet in seine Fußstapfen, möchtet Ihr mehr Glück haben!«

Es ließ sich vorläufig nichts Bestimmtes ausrichten oder verabreden. Man wußte aber beiderseits genau, wie man daran war und schied wohlzufrieden miteinander.

Am nächsten Tage wollten die Lüneburger heimkehren. Da meldete Korbelin, daß er nicht mitreiten könne, seine alte Vatersschwester, Frau Tibbeke Bussen, liege im Sterben und wolle ihn nicht von sich lassen. Er werde mancherlei Geschäfte zu ordnen haben, wenn sie scheide.

»Da gilt's, eine reiche Erbschaft heimzuführen,« meinte Anton Grätze, des Brauers Freund. »Ich weiß, sie ist eine Witfrau ohne Kinder.«

»Die Erbschaft kommt nicht auf mich, es ist ein Pflegekind da. Meine ältere Schwester Hete wurde, besonderer Umstände halber, vom Vater selig nach Celle gethan, sie hat allda nach Jahren den Brudersohn von Tibbekes Mann, den Sekretarius Tobias Bussen, freien müssen und ist später, als sie einem Mägdelein das Leben gegeben, Todes verblichen. Der Mann ist auch längst tot. Die kleine Hete Bussen ist bei Tibbeke aufgezogen, die Alte hält absonderlich viel von ihr und hat ihr den größten Teil der reichlichen Habe verschrieben.«

So blieb denn Pavel Korbelin in Celle, während die Freunde seine Aufträge für Frau und Geschäft mitnahmen.

Getrosten Mutes wurde der Rückweg von den vier Übrigen angetreten. Freilich war man verwarnt, nicht wieder in Ülzen zu übernachten. Ein Trupp Nachzügler oder Versprengte, jedenfalls Söldner, denen man nichts Gutes zutraute, sollte sich, unter Anwendung von List, in das Städtchen geworfen haben und die Einkehr allda für kräftige Leute oder wohlhabende Reisende bedenklich machen. Es war vorgekommen, daß man gewaltsam jemand zum Soldaten gepreßt hatte; wer wollte sich solch widrigem Abenteuer aussetzen?

Die Heimkehrenden beschlossen also, um das Städtchen herum zu reiten und zu übernachten, wo und wie es eben gehen mochte.

Die Stadt Ülzen lag seit Stunden hinter den ermüdeten Reisenden, die Sonne begann unterzugehen und noch immer fand sich kein gastliches Dach. In der verödeten Gegend gab es weder Dorf noch Schänke mehr.

»Was suchen wir lange und plagen uns und unsere Tiere?« sprach der alte Kröger, dem das Reiten sauer wurde. »Lasset uns dort im Tann übernachten! Wir haben unsere Haferbeutel für die Pferde, da drüben siehet Gemäuer hervor, vielleicht giebt es in der Nähe einen Ziehbrunnen.«

Konz Jansen stimmte bei: »Brot und Fleisch haben wir auch und etwas in der Feldflasche. Je eher je lieber aus dem Sattel!«

Man saß ab und suchte sich für die Nacht einen Platz im Dickicht. Die hochliegenden trockenen Kiefernadeln gaben bei der milden Luft des Juniabends kein schlechtes Lager. Bald flackerte, von Tannzapfen und trockenem Reisig genährt, ein kleines Feuer, um welches man sich im Kreise setzte. Aber die Pferde wollten vor Durst nicht fressen, und auch die Männer entbehrten einen frischen Trunk.

Hans Stern, der Jüngste und am wenigsten Ermüdete, nahm ein Blechgefäß, das Anton Grätze vorsorglich am Sattel mitgeführt, und ging aus, um einen Brunnen zu suchen. Er verließ den Wald, in dem sie sich geborgen, und begann am Rande desselben umherzuspähen. Im Grau der hereinbrechenden Dämmerung lag die traurig öde Gegend vor ihm da. Jeglicher Gegenstand hob sich indes noch klar von dem rötlich geflammten Hintergrunde des Himmelsgewölbes ab. Kröger glaubte Trümmer gesehen zu haben, wo waren sie nur?

Hans schritt am Waldessaume entlang; da, gar nicht fern von ihrem Lagerplatze, mußte ein Dorf gestanden haben. Hier ragte aus Gebüsch eine Wand, dort sogar noch ein halbes Strohdach hervor, aus einem Schornsteine zog leichter Rauch in wenig bewegter Säule zum blassen Abendhimmel empor. Der Suchende ging, unter vorsichtiger Umschau, darauf los. Er wollte sehen, wer in ihrer Nähe hausen mochte. Männerstimmen schlugen an sein Ohr und das Wiehern eines Pferdes. Leise schlich er dicht an die Hausecke heran. Hier glitt er bis zu einem kleinen zertrümmerten Fenster, Gebüsch stand davor, in dem er sich bergen konnte. Ein wüster Raum mit zerbrochenem Hausrat lag vor ihm, in welchem sich drei Männer von kriegerischem, wenig vertrauenerweckendem Äußern befanden.

Am niedrigen Backsteinherd hockte der eine und fachte das Feuer an, von dem die geringe Helligkeit, die drinnen herrschte, ausging. Der am Feuer, mit seinem struppigen Rotkopf und den dann und wann aufgeblasenen Backen, schien ein Diener zu sein. Die beiden anderen am zerbrochenen, wackeligen Tisch, der eine auf einer Tonne sitzend, der andere auf einem dreibeinigen Binsenstuhle schaukelnd, befanden sich in eifrigem Gespräch.

»Und ich sage Euch, Gevert, es ist doch ein Gewinn, daß wir schon heute aufgebrochen sind,« sprach der lange, steif auf der Tonne reitende Graukopf.

Welch ein hartes, gelbes Gesicht, dachte Hans am Fenster, ich möchte nicht vor seinen Stoßdegen kommen. Ein Schauder überlief den sonst so tapfern jungen Gesellen, als er auf die Waffe blickte, die der Alte steil vor sich gestellt mit der Rechten umklammert hielt.

Der Dickbauch auf dem dreibeinigen Stuhl wurde jetzt vom hochauflodernden Flammenschein gestreift, es war ebenfalls ein alter Mann mit weißem Haar, das in dünnen Strähnen um ein aufgedunsenes Gesicht hing. Der kann mir ebensowenig gefallen, meinte Hans bei sich.

Der Dicke antwortete jetzt: »Was Ihr für 'ne Eile nach Lüneburg habt. Zwei Stunden eher morgen ankommen oder nicht – ist gleich viel. Es ist lächerlich, darum gutes Quartier und reichliche Atzung fahren zu lassen.«

»Hättet ja nicht mitzukommen brauchen, Feldscher,« sagte der Lange trocken.

»Weiß selber nicht, weshalb ich's gethan.«

Hans hatte genug gehört. Es waren Reisende, wie er und die Seinen, man brauchte also, so gefährlich sie auch aussahen, nichts von ihnen zu befürchten. Er schlich davon und setzte seine Forschungen nach einem Brunnen fort. Bald fand er, was er suchte. Im verwilderten Hofraum eines zerstörten Hauses nahe dem Tannenkamp stand ein Ziehbrunnen, es hing sogar noch ein brüchiger Eimer an der Tauchstange. Hans füllte seinen Blechtopf und kehrte, das Gestrüpp am Rande der Kiefern durchkreuzend, mit wenigen Schritten zu den Genossen zurück, welche diesen Gang noch öfter wiederholten.

Die kurze Sommernacht verrann. Es mochte die Sonne noch nicht lange aufgegangen sein, als Hans durch fernes Geräusch aufgeschreckt wurde. Er sprang empor, weckte die Gefährten und eilte in der Richtung, woher Schüsse, Getöse und Geschrei tönten, dem Saume des Gehölzes zu. Er sah jetzt beim hellen Tagesschein, daß sie sich dem Obdach der Fremden näher befanden, als er gedacht hatte. Diese waren augenscheinlich überfallen. Der Rest des Strohdaches stand in Flammen, das Gebälk drohte mit Einsturz. Solche Notlage hatte die Gäste des öden Hauses vor die Thür getrieben, zu deren Seiten die beiden Alten mit Rückendeckung an der Wand lehnten und sich gegen vier oder fünf Angreifer verteidigten.

Hans verständigte sich rasch mit Kröger, Grätze und Jansen, daß sie den Überfallenen zu Hilfe kommen müßten. Sie waren alle bewaffnet und brachen jetzt mit Geschrei aus ihrem Versteck hervor. Die Bedrängten befanden sich in der äußersten Gefahr. Auf den Langen, der eben einen der Gegner niedergestochen hatte, drangen mehrere zugleich ein, während ein paar andere Strolche, in mäßiger Entfernung dem Dicken gegenüber, die Gabel einer Muskete in die Erde gepflanzt hatten und sich anschickten, wiederum auf ihn zu feuern. Als die Helfer näher kamen, sahen sie, daß der schon Verwundete außer stande war davon zu laufen. Sie schossen, um die Bedrängten zu retten, ihre Pistolen auf die zerlumpten Landstreicher ab und stürzten, den Degen in der Faust, so rasch sie konnten, herzu.

Hans warf sich, durch inneren Antrieb gedrängt, auf die Angreifer des Langen. Dieser schlug jedoch im Taumel der Verteidigungswut so wild um sich, daß der Helfer einen kurzen Augenblick Gefahr lief, von dem mächtigen Degen erreicht zu werden. Zur rechten Zeit kam dem tapferen Alten noch die Einsicht, daß dieser mutige Gesell zu seinem Beistande da sei, und er ließ den Arm sinken.

Es währte nicht lange, so hatten die Bürger ihr Werk vollbracht und das Gesindel in die Flucht getrieben. »Seid Ihr verletzt?« fragte Hans teilnehmend den dürren Kriegsmann, zu welchem er nach kurzer Verfolgung der Ausreißer zurückkehrte.

»Ein paar Schrammen, es ist nichts,« sagte dieser, strich sich über den zerhauenen, blutigen linken Ärmel und verließ den Stützpunkt der Wand, da brennende Strohbüschel vom Dache fielen.

»Mit mir geht's zu Ende, Hauptmann,« stöhnte der zusammengesunkene Dicke. »O, ist das ein verfluchtes Gefühl. Nun geht's ins Nichts – in den Würmerfraß!«

»Wollet nur glauben, Gevert Hitzacker,« sprach der Hauptmann ernst und streng. »Fasset Vertrauen zu Jesu Christo, welcher ist der Hort Eurer unsterblichen Seele, so kann Euch auch jetzt noch geholfen werden.«

»Es ist zu spät – ich habe nur noch wenige Minuten zu leben – Was soll mir all Eure Salbaderei – wobei ich mir nichts denken kann.«

»Ihr Unglücklicher! Ich will dennoch für Euch beten.« Der Hauptmann hatte seinen blutbefleckten Degen eingesteckt, er faltete die Hände, richtete den unruhig flackernden Blick stracks gen Himmel und sprach ein inbrünstiges, von starker Glaubenskraft getragenes Gebet. Wie er so dastand, konnte Hans sein Auge nicht von ihm abwenden. Wo hatte er diesen Mann schon gesehen?

Während des Gebetes hatte der Feldscher Gevert Hitzacker nach kurzem Kampf seine Seele ausgehaucht.

Als der Hauptmann schwieg, trat Kröger hastigen Schrittes auf ihn zu: »Ihr seid David Stern!«

»Der bin ich. Wer seid ihr?«

»Wir sind Lüneburger Bürger und dieser hier ist Euer Sohn, Hans Stern.«

»Mein kleiner Knabe – er, der mich herausgehauen?«

»Vater!« Hans wollte sich an des Hauptmanns Brust werfen, dieser streckte ihm die Rechte hin. »Hast ohne meine Unterweisung deine Klinge nicht schlecht geführt, Junge. Muß dir von mir angeboren sein.« Dann wandte er sich zu den übrigen. »Ich danke euch – bin der einzige, der's kann. Die Strolche kamen wegen der Pferde, mein Knecht ist gleich dabei erschlagen. Nun laßt uns aber aufsitzen, wir haben unsere Tiere wohl verteidigt, ihrer drei stehen sie da in der Scheuer.«

»Wir müssen doch die Toten erst begraben,« sagte Hans, vom Wesen des ungeliebten Vaters erkältet. Es geschah, dann brachen sie nach einem gemeinsamen Mahle auf.

Der Hauptmann Stern ritt mit seinem Sohne voran, die drei anderen folgten. Die beiden ledigen Pferde wurden aneinander gekoppelt mitgeführt. Kröger hütete sich auf dem ganzen Wege wohl, dem Hauptmanne nahe zu kommen. Er konnte ihm den Tod seines geliebten Meisters, Franz Töbing, nicht verzeihen; hätte Niklas gewußt, wem er half, er würde es vielleicht nicht gethan haben. Auch Hans warf scheue Blicke auf den fremden Vater. Er glaubte, er müsse ihm nachtragen, daß jener seine gute, heißgeliebte Mutter so lange verlassen. Es ließ sich nicht verkennen, daß David Stern ein frommer, tapferer, in seinen Berufspflichten zuverlässiger Mann sei, und doch konnte Hans kein rechtes Herz zu ihm fassen.

Die beiden lange Getrennten ritten einsilbig durch die öde Gegend. »Denkt Ihr nun immer in Lüneburg zu verbleiben?« wagte endlich der Sohn zu fragen.

»Ja, ich wünsche mit dem löblichen Rat wiederum zu festem Abschluß zu kommen,« erwiderte Stern und fuhr mit einem Anfluge von Vertraulichkeit fort: »Ich halte einen Trupp wohlerprobter Gesellen bereit, mit welchen der Stadt Wehrhaftigkeit und Sicherheit verstärkt werden soll.«

»So tretet Ihr wirklich wieder in Ratsdienste?« fragte Hans erschrocken.

»Es wird sich, wie ich erhoffe, machen. Die Lüneburger haben Ursache, auf ihrer Hut zu sein.«

Hans versank in Gedanken. Also verstärkt sollten die Ratssöldner werden! Hierfür gingen die Sparpfennige der Bürger hin und für das Abkaufen der Herzogstruppen ebenfalls, welch elende Wirtschaft! Seinem Vater mußte er von nun an in den heiligsten Überzeugungen und nächsten Bürgerpflichten schroff gegenüber stehen.

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