Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.

Ferdös im Atelier.

Nachdem sie beide Tag für Tag hinausgewandert waren, um Studien zu machen, fing Obrist sein Bild an. Das äußere Leben wurde ihnen von Lore Brunquell so angenehm und ungestört wie möglich gestaltet. Sie fanden an allen, die in deren Hause verkehrten, mehr und mehr Gefallen, trotz allem Närrischen, was ihnen anhaftete. Rittmeister Neunhütel wurde ihnen ein wahrer Freund. Sie lernten in ihm einen seltenen Menschen kennen. Es ging ihm mit seiner kleinen Frau herzlich schlecht. Schon seit fünf Jahren suchte er vergeblich nach einer Anstellung. Vermögen hatte er nicht, hier und da fand sich ein kleiner Verdienst, der ihm ein wenig aufhalf. Was sich nur erdenken läßt, hatte er begonnen, und nichts war ihm geglückt. Und dennoch liebte er das Land, das ihm nichts als Enttäuschungen gebracht hatte, genau so und mehr, als schwämme er in vollem Wohlergehen.

Er lebte hier, weil ihm alles sympathisch war und weil seine starke Freiheitsliebe, das heftigste Gefühl in ihm, hier Genüge fand. Heim nach Deutschland wollte er nicht wieder, nie im Leben. Er selbst schien sich wenig Sorge um die Zukunft zu machen. Der Jacot aber lief für ihn und hatte sich in den Kopf gesetzt, dem Rittmeister aufzuhelfen.

Jacot selbst war ein seltsamer Charakter. Kurze Zeit, 248 nachdem die Freunde bei Lore Brunquell aus und ein gingen, hatte er seine Stelle, die er nach langem Harren erwischt, endlich wieder verloren. Es ging dies vollkommen ruhig an ihm und der ganzen Gesellschaft vorüber. Als er es an einem Abend mitteilte, waren alle versammelt, auch Ferdös.

Jacot kam zur Tür herein. »Pech! – Pech! Pech, immer Pech!« Er goß sich ein Glas Wein ein aus der großen strohumflochtenen Flasche, und noch eins – und noch eins, ehe er zum Erzählen kam – und berichtete dann die Sache ruhig und trocken. »Hopsa«, damit schloß er. »So ist's nun einmal auf Erden; aber für den Rittmeister findet sich etwas, das sollt's ihr sehen.« Indem er dies sagte, schlug er mit der Faust auf den Tisch und schenkte sich wieder ein.

»Ich bin ein Elender, ein Elender«, sagte er, schwenkte sein Glas und blickte auf Ferdös wunderlich gedankenvoll und in sich versunken.

Ja, Jacot war ein Pechvogel, was man einen Pechvogel nennt. Die Widerwärtigkeiten, die ihm zustießen, hatten alle einen Anstrich von Komik. Jedermann wußte, daß er auf das heftigste in Ferdös verliebt war, und jedermann lächelte darüber. Der Rittmeister hatte erzählt, daß Jacot ihm über diesen Punkt sein Herz ausschüttete, fast jeden Abend immer dieselbe Litanei, und der Rittmeister hatte es nicht für nötig gefunden, darüber Stillschweigen zu beobachten. Er wußte von Jacot immer allerlei komische Anekdoten zu erzählen und tat dies mit Vorliebe, trotz der Dankbarkeit, die er für den guten Menschen, der sein möglichstes für ihn tat, hätte haben müssen.

Jacot war einer von denen, denen man nicht recht ernsthaft dankbar sein konnte; auch die Dankbarkeit, die er mit 249 Recht erntete, nahm einen Anflug von Komik und Unbestimmtheit an, wenn sie sich auf ihn richtete.

Der Rittmeister erzählte an demselben Abend, als sie mit Jacot beisammensaßen, der ihnen sein Unglück mitgeteilt hatte, in welchen schlechten Ruf Jacot die Brunquell einmal gebracht habe. »In der ersten Zeit, als er hier angelangt war«, begann der Rittmeister, »steht er hier vor der Gartentür. Er hat ein paar Wochen hier im Hause gesteckt. – Also gegen Abend steht er vor der Tür, die Hände in den Hosentaschen – und hält seinen Keff, wie die Türken sagen, ließ sich's wohl sein. Da kommt mit einemmal eine Frau aus dem Nachbarhause eifrig auf ihn zu und redet auf ihn ein. Damals verstand er sein schönes Türkisch noch nicht, ließ sich aber davon nicht anfechten und antwortete ganz impertinent sicher, bei jeder Gelegenheit: ›Evätt - evätt -‹, das heißt: ›Ja – ja –‹ und verwunderte sich über die Maßen, daß die Türkin alle Fassung verliert, schreit, die Nachbarn zu Hilfe ruft, an die Tür klopft und, als geöffnet wird, wie besessen in den Garten stürzt. Als Lore Brunquell ihr entgegenkommt, schlägt die Türkin die Hände überm Kopf zusammen.

›Was hast du getan?‹ ruft sie. ›Was hast du getan? – Du hast mir meinen Truthahn genommen – du hast ihn dir gebraten und hast ihn aufgegessen! Masch Allach – Masch Allach, daß du so schlecht bist – wer hätte das gedacht!‹

›Bist du denn deli?‹ (verrückt) fragt die Brunquell.

›Nein – nein – nein!‹ ruft die Türkin. ›Nun lüge noch! Der da draußen, der hat mir es doch eben gesagt, der Hundesohn! – Ach, was du getan hast!‹

Jetzt wird Jacot hereingerufen.

250 ›Was haben Sie denn gemacht?‹ ruft die Brunquell.

›Ich?‹ sagt Jacot. ›Sie hat mich kreuz und quer gefragt und hat mich angeschrien, da hab' ich ihr das einzige, was ich wußte, Evätt, geantwortet.‹

›Was willst du denn, er kann ja gar kein Türkisch, nimm doch Vernunft an!‹ sagt die Brunquell zu der Türkin.

›Ja, ja!‹ ruft die, ›das glaube einer! Ich sage ihm: Hast du denn vielleicht meinen Truthahn gesehen, der mir davongelaufen ist? Da sagt er: Evätt.

›Ich schau ihn an und frage: Hast du ihn denn auch wirklich gesehen? – Da sagte er: Evätt.

›Ist er denn vielleicht bei euch darin?‹ frag' ich Evätt sagt er.

›Ist er denn noch darin?‹ Evätt sagt er.

›Da habt ihr ihn euch vielleicht gar gebraten?‹ Evätt sagte er.

›Und habt meinen Truthahn gegessen?‹ Evätt sagt er. – ›Und du willst mich belügen und mich glauben machen, er verstehe kein Türkisch?‹

Solche Geschichten hat er uns oft gemacht«, sagte der Rittmeister. »Es ist ein Glück, daß er so schnell Türkisch gelernt hat – – Sag einmal, Jacot«, fragte der Rittmeister, »hast du etwas dagegen, wenn ich weiter von dir erzähle?«

»Was du willst – mir ist's recht«, sagte dieser fast in sein Glas hinein. »Mir ist alles gleich und alles recht.«

»Ich meine ein anderes Mal, nicht jetzt!« sagte der Rittmeister.

»So, nicht jetzt? Auch gut«, sagte Jacot.

Am Abend begleitete der Rittmeister die Freunde durch den Garten nach Hause.

251 »Unser Jacot«, sagte er unterwegs, »kommt Ihnen gewiß wie ein närrischer Kerl vor? – Er hat so etwas an sich, was nicht aller Welt behagt. Aber man muß ihn halt kennen. Er ist Gold, reines Gold. Schauen S', Herrgott noch einmal! daß er trinkt, ist halt ein Jammer. – Hier, in dem warmen Klima, wird's ihn zugrund richten. Für die Ausländer liegt eine große Gefahr darin. Schauen S', Sie wissen doch, daß er früher Pfaff war – da hat er sich davongemacht. Aber das Verfluchte ist: wenn ein Mensch sich aus seinem Boden losreißt – er wurzelt schwer woanders wieder recht ein. Jacot ist unter die Protestanten gegangen, hat dann als Lehrer in Bulgarien gesteckt, hat da und dort gesteckt, ist auf alles so fuchtig wie eine Bremse losgegangen, hat es aber nirgends lang ausgehalten. Geheiratet hat er auch und ist hier mit der Frau angekommen, einer Bulgarin, die eine mürrische Person war, mit der wir uns nicht befreunden konnten. Er schien aber zufrieden mit seiner Alten. Er hatte ein kleines Kapital, da lebten sie ganz vergnügt, ließen sich nichts abgehen. Er gab Unterricht. Jacot findet überall sein Brot.

Ich hab' nie einen Menschen gesehen, der solch ein Vergnügen an seiner Häuslichkeit gehabt hätte wie Jacot, ein ganz kindisches Vergnügen. Wenn er des Abends heimging, tat er es immer, als wollte er sagen: da schaut's – Herrgott noch einmal, ich hab' ein Haus und ein Weib – ich bin ein gemachter Mann! Trotzdem aber brachte er selten die Frau mit hierher, und als ich ihn darum fragte, sagte er wie verlegen: Meine Alte ist so eine, die zur Not nur langt, 's ist so besser. Trotzdem aber blieb er nach wie vor ein außerordentlich stolzer Hausvater und schien glücklich zu sein.

Da hat ein böser Kauz, ein falscher Freund von unserem 252 zufriedenen Jacot, an der mürrischen Frau Gefallen gefunden – und sie an ihm. Teufel auch! – sind miteinander auf und davon. – So ein Weib, hat sie den guten, goldenen Narren verlassen, der an ihr Genüge fand, trotzdem wenig an ihr zu rühmen war.

Sie hätten Jacot sehen sollen! Er war ein Verzweifelter. Seine Häuslichkeit ging ihm über alles. Der arme, herumgeworfene Schuft! Und was denken Sie? – Geweint hat er bei uns und geschluchzt wie ein Kind. Und was meinen Sie? – Wie ich den anderen Tag in sein vereinsamtes Haus trete, da finde ich ihn, wie er allerlei Herrlichkeiten zusammenpackt, ein Ringerl, eine kleine Uhr – so allerlei. Die Uhr war nagelneu, die hatte er soeben erst von seinem Bisserl gekauft. Das sagte er mir auch. Und was meinen Sie, was der Narr vorhatte? Seiner mürrischen Frau hat er's nachgeschickt, weil gerade ihr Namenstag war. Und wie ich ihm sag': Jacotele, um alles in der Welt, was fällt dir ein! Da hat er mich angesehen mit seinem treuherzigen, traurigen Geschau. ›Rittmeisterl‹, hat er gesagt, ›was meinst – wissen soll sie halt, daß in mir wohl Kummer ist, daß ich ein Elender bin, nimmermehr aber werd' ich gegen einen Menschen, der gegen mich schlecht ist, auch schlecht sein. – Sie wird mich schon verstehen, die Alte – was meinst?‹

Na, was blieb zu tun übrig, er hat sich halt scheiden lassen müssen. Es ist ihm hart angekommen; denn er war stolz auf sein Hauswesen.

Sein Leben lang ist er in der Welt umhergestoßen worden. Die Eltern früh verloren, in einem Pfaffenseminar erzogen – dann durchgebrannt, dahin und dorthin gestoßen, innen keinen Halt und außen keinen Halt. Und dabei ein guter Mensch. – Teufel auch! Jetzt ist er in 253 die Ferdös verliebt wie ein Unsinniger. Sie wissen nicht, welche Not ich mit ihm habe. Ich sag' es ihm alle naslang, daß alles umsonst ist; daß die Brunquell ihr Mädchen nur einem Mohammedaner geben wird, und daß ich ihr darin recht geben muß. Sie will der Ferdös die größte Sicherheit verschaffen, auf Erden ruhig und glücklich zu werden; so wie sie es vorhat, ist es noch am ehesten der Fall. Verdammt, wenn ihr da einer in die Quere käme, Teufel auch! Die Hauptsache, die Brunquell will ihrer Überzeugung treu bleiben und damit basta! Der Jacot ist ein wunderlicher Heiliger, ein armer Narr.«

Obrist war fleißig an seinem Bild. Es schritt rasch vorwärts.

An den Tagen, an denen er Briefe von Anna erhielt, die immer stürmischer, immer verzweifelter klangen, lag es wie ein schwerer Bann über ihm. Es schien dann, als wäre er von aller Spannkraft verlassen, und je öfter die Briefe sich wiederholten, je andauernder wurde die Nachwirkung bei ihm.

Hans Ludwig Schmidt sah dies mit Besorgnis. Er hatte Lore Brunquell längst mit Obrists Verhältnissen bekannt gemacht, und durch diese war er über die trübe Stimmung seines Freundes, die die neugewonnenen Kräfte wieder zu schwächen schien, getröstet. »Laßt die Frauen gewähren«, hatte Lore Brunquell gesagt, »ihr müßt der Frau Ruhe lassen. – Aus allem, was Sie mir erzählen, sehe ich, daß sie ein anständiger, tapferer Charakter ist. Es steckt in der lustigen, lebensfrohen Frau mehr, als ihr alle ahnt, und es wird sich alles finden, laßt sie jetzt gewähren.«

Obrist hatte Lore Brunquell den Vorschlag gemacht, er wolle ihr Ferdös malen.

Er hatte das Mädchen an einem Morgen beobachtet, 254 wie sie still und nachdenklich, einfach wie eine Statue in ihr weißes Gewändchen gehüllt, den Schleier über dem Kopf, unter einem der dichten Feigenbäume vor seinem Fenster stand, ganz in sich versunken, unbeweglich. Obrist hatte sich von ihrem Anblick nicht losreißen können. Etwas so wunderbar Ursprüngliches, Natürliches und Ruhiges lag in ihrer Stellung, wie er sich nicht erinnern konnte, je an einem jungen Geschöpf gesehen zu haben. Er winkte Hans Schmidt herbei, damit auch dieser den Genuß haben sollte. Die Stellung, in der sie ihm aufgefallen war, hatte ihm den Wunsch erweckt, sie so zu malen, und Lore Brunquell war's einverstanden.

Am Abend fragte Obrist Ferdös: »Was dachtest du denn unter dem Feigenbaum?«

»Heut morgen?« fragte sie und schaute, wie um sich zu besinnen: »Da dachte ich an dich.«

»So«, sagte Hans Ludwig Schmidt, der zugehört hatte.

»Ich dachte«, fuhr sie fort, »was du wohl malst, und wie du mir versprochen hast, daß ich dir zuschauen darf, und weshalb du dies wieder vergessen hast?«

»Nun, und du dachtest nicht daran, was ich wohl malen würde?« fragte Hans Ludwig Schmidt.

»Nein«, erwiderte Ferdös.

»Das ist nicht hübsch von dir!« sagte er lachend.

»Heinz, Heinz«, wandte er sich zu Obrist, als das Mädchen gegangen war. »Dies Herz hast du auch gewonnen. Ich muß gestehen, daß ich das für unnötig halte, es hätte auch einmal etwas für mich abfallen können.«

Obrist lächelte: »Sie hat dir's angetan?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Hans Schmidt. »Sie schleicht sich einem ins Herz, man weiß nicht wie, die ist ein wunderliches Kind.«

255 »Ich dächte, Dickchen und sie wären zwei Schwestergestalten«, erwiderte Obrist.

»Ja – ja«, sagte Hans Ludwig Schmidt.

Ferdösens Bild wurde begonnen. Obrist malte sie in Lore Brunquells Zimmer. Das Mädchen schien ganz beglückt darüber zu sein, und ehe er den ersten Strich tat, dankte sie ihm mit einem merkwürdig ernsten Ausdruck.

Mit stummem Erstaunen sah sie ihre Gestalt auf der Leinwand entstehen.

»Das bin ich«, sagte sie gedankenvoll, »das bin ich! Aber das Herz, die Seele, die Gedanken – weißt du doch nicht!«

»Nein«, sagte Obrist, »deine Gedanken weiß ich nicht, Ferdös – und ich möchte wohl wissen, wie du denkst.«

»Möchtest du das?« fragte sie ruhig. »Sag einmal, es ist doch schlimm, es ist noch mehr als traurig, daß man nur den Körper sieht, der doch bedeutungslos ist – wenn die Seele ihn verläßt, ist er tot. Er ist schon jetzt tot, nur die Seele lebt. – Und die sieht man nicht, man ahnt sie nur, bei manchem auch das nicht einmal. Bei Jacot fühlt man sie nicht, oder sie ist in den Körper so mit hineingemischt. Ich weiß es nicht zu sagen. Es ist alles eins bei ihm, da könnte es sein, daß er nach dem Tode ganz verginge. Du wirst nicht vergehen«, sagte sie ernst, »das weiß ich.« Sie sah ihn forschend an.

»Über dergleichen denkst du nach, mein Kind?« sagte er. »Ich möchte aber von dir wissen, was du liebst, an was du deine Freude hast.«

»Das werde ich dir sagen«, antwortete sie und schaute ihn vertrauensvoll an. »Ich liebe Schachteln.«

»Was liebst du?« fragte Obrist lachend.

»Ich sagte es, Schachteln. Es gibt so allerliebste runde, 256 mit Muscheln und welche mit Bildern und welche mit Blumen – und welche aus Holz mit Spiegelchen daran, ganz gewöhnliche und ganz feine. Ich werde dir zeigen, was ich davon habe.«

Sie ging hinaus und kam bald darauf mit einer ausgezogenen Schublade zurück, in der Kasten und Kästchen sorgfältig geordnet lagen. Mit Eifer breitete sie alles vor ihm aus.

»In jeder steckt etwas«, sagte sie. »Ich liebe das so.

»Wir sind auch alle Schachteln«, sie lachte hellauf, »und in jede ist etwas getan. In jedem Tier steckt etwas, in jedem Menschen, in jeder Pflanze. In manche Schachtel hat er viel getan, in manche wenig. In einer schönen steckt oft gar nichts, in einer ganz alten, häßlichen etwas Wundervolles, wie hier in der«, sie nahm eine zerdrückte bunte, die mit allerlei Fetzen beklebt war, »die hier ist Iskender. – Und was ist darin?« Sie öffnete sie und ein silberner Ring mit einem Türkis glänzte daraus hervor. Auf ein braunes, wohlgeformtes Holzkästchen zeigte sie und sagte: »Das hier bedeutet meine Mutter. – Du kannst es öffnen!«

Obrist tat so. Da lag eine Rose aus Wachs geformt darin.

»Es müßte eine frische sein«, sagte Ferdös. »Ich tue auch manchmal eine hinein.«

Obrist lächelte.

»Du brauchst darüber nicht zu lachen«, sagte sie, »es ist doch ganz hübsch.«

 

Lore Brunquell brachte Ferdös einmal in das Atelier, zur Zeit, als die beiden Freunde malten, und entschuldigte 257 sich, daß sie störe; aber das Mädchen habe ihr keine Ruhe gelassen.

Obrists Bild war weit vorgeschritten. Hans Ludwig Schmidt arbeitete an einem Seestück, zu dem er die Studien von der Terrasse aus gemacht hatte.

»Ich möchte nur zuschauen«, sagte Ferdös. »Es ist mir so versprochen.«

Lore Brunquell setzte sich, und Ferdös stellte sich neben Obrist. Er arbeitete ruhig weiter.

»Wie mir dein Bild gefällt!« sagte sie nach einer Weile gelassen.

»So«, sagte Obrist.

»Ja, das ist ein sanftes Bild, wie eine weiche Musik. Ich höre die Melodie, die der schöne Knabe spielt, der vor dem Alten hergeht und geigt.«

Sie schwieg, betrachtete weiter und sagte darauf:

»Ich hab' einmal ein Bild gesehen, da geht der Tod als ein Gerippe vor ein paar Leuten her; das ist greulich. – Ich habe nicht schlafen können davon. Die Schöne mit der Geige soll dasselbe sein, nicht wahr?

Hat es dem Maler, von dem ich das abscheuliche Bild sah, Freude oder Schmerz gemacht, so etwas zu malen? Das möchte ich wissen. Ich glaube Freude«, beantwortete sie ihre Frage selbst. »Es wird ihm gefallen haben, die Menschen fürchten zu machen und sie zu erschrecken. Er wird so ein schlechtes Herz haben wie ein großer Bub, der die Kleinen erschreckt und quält. Du könntest so etwas Abscheuliches nicht malen. Nicht wahr?«

»Oh – oh – oh!« rief Hans Ludwig Schmidt, von seiner Staffelei aus, »was denkst du denn, Ferdös! Er hat genug so schlimmes Zeug gemalt. Glaub mir.«

»Das weiß ich nicht, was er getan hat«, sagte sie 258 gelassen. »Iskender sagt: Wenn bei euch in Europa einer ein Unrecht begeht, ist er ein Sünder sein Leben lang. Hier ist er Sünder, solange er die Sünde tut, darauf, wenn er sich bessert, sieht ihn ein jeder für einen ehrenwerten Mann an.«

»Bravo!« sagte Obrist.

»Ja«, entgegnete Lore Brunquell, »hier wird, ohne daß sie soviel Wesens daraus machen, wie bei euch, Wohlwollen gelehrt, Wohlwollen, das sich nicht nur auf die Ehrenmänner bezieht, sondern auch auf die, die dessen bedürfen.«

Lore Brunquell wollte aufstehen, um wieder zu gehen, ein bittender Blick, den Ferdös auf sie richtete, hielt sie noch, und beide Frauen sahen, ohne ein Wort weiterzureden, den Malern zu.

Als sie gingen, dankte Ferdös ganz bewegt.

»Macht dir es denn solche Freude?« fragte Obrist.

»Ja«, sagte sie. »Deine Malerei und meine Musik sind eins. Ich liebe alle Dinge, die leben, die vernünftig sind, die eine Seele haben. Verstehst du mich? Die Natur draußen macht mich oft traurig. Alles ist so schön, das Meer, der Wind, der Sturm, die Sterne, die Sonne – alles. Aber es sagt mir nichts, es ist so stumm, so ohne Herz und Liebe. Es könnte nie helfen, nie trösten. Eine Melodie ist mir lieber.« Ferdös schien rief erregt zu sein. Sie achtete nicht auf ihre Mutter, nicht auf Hans Ludwig Schmidt, und fuhr fort: »Du könntest mir gewiß sagen, ob wir eine Seele haben, die wie ein Rauch verfliegt, wenn wir tot sind, oder die lebt und weiter etwas ist. Iskender sagt mir, ich solle es abwarten, das würde das beste sein.«

»Da hat Iskender ganz recht«, antwortete Obrist, »und 259 es ist tiefer gedacht, als es dir scheint. Du kannst versichert sein, daß das, was natürlich ist, geschehen wird. Beunruhige dich nicht. – Die Natur geht ihren ruhigen Gang, und alles – alles was eintritt, ist natürlich. – Alles ist Zweig an Zweig und Blatt an Blatt gewachsen. – Wenn das Furchtbarste oder Glücklichste geschieht, was wir, ehe es geschehen ist, gar nicht glauben und fassen können, wenn es da ist – ist es da – und ist so einfach geschehen, wie das Einfachste, und so wird sich alles abspielen, was die Natur mit uns vorhat. Hast du mich verstanden?«

»Verstanden wohl«, sagte Ferdös; »aber der Schmerz? Was will der? Der ist zu groß für das Leben!« In Ferdös' Augen standen Tränen.

»Was ist dir denn, mein gutes Herz?« fragte Lore Brunquell. »Komm, sei ruhig. Ich erkenne dich gar nicht. Was machst du dir denn für Gedanken? Millionen und Millionen Menschen sind mit dem Dasein fertig geworden, du kannst versichert sein, daß du es auch wirst.«

»Ich hoffe es«, sagte Ferdös ruhig, sah noch einmal auf das Bild, was es ihr so angetan hatte, und ging Hand in Hand mit der Mutter hinaus.

Hans Schmidt und Obrist sprachen über sie, als sie gegangen war. Hans Schmidt sagte: »Ich weiß nicht, was mich abhält, mich in dieses köstliche Geschöpf zu verlieben, ganz regelrecht zu verlieben; wahrscheinlich würde mir etwas mehr Gegenliebe zu einer Verliebung notwendig sein. Was hat sie denn aber, was ist ihr denn? Das Mädchen ist verändert, seit wir sie kennen. In ihr Sprechen, das früher so ruhig und kindlich war, ist eine eigene Hast gekommen. Sie wird doch nicht dabei sein, der Brunquellin einen rechten Streich zu spielen?« 260

 

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.