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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel.

Das Erstrebte hat sich ruhig entfaltet. – Die Zeugen des Leides werden Zeugen der Freude. –Ein Wiedersehen, das über dem gewöhnlichen Gang der Dinge steht.

Trotz allem, was das Leben mit sich brachte, wurde fleißig gearbeitet. Obrists Bild war beendet, Hans Ludwig Schmidt war auch mit dem seinigen zur eigenen Zufriedenheit gediehen. Studien aller Art hatten sich reichlich angesammelt, und ganz unvermerkt war Obrist in ein harmonisches Dasein hineingeraten, in dem gute und schlimme Ereignisse, Arbeit und Ruhe wechselten. Annas erregte Briefe ließen nach. Sie begnügte sich, kurze Nachrichten über sich und die Kinder zu geben. Nur allein Dickchens sehnsüchtiger, leidender Gemütszustand erfüllte Obrist mit Sorge.

Da erhielt er eines Tages von Anna einige kurze Zeilen des Inhalts, daß Mrs. Gwendolen, die mit William zu einem Verwandten nach Indien ginge, der dort eine einflußreiche Stelle bekleide, Dickchen zu ihrem Vater bringen würde. Mrs. Gwendolen und das Kind würden in wenigen Tagen anlangen, und William sollte kurz darauf in Begleitung eines jungen Freundes seine Mutter zur Weiterreise abholen.

Anna schrieb:

»Eine echt englische Künstlererziehung, alles praktisch. Gottlob, daß wahrer Genius sich wohl durch alles zu drängen weiß, durch jede Art Beeinflussung, durch alle gut 285 gemeinte Torheit hindurch. Jetzt will sie die unglückliche Jugendliebe des guten Jungen, die ihm schwer zu Herzen gegangen ist, in die sie ihn mit weiser Überlegung gestürzt hat, durch einen Aufenthalt in Indien heilen. Sie würde, um ihn zu zerstreuen, den Mond vom Himmel holen. Du lieber Gott, wenn wir versuchen, selbst Schicksal zu spielen, fahren wir doch wie geblendete Nachtvögel von einer Ecke in die andere. Es sieht sich das Treiben ganz wichtig und eifrig an; aber es steckt nichts als Ratlosigkeit und Angst und Not dahinter.

»Gott gebe die Einsicht, daß man dem Schicksal ohne Sträuben folgt. Ich habe die Hände in den Schoß gelegt und denke: Laß alles seinen Weg gehen. – Wohl dem, der so denkt. Grüße mir Deine gute Freundin und Wirtin Lore Brunquell.

Gott behüte Dich.

Anna Obrist.«

Wie Anna geschrieben hatte, so geschah es. Mrs. Gwendolen brachte Dickchen. Und ein paar wahrhaft schöne, freundliche Tage verlebten Obrist und Hans Ludwig Schmidt mit der reizvollen, warmherzigen Frau und dem sanften, liebevollen Kinde, das in einem Traum von Glück und befriedigter Sehnsucht nicht von der Seite des Vaters wich und dessen dankbar innige Blicke an dem Freunde hingen.

Dickchens zarte Gestalt schien sich in Glück und tiefster Seligkeit auflösen zu wollen, wie einst in Angst und Unruhe. Wenn sie ihren Vater anschaute, ging es jedesmal wie ein Staunen über ihre Züge: »Das bist du also, so bist du!« schien sie sagen zu wollen.

Vor seinem Bilde gestaltete sich die reizendste Szene.

Mrs. Gwendolen drückte ihm mit Tränen in den Augen 286 die Hände, ging auf Hans Ludwig Schmidt zu und sagte: »Sie treuer Freund, das haben Sie geschaffen, das haben Sie getan!«

Dickchen sank weinend ihrem Vater an die Brust, und als er sich sanft von ihr losmachte und sie küßte, sah auch sie auf Hans Ludwig Schmidt, lief auf ihn zu, faßte seine Hand und sagte mit dem innigsten Ausdruck: »Sie haben Wort gehalten.«

Eine tiefe Röte flog über ihr Gesichtchen. Sie schaute einen Augenblick wie forschend auf Hans Schmidt und schmiegte sich wieder an ihren Vater.

»So, Hans«, sagte Obrist, »nun hast du auch etwas, endlich einen Dank.«

Es lag wie Zauber auf den Tagen, die sie mit Mrs. Gwendolen verlebten. Sie brachten die Abende bei Lore Brunquell zu, die Gefallen an der schönen Frau fand. Mrs. Gwendolen, die überall mit Vorliebe handelnd eingriff, tat es auch hier. Sie hörte von des Rittmeisters kümmerlichen Verhältnissen – und veranlaßte ihn und seine Frau, mit ihr nach Indien zu gehen, wo sie ihm durch ihren Verwandten eine einträgliche Stellung schaffen konnte. Sie gab ihm alle erdenklichen Sicherheiten und Versicherungen, so daß er sich kurz entschloß und sie und ihren Sohn William begleitete.

Lore Brunquell war auf einmal, man wußte nicht wie, um all ihre guten Freunde gekommen. Da das Leben aber immer bestrebt ist, auszugleichen, so hatte sich ihre Aufmerksamkeit auf Ferdös und deren neue Verhältnisse gerichtet.

Dickchen nahm Ferdös' Stelle in Haus und Garten ein und belebte mit ihrer sanften Fürsorge das Heimwesen der beiden Freunde.

287 So wohnten drei glückliche Menschen am Marmarameer. Es war eine Zeit, die sich für alle drei lebenswert gestaltet hatte – die Herzen waren von Dankbarkeit, Zärtlichkeit, Fürsorge zueinander erfüllt. Die Arbeit gedieh. Gesundheit und Lebensmut waren unmerklich eingezogen. Dickchen schrieb an ihre Mutter:

»Meine liebe Mutter! Mein liebes Schwesterchen!

Es ist so schön hier. – Er ist wohl und glücklich. Er ist, wie ich es immer geträumt hab', daß er sein könnte. Nach langem Regen und langer Kälte und Trübe ist die Sonne gekommen, und alle Vögel singen; so ist es mir zumute.

Ach, tue alles für ihn, was Du kannst, ohne Leiden, ohne Qual, mein Mütterchen! Es ist kein Leiden, einem geliebten Menschen zu helfen. Laß ihn so frei sein, wie er jetzt ist. Und sei mir nicht böse, daß ich Dich bitte. Sähest Du ihn, Du zögertest nicht, Du tätest alles und könntest alles tun! Er bleibt Dein Freund, wie der meine. Er ist so gut. Wenn Du sein Bild siehst und alles, was er hier getan hat, wirst du glücklich sein. Und der, dem wir danken, daß es ihm so gut jetzt ist, der ist auch wohl und zufrieden, und es ist ein wahres Himmelsglück hier.

Ach, mein Muttchen, hilf ihm. – Laß es nicht wieder werden, wie es war! Gib Dir und ihm Frieden – und alles wird gut. Ich weiß schon wie.

Dein Dickchen, Dein Schwesterchen.«

Nach einiger Zeit – Anna hatte auf Dickchens Brief nicht geantwortet, hatte auch an Obrist nicht geschrieben – kamen einige Zeilen von ihr:

»Alles wird geschehen, Heinz. – Du sollst sehen, wenn ich Dir auch ein unbequemes Menschenkind war, so wirst 288 Du mir noch sehr gut werden, das sage ich. Ich will das tun, was Dir Glück und Ruhe bringen soll. Es wird eine Scheidung zwischen uns gemacht, wie es recht ist. Das Gericht wird seine Nase in unsere Angelegenheit stecken und beurkunden, daß wir eine außerordentlich unglückliche Ehe führten, unglücklicher, als es statthaft ist, daß Du mir ausgerissen bist usw. Das soll mich nicht mehr anfechten. Ich habe, was zu überwinden ist, gottlob, überwunden. Nun sieh Du zu, ob aus einem geplagten Gatten ein guter, treuer Freund werden kann. Ich bin mit dem Tausch zufrieden. Die Sonne scheint wieder. Jetzt mögen sie kommen und uns feierlich scheiden und wichtige Fratzen ziehen und Umstände machen. Mir ist's gleich – der Spuk erschreckt mich nicht. Zorn oder Wut oder Bitterkeit oder Gedemütigtsein ist nicht in mir, kein Hauch davon. Mein Leben ist ausgefüllt – ich habe meine Kinder. Und hast du ein freundliches Gefühl gegen mich, wenn Du Dir Zwang und Last von unserem Verhältnis zueinander wegdenkst, so scheue Dich nicht und glaube nicht, daß nun Entfremdung zwischen uns treten müsse. Gib mir Dein Wohlwollen und Deine Freundschaft, wie ich Dir meine gebe – und sei uns immer willkommen. Ich verstehe es doch nicht, ein böses Weib zu sein und nicht ein ernstes und nicht ein unglückliches. Es wird auch mit der Scheidung keine erschreckliche Geschichte werden.

Ich werde alles, was zu tun ist, tun, rate mir nur.

Grüße das gute, glückliche Dickchen.

Deine

Anna.«

Obrist las den Brief und gab ihn Hans Ludwig Schmidt. Der überflog ihn und rief: »Sie ist und bleibt 289 ein köstliches Weib! Das ist geniale Harmlosigkeit, die fühle ihr einer nach. So habe ich es gedacht, daß sie alles auffassen müßte, wenn sie sich treu bleibe. Auch die Stimmung in den Briefen, in denen sie dich drängt, zu kommen, ist ursprünglich und frisch wie eine Quelle.«

Dickchen nahm den Brief in die Hand und preßte ihn, als sie am Fenster stand, an die Lippen.

 

Ein ganzes Jahr blieben die beiden alten Freunde und ihre junge Gefährtin, die wie ein guter, fürsorgender Geist alles tat, was Ruhe und Wohlbehagen erhöhen konnte, noch im Hause am Marmarameer. Die Scheidung war längst gesetzlich vollzogen. Anna schrieb ruhige, friedliche Briefe, berichtete von den Kindern und ihrer Arbeit, schrieb glückselig über Obrists Bild, das sie in der Ausstellung gesehen hatte, schrieb vom Geheimrat, den sie davor angetroffen hatte und der vor Freude ganz aus dem Häuschen war.

Der zweite Sommer, der sie in dem weltvergessenen Garten der Lore Brunquell wie unversehens überraschte, brachte allen dreien Sehnsucht nach der Heimat, der sie nicht widerstehen wollten. Sie hatten alles vollauf genossen, und es zog sie zurück. Dickchen war viel mit Ferdös zusammengewesen und hing mit ganzem Herzen an dem lieblichen Geschöpf, das ihr selbst so wunderlich glich. Sie erzählte oft den beiden Freunden von ihr, wie sie ihr Hauswesen führe, wie hübsch es bei ihr sei und wie ruhig und friedlich alles in ihrer Nähe zuginge.

 

So standen sie den letzten Abend auf der Terrasse vor dem geliebten Hause, Obrist, Hans Ludwig Schmidt und Dickchen. Die Sonne ging unter, und alles strahlte in warmen, tiefen Farbentönen. Da schlang Dickchen den Arm 290 um den Hals ihres Vaters und sagte mit einer seligen Stimme: »Was hab' ich schon Schönes erlebt! Dich habe ich! Du bist gesund und froh – und meine liebe Mutter ist so gut und war so gut. Die Ferdös habe ich hier gefunden und –« Sie wollte weitersprechen, brach aber ab, sah auf Hans Ludwig Schmidt und sagte leise: »Nicht wahr, er hat alles – alles für dich getan.«

»Ja, mein Herz«^ erwiderte Obrist.

Hans Ludwig Schmidt hatte abgewendet gestanden, jetzt trat er langsam herzu und strich Dickchen zaghaft, während sie ihren Vater umschlungen hielt, über das Haar. »Süßes Kind«, sagte er. Dickchen blickte ihn ganz ruhig lächelnd an, löste die Hände von der Schulter ihres Vaters und sank dem Freunde an die Brust. Da lag sie ruhig und friedlich, und Hans Schmidt strich ihr ganz traumverloren weiter über das Haar.

 

Anna war diesen Sommer mit den Kindern in ein bayerisches Dörfchen gezogen, nach Oberstdorf im Allgäu, um die Ferien zu genießen. Sie hatte ein Haus gemietet, das mitten auf einer frischen Wiese lag, die von hohen Nußbäumen beschattet wurde.

Unter den Bäumen sah man Gestalten laufen, und im hohen Grase lagen sommerfrische Buben und Mädchen mit rosigen, warmen Gesichtern. In die Haustür trat hin und wieder eine helle Frauengestalt und schaute hinaus. Alle schienen sie in Erwartung; die Buben wälzten sich in dem blühenden Gras, kauten an Halmen und vertrieben sich die Zeit, so gut es gehen mochte; aber alle lagen sie in lauernder Stellung und huschten und reckten sich und blinzten mit den Augen und hielten die Hände als Schutz davor.

Mit einemmal ein Jubelton – und sie liefen davon, 291 einem bestimmten Ziele zu, auf drei Gestalten zu, die den sich schlängelnden Wiesenweg entlang gingen. Mit diesen vereinigten sie sich. Freudentöne, Umarmungen, ein heftiges Durcheinander! Die hellgekleidete Frau trat aus der Tür, blieb ruhig und gelassen stehen und ließ alle auf sich zukommen. Dickchen flog ihr entgegen und wurde von ihr mit zärtlichen, lebhaften Küssen bedeckt. »Mein liebes, glückliches Kind!« flüsterte sie.

Obrist kam von den übrigen Kindern umringt. Anna ging ihm befangen lächelnd entgegen und sagte: »Willkommen, mein guter Freund!« Er reichte ihr die Hand. Sie begrüßte Hans Ludwig Schmidt herzlich.

Jede ihrer Bewegungen war von einer liebenswürdigen Sicherheit geleitet. Sie benahm sich durchaus gelassen und heiter, als empfinge sie liebe Gäste. Es wurde erzählt und geplaudert. Später führte sie die beiden ins Haus, damit sie ihre Arbeit, die sie vorhatte, betrachteten und ihr rieten. Mit Erstaunen und mit einer wunderlichen Achtung betrachtete Hans Schmidt die Frau.

»Frau Anna«, sagte er, als er sie sinnend unter einem der herrlichen Nußbäume stehen sah und auf sie zutrat, »ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll – ich weiß nicht, was ich sagen soll! – Ich bin überrascht, wie alles sich gestaltet, durch Sie gestaltet hat.«

Anna lächelte und sagte: »Sie verstehen mich nicht – und alles ist so einfach. Glauben Sie, daß ich mit mir selbst jetzt im Kampfe liege? Gewiß nicht. Ich bin völlig ruhig, alles ist abgetan. Ich verstehe das Schicksal und gebe mich ihm hin.« Sie reichte ihm die Hand. »Hans Ludwig«, sagte sie bewegt, »machen Sie mein gutes Kind glücklich. Seien Sie gütig gegen sie, ihr Herz ist zarter 292 als das meine – und verlassen Sie Heinz nicht, halten Sie die Hände über ihn.«

»Wir bleiben beieinander«, antwortete Hans Schmidt trocken. »Wenn Dickchen meine Frau ist, erst recht. – Wir drei sind ein Haus, und ihr seid ein Haus. Wer sich sehen will, der sieht sich. Wir werden gewiß gute Freunde sein und, wer weiß, mehr voneinander haben, als es sonst der Fall gewesen wäre.«

»Wer weiß es«, sagte Anna freundlich lächelnd; »möge es das Schicksal geben! Aufnehmen soll man das Schicksal, annehmen, nicht ihm widerstehen.«

 


 

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