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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel.

Ferdös wird verheiratet. – Die Nebenperson Jacot singt die Messe und verschwindet vom Schauplatz.

Ihren Brief ließ Lore Brunquell am nächsten Tag durch den Rittmeister auf die Post tragen.

Obrist war am Abend nach der Begegnung mit Ferdös noch lange auf der Veranda auf und nieder gegangen. Es war eine köstliche Stimmung in der Luft. Bis spät in die Nacht hinein zogen leichte, schlanke Boote vorüber, aus denen eintönig und gleichförmig gesungen wurde.

Am anderen Tage ging er zu seiner guten Wirtin, bat diese, daß sie ruhig und gelassen sein möge, und erzählte ihr ungern die liebliche Szene.

Da sah Lore Brunquell ihn lächelnd an, streckte ihm die Hand hin und sagte: »Was gibt es Besseres als gute, treue Freunde, denen man ganz und voll trauen kann. Ich wußte, daß Sie mir den Streich meines Kindes nicht verheimlichen würden.

Auch Ferdös war bei mir, noch gestern nacht spät, und hat mir alles erzählt. Sie wird heute zu Ihnen kommen; sie hat etwas auf dem Herzen. Sie haben es ihr mit Ihrer Kunst angetan. Nehmen Sie die Begegnung von gestern als gutes Omen hin. – Sie wird es Ihnen sein. Wir werden Ferdös jetzt verheiraten«, sagte Lore Brunquell und sah gedankenvoll vor sich hin. »Es ist an der Zeit und gut. Seit Wochen schon hat sich eine gute Partie für 276 sie gefunden, ein Mann, dem ich sie ruhig anvertrauen werde. Ich habe ihr gestern davon gesprochen, und sie ist einverstanden, ja sie schien sich darüber zu freuen. Die Liebe, die das gute Kind zu Ihnen hat, ist so zart und freundlich, daß Sie sich dieselbe wohl gefallen lassen können. Ferdös ist gestern selbst sehr erschrocken über das, was sie getan hat. Sie glaubt, daß Sie bös auf sie sein könnten, und ich habe sie noch nicht ganz darüber beruhigt. – Sie wird sich jetzt noch Sorge machen.

Darüber, daß sie heiraten sollte, war Ferdös doch sehr erstaunt; aber wie es schien, angenehm erstaunt. ›Wir beide werden uns doch nicht trennen müssen?‹ fragte sie. Ich sagte ihr, daß wir beieinander bleiben, jeden Tag uns sehen würden; damit war die Sache abgetan, sie schlang den Arm um mich und legte sich dann ruhig schlafen. Ob sie geschlafen hat, weiß ich nicht. Sie ist heute gedankenvoll und still.«

 

Tage vergingen, ohne daß Obrist Ferdös gesehen hätte.

Am Abend des Tages, an dem er mit Lore Brunquell gesprochen hatte, saßen alle guten Freunde beisammen, der Rittmeister mit seiner kleinen Frau, Lore Brunquell, Hans Schmidt und Obrist.

Die bevorstehende Heirat von Ferdös wurde besprochen. Iskender und der Rittmeister lobten den zukünftigen Gatten. Lore Brunquell machte einen zufriedenen, ruhigen Eindruck.

Der Rittmeister war einigermaßen gedrückter Stimmung, wenn dies auch nicht bei ihm zutage trat. – Er hatte doch erfahren, daß Jacot wieder vergeblich versucht hatte, etwas für ihn zu erreichen. Als alle versammelt waren, kam auch Jacot. Er wußte von dem, was über 277 Ferdös beschlossen war, noch nichts. Niemand nahm seine Liebe für das schöne Mädchen, mit dem er kaum Gelegenheit zu reden gehabt hatte, für wahrhaft ernst, und so wurde ihm diese Neuigkeit lächelnd und lebhaft mitgeteilt. Er schaute betroffen, verblüfft vor sich hin, sagte kein Wort und sah mürrisch aus, wie es oft seine Art war.

»Nun, Sie Verliebter«, nickte Iskender ihm zu, »was machen wir denn nun? – Hängen wir uns?« Iskender klopfte ihm auf die Schulter.

»Hopsa«, brummte Jacot. Darauf saß er wieder mürrisch still.

»Rittmeister«, sagte er nach einer Weile. – »Da schaut's, Herrgott noch einmal, wenn der Mensch Pech hat!« Er begann eine Melodie vor sich hin zu summen.

»Er komponiert«, sagte Iskender, »stört ihn nicht.« Jacot sang: »Kyrie eleison!«, den ersten Satz der musikalischen Messe.

»Masch Allach – Masch Allach!« rief der Rittmeister. »Was fällt Ihnen ein, Jacot!«

»Laßt mich«, sagte dieser, sang weiter, erhob sich, ging im Zimmer auf und nieder und sang mit ausgebreiteten Armen die ganze Messe zu Ende und entfaltete dabei eine wunderliche Würde und einen gewaltigen Pathos.

»Schaut's den Pfaff an«, sagte der Rittmeister lächelnd.

Jacot aber ließ sich nicht stören, und aller Blicke hingen an ihm, es lag etwas Unwiderstehliches, etwas Dämonisches in dem kleinen, gedrungenen Menschen, in seinen dicken, kurzen Händen und dem angestrengt feierlichen Ausdruck seines rosigen Gesichts.

»Die Stimme ist gut«, sagte Iskender, »aber er hat zuviel getrunken, das hat sie ihm verdorben, sonst hätte er aufs Theater gehen können.«

278 »Jawohl«, rief Jacot zwischen seiner Messe, »ich aufs Theater, das wäre ein Gedanke; da schaut's, Herrgott noch einmal, die Stimme wäre vertrunken, gar nicht.« Und weiter fuhr er mit seiner Messe fort und trabte dabei sonderbar auf und nieder.

Die Fenster standen weit offen. Weiche, bewegte Seeluft drang herein.

Jacot blieb vor einem der Fenster stehen und brach die Messe ab, schaute hinaus aufs Meer und sagte: »Wir haben Südwind, da kommen alle Teufel angeschwemmt, alle krepierten, aufgeschwollenen Hunde aus ganz Skutari und Stambul – vom ganzen Bosporus und Goldenen Horn. Alles Ersäufte kommt hier angeschwommen, greulich aufgeschwollen.« Er schnitt eine Fratze, die das Gesagte deutlich machen sollte, und war nicht eher zufrieden, als bis ihn alle gesehen hatten. Darauf setzte er sich wieder zur Gesellschaft und versank in dumpfes Brüten.

»Da schaut's, so geht's auf der Welt. Da gibt's Schufte, denen gelingt nichts, nichts für sich und nichts für andere! Rittmeister, wenn Jacot es nicht getan hat, tut's ein anderer. – Nur die Flinte nicht ins Korn werfen. – Ich bin halt ein Elender!«

»Nun, Jacot, Jacot«, sagte der Rittmeister, »alter Junge, hol alles der Teufel; aber den Kopf oben halten.«

»Hopsa!« erwiderte Jacot und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Damit ging er pfeifend zur Tür hinaus.

Der Rittmeister schaute ihm bedenklich nach. –»Dem ist's mit der Ferdös doch halt nahegegangen. So ein Mensch! Hätt's doch nimmer gedacht!«

»Ach was!« Lore Brunquell lachte. »Er wird kein solcher Narr sein!«

»Halt still, Narr oder nicht, das ist in der Sache eins. 279 Der arme Kerl hat so'n aufrichtiges Geschau. Ich weiß, wie's ihm ums Herz war, der verbirgt's nicht. Aber brunnentief hat er's, brunnentief! Das ist ein Mensch, dem es nahegeht, wenn er für andere nichts erwischt, der verliert für andere den Mut und freut sich für andere. Ich weiß halt, wie's um ihn steht. Es ist ihm nie etwas geglückt, dabei das Gemüt wie ein Kind! Er ist so ein Kerl, dem sein Mutterl immer nachlaufen könnt, wenn er eins hätt'. – So aber hat er nichts auf der Welt. Man sollt' ihm ein Weiberl schaffen!«

Der Rittmeister schüttelte nachdenklich den Kopf.

Der Südwind hatte sich schärfer aufgemacht; Lore Brunquell schloß ein Fenster und man ging früh auseinander.

»Der arme Kerl, der Jacot«, sagte Obrist. »In dem steckt ein ungeheures Empfinden und kann nicht zum Ausdruck kommen – die Erzählung vom Rittmeister, wie Jacot seine untreue Frau beschenkt, ist so tief und wunderlich –, würdig des reinen Toren, des jungen Parsifal.«

 

Am anderen Tag gegen Abend wandelte Obrist im Garten auf und nieder, da sah er Ferdös und Lore Brunquell miteinander aus dem Hause treten. Sie kamen auf ihn zu. Er ging ihnen entgegen und reichte Ferdös die Hand, ohne sie anzureden, um zu vermeiden, mit irgendeinem Worte ihr Herz zu verletzen.

»Ich bitte dich«, sagte Ferdös, »nicht schlecht von mir zu denken. – Das sollst du nicht. – Ich werde dich nicht vergessen, und ich weiß, du bist gut.«

»Ja, mein Kind«, sagte er. »Ich verstehe dein Herz, glaube mir, du bist der gute Geist, der den Alten vorangeht und die Geige spielt.«

280 »Nein«, sagte sie. – »Ich führe dich nicht zu den Gräbern, du sollst leben und so Schönes schaffen, du sollst glücklich werden.«

»So ist es«, sagte Lore Brunquell. »Möge es so werden!«

»Du weißt, daß man mich jetzt verheiratet?« fragte Ferdös.

»Ich weiß es. Und es ist dir so recht, du bist es zufrieden?« Obrist lächelte.

»Ja«, sagte Ferdös – »da es sein soll, so bin ich es zufrieden. Und weißt du, was ich getan habe? Ich hatte mir etwas ausgedacht.« Sie lächelte. »Er darf mich vor der Verheiratung nicht sehen, da ich türkisch werden soll; aber ich weiß, er hätte es gern getan, da habe ich Iskender gebeten, ihm zu sagen, ich sei ja noch nicht, was ich werden soll, daher dürfe er vor der Heirat schon mit mir reden – da war er sehr zufrieden. – Iskender führte ihn hinauf in das große Zimmer, dort ließ er ihn. Ich habe ihn mir durchs Schlüsselloch angesehen – und habe bemerkt, daß er ganz eifrig war. Er ging auf und nieder – und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn – und strich sich seinen Bart. – Dann sah er nachdenklich aus, dann wieder unruhig; aber es stand ihm alles gut. Er war nicht komisch, gar nicht, er gefiel mir, und ich bekam Sorge, daß ich so etwas Dummes mit ihm vorhatte. Da tat sich mit einmal die andere Tür, die in das Zimmer zu ihm führte, auf und die alte Sklavin von drüben trat herein. Du kennst sie, die mit der schiefen Schulter. Der hatte ich mein weißes Schleierchen umgesteckt und hatte ihr gesagt, sie solle erst in der Tür stehenbleiben, und gar nichts reden, und dann solle sie ihn begrüßen und sagen, daß sie die Braut sei.

281 Und jetzt schaute ich durchs Schlüsselloch und fürchtete, mein Bräutigam würde recht böse werden.

Die Alte machte es auch genau, wie ich ihr gesagt hatte, und er war so verwirrt, daß er gar nicht bemerkte, wie sie aussah und wer sie war, bis sie zu reden anfing. Dann schaute er schön auf, lachte, und ich mußte auch lachen, so daß er es hörte. Darauf schenkte er der Alten etwas, und Iskender kam herein – der hat sich sehr gefreut, daß es mir so vortrefflich gelungen ist. Er wußte alles.«

Obrist lachte. »Nun gottlob«, sagt er, dann faßte er wieder ihre Hand. »Ferdös, alles Glück auf dich!« fügte er hinzu.

Ferdös ging wieder ins Haus zurück, und Lore Brunquell begleitete Obrist noch unter den Feigenbaum hin.

»Spüren Sie ein wenig von der Ruhe und Harmlosigkeit, in die sich hier Leidenschaften verwandeln können, ohne daß man merkt, wie es eigentlich geschieht und wodurch es geschieht?« fragte sie lächelnd. »Glauben Sie mir, Ferdös hat eine tiefe Liebe zu Ihnen. Ich habe aber versucht, sie in der Unschuld und Vornehmheit zu erziehen, die hier in der Luft liegt. Sie ist dazu bestimmt, zu heiraten, das weiß sie. Mann und Kinder aber bestimmt das Schicksal ihr. Sie ist ganz geduldig und freundlich und weit entfernt davon, zu verzweifeln und zu jammern, und alles hat sich friedlich gelöst, trotzdem sie die Liebe im Herzen trägt. Es ist hier anders als bei euch, einfacher, und die Gemüter sind stärker und weniger zerfahren. In meiner Ferdös liegt eine große Kraft und eine ursprüngliche, ruhige Heiterkeit, die sich kaum an der Oberfläche zeigt.«

Lore Brunquell war bewegt, als sie dies sprach. Ferdös winkte ihr vom Fenster aus. Dann nickte sie ihr zu, verabschiedete sich von Obrist und trat ins Haus.

 

282 In dieser Zeit wurden alle Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen.

Ein guter Freund aber fand sich seit Tagen nicht ein, und dieser gute Freund war Jacot. Niemand hatte etwas von ihm gesehen, seine Wirtsleute nicht, seine Bekannten nicht. Der Rittmeister fragte hier und dort – und lief wie ein unruhiger Geist umher.

Seiner guten Freundin Lore Brunquell sagte er, als sie Jacot vermißte, daß dieser auf einige Zeit verreist sei. – »Es ist gut so«, hatte der Rittmeister hinzugefügt. »Es ist alles gut, was geschieht – Schicksal.«

Während der Vorbereitungen, Arbeiten, lebensvollen Erregungen ward der gute Jacot im Hause der Brunquellin fast vergessen. Der Tag der Hochzeit kam. – Obrist und Hans Schmidt sahen sich die Gäste an, blieben aber nur kurze Zeit. Die Braut selbst bekamen sie nicht zu sehen. Wie ein Geheimnis war ihnen die schöne Ferdös entrückt.

Ihren Gatten lernten sie am Hochzeitstage kennen, einen würdigen, unterrichteten, noch jungen Mann, der ihnen einen sympathischen Eindruck machte.

Als Ferdös das Haus ihrer Mutter verlassen hatte, schien beiden Freunden der Garten und alles verödet zu sein. Es schien ihnen, als wäre ein freundlicher Geist geschieden. Über beiden lag eine beinahe schmerzliche Wehmut.

Am Abend vor Sonnenuntergang desselben Tages trat der Rittmeister in das Atelier der Freunde. Er sah auffallend bleich und angegriffen aus.

»Was ist Ihnen, Rittmeister?« fragte Obrist.

»Es ist schon alles vorüber«, antwortete er. »Der Südwind hat unseren guten Jacot hier ans Ufer gespült. Die Fischer fanden ihn, ich kam zufällig hinzu – und es ist schon ruhig abgetan. Der arme Narr! Es geht so etwas 283 hier ohne Aufhebens vor sich. Sie haben ihn fortgetragen. – Es braucht es niemand zu erfahren, auch die Brunquellin nicht. Wozu? Die Frau meint halt, sie habe eine Tat getan, daß sie ihr Mädel einem Moslem gegeben hat. Sie meint womöglich – es wäre damit ein Schritt in der Welt vorwärts getan. Wenn sie's auch nit gerad' Wort haben würde. Es ist auch gut, warum nicht! Aber was der einzelne tut, um die Welt zu bessern, bleibt halt immer nur eine Schrulle, eine Tat wird's nimmermehr. Tut er's in einer Stellung, von der aus er guten und gehörigen Einfluß üben kann, dann ist's anders. Tut er's aber in der Enge, dann ist's keines Opfers wert. Das war's nicht wert, daß der arme Narr darüber zugrund ging!«

Der Rittmeister erhob sich und wanderte nachdenklich im Zimmer auf und nieder. »Sie braucht's nimmermehr zu erfahren. Da schaut's, da hatte das arme Jacotle denselben Tag mit dem Imam gesprochen, weil er halt Moslem werden wollt', als er's am Abend mit der Ferdös erfuhr. Ich hab's gewußt, ich hab's gewußt«, sagte der Rittmeister und schüttelte wieder wehmütig den Kopf. »Er hatte halt kein Glück. Eins hat er davongetragen. Sie werden ihn jetzt unter den schönen Zypressen unter lauter braven Moslem begraben. So ruhig und friedlich wird das geschehen, wie sie bei uns ein klein's Kindel zur Tauf' tragen. Hier gibt's keine schwarzen Kleider, kein Trauergepräng, nichts, nichts davon, gar nichts. Ein roh gezimmertes Särglein, ein bunter Teppich darüber. So tragen sie ihn hin, keine schwarzen Träger, kein schwarzer Pfaff, nichts, gar nichts davon. Unter den Zypressen, da legen sie ihn in seinem weißen Tuch in Gottes Erde hinein. Geht's heut abends mit, der arme Narr ist's wert, daß Sie ihn begleiten. Aber sagt nichts davon. Ihr wißt 284 nichts. Es ist nichts geschehen. Ich hol' euch, wartet auf mich.« Damit ging der Rittmeister zur Tür hinaus.

 

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