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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Fortsetzung des Abends, an dem ein jeder seine Zunge nach Herzenslust spazierenführt. – Ein Granatapfel fällt von der Decke, zerspringt. – Ferdös und der alte Iskender musizieren. – Der verliebte Jacot. – Das Meer leuchtet. –Hans Ludwig Schmidt stolpert und behauptet, daß Obrist in einem Waschbecken stecke.

»Teufel auch«, sagte der Rittmeister, »Frau Lore Brunquell war kein übles Frauenzimmer. Ich kenne die Geschichte natürlich längst, aber mag es sein, wie es will – jedesmal wenn ich sie wieder höre, denke ich: Tue es ihr einmal einer nach, so der Welt zum Trotz auf seinem Kopf bestehen.«

»Bravo«, rief Obrist, »bravo!« Er nahm sein Glas und stieß mit dem Rittmeister an.

Durch die offenen Fenster leuchtete die wundervolle Gegend herein, das blaue Meer, das bei untergehender Sonne in Farbenwechsel strahlte. Die grünen, mächtigen Feigenbäume, die schattigen Schirme der Pinien, die Zypressen, die, wie aus schwarzem Marmor gehauen, wie Felsen in den durchsichtigen Himmel hineinragten.

Die beiden Freunde nahmen jetzt lebhaft teil an der Unterhaltung. Sie wurden immer frischer. Das ursprüngliche, rücksichtslose Denken der wunderlichen Leute berührte Obrist wohltätig.

Der schweigsame Iskender, der sich in seinem zerrissenen, 216 hundertfach geflickten Kaftan hier vollkommen am Platz fand, sagte ruhig, als es ihm genehm war zu sprechen: »Lore Brunquell, ich bin sehr neugierig, ob Sie dabei bleiben, die Ferdös gut zu verheiraten, das heißt an einen Muselmann. Ich will sehen, ob auch Sie nichts tun als Redensarten machen?«

»Da seien Sie ruhig«, erwiderte Lore Brunquell, »was ich über sie bestimmt habe, das ist bestimmt.«

»Eh bien«, brummte Iskender. »Ich werde es mir merken. Ich werde Sie daran erinnern.«

»Das ist der Lehrer von Ferdös«, erläuterte der Rittmeister und zeigte auf Iskender.

»Ja, ich bin der Lehrer«, bestätigte dieser, »und ein Fakir, das heißt Bettler – und ein Lump«, setzte er mit größter Gemütsruhe hinzu.

»Er ist ein Afghane, ein Inder«, sagte Lore, »ein schlechter Muselmann, er trinkt zuweilen und ist zerrissen und schmutzig, mir aber lieber als irgendein geleckter Weisheitskrämer. Er spricht und schreibt zehn Sprachen und kennt die Musik wie der Teufel.«

»Sie hat ihn von der Straße aufgelesen«, sagte Iskender trocken. »Sie ist keine schöne Frau, aber eine gute Frau, das heißt eine kluge Frau.«

In dem Augenblick tat sich die Portiere auseinander und der blonde, runde, rötliche Kopf eines ungefähr dreißigjährigen Mannes schaute herein, ein hübscher Kopf mit kleinen blauen Augen und einem schlaff herabhängenden Schnurrbärtchen.

»Jacot!« rief der Rittmeister. »Gott grüß' Sie!«

Lore Brunquell streckte dem Eingetretenen die Hand entgegen und stellte ihn den beiden Fremden vor:

»Das ist unser Jacot«, sagte sie.

217 Der Afghane hielt ihm sein Glas hin.

»Rittmeister –« fragte Jacot, ohne auf den Afghanen zu achten, »es ist also wahr, daß Sie wieder nichts ausgerichtet haben, wieder Geld zugesetzt und weiter nichts?«

»Natürlich«, antwortete der Rittmeister.

»Was macht's Ihr denn nur – was macht's Ihr denn nur?« Jacot ahmte die Verschwendung mit rundem »s« wie es schien dem Rittmeister nach. Er mochte es von ihm angenommen haben und er hatte einen wunderlich herzlichen Ton in der Stimme. »Ich habe derweile allerlei für Sie aufgespürt. Ihr sollt's sehen! Ihr sollt's sehen!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Hopsa, wir machen's schon!« Jacot hatte feste, viereckige Hände, und seine kurzen Finger sahen aus wie zehn Daumen.

»Jacot«, sagte Lore Brunquell zu Obrist gewendet, »ist ein Diamant, der läuft für alle Welt und hilft aller Welt. Wenden Sie sich nur immer an ihn, wenn Sie etwas wünschen.«

»Jacot ist ein Diamant«, sagte der Afghane ruhig; »aber wenn ich deutsch spreche, berlinisch, muß ich sagen: Jacot ist ein Weißbier, eine Krautwurst, wenn man mich soll verstehen. Ich kenne Berlin.«

Mit Jacot war ein gutmütiges, behagliches Element in die Gesellschaft gekommen. Er schwatzte viel mit der kleinen Frau des Rittmeisters, nahm sich die Freiheit, diese mit großem Wohlgefallen und allerlei Seitenblicken auf den Rittmeister »Mausi« zu nennen, und hatte daran augenscheinlich eine Befriedigung.

»Er ist ein verliebter Mensch«, sagte der Afghane auf seine mürrische Weise, mit der er die ganze Gesellschaft zum Lachen reizte.

Jacot trank ein Glas Wein nach dem anderen, legte 218 beide Arme auf den Tisch und hörte stillvergnügt auf die Unterhaltung der anderen. Sie kamen eifrig auf die Landes- und auswärtigen Gesetze zu sprechen. Obrist fragte dies und jenes. Jacot unterbrach nach einiger Zeit sein beschauliches Schweigen und sagte, ohne sich aus seiner bequemen Stellung zu bewegen:

»Wir haben hier all' unsere Schicksale, wie andere Leute auch, aber wir marschieren nicht wie die anderen in Reih und Glied vorwärts. Wir sind hinter der großen Armee liegengeblieben, und jeder läuft seine eigenen Wege, Umwege und Querwege, die womöglich nie ans Ziel führen. Ich zum Beispiel«, sagte er zu Obrist gewendet, »war früher Pfaff', bin davongegangen, hierhergekommen nach hundert allerlei Versuchen, hab' fünf Jahre auf eine Stelle gewartet, seit acht Wochen hab' ich eine, so eine einigermaßen. Der Rittmeister läuft sieben Jahr hier umeinander, und der Afghane läuft, aber der Mensch, der Rittmeister, lernt nie und nimmermehr die Sprache hier vernünftig. Ich weiß nicht, was für einen Kopf er haben muß, und so bekommt er keine Stelle, wenn nicht ein Wunder geschieht; aber glauben Sie, der Mann ginge heim? Nie! Dem gefällt's hier, dem tut die Freiheit hier wohl, und wenn er verhungern muß, hat er doch eine Freiheit!

Nicht wahr, Rittmeister?« Jacot schlug ihn mit seinen fünf Daumen auf die Schulter.

»Ihr spracht's gewiß schon davon, daß man sich hier nicht so wie draußen am Pranger fühlt. Der Rittmeister ist darin groß, hat gewiß schon gesagt, was sie jetzt für eine Erfindung bei euch machen; so etwas hat er immer im Kopf. – Hat er's denn noch nicht gesagt? Das sollte mich sehr wundern. Einen Luftmesser haben sie jetzt«, fuhr 219 Jacot fort, »den ein jeder mit sich umhertragen muß, damit man weiß, wieviel der Mensch täglich Reichsluft einatmet. Das Ding ist am Hals festgemacht und pfeift, wenn das steuerpflichtige Quantum voll ist, und wenn es pfeift, heißt es spornstreichs aufs Steueramt laufen, und wenn es auf der Straße pfeift, und es pfeift eine Viertelstunde lang, kommt gleich der Polizeispitzel gestürzt und bringt den Delinquenten –«

»Delinquenten«, schaltete der Rittmeister ein, »heißen jetzt so gut wie alle –«

»Dahin, wo er hingehört. Und wenn einer um des furchtbaren Lärmens willen sein Pfeifel zudrückt, dann kann er fürs Leben unglücklich werden, dann hat er des abschreckenden Beispiels halber, weil die Sache halt gar zu verlockend ist, bis in die Ewigkeit zu sitzen oder zu zahlen. Hört!« rief Jacot, »es ist hier gut sein, man ist hier ein Mensch mit freiem Willen und keine registrierte Zahl wie bei euch, der Rittmeister sagt's so – und ich glaub's. Und die Menschen mit Herz und Willen treiben es auch nicht schlimmer, als bei euch die Zahlen in Reih und Glied. – Im Gegenteil, ich lobe mir die Menschen!«

Jacot goß sein Glas hinunter.

»Der junge Mann trinkt zuviel, es wird sein Tod sein«, brummte der Afghane.

»Freilich«, rief der Rittmeister, »hab' ich's unseren Gästen gesagt, wie's hier steht! Aber wenn ich's so aus vollster Brust gesagt hätt', wie mir's ums Herz ist, wenn ich an unser gelobtes Land denk', in dem wir stecken, so wäre es ihnen kurios vorgekommen, Teufel auch, sie hätten gemeint, daß es bei mir im Oberstübel nicht so ganz geheuer wäre. – Was stellt ihr euch denn vor, wenn so zwei daherkommen aus dem Mittelpunkt aller Zivilisation 220 und wunder meinen, wie herrlich, wie unerhört gut, wie moralisch – wie Gott weiß was es bei ihnen daheim ist, wo jeder Pflasterstein wissenschaftlich gelegt ist, wo alles so vortrefflich ist, daß der, der nur am allergeringsten etwas auszusetzen hat, sich halt als einen ungebildeten, unreifen Menschen zu zeigen Gefahr läuft. Ich werd' mich hüten«, rief der Rittmeister – »Teufel auch!

Wenn ich dann g'sagt hätt': Schaut's – was meint ihr wohl: hier in dem Land, das von aller Welt über die Achsel angesehn wird – das ist eine sonderbare Sach', da kann der Reiche dem Armen zum Beispiel nicht zu Leibe rücken, wie bei euch – da gibt's nichts von Pfändung, nichts von Verklagen, da steht das Gesetz so ganz unschuldig auf seiten des Armen, auf der Seite dessen, der nichts hat – nichts geben kann, als müßt' es so sein, und kämpft für ihn und sagt: Was, du Reicher, du willst deinen armen Menschenbruder verklagen, weil er dir nicht zahlt – oder aus dem Hause werfen, weil er den Mietzins nicht geben kann, dös wär' nit schlecht! – was für ein Elender bist du? Hat dir Gott umsonst seine Gebote gegeben? He?

Und ihr sollt's sehen, der Reiche zieht den kürzeren – muß den Armen im Haus behalten und ihm die Schuld erlassen – darf nicht drängen – und tut's auch nit – darum, weil es ihm halt nichts nutzt und nur schaden könnt' vor Gesetz und Menschen. In der Achtung würd' er nit groß steigen, und sein' Straf' bekäm' er überdies auch noch.

Daß hier nit g'sauft wird, das hab' ich den Herren schon auseinandergesetzt, und daß ich mit Leib und Seel' ein guter Moslem bin, auch. Daß der Iskender trinkt, das ist seine Sach'. Hat schon Straf' genug darum gelitten – 221 nit wahr, alte Haut? Aber den habt's ihr auf dem Gewissen, ihr Europäer, er ist jahrelang in Europa gesteckt, und von aller Herrlichkeit, die er da mit heimbracht hat, ist nur das Saufen geblieben.

Aber die echten, rechten Moslem, die lob' ich mir! – Wenn ihr hier auf den Straßen geht, werdet ihr es ja sehen, was halt für eine Zartheit, für eine Gutartigkeit in dem Volke liegt, wie sie ihren Gesetzen gehorchen wie gute Kinder, und wie klug diese Gesetze sind, daß sie niemand allzu schwer drücken.

Ja und mit den Weiberln«, rief der Rittmeister wieder wie damals in der Kajüte, »da müßt's ihr die Brunquellin hören, die wird's euch sagen, und wenn sie alles gesagt hat, was sie zu sagen hat, so wird der langen Rede kurzer Sinn sein, paßt's auf: ›Wie ich dasitz'‹, wird sie sagen, ›ich geb' meine Ferdös nimmermehr einem von euch, nur einem guten Moslem geb ich sie.‹ – Und das tut sie, paßt's auf.«

»Rittmeister – was reden Sie da!« sagte die Brunquell ruhig. »Freilich tue ich das, was Sie sagen, wenn Gott will – aber was sollen die Herren von uns denken, die die wunderlichsten Begriffe von der Weiberwirtschaft hier haben und meinen werden, ganz wie Sie vorhin sagten, daß wir Narren sind oder Gott weiß was noch Schlimmeres.«

»Hören Sie mich«, erklärte die Brunquell. »Ich bin aus meiner Heimat gegangen, weil ich mich nicht wohl dort fühlte – Sie wissen das jetzt –, weil es mir heiß zu Kopfe und zu Herzen gestiegen ist, wie schlecht es eure Gesetze mit uns armen Weibern meinen – ich bin eine heftige Person, und die Gefühle in mir sind gerade so stark, daß sie Kraft hätten, mich zu zersprengen und zu zerreißen. 222 – Das sag' ich halt so nebenbei. – Glauben Sie mir, wie ich hierherkam und die Dinge so kennenlernte, wie sie hier sind – da ist mir das Herz völlig aufgegangen, freilich gibt es hier auch Übelstände über und über genug, wie auf Erden allerorten – aber hören Sie mich: Es gibt hier keine unehelichen Kinder, keine verlassenen Mädchen, keine schlechten, liederlichen Frauenspersonen – es gibt keinen Vater, der das Herz hätte, sein Kind oder die Mutter seines Kindes zu verleugnen oder zu verlassen, oder der sich weigern würde, beide zu ernähren und zu behüten mit allen Kräften, die ihm zu Gebote stehen. – Es gibt keinen Mann, der die Macht hätte, das Eigentum seines Weibes anzurühren. Was die Frau verdient oder besitzt, darüber hat einzig sie das Recht. Die jungen Mädchen jedes Standes hier sind behütet wie Edelsteine; nichts, keine Gefahr kann an sie herankommen. Sie leben in unschuldigster Harmlosigkeit, da ist kein Jagen, kein öffentliches Streben nach dem Manne – gar nicht. Was wäre da alles zu sagen!«

»Ja, aber«, sagte Hans Schmidt, »die Vielweiberei doch!«

Lore Brunquell blickte ihn ruhig an. »Mein einstiger Bräutigam hatte diejenige, die vor Gott doch sein Weib war, und ihr Kind – sein Kind verlassen, zugrunde gerichtet, niemand hätte es ihm verargt, wenn er nun mich, seine Braut, geheiratet hätte. Er wäre, wie die Leute sagen, zu Vernunft gekommen, hätte schimpfliche Bande gelöst und wäre ehrbarere eingegangen; wäre ein solider Ehemann geworden.

Ich sage nichts weiter, verteidige nicht, beschuldige nicht. Es wäre auch etwas Rechts und bedeutete etwas Rechts, wenn das ein altes Weib tun wollte. Übrigens wollte ich 223 noch hinzusetzen, ist es eine Seltenheit immerhin, wenn hierzulande ein Mann mehrere Frauen hat, es läßt sich das denken, denn es ist kostspielig – kostspieliger und seltener als eure Vielweiberei draußen.

Ach es lohnt sich ja gar nicht zu reden, wer es verstehen will, versteht's schon. Sie werden hier schon selbst mancherlei sehen, was Ihnen zu denken gibt.«

»Aus allem, was hier gesprochen wurde, fühle ich manches Gute heraus, und es scheint, daß hier ein zarteres Gemütsleben ist als bei uns, daß in den Gesetzen wunderlich Rücksicht auf das Menschliche genommen ist. Prächtig, wie dem Armen, dem Schuldner das Recht gesprochen wird. Es dringt einem zum Herzen, wie aus einer besseren Welt«, sagte Obrist.

»Ich habe einmal ein uralt indisches Gesetzbuch gelesen, so ein sechstausend Jahr vor Christo mag es geschrieben sein. Dies Buch hat mir einen ähnlichen Eindruck gebracht, wie ich ihn jetzt habe. Es hat mir lange in den Gedanken gelegen. Unsere Einrichtungen erschienen mir grob und roh dagegen. Ich war erstaunt, welche Rücksicht, welche Feinheit, welches Durchdachtsein da herrschte. Nur wenige Züge stehen mir daraus in der Erinnerung.

Es handelt sich zum Beispiel darum, wer als Zeuge zulässig ist und wer nicht. Da heißt es: Niemand soll als Zeuge zugelassen werden, der leicht zu beeinflussen ist, als da ist: ein Kind, ein Weib, ein Alter über siebzig Jahre, ein Schüler und niemand, der körperlich krank ist, und kein Neuvermählter, Verliebter, und keiner, der einen weiten Weg gemacht hat und nur an Ruhe und Speise und Trank und Schlaf denkt – und keiner, der gut zu erzählen weiß.«

»Gut«, rief der Rittmeister, »gut. So ist es hier. 224 Glauben Sie mir, so ist es hier! Glauben Sie's nur!«

Der Rittmeister war ganz Eifer.

»Weiter!« sagte Obrist. »Geschieht aber ein Mord oder ein sonstiges Verbrechen in einem einsamen Hause oder an einem einsamen Orte, so soll ein jeder Zeuge sein dürfen: ein Kind, ein Greis, ein Schüler, ein Betrübter, nie aber – ein Feind. – Es ist nichts Fabrikmäßiges, wie es unsere Zivilisation uns unbedingt eingebracht hat, und Unindividuelles in solch einem Gesetze zu spüren. Auf Eigenarten, Beanlagungen, ja Stimmungen ist Rücksicht genommen. Zum Beispiel, weil wir vorhin bei dem Thema waren: Die Gesetze befehlen dies und jenes, wie sich der Mann zu seiner Frau halten soll; zuletzt heißt es: Ihr sollt eure Weiber erfreuen und eure Töchter, damit das Haus ein frohes Ansehen habe, Blumen, Schmuck und schöne Gewänder sollt ihr ihnen geben, damit sie fröhlich seien.

Es ist nicht zu leugnen, daß unsere Gesetze gegen diese etwas Starres, Undurchgeistigtes haben. Bei uns bleibt immer dem Barbarentum Tor und Tür geöffnet. Manu, so heißt der alte indische Gesetzgeber, verlangt, daß der Mann sein Weib mit milden und formvollen Worten leite, daß er sie erfreue, wo immer er könne. Wehe dem, der die Hand gegen sein Weib erhebt. Bei uns ist dem Manne, wenn ich nicht irre, körperliche Züchtigung gesetzlich gestattet; damit ist jede Roheit freigegeben. Ich kann Ihnen versichern«, wandte er sich an Lore Brunquell, »das unharmonische Ding, das wir Zivilisation nennen, hat mich oft lachen gemacht, und ich verstehe vollkommen, daß einer geraden Natur, wie der Ihren, Zorn und Kampf zu Kopfe steigen kann, wenn sie unser modernes Barbarentum, das auf raffinierte Lebensbedürfnisse Anspruch macht, durchschaut!«

225 »Hören Sie!« sagte Lore Brunquell zu Obrist gewendet, »Sie können hier in Stambul bleiben, bleiben Sie nur. Was wollen Sie in Pera? Jacot sucht hier eine Wohnung, wo Sie Ruhe haben und arbeiten können. Sie wissen noch gar nicht, wie schön es hier ist, bleiben Sie nur.«

»Gut«, sagte Obrist, »uns ist's recht.«

»Bekommen wir denn heute Ferdös gar nicht zu sehen?« fragte der Rittmeister. »Wollen Sie denn Ihre Tochter den Fremden nicht vorstellen? Wenn sie ihren Muselmann erst hat, wird der sie schon versteckt halten.«

»Ich werde sie holen«, erwiderte Lore Brunquell, stand auf und ging aus der Tür.

»Jacot! Jacot! Sie Schnackerl!« sagte der Rittmeister und klopfte ohne weitere Veranlassung dem jungen Manne auf die Schulter, ungefähr wie einem Pferde, das man beruhigen will.

Nicht lange währte es, da kam die Brunquell zurück und führte an der Hand ein junges Mädchen von weichen, runden Formen, das in einen weißen, zartfaltigen Kittel gehüllt war, der durch einen hellen Gürtel festgehalten wurde. Ein weißes Schleiertuch hatte sie über den Kopf geworfen, so daß es das Haar verdeckte. Um den Schleier war eine Kante von roten Sternen eingewebt. Alles wunderbar naiv.

Das Mädchen schlug, als sie eintrat, die schönen dunkeln Augen auf. Sie hatte ein ruhiges, einfach geschnittenes Gesicht und wundervolle Haut, wie bräunlicher Samt.

Sie schaute erstaunt um sich, als sie die Fremden sah.

»Das sind unsere Gäste, Ferdös«, sagte Lore Brunquell. Da ging das Mädchen um den Tisch und gab einem jeden die Hand.

Zu dem Rittmeister sagte sie: »Es ist gut, daß du 226 zurückgekommen bist. Wir haben uns nach dir gesehnt.«

Jacot reichte sie auch die Hand, der schaute sie wie versunken währenddem an.

Der Anblick des weißgekleideten Mädchens mit dem unschuldigen, schlichten Schleierchen über dem Haar war von rührender Reinheit.

Man hatte den Eindruck, als hätte Lore Brunquell eine große, weiße Blume mit ins Zimmer gebracht.

Hans Schmidt flüsterte Obrist ganz erregt zu: »Das ist etwas Wundervolles.«

»Setz dich zu Iskender«, sagte Lore Brunquell. Das Mädchen rückte sich einen Stuhl neben ihren Lehrer.

Sie saß lange still, während man sich um sie her unterhielt. Darauf sah man, wie sie dem Afghanen ein paar Worte zuflüsterte. – Dieser nickte zustimmend.

Das Mädchen richtete ihre Augen auf die Gäste und fragte mit einer Stimme, als sagte sie etwas, was ihr sehr am Herzen läge: »Wie geht es dem alten deutschen Kaiser?«

Obrist sah wie erstaunt, lächelnd auf das Mädchen.

»Sie liebt den alten Kaiser«, sagte Lore Brunquell. »Sie hört gern von ihm erzählen.«

»Sehr gern«, sagte Ferdös kurz.

Obrist erzählte ihr von ihm, was er glaubte, daß sie interessieren würde.

»Es ist sehr schön, wenn ein hoher Mensch nicht stolz ist«, sagte sie nachdenklich. »Für einen König muß es leicht sein, gütig zu sein.«

»Weshalb?« fragte Obrist.

»Das mußt du selbst wissen«, sagte sie. »Für einen reichen Menschen ist es doch nicht schwer, wohltätig zu sein; für einen armen sehr schwer.«

227 »Ganz recht«, sagte Hans Schmidt.

»Wenn ein König«, erwiderte sie, »etwas Gutes sagt, geht es durchs ganze Land und alle Länder, und wenn tausend und tausend arme Menschen ebenso Gutes sagen, bleibt alles stumm.

Ich habe als Kind immer gewünscht, ein König zu sein.«

»Und jetzt nicht mehr?« fragte Obrist –

»Nein«, sagte sie, und ihre großen Augen strahlten wahrhaft von einem frischen Lächeln, das ihr ganzes Gesicht belebte. »Als Kind weiß ma nicht, was man ist, da kann man alles sein. – Später merkt man's erst, dann kann man nichts mehr sein.«

»Nun«, sagte Hans Schmidt, »seien Sie zufrieden mit dem, was Sie sind.«

Ein Blick Lore Brunquells traf ihn, der ihn schweigen ließ. Das Mädchen war vornehm in jeder Bewegung, im Ausdruck ihres ganzen Wesens.

Jetzt wandte sie sich an ihren Lehrer Iskender.

»Ich habe die Mutter vorhin nicht verstanden«, sagte sie, »sind die Gäste Verwandte von uns?«

»Freilich«, sagte Iskender, »alle, die hier ein und aus gehen, sind deine Verwandten.«

»So« – antwortete sie lächelnd, »nur der, der mich zu seiner Frau nimmt, ist kein Verwandter, sondern – was denn?«

»Was denn?« fragte Iskender, reckte sich in die Höh' und schaute sie an. »Was denn? Du sprichst wie aus der Nachtmütze, wie deine Mutter sagt.«

Sie lächelte.

Da fiel mit einemmal einer der Granatäpfel von der Decke herab und zersprang.

228 »Der ist noch frisch«, sagte Ferdös, »das ist sonderbar!«

Sie kniete auf die Erde nieder und nahm die beiden zersprungenen Schalen in die Hand. Die rosa Früchte quollen wie durchsichtige Edelsteine daraus hervor.

»Das bedeutet etwas!« sagte Ferdös. »Es geschieht etwas. Das bedeutet, daß Reichtum kommt.« Sie sah nachdenklich aus.

»Reichtum haben wir hier, Reichtum an so viel Frische und Leben, daß man davon für das ganze Dasein mitnehmen möchte!« sagte Hans Schmidt.

»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Ferdös.

Lore Brunquell lachte. »Ich verstehe es ganz wohl«, sagte sie. »Mir behagte es heut abend auch.

Es ist ein großes Glück, mit guten Leuten zu sprechen, die einen ausreden lassen und dabei nicht die Achseln zucken und die Nasen rümpfen, wenn sie merken, daß man aus dem Herzen heraus anfängt. – Aber das größte Glück ist doch, wenn man merkt, daß man einander gar noch versteht und nicht langweilt – das sind gute Stunden.«

Ferdös kniete immer noch auf der Erde und hielt die Granatäpfelschalen in der Hand und die durchsichtigen Kerne.

»Ich werde die Früchte«, sagte sie träumerisch, »auf jemand werfen, den ich am liebsten habe.«

»So –« sagte Iskender. »Weshalb denn?«

Sie antwortete nicht und zielte mit den einzelnen rosigen Kernen auf Lore Brunquell, ihre Mutter, und verschoß den ganzen Vorrat auf sie, ohne daß diese von dem Angriff Notiz zu nehmen schien.

»Geh, mein gutes Herz«, sagte sie, nachdem Ferdös ihren Vorrat erschöpft hatte, »und musiziere mit Iskender ein wenig.«

229 Jacot aber hatte von den Kernen einige aufgefangen, hielt sie in der Hand und betrachtete sie angelegentlich, und man merkte seine Absicht; er hätte um die Welt gern die Aufmerksamkeit des schönen Geschöpfes auf sich gezogen!

»Jacot, du verliebter Kater«, flüsterte der Rittmeister ihm zu, »daß du mir keine Torheiten machst!«

Als Ferdös sich vom Boden erhob, bemerkte sie die Kerne in Jacots Hand.

»Gib die Kerne her, du bist ein Dieb«, sagte sie wie aus einem Märchen heraus. »Die waren nicht für dich bestimmt.«

Sie nahm sie ihm ruhig aus der Hand ohne jeden Anflug von Scherz oder Schelmerei.

Jetzt folgte sie Iskender.

Im Nebenzimmer sah man, wie Iskender und Ferdös sich an dem Instrument, das zwischen den Fenstern stand, zu schaffen machten – wie Ferdös aus einem Futteral eine Violine nahm und sie Iskender hinreichte, der sie zu stimmen begann. Ferdös nahm vor dem Klavier Platz.

Die Freunde konnten ihre Gestalt, ihr Profil sehen. Sie war ganz Hingebung. Ebenso der alte Iskender, der wie ausgetauscht zu sein schien. Das Mürrische, Abstoßende in seinem Wesen schien verschwunden. Sie spielten das Werk eines großen Meisters mit solch wunderbarer Reinheit, Einfachheit, paßten sich gegenseitig in ihrem Spiele so vortrefflich an, daß Hans Ludwig Schmidt, der ein großer Musikfreund war, seinem Erstaunen auf eine für ihn ungewohnt wortreiche Weise Ausdruck gab.

Der Anblick des Mädchens war so überraschend schön wie ihr Spiel.

230 Die gute Seele Jacot saß andachtsvoll da, ganz versunken.

»Ich Elender – ich Elender!« murmelte er zur kleinen Frau des Rittmeisters gewendet. »Ich fange alles an auf der Welt und bringe nichts zu Ende. Ich habe Masurkas komponiert, fünf Masurkas; bin ich verzweifelt, kommt mir immer eine Masurka. – Auf den Tod meiner Schwägerin habe ich eine komponiert, die ist gut – ah –, die sollten Sie hören. – Es ist närrisch, daß es immer Masurkas sind!«

»Nun hört den!« flüsterte die blonde, zierliche Mausi, zu Lore Brunquell gewendet. »Der dichtet auf den Tod seiner Schwägerin eine Masurka!«

»Tatsache – Tatsache«, flüsterte Jacot eifrig, »ich kann nichts anderes, als was sich von selbst macht. Für den Rittmeister macht sich's von selbst, daß ich lauf' und lauf', bis er eine Stelle hat – da schaut's, Herrgott noch einmal, mit dem Weintrinken macht sich's von selbst, mit den Masurkas macht sich's von selbst – mit noch etwas, was Sie nicht wissen, auch – damit erst recht.«

»Jawohl«, sagte Mausi, »Sie sind fein immer noch verliebt – das ist's«, flüsterte sie lachend, »komponieren S' darauf doch eine Masurka!«

In Jacots Gesicht trat etwas Starres, Lebloses. Er langte nach der großen Flasche Wein, die hinter ihm stand, goß sich ein und stürzte das Glas hinunter. »Ich bin eben ein Elender!« sagte er mit einem ganz behaglichen Ausdruck. »Mir für meine Person glückt nichts – aber ich bin ein guter Kerl – ein guter Kerl.« Er nickte zustimmend zu seiner Bemerkung.

Inzwischen spielte der alte Lehrer »Diener und 231 Vagabund« mit seiner Schülerin, der Welt entrückt. Obrist lauschte wie im Traum.

»Siehst du, Heinz«, sagte Hans Ludwig Schmidt, »die Leute gefallen mir. Ich spüre hier eine Art von Herzlichkeit und Wahrheit heraus, die einem wie eine frische Quelle entgegensprudelt. Das sind närrische Leute. – Hast du vergessen, wie göttlich es draußen ist? – Und hast du vergessen, was für ein vortrefflicher Mensch ich bin?«

»Nein, nein«, sagte Obrist, »ich weiß alles.« – Ein friedvoller, ruhiger Zug lag währenddem über seinem Antlitz, und er drückte dem Freunde die Hand.

Lore Brunquell rief Jacot zu sich heran und sagte ihm, daß er morgen in aller Frühe für die beiden Maler eine Wohnung suchen müsse.

»Das wird geschehen«, erwiderte dieser ruhig.

Für die heutige Nacht wies Iskender den Fremden einen Raum zum Schlafen an, in einem Nebengebäude. Es war längst dunkel und Nacht geworden und zu spät, um zurück nach Pera zu gehen, denn mit Sonnenuntergang hört im Orient jeder Verkehr auf Straßen und Bahnen, zu Wasser und zu Lande auf.

Als sie miteinander durch den Garten gingen, um ihre Schlafstätte aufzusuchen, hatte sich ein heftiger Wind aufgemacht, und ein wundervoller Anblick, den sie kaum fassen konnten, bot sich ihnen dar und überströmte sie mit geheimnisvollem Schauer. Das starkbewegte Meer leuchtete – die Wogenkämme glühten in phosphorischem Licht, bis zum Horizonte hin Tausende und Tausende sich heranwälzende Lichterscheinungen, die über tiefe undurchdringliche Dunkelheit hinrollten. Schweigend gingen die Freunde vorwärts. Der Garten lag dem Meere zu offen und war von diesem nur durch die zerklüfteten, zerrissenen alten 232 Mauertrümmer, die Stambul umgeben, getrennt. Durch diese weiten Spalten und Räume schauten sie auf das wunderliche Wogenspiel. Der Zauber des Wassers, des Lichtes und der Dunkelheit war ineinander verschmolzen und wirkte berückend und unvergleichlich.

Sie konnten sich kaum von dem Anblick trennen. Dieses geheimnisvolle Lichtwogen, der frische, köstliche Wind, alles drängte sich ihnen an.

»Das ist unerhört schön!« rief Obrist.

»Paß auf«, sagte Hans Ludwig Schmidt, »es kommt auf dich, auf uns zu – halte, fasse alles –, es ist dein, es ist unser! Wohl dem, dem reine, große Eindrücke zuteil werden. Heilige, geliebte Natur!« rief der junge Maler.

Bei ihm, der sich selten durch erhabenen Ausdruck die Seele frei machte, wirkte dieser Ausbruch seiner Gefühle tief, wahr und überraschend.

Obrist suchte nach seiner Hand, faßte sie und sagte: »Du lieber, treuer Mensch!«

Als sie miteinander ihr Zimmer betraten, in dem leichte Matratzen und Decken für sie auf die Erde gebreitet waren, sagte Hans Schmidt: »Ferdös ist in ihrer Einfachheit und unschuldsvollen Sicherheit eine Wundergestalt, viel mehr noch als es uns erscheint.«

Obrist goß aus einem schönen, kupfernen Kruge, der auf dem Boden stand, Wasser in eine Waschschale, da strömte es wie blaue Feuerfunken heraus und sprühte leuchtend.

Man hatte ihnen neben einer Glasflasche mit Trinkwasser Seewasser hingestellt, das bei Meeresleuchten geschöpft war.

»Hier spricht alles zu den Sinnen und zum Herzen!« 233 sagte Obrist. »Es ist ein gesegnetes Land.« Er löschte die kleine Öllampe, die einen schwachen, dämmerigen Schein verbreitet hatte, und goß den Krug, den er hochhielt, vollends in die Schale aus. Die feurigen Perlen sprangen über den Rand, der Wasserstrahl leuchtete wie aus Mondlicht zusammengeflossen, und aus der Schale strömte bläulicher Duft. »Draußen«, sagte Obrist, »rauscht das weite, leuchtende Meer, ein Überschwall von Kraft – und von demselben Stoff ein wenig, was wir hier in unserer Macht haben, erfreut und entzückt uns. – So ist es – überall ist die ganze Kraft der Schöpfung ausgebreitet – unfaßbar, übermächtig, und ein klein wenig Schöpferkraft in uns, die uns selbst eigen gehört, berauscht und beglückt uns!«

Obrist hatte das warm und voller Leben gesprochen.

»Du glückseliger Esel!« rief Hans Ludwig Schmidt, stolperte über die auf der Erde liegende Matratze, die er in seinem Eifer nicht bemerkt hatte, und fiel so seinem Freunde ziemlich unsanft in die Arme und versetzte ihm im Fallen ein paar gehörige Rippenstöße.

»Was hast du denn?« rief Obrist, den er an die Wand gedrückt hatte.

»Ich? Du!« rief Hans Ludwig Schmidt, indem er sich wieder aufrichtete und zurechtrückte.

»Was du eben sagtest, das ist's! Du bist gesund – du lebst! Die Beschränkung hat dich wieder! Du steckst wieder im Waschbecken! Du glückseliger Esel, du bist wieder Künstler!«

»Ruhig – ruhig!« –, sagte Obrist – zog ein Büchschen mit Zündhölzern aus der Tasche und zündete die kleine Öllampe wieder an. 234

 

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