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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Es werden alte Geschichten erzählt.

Die beiden Maler saßen sich schweigend gegenüber. Hans Schmidt trommelte mit den Fingern auf beiden Armlehnen seines Stuhles, und Obrist blies seine Rauchwölkchen vor sich hin. Beide schwiegen.

»Weshalb hast du die Tanten im Haus?« fragte Hans Schmidt nach einer Weile.

44 »Sie sind nützliches Inventar, glaube ich« war die Erwiderung. »Anna kann ohne sie nicht fertig werden. Bedenke unseren Haushalt.«

»Mein Gott, weshalb hast du ihn so anwachsen lassen? Das ist ja erschreckend, diese fremden Kinder, die Tiere alle, die Tanten! Ist dir denn das recht?«

»Komische Frage!« Obrist blickte lächelnd auf Hans Ludwig Schmidt. »Fragt das Schicksal, ob dies oder jenes uns recht ist? – Ich dächte nicht.«

»Sonderbar, was die Menschen alles Schicksal zu benennen lieben! Ihre Schwachheit, ihre Gedankenlosigkeit, alles ist Schicksal!« sagte Haus Schmidt hastig.

»Ist es das nicht?« fragte Obrist ruhig. »Worin sonst liegt denn unser Schicksal als in unseren Beanlagungen?«

»Wenn wir beide nach langer Zeit wieder miteinander auskommen wollen, laß alle moralischen Gemeinplätze beiseite, sie sind auch deiner nicht wert.«

Obrist sprach matt und ausdruckslos: »Wir haben uns sehr lange Zeit nicht recht gesehen – du wurdest ungeduldig über mich und meine Art und bliebst weg – jetzt findest du mich genau so wieder – doch nicht genau so – es hat sich etwas verändert.« – Obrist schwieg.

»Nun, sage mir das eine«, fragte Hans Schmidt, »wie es gekommen ist, daß ihr die Kinder alle aufgenommen habt.«

»Sehr einfach. Annas Bruder starb, nachdem er zwei Jahre vordem die Frau verloren hatte – die Kinder, ohne Verwandte, ohne Geld, was sollte aus ihnen werden? Es war wohl vollkommen natürlich, daß die Schwester den Wunsch hatte, diese Kinder aufzunehmen – sie kamen zu uns – das war selbstverständlich. Welche Berechtigung hatte ich, Anna das zu verwehren! – Wir sind nicht so 45 wohlhabend, daß wir die armen Geschöpfe anderwärts unterbringen konnten. – Nun sind sie da! – Anna versorgt sie musterhaft, Anna ist glücklich, die Kinder gedeihen, die beiden schwarzen Tanten tun ihre Pflicht und Schuldigkeit – es ist alles in Ordnung. Vortrefflich, wie die eine dich vorhin stach! Übrigens, das sage ich dir, trotzdem du ein energischer junger Kerl bist, überlege es dir mit einer Heirat – zehnmal und dann sieh zu, daß du es nicht tust – das unbekannteste Land auf Erden ist für jeden Sterblichen die Ehe. Du denkst, du seist Individualität und werdest sie bis an dein seliges Ende bleiben – gut – du heiratest und neben dir auf Schritt und Tritt steht eine andere Individualität, die auch vorhat, sich selbst treu zu bleiben. – Vom ersten Augenblick an, und wäre die Liebe und Glückseligkeit göttergleich – beginnt ein Kampf, der schwerlich damit enden mag, daß beide Teile vollkommen, wie die Natur sie wollte, daraus hervorgehen. Ein Teil wird darin immer verkürzt und von seinem Wege abgewendet werden und wird sich nicht entwickeln, wie er gekonnt hätte. – Gut; das tut in manchen Fällen wenig Schaden und wird von den meisten gar nicht oder nur hin und wieder dumpf empfunden. Es schadet auch nichts, die Natur bringt Kräfte hervor und rechnet darauf, daß ein Teil verkümmert. Aber ich sage dir, sieh dich vor mit einer Heirat! Die Misere des Zusammenlebens ist, glaube ich, zwischen Mann und Weib in vielen Fällen ziemlich gleich verteilt. Ein Mann, beanlagt wie ich zum Beispiel, hat sonderbares Zeug zu durchleben. Sagen wir zuerst, ein närrisches Gefühl von Unfreiheit, das sich in alles eindrängt. Man arbeitet; aber man arbeitet anders als früher, ich spreche von einem Menschen, wie ich einer bin, und von einem Künstler, wie ich einer bin« – fügte Obrist hinzu. 46 »Es ist Störung eingetreten, zuerst wirkt sie belebend, beinahe anregend – dann lenkt sie ab – dies kommt und jenes, man ist mit halber Kraft bei der Arbeit. Du weißt, wie ich bin, wie ich war, daß mich eine Fliege störte. Die Kinder kommen. – Es ist vielerlei Freude, vielerlei Schreck dabei. – Das Leben wird immer reicher, immer eindringlicher. – Unglückseliger Kerl, dessen Herz zu sehr dafür gestimmt ist! Die Kinder machen Ansprüche – man hat nicht genug Kraft für sie übrig – sie werden wahrhaft störend – und reißen einen dann am Herzen. Armes Volk, das so mir nichts, dir nichts auf die Welt gesetzt wird! Und denen man dann, um die Schuld einigermaßen gutzumachen, nicht alle Kräfte zuwendet! – Da kommt so ein Kerlchen heran, bringt uns, wenn wir eben bei der Arbeit sind und jeder Nerv gespannt ist, um die ganze Stimmung, um den ganzen Tag; – man heißt es heftig erregt, hinausgehen. Es zieht betrübt, zurückgestoßen ab – und man steht erregt da – schuldbewußt, peinlich berührt.

Und das sind Kleinigkeiten, das ist nichts! Ein vernünftiger Mensch redet nicht davon. – Aber nun kommen Krankheiten, vielleicht Zwistigkeiten. Es kommt von allen Ecken! Die Ereignisse quellen wahrhaft. Denke man sich, hier im Hause sind eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn – ich glaube, vierzehn Leben, das Tiervolk nicht mitgerechnet. Jedes hat sein Schicksal, jedes seine Ansprüche, jedes seine Eigentümlichkeiten, jedes seine Unarten, seine Leiden und Unannehmlichkeiten, jedes seine Freuden und Liebenswürdigkeiten, jedes seine Art zu lärmen und zu fordern. – Und nun denke man sich einen Kerl dazwischen, der empfindlich geworden ist bis zur Tollheit – dem alles über den Kopf gewachsen ist!«

»Aber um's Himmels willen auch, Obrist, weshalb gibst 47 du jedem nach, weshalb hältst du die Hand nicht fester auf allen und läßt sie zu dir heran! – Es liegt an deiner Willenlosigkeit. – Wie dürfen sie es wagen, hier alle im Atelier zu sitzen?«

»Ja, mein Junge«, sagte Obrist – »wie dürfen sie es wagen! – Sie sehen es ja alle, sie stören mich in nichts – seit Jahren in nichts – weshalb sollen sie nicht hereinkommen? Und ich, der ich nicht arbeiten kann, nicht lebe, der ich keinerlei Berechtigung habe, soll ich ihnen den Spaß verderben, hier zu sein, wenn sie hier sein wollen?«

»Allerdings sollst du das! So ist ja an kein Gesunden zu denken«, sagte Hans Schmidt gelassen.

»Weshalb nicht?« erwiderte Obrist. – »Wenn diese Zeit überwunden ist, denke ich gesund zu werden; es ist eine Übergangszeit jetzt.«

»Wieso?«

»Das, was Kunst, was Talent, was Künstler in mir ist – ist weg – von all dem Lärm krepiert, zugrunde gegangen, erstickt, erdrosselt, erwürgt, ich weiß nicht, welche Todesart es genommen hat – aber tot ist es. – Der Künstler ist hin, Hans Schmidt, der Esel, der sich Gott weiß was zu sein dünkte! Nun wollen wir sehen, was übriggeblieben ist, so Gott will, ein erwerbsfähiger Familienvater, bis jetzt aber ein rechter Krüppel, ein Lump, der vor lauter Rührung schwitzt!«

Hans Schmidt legte die Hand auf Obrists Stirn; sie war kalt, und Perlen standen darauf.

Hans Schmidt blickte ihn kopfschüttelnd an und sagte: »Obrist, glaube mir, der Genius stirbt nicht, raffe dich auf!«

»Ich habe dir gesagt, du sollst mir mit den 48 Gemeinplätzen vom Halse bleiben«, sagte Obrist und zündete sich wieder eine Zigarette an.

Hans Schmidt blieb vollkommen ruhig. »Ein Elend, wie du dein Leben vergeudest! Geh aus; schließ dich ein und arbeite, und du wirst gesund.«

Obrist blickte ihn ernst an und sagte: »Das Beste in mir ist tot, die Nerven sind an seine Statt getreten, da ist es aus mit dem Menschen, mit dem anständigen Menschen. Übrigens, ich bin vollkommen beruhigt darüber; über ein Küchel, das hier zertreten wurde«, er nahm eins, das eben an ihm vorübertrippelte, in die Höhe und hielt es in der hohlen Hand, »mache ich mir mehr Sorge als über mich selbst oder genau soviel, alles ist eins – mich schikaniert das Kranksein, die Schwäche, das nervöse Frösteln, die abscheuliche Gefühlsduselei! – sonst nichts – der Ehrgeiz ist vollkommen überwunden, die schlechten Nächte, die Nervenspannung . . .«

»Versteht dich deine Frau?« unterbrach Hans Schmidt.

»Wer versteht den anderen?« fragte Obrist. – »Sieh dir das prächtige, lebhafte Geschöpf an, das jeden Augenblick des Tages bei voller Kraft ist und voller Liebe und voller hübschen Ideen und immer bester Laune und immer seelenvergnügt – und wie sie in ihrem Eifer wie ein Kind lebt. Sie hat sich daran gewöhnt, einen kranken Mann zu haben.«

»Du bist vielleicht nicht krank?«

»Ich denke doch; – aber genug davon, es ist unerfreulich.«

»Hast du einen Arzt gefragt? Einen vernünftigen Menschen?«

»Sie haben mir einen auf den Hals geschickt– herabgestimmte Lebenskräfte – was mach ich damit! Ich bitte 49 dich, lassen wir es nun ernstlich – ich bin auf dem Weg, vollkommen zufrieden zu sein, so wie es jetzt ist, das heißt wie es wird – das ist das beste. – Wo sind sie denn alle hin?« Obrist stand auf und ging lässig nach der Tür.

»So laß sie doch«, sagte Hans Schmidt, »es ist dir ja viel besser, du bist einmal eine Zeitlang in Ruhe.«

»Du hast recht.« Obrist lächelte wieder mit einem abgespannten Lächeln.

Nicht lange aber und er erhob sich wieder und ging unstet im Zimmer auf und nieder.

Mit einemmal blieb er stehen und fuhr mit der Fußspitze unter einen Schrank und schürfte ein Blatt, ein Stück Malerleinwand, hervor – bückte sich danach, hob es auf und reichte es im Vorübergehen Hans Schmidt hin: »Eine wunderschöne Skizze.«

Hans Schmidt blickte darauf und sagte: »Was fällt dir ein, so verrücktes Zeug!« Die Skizze stellte einen Mann vor, dem ein diensteifriges Gerippe zu Bette leuchtete, die Decke vom Lager hob und ihn verbindlich einlud, sich niederzulegen.

»Dummes Zeug!« wiederholte Obrist, »das ist die Personifikation meiner Krankheit, meiner Unzulänglichkeit, immer bei der Hand, immer gegenwärtig – komm, gib her.« Er nahm dem Freunde die Skizze aus der Hand und schob sie wieder unter den Schrank. »Die Kinder sollen es nicht sehen.« Darauf ließ er sich wie ermattet wieder nieder. Beide Freunde schwiegen, eine gleichgültige, abgerissene Unterhaltung spann sich hin und wieder von neuem an.

Im Nebenzimmer rief, lief und lachte es fortwährend.

»Dickchen« schlich sich ins Atelier, Obrist zog sie zu sich heran. Sie schmiegte sich wieder an ihn an, die Augen niedergeschlagen, die Arme um den Hals des Vaters 50 geschlungen mit einer rührenden Innigkeit und wie es schien in Verlegenheit vor dem Freunde. Hans Schmidt fiel das Benehmen des Kindes auf. Wie ein ängstlicher Vogel hatte sie sich angedrückt. Jetzt flüsterte sie dem Vater ins Ohr, leidenschaftlich, als machte sie ihm ein Geständnis, was sie tief erregte und was ihr schwer über die Lippen kam.

»Deinen Prometheus liebe ich!« flüsterte sie.

»Ja, mein Herz ich weiß es.«

»Er ist wieder am Himmel zu sehen. Sieh ihn.« Sie löste ihre Arme von Obrist. »Komm«, sagte sie und ging ihm voraus zum Fenster hin, er folgte. Sie zog den Vorhang zurück. Große Wolkenbilder jagte der Wind schattenhaft über den Himmel hin.

Obrist hing sich, weil er sich vor der Zugluft zu fürchten schien, die durch das breite, wenn auch geschlossene Fenster eindrang, einen Mantel um, legte die Hand auf Dickchens Schulter, und beide blickten schweigend durch die Dämmerung in die Wolken.

»Er ist vergangen«, sagte Dickchen; »aber er war da.«

»Jawohl, mein Dickchen«, wiederholte Obrist gedankenvoll.

Hans Schmidt war es, seit er in das Atelier getreten war, beklommen zumute, und dies Zwiegespräch machte einen schmerzlichen, wehmütigen Eindruck auf ihn.

Die beiden standen noch eine ganze Weile und sahen miteinander in die Wolken.

»Dickchen?« fragte Hans Schmidt, um mit dem Kinde in ein Gespräch zu kommen, als man sich wieder gegenübersaß: »Du hast deinem Vater und deiner Mutter wohl auch schon etwas abgesehen und malst mit ihnen?«

»Ich? Nein – nein«, sagte das Kind kurz und blickte zu seinem Vater auf.

51 »Das Dickchen ist eine kleine Tausendkünstlerin; ich würde sie gern bei mir zeichnen lassen, aber sie ist nicht dazu zu bewegen. – Sie ist eine sonderbare Kreatur. Nicht wahr, Dickchen? Aber laß nur, wir verstehen uns«, sagte Obrist, zog das Kind fest zu sich heran und küßte es auf die braunen Haare.

Jetzt öffnete sich die Tür vom Nebenzimmer, Anna trat herein, und einige der Kinder drängten nach.

»Es ist alles fertig!« rief sie. »Rasch nun zum Essen, Heinz, du ißt heute natürlich mit uns. Wir werden uns ganz still verhalten.« Sie trat zu ihm heran, nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, sah ihm strahlend in die Augen und sagte auf eine eigentümlich lebhafte, doch innige Weise: »Ach du dummer, alter Heinz!«

Obrist wehrte die guten, freundlichen Hände von sich ab, nicht unliebenswürdig, aber wie nicht angenehm berührt, beinahe verlegen.

Hans Schmidt blickte die Frau an. Kein Zug der Kränkung oder Mißstimmung über diese zurückgewiesene Zärtlichkeit war an ihr zu beobachten. Hans Schmidt berührte das seltsam. Er hatte, wenn er an Anna Obrist dachte, immer ein Gefühl der Empörung, beinahe des Widerwillens in sich empfunden gegen den Vampyr, der Lebenskraft und Geist aussaugte. In diesem Augenblick dachte er: Eigentlich ist sie ein harmloses, armes Geschöpf. Harmlos sind wir alle – aber wir sind Teufel – alle Teufel.

Der Besuch im Atelier fing an stark auf ihn zu wirken. Er war hergekommen, seinen Freund Obrist, dem er fast fremd geworden war, aufzurütteln. Er hatte sich dies und jenes zu sagen vorgenommen, er hatte sich einen Erfolg berechnet; in Unschuld, Gutmütigkeit und Feuereifer war ihm die Sache immerhin einfach erschienen. Er wollte mit einem 52 Nervenkranken einmal ein ernstes Wort reden, ihm vor Augen stellen, wie sein Talent im Trubel der Familie untergehe, und wie er stark und kräftig entgegenstehen müsse. Aus tiefstem Herzen hatte er ihm sagen wollen, wie die Kunst allein über jedem und allem stehe, wie man ihr Anstrengungen zum Opfer bringen müsse, wie Krankheit, Schwäche weichen müssen vor einem ernsten Willen.

Er hatte wahr und warm und überzeugend zu reden gedacht, ehrlich wie er es meinte. Und nun war er wie in ein Gewebe hineingeraten, das ihn umsponnen hielt.

Demjenigen, der außerhalb der Ereignisse und der Personen, die darin handeln, steht, erscheint alles deutlich und jedes einzelne vom anderen abgesondert. Treten wir aber näher hinzu und stehen wir mitten darin, so will uns der Schuldige nicht so schuldig erscheinen, wie wir annahmen, der Unschuldige wiederum nicht so unschuldig, der Leidende nicht in dem Maße leidend, und der Glückliche nicht so glücklich, wie wir glaubten, sondern Glück und Unglück, Leiden und Freuden, Unschuld und Schuld, all dies liegt gleichsam wie eine einzige, fest verwobene Decke über allen Personen, die sie miteinander tragen müssen. Jeder trägt von der Schuld, die scheinbar ganz auf dem einen liegt, seinen Teil; ebenso bekommt eine jede der handelnden Personen ihr Stück des Glückes, der Befriedigung, des Leidens mit – alles hängt ineinander.

So empfand es jetzt Hans Schmidt. Er sah seinen Freund krank, abgemattet, willenlos. Er nahm sein Mitgefühl in Anspruch wie keines Menschen auf Erden sonst; doch aus dem Personenkreis, der den Freund unheilvoll umgab, traten Gestalten vor, die Hans Schmidts Interesse im hohen Maße erregten. Anna Obrist, deren Wesen und Aussehen ihn fesselte, die er mit Teilnahme betrachtete, die 53 Frau, die er im innersten Herzen verwünschte, die ihm in ihrer Blindheit verächtlich erschienen war und der sein Herz sich dennoch zuneigte. Da war Dickchen, das innige Kind!

Hans Schmidts volles Denken wurde von dem Freunde abgelenkt und verteilte sich so auch über die anderen Glieder der Familie; seine Hauptgefühle aber blieben sorgenvoll, unschlüssig mit dem Freund beschäftigt, doch konnte sich Hans Schmidt nicht entschließen, die Einladung des Geheimrats anzubringen, derentwegen er hergekommen war.

Frau Anna hatte immer von neuem Obrist zugeredet, mit ihnen zu Abend zu essen, und er hatte ihr jedesmal geantwortet: »Bringe mir meinen Teller hierher, ich fühle mich nicht wohl – laß die Tür auf, ich sehe euch dann.«

Anna aber hatte nicht aufgehört, in ihn zu dringen, die Kinder hatten ihr beigestanden, und so zog denn die ganze Gesellschaft seelenvergnügt, Obrist in ihrer Mitte, von den Kindern glücklich umringt, ins Nebenzimmer, wo das Essen schon aufgetragen stand.

Der Tisch sah festlich aus; mit einem Kranz von Märzblumen hatten die Kinder die Teller von Vater und Mutter geschmückt. Es war auch schon allerlei zu sehen, was sie im Garten im Glasbeet gezogen hatten, junger Salat und allerlei Krautwerk. Die Kinder, in Stolz und Freude, griffen nach den Schüsseln und liefen damit jubelnd dem Vater entgegen. Hans Schmidt erschrak, als Obrist in das helle Lampenlicht trat, über das zergrämte und kranke Gesicht seines Freundes; um ihn her dies frische, sprudelnde Leben, und er selbst so vernichtet und zerfallen mit sich!

Man setzte sich zu Tisch. Anna trug immer noch ihren blauen Kittel. Die Kinder hatten ihr ein Sträußchen mit Märzblumen vor die Brust gesteckt. Sie sah jung und mütterlich zugleich aus, und frisch wie das Leben.

54 Obrist blickte sie lange an, und Hans Schmidt beobachtete ihn währenddem.

»Du kannst dich heute beim lieben Herrgott bedanken, Anna«, sagte Obrist, »du bist schön heute.«

Über Annas Züge ging ein glückliches Lächeln. Die Kinder jubelten, sprangen von ihren Sitzen auf, hing sich der Mutter an den Hals, die fremden, die eigenen im fröhlichsten Durcheinander.

Die beiden Buben, die Lockenköpfe, teilten sich gegenseitig derbe Püffe aus, weil jeder der Mutter am nächsten sein wollte, und waren ganz begeistert von dem Lob, das ihre gute Kameradin bekommen hatte.

Die Tanten blickten aus der kühlen Atmosphäre ihrer geringen Reize und ihres würdigen Alters anerkennenswert, wohlgesinnt auf die hübsche Gruppe.

»Siehst du«, sagte Anna, »so geht es, wenn du deine alte Frau lobst, das kommt den Kindern ganz närrisch vor. Die finden gar nicht, daß sich das gehört! Die Buben haben mir so schon gesagt, ich möchte eine Haube tragen.«

»Nein, nein«, schrien die Knaben, »wir haben nur einmal gesagt, wie du wohl in einer Haube aussehen würdest. Wir sind die einzigen in der Schule, die eine Mutter in einem Kittel haben. Einige haben dich neulich im Garten so gesehen, aber sie beneiden uns!«

Anna lachte hell auf, die Tanten schüttelten ganz vergnügt die Köpfe, Obrist lächelte, und Hans Schmidt blickte mit einem seltsamen Ausdruck, der nicht recht zu definieren war, auf Anna.

Es verschwanden an diesem Abend vor den Augen der Anwesenden die verschiedensten gehäuften Gerichte und allerlei Naturprodukte in der unglaublichsten Schnelligkeit, ohne 55 daß man begreifen konnte, wohin all die Herrlichkeiten gekommen waren.

Obrist hatte eine Zeitlang unter den anderen gesessen und war dann nach seinem Atelier zurückgegangen.

Hans Schmidts Blicke waren ihm besorglich gefolgt.

Sein Verschwinden wurde von den anderen zuerst gar nicht bemerkt.

»Der Vater ist fort«, rief Anna, ihr Lachen unterbrechend, als sie den Stuhl leer sah. Sie erhob sich sogleich, um ihm eine Lampe zu bringen. »Es ist nicht gut, wenn er solange im Dunkeln sitzt«, sagte sie zu Hans Schmidt gewendet.

Im Atelier fand sie Obrist auf seinem Lager ausgestreckt liegen, und Dickchen saß still an seiner Seite und hielt seine Hand auf ihren Knien. Zwischen Vater und Tochter hatte sich eben etwas abgespielt.

Wie sie so miteinander im dämmerigen Atelier gesessen hatten, wie die vom Mond durchleuchteten Wolken am Himmel hinzogen und durch das hohe, breite Fenster matte Schatten und mattes Licht einströmte, hatte Obrist gesagt: »Dickchen, du weißt gar nicht, was für einen elenden Vater du hast.«

Da war Dickchen über ihn hingesunken, und er fühlte ihre warmen Tränen auf seine Wangen tropfen.

»Mein armes Dickchen«, flüsterte er und hatte die rührende Gestalt gestreichelt.

»Du liegst. Ist dir nicht wohl?« fragte Anna, als sie eingetreten war.

»Ganz wohl«, erwiderte er.

»Du möchtest wohl nicht, daß wir zu dir hereinkämen?«

»Kommt nur.«

»Gut«, sagte Anna. – »Kinder«, rief sie, »wir setzen 56 uns nachher ins Atelier, und damit ihr mir kein Geschrei macht, werde ich euch etwas erzählen.«

Da war, wie es schien, alle Wonne auf ihrem Höhepunkt angelangt. Ein durchdringendes Freudengeschrei brach los.

»Pst – pst«, rief Anna, »wollt ihr wohl, ihr miserables Gesindel, Papa wird uns jagen!«

Hans Schmidt war währenddem zu Obrist eingetreten, hatte sich neben Dickchen gesetzt und blickte gedankenvoll vor sich hin.

»Schade«, sagte Obrist, »schade, daß sie solch einen kranken, trübseligen Narren bei sich haben.«

Hans Schmidt erwiderte nichts, fuhr sich mit der Hand durch das dichte, feste Haar.

»Sollen wir jetzt kommen?« riefen die Kinder aus dem anderen Zimmer herein.

»Kommt!« sagte Obrist.

Und herein strömte es. Anna kam nach einer Weile, die Kinder umringten sie, zogen sie auf einen Stuhl nieder, und nun ging es an das Drängen, mit dem Erzählen zu beginnen.

»Also seid stille«, sagte Anna, und mit einemmal lag atemloses Schweigen über der ganzen Gesellschaft, und die Augen richteten sich gespannt auf die reizende Mutter.

»Es lebte in der Welt einmal ein rüstiges Alterchen, das Alterchen war Küster und war sehr schlau, so daß jedermann wußte, groß und klein, daß mit ihm nicht gut Kirschen zu essen waren.

Das ist aber alles schon sehr lange her, und das, was kommt, geschah weit von hier und ist eine Geschichte, die sich schon viele Leute erzählt haben.

Da kam eines schönen Tages das Alterchen zu einem 57 Nachbar gegangen und sagte: ›Hör einmal, du könntest mir einen kleinen Kessel borgen, ich will mir eine Grütze kochen.‹

Der Nachbar gab ihm einen Kessel und sagte: ›Daß du ihn mir aber auch wiederbringst!‹

›Freilich‹, sagte das Alterchen.

Es verging aber eine hübsche Zeit, und der Kessel kam nicht wieder. Endlich aber brachte ihn das Alterchen und brachte noch ein kleines, winziges Kesselchen dazu.

›Und was soll denn das Kesselchen?‹ fragte der Nachbar.

›Ja‹, sagte das Alterchen, ›der Kessel hat gejungt, er hat ein Kleines bekommen.‹

Das ließ sich der Nachbar sehr wohl gefallen und behielt die beiden Kessel, den großen und den kleinen.

Nun dauerte es gar nicht lange, da kam der Küster wieder und sagte: ›Du könntest mir noch einmal zwei solche große Kessel borgen, wie ich schon einen hatte.‹

Das war der Nachbar sehr zufrieden, denn er dachte an die jungen Kessel.

Und richtig, es währte gar nicht lange, da brachte das Alterchen die beiden Kessel zurück und zwei junge dazu.

Und wieder ließ der Nachbar sich das gar wohl gefallen.

Da kam das Alterchen sehr bald zum drittenmal und sagte: ›Nun könntest du mir drei recht große, schöne Kessel borgen.‹

›Ei gewiß‹, sagte der Nachbar ganz erfreut und half sie ihm mit hinübertragen.

Aber es verging eine lange, lange Zeit, und der Nachbar hörte nichts von seinen Kesseln. Da machte er sich endlich selbst auf den Weg, um nachzuschauen.

›Ich wollte mich einmal nach meinen Kesseln umsehen‹, sagte er, als er zu dem Alterchen kam.

›Da habe ich dir heute eine recht betrübende Nachricht zu 58 sagen‹, antwortete dieses Alterchen, ›deine Kessel sind gestorben. Sie sind alle tot.‹

›Ei, was redest du‹, sagte der Nachbar, ›wie können Kessel sterben!‹

›Wenn du geglaubt hast‹, sagte das Alterchen, ›daß Kessel Junge bekommen können, mußt du auch glauben, daß Kessel sterben können. Deine Kessel sind tot.‹

Und es half alles nichts, der Nachbar mußte abziehen.«

Die kräftige, muntere Art, mit der Anna die kleine Geschichte vortrug, wirkte auf alle, und Hans Schmidt lachte mit den Kindern um die Wette.

»Weiter mit dem Männchen!« riefen einige aus dem Nest mit glückseligen Stimmen.

»Zu demselben Küster«, fuhr Anna fort, »kam einmal ein Nachbar und fragte: ›Wie wär' es, wenn du mir heut einmal deinen Esel borgen wolltest, ich will Gemüse zu Markte bringen.‹

›Ei‹, sagte das Alterchen, ›das tut mir aber sehr leid, mein Esel ist selbst schon zu Markte gegangen.‹

Wie der Nachbar so wieder davongehen wollte, hörte er des Küsters Esel im Stalle iah schreien.

›Was ist denn das?‹ fragte er, ›du sagst mir, dein Esel sei zu Markte gegangen, und jetzt höre ich ihn im Stalle schreien?‹

Da sagte das Alterchen: ›Ho ho, Nachbar, glaubst du denn meinem Esel mehr als mir?‹«

»Sagen Sie, Frau Anna«, fragte Hans Schmidt, angeregt und von dem Anblick der frischen, harmlosen Frau ganz benommen, die lebensfroh mitten unter den fremden und eigenen Kindern saß, »sagen Sie, wie kommen Sie dazu, die Kinder so sonderbare Moral zu lehren?«

»Jawohl«, lachte Anna. »Weil es das rechte ist. Was 59 man so gewöhnlich Moral nennt, macht dumm, und ich möchte, meine Kinder bekämen helle Köpfe. Was denken Sie, es ist eine große Mühe, so viele Kinder zu drillen, daher ist alles, was bestimmt ist, ihnen erzählt zu werden, alles, was sie lernen sollen, nur erfunden, sie unschädlich zu machen; das heißt, sie gar nicht zum Denken kommen zu lassen. Ich bin mit meinen Kindern so ehrlich, wie die Füchsin mit ihren Jungen. Ich mache ihnen nichts vor.«

Während Anna das sagte, blickte sie unschuldsvoll, treuherzig zu Hans Schmidt hin und fuhr fort: »Ich sage ihnen, seid klug! Vergeßt nie, man muß entweder Hammer oder Amboß sein. Habt immer die Augen auf und laßt euch nichts gefallen. Ein guter Witz ist klüger als zwei Wahrheiten, zehn Grobheiten und sechsunddreißig Weisheiten und hilft besser durch die Welt. Gute Menschen aber sollen sie trotzdem ganz gewiß werden. Es war einmal der Sohn eines armen alten Mannes Großwesir geworden«, sagte Anna, »und der alte Vater machte sich auf, um zu sehen, ob es wahr sei. Wie er in die Stadt kam, da hielt der Großwesir gerade offenes Haus, und jedermann konnte an seiner Tafel essen, wie das so Brauch ist im Morgenlande. Da saßen lange Reihen von Bettlern, und der alte Vater setzte sich zu ihnen. Da erkannte ihn der Sohn, trat zu ihm und begrüßte ihn und fragte: ›Weißt du denn auch, daß ich Großwesir geworden bin?‹

›Das weiß ich‹, sagte der Alte, ›das ist ganz gut. Die Leute haben es mir erzählt, aber ich habe nicht gehört, daß sie gesagt hätten, du seiest auch ein guter Mensch geworden.‹«

»Bravo«, rief Obrist.

»Nun will ich noch eins erzählen«, fuhr Anna fort, »dann ist's für heute zu Ende.

60 Vor langer Zeit lebte einmal ein frommer, alter Abt in einem Kloster und war als Wächter für eine heilige Kapelle gesetzt, zu der viel Wallfahrer alljährlich kamen, um zu beten, denn sie umschloß die Gebeine eines großen Heiligen.

Der alte Abt aber hatte einen Schüler, dem er sehr zugetan war.

Als die beiden nun jahrelang miteinander im Kloster gehaust hatten und der Schüler zu Jahren gekommen war, sagte der heilige Vater: ›Mein Sohn, es ist nun an der Zeit, daß du dich aufmachst und auf eignen Füßen stehen lernst. Gehe hinaus in die Welt und schaue dich um.‹

Das war dem jungen Schüler gar nicht recht, denn es behagte ihm im Kloster, in dem es sich gut leben ließ, und bei dem alten Abte.

Der Abt aber gab ihm einen Esel mit auf den Weg und seinen Segen, und so zog er denn von dannen.

Zuerst ging es ganz wohl, er hatte in seinem Rucksack Brot die Hülle und Fülle mitgenommen und auch Wein für den Durst, und der Esel fand Gras und Kraut unterwegs.

Der Winter brach aber herein und Schneefall, und der Esel und sein Herr mußten durch eine große Einöde ziehen.

Der Vorrat des Klosterbruders war längst zur Neige gegangen, und er ließ sein altes Eselein Tag und Nacht traben, um zu menschlichen Wohnstätten zu gelangen, und konnte ihm nichts geben, was seine Kräfte aufgefrischt hätte. Wohin er auch sah, deckte Schnee das ganze Land, und er fühlte, wie das Eselein immer langsamer und verdrossener seinen Weg machte.

Schon längst war er abgestiegen, und sie trotteten nebeneinander her.

61 Mit einemmal sah er eine Stadt vor sich liegen, Mauern, Türme und Dächer; da schwang er sich auf seinen Esel – trieb ihn an und dachte: ›Das Stückchen wird ihm nicht schaden.‹ Ehe er aber die Tore der Stadt erreicht hatte, brach der Esel zusammen und verendete.

Da jammerte der arme Klosterbruder und rief: ›Ach du armes Vieh – du armes Vieh, wäre ich doch nicht aufgestiegen! Was soll ich nun beginnen!‹

Aber der Esel war und blieb tot.

Da grub der Klosterbruder ein Grab, legte den Esel hinein, setzte sich auf den Hügel und weinte.

Und so saß er noch, als Leute des Weges daherkamen und fragten, was er da sitze und weine.

Der Klosterbruder aber schämte sich zu sagen, daß er wegen eines Esels weine, und schwieg.

Da sagten die Leute: ›Du sitzest wohl gar auf einem Grab?‹

Da nickte der Klosterschüler.

›Dir ist wohl dein Gefährte unterwegs gestorben, und du hast ihn begraben?‹

Da nickte der Klosterschüler wieder.

›Das muß ein heiliger und frommer Mann gewesen sein, daß ein Klosterbruder so sehr um ihn weint.‹

›Ja‹, sagte der Klosterbruder, der sich nun erst recht schämte, die Wahrheit zu gestehen.

›So ein frommer, heiliger Mann‹, sagten die Leute, ›wie dein Freund war, soll nicht hier auf freiem Felde liegen, wir wollen eine Grabkapelle über ihn bauen, und du komm mit uns und erwärme dich.‹

Der arme Klosterbruder ging mit und dachte: ›Wie wird es mir ergehen, wenn sie den Esel ausgraben!‹

Aber sie gruben den Esel nicht aus, sondern bauten über 62 seiner Grube eine schöne Grabkapelle und störten seine Ruhe nicht; und da die Stadt gerade keinen Heiligen in der Nähe hatte, an dessen Grab man beten konnte, so zogen gar viele Leute hinaus in die Kapelle des Esels und verrichteten ihre Andacht. Es kamen auch Arme und Krüppel und hofften, daß sie am Grabe des heiligen Mannes gesund werden würden.

Nach Jahr und Tag bauten sie um die Kapelle her ein Kloster, und der arme Klosterbruder wurde Abt darin. Er lebte nun im besten Wohlergehen; aber es war ihm doch nie ganz frei ums Herz, wenn er daran dachte, wer hier begraben lag.

Eines Tages steht er vor seiner Klostertür und sieht einen alten Mann auf einem stattlichen Pferde des Wegs daherkommen. Der schaut sich das Kloster aufmerksam an, reitet darauf zu, und da erkennt ihn der Klosterbruder. Es ist sein alter Abt, der erkennt auch seinen früheren Schüler und freut sich, daß es ihm so wohl ergeht. Der neue Abt führt ihn in das Kloster, bewirtet ihn und geht dann schweren Herzens mit ihm in die Kapelle.

Denn er hat sich entschlossen, seinem alten Meister zu beichten, welche Bewandtnis es mit dem Heiligen auf sich habe.

Und als sie miteinander in der Kapelle stehen, da gesteht er es unter Angst und Zittern und Seufzen und Stöhnen.

›Beruhige dich, mein Sohn‹, sagte darauf der alte Abt und legt ihm die Hand auf die Schulter, ›in meiner Kapelle, da liegt der Vater von deinem Esel.‹

So, und nun geht zu Bette, eins, zwei, drei«, kommandierte Anna.

63 Es entspann sich nun noch zwischen Mutter und Kindern die herzliche Abschiedsszene mit einem Überfluß von Küssen, und es wäre einem Beobachter schwer gewesen, Annas eigene von den fremden Kindern zu unterscheiden.

Anna ging hinaus mit der ganzen Herde, und draußen auf dem Wege nach den Schlafzimmern fingen sie noch ein wehmütiges Volkslied im Chor an zu singen, das sonderbar beweglich in das stille, dämmerige Atelier eindrang; auf Obrist schien es wie mit breiten, dunklen Flügeln zuzukommen, er preßte die Hände vors Gesicht und sagte hastig. »Geh, Dickchen, geh.« Das Kind, das nicht von seiner Seite gewichen war, erhob sich sachte, strich dem Vater weich über die Hände, sagte Hans Schmidt leise gute Nacht und ging hinaus.

»Sonderbar«, begann Obrist, als die beiden Freunde wieder allein sich gegenüber saßen, »sonderbar, daß du gerade jetzt zu mir zurückkommen mußtest, wo es bei mir den Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Sage mir, was bleibt einem Wahnsinnigen von dem übrig, was er war! Glaube es mir, es ist eine dumme Redensart, wenn die Leute sagen, der Genius stirbt nicht – er stirbt.

Gott weiß, ob es bei mir jetzt auch körperlich vollends zu Ende geht.« Obrist stand auf und ging hastig im Zimmer auf und nieder.

»Anna sagte, der Mensch fängt gottlob nicht erst beim Geheimrat an. – Beim Künstler leider weiß man nicht, was Mensch, was Künstler ist, da bleibt, wenn der Künstler hin ist, nicht einmal soviel Mensch übrig, um eine leidliche Verbindung von Mensch und Schuster oder Schreiber zustande zu bringen.

Weißt du, Hans Schmidt, ich war ein prächtiger Kerl – – aber es hing an einem Faden – das ist's – die 64 Natur – die verfluchte Natur – der verfluchte Charakter und – die Nerven.

Und was tut das alles«, sagte er gleichgültig. »Es ist albern, ein Wort darüber zu verlieren. Für den, der zwischen den Maden auf unserem Käse Halbgötter zu sehen glaubt, gewaltige Beanlagungen, für den mag es schmerzlich sein! Aber von einem gewissen Standpunkte aus, von dem aus alles sich löst und auseinanderfällt, den man weise oder krankhaft nennt – gleichviel wie – erscheint das Erhabene, Vollendete unter uns Menschenvolk erbärmlich genug. Was für sonderbare, blindtappende, dünkelhafte Geschöpfe sind aber auch die Gewaltigsten unter uns, die Weitsichtigsten, die man mit Ehrfurcht nennt – ein Plato – Kant, die uns glauben machen wollen, daß sie das schwere, dunkle Gewölbe, unter dem wir leben, durch ihre Geisteskraft durchbrochen haben, daß Licht aus anderen Regionen zu uns eindringt. Was aber sind sie! Was haben sie erreicht! Und sie sind die ersten unter uns!«

Hans Schmidt brachte es wieder nicht weiter, als sich durch die festen, dichten Haare zu fahren, was ihn aber nicht verhinderte, sein Teil zu denken. Er sah auf seinen Freund, rieb sich die Stirn und sagte kurz und trocken: »Ich komme wieder.«

Dann stand er auf, preßte Obrist die Hand kräftig und erregt, ging zur Tür, kehrte zurück und sagte noch einmal: »Auf Wiedersehen!« 65

 

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