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In seinen Fußstapfen

Auguste von der Decken: In seinen Fußstapfen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleIn seinen Fußstapfen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1891
isbn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectid90b9b182
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Vierzehntes Kapitel.

Stats Töbing hatte, als nächster Vetter des Bürgermeisters Hieronymus Töbing, die ganze reiche Nachlassenschaft des kinderlosen Ehepaares geerbt. Dieses war nach dem jähen Tode des einzigen Sohnes in Kummer und Gram hingesiecht und beide Eltern hatten bald nach ihrem Franz das Zeitliche gesegnet.

Als Stats durch den großen Besitz zu noch höherem Ansehen gelangt war, wurde er zum Bürgermeister erwählt und hatte jetzt sogar im Laufe der Jahre die Würde des Ältesten in jenem Kolleg erlangt. Neben ihm saßen im Bürgermeisteramt sein Vetter Thomas Töbing, Ludolf Laffert, der Großsohn des alten Elver und als Jüngster Fritz Witzendorff, der Sohn des früheren Bürgermeisters und Bruder der Schwestern Barbara von Dassel und Metteke Stöterogge. Jene Männer waren in eine schwere Zeit gestellt und hatten mit steten Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Sollten sie denselben dauernd gewachsen sein?

Stats Töbing konnte den reichen Besitz wohl gebrauchen, denn seine grämliche, stets klagende Ulrike hatte ihn mit acht Kindern beschenkt, von denen Christoph das älteste war. Die große Familie ließ sich's in dem prächtigen Eckhause, der Marienkirche gegenüber, wohl sein und merkte sicherlich in der äußerlichen Lebensführung weniger von der Zeiten Not, als die meisten der anderen Einwohner der Stadt. Allein, die Geister der Eintracht und des Frohsinns walteten auch jetzt nicht unter dem stolzen Giebeldache. Der Vater war stets in Schwierigkeiten mit äußeren und inneren Widersachern der Stadt, immer bedenklich, trocken und alle Dinge dreimal überlegend. Die Mutter sah sauer aus, sie zankte und seufzte viel.

In der Sorge, ihr Ältester könne dem frei erzogenen, hochgemuten Franz Töbing nacharten, hatten sie Christoph bis zu seinem dreißigsten Jahre in größter Abhängigkeit gehalten und dann erkannt, daß es so nicht länger gehe. Die Eltern gaben ihm eigenes Vermögen und volle Freiheit, die er nun sogleich mißbrauchte. Er galt seit zwei Jahren als roh und wüst, er trank und machte Unfug, wo er konnte. Dem zu steuern, verlobte ihn der Vater vor einigen Wochen mit der wohlhabenden Beate von Dassel. Beide Väter dachten den altererbten Wunsch einer Vereinigung der Evering-Hälften damit zu erfüllen. Töbing hatte seinen Anteil schon an Christoph abgetreten, und der Senator stimmte zu, Beaten die andere Hälfte als Erbtheil zuzuschreiben.

Aber jene Verlobung schien kein Zuchtmittel für Christoph zu sein, sein Lebenswandel erregte denselben Anstoß, wie zuvor. Seine Braut fand Ursache zu klagen und die neuliche Rauferei mit dem Buchdrucker in Dassels Prunkgemach hatte auch Frau Barbara streng gerügt. Zwar mochte jener Geselle nach dem Gesetz für die Verwundung eines Junkers übel wegkommen, aber Christoph hatte Händel angefangen; dieser Einsicht konnte selbst der Vater sich nicht verschließen, und eine Beschleunigung der Hochzeit war das einzige Mittel, dem Ungeberdigen das Seil zu besserer Führung über die Hörner zu werfen.

Große Not und Beschwerden schienen mittlerweile der Stadt wiederum zu drohen. Eben war ein kaiserlicher Kriegskommissar da gewesen und hatte Geld, Proviant und Pulver verlangt, eine althergebrachte Reichssteuer, welcher der Rat sich nicht entziehen konnte. Dann traf vom Landesfürsten in Celle die freundliche Mahnung ein, die Stadt möge sich gerüstet und wachsam halten, um vor Überfall geschützt zu sein. Es heiße, Banner wolle seine Armee mit der des Generals Leslie im Lüneburgschen vereinigen und Herzog Georg, der schließlich auch dem Prager Frieden beigetreten war, wollte diese Vereinigung der beiden schwedischen Heereshaufen zu verhindern suchen. So konnte sich der Schauplatz schwerer Kämpfe bis dicht an die Stadt heranziehen und derselben Gefahr bringen.

Im Rathause saßen die vier Bürgermeister zu vertraulicher Sitzung am grünen Tisch beisammen. Sie sahen bis auf den jüngsten, Fritz Witzendorff, dessen gerötetes Gesicht Hochmut und Sorglosigkeit zeigte, bedenklich und erschrocken darein.

»Lasset uns, meine Herren Kollegen,« hob sich räuspernd Stats Töbing an, »die jeweilige Lage in reifliche Konsideration ziehen. Seiner hochfürstlichen Gnaden landesväterliche Verwarnung und Ermahnung können wir billigermaßen kaum in den Wind schlagen, indem selbiges uns zu Schaden und Ungnade gereichen möchte. Sollte die argüble Konjunktur der Zeitläufte, jene in diesem herzoglichen Schreiben erwähnte Verbindung derer von Schweden und Niedersachsen unter unsern Mauern sich begeben, würden wir nicht Arme genug finden können, unsere Wälle zu verteidigen, unsere Stücke zu bedienen und die Gefahr, in eines der Kämpfenden Hände zu geraten, abzuwehren. Inmaßen solches nun unserer Einsicht sich aufgedränget, möchte ich eurer wohllöblichen Intentionen mich schuldigst vergewissern.«

Der Nächstälteste, Thomas Töbing, neigte das Haupt und pflichtete vollständig bei; man war nicht gewöhnt, von Thomas rettende Gedanken zu hören, er galt nur als eine Verstärkung der Stimme seines Vetters.

Ludolf Laffert eiferte gegen die Möglichkeit, Truppen Herzog Georgs einzunehmen, worauf des regierenden Herrn Handschreiben wiederum hindeutete. »Solchergestalt uns in unseren eigenen Mauern zu vergewaltigen, mag schon längstens der Herzöge Meinung sein!« rief er scharf. »Dieses dürfen wir indes nicht statuieren. Wohlweise und ehrbare Herren, lasset uns mit der aufsässigen Bürgerschaft paktieren, und der Defensionskasse durch Umlage und Lizent aufhelfen. Wir sind sodann wohl imstande, eine neue Söldnertruppe anzuwerben und wiederum einen starken, kriegskundigen Hauptmann an ihre Spitze zu stellen. Ihr wisset, das Ratskollegium hat diese Sache in unsere Hand gelegt.«

»Wohlgesprochen, liebwerter Herr Kollege!« sagte Witzendorff zufrieden. »Nur am Platze sein, nur unserer Würde nichts vergeben. Wir können uns auf unsere Werke, auf die Kanonen der Kalkbergsveste verlassen und sind hinter Wall und Mauern allen herzoglichen Praktiken überlegen.«

»Es will sich nun absonderlich geschickt fügen, daß ich hier diese Zuschrift erhalte,« nahm aufs neue der älteste Bürgermeister das Wort, zog einen Brief hervor und breitete denselben aus »Unser alter Hauptmann, David Stern, der böser Irrungen halber vor langer Zeit die Stadt verlassen mußte, hat sich wiederum mit einem wohlerprobten Söldnertrupp eingestellt. Es kann keiner das Unglück, so dermaleinst durch Sterns Diensteifer angerichtet worden, schmerzlicher beklagen als ich,« – Stats versuchte eine Thräne hervorzulocken, – »allein, will man gerecht sein, wie es uns Vätern der Stadt geziemt, so muß man konsentieren, daß besagter Hauptmann seine Pflicht gethan, ja, daß es vielleicht um der Stadt Wohl anders stände, wenn man jenen Gestrengen früher wieder zu erwerben versucht hätte.«

»Wohl, sehr trefflich geredet!« sagte Thomas.

»Wir haben uns ernstlich vorzusehen!« rief Laffert eifrig. »Ihr wisset, neue Kunde aus Hannover meldet, daß der Magistrat sich vergebens gegen Aufnahme herzoglicher Soldateska gesträubt hat. Sie ist samt Konsistorium und Kanzlei eingezogen und seitdem Herzog Georg das Minoritenkloster an der Leinestraße gekauft hat, steht für die Stadt und ihre Freiheit zu befahren, daß sein Hofhalt sich allda festsetzet.«

»Lasset uns wider solcherlei Gewaltthat mit allen Kräften angehen!« sprach Witzendorff entschlossen. »Ist David Stern noch rüstig, so mag er der rechte Mann für uns sein. Welcherlei Gründe seines jetzigen Kommens giebt der Waffenmeister an?«

»Hochachtbare Gründe,« fuhr Stats Töbing fort, »es möchte um das gemeine evangelische Wesen besser stehen, so jeglicher nur der reinen Lehre zu dienen gewillt wäre, wie dieser Landsknecht. Stellung und Vorteile schlägt er des Evangelii halber in den Wind. Er schreibt, daß er bis zu des Halberstädters Ende unter dem kämpfte, welcher Gottes Freund und der Pfaffen Feind gewesen, daß er sodann unter Georg von Lüneburg gedient, seinen Posten aber quittiert habe, dieweil der Herzog jener Liga gegen die Schweden, somit dem Bunde der Katholischen beigetreten sei. Er aber wolle nur auf lutherischer Seite stehen. Derowegen sehne er sich, endlich wieder der gut evangelischen Stadt seiner Geburt zu dienen.«

»Höchst wohl gesprochen!« rief Thomas.

»David Stern schlägt vor,« sagte der ältere Töbing, »daß wir ihm durch seinen alten Fähnrich Botschaft nach Ülzen schicken. Er denke allda mit seinen Leuten einzuziehen, wolle diese auch in der Sicherung belassen, bis er mit uns schlüssig geworden, denn in offenem Felde könne der Trupp bei jetzigen Zeiten nicht verbleiben; so möge Holt ihm, falls man seine Bedingungen annehme, die Kompagnie nachführen.«

»Recht preislich überlegt,« meinte Thomas.

Man kam nach weiteren Erörterungen dahin überein, daß die fragliche Angelegenheit mit Peter Holt in der Weise geordnet werden solle, wie Stern vorgeschlagen. Nachdem diese Sache abgethan war, wurden drei Abgesandte aus der Bürgerschaft angemeldet, welche von seiten der Gemeinde mit dem Rat zu verhandeln wünschten.

Man willfahrte dem Gesuch, und die drei Männer traten herein. Es waren Pavel Korbelin, der Brauer, Hans Stern von der Innung der Kagelbrüder und Niklas Kröger, der Drucker. Alle drei verneigten sich ehrerbietig vor den Häuptern der Stadt und der junge feurige Hans Stern, den die andern zu ihrem Sprecher erwählt hatten, begann:

»Wohlweise und hochlöbliche Herren. Es ist unter der Bürgerschaft dieser ehrbaren Stadt bekannt geworden, daß Se. Fürstlichen Gnaden, unser Landesherr, eine Verwarnung wegen drohender Umstände und wahrscheinlicher Wendung der Kriegsläufte an den hochachtbaren Rat eingesandt hat. Dieweil nun der Defensor von Niedersachsen, unser hochberühmter General, Herzog Georg von Lüneburg, mutmaßlich in unsere Nähe kommen wird, ergeht von seiten der Brauer und Kagelbrüder, sowie von sämtlichen Zünften das gehorsamste Ersuchen, ein löblicher Rat wolle beschließen, daß die Stadt bei ihrem Landesherrn und natürlichem Verteidiger Schutz suche.«

»Wie wollet Ihr das verstanden wissen, Gesell?« fuhr Witzendorff heraus.

»Ihr werdet doch keinen Verrat an der Stadt Selbständigkeit im Sinne haben?« fragte Stats Töbing herb und lauernd.

»Man schämt sich, solches zu denken!« rief Thomas.

»Der Schutz des Herzogs,« meinte Ludolf Laffert, »würde der des Wolfes sein, welcher die Herde verschlingt.«

»Sollten Schweden, Kaiserliche, Kursachsen und Brandenburger nicht denselbigen Hunger verspüren?« warf Hans Stern hastig ein.

»Mögen sie verspüren, was sie wollen, wir und unsere Mauern sind stark genug, jeglich bös Gelüsten abzuwehren!« schrie Witzendorff zuversichtlich.

»Sollen wir der Bürgerschaft ausrichten, daß ihr sie dem ersten Besten lieber wehrlos preisgebt, als daß ihr Truppen unseres Herzogs einnehmt?« fragte Hans Stern und in Ton und Blick lag etwas Drohendes.

Der vorsitzende Bürgermeister, auf welchen alle sahen, als denjenigen, der die Antwort geben mußte, überlegte. Es war sehr gegen Stats Töbings Wesen, rasche Entschlüsse zu fassen. Zaudernd, begütigend abschwächen, war ihm stets das Gemäße.

»Ihr seid ein heftiger junger Gesell,« sprach er langsam. »Große Fragen wollen reiflich erwogen sein, auch ließe sich viel gegen das Recht der Bürgerschaft einwenden, mit solcherlei Anhalten Ratsbeschlüssen vorzugreifen. Immerhin wollen wir noch einmal reiflich erwägen, was in sothanen Schwierigkeiten zu verfügen sein dürfte. Einer von euch mag morgen Abend um sieben Uhr in meinem Hause an der Marienkirche vorsprechen, unsern Bescheid geziementlich zu erfragen.«

Damit waren die drei Abgesandten entlassen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu gehen.

»Morgen wird es auch keine bessere Auskunft geben,« sprach Hans Stern, als sie draußen waren, »es ist die einzige Rettung, selbst zu handeln.«

»Und das soll geschehen,« sagte Kröger zornig.

Die Herren im Beratungszimmer, einig, daß sie nicht auf der Bürger Wünsche eingehen wollten, gaben Stats Töbing recht, es sei klug gewesen, die Bittsteller hinzuhalten.

In Johannes Sterns Hause herrschte am anderen Tage die größte Bestürzung. Der Büttel hatte einen harten richterlichen Entscheid gebracht. Der Buchdruckergesell Heinrich Stern wurde – nach Paragraph zwölf der städtischen Ordnung –, sintemalen er einen Junker, den hochgeborenen Herrn Christoph Töbing, ältesten Sohn des wohlweisen und löblichen Herrn Bürgermeisters Stats Töbing, unter Hausfriedensbruch beim ehrbaren Herrn Senator Schorse von Dassel, verwundet habe, zu folgenden Strafen verurteilt: für die Verwundung drei Monate im blauen Turm, dem Bürgergefängnis am Walle, mit dem Ersten des Juni beginnend; für den Hausfriedensbruch übermorgen um Mittag drei Stunden mit Halseisen am Pranger auf dem Markte.

Heinrich hatte am Tage nach seiner lebhaften Besprechung mit Ursel eingesehen, daß er jenes unglückliche Ereignis in Dassels Hause, welches sicherlich schwere Folgen nach sich ziehen würde, seinem Vater nicht werde verheimlichen können und also den gestrigen Hergang der Dinge bedrückten Gemütes im Schreibstüblein vorgebracht.

Der vorsichtige Johannes, welcher, um jeglichen Anstoß gegen der Stadt Ordnung zu vermeiden, die Gesetze genau kannte, war sehr erschrocken gewesen. Überzeugt von des Sohnes Unschuld an dem mißlichen Handel, sann er hin und her, was man thun könne, die drohende Strafe zu mildern, oder vielleicht gar abzuwenden. Wenn er auch auf Frau Barbara von Dassel, mittels günstiger Bedingungen für ihren schwebenden Handel einwirken konnte, so sagte er sich doch, daß die Anklage gegen Heinrich von seiten der Töbings ausgegangen sein werde, auf die er nicht den geringsten Einfluß besaß. Stats Töbing war einer der reichsten Männer der Stadt, die Frau engherzig und grämlich, der Sohn eifersüchtig und roh. Wie sollte man diesen Leuten beikommen, auf daß sie sich für den Beleidiger verwendeten und sich mit einem geringeren als dem gesetzlichen Strafmaß zufrieden erklärten?

Alle diese Erwägungen wurden nach Eintreffen des Erkenntnisses noch viel lebhafter im Hause der Sterns gepflogen.

Es war noch zeitig am Morgen, aber die ganze Familie war schon im Schreibstüblein versammelt. Der Vater bewegte sich mühsam, von Unruhe getrieben und finster dareinschauend, im engen Raum seines Zimmers hin und her. Frau Anna hockte laut schluchzend im Winkel, sie stöhnte dann und wann: mein Sohn, mein armer Junge! Hans und Heinrich standen nebeneinander, der größere und kräftigere Vetter hatte den Arm um des liebsten Freundes Rücken geschlungen, es schien, als wolle er ihn gegen jegliche Unbill schützen und verteidigen.

Heinrich sah bleich und ergrimmt aus. In seinem Gemüte tobte ein Heer von anklagenden und doch auch wieder freisprechenden Gedanken. Christoph Töbing hatte ja recht gehabt mit seiner Eifersucht. Heinrich konnte es keinem eingestehen, aber es war so, er gönnte die süße Beate dem rohen Bräutigam nicht, und wenn die Verwundung eine leichte geworden war, so hätte es bei seiner damaligen Erregung auch ebenso gut anders kommen können.

Ursel Prigge lehnte am Fenster und tippte scheinbar teilnahmlos und doch sinnend an den kleinen bleigefaßten Scheiben herum. Auch in ihr rang der Entschluß zu helfen, mit Bedenken, die ihrem sorglos fröhlichen Gemüt sonst fremd waren. Rat durfte sie nirgend suchen, jeder der Ihrigen hätte sich ihrem Vorhaben widersetzt, sie warnen und schelten, aber sie sah keine andere Hilfe und ihr Hein am Pranger – im dunkeln Turmloch – nein, es durfte nicht sein! Sie wollte nichts mehr hören und verließ leise das Gemach. Auch die Mutter wurde abgerufen, und die drei Männer kamen nun, ohne die Frauen, zu ernsteren Erwägungen.

»Es wird mir nichts übrig bleiben,« sprach Johannes Stern entschlossen, »als mit Heinrich, nach vorher eingezogener Erlaubnis der Dasselin, in das Haus des Senators zu gehen und unter Zubilligung größerer Vorteile bei unserm Handel, die ich auf meine Kasse nehme, Frau Barbaras Verwendung zu erkaufen. Sie soll alles über ihren Ehemann vermögen: leugnet aber der Senator den Hausfriedensbruch beim Gericht und giebt an, daß er sich nicht gekränkt fühlt, so sind wir wenigstens vom Pranger frei – diese Bedingung werde ich der Verkäuferin voranstellen.«

»Und ich gehe in Sachen der Bürgerschaft noch heute Abend zu Stats Töbing,« sprach Hans eifrig. »Wenn ich dem Hochmögenden allein gegenüber stehe, gelingt es mir vielleicht, seinen Sinn zu ändern.«

»Eure Gutheit wird mir nicht viel helfen,« entgegnete Heinrich düster, »mir ist auch alles gleich. Mag das Ärgste über mich kommen, die rechte Lust am Leben ist mir doch vergällt.«

Vater und Freund erschraken und redeten auf den Verstörten ein, den sie nie so mutlos gesehen. »Was ist mit dir geschehen?« riefen sie. »Du hast doch den Junker nicht erstochen. Und wenn es wäre, würde es im ehrlichen Kampf gewesen sein, in dem du der Angegriffene warst. – Kopf hoch, lieber Junge, wir wenden die schimpfliche Strafe noch von dir ab!«

Heinrich sollte den Pfannenverkauf der Senatorin, und was man unter den obwaltenden Umständen vernünftigerweise bieten könne, noch einmal mit dem Vater berechnen, er blieb also noch bei ihm in seiner Schreibstube.

So ging Hans allein über den Hof, um nach der Druckerei zurückzukehren. Als er an Ursels Wohnung vorüber kam, wandte er wie gewöhnlich den Kopf dorthin und sah das reizende junge Weib, die Augen niedergeschlagen, trübe sinnend auf der Bank in ihrem offenen Fenster sitzen. Er blieb stehen und sagte, bewegt von ihrem ungewöhnlichen Ausdruck, halblaut: »Liebe Ursel!«

Sie schrak auf und streckte ihm die Hand entgegen: »Sieh, unser guter Hans! Ach, ich bin sehr unglücklich über den armen Hein!«

»Darf ich zu dir kommen, daß wir noch einmal seine Sache besprechen?« Sie nickte und er trat gleich darauf bei ihr ein.

Es wurde ihm stets ganz eigenartig wohl, wenn er ihr nettes Putzstübchen betrat.

Der ganze Raum sah ebenso zierlich und schmuck aus, wie das hübsche Frauchen selbst. Blumen, die sie sich immer zu verschaffen wußte, dufteten in Töpfen und Gläsern; da stand ihr blankes Spinnrad mit der roten Wockenschleife und dort lag eine aus der Hand geworfene bunte Stickerei.

Sie war ihm freundlich entgegen gekommen. Wieder reichten sie sich die Hände und dann führte sie ihn zu dem geschnitzten, hochlehnigen Ehrensitz, während sie sich ein Bänkchen heranzog. »Habt Ihr noch eine Hilfe für ihn ausgefunden?« fragte sie mit den sonst so lachenden Augen besorgt zu ihm aufblickend.

»Vater überlegt noch mit Heinrich; wir werden alle für ihn thun, was möglich ist.«

Ungeduldig zuckte sie die Schultern: »Die Zeit drängt.«

»Ich habe gar nicht gedacht, daß du etwas so ernst nehmen, daß dich etwas so tief bewegen könne, liebe Ursel,« er neigte sich zärtlich zu ihr nieder.

»Gleichgültig bin ich doch nicht!«

»Na, vielleicht hier und da etwas unbekümmert, etwas sorglos und obenhin.«

»Du kränkst mich,« sagte sie mit jenem Schmollen, das ihr allerliebst stand, von ihm fortrückend.

Er hatte die Empfindung, ihr unrecht gethan zu haben, und sein großmütiges Herz quoll über von dem Bedürfen, wieder gut zu machen. »Ursel – Herzensursel! – mein süßer Liebling!« flüsterte er begütigend.

Sie erhob sich und schritt, das Köpfchen gesenkt, ihrem früheren Platze am Fenster zu.

Er sprang auf und vertrat ihr den Weg. »Habe ich dich wirklich gekränkt, Urselke? O ich möchte dein Leid nicht vergrößern! Wie kannst du nur meine Worte ernsthaft nehmen? Du bist sonst nicht so empfindlich.«

»Alles, was du sagst, geht mir sehr nahe –« hauchte sie, das errötende Gesicht abwendend.

»Und ich habe deine Zartheit nicht geschont – ich habe dir weh gethan – vergieb, Herzliebe!« Er legte den Arm um sie.

In diesem Augenblicke wurde sein Name am Fenster gerufen; das Paar blickte erschrocken empor und trat unwillkürlich auseinander. Heinrich stand da mit seinem trüben, zerstreuten Gesichtsausdruck, ihm war offenbar nichts aufgefallen. » Du möchtest noch einmal in die Schreibstube kommen, Hans,« sagte er eintönig.

»Gleich – gleich!« flüchtig drückte der Abgerufene die Hand des holden Bäschens und folgte dem Befehl des Vaters.

Bald nach ihres Vetters Besuch nahm die hübsche Witib ihr weißes Kopftuch mit der roten Kante zur Hand, steckte sich's mit einer goldenen Nadel vor ihrem Spiegel zierlich über den Kopf, zupfte und drehte an ihren blonden Löckchen und verfügte sich auf die Straße. Sie lenkte ihre trippelnden Schritte den Sand hinunter und begab sich nach dem Hause ihrer Tante Seutemine hinter der roten Mauer.

Die gute Muhme hängte in ihrem blühenden Gartenstreifen Wäsche auf und kam ihrem Verzug eilig und erfreut entgegen. Ursel nahm der Gütigen Arm und ging mit ihr auf dem oft beschrittenen Wege an der Stadtmauer entlang hin und wieder. Im Wandern erzählte sie ihr, mit kurzen, möglichst ehrbar gehaltenen Worten, ihr Abenteuer im Rathause. Die brave Seutemine, der die Möglichkeit, derartiges zu unternehmen, zu keiner Zeit ihres Lebens in den Sinn gekommen wäre, geriet in großen Schrecken und noch größere Sorge. »Kind, liebes Kind!« rief sie ganz bestürzt, »ich kann mirs denken, was dich bewegt, dein Wagnis ist ausgekommen und du steckst in großer Not; o wenn ich dir doch helfen könnte!«

»So ist's nicht, liebste Wase, seid für mich ganz ruhig. Im Gegenteil eracht ich's als eine glückliche Fügung, solche hochansehnliche Bekanntschaft gemacht zu haben. Möcht ich selbige doch für meinen armen Hein nutzen, dessen üble Lage Hans Euch berichtet hat.«

Die Erinnerung an Heinrichs Mißgeschick ließ Seutemine in Thränen ausbrechen, ihre weiche Seele wußte sich nicht anders zu helfen. Ungeduldig blickte Ursel zur Seite auf die Schluchzende; als diese sich etwas beruhigt hatte, fuhr die entschlossene kleine Witwe fort: »Wir müssen dem armen Hein beistehen, müssen ihn erretten. Willst du mir dazu helfen?«

»Ob ich das will, Ursel? Lieber Himmel, alles, was in meinen schwachen Kräften steht, möchte ich für den armen guten Jungen thun. Aber da müssen die Männer daran, wir können das doch nicht!«

»Im Gegenteil, Wase.« Ursels hübsches Gesicht sah ganz listig aus. »Wir bringen viel mehr zuwege, als die Männer, wenn wir's nur richtig anfangen.«

»Was du für ein anschlägig' Ding bist! Du hast wohl gar schon dein Plänchen?«

»Gewiß; man muß seine hochmögenden Bekanntschaften ausnutzen. Herr Christoph Töbing, der Beleidigte, wird, wenn ich ihn schön bitte –«

»Aber Kind, wie willst du an ihn kommen; du kannst doch nicht zu ihm gehen!«

»Nein, leider kann ich das nicht.«

»Also kann er dir nichts nützen.«

»Wenn du für den armen Hein nicht ein übriges thun und erlauben wolltest, daß der Junker hierher käme –«

»Hierher – um alles in der Welt, Ursel, wo denkst du hin! Was würde Hans dazu sagen und auch Andreas –«

»Weinen kannst du, aber helfen willst du nicht,« schmollte die Abgewiesene und ließ den Arm Seuteminens los.

»Kind, Kind, sei nicht böse –« die gute Frau hatte ja nie ein unzufriedenes Gesicht sehen, nie etwas abschlagen können. »Du liebe Zeit, was soll ich thun? Wie meinst du's denn mit dem Junker?«

»Herzenswase« – sie nahm wieder den losgelassenen Arm und schmiegte sich an die Ältere. Ganz leicht, ganz nett wird's sein. Der Nachbarn halber müßten wir die Dämmerung abwarten, ehe wir Herrn Christoph kommen ließen. Ohm Dras steckt dann wie eingemauert in seinem Thurm. Hans hat beim Bürgermeister, dem Vater des Junkers zu thun, und geht, wie er sagte, von da auf die Trinkstube der Kagelbrüder, wo sie ihn mit wichtigem Bescheid erwarten. Ich komme hierher, der Junker findet sich dazu, du empfängst ihn, wir sprechen ein Viertelstündchen bei hellem Lichtschein in der Stube und dem armen Hein wird durch hohe Verwendung seine harte Strafe erlassen.

»Und du meinst wirklich, das ginge so leicht? Wie willst du denn den Junker herbekommen?«

»Ein Zettelchen von mir – sei ruhig, ganz ohne Namen – wird ihn schon herbringen.«

Es kostete der Schlauen nur noch geringe Mühe, die weichherzige Muhme zur Einwilligung zu bewegen, eine kurze weitere Verabredung und Ursel verließ als Siegerin den Garten.

Gegen sieben Uhr abends schritt Hans, festlich angethan, mit frischem Leinenkragen und bunten Knieschleifen an den puffigen Hosen, dem Hause des Bürgermeisters zu, um die in Aussicht gestellte Antwort, von der er freilich wenig Gutes erwartete, in Empfang zu nehmen.

Viel mehr bewegte ihn in diesem Augenblicke die Hoffnung zu Heinrichs Gunsten sprechen und von dem gestrengen Herrn eine Milderung der Strafe erlangen zu können. Und dann seine Begegnung am heutigen Morgen mit Ursel. Das holde Weib war doch eines ernsten und tiefen Empfindens fähig, in jener Stunde glaubte er sich davon überzeugt zu haben. Ja, des Vaters neuliche Hindeutung war richtig gewesen, sie standen sich nahe, und sein Herz klopfte hoch, wenn er sich die Frage vorlegte, ob sie sich für das Leben vereinigen sollten?

In angenehmen Gedanken an das reizende junge Bäschen versenkt, betrat Hans das nie gesehene Haus des Bürgermeisters. Er mußte sich in die Gegenwart und die klare Erkenntnis seiner Doppelaufgabe zurück zwingen. Aber wie ein Bild aus oft geschauten Träumen, wie eine neue Verschleierung der Wirklichkeit umfing ihn der Raum, welchen er eben betrat.

Wo hatte er nur das große Halbrund dieser bunt ausgemalten Diele, diese braunen Löwen als Schildhalter zu beiden Seiten des schön geschwungenen Treppengeländers, die farbigen Wappen in den Fenstern gesehen?

Er kennt den Fruchtbaum der Töbings, aber so lebendig und wirklich ist dies Sinnbild ihm nie entgegen getreten wie heute in diesen hohen Dielenfenstern, die, aus hundert kleinen, bleigefaßten Scheiben gebildet, in der Mitte das bunte Wappen umschließen. Und dort der prächtige Schrank; auf den Thüren sind Adam und Eva geschnitzt und dazwischen der Fruchtbaum; er weiß, daß wenn man jenen Apfel zur Seite schiebt, das Schlüsselloch zum Vorschein kommen wird. Er kennt das alles und besinnt sich doch nicht, woher. Die schrägen Strahlen der Abendsonne fallen durch eines der Fenster und farbige Lichter spielen über den roten Backstein-Fußboden. O seltsam traumhaftes Empfinden!

Unsanft wurde der Umherstarrende aus seiner Versunkenheit aufgescheucht. Kinderlärm und andere mißtönende Menschenstimmen störten ihn in der süßen Hingabe an das Schauen.

»Was steht Ihr hier und gafft, Gesell?« rief ein Diener ihn mürrisch an. »Glaub's wohl, daß Ihr so Schönes, wie's bei uns gibt, nie gesehen. Was wollt Ihr hier?«

»Ich bin von seiner Wohlweisheit, dem hochgeborenen Herrn Bürgermeister Töbing herbestellt und komme in Sachen der Bürgerschaft,« erwiderte Hans bescheiden.

»Ach so, der seid Ihr,« sagte der Stubenknecht frech und rieb seinen Rücken an dem geschnitzten hohen Schranke. »Mein hochmögender Herr kann Euch noch nicht empfangen. Ihr möchtet in einer guten Stunde wiederkommen.«

Hans ging. Unmut regte sich in ihm. War er nicht Vertreter der Bürgerschaft? Handelte sich's nicht um ernste Dinge? Aber es lag am Tage, der Bürgermeister wollte den Gemeinen durch sein ganzes Verfahren Nichtachtung beweisen. Er wollte sie in ihr bisheriges Nichts zurückdrücken, wollte ihre Beiträge, ihre Steuern, ihren Licent, ihre Arbeit auf den Wällen, aber ihrer Meinung und Stimme verschloß der ganze Rat sein Ohr. Es drohte eine schwere Zeit. Was es zu tragen geben würde, mußten die Bürger vor allem tragen, und kein Wort der Mahnung sollten sie darein reden dürfen?

Hans Stern schritt erregten Sinnes von dannen, um eine peinliche Stunde des Wartens bis zu dem später befohlenen Besuch beim Bürgermeister hinzubringen. Er wollte auf keinen Fall zu früh zurückkehren, um nicht noch einmal abgewiesen zu werden.

Während Hans des Bürgermeisters Haus verließ, stand Christoph Töbing in seinem geräumigen Zimmer gleich neben der Hausthür und las mit freudigem Gesichtsausdruck zum unzähligsten Male einen Zettel, den ihm bei seinem Ausgange eine unbekannte Alte in die Hand gedrückt hatte; derselbe lautet: »Wollet Ihr das rote Gürtelband der Eigentümerin zurückgeben? Sie erwartet Euch im Hause der Soltaus hinter der roten Mauer zur Zeit der Dämmerung.«

Das Blatt kam von ihr, das mußte sie sein, von der seit dem Mummenschanz des Faßelabends seine Seele erfüllt wurde. Was kümmerte ihn seine kleine dunkeläugige Braut neben diesem reizvollen Weibe? Endlich würde sich das Rätsel lösen, welches die Maske ihm aufgegeben. Endlich sollte er erfahren, wer sie sei. Mußte er auch Beate freien, die andere zu besitzen sehnte er sich. Ob es die schöne Bürgerswitwe war, die, seiner Erinnerung nach, jener Liebreizenden glich? »Wie konnte diese aber zum Tanz der Geschlechter gelangt sein? Wie sollte die Sittige es wagen ihn zu rufen?« Allein wie gern folgte er ihr! Nichts sollte ihn hindern. Wie sie es forderte, wollte er sich bei einbrechender Dämmerung in der einsamen, ihm wenig bekannten Gasse einfinden.

Sobald die roten Strahlen der untergehenden Sonne nicht mehr über die Giebel hinleuchteten, schritt Christoph, in einen kurzen weiten Mantel gehüllt, dem entfernten Teile der Stadt zu. Die Dämmerung des milden Frühlingsabends sank wie ein duftiger Schleier über die Straßen und Plätze. Hin und her ziehende Menschen erkannten sich nicht mehr, und als der von seinem geheimnisvollen Vorhaben Erfüllte an die Mauer kam, konnte er unbemerkt in das zuvor erkundete Gartenpförtchen zum Hause der Soltaus schlüpfen.

Auf der Hausdiele kam ihm eine verlegen lächelnde kleine Frau entgegen und öffnete knixend die Stubenthür zur Rechten, worauf die Führerin bescheiden zurückwich.

Er trat rasch ein, die Thür schloß sich hinter ihm. Es war ein geräumiges, aber einfaches Zimmer. In der Mitte stand ein großer Eichentisch frei im Raum. Auf demselben befand sich eine hohe kupferne Lampe, deren beide Arme Licht spendeten.

Sein Blick flog über dies alles rasch hinweg, um auf der allein Anwesenden zu haften. Ja, sie war es! anders als auf dem Feste, aber anmutig und reizend. Das Doppellicht der hohen Lampe fiel hell auf sie, und er fand sie noch viel hübscher, als er gedacht hatte. Es war wirklich das junge Bürgerweib, welches man ihm als Witwe Prigge bezeichnet hatte. Etwas geringschätzig aber sehr verliebt blinzelte er sie an. Er wollte um den Tisch gehen, zu ihr heran treten, sie aber wich zurück und stand wieder gegenüber. Dabei streckte sie die Hand abwehrend aus und sagte mit leicht zitternder Stimme: »Lasset, so Ihr mir freundlich gesinnet seid, den Tisch zwischen uns und hört mir ruhig zu.«

Er lachte siegesgewiß in sich hinein, sie mußte doch sehr für ihn eingenommen sein, daß sie ihm also entgegen kam, und daher wollte er ihr ein bischen Gezier und Sprödigkeit vorläufig gönnen.

Nun erzählte sie ihm mit raschen Worten, wobei sie augenscheinlich immer mutiger wurde, daß sie Heinrich Sterns Schwester sei und daß ihr Bruder die Verwundung, welche er ihm zugefügt, sehr bedaure. Sie schilderte, wie Heinrichs harte Verurteilung das ganze ehrbare Haus der Sterns tief betrübe und wie man den Gedanken nicht ertragen könne, ihren Sohn und Bruder am Pranger und im Turm zu sehen. »Ihr, hochmögender Junker, seid nun der einzige, der uns helfen kann,« fuhr sie mit süßem Lächeln fort, indem sie sich mit beiden Händen auf den Tisch zwischen ihnen stützte und ihn bittend anblickte. »So Ihr Euch beim Rat für Heinrich verwendet, so Ihr edelmütig vergebt und Milderung seiner Strafe erlangt, ist Bruder Hein gerettet. Ich dachte an unsere Bekanntschaft und wollte es wagen, Euch zu bitten.« Sie hob die Hände zu ihm auf und stand da so liebreizend, daß er vor Sehen kaum noch gehört hatte.

»Ihr verlangt viel, Frau Priggin; wenn ich es thäte, wenn ich Eurem Bruder hülfe, den ich bis dahin haßte –« Christoph fühlte plötzlich, daß sich seine Empfindung für den Gesellen verwandelte, denn was war ihm Beate, weshalb eifersüchtig ihretwegen? »Was wollt Ihr mir geben – womit wollt Ihr mir lohnen? Ich begehre nur Eure Liebe!« Er that einen Schritt auf sie zu, sie hüpfte mit schelmischer Geberde zur Seite und sagte:

»Welch habgieriger Handelsmann Ihr seid! Verlangt gleich den höchsten Preis. Nicht so rasch, werter Junker. Erst die Ware, dann das Geld. Achtet Ihr das, was Ihr begehrt, so gering, daß es verschleudert werden könnte? Nein, nein, so leicht ist Ursel Prigge nicht zu gewinnen.«

»Und was soll ich thun, ihr schöne Spröde?« fragte er eifrig.

»Vor allen Dingen helft Hein vom Pranger, das ist etwas Abscheuliches;« sie schüttelte sich.

»Der Pranger geht die Dassels an, der straft den Hausfriedensbruch.«

»So laßt einen Monat Turm fahren. Nur den Juni!« sie legte bittend die weißen Händchen zusammen.

»Einen Kuß für den Juni!« Er sprang um den Tisch. Sie hatte seine Bewegungen aber gut im Auge behalten, war behender als er und gleich wieder drüben, flüchtig sah sie sich nach der Stubenthür um. Er hatte den scheuen Blick bemerkt und hielt die der Thür zunächst liegende Seite des Tisches mit überlegenem Lächeln fest. Mochte sie noch ihren Willen haben, entschlüpfen sollte sie ihm nicht.

»Wie kann ich an Eure Verliebtheit glauben,« fuhr sie schmollend fort, »wenn Ihr Jungfer Beate mit allzu großer Eifersucht beehrt.«

»Ich liebe sie gar nicht, schönste Ursel, mein Vater will die Heirath, weil Beate vermögend ist.«

»Na vermögend!« Ursel lachte geringschätzig und zuckte die Achseln. »Zum Danke für den Juni kann ich Euch etwas Neues sagen.«

»Das wäre?« Er horchte auf.

Sie neigte sich vorsichtig etwas über den Tisch, legte die Hand an den Mund und raunte! »An mich verkauft Frau Barbara ihre halbe Evering!«

»An Euch – die Evering?« fast trat er vor Staunen vom Tische zurück.

Sie nickte zuversichtlich und nicht ohne Schadenfreude. »Mein ererbtes Geld wird also im Sülzgut angelegt, die Dasselin braucht's nötig für Putz und Hochzeitsschmaus.«

»Die Evering – meine halbe Evering – deretwegen ich das dumme Ding freie! Aber ihr Bürgersleute dürft keine Pfanne besieden, der Sodmeister leidet's nicht. Was wollt Ihr mit dem Sülzgut?«

»Das muß mein Vater wissen.«

Christoph vergaß vor Überraschung, vor Staunen fast seine verliebten Wünsche. Diese kleine Witib, die er so geringschätzig angesehen, sollte die Besitzerin des Schatzes werden? Er konnte es kaum glauben, aber er wollte sich schon Gewißheit verschaffen. Er haßte plötzlich Frau Barbara, sie sollte ihn nicht anführen. Sein Blick fiel wieder auf das reizende Gegenüber. Die Anmutige stand da, das runde Kinn in die Rechte gelegt, den Ellenbogen von der Linken gestützt und sah ihn mit den lachenden Blauaugen groß und neckisch an. Heiße Flammen schlugen wieder in ihm empor. Wie konnte er mit andern Gedanken beschäftigt sein, wenn er ihr nahe war.

»Kommt – kommt!« rief er, streckte die Rechte aus – der linke Arm war noch steif von der Wunde – und begann sie zu verfolgen. Sie, immer einen Seitenblick auf die Thür werfend, tänzelte vor ihm her.

»Ihr hascht mich nicht – ich folge nur gütlicher Übereinkunft –« jetzt eine rasche Bewegung zur Thür, er sprang breit davor.

»Ho, ho, Ihr entkommt mir nicht!«

Plötzlich machte sie mit hellem Kichern eine blitzschnelle Wendung, flog zur angelehnten Kammerthür hinaus, die er gänzlich außer acht gelassen, und hatte den inneren Riegel mit lautem Ruck vorgeschoben, ehe er, starr vor Überraschung, so weit gelangt war, ihr zu folgen. Jetzt rüttelte er an der starken Thür und bat mit vielen guten Worten, sie möge doch wieder hervorkommen.

Vor Lachen konnte sie kaum antworten: »Trefflicher Junker – denkt an den Juni – den nächsten Monat – wollt Ihr Ursel je wieder sehen – denkt daran! Ha, ha, ha, ha!«

Er stand da und rüttelte, verschwendete noch einmal seine Bitten, erhielt aber keine Antwort mehr, alles war still. Die Listige mochte schon längst weiter geflohen sein. Nach kurzem Überlegen und Auf- und Abschreiten erkannte er, daß ihm nichts anderes übrig bleibe als zu gehen. Die bescheidene Hausfrau, welche ihn eingelassen, schaffte ihm sicherlich Ursel nicht zur Stelle, und wenn ein männlicher Mitbewohner sich einfand, konnte er in böse Händel verwickelt werden.

Er verließ also das Haus, ohne jemand draußen gesehen zu haben. Sein Gemüt war erfüllt von neuen mächtigen Eindrücken. Was sollte er gegen die Dassels thun? Wie sollte er die Wahrheit von der Priggin Behauptung erfahren? Vor allem aber, wie konnte er das liebreizende Weib wiedersehen, wie konnte er sie, die alle seine Sinne in Aufruhr gebracht hatte, gewinnen. In diese Gedanken vertieft, bemerkte er einen großen schlanken Mann nicht, welcher ihn scharf beobachtete, als er wenige Schritte von der Soltauschen Gartenthür an ihm vorüber ging.

Bald nachdem Christoph Töbing das Haus verlassen hatte, trat, zur Überraschung seiner Mutter, Hans in dasselbe ein.

»Du – schon zurück?« fragte sie und ihre Stimme zitterte.

»Ja. Der Bürgermeister hat mich wieder nicht angenommen. Ich war zu ärgerlich, um in die Trinkstube zu gehen. Aber was machte Christoph Töbing eben bei uns?«

»Christoph – Töbing?« Das Lämpchen in ihrer Hand bebte und ihr mildes, freundliches Gesicht erblaßte so sehr, daß der Sohn erschrocken den Arm um sie legte und sie ins Zimmer führte.

Hier stand hell beschienen von der zweiarmigen Lampe Ursel Prigge und nestelte an ihrem Kopftuche. Zuerst wallte etwas wie freudige Überraschung, sie hier zu finden, in dem Heimkehrenden auf. Dann stutzte er und überlegte. Seiner Mutter Schreck, die festliche Lampe, und etwas Erregtes, Zuckendes in Ursels Mienen, die bei seinem Anblick sehr rot geworden war, was bedeutete alles dies? – Konnte er den seltsamen Ausdruck der liebsten Base auf ihr zärtliches Zusammensein am Morgen zurückführen? Nein, derartige Berührungen waren nicht ganz ungewöhnlich in ihrem Verkehr. Und der Junker – Christoph Töbing – kam er von ihr? Begünstigte seine brave Mutter ein Verhältnis, das – unmöglich! Diese Gedanken waren ihm, während er dastand, blitzschnell durch den Kopf gefahren. Und doch, die beiden Frauen waren ja ganz verstört. Ursel faßte sich jetzt freilich, kam auf ihn zu und stotterte, sie freue sich, ihn zu sehen, wie fremd, wie gezwungen war das aber.

Mit jähem Wort durchbrach er den Bann, welcher ihn gefangen hielt: »Ursel – Christoph Töbing war hier!« er packte mit hartem Griff ihr Handgelenk.

»Wie du mich erschreckst – laß mich – was weiß ich –« stammelte sie, sich loswindend.

»Mutter – sag's, du kannst nicht lügen, war der wüste Junker wirklich hier bei ihr?«

Die Frau brach in Thränen aus. Sie umklammerte mit beiden Händen des Sohnes Arm: »Hans – ich bitte dich – schilt nicht – sei nicht böse.«

»Heraus mit der Sprache, ich weiß nicht, was ich von euch denken soll.«

»Sie wollte ihn wegen Heinrich bitten,« stammelte die Mutter.

»Und du erlaubtest eine Zusammenkunft – schändlich – hier in unserm ehrbaren Hause? Geh – geh, ich fasse das nicht!«

»O Hans, mein lieber Sohn, es ist ja nichts Arges!« Seutemine schlug laut weinend die Schürze vor's Gesicht.

»Er hat mich nicht angerührt, ich schwöre es dir, Hans!« rief Ursel jetzt eifrig. »Ich wollte nur versuchen, für meinen Bruder –«

»Täusche mich nicht – ich weiß, daß du gefallsüchtig bist. Es war dir ein Vergnügen, den Leichtfertigen zu sehen. Heinrich ist Vorwand –«

»Ich schwöre es dir –«

»Du magst schwören, was du willst – ich glaube dir nicht, glaube dir nie mehr. O diese Täuschung! Mach was du willst – du bist frei, spiele mit mir, mit Töbing, mit Fähnrich Holt, ganz nach Belieben, aber glaube nicht, daß ein Mann, wie ich, sich zweimal von dir kirren läßt.« Er ergriff die kleine Lampe, welche seine Mutter zur Seite gestellt hatte, sagte streng zu dieser, die auf einen Stuhl gesunken war: »Daß jener Mensch nie wieder unsere reine Schwelle überschreitet!« würdigte Ursel, die mit erhobenen Händen zärtlich zu ihm aufsah, keines Blickes und verließ das Gemach, um sich in den Turm zu begeben, wo er den Raum unter Andreas inne hatte.

Die beiden Frauen blieben voll großer Bestürzung zurück.

Johannes Stern hatte denselben Nachmittag benutzt, um mit Hilfe seines Notars den Kaufvertrag mit Frau Barbara von Dassel ganz nach ihrem Sinn rechtsgültig anzufertigen. Dann hatte er Syndikus Melbeck beschickt, welcher sich mit seiner Freundin und Klientin seinerseits in Verkehr gesetzt, und so war, nach hin und wieder gesandten Botengrüßen, die Abrede zu stande gekommen, man wolle morgen früh zehn Uhr, während der Ratsstunde, im Hause der Verkäuferin den Handel abschließen. Auf die Bedingung, den Gesellen Heinrich Stern von der drohenden Strafe des Prangerstehens zu befreien, war die hochmögende Frau als Gegenleistung für das ihr Zugebilligte auch bereits eingegangen. Die Geheimhaltung ihres Handels war beiden Parteien gleich wichtig und erschien darum völlig gesichert.

Am anderen Morgen erkannte Johannes Stern nach einiger Überlegung die Gründe seines Sohnes, welcher die Ansicht vertrat, er müsse mit in das Haus des Senators gehen, als zu Recht bestehend an. Ja, Heinrich wurde von der ganz löblichen Empfindung geleitet, er habe sich bei Frau Barbara wegen der verursachten Störung zu entschuldigen, und ihr zu danken, daß der Senator die Klage gegen ihn zurück nahm. Der Vater war sehr wohl mit seinem Sohne und dessen Empfinden zufrieden. Das Geldopfer eines ungünstigeren Vertrags, welches er hatte bringen müssen, um die schimpfliche Strafe abzukaufen, sollte ihm nicht leid sein.

Gegen zehn Uhr standen also beide Sterns in guten Sonntagskleidern auf des Senators prächtiger Diele. Der Notar des Käufers kam dazu. Ein Stubenknecht sagte, der achtbare Herr Syndikus Melbeck sei bereits oben in der gestrengen Frau Kemenate, er wolle die Drei anmelden. Bald darauf kehrte er zurück: »Die wohledle Frau sei bereit, den Buchdrucker und den Notar zu empfangen, der junge Gesell könne noch nicht vorgelassen werden, er möge auf der Dielenbank warten.«

»Ihr werdet der Frau meine Bitte um Vergebung ausrichten, Vater,« bat Heinrich, der, seit sie in dem Hause waren, eifrig umher spähte. Es schien, als könne er sich an all' dem Ausputz nicht satt sehen. Johannes nickte und folgte mit seinem Rechtsbeistande dem Diener nach oben. Heinrich ließ sich auf der geschnitzten Dielenbank nieder. Die Leute des Hauses gingen gleichgültig an ihm vorüber. Niemand kümmerte sich um ihn. Eine Zeitlang war die Hausflur ganz leer.

Da öffnete sich die Hausthür, eine zierliche Frauengestalt schlüpfte herein. Heinrichs Herz begann zu klopfen. Sie nahm das Kopftuch ab; richtig, es war Beate.

Das Mädchen gewahrte den Emporgefahrenen und gespannt Dastehenden sogleich und kam auf ihn zu.

»Ihr – hier?« fragte sie beklommen und erstaunt.

»Mein Vater hat oben bei der wohledlen Frau Senator zu thun, und ich warte, –«

»Es will mir nicht ziemlich erscheinen – sie stockte, ich meine, Ihr solltet – bitte, tretet ins Wohnstüblein.« Sie öffnete eine Thür zur Seite, und er folgte ihr. Nun standen sie sich drinnen wieder allein gegenüber.

»Mutter schickte mich zur Tante Metteke – die war nicht zu Hause. Meine Geschwister sind auch alle fort. Vater ist zur Beratung« – es schien, als wolle sie ihr Alleinsein entschuldigen.

Er hatte jetzt seine Fassung wiedergewonnen, es war ja sein höchster Wunsch gewesen, sie noch einmal zu sehen, um ihr sein Bedauern über den neulichen Vorfall auszudrücken, mit warmen und eifrigen Worten that er es jetzt. »In Euren Augen, vielteure Jungfer, als ein Streithahn und Tückebold dazustehen,« fuhr er bewegt fort, »wäre mir ohnemaßen betrüblich. Ich meinte, so ich mir solches Mißgeschick ausdachte, ich könne mein Lebtage nicht wieder froh werden. Wollet mir die Angst, so Ihr um den Junker, Euren Verlobten, ausgestanden –«

»O um Euch war ich viel mehr besorgt!« rief sie herzlich, »der schlimme Christoph hatte ja das große Messer ergriffen, und wollte Euch an Leib und Leben. Wäret Ihr nicht so geschickt gewesen, hätte –«

»Ach wie gut Ihr seid, wie gut!«

»Die kleine Schramme, um welche der Junker schrie, als stecke er am Spieße, war ihm eine gerechte Strafe für –«

»Jungfer Beate, wie soll ich Euch danken? O welch' glücklichen Menschen macht Ihr aus mir!«

»Ich habe immer gewünscht. Euch dies zu sagen« – ihre braunen Sammetaugen glänzten ihn an. »Als ich hörte, Ihr solltet Strafe erleiden, fand ich's sehr ungerecht.«

»Die schimpflichste Strafe soll mir erlassen werden – Eurer hochmögenden Frau Mutter Fürsprache –«

»He, Gesell, wo seid Ihr?« hörte man draußen eine scharfe Weiberstimme rufen, und gleich darauf steckte die alte Schaffnerin mit der großen Flügelhaube den Kopf in die Thür. »Meine hochlöbliche Frau will Euch gestatten, jetzt einzutreten, um geziementlich Euren Spruch anzubringen.«

Heinrich warf noch einen warmen Blick aus Beate, ergriff ihre Hand und drückte sie fest, dann wandte er sich, ohne für seine aufwallende Empfindung Worte zu finden, zur Thür.

Beate zupfte die Alte am Ärmel. »Gutes Brigittke!« flüsterte sie bittend und legte den Finger auf die roten Lippen. Die Flatterhaube senkte sich unter zustimmendem Nicken und in dem runzlichen Gesichte spielte verständnisvolles Schmunzeln.

Wie Heinrich in die prächtige Kemenate gelangte, daß Frau Barbara dagestanden, als rage sie um Hauptes Länge über die scheu zusammengedrückten Männer hinweg, daß sie ihn angeredet, daß er sehr demütig erwidert, daß der Syndikus Melbeck einige wohlgesetzte Worte dazu gegeben, und daß man sich dann mit großen Reverenzen empfohlen, aller dieser Umstünde erinnerte Heinrich sich nur dunkel. Er ging, als werde er getragen, Lasten waren von seiner Seele gewälzt; wie gut, o wie gut war die rotwangige Kleine gegen ihn gewesen, er hätte es nicht für möglich gehalten, so glücklich aus diesem Hause zu scheiden.

Sein Vater erzählte ihm auf dem Rückwege, daß nun der Handel in aller Form Rechtens abgeschlossen sei. Die Kaufsumme werde morgen früh, unter Beistand des Notars, in seinem Schreibzimmer an den hochgeneigten Herrn Syndikus Melbeck ausgezahlt.

»Ich hoffe,« setzte der vorsichtige Mann hinzu, »daß ich Ursels Geld jetzund als wohlangelegt erachten darf. Macht mir die Sülfmeister-Gilde, bei etwaigem Verlaut von der Sache, Schwierigkeiten, so ist Frau Barbara ebensowohl zur Rückzahlung verpflichtet, als wenn sie die Zinsleistung versäumen sollte. Also wird sie das Geheimnis wohl hüten, und mir die Gefälle rechtzeitig einliefern lassen, denn es würde ihr vermutlich schwer werden, nach Jahr und Tag die Summe wiederum zur Stelle zu schaffen.«

Heinrich lobte mit warmen Worten des Vaters Einsicht und Umsicht, er fand die ganze Welt, alle Menschen, alle Einrichtungen heute vortrefflich.

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