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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Einem müden Gesellen wird die Ruhe nicht gegönnt. – Anna sieht mit verschlafenen Augen, wie ihr schöner Garten zugrunde gerichtet ist. – Ein Vogel flattert von Herzen zu Herzen. – Die Tanten wollen dem Verzweifelten einen Hering um den Hals binden, werden tief gekränkt und ziehen sich entrüstet zurück.

Hans Schmidt traf Obrist vor der Haustür und ging schweigend mit ihm die Straße entlang unter den Bäumen hin, in deren Kronen der Frühlingswind wehte.

Obrist blieb stehen, reichte Hans Ludwig Schmidt die Hand zum Abschied und sagte vollkommen ruhig: »Laß mich – ich habe etwas zu tun – zu denken – laß mich!«

»Nun? – Weshalb? – Jetzt? Wie du willst –« Hans Schmidt blieb zurück und ließ ihn allein gehen. – Bei flackerndem, bewegtem Laternenschein blickte er ihm nach.

»Wohin geht er, was will er?« Hans Ludwig Schmidt trat auf die andere Seite der Straße und folgte ihm.

108 Frühlingsstimmung in Luft und Wind. Wolken jagten feucht und schwer über den Himmel, ließen hin und wieder den Mond frei und verhüllten ihn wieder im Vorüberziehen, so daß von dem Lichte, das sie von der Erde zurückhielten, ihre Ränder fahl erleuchtet waren.

Hans Ludwig Schmidt bemerkte, daß im Anfange Obrist sich ein paarmal umwendete. »Ja – ja – geh du nur!« hatte Hans Schmidt in sich hineingemurmelt und war im tiefen Schatten der Häuser weitergeschritten.

Obrist eilte rasch vorwärts, von Straße zu Straße, blickte nicht mehr um sich, nicht mehr hinter sich. Hans Schmidt mußte sich anstrengen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Er trat aus der um diese Zeit nicht mehr belebten Potsdamer Straße. Das Rasseln, Toben der Wagen hatte sich gelegt, statt dessen hörte man das Rauschen des Windes in den alten Bäumen. Vom Leipziger Platz aus strahlte das kalte elektrische Licht – unbehaglich hell. Um diese späte Nachtstunde machte die strahlend helle Beleuchtung eine fast gespenstische Wirkung.

Obrist ging über den Platz, hastig und eilig, der Wind trieb ihn vorwärts. – Hans Ludwig Schmidt folgte behutsam. – Und immer weiter ging Obrist – mäßigte seine Schritte nicht, beschleunigte sie nicht. Er wanderte durch leere, düstere Straßen, die nach der eben durchschrittenen Helligkeit doppelt dunkel erschienen. An den hohen, starren Häusern strich der Sturm voll und mächtig hin.

Hans Ludwig Schmidt sah seinen Freund unaufhaltsam vor sich hergehen.

Hier und da leuchtete trübes Licht aus einem Keller, verworrene Stimmen trafen das Ohr, dann ging es wieder in Stille weiter. Ungewöhnlich öde dehnte sich die Straße aus. Trübselig stand eine Reihe verwitterter Droschken im 109 Scheine einer Laterne. Aus den langen, dunkeln Gebäuden eines Güterbahnhofs schimmerte Licht durch die Spalten geschlossener Läden, das freudloser, nächtlicher Arbeit leuchtete. Schwerfällig fuhr ein Frachtwagen vorüber. Das Klappern der Pferdehufe hörte man noch lange nachhallen durch die Öde und Dunkelheit. Eine elende, niederdrückende Stimmung lag in der Luft, der Umgebung, den Tönen, die wesenlos aus dem Gewirr der Straßen, von den Bahnhöfen ans Ohr schlugen, eine Stimmung, die Hans Ludwig Schmidt, der im Schatten der Häuser seinem vorwärtsstrebenden Freund wie ein Dieb nachschlich und -schlüpfte, ganz miserabel erschien, ganz unwürdig, daß ein vernünftiger Mensch in solcher widerwärtigen Nacht durch diese gottverlassenen, traurigen Straßen spazierte – und zwar so ein armer, kranker Narr wie Obrist.

In Hans Schmidts Herzen stieg ein sonderbar unheimliches Gefühl auf, eine Angst, ein Erbarmen mit dem unglücklichen Menschen, der da vor ihm herschritt zu dieser ungesunden Stunde, in der alle lebenabgewandten Empfindungen gediehen wie Pilze in einem dumpfen Mauerloch.

Während er so vorwärtsschritt im Zweifel, wie dieser geheimnisvolle Wettlauf enden, wohin er führen würde, tauchte wie eine sonnige Erinnerung der Brief jener heiter kräftigen Person in seinen Gedanken auf, den er den Abend vordem gelesen. Der Garten, den sie beschrieben hatte, stand vor seiner Seele, Oleander, Feigen, Rosen, Granaten, Reben – das sonnige Meer – »Herrliche Gemüse, die ihr dem Namen nach nicht kennt, die aber wohl bei euch einzuführen wären, wenn euch nur daran gelegen sein würde, ihr Fleischfresser –«

Dieser Passus in jenem Brief zeigte ihm eine ungeahnte Fülle, er wußte selbst nicht, welcher Zauber ihn ergriff – 110 Beete von duftenden Kräutern, herrliches Grün, saftige Stengel, Knollen, Früchte, Wurzeln, Stauden, alles im besten Gedeihen, hervorgerufen, gepflegt, gewartet durch die Tätigkeit einer alten, angenehmen Frau.

Wie ihm das alles wohltat. Er ging träumend befangen, hörte nicht auf das Dröhnen, Rollen und Pfeifen, das dumpfe Rufen auf dem Güterbahnhofe, auf dem schwerfällig träge Wagen rangierten. Zwischen den Gedankenspielen, die ihm seinen Weg verkürzten, stiegen die unheimlichen Besorgnisse, die durch das energische, zielbewußte Vorwärtsschreiten seines unglücklichen Freundes in ihm erregt wurden, auf.

Nicht die geringste Veränderung hatte er in Obrists Schritten wahrgenommen. Sie waren von Anfang an gleichmäßig sicher, fest und schnell gewesen. Er war in die verschiedenen Straßen eingebogen wie jemand, der sich seines Weges vollkommen bewußt ist.

Sonderbar, daß Hans Ludwig Schmidt nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte, daß Obrist diesen Umweg gewählt habe, um nach Hause zu gelangen.

Hans Ludwig Schmidt ging gedankenlos und dennoch von dumpfen Ahnungen gepeinigt. Er wollte nicht denken, nicht vermuten, wozu? er wollte nur nahe sein, jederzeit bereit, Obrist zu beweisen, daß dieser einen guten Freund auf Erden habe.

Sie traten jetzt aus der Straße. – Der Wind wehte mächtiger, wuchtiger. Die hohen Häuser standen nicht mehr in Reih und Glied, sondern einzeln, auf unerfreulich kahlem Felde; formlos hoben sie sich dunkel von dem wolkenbezogenen, monddurchleuchteten Himmel ab. Hier an der Grenze der gewaltigen Stadt war das Unbehagen heimisch.

111 Was sich von lebendiger Natur der sich immer weiter ausbreitenden Häusermasse andrängen wollte, war dem Untergange bestimmt. Was hier noch lebte, noch grünen wollte, den Frühling erwartete – führte eine Art unerquickliches Scheinleben, denn die Häuserkolosse, die starren Straßen rückten unbarmherzig, alles Leben ertötend, vor. Jeder Baum, jedes grüne Stückchen Land trug schon das Zeichen der Vertilgung an sich. Wie schwere Schatten, die aus dem Boden aufgestiegen schienen, sahen die halbfertigen Gebäude aus, deren Fensterhöhlen mit Latten verschlagen waren. In den bewohnten einzelnen Häusern brannte hin und wieder ein spätes Licht bei mühselig Arbeitenden oder Kranken.

Obrists Schritte beschleunigten sich; Hans Ludwig Schmidt hatte Mühe, ihm zu folgen.

Er sah im Mondschein, wie der Mantel seines Freundes, den dieser sonst immer ängstlich fest um sich geschlagen hatte, im Wind flatterte. Er sah auch, daß Obrist mit bloßem Kopf ging und den Hut in der Hand trug. Es sind oft kleine Anzeichen, die Entscheidendes verkünden.

Solange ein Mensch sich vor Kälte und Wärme schützt, solange will er noch leben. – Sie waren schon geraume Zeit an einem Eisenbahnwall hin gegangen. In den Telegraphenstangen dröhnte und zitterte der dumpf orgelhafte Klang – die ganze Luft schien zu klingen. Sie gingen im Schatten des Walles. Hans Ludwig Schmidt näherte sich seinem Freunde mehr und mehr. Der starke Wind ließ das Geräusch der Schritte nicht bis zu Obrists Ohren dringen.

Er sah, wie sein Freund mit ein paar Sätzen den Wall hinanklomm, wie er oben stand, wie er sich gegen den von glänzenden, leichten Wolken bedeckten Himmel groß und 112 dunkel abhob und wie er auf dem kleinen Wege, der neben den Schienen hinführte, weiterging.

»Geh nur – geh nur« – murmelte Hans Schmidt mit einem Ausdruck, wie er ihm wohl nie noch über die Lippen gekommen war, und folgte Obrist im Schatten des Walles.

So wanderten sie weiter und weiter, die Stadt und deren nächtliches Leben hinter sich lassend.

In der Ferne tauchte ein Doppellicht auf, leises Rollen dröhnte: der Zug, der auf seinem Geleise dahersauste, kaum merklich sich näherte – mit einemmal hörbar wurde, brauste und rollte und, einen weiten Bogen beschreibend, wie hergeschleudert mit seinen runden Feueraugen auf die dunkle Gestalt, die sich langsam niedergelegt hatte, zustürmte. Hans Schmidt sah das, sah alles – und dachte: »Wer hat das Recht, einen Menschen, der den Tod sucht, zu hindern? – Er allein weiß, was er tut.« – Im selben Augenblick aber war er auf seinen Freund zugestürzt, hatte wie mit verdoppelten Kräften ihn aus seiner fürchterlichen Ruhe gerissen, von den Schienen geschleudert – und eine Sekunde darauf ging der Zug dröhnend, daß die Erde zitterte, über die Schienen hin, auf denen ein Mensch unter großer Lebensqual gelegen hatte. Es dröhnte an Hans Ludwig Schmidt vorüber, der sich schützend über einen schweren, regungslosen Körper gebeugt hatte.

Hans Ludwig Schmidt legte den Kopf seines Freundes sich auf die Knie und wartete, bis Obrist wieder erwachen würde.

Ringsumher tiefe Stille – nur der Wind sauste in den Drähten und in den Telegraphenstangen. Unheimlich mächtige Töne, klagend, heulend. – Hans Schmidt blickte 113 auf die starr ruhigen Züge seines Freundes. Er strich ihm mit der Hand über die Stirn.

»Was meinst du«, sagte er, »es ist auf Erden nicht hoffnungslos, solang noch ein Funken Leben da ist – und solang ein Mensch noch einen guten Freund hat!«

Er tat nichts, um Obrist aus dem bewußtlosen Zustande, in den er verfallen war, zu wecken. Als dieser aber die Augen aufschlug, sagte Hans Ludwig Schmidt ruhig, als wäre nichts geschehen: »Ich dächte, wir könnten nun nach Hause gehen.«

Ein verworrener Blick traf ihn bei diesen Worten.

Hans Schmidt half Obrist sich erheben, der wankte, als sie den Wall miteinander hinabgingen; aber Hans Schmidt unterstützte ihn nicht – »Geh du nur«, murmelte er – dieselben Worte, die ihm vordem mit einem angstvoll erschütterten Ausdruck über die Lippen gekommen waren, hatten jetzt einen unschuldigen Klang, in dem ein gut Teil treuherziger Trockenheit voll Freundschaft und Fürsorge lag.

Schweigend wanderten die beiden nebeneinander her. Als aber Hans Schmidt sah, wie schwer und zitternd sein Freund ging, legte er, ohne ein Wort zu reden, dessen Arm in den seinigen und führte ihn. Nachdem lange Zeit verstrichen war, sagte Hans Schmidt: »Mich soll der Teufel holen, wenn ich das, was ich dir getan habe, nicht wieder gutmache!« erhielt aber keine Antwort; und so blieb dies das einzige, was auf dem lange Wege bis zum Hause Obrists in der stillen Straße von Schöneberg geredet worden war.

Sie gingen miteinander durch den Garten. Hans Schmidt zog die Schelle an der Haustür.

Es währte lange Zeit, bis geöffnet wurde. Obrist lehnte mit dem Kopf an dem Türpfosten. Ein Lichtschein fiel 114 durch die Glasscheiben über der Tür, das Schloß drehte sich, und Anna öffnete. Das Licht, das sie in der Hand hielt, beschien ihr rosiges Gesicht, und sie blickte aus kleinen, verschlafenen Augen.

»Heinrich, du bist lange geblieben!« sagte sie in die Dunkelheit hinaus und gewahrte in dem Augenblick Hans Ludwig Schmidt, der sie durchdringend anblickte, als hätte er sie auf einer schlimmen Tat ertappt.

»Was ist denn, was will er denn?« fuhr es ihr durch den Kopf. »Was hat denn dieser Hans Ludwig Schmidt?« Sie fuhr sich verwirrt mit der Hand über das Haar und hüllte sich fester in das Tuch, das sie leicht um die Schulter geschlagen hatte.

In dem Augenblick trat Obrist ein, sprach kein Wort, schritt an Anna vorüber der Treppe zu – Hans Ludwig Schmidt folgte ihm. Anna blickte erstaunt und beunruhigt, schloß die Tür, sprach auch nicht, fragte nichts und ging den beiden die Treppe hinauf nach.

Sie traten alle drei in das Atelier. Das Licht, das Anna in der Hand trug, erhellte es dämmerig flackernd. Obrist warf sich auf sein Ruhebett. Er lag da wie völlig bewußtlos. Anna bog sich angstvoll über ihn. »Um Gotteswillen«, flüsterte sie, »was ist das? Was fehlt ihm?«

Ihre Augen waren auf Hans Ludwig Schmidt gerichtet. Der blickte scharf und ruhig auf die Frau, die rosig und immer noch in Verschlafenheit, die wie ein weicher Schleier ihre Bewegungen, ihren Ausdruck umhüllte, jetzt vor Obrist kniete.

»Lassen Sie ihn«, sagte Hans Schmidt. »Lassen Sie ihn.« Leise, unmerklich war Dickchen durch die Tür geschlüpft und stand neben ihrem Vater, ergriff seine Hand und streichelte sie leise und zaghaft. Das Kind sah blaß 115 aus. Die kleine Hand, mit der sie die ihres Vaters liebkoste, zitterte. Sie blickte weder fragend auf Hans Schmidt, noch auf ihre Mutter. Das ganze Leben und Fühlen dieser Gestalt, die in Angst und Eile in ein verwaschenes rosa Morgenkittelchen gekrochen war, war auf ihren Vater gerichtet. – Man sah es dem Kinde an, daß ein Übermaß von Sorge und Liebe ihm das Herz zerriß. In keiner Bewegung aber verriet sie ihre Empfindung. Auf der reinen, jungen Stirn stand das einfache Wort geschrieben, das wohl wenige für so bedeutungsvoll halten werden: »Das einzige auf Erden ist, gut miteinander zu sein.«

Hans Schmidt trat leise auf Dickchen zu und flüsterte ihr ins Ohr: »Ruhig – es wird vielleicht noch alles gut! – Bleiben Sie jetzt bei ihm.«

»Sagen Sie mir«, fragte Anna leidenschaftlich, »was ist geschehen?«

»Ja, was ist geschehen?« wiederholte Hans Ludwig Schmidt kalt.

Anna sah ihn mit einem Blick an, in dem alle Erregbarkeiten ihrer Natur wie Wellen auf einem schönen, kleinen See sich kräuselten. Sie erhielt keine Antwort.

Hans Ludwig Schmidt stand und blickte sie unverwandt forschend an.

Anna brannte ein zweites Licht an, ging ins Nebenzimmer und veranlaßte Hans Ludwig Schmidt ihr zu folgen.

»Sagen Sie mir«, begann sie, als sie miteinander eingetreten waren, »was ist geschehen? Was um des Himmels willen ist geschehen?«

Hans Ludwig Schmidt ging im Zimmer auf und nieder, ohne ein Wort zu sprechen, und blieb dann vor Anna stehen, die mit dem Licht in der Hand in Ungeduld und Erstaunen 116 über das merkwürdige Benehmen des Freundes ihres Mannes nicht wußte, was sie tun und lassen sollte. In ihre Wangen war das Blut gestiegen; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten, sie stand in ihrem weißen Nachthemd, über das sie einen leichten Rock geworfen hatte, ganz in Ungeduld, Angst und Sorge verloren, vor ihm. Wie ein Sonnenstrahl fuhr es über Hans Schmidts Gesicht.

»Wie Sie schön sind!« sagte er langsam auf die treuherzige, einfache Weise, wie allein Hans Ludwig Schmidt in einer so sonderbaren Situation dergleichen aussprechen konnte. Anna setzte das Licht auf den Tisch, hob das Tuch auf und hüllte sich darin ein.

»Was ist mit meinem Mann geschehen?« fragte sie hastig.

»Er ist nicht mehr Ihr Mann«, sagte Hans Ludwig Schmidt langsam und bedächtig.

Anna schaute ihn an, wie man jemand anblicken mag, der im Fieber spricht, halb lächelnd, halb besorgt.

Hans Ludwig Schmidt sagte ruhig: »Im heiligen Ernst, Sie gehören nicht mehr zueinander.«

Es lag etwas in Hans Schmidts Art und Weise, dies auszusprechen, das Frau Anna wie ein böser Traum auf der Seele drückte. Sie stand gebannt. Sie wußte und ahnte nichts, worauf sich die sinnlosen Worte Hans Schmidts beziehen konnten, und dennoch lag es wie Unglück über ihr.

»Was soll ich von Ihnen denken? Reden Sie!« fragte Anna.

»Sagen Sie mir«, begann Hans Ludwig Schmidt, »als Sie Obrist heirateten, war er ein Mensch, dem das Leben offen stand. Wie ist es gekommen, daß er sich heute auf den Schienen das Leben nehmen wollte?« – Das sagte 117 Hans Schmidt unbeweglich. Anna schrie auf, faßte mit beiden Händen die Arme dessen, der mit seiner ganzen Unerschütterlichkeit vor ihr stand. Sie starrte ihn an, als wäre sie eben aus einer anderen Welt herabgefallen.

Kein Wort kam über ihre Lippen.

»Sagen Sie«, fragte Schmidt, »was hat er für ein Leben geführt bis zu diesem abscheulichen Schritt!« Annas Atem stockte. Sie wurde bleich und wieder rot. In ihrem Blicke lag etwas Ratloses, Sinnloses. Wie ein getroffenes Tier seinen Feind erwürgen möchte, so stand sie ihm gegenüber – zitternd, beleidigt und verzweifelt.

»Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!« flüsterte sie hastig und tonlos.

Hans Ludwig Schmidt hatte recht, als er sagte: Jeder, der ein festes Ziel vor Augen hat, ist für die anderen dämonisch. Hans Ludwig Schmidt war genau so stämmig wie vordem, genau so blond und gesund wie vordem. Seine blauen, festblickenden Augen hatten die Ruhe und den Ernst und die Treuherzigkeit wie vordem; dennoch lag etwas Vordringendes, Unnahbares in ihm.

Er stand aufgerichtet vor Frau Anna und erzählte die Ereignisse des heutigen Abends, ohne die geringste Erregung zu zeigen.

Anna hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen, und die Arme hingen ihr schlaff an den Seiten herab. Sie hörte zu, ohne ein Wort zu erwidern; aber in den blauen Augen lag ein Etwas, als sähe sie zu, wie ihr wunderhübscher Garten, in dem alles in voller Hoffnung Blüte und Früchte ansetzte, von einem Hagelwetter zerknickt und zerschlagen würde, alles was ihr das erste Frühjahr versprochen und der Sommer schon erfüllt hatte, das ganze wunderschöne Gedeihen. Sie fuhr sich, während Hans Ludwig Schmidt 118 unerschütterlich weitererzählte, mit beiden Händen nach den Schläfen.

»Wie haben Sie es nur ertragen können, ihn so hinsterben zu sehen?« fragte Hans Ludwig Schmidt.

Sie antwortete nichts.

»Wie kann eine stolze Frau es erdulden, von dem Manne als Last empfunden zu werden? Wie kann sie es nur eine Stunde lang dulden – eine Frau wie Sie?«

Anna erhob sich. Sie war bis in die Lippen bleich geworden. Fest aufgerichtet stand sie vor ihm. »Sie vergessen sich«, erwiderte sie kalt, sank aber gleich darauf wie gebrochen auf ihren Stuhl zurück und sagte aus der ganzen Fülle ihrer unschuldigen Natur heraus, in der nur ein kleines Pflänzchen des selbstbewußten Stolzes gediehen sein mochte: »Reden Sie nur!«

»Solange noch ein Funken Leben in ihm ist, versuchen Sie ihn zu retten«, sagte Hans Schmidt unerschütterlich, »geben Sie ihn frei!«

Anna blickte ihn mit verzweifelten Augen an und sagte tonlos: »Was wollen Sie nur?« Dann schwieg sie. – Auch Hans Schmidt schwieg. Nach einer Weile begann sie wie im Traum: »Es war so hübsch bei uns. Die Kinder gediehen, und alles war, wie ich mir's nicht schöner wünschen konnte! Ich arbeitete, jeder Blutstropfen in mir lebte und war wohlauf. – Und Heinrich war so gut – so himmlisch gut. – Ich dachte von Tag zu Tag, es müßte ihm besser werden –« Hans Schmidt ging im Zimmer auf und nieder.

»Allmächtiger Gott – und alles ist wie ausgelöscht!« rief die Frau und verbarg ihren Kopf in die Hände.

»Wie ausgelöscht – wie ausgelöscht – wie ausgelöscht!« flüsterte sie kaum hörbar.

119 Sie erhob sich, ging langsam vorwärts, blieb in der offenen Tür, die zum Atelier führte, stehen und blickte starr und wie gedankenlos in den dämmerigen Raum.

Die brennende Lampe stand auf der Diele. Anna hatte sie in der Verwirrung da niedergesetzt. Jetzt sah sie wie gebannt in den hellen Lichtkreis, der um die Lampe her auf dem Teppich leuchtete. Kein Laut war in beiden Zimmern zu hören. Hans Ludwig Schmidt lehnte mit der Stirn am Fensterkreuz und blickte in die Dunkelheit hinaus.

Dickchen, die rosa Gestalt, saß auf dem Sessel neben ihres Vaters Lager, der teilnahmlos ausgestreckt dalag.

Sie hielt die Hände gefaltet, die Augen fest auf den Vater gerichtet; keine Bewegung war an ihr zu spüren.

»Du Armer!« flüsterte Anna mit gepreßter Stimme schluchzend, als ihre Blicke sich endlich von dem grellen Lampenlicht, das wie betäubend auf sie gewirkt haben mochte, losgerissen hatten.

Ein Ausdruck von Angst und Verwirrung flog über ihre Züge. Sie breitete die Arme aus mit solcher Innigkeit, als wollte sie die schöne harmlose Heiterkeit halten, fassen, zurücklocken, die in ihrem Herzen wie ein lustiger Singvogel gewohnt hatte und die ihr jetzt davonflog – unerbittlich, unaufhaltsam.

Ein Schrei, ein tiefer Seufzer entfuhr ihren Lippen, dann sank sie in die Knie, den Kopf an den Türpfosten gestützt, und weinte und schluchzte in der ganzen Lebhaftigkeit und Leidenschaftlichkeit ihrer Natur.

Im selben Augenblicke kauerte Dickchen neben ihr und schlang die Arme um sie. »Muttchen – ach mein Muttchen!« sagte das Kind ruhig und dennoch aufs äußerste erregt. Sie sagte es kühl; aber ihre Stimme zitterte, als 120 wollte dem Kinde das Herz vor Angst, Liebe und Hingebung brechen. Während sie ihre Mutter umarmte, blickte sie mit den sanften Augen zu ihrem Vater hin – so, als möchte sie im selben Augenblicke zugleich auch bei ihm sein, als könne er ihr währenddem auf Nimmerwiedersehen entschwinden.

»Liebe Mama!« und sie schmiegte sich fester an ihre Mutter –, »ach weine nicht so!«

Anna konnte sich nicht fassen, konnte sich nicht regen, es war, als wollte sie sich in Tränen auflösen.

Dickchen stand wieder auf, schlich leise zum Vater, faßte vorsichtig seine Hand, strich ihm über die Stirn.

Dann kam sie zur Mutter zurück und sagte: »Seine Hand glüht und seine Stirn glüht.«

Hans Ludwig Schmidt schritt leise an Mutter und Tochter vorüber und ließ sich auf den Sessel neben seinem Freunde nieder.

Dickchen hielt wieder ihre Mutter umschlungen, die von Tränen und Schluchzen durchbebt war.

»Ach, mein Muttchen«, sagte Dickchen, »er ist unglücklich, er wird sterben! Ich habe sooft nicht geschlafen, wenn ich an ihn dachte, wie er immer dasitzt – immer dasitzt und nicht arbeitet und nicht froh und gesund ist. – Und vor ein paar Wochen habe ich geträumt, die Tanten ständen im Atelier und zankten sich – die eine hatte das schreckliche, traurige Bild, das unter dem Studienschranke liegt, in der Hand und machte im Eifer eine Rolle daraus und zerdrückte es. Ach, du kennst es nicht!« flüsterte Dickchen hastig, und Tränen traten ihr zum erstenmal an diesem Abend in die Augen. »Ich kenne es«, setzte sie wieder fest, aber kaum hörbar leise hinzu. – »Das Bild hielt die eine Tante in der Hand und hob es mit einem Male mit 121 beiden Armen ausgebreitet hoch in die Luft und rief: ›Wie abgeschmackt!‹ Und Papa lag auf seinem Sofa und hörte zu, wie sie zankten, und sah die Tante an, wie sie das Bild hochhielt, so wie er es immer tut, wenn die Tanten im Atelier ihre Geschichten machen.

Ich war wohl auch dabei, denn mit einem Male tat er mir so leid, sein Gesicht sah so elend aus, und um ihn her war Unruhe und Lärm. – Es liefen eine Masse Leute durch die Stube und schleppten Kisten und alles mögliche Zeug, und Hunde kamen und sprangen und rissen alles um. Ein ganzer Haufen alter Stühle wurden hereingeschleppt, mir wurde Himmelangst, was aus all dem werden sollte. Ein abscheulicher Staub war im Zimmer, und alle Türen standen sprungweit auf – und Papa lag immer ganz ruhig, ohne sich zu verwundern. Einmal nahm er meine Hand und streichelte sie, da fing ich an zu weinen und lief nach dem Fenster und öffnete es – und draußen war ganz klarer, frischer Morgen, da bekam ich eine solche Sehnsucht, eine solche Sehnsucht!« Dickchen preßte die Hand auf ihr Herz.

»Und wie ich mich umsehe, steht Papa in dem großen, offenen Fenster – und ich will schreien und kann nicht – und er ist hinausgesprungen – und es kommt so viel Sonne ins Fenster herein, daß ich gar nichts sehen konnte. Auf einmal aber bemerke ich, wie Papa auf der Straße geht – und um die Ecke ist er – und fort ist er. Das habe ich geträumt.« Dickchen schmiegte sich an Anna fest an, die, nicht fähig, ihre Erregung zu bemeistern, kaum gehört, keine Bewegung und kein Wort für das Kind hatte. »Ich habe es nur geträumt«, flüsterte Dickchen angstvoll. Das gute Geschöpf umschlang hastig die Schultern der Mutter.

122 Hans Schmidt trat zu der fassungslosen Frau. Vorsichtig, mit einer ruhigen, freundlichen Zartheit half er ihr sich erheben.

»Er muß Ruhe haben«, sagte er. »Sie müssen Ruhe geben. Das Leben geht nicht immer die glatte Straße. Man muß über dem Leben stehen, das ist der einzige Standpunkt für einen Menschen, der Gutes tun will. Und Sie müssen ihm helfen; Sie müssen es und werden es.«

Er geleitete Anna ins Nebenzimmer. Dort setzte sie sich, stützte den Kopf aufs Fensterbrett und blieb so stumm und regungslos. Was half es, daß die Sonne gedeihlich geschienen hatte, daß das Jahr reich und fruchtbar zu werden versprach, daß taufrische Morgen, heiße Mittage, kühle Abende lebenbringend über die schöne Gegend gezogen waren.

Jetzt war alles ein Wasserguß, eine Zerstörung – eine graue, wogende Wüste – und was vordem gewesen, war ausgelöscht.

Dickchen stand eine Weile auf der Türschwelle und sah ruhig vor sich hin. Es hatte den Anschein, als wäre sie ruhig. Die kindlichen braunen Hände hielt sie krampfhaft ineinander gepreßt.

Scheu sah sie nach ihrer Mutter hin – hastig, als täte sie einen unerlaubten Blick in ein Geheimnis, das nicht für ihre Augen bestimmt war. – Dieser befangene, heftige, nach Entschluß ringende Blick wiederholte sich. Mit einemmal stürzte sie auf die Mutter zu. Eben noch war sie ganz Unbeweglichkeit gewesen, und jetzt, wie zerrissen von übermächtigem Leben, sank sie ihr an die Brust, drückte zitternd ihr glattes Köpfchen fest an die Mutter und sagte mit einer Stimme, die das starke Gefühl des guten Kindes nicht bergen konnte: »Nie wird er glücklich – bei uns nie!«

123 Mit einemmal sagte sie ruhig und völlig gefaßt. »Hörst du mein Muttchen – hörst du?«

Anna verhielt sich wieder völlig teilnahmlos, als hätte sie die angstvollen Worte ihres Kindes überhört. Dickchen hatte aber gefühlt, wie ein Beben durch den Körper ihrer armen, verweinten Mutter gegangen war, die sie bis zu diesem Tage nur wohlgemut und heiter gesehen hatte.

Und dies Erzittern hatte das weiche, liebevolle Herz Dickchens ganz mit Erbarmen erfüllt.

Sie hatte sich in Scheu von ihr losgelöst, hielt sie nicht mehr umschlungen, als wagte sie nicht, den Schmerz ihrer Mutter so nahe zu belauschen. Das Tuch aber, das Anna ein wenig von den Schultern geglitten war, küßte und liebkoste das Kind mit der ihm eigenen Zartheit.

Hans Schmidt betrat leise das Zimmer, Dickchen blickte auf, und Hans Schmidt winkte ihr, ihm zu folgen.

Das Kind erhob sich leicht wie ein Vogel und trat zu ihm.

»Was ist geschehen?« fragte sie zaghaft zitternd.

»Nichts – nichts« – sagte Hans Schmidt beruhigend. »Habt ihr ein Zimmer, das nach Süden liegt?«

Dickchen sah ihn einen Augenblick fragend an. Darauf sagte sie auf ihre treuherzige, ruhige Art: »Wir haben eins, im oberen Stock.«

»Gut.«

»Wie geht es?« fragte Dickchen kaum hörbar und schlich nach der Tür.

»Er hat Fieber – er hat Fieber«, erwiderte Hans Schmidt leise.

Dickchen schlüpfte ihm voraus, trat vorsichtig zu ihrem Vater, beugte sich über ihn, berührte seine Stirn wie ein 124 Hauch – faßte seine Hände und sagte leise und nachdenklich wie zu sich selbst: »Die brennen!«

Darauf schlich sie zu Hans Ludwig Schmidt, dessen Blicke auf ihr geruht hatten, faßte seine Hand mit ihren beiden Händen und fragte trocken und hart – wenn auch kaum hörbar: »Muß er sterben? Glaubst du das?«

Sie sah ihn fest an, so wie er's nicht gedacht hätte, daß ihre weichen Augen blicken könnten. – Er drückte ihre kleinen Hände und antwortete zuversichtlich: »Er wird leben und wird noch glücklich und gesund.«

Da preßte das Kind Hans Schmidts Hand an seine Stirn und sagte: »Du hilfst ihm. – Du allein bist Hilfe auf der Welt!« – Hans Schmidt wußte nicht, wie ihm geschah. Die Worte des Kindes berührten sein Herz wie ein göttlicher Frühlingshauch, und alles, was Mitleid, Dankbarkeit und Liebe für seinen Freund war, begann in seiner Seele zu leben, zu wachsen.

»Ich werde ihm helfen – ich will ihm helfen!« sagte er ernst.

»Ja, hilf ihm«, erwiderte das Kind aus tiefster Seele. »Du fragtest nach einem Zimmer im Süden, was willst du damit?«

»Er soll darin liegen und schlafen, nicht hier«, war die Erwiderung.

»Die Tanten wohnen darin«, sagte Dickchen. – »Ich werde es ihnen gleich sagen.«

Damit verschwand das Kind, und Hans Schmidt setzte sich neben den Freund gedankenvoll nieder – der Kranke seufzte in halber Bewußtlosigkeit. Eine Uhr tickte mit vollem Pendelschlag – sonst war tiefes Schweigen. Der Vogel, der ängstlich von einem armen Herzen zum anderen geflattert war, war nicht mehr im stillen Zimmer. Anna 125 regte sich nicht, rührte sich nicht, um nach ihrem Manne zu sehen, sie blieb wie festgebannt. Was sollte sie tun, was sollte sie helfen? Sie hatte ihm ihr Lebtag nicht geholfen – was sollte sie jetzt in letzter Stunde tun? – Ihm einen armseligen Dienst leisten – nein – sie wollte so sitzen und erstarren. Der Gedanke tat ihr wohl! Er hatte jahrelang unter ihr gelitten! – Wie sie das packte! Wie sich ihr das in ihr gutes, sorgloses Herz einkrallte. Nichts, nichts war wieder gutzumachen – nie! Alles war wertlos! Das schallte durch ihr Herz, wie durch einen weiten öden Raum, aus dem alle Freuden, alle lustigen Bilder, alles muntere Gedränge verschwunden war, mit einemmal, mit einem Schlag; das Lachen und Jubeln und Jauchzen der Kinder, wenn sie es sich vergegenwärtigte, trieb ihr vor Schreck das Blut in die Wangen. Wie oft hatte es ihn gequält, das ganze laute Treiben im Hause wirbelte ihr im Kopfe; die Kinder taten ihr leid, sie kamen ihr gekränkt und betrogen vor in ihrer Unschuld und ihrem Gedeihen. Sie tat sich selbst leid, sie weinte über sich selbst. Sie weinte über alles, über alles, alles. Ganz unschuldig, ganz vom Schicksal geschlagen, erschien sie sich. Da pochte ihr das Herz plötzlich wie ein Hammer in der Brust, irgendein Ereignis, ein Sinn, ein Wort war ihr ins Gedächtnis gekommen, eine Geringfügigkeit irgendeiner Art, und sie sah sich selbst zum Erschrecken schuldig, hartherzig, sinnlos, einwütend auf das Leben eines Menschen, ihres Gatten. – Der Boden unter den Füßen wich ihr. Wie mochte alles gekommen sein? Wie mochte alles möglich sein?

Anna dachte schwer befangen und von dem Ungeheuerlichen, das sie von Hans Schmidt gehört hatte, aus der Bahn ihres Fühlens gedrängt. Hat je ein Mensch auf 126 Erden so Verworrenes, Unsinniges, Unmögliches gesprochen! Ihre Augen starrten, ihr Herz hielt mit Schlagen inne. Etwas, das Todesgrauen, Gespensterfurcht glich, legte sich ihr über Stirn und Augen und machte sie blind, dumpf und fühllos.

So saß sie noch, als Dickchen zu ihr geschlichen kam und zaghaft sagte. »Komm, bitte, die Tanten stehen beide draußen und wollen herein.«

Anna sah auf Dickchen und erwiderte langsam und gedankenabwesend: »Die Tanten stehen draußen?«

Dickchen faßte die Mutter an der Hand, diese folgte ihr wie schlafwandelnd.

Sie gingen beide durch das Atelier und zur Tür hinaus.

Draußen standen sie zwei sonderbaren Gestalten gegenüber, die sich auf die Treppe postiert hatten. Die eine hielt eine kleine, schirmlose Lampe in der Hand. Beide waren in mächtige, rot und schwarz karrierte Schals gehüllt, auf den Häuptern trugen sie verknüllte Hauben. Über ihren Zügen lag ein tödlicher, außerordentlicher Ernst.

Wie zwei große, steife, würdige Geschütze sich selbst noch kurz vor dem Schusse vollkommen still und unhörbar verhalten, so taten dies auch die Tanten. Sie ließen Anna und Dickchen sich ihnen bedenklich nähern, ohne daß sie einen Laut von sich gegeben hätten. Mit einemmal aber brach es los, aus beiden Läufen zugleich. – Mit dem Schmerzenston tiefsten Interesses und zugleich schwerwiegender Anklage stießen sie beide erregt hervor: »Was ist das – und was bedeutet das? – Wir sind aus unseren Betten geholt worden! Wir verstehen das Kind nicht!« Hierbei blickten sie auf Dickchen, ungeduldig und fragend. Anna sah auf die Tanten, ohne zu antworten, als hätte sie nie 127 in ihrem Leben etwas dergleichen wie ihre beiden Haushälterinnen gesehen und geahnt.

Die eine der Tanten hielt ihre selten große und korpulente Taschenuhr, die sie zu diesem Behufe mitgenommen zu haben schien, Anna vor die Augen. Die Uhr zeigte auf halb drei morgens. Sie gab mit ihren schwarzen, für eine Taschenuhr abenteuerlich verschnörkelten Zeigern diese Stunde unerbittlich an, in der die Tanten aus den Betten geholt worden waren, in der das Herz eines armen Weibes zum erstenmal tiefe Lebensqual hatte kosten müssen, in der ein gutes Kind vor Liebe und Angst hinzuschwinden drohte – in der ein gequälter Mensch in die beschwichtigenden, trüben Gedanken verlöschender Fieberwogen sank und in der Hans Ludwig Schmidt sehr prosaisch dachte: »Den bringen wir durch!« »Wir fragen noch einmal«, begannen die Tanten erregt, unisono und alteriert durch das Schweigen ihrer Nichte. »Man hat uns aus den Betten geholt! Man steht uns nicht Rede und Antwort! Das einzig Natürliche wird nicht getan! –« Anna hatte sich von den Tanten abgewendet und horchte gespannt nach der Tür, aus der es undeutlich wie dumpfes Stöhnen drang. »Was ist das?« fragten die Tanten, sahen sich einander an und horchten auch.

Dickchen sagte leise: »Euer Zimmer soll für Papa hergerichtet werden. Er wird oben wohnen!«

»I wie! I wo?« fragte die Tante, die die Uhr gehalten hatte, ungläubig und blickte in hochgradigem Erstaunen auf die andere.

»Sage es ihnen, ich bitte dich«, bat das Kind.

»Was denn?« fragte Anna gedankenbefangen.

»Sage ihnen, daß Papas Zimmer gleich oben eingerichtet werden muß; Hans Schmidt wünscht es so.«

128 »Wer wünscht das, was wünscht er?« fragten die Tanten – und hätten die Hände über den Köpfen zusammengeschlagen, wenn sie nicht anderweitig gebraucht worden wären. Die karrierten Schals mußten mit Sorgfalt zusammengehalten werden, damit die nächtlichen Ungereimtheiten der beiden würdigen Damen den Anwesenden verborgen blieben.

Trotz allem Fragen der Tanten und Dickchens scheuen Antworten kam man eine geraume Zeit um keinen Schritt der Erklärung näher, bis es sich Dickchen endlich kaum hörbar über die zitternden Lippen rang: »Papa ist sehr krank.«

»Du mein Gott!« riefen die Tanten, »und das sagt man uns nicht, da läßt man uns stehen. Da kommen wir in den Schals aus den Betten – früh halb drei Uhr – und niemand tut den Mund auf! Ist das eine Art! Jetzt rasch, daß etwas geschieht! Wir hörten ihn ja stöhnen, und ihr laßt ihn so allein liegen!

Nein, nein, mein Herz, laßt uns nur darüber kommen!« Das sagte die Tante mit der Lampe und schob mit einem Griff Anna beiseite, war an der Tür, ehe man es sich versah, öffnete und trat ein; die andere Tante folgte ihr auf dem Fuß. Dickchen eilte ihnen nach, um sie zurückzuhalten; aber es half nichts, es war schon zu spät.

Als die Tanten die Schwelle des Ateliers betreten hatten, waren sie geblendet von dem leuchtenden Schein, den die Lampe, die immer noch auf demselben Flecke stand, um sich her auf dem Teppich verbreitete, und der ganze übrige Raum schien ihnen in Dunkelheit gehüllt. »Wo ist er denn? Wo liegt er denn? Was hat er denn?« fragten sie sich gegenseitig in einem Ton, der leise sein sollte, der aber ganz impertinent laut geraten war. In dem 129 Augenblick erhob sich eine Gestalt hinter der Lampe, und sie erkannten Hans Schmidt nach längerem Hinstarren. Diese Entdeckung hatte einen doppelstimmigen Ausruf des Erschreckens zur Folge, die karrierten Schals wurden fester gefaßt.

»Still – still«, flüsterte Hans Ludwig Schmidt und machte ihnen eine bezeichnende Handbewegung, die sie fernhalten sollte; aber ein sehr erstaunter, mißbilligender Blick der Tanten, die ihr Mienenspiel mit der kleinen Petroleumlampe beleuchteten, traf ihn, und resolut drangen die beiden vor.

Sie neigten sich über das Fußende des Lagers, auf dem Obrist lag, und blickten in ein Paar glänzende, ausdruckslose Augen, die auf sie gerichtet zu sein schienen.

»Was hat er denn? Was ist denn mit ihm?« fragten die Tanten einander gegenseitig. Sie schienen in dieser Angelegenheit nur zueinander Vertrauen zu haben und nur voneinander Aufklärung zu erwarten.

In dem Augenblick klang ein tiefes Stöhnen von den Lippen des Kranken: »Fort – fort!« flüsterte er mit gepreßter Stimme und machte mit der Hand ein schwaches Zeichen den Tanten zu.

»Was hat er denn für eine Stimme?« fragte die eine und spitzte die Ohren unter der Mütze. »Er wird's im Hals haben, der Stimme nach. Er ist ja heiser. Haben wir einen Hering im Hause? Man muß ihm einen Hering um den Hals legen!« Das war ihre erste und unumstößliche Meinung. »Du weißt, wie vortrefflich dir das neulich deine Halserkältung vertrieben hat!« wandte sie sich an die jüngere Schwester, die in jugendlicher Bescheidenheit der älteren in jeder Weise Vorhand ließ. Ein feiner Beobachter würde bemerkt haben, daß alles, was von diesem 130 Schwesterpaar geleistet wurde, das geistige Eigentum der Ältesten war.

So auch jetzt. Die Jüngere nahm die Idee mit dem Hering inbrünstig auf und gab ihre volle Beistimmung.

»Ein Hering um den Hals«, sagte sie, »ist in einem solchen Fall das einzig Richtige.«

Hans Schmidt schien von dem Anblick der Tanten überwältigt zu sein.

Er hatte hin und wieder noch einen schwachen Versuch gemacht, sie zu vertreiben, war aber von der unbeugsamen Energie der Damen offenbar betroffen. Er saß unbeweglich in seinem Lehnstuhl, ohne einen Blick von den Tanten zu verwenden.

»Ich habe es immer gesagt«, begann die Älteste. »Ordentlich Luft braucht der Mensch. Hätte er täglich seinen Spaziergang gemacht, läge er jetzt nicht hier. Wie oft haben wir ihm gesagt: Sole soll er baden. Ein Mensch, der nie Sole gebadet hat, wie kann der gesund sein!«

»Unsere selige Mutter«, fügte die Jüngste hinzu, »badete Sole mit Fichtennadelextrakt.«

»Hätte er sich wenigstens naß abgerieben, mit Seesalzeinstreuung in das Laken, damit es ordentlich frottiert, so wären wir auch nicht bis dahin gekommen, daß er uns jetzt daliegt mit einer Halsentzündung im Leibe!«

»Wasser, Luft und Bewegung sind der menschlichen Natur notwendig«, fuhr sie eifrig fort. »Wurde hier aber einmal gründlich gewischt und gescheuert, stellte er sich an, als beginge man eine Todsünde im Hause. – So ein Mensch kann nicht ungestraft leben. Die Natur rächt sich. – Das sehen wir!«

Ein Stöhnen, ein heftiges Aufrichten des Kranken 131 unterbrach die Tante in ihrer schwungvollen Rede. Erregt, verwirrt, gequält blickte Anna um sich.

»Verflucht!« rief Obrist, »verdammt! Wer hat die Untiere hereingelassen! Hinaus! Hinaus! Fort! Sie sollen nicht im Atelier umherkriechen und schwatzen und schnaufen – fort!« Darauf sank er zurück und bedeckte die Augen mit der Hand – so blieb er liegen. Die Tanten standen sprachlos, steif wie gefrorene Dorsche. Sie konnten nicht zu Worte, nicht zu Atem kommen. Ein niegefühltes Grauen überlief sie, und die wenig schmeichelhafte Erkenntnis, daß ihr Heinz es mit dieser garstigen Schimpferei auf sie abgesehen habe, kränkte ihre braven Herzen außerordentlich.

Sie blickten beide ratlos auf Hans Schmidt, den nächtlichen Gast, dessen Anwesenheit sie ignoriert hatten – vielleicht aus Schicklichkeitsgefühlen. Sie hatten aber dennoch ihm zu Liebe ihre karrierten Schals eng wie Futterale um sich gespannt.

»Gehen Sie, meine Damen, gehen Sie. Er hat Fieber und muß allein sein«, sagte Hans Schmidt, erhob sich und trat auf die Tanten zu, die schleunig kehrt machten und der Tür zu abzogen.

 

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