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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Im Hause des Geheimrats sind Leute versammelt, die inniger zueinander stehen, als es gewöhnlich im Leben der Fall ist. – Obrist hört ein altes Lied.

Bei dem Geheimrat war alles bereit, Gäste zu empfangen. Die Zimmer hatte man heiter erhellt, die mit Gewächsen bestandene Treppe, die klar erleuchtet, mit einem dunkelfarbigen Teppich belegt war, schien den Ankommenden auf Behagen, Reichtum, Gastlichkeit vorzubereiten.

In den wohnlichen, reich ausgestatteten Räumen waren vier Personen anwesend: der Geheimrat, dessen Frau, eine 89 würdige, noch lebensfrische Erscheinung, außerdem Mrs. Gwendolen Brown, eine Schottin, die aus den ersten Blick die Aufmerksamkeit gefesselt hielt, eine vornehme, zarte Gestalt, noch jugendlich reizvoll, das reiche Haar frühzeitig schneeweiß gebleicht.

Sie trug es, wie wir es auf altfranzösischen Bildern zu sehen gewohnt sind. Und das Außergewöhnliche, womit die Natur diese Frau ausgezeichnet hatte, schien von Einfluß auf ihr ganzes Wesen geworden zu sein.

Ihr sechzehnjähriger Sohn hatte sie zu dem Geheimrat begleitet, ein schöner, schlanker Junge. Beide, Mutter und Sohn, hatten merkwürdig schimmernde, tiefe blaue Augen und glichen sich auch sonst ausfallend. Das starke Haar des Sohnes fiel ihm bei jeder lebhaften Bewegung wie eine braune Mähne über Stirn und Augen. – Es war noch etwas Kindliches in seinem Ausdruck und seinem ganzen Benehmen. – Nichts war an ihm zu spüren von dem Früherwachsensein unserer bedrückten Jünglinge, die wie sorgenvolle, arbeitsüberdrüssige Ehrenmänner in die Kreise der Erwachsenen eintreten.

Mrs. Gwendolen Brown lebte von ihrem Manne getrennt und hatte ihr volles Interesse auf ihren einzigen Sohn William gelenkt, der mit einem guten musikalischen Talent begabt war, dessen Ausbildung die Mutter als ihre einzige Lebensaufgabe zu betrachten schien. – Sie war in der glücklichen Lage, diesen Sohn im Hause unterrichten lassen zu können, wodurch sie ihm die geisttötende Langsamkeit der Schule ersparte und Zeit gewann, ihn für seinen Beruf vorzubereiten.

Sie glaubte an das Talent ihres Knaben, und wenn man ihr Vorwürfe machte über das willkürliche Abweichen von dem gebräuchlichen Wege und ihr über die trügerische 90 Begabung der jüngsten Jahre Sorgen einflößen wollte, hatte sie nur ein Lächeln für diese Ermahnungen. »Mein Knabe hat Begabung«, pflegte sie dann zu erwidern, »und wir lieben beide den Fleiß. Er weiß, worauf es ankommt. Wir sind nicht in Deutschland, um das Gift mit dem Guten zugleich einzuziehen. Wir sind wie die Bienen, was wir nicht gebrauchen, lassen wir beiseite, wollen von den Deutschen die Musik lernen, aber wollen nicht von ihnen gequält werden! – Oh – nein.«

Mrs. Gwendolen Brown war vor Jahren Obrists Schülerin gewesen, und sie hatten damals manchen heiteren, von Musik belebten Abend bei dem Geheimrat verlebt.

Man sagt, daß sie zu jener Zeit ein tiefes Interesse für den gefeierten Künstler gefaßt habe, gerade zu der Zeit, als Obrists Wahl auf die lebenslustige Anna Howart gefallen war.

Sonderbar, wie das Schicksal führt.

Es mag sein, daß jedem Menschen einmal die Möglichkeit einer günstigen Entwicklung seiner Kräfte und seines Schicksals nahe war.

»Beste Mistreß Gwendolen, seit wann haben Sie also Ihren Freund Obrist nicht wiedergesehen?« fragte der Geheimrat.

»Hier bei Ihnen sah ich ihn zum letztenmal, hier bei Ihnen, mit seiner Frau.«

»Nun, ich bin neugierig, ob wir ihn diesen Abend bei uns haben werden. Ich muß gestehen, es ist mir ein sonderbares Gefühl, ihn nach so vielen Jahren, so als einen ganz anderen wieder zu empfangen.« Der Geheimrat ging nachdenklich auf und nieder.

»Leider als einen anderen«, sagte Mrs. Gwendolen mit einem unbestimmbaren Ausdruck.

91 »Es ist heute gerade ein Tag, an dem ich ihn lieber nicht hier sehen würde«, fuhr der Geheimrat fort. »Ich las am Morgen eine Besprechung, mit der ich leider nur allzusehr übereinstimmen muß, und die, wenn er sie zu Händen bekäme, ein Schlag für ihn werden könnte. – –« Mrs. Gwendolen trat in ein Nebenzimmer, in dem Obrists Bilder hingen. Ihr Sohn folgte ihr, und beide blieben Hand in Hand vor jedem der Gemälde stehen. Der Geheimrat und seine Frau traten auch hinzu.

Es war vollkommen ungestörte Stille in dem Zimmer. Jeder schien sich selbst und dem Eindruck, den die Kunstwerke auf ihn machten, zu überlassen. Endlich brach William das Schweigen und sagte auf eine bescheidene, doch tiefempfundene Weise zu seiner Mutter: »Er muß ein herrlicher Mensch gewesen sein.«

»Er ist es noch«, sagte Mrs. Gwendolen.

Kurze Zeit darauf meldete der Diener die beiden Freunde, Obrist und Hans Ludwig Schmidt. Der Geheimrat ging beiden entgegen und begrüßte Obrist auf das zuvorkommendste. Es fiel kein Wort über die lange Pause, die zwischen dem letzten Empfang in des Geheimrats Haus lag und diesem ersten. Obrist begrüßte alle lebhaft, erregt.

Das Gebrochene, Haltlose in seiner Erscheinung schien verschwunden zu sein, und er bewegte sich mit einer allerdings etwas hastigen Leichtigkeit.

Nachdem er sich mit Mrs. Gwendolen begrüßt hatte, trat er auf deren Sohn zu, der ihn ehrerbietig anblickte.

»Mein Gott«, sagte Obrist und schüttelte dem Knaben beide Hände: »Wie sind wir gewachsen, und wie haben wir uns verändert!«

»Sagen Sie, gnädige Frau« – er sprach zur Mutter 92 gewandt – »sind Sie Ihrem Vorsatz treu geblieben, und erziehen Sie ihn zum Künstler?«

»Sie erinnern sich«, sagte Mrs. Gwendolen. »Er wird zum Künstler erzogen, so gut es mir gelingt. Vielleicht dankt er es mir einmal.« – Mrs. Gwendolen blickte liebevoll auf ihren Sohn.

»Glücklicher Junge«, sagte Obrist und legte die Hand William auf die Schulter, »du weißt gar nicht, was das Schicksal dir zugute getan hat!«

»Gewiß, ich weiß es!« sagte der Knabe stolz und befriedigt.

»Bravo!« rief der Geheimrat. »Sie erinnern sich«, wandte er sich an Obrist, »daß William ein großer Verehrer von Mistreß Gwendolen ist.«

Obrist strich dem Knaben über das volle, weiche Haar. Es entspann sich jetzt eine wechselseitige Unterhaltung, während Obrist sich lebhaft zeigte und prächtig aussah.

»Nun sagen Sie einmal« – der Geheimrat hatte Hans Ludwig Schmidt beiseite genommen –, »was fällt Ihnen denn ein, solchen Lärm zu schlagen! Was wollen Sie, der Mensch ist ja vollkommen oben auf, lebhafter, als ich ihn kannte!«

»Gott weiß, was in ihn gefahren ist!« brummte Hans Ludwig Schmidt.

»So«, sagte der Geheimrat, »Sie Schwarzseher sollen mir wiederkommen – Sie sind mir ein sonderbarer Holsteiner –, ganz aus der Art geschlagen. Was fällt Ihnen denn ein?«

Währenddem sprach Obrist mit Mrs. Gwendolen und der Frau des Hauses. Er erkundigte sich, womit Mrs. Gwendolen sich jetzt beschäftige, ob sie ihre Studien fortgesetzt habe.

93 »Sie meinen meine Malstudien?« Sie lächelte. »Nachdem mein Lehrer mich verlassen hatte, sind sie mir halbwegs liegengeblieben. – Und dann, mein Hauptstudium, mein Freund«, sie nickte lächelnd William zu, »er nahm mich zu sehr in Anspruch. – Ich sage Ihnen«, begann sie lebhaft, »es ist eine schreckliche Sache damit, daß ein Mensch, der irgendein bestimmtes Ziel verfolgt, notwendig alles, was ihn umgibt, sich unterordnen muß, sonst erreicht er nichts und wird unausgesetzt gehindert. – Ich habe William zum Egoisten erzogen, aus diesem Grunde.«

Der Knabe blickte sie sonderbar hastig an, als wollte er etwas erwidern, wagte es aber nicht.

Mrs. Gwendolen bemerkte diesen Blick und sagte: »Ich habe mir die Unbequemlichkeit auferlegt, ihn zum Egoisten zu erziehen – aber« – sie lächelte auf das liebenswürdigste – »zu einem dankbaren Egoisten, was ein ganz besonderes Kunststück ist.«

»Vorzüglich!« sagte Obrist. »Sie haben ihm damit ein Stück Genialität anerzogen. Den einzigen Schutz, den eine Künstlernatur hat, haben Sie sehr wohl erkannt; die Fügsamen, die Rücksichtsvollen, die Weichherzigen – gehen zugrunde.«

Mrs. Gwendolen hatte sich in den bequemen Lehnstuhl, in dem sie saß, hineingeschmiegt, wie nur sie es konnte. Die ungemeine Weichheit ihrer Formen, die Biegsamkeit ihrer Gestalt, das silberweiße Haar, das rosige, zarte und doch energische Gesicht, die schönen, scharf beobachtenden Augen, alles hatte etwas eigentümlich Anziehendes.

Während Obrist sprach, blickte sie ihn forschend und lächelnd zugleich an, zugleich auch gedankenlos und höchst aufmerksam. Der Reiz mancher Persönlichkeiten liegt darin, daß ihre Gefühle nicht bieder und klar zutage treten. 94 In ihrem Benehmen schimmern alle Gegensätze; wie schon gesagt, sie sind gedankenlos und zu gleicher Zeit scharf aufmerkend, liebevoll und zu gleicher Zeit grausam und gleichgültig, sorgenvoll und leichtsinnig, streng und frivol, wahr und unwahr. Niemand kann sich voll Rechenschaft über einen solchen Charakter geben. – Niemand weiß, soll er hier vertrauen oder fürchten, glauben oder zweifeln; jedermann aber wird durch diese vornehme Unbestimmtheit gefesselt und angezogen.

»Wenn ich nicht irre«, sagte Mrs. Gwendolen, »habe ich es Ihnen vor Jahren schon einmal ausgesprochen, daß ich meinen Sohn zum Egoisten erziehen würde. Ich habe Ihnen damals gesagt, daß man Egoist sein muß. Ich glaube, daß ich auch sagte: Die Deutschen sind ungeschickte Egoisten. Sie mischen Sentimentalität in den Egoismus und machen ihn dadurch ungesund und ungenießbar. Ach, Sie wissen gar nicht, was für eine weise Schülerin Sie hatten – und es ist nicht recht, daß Sie mich so viele Jahre ganz vergessen haben.«

Das sagte sie und streckte ihm, während sie sprach, ihre durchsichtige, volle Hand hin, die er ergriff und lächelnd mit den Lippen berührte.

»Unsere teuere Freundin, Mistreß Gwendolen«, unterbrach der Geheimrat, »schwärmt etwas, gelinde gesagt, und ich muß mich Williams, den sie uns durchaus als Egoisten vorstellen will, annehmen; nicht wahr, Mister Brown, so schlimm sind wir nicht?« Der Geheimrat klopfte dem prächtigen Knaben auf die Schulter. »Im Gegenteil, Mistreß Gwendolen hat sich den gehorsamsten, rücksichtsvollsten Sohn erzogen, der sich denken läßt.«

»Ja, ja, das sind Geheimnisse, die wir beide untereinander haben!« lächelte die schöne Frau. Im selben 95 Augenblick war William neben ihr und ließ sich von ihr die Stirne küssen.

»Wir wissen es, nicht wahr, mein Junge?«

»Gewiß«, lachte der schlanke, vornehm kräftige Bursche.

Man plauderte weiter – Obrist zeigte sich ununterbrochen lebhaft. Sein Freund Hans Ludwig Schmidt beobachtete ihn verwundert; und der junge William, der auf der Armlehne seines Sessels saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt hatte, verschlang ihn fast mit den Blicken. Obrist schien für ihn eine Persönlichkeit zu sein, die sein Interesse in hohem Grade in Anspruch nahm. Zwischendurch ging der Knabe ins Nebenzimmer und beschaute sich in Muße Obrists Gemälde, kehrte zurück und flüsterte seiner Mutter ins Ohr, dasselbe, was er schon einmal gesagt hatte: »Er ist ein herrlicher Mensch!«

Als eine Pause im Gespräch eintrat, sagte der Knabe auf eine liebenswürdige, bescheidene Weise mit befangener Stimme zu Obrist gewendet: »Wir haben einige Lieder von Ihnen komponiert, die Sie meiner Mama vor Jahren gegeben haben –«

»Welche Lieder? – Ah – ich weiß.« Obrist fuhr sich hastig über die Stirn. – »Wie sonderbar – die Lieder sind mir ganz aus dem Gedächtnis verschwunden.«

»Nun, uns sind sie desto sicherer darin geblieben!« sagte Mrs. Gwendolen liebenswürdig. »Wir haben sie vorigen Winter miteinander komponiert. Das heißt, William komponierte sie unter meiner, in diesem Falle sehr strengen Oberaufsicht. – Die Lieder sind schön und mir unendlich sympathisch, so sollte es auch die Musik sein. – Wenn Sie wollen, werden Sie dieselben heute abend kennenlernen.«

96 »Ich freue mich, Ihre Stimme wieder zu hören« sagte Obrist, »und zu erfahren, wes Geistes Kind William ist. – Am ersten, von allen Künsten, verrät doch die Musik das Herz. Ihr Gesang, Mistreß Gwendolen, das wissen Sie, hat mir zu meinen glücklichsten Stunden verholfen«, sagte Obrist langsam.

»Nun sehen Sie!« rief die schöne Frau leicht und beugte sich vor, »ich habe es von jeher für unverantwortlich gehalten, daß Sie mich so ganz vernachlässigt haben – nicht meinetwegen«, sie sank wieder langsam zurück – »Ihretwegen. Ich habe mich gefragt, ob Sie blind sind, daß Sie nicht sehen, wie leer die Welt ist. – Einen Menschen, der für uns eine angenehme Stimme hat, sollte man wie ein Instrument behüten, das man auch nicht achtlos beiseite stellt. In der Welt des Zufalls kann ein Lebensschicksal, ein Kunstwerk, alles, was bedeutend ist, von einem glücklichen Ton, der anregt oder beschwichtigt, abhängen. – Sie sind ein Verschwender. Ich habe lange Jahre mit Ihnen gezürnt –«

»Verehrte Frau«, sagte Obrist, »für uns Künstler verfliegt die Zeit schneller als für andere Leute; mir ist's, als hätte ich Sie gestern zum letztenmal gesehen – als läge nichts zwischen unserem Abschied und unserem Wiedersehen.« Das sagte er auf eine frische Weise.

Hans Ludwig Schmidt wendete sich zu dem Geheimrat und bemerkte trocken, wieder wie vordem: »Ich traue dem Frieden nicht.«

Die Unterhaltung ging ruhig und ungestört ihren Lauf. Man tauschte Erinnerungen aus mit Mrs. Gwendolen, die alles und jedes heiter und anmutig auffaßte.

Nach einiger Zeit setzte man sich zu Tisch in dem behaglichen, reichausgestatteten Speisesaal des Geheimrats.

97 Die Gerichte, die Getränke, alles war von ausgesuchtester Feinheit, alles reich und angenehm vor Augen geführt.

Der Geheimrat brachte die Rede auf das Bild, das er von Hans Ludwig Schmidt erworben hatte. – Er tat dies, wie es schien, in Weinlaune, in der er nicht recht bedachte, wie leicht das Gespräch sich für Obrist gefährlich wenden könnte.

Aber auch dies ging vorüber. Obrist ließ sich das Bild auf das genaueste vom Geheimrat beschreiben und war alles Lob voll.

Hans Ludwig Schmidt aber entging diesen ganzen Abend ein merkwürdig gespannter Zug in dem Gesicht seines Freundes nicht.

Beim Champagner ergriff der Geheimrat das Glas und sagte, durch das ruhige und vertrauenerweckende Benehmen ermutigt:

»So ist es nun! – Nach jahrelangem Vermissen sehen wir einen alten Freund wieder unter uns. Ich will nicht untersuchen, welche Gründe ihn veranlaßt haben, uns und noch manche andere aus dem Kreise seiner Freunde zu streichen – genug, daß er wieder hier ist – unverändert, wie er uns verließ –, daß er allzu besorgliche Freunde Lügen straft.« Hier erhielt Hans Ludwig Schmidt von dem Geheimrat einen humoristisch gehaltenen Seitenblick. – »Also«, fuhr er fort, »unser geschätzter, guter Kamerad soll leben!«

Der Geheimrat stieß mit allen kräftig an, fand aber, daß nach seiner Rede, zu der er sich etwas eilfertig entschlossen hatte, eine schwüle, gedrückte Stimmung in dem Zimmer herrschte.

Mrs. Gwendolen reichte Obrist über den Tisch herüber eine wundervoll entwickelte Teerose, die wie ein 98 Goldtropfen zwischen mattgrünen Zweigen hing und die ihr der Geheimrat »als einer Verehrerin alles vollendet Schönen« auf den Teller gelegt hatte.

»Ich darf Ihnen diese Rose schenken«, sagte die anmutige Frau, »solche wundervollen Rosen blühen zu jeder Zeit, in böser und in guter, im Sommer und im Winter – auch in Gefangenschaft – ganz wie die Kunst es auch tun soll!«

Obrist verbeugte sich dankend und wollte die Rose, deren Blüte auf der perlmutterfarbenen Hand Mrs. Gwendolens lag, entgegennehmen.

»Halt!« rief Hans Ludwig Schmidt, ehe Obrist das schöne Geschenk fassen konnte, »das ist köstlich! Diese Farben! Mistreß Gwendolen, ich bitte Sie, halten Sie die Hand noch so – so halb im Schatten – so! –«

Mrs. Gwendolen lächelte, und ließ dennoch die Rose in Obrists Hand gleiten.

»Das wäre mir ein Geschenk«, sagte sie, »von dem ein jeder das beste hinwegsehen könnte, bevor es der Empfänger erhielt.«

Obrist schien von dem Anblick und dem Wesen Mrs. Gwendolens wie von einer weichen, träumerischen Melodie, die seinen zerrissenen Nerven wohl tat, sanft aus der Zeit entrückt zu sein.

Hans Ludwig Schmidt aber sah unverändert den friedlosen, kranken Zug auf seinem Freunde liegen; für Hans Schmidt, der ihn so elend, so gar nicht mehr als ihn selbst gesehen hatte, konnte dies scheinbare Leben, dies scheinbar Alltägliche im Wesen seines Freundes keine Täuschung bringen.

Jetzt erhob sich Obrist, um zu reden. Hans Schmidt 99 setzte auffallend heftig sein Glas, das er zum Munde führen wollte, wieder nieder.

Obrist sagte ruhig und gemessen: »Ich bin dem Herrn Geheimrat sehr verbunden für die freundlichen Worte, die er gesprochen hat – und ich entsinne mich sehr wohl eines Menschen, der früher hier in Ihrem Hause verkehrte, eines närrischen Kerls, dem es wohl ging, der seine Tage hatte, an denen er sich wie ein Schöpfer lustig und aufgelegt fühlte – ein verrückter Kerl. Einer, dem die Welt mitunter ganz glückselig erschien. – – – Und dieser Mensch ist fort – ist nicht mehr da, an seiner Stelle sitzt ein trauriger Gesell, krank bis ins Mark, ein armer Hund, der nichts mehr will – vielleicht will er noch – aber er kann nicht mehr. Die Hand versagt ihm den Dienst, und das Herz und der Kopf; – es ist aus mit ihm. Jede Kraft ist von ihm gewichen und jede Lust, und jede Lust am Schaffen und am Leben – Lassen wir den!«

Der Geheimrat erhob sich, stand auf, klopfte Obrist auf die Schulter und sagte ärgerlich gutmütig: »Was fällt Ihnen ein, bester Freund, seien Sie guten Mutes. – Zum Teufel mit solchen Torheiten!«

»Bester Geheimrat«, erwiderte Obrist, »ich bitte, meine Worte ganz so harmlos aufzunehmen, wie sie gesprochen wurden, was liegt viel daran?« Obrists Art zu reden war vollkommen ruhig und heiter.

»Sagen Sie, Herr Obrist«, begann Mrs. Gwendolen in augenscheinlicher Erregung, wie es schien, um abzulenken, »entsinnen Sie sich noch, daß ich eine schlimme Atheistin bin, die vom ewigen Leben nichts hält? William und ich, wir sind zwei wunderliche Leute und plaudern hin und wieder davon. William ist nicht meiner Ansicht. Bitte, sagen Sie ihm, daß er sich meinetwegen keine Sorgen 100 machen soll. Er hat die schreckliche Idee gefaßt, mich zu überzeugen, und langweilt mich oft ganz ungeheuer – und das habe ich in keiner Weise um ihn verdient.«

Sie lehnte sich lächelnd zurück.

»Ja«, sagte William leise in seiner angenehmen Art, »Mamas Ansichten sind den meinigen entgegengesetzt.«

»Und Sie wollen Ihre Frau Mama bekehren?« fragte Obrist liebenswürdig.

»Ja, ich tät es gerne«, erwiderte der Knabe.

»Lieber William«, sagte Obrist, »wir strömen alle einem Meere zu, sehend und blind, wollend und nichtwollend.«

»Er stellt mir vor«, unterbrach Mrs. Gwendolen, »wie angenehm ich leben könnte, wenn ich mich unter dem Schutze einer Vorsehung befände, und wenn ich dieses Leben nur als Vorbereitung zu einem künftigen ansähe. Und ich meinerseits antworte ihm, daß mir dies, wenn ich ein Knabe wäre, nicht besonders gefallen würde. Diese Ideen führen vom eigentlichen Leben ab und schwächen unseren Willen, und die heiße Kraft, die uns am Leben hält, kühlen sie ab. Er soll an die Griechen denken, die wußten nichts vom Lohn im Jenseits für anständige Taten, sie wären nicht das, was sie gewesen sind, als Christen geworden. Überhaupt, unsere Religion und die ihr ähneln, machen nervös – finden Sie nicht? Alle Kraft, die uns wurde, sei hier ins Leben gebannt!« sagte Mrs. Gwendolen energisch und mit Wärme. »Was hat es geholfen, daß dem Tode der Stachel genommen wurde? Gerade unter denen, die sein Bild als ein erlösendes, zum wahren Leben führendes anzusehen meinen, ist er zum abscheulichen, schadenfrohen Gerippe geworden, zu einer schlechten Schreckgestalt. – – Ein schöner Führer ins Himmelreich! Oh, wir sind Barbaren! 101 Barbaren! Ich lobe mir die Griechen, die dem Tode klar entgegen sahen – ihn schön und ruhig darstellten, nichts Sicheres verlangten und hofften von einem künftigen Leben und mit voller Kraft im Dasein standen. – Ich begreife nicht, weshalb William mich bei jeder Gelegenheit mit Bekehrungsversuchen quält – da ich mich sehr wohl befinde. Bitte, stellen Sie ihm das vor!« Mrs. Gwendolen blickte zu Obrist auf.

»Ich denke, daß ich es ihm schon so angedeutet habe, wie mir es möglich ist«, sagte Obrist lächelnd.

»Ich habe Herrn Obrist ganz wohl verstanden; und ich wußte nicht, daß ich Mama quälte«, sagte William ruhig. Eine schwere Stimmung lag über der Gesellschaft, und es wollte sich keine Unterhaltung mehr entspinnen.

Mrs. Gwendolen wandte sich an den Geheimrat und sagte: »Sie erlauben uns beiden, William und mir, daß wir unser Versprechen, das wir Herrn Obrist gegeben haben, jetzt halten. – Nicht wahr, William darf den Flügel öffnen?«

»Gewiß, meine Gnädigste« – der Geheimrat reichte Mrs. Gwendolen den Arm, und man erhob sich, um in das Zimmer zu gehen, wo sich das Instrument befand.

Diesen Raum hatte der kunstliebende Geheimrat für seine begabten Gäste und deren Zuhörer harmonisch und erfreulich herrichten lassen. An den mit sanft violetter Seide bekleideten Wänden hingen die Gemälde Obrists, kein anderes Bild befand sich hier, ein weicher, zartfarbiger Teppich bedeckte den Fußboden. Der Plafond war erhöht und durch ein lustiges Durcheinander von hellen, leuchtenden Wolken und Kindergenien erweitert, die sich da oben bewegten. Blumen und schöne Blattpflanzen belebten das heitere, der Kunst geweihte Zimmer.

102 Man ließ sich hier nieder; Obrist saß abseits von den anderen vor einer Fensternische.

Mrs. Gwendolen und William traten miteinander an den Flügel. William faltete die Noten bedächtig auseinander, und Mutter und Sohn blätterten darin und beratschlagten miteinander halb flüsternd. – William hielt währenddem den Arm um die Schulter seiner Mutter gelegt, und es war ein reizvoller Anblick, das weiße, graziöse Haar Mrs. Gwendolens, ihr rosiges Gesicht, die weichen, seidenen pfirsichfarbenen Falten, die sie umgaben, und der hochaufgeschossene Knabe mit seiner braunen Haarfülle, seinen großen Füßen und Händen, wie sich diese beiden Gestalten in dem schönen Raume, ganz versunken in ihr Vorhaben, umschlungen hielten. Zwischen beiden aber entspann sich, während sie blätterten, folgendes Gespräch, im leisesten Tone gehalten. William flüsterte: »Lovely Mama, weshalb brachtest du das Gespräch vorhin gerade auf ein solches Thema, wie du es tatest? Ist es dir so unangenehm, daß wir manchmal davon reden? –«

»Ah – bestes Kind, wo sind meine Gedanken?« sagte Mrs. Gwendolen und faßte Williams Hand. – »Wenn du wüßtest, wie es mein Herz zerreißt, ihn so zu sehen, so verkommen! – Wenn du wüßtest, wie alt er geworden ist! – Wenn du wüßtest, wie er war!« – Mrs. Gwendolens Stimme zitterte.

»Dearest boy«, sagte sie, mit ihrer zarten Grazie, »liebe du nie jemand, wie ich diesen Mann geliebt habe.«

Beide schwiegen. Der Knabe fuhr mit dem Finger an einer Zeile hin, die zwischen den Noten, die sie durchblätterten, geschrieben stand:

«Melodien allen Stürmen!
Melodien jeder Qual!«

103 Dann sagte er weich: »Singe dies.«

Mrs. Gwendolen blickte darauf hin, strich ihrem Sohn über das Haar, sah ihn lang tief an. »Mein Knabe, wie oft habe ich dir schon dankbar sein müssen!« sagte sie weich.

»Melodien allen Stürmen. – Wissen Sie, von wem dies Lied ist?« fragte die in diesem Augenblick überirdisch schöne Frau, zu Obrist gewendet.

»Ich weiß es«, erwiderte dieser.

Mrs. Gwendolen erhob sich.

William begann einige Noten anzuschlagen– präludierte, und die eigentümlich aus dem Herzen dringende, geheimnisvolle Stimme Mrs. Gwendolens vermischte sich mit den vollen, weichen Tönen des Flügels. In dem Gesang, den sie vortrug, lag eine unsagbare Lebensglut, ein sich Anklammern an das Dasein, an das Schöne – mit allen Kräften, aller Liebe – allem Wollen:

»Ob mir auch Hoffnung die Liebe lüge,
Ob mich auch Herz und Auge trüge –
Melodien allen Stürmen!
Melodien jedem Wahn!

Ob mich auch Glaube und Treue verlassen,
Ob auch Verzweiflung und Angst mich fassen –
Melodien allen Stürmen!
Melodien jeder Qual!

Die Art, mit der sie dieses, Kraft und Willen atmende Lied vortrug, hatte etwas zur Begeisterung Hinreißendes. Das Gesicht in die Hände gepreßt, daß das dunkle, gelockte Haar wirr über die mageren Finger fiel, saß Heinrich Obrist vorgebeugt während des Gesanges.

»Die Melodien sind aus –!« sagte er dumpf, wie zu sich selbst, als die erregende Stimme verklungen war.

104 »Noch einmal«, wiederholte er ernst und hastig.

Mrs. Gwendolen blickte durchdringend auf ihn, strich sich über die Stirn, als wollte sie Gedanken fortwischen, und begann Obrists Lied von neuem, mit einer Stimme, deren sie selbst nicht Herr war, die von übermächtigen Gefühlen zitterte.

Sie wurde unterbrochen – und wendete sich langsam um.

Obrist war mit der Stirn auf den Tisch, der vor ihm stand, gesunken, und seine ganze Gestalt war erschüttert – er schien mit Tränen, die gewaltsam hervorbrechen wollten, zu ringen.

Eine ängstliche Stille herrschte im Zimmer.

Hans Ludwig Schmidt war unwillkürlich aufgesprungen und ein paar Schritte näher zu Obrist getreten – halbwegs aber unschlüssig stehengeblieben.

Obrist trat hart mit dem Fuße auf und murmelte: »Man soll einen elenden Kranken in seinem Winkel sterben lassen!«

Mrs. Gwendolen war unhörbar zu ihm getreten, legte ihm die Hand auf die Schulter und beugte sich über ihn – »Sie werden gesunden«, sagte sie leise.

Obrist aber hörte nicht auf sie. Sein Körper war wie von einem Starrkrampf gepackt – er schien unsagbar zu leiden.

Mrs. Gwendolen blieb ruhig neben ihm. Ihre Hand strich ihm sanft über das Haar. Ihr Benehmen war so einfach und liebevoll, wie es zu einem kranken Kinde hätte sein können.

»Ein Tropfen Geist – einen Funken Erregung – einen Augenblick leben wollen – vergessen wollen ist Gift für das elende Hirn, das nichts mehr ertragen kann! Mein 105 Kopf ist krank bis in den letzten Nerv!« stieß Obrist hastig hervor und stöhnte tief auf.

Mrs. Gwendolen kniete zu ihm nieder, sanft und leicht. Sie tat es in so vollendeter Anmut, daß es jedermann natürlich erschien.

»Hören Sie mich, bitte«, begann sie leise, kaum für Obrists Ohr bestimmt. »Es gibt Menschen, denen von anderen Neigung im reichsten Maße entgegengebracht wird, die gar nicht wissen, wie sie zu aller Liebe kommen – für die Treue, Verehrung, Freundschaft, Hingebung, Güte – an allen Ecken und Enden lebt – sie wissen kaum davon. – Aber all diese Herzen, die ihm ihre Gefühle zuneigen, machen Ansprüche an ihr Idol, es soll ihrer Verehrung und Liebe sich wert zeigen. – Ich kenne eine sehr törichte Frau, die, ohne daß sie darum befragt wurde, ihr ganzes Fühlen, Lieben einem Menschen schenkte, alles was Glaube und Lebensglut in ihr war. Er hat es wohl kaum geahnt – und sie sah es als eine Unmöglichkeit an, daß er einer anderen sich zuneigte. Sie war ein verwöhntes Kind des Lebens – und als dies Unmögliche dennoch geschah, gab ihr das Schicksal das Geschenk, daß ihre Liebe zu diesem Manne, der ihre Gefühle nicht erwidert hatte, so groß war wie ihre Liebe zur Schönheit. – Kein Hauch von Bitterkeit, Ungerechtigkeit hat sie ihr je entstellt. – Jetzt kniet diese unkluge Frau vor Ihnen, Obrist – die jahrelang Sie mit ihren Gedanken umgeben hat, und fleht Sie an: Retten Sie sich! Dulden Sie es nicht, daß Sie zugrunde gehen!«

Obrist hatte den Kopf erhoben und in die Hand gestützt. Er hatte gespannt auf die kaum hörbaren Worte Mrs. Gwendolens gelauscht und blickte sie wie aus einem Traum erwacht an.

106 »Mistreß Gwendolen«, sagte er tonlos, »Sie wissen nicht, wie groß Sie denken! – Sie wollen einen elenden Menschen retten und ihm helfen – Ich verstehe Sie – aber es ist zu spät. Er ist schon aufgelöst in Nichts – und nicht mehr zurückzurufen – und das ist geschehen, nicht durch unerträgliches Unglück, nicht durch zerstörende Leidenschaft, aber ganz allmählich, zuerst ein wenig Lärm und Unruhe, die ihn kaum merklich an den Nerven riß, dann immer wieder Lärm, Unruhe, Störung, Unterbrechung. Der Faden, der die geistige Arbeit webte, riß und riß und riß.«

Sie hatte sich, während Obrist sprach, von den Knien erhoben, stand neben ihm und sagte innig: »Sei es, wie es sei; aber leben Sie so nicht weiter!«

»Lassen wir ihn«, erwiderte Obrist matt.

Man hatte Obrist und Mrs. Gwendolen ruhig miteinander sprechen lassen, als ginge nichts Auffälliges zwischen ihnen vor; die übrigen waren scheinbar in eine Unterhaltung vertieft.

Mrs. Gwendolen sprach auf eine ruhige, liebevolle Weise weiter.

Obrist erwiderte ihr erregt und düster. Nach einer Weile erhob er sich, schob den Stuhl zurück, drückte Mrs. Gwendolen die Hand, verabschiedete sich bei dem Geheimrat und der Hausfrau – wieder auf die leichte, lebhafte Weise, die alle bei seinem Kommen erstaunt hatte. Hans Ludwig Schmidt reichte er auch die Hand und wehrte ihm ab, als dieser sich anschickte, mit ihm zu gehen.

Niemand machte eine Bemerkung; niemand fragte. Wie ein Bann lag es über allen, und einige harmlose Abschiedsworte ließen den Druck, unter dem die Gäste sich befanden, in dem heiteren, erfreulichen Raum noch schwerer erscheinen. 107 »Man muß keine kranken, grillenhaften Leute einladen«, sagte Obrist lächelnd, und zu Hans Ludwig Schmidt gewendet, fügte er weich hinzu: »Lieber Freund, mit Narren sich beladen« . . . Er sprach nicht aus: »Du weißt.« Er blickte mit einem unbeschreiblich ernsten Blick auf seine Bilder, die in ihrer tiefen geheimnisvollen Farbengebung von den Wänden herableuchteten – und ging zur Tür hinaus. – Hans Schmidt stand schon auf dem Sprung, und kaum, daß Obrist die Treppe hinabgegangen sein mochte, so drückte er dem Geheimrat stumm die Hand und eilte dem Freunde nach.

 

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