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In Knut Arnebergs Haus

: In Knut Arnebergs Haus - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBernt Lie
titleIn Knut Arnebergs Haus
publisherAlbert Langen Verlag für Litteratur und Kunst
year1901
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080414
projectid0aabfe24
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I.

Liebe, große Schwester
                  Karen Ragnhild!

Ja, wenn Du selber mich dessen so energisch versicherst, muß ich Dir wohl glauben: daß Du groß und erwachsen und nicht mehr die kleine Narni bist, die ich einstmals kannte. Wenn Du mir alles aufzählst, was Du gelesen und gelernt hast und noch liesest und lernst, – was mir unwissenden alten Frau höchlich imponiert – und ich mir dann klar mache, daß Du ja konfirmiert bist, so kann ich Dir fest versprechen daß ich Dich nie wieder »die Kleine« nennen und von nun an oft direkt an Dich schreiben will und nicht ausschließlich an Vater mit einem »flüchtigen Gruß so am Schluß« für Dich.

Damit wäre es also aus, nicht wahr? Mit »meiner kleinen Narni« ist es ein für alle Mal aus! Du wirst es aber verzeihlich von mir finden, wenn Du daran denkst, daß ich Dich diese ganzen fünf Jahre ja nicht gesehen habe! Mir steht das Bild der Landdrostei daheim unverändert vor Augen, so wie ich sie vor sechs Jahren verlassen habe, – an meinem Hochzeitstage, als die »kleine Narni« ein weißes Kleid an hatte und im Haar einen Kranz aus Gänseblümchen trug.

So wie damals, als Knut und ich auf Deck des Dampfers standen und es alles zum letzten Male sahen.

Natürlich ist die Landdrostei und alles, was dazu gehört, jetzt verändert. Verändert, verändert!

Verändert sind auch unsere Pläne. Es ist wahrlich kein »flüchtiger Brief, den Du dies erste Mal von mir erhältst, liebe Schwester. Das was ich heute nach Hause schreiben muß, ist wohl das schwerste, was ich jemals zu schreiben hatte. Knut hat ein großes Bild oben am Abhang hinter unserem Hause angefangen und kann nicht davon abgehen, ehe es fertig ist. Er hat ja seit fünf Jahren keine norwegische Natur gesehen, da wirst Du verstehen, daß ihn das überwältigt. Er hatte sich ja eigentlich vorgenommen diesen Sommer daheim bei Euch zu malen, – da sind ja Motive genug! Und nach dem Fjord daheim hat er sich alle diese fünf Jahre gesehnt. Aber dann ganz plötzlich war er mitten in dies hier hineingeraten. Nämlich eines Morgens als er draußen in den Bergen war.

Wären wir nur schon vor ein paar Wochen gen Westen gezogen! Oder wäre doch der Frühling hier oben in diesem Jahr nicht so abscheulich früh und so wunderbarschön gekommen! Nun hat Knut ihn sich so lange angesehen – er hat sich ja auch danach gesehnt, wieder mit seiner Arbeit anzufangen – und nun hat es ihn hier gänzlich gefangen genommen.

So müßt Ihr, Vater und Du, denn mit unseren Grüßen fürlieb nehmen: In diesem Jahr kommen wir nicht nach Hause.

Knut meint, ich könne sehr wohl allein reisen. Aber das kann ich wirklich nicht. Es würde auch nicht das sein, worauf ich mich gefreut habe, – wenn ich allein käme!

Übers Jahr wird es ja wieder Sommer werden.

Kleine Schwester! Aber das ist ja wahr: Große Schwester! Es ist für mich so sonderbar, mir vorzustellen, daß Du ein erwachsener Mensch bist, an den ich schreibe. Daß ich so urplötzlich eine Schwester geschenkt bekommen habe! Ich habe ja gar nicht daran gedacht, weißt Du. Wenn ich nun aber daran denke, so ist es mir.

als ob es wohl vielerlei gäbe, was man seiner Schwester sagen könnte. Es ist förmlich ein Erlebnis! Und nach deinem lieben Brief wird es mir beinahe noch schwerer, den Gedanken, diesen Sommer nach Hause zu kommen, aufgeben zu müssen. Denn so recht ordentlich kann ich Dir ja doch nicht schreiben, ehe ich Dich kenne. Und ich kenne nur die kleine Narni!

Übrigens habe ich es hier so gut, daß es undankbar ist, wenn ich mich von hier fortsehne. Es wird immer traulicher hier im Hause. Knut hat, wie Du weißt, einen ganzen Flügel an das Haus angebaut, und das ist sein Atelier geworden, das vom Fußboden bis an den Dachfirst reicht mit Oberlicht und allen möglichen Chikanen. Du kannst mir glauben, es kam uns sehr zu passe, als wir so plötzlich – Schlag auf Schlag – die vier großen Campagna-Bilder verkauften! Als die Gallerie das eine erwarb, war es, als ob die anderen drei Flügel bekommen hätten, – und eins, zwei, drei: flog die ganze große, ernste römische Campagna auf und davon und hinterließ uns das ganze teure schöne Atelier fix und fertig und bezahlt, – und genau so, wie Knut es alle diese Jahre erträumt und aufgezeichnet hatte.

Grüße Vater tausendmal! Sage ihm, daß ich gestern schweren Herzens die italienischen Photographien aus den Mappen genommen habe, wo sie so lange gelegen haben. Ich wollte sie ja mitnehmen, um sie Vater zu zeigen. Aber nun mußte ich sie in die Rahmen stecken, die mir der Glaser nach meiner eigenen Angabe gemacht hat. In zwei Reihen sollen sie an den Wänden in meinem eigenen Zimmer entlang laufen, ganz niedrig, gerade über den Lehnen der beiden Empire-Sofas.

Ach, das alles, wie wir unser Haus eingerichtet haben, wollte ich Euch ja erzählen! Es nützt nicht, darüber zu schreiben!

Danke Vater für seinen letzten Brief. Ich habe ein beschämendes Gefühl, ihm nicht einen einzigen vernünftigen Brief geschrieben zu haben, seit wir wieder hier in Norwegen sind. Aber diese Monate sind so eigentümlich gewesen. Ich habe gleichsam keine Übersicht gehabt, weder über mich selber noch über den Verlauf meiner Tage. Vielleicht ist der Übergang schuld daran, – er war so groß, – von unserm einfachen, ich möchte sagen, klaren Leben da unten in Italien. Ich bin hier von einer solchen Menge Lärm umgeben! Von einem solchen Wirrwarr von Gefühlen, alles dringt so nahe auf einen ein, stellt so große Anforderungen. Da unten, – ja, jetzt in der Erinnerung steht es vor mir, als hätten Knut und ich in einem verschlossenen Garten gelebt. Knut sagte schließlich, er werde krank vor Wirklichkeitssehnsucht da unten. Ich werde wohl niemals verstehen lernen, daß das nicht die Wirklichkeit war. So wie wir miteinander lebten!

Dies kann ich aber weder erklären noch beschreiben, – obwohl Vater sagt, daß ich eine gute Briefschreiberin bin! Es ist geradezu so neu für mich, daß mir die Worte fehlen!

Vielleicht hätte ich Dir über vieles davon schreiben können, meine liebe Schwester! Wenn ich nur Dein neues, erwachsenes Gesicht vor mir hätte!

Liebe kleine Narni! Ich sehne mich so nach dir!

In herzlicher Liebe

Deine und Vaters Bergliot.

P.s. Knut läßt furchtbar viele Male grüßen. Er ist so in Anspruch genommen durch sein Bild, die Einrichtung des Ateliers und so vielerlei anderes. Er ist in den Vorstand des Kunstvereins gewählt, ist Mitglied einer Jury und alles mögliche andere. Ich glaube, er geht ganz im stillen in einer Art von Verwunderungstaumel einher, – so überraschend ist ihm der Erfolg, den er plötzlich hier in der Heimat hat!

Addio!

B.

 

Karen Ragnhild saß am Morgen des frühen Maientages auf der Veranda und las den Brief der Schwester.

Das war eine große Enttäuschung!

Einfach um nicht darüber hinweg zu kommen! Das grausamste Verbrechen, daß sie nicht kamen, Knut und Bergliot.

Einfach nicht kamen. Ganz kaltblütig den Sommer für sie zu Null und nichte machten. Und damit das ganze Jahr seit dem vorigen Juli, als Knut schrieb, daß sie im nächsten Sommer nach Hause, nach der Landdrostei kommen würden.

Jeder Tag dieses Jahres, ja, jede Stunde des Tages war für sie von dem einen Gedanken erfüllt gewesen: Knut und Bergliot wieder zu sehen.

Nicht nur, daß sie sich gedankenlos ins Blaue hinein gefreut hätte. Nein, mit den ernsthaftesten Vorbereitungen, ihnen würdig entgegenzutreten. Nach bestandenem Mittelschulexamen im vorigen Jahre hatte sie sich hingesetzt und gelesen. Sie wollte sich in der Kunstgeschichte vervollkommnen, wollte alle die Dichterwerke lesen, die sich des Lesens verlohnten sowie allerlei philosophische Schriften und einen Einblick in alle Wissenschaften thun. Überhaupt wollte sie sich als gebildeter Mensch präsentieren, dessen Umgang einem bereisten Künstlerpaar wie Knut und Bergliot Freude gewähren konnte.

Ihr übertriebenes Ziel hatte sie natürlich nicht erreicht! Es war ja geradezu kindisch von ihr gewesen, sich im vorigen Jahr so etwas zu denken. Aber gearbeitet hatte sie, das war gewiß. Mit Vaters Hilfe hatte sie sich wirklich ganz gut orientiert. Vater hatte selbst gesagt, daß er Freude an ihr habe. Sie sei ein tüchtiges Mädchen, für das Leben gereift.

Und das fühlte sie selber auch. Wie hatte sie sich seit dem vergangenen Jahr verändert! Ja, sie hatte sich wirklich entwickelt. Allein die ernste Arbeit mit einem bestimmten Ziel vor Augen hatte einen ernsten Menschen aus ihr gemacht. Das erkannte sie jetzt so recht. Gearbeitet hatte sie, gelesen und gestrebt und gedacht, gekämpft, um zu verstehen und gekämpft, um auszuharren, wie z.B. nach Weihnachten als es ihr so schwer wurde, wieder anzufangen, nach all dem Vergnügen – –!

Ach nein! Ein Vergnügen war es eigentlich nicht gewesen, das war ja wahr! Während dieser Weihnachtszeit hatte sie ja ihre eigenen schlechtesten Seiten kennen gelernt. Es durchschauerte sie noch jetzt eisig, wenn sie daran zurückdachte. An Kandidat Hagen im Pfarrhause, – dann an Leutnant Wöldicke aus Bergen, – und schließlich an den Bruch mit Svendsen hier zu Hause im Eßzimmer.

Sie dachte an den Tag – es war der heilige drei Königstag gewesen – als der Vater kam und sagte, daß Svendsen seine Stellung gekündigt habe!

Nun, aus diesen Sorgen hatte sie sich auch herausgearbeitet. War mit verdoppelter Energie und Thatkraft zu ihrer Thätigkeit zurückgekehrt. – –

Und nun plötzlich lag alles zusammengestürzt da, – eine gähnende Leere hatte das Ganze verschlungen!

Sie kamen nicht!

Karen Ragnhild sah finster vor sich hin mit den großen, braunen Augen, die das einzige eigentlich Schöne in ihrem Gesicht waren. Das Braune darin war so schwarz und das Weiße so blau, und sie waren so groß, daß man jedes Auge für sich nehmen und es wie eine blanke und merkwürdige Welt für sich betrachten konnte. Sonst war nichts besonderes an dem Gesicht. Die Nase strebte leicht aufwärts und war im Grunde lustiger als schön. Und das Gesicht glich der Nase, – war im Grunde lustiger als schön!

Wie sie nun die Hand unter dem Kinn und den Ellenbogen auf die Brüstung der Veranda gestützt, da saß, tief in Gedanken versunken, bestand sie ausschließlich aus zwei ernsten Augen. Das Haar lag braun, dicht und fest über der niedrigen Stirn, in der Mitte gescheitelt und hinten zu einer kurzen, dicken Flechte mit krausem Büschel geflochten.

Natürlich! So hatte es kommen müssen.

Sie hatte Kenntnisse erworben, – nicht um der Kenntnisse willen, nicht um ihrer eigentlichen Entwicklung willen. Nur aus einer ganz rasenden Eitelkeit.

Das hatte sie nun dafür.

Sie hatte es verdient. Gründlich verdient.

Sie hatte ihr Haus auf Sand gebaut. Jetzt lag es als Trümmerhaufen da.

Dies war eine neue Mahnung für sie. Genau so wie Svendsen diesen Winter. Nur viel ernsthafter; denn dies war so ganz total vernichtend!

Nicht, daß sie die Geschichte mit Svendsen leicht genommen hätte. »Das ganze Leben eines braven, strebsamen Mannes,« hatte Svendsen gesagt; das hatte sie durch ihr abscheuliches Benehmen vernichtet!

Im übrigen war ja Svendsen jetzt Untervogt da oben in Horddalen geworden. Aber trotzdem. Selbst wenn sich Svendsen auch noch so gründlich tröstete, – für sie, also subjektiv, blieb die Sache gleich ernsthaft.

Dies aber! Es verdunkelte ja plötzlich ihr ganzes Leben.

Ja, es war eine Mahnung. So mitten in das Zentrum ihrer Schuld hinein! So recht eine Nemesis.

Aber sie wußte, was sie wollte. Und was sie wußte. Klar und deutlich stand es vor ihr: es galt Buße zu thun und gleichzeitig einen ganz neuen Weg einschlagen, einen ehrlichen, geraden Weg, der sie vorwärts brachte.

Im Hause des Vogts, eine viertel Meile weiter hinaus am Fjord, vergingen Hanna und Milla vor Sehnsucht nach der Bibliothek in der Landdrostei und nach jemand, mit dem sie zusammen lesen konnten. Und dann Maria Bugge, die Pfarrerstochter. So hart und strenge wie die zu Hause gehalten wurde: was für eine Wohlthat würde es für Maria sein, etwa einmal in der Woche an einem Leseverein hier teilnehmen zu dürfen! Hier konnten sie ja lesen, was sie wollten, und auf den Pfarrer und seine ganze »christliche Jugendanleitung« pfeifen! Und Anna Sofie aus Oppegaarden konnten sie auch auffordern. Sie gehörte ja zu der Mittelschulclique, und es war ein Jammer, daß Anna Sofie zu Hause auf dem Gehöft versumpfen sollte! Vielleicht auch Küsters Marthe. – –

Gegen Hanna und Milla war sie ja geradezu abscheulich gewesen. Hier im Winter zum Beispiel. Wie hatte sie sich auf dem Tanzvergnügen beim Vogt Kandidat Hagen gegenüber mit dem zweiten Teil des Faust gebrüstet!

Sie merkte es ja dem Kandidaten an, daß er ihn niemals gelesen hatte, und um so dreister und unbeirrter spielte sie sich aus und suchte ihm zu imponieren. Obgleich sie selber blitzwenig von dem schrecklichen Buch erinnerte oder überhaupt nur verstanden hatte! Den elenden Kandidatenknochen hatte sie den Freundinnen vor der Nase weggeschnappt, – und noch dazu in so niederträchtiger Weise! Hatten sie sie doch gerade kurz zuvor gebeten, ihnen den Faust zu leihen!

Aber jetzt wollte sie es wieder gut machen. Wollte einen Leseverein begründen und mit Freuden aus Rücksicht auf die andern viele Bücher noch einmal weiter lesen – – was ihr ja übrigens auch ganz nützlich sein mochte!

Und dann war da die arme Frau Banz, die Frau des Sekretärs, die in ihrem kleinen Häuschen am Wege mit fünf Kindern dasaß und nicht in der Lage war, sich eine Erzieherin zu halten, so daß sie bei all ihrer Arbeit die Kinder noch selber unterrichten mußte.

Es war abscheulich, daß sie es ihr abgeschlagen hatte – daß sie keine Zeit hatte – als Frau Bang im Winter eine Anspielung machte, ob nicht Karen Ragnhild ihr vielleicht ein wenig behilflich sein könne.

Die Bangschen Kinder waren ja auch die gräßlichsten, die sie kannte, und noch obendrein so dumm, alle fünf. Ganz der Vater. Aber jetzt hieß es, sich überwinden. Und noch heut' am Tage wollte sie zu Frau Bang gehen.

Und auf diese Weise würde es viel amüsanter sein, allein und mit dem Vater die Studien fortzusetzen. Denn jetzt würde es in Wahrheit eine persönliche Entwickelung werden!

Karen Ragnhild kniff die Augen leicht zusammen und nickte vor sich hin. Und das vergnügte Gesicht paßte auch vortrefflich zu dem entschlossenen Ausdruck.

Nach einer Weile nahm sie den Brief der Schwester, um ihn noch einmal und mit mehr Ruhe zu lesen.

Nachdem sie ihn gelesen, – langsam und genau – saß sie in Gedanken versunken da. Ihre großen Augen füllten sich mit Thränen, und plötzlich rollte ein Tropfen über ihre Wange.

Sie verstand es selber nicht so recht: Aber es lag ein unbeschreiblich melancholischer Ton in Bergliots Brief. Nichts Besonderes, Bestimmtes. Aber das Ganze.

»Liebe kleine Narni! Ich sehne mich so nach dir!«

Daß Bergliot sich nach jemand sehnen konnte! Sich so sehnen! Ja, natürlich, den Vater wieder zu sehen und das Haus und den Fjord. – –

Aber sich sehnen, – – so richtig ernsthaft sehnen! – – denn es war wirklich, als ob der ganze Brief im innersten Innern jammerte, – vor Sehnsucht.

Eine Schwester zu haben, ja! Danach hatte sich ja Karen Ragnhild auch gesehnt, – ach, wie hatte sie sich danach gesehnt! Aber so richtig in allem Ernst, – wie jemand, der in Not war! Der etwas entbehrte!

Sie hatte ja doch Knut. Ja, sie hatte Knut!

Natürlich, etwas Eigenes mochte es ja sein mit einer Schwester, etwas, was nicht einmal der Gatte, selbst Knut nicht, ihr geben konnte.

»Es giebt gewiß vielerlei, was man seiner Schwester sagen könnte!«

Ein unbestimmter Gedanke durchzuckte Karen Ragnhilds Seele, – sie dachte an ihre Mutter, die sie nie gesehen hatte. Dann dachte sie an Bergliot. An die große, stattliche Bergliot, deren sie sich noch ganz deutlich erinnerte. So deutlich, daß die Photographien von ihr, die im Laufe der Jahre gekommen waren, nur störend wirkten.

Bergliot, – die der Vater liebte! Das war im Grunde die einzige Charakteristik, die sie von der Schwester kannte, das Einzige, was sie von ihr wußte: daß sie diejenige war, die der Vater liebte.

Ja, natürlich liebte der Vater sie, Karen Ragnhild, ebenfalls. Und es wäre Unrecht, das Gegenteil behaupten zu wollen! Aber der Vater bewunderte Bergliot auch. Und das war das Eigentliche.

Vom Vater bewundert zu werden!

»Meine Schwester!« sagte Karen Ragnhild laut vor sich hin. Und im selben Augenblick durchzuckte sie ein tiefes Gefühl – eine unbestimmte aber unsagbar tiefe Sehnsucht. Die Thränen quollen ihr aus den Augen. – –

Gleich darauf mußte sie an den Vater denken. Wie wenig sie im Grunde Mutter und Schwester entbehrte, weil sie den Vater hatte. Den herrlichsten, feinsten, klügsten, entzückendsten Mann auf der ganzen Welt! Sie dachte an ihr neues Leben, das heute beginnen sollte, freute sich darauf, den Vater in ihre Pläne einzuweihen; sie wußte, daß sie seinen Beifall haben würden. Und dann nahm sie sich so fest vor, alles zu thun, damit er nicht allzu enttäuscht war, daß die beiden – Knut und Bergliot – nicht kamen. – – –

Und als der Drost Finne auf die Veranda herauskam, um zu erfahren, was seine älteste Tochter geschrieben hatte, fand er seine jüngste in Thränen aufgelöst über die Brüstung gebeugt.

»Aber Karen Ragnhild – – ?

Sie sprang von ihrem Stuhl auf und fiel ihm leidenschaftlich um den Hals.

»Ach, Vater, Vater!«

Der Drost machte allerlei gelinde Versuche, sie zu beruhigen und zum Sprechen zu veranlassen. Aber Karen Ragnhilds Thränen flossen nur um so reichlicher, plötzlich seufzte sie tief auf, ließ den Vater los und sah ihn ganz erschrocken an. Er hatte sie mit eiserner Hand beim Arm gepackt, hielt sie ein Stück von sich entfernt und war ganz aschgrau im Gesicht.

»Karen Ragnhild!« rief er mit einer ganz fremden Stimme. Sie hatte den Vater noch niemals so gesehen; noch nie hatte er sie so hart angefaßt, – so daß es schmerzte.

»Ich will augenblicklich wissen, was dies zu bedeuten hat!«

Da lächelte sie über ihr ganzes lustiges Gesicht und sagte:

»Aber Vater, es ist ja nichts weiter, als daß ich dich so schrecklich lieb habe!«

»Was ist dies für ein Unsinn und eine Thorheit, was sind das für Kindereien und Verrücktheiten, Kind! Machst du mich glauben, daß der Teufel los ist – nur weil – weil du mich lieb hast? Puh! Ich glaubte schon, Bergliots Leben sei in Gefahr, – – und dann ist es nichts weiter als diese verrückte kleine Person – – hab' mich lieb, aber mit Maßen, wenn ich bitten darf, mein Herz!«

Der Drost redete sich die Heftigkeit von der Seele und war nun erleichtert und vergnügt.

»Und was schreibt denn Bergliot?«

»Ach Vater, es ist so betrübend. Aber darüber habe ich schon geweint. Sie kommen nicht!«

Der Drost las den Brief und saß eine Weile ganz ernsthaft da. Dann las er ein paar Stellen noch einmal und legte darauf den Brief hin.

»Ja, das ist eine Enttäuschung!«

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Karen Ragnhild:

»Ja, ich muß wirklich sagen, ich kann es nicht verstehen. Von Knut, meine ich.«

»Unsinn, Kind!« sagte der Vater und sah aus, als denke er an etwas tiefer Verborgenes. So wie der Vater oft aussah, wenn etwas Ernsthaftes vorlag.

»Ja, ja, mein Herz! Dabei ist nichts zu machen!« Und damit ging der Vater. Aber mitten in der Arbeitszeit, – so gegen elf – kam er wieder durch die Stuben:

»Karen Ragnhild, – du! Ach, laß mich Bergliots Brief noch einmal lesen!«

Er bekam ihn und ging damit auf das Bureau zurück.

Es war besonders viel im Bureau zu thun, da der Drost in einigen Tagen zum Laugting nach Bergen wollte. Und Karen Ragnhild sah den Vater nur bei den Mahlzeiten. Und da waren ja die Herren vom Bureau zugegen.

Endlich war es Abend. Und der Vater saß mit seiner Pfeife im Lehnstuhl im Wohnzimmer. Karen Ragnhild brachte ihm das Grogglas, das er mit dem gewohnten Beifallsmurmeln kostete:

»Vorzüglich, mein Herz. Dein Mann wird es mir einmal danken, daß ich dich einen zivilisierten Grog brauen lehrte!« Nach einem kurzen Schweigen begann er plötzlich:

»Aber sag' mir doch, Karen Ragnhild, warum hast du heute morgen eigentlich so geweint?«

Karen Ragehild errötete. Sie entsann sich ihrer Stimmung nur noch ganz unklar, und sie konnte dem Vater doch unmöglich erzählen, daß sie sich gesehnt habe, eine Schwester zu haben!

»Nein, Vater, weißt du, das kann ich wirklich nicht so genau sagen. Da war so vielerlei. So alles mögliche!«

»Es war also nicht allein der Kummer darüber, daß uns Bergliot diese Enttäuschung bereitet?«

Der Vater sah sie beinahe gespannt ernsthaft an.

»Nein, das war es nicht, Vater. Das war überstanden, als du kamst. Nein, – es war etwas so Sonderbares.« – –

Der Drost nahm Bergliots Brief aus der Tasche und fragte tastend, während er den Brief leicht mit dem Finger knipste:

»Da, – da war nichts weiter hier im Briefe, was – –«

Jetzt lehnte sich Karen Ragnhild eifrig über den Tisch und sah ihn mit funkelnden Augen an:

»Ja, Vater! Ja, weißt du, das gerade war's! Denk' dir, ich hatte die Empfindung, als wenn etwas so Trauriges, Betrübtes in dem ganzen Ton von Bergliots Brief liege. Etwas, das mir so wehe that, – etwas Unbestimmtes.« –

Der Drost wandte sich ab und saß eine Weile sinnend da. Dann nickte er langsam:

»Du bist nicht dumm, du, Karen Ragnhild Nein, das bist du nicht. Im Gegenteil. Eine pfiffige kleine Person bist du, denn du hast nämlich recht. Es liegt etwas Trauriges in dem Ton von Bergliots heutigem Brief. Etwas Neues, Ungewohntes!«

In des Vaters Wesen war heute abend etwas Nachdenkliches, ganz so, wie wenn er z.B. an dem Urteil über eine wichtige Sache oder dergleichen arbeitete. Karen Ragnhild saß eine ganze Weile schweigend da und wartete, daß er etwas sagen sollte. Aber er schwieg.

Sie selber konnte nichts hierüber sagen. Sie wußte ja nichts Bestimmtes. Und der Vater sah so ernsthaft aus.

Sie gab seufzend die Hoffnung auf, heute abend noch mit dem Vater über ihre eigenen Pläne zu reden. Und so sagte sie denn gute Nacht. Müde war sie auch. Es war ein angreifender Tag gewesen.

Drost Finne saß noch lange, nachdem Karen Ragnhild gegangen war, regungslos in seinem Stuhl. Seine Pfeife war ausgegangen. Endlich erhob er sich und schlenderte durch das Zimmer.

Dann blieb er stehen und sagte laut:

»Nein. Ach, nein! Wie ein alter Narr da anzukommen!«

Nach einer Weile fügte er spöttisch hinzu:

»Schwiegervater!«

Dann setzte er seine Wanderung fort, plötzlich zuckte er zusammen und blieb abermals stehen:

»Natürlich! Na–türlich! Das Kind kann hin. Und die, die ist, weiß Gott, klug genug, die Kleine!«

Er setzte sich wieder hin, nahm einen Schluck aus dem Glas und zündete sich die Pfeife an. So saß er noch eine gute Stunde sinnend da, jetzt aber mit einem zufriedeneren Ausdruck in dem vornehm geschnittenen, schönen Gesicht.

Von Zeit zu Zeit lächelte er. Ein schönes Lächeln. Das war bei dem Gedanken an Karen Ragnhilds Jubel, wenn sie den Plan erfuhr: daß sie nach Kristiania reisen sollte, – zu Bergliot und Knut!

Drost Finne entschloß sich auch, wenn er jetzt nach Bergen zum Laugthing kam, ein paar Koffer für das Kind zu kaufen.

Elegante Koffer!

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