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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Ein Abend, an dem ein jeder seine Zunge nach Herzenslust spazierenführt.

Als sie ziemlich spät zurückkamen – sie waren weit über das Eigentum der Frau Brunquell hinausgewandert, an der alten Stadtmauer hin, hatten die köstliche Meeresfrische eingeatmet, Farben und Licht genossen – da sahen 204 sie schon von weitem, daß die Frau nach ihnen ausspähte. Sie blickte aus einem breiten, halb aufgeschobenen Fenster.

Die Sonne war schon nahe am Sinken, und ein frischer Seewind hatte sich aufgemacht.

»Spazieren Sie nur ins Haus hinein!« rief die Frau den Gästen entgegen, als diese nahe genug waren, um es zu hören.

»Wir sind bei ihr in Gnaden aufgenommen«, sagte der Rittmeister. »Nun sollen Sie einmal sehen, was für eine andere Sache so ein türkisches Haus ist, gegen eure finsteren, mit Renaissancebackwerk bedeckten Stein- und Lehmhöhlen, in denen ihr in der Reichshauptstadt gehockt habt.«

Sie traten durch die glyzinenbekränzte Tür in einen lichten Vorraum, der sich breit und behaglich ausdehnte. Durch die offenen Fenster schaute das Weinlaub herein, hatte die Fenster fast überwachsen. Rosen schimmerten hindurch und Glyzinentrauben. Die leichte, hölzerne Treppe führte nach einem ähnlichen Vorraum. An beiden Seiten lagen hier die Eingänge zu den Wohnräumen. Jede Tür war von außen mit einer Portiere verschlossen, statt der Türflügel.

Vorraum und Treppe, alles war mit goldgelben, fein geflochtenen Binsenmatten bedeckt. Zu den Fenstern herein, zwischen dem Grün hindurch, leuchtete die blaue See, die Inseln, die Bergzüge. Von diesen lichten Erscheinungen hoben sich im Vordergrund starre, dunkle Zypressen und Pinien mächtiger ab. Es gab auf der Welt nichts Heiteres als dieses Haus.

Als sie auf der obersten Treppenstufe angelangt waren, öffnete sich eine der Portieren, und die Brunquellin, wie 205 der Rittmeister sie nannte, schaute heraus und begrüßte ihre Gäste.

Sie fanden in dem Zimmer einen einfach gedeckten Tisch, einen Rosenstrauß darauf, eine große Flasche Rotwein, einen Laib Weißbrot und sieben Gedecke.

So einfach wie der Speisetisch war das ganze Zimmer hergerichtet. Ein brauner, gepolsterter Diwan zog sich an den Fenstern hin, buntgeflochtene Stühle, ein kleiner Tisch mit einem Schubkasten, an den Wänden in Glas und Rahmen hingen allerlei Bilder für Gärtner in Farbendruck, unerhört fruchtbare Erdbeerstöcke, Pflaumenzweige, an denen die Früchte mit Mühe und Not Platz fanden. Das Abbild einer riesigen Rübe, gewaltige Kohlhäupter, Kartoffelknollen, Nelkenbüsche.

»Ich hab' einstweilen nach Ihrer Kleinen schicken lassen«, sagte Lore Brunquell. »Weshalb soll der arme Narr daheim sitzen und Trübsal blasen!«

Im nämlichen Augenblick hörte man einen leichten Schritt auf der Treppe, und ein blondes Persönchen steckte den Kopf herein.

»Ja, Mausi«, rief der Rittmeister, »woher kommst du denn?« Da war sie auch schon mitten im Zimmer und schüttelte ihrer alten Freundin die Hände, schaute erstaunt auf die Fremden und sagte lachend zu ihrem Mann gewendet: »Na, was meinst? Da bin i schon.«

Sie war in jeder Bewegung außerordentlich flink wie eine Bachstelze und trug ein graues, knappes Kleid, ihr Gesicht war weiß und kindlich.

»Das ist eine kleine, brave Person!« sagte die Brunquell zu den Gästen gewendet. »Als es unserem Rittmeister einmal sehr übel hier ging, da hat das kleine Ding sich von daheim aufgemacht, hat ihre paar Sächelchen 206 verkauft und ist hier angekommen. Mit einmal war der kleine Narr da, und der Rittmeister hat sie mir gebracht und mich gefragt, was er mit ihr anfangen solle. Es ging ihm herzlich schlecht damals. Halt still, Mausi, hatte er ihr geschrieben, geht's mir erst gut, dann kommst du nach, dann machen wir hier Hochzeit. Das mochte ihr aber zu lang gewährt haben. Mir nichts, dir nichts kommt sie daher und sagt: »Wo werd' ich warten, bis es dir gut geht – in schlechten Zeiten soll man zueinander halten. Da haben wir hier in meinem Hause Hochzeit gemacht«, setzte die Brunquell hinzu, »und ich sag', es ist brav, daß die Mausi gekommen ist. Mögen alle alten Weiber bei euch die Nase darüber rümpfen!«

Hans Schmidt, Obrist und der Rittmeister lachten, und die kräftige Frau drückte in ihrem Eifer einen Kuß auf den Mund der Kleinen.

»Ja«, sagte der Rittmeister, »wenn alle Welt dächte wie die Brunquellin, da würde man Frieden auf Erden haben. Da schaut doch der Herrgott noch einmal das Herz an und nit, was darum und daran ist.«

»Es ist gut nun«, sagte die Frau. »Nehmen Sie jetzt Platz, das Essen ist inzwischen aufgetragen. Mich wundert's nur, wo unser Jacot bleibt. Der ist doch sonst um die Zeit hier.«

»Ja, daß ich's nicht vergeß, der kommt heut um etwas später. Er sagte es mir halt am Morgen«, antwortete der Rittmeister.

Jetzt trat auch Iskender, der den Gästen die Tür geöffnet hatte, ein und trug noch eine Schüssel gehäuft voll Makkaroni auf.

Alle setzten sich zu Tisch, auch Iskender. Obrist sah zu der hölzernen Decke auf, an der schmale, braune Latten 207 allerlei Figuren bildeten: Sterne und Vierecke, und überall, wo die Latten sich überschnitten, hing eine Quitte oder ein rötlichbrauner Granatapfel.

»Wie hübsch das ist!« sagte er.

»Das sind unsere Prachtstücke der vorigen Ernte«, erklärte Frau Brunquell.

Hans Schmidt unterhielt sich mit der kleinen Frau des Rittmeisters.

»Ja, glauben Sie«, sagte die Kleine, auf eine Frage ihres Nachbars, »wir könnten in Deutschland daheim so leben wie hier? Sie sollten einmal unser Stuben sehen. Wenn wir in Deutschland so eine kleine Stuben hätten und weiter nichts, sie würden uns ja nit für Menschen ansehen. Hier ist das anders, da fragt niemand nach dergleichen, das ist halt Nebensache.«

»Das ist schon wahr, was die Kleine da sagt«, fuhr die Brunquell dazwischen. »Ich möchte nicht gemalt wieder draußen sitzen. – Und was meinst du, Mausi, glaubst du, sie würden dich draußen in Frieden lassen, wo sie wissen, daß du deinem Herzallerliebsten nachgereist bist? Und wenn du deinen Trauschein dir noch so schön einrahmen läßt, sie vergessen es dir doch nicht – und lassen es dich fühlen, wo die Gelegenheit sich bietet. Ich kenne sie, das mußt du wissen!«

Die Frau schob sich ihr weißes Tuch mit einer lebendigen, ausdrucksvollen Bewegung weiter auf den Kopf zurück. »Und das tut nichts zur Sache, ob eine als guter Kamerad gekommen ist, um getreulich beizustehen oder nicht, das ist gleich; aufs Herz, auf den Kern sieht keiner bei euch, dafür sind sie zu sehr gebildet; ›Zivilisation‹ nennen sie das.«

208 Hier hefteten sich die durchdringenden Augen der Frau auf Obrist und Hans Schmidt.

»Das wissen Sie selbst nicht, wie recht ich hab'«, sagte sie kurz. »Ich hab' es auch nicht gewußt, ehe ich hierher kam. Leben Sie eine Weile hier, und Sie werden fühlen, welcher Unterschied zwischen euch und hier besteht, da wird's Ihnen wie Schuppen von den Augen fallen. – Untertauchen tut man, wie in einer gesunden Flut, sage ich Ihnen. Bleiben Sie nur, lernen Sie es kennen – das ist besser, als wenn Sie draußen sitzen und sich überstudieren, um die Weisheit an allen Zipfeln zu haben.«

»Ja, was meinen Sie?« sagte der Rittmeister, »die Brunquellin hat's durchgemacht. Und wir, die wir hier schon geraume Zeit stecken, wissen, was sie damit sagen will.«

»Langen Sie zu!« forderte sie mit einem einladenden Blick auf, »und lassen sich's schmecken! Als ich hierher kam«, fuhr sie fort, »bin ich im vollen Grolle gegen euch draußen hier angelangt. Und zwar kam ich hierher aus dem Grunde, weil ein Mann von hier, den ich gar nicht kannte, durch seinen alten Freund mir hatte sagen lassen, daß er mir Wort auf Wort glaube, daß er Vertrauen zu mir habe und daß, wenn ich gewillt sei, er mich heiraten wolle.

Damals war mir das eine gute Botschaft, denn ich hatte keinen anderen Gedanken, als: Nur fort – nur fort! Ich war so bös und so zornig und hielt euch alle miteinander für solche harte Herzen und gedankenlose barbarische Menschen und hatte in Dinge hineingesehen, die mir bis heutzutage das Blut kochen machen. Ich habe also hier den Gärtnermeister Brunquell geheiratet, dessen Vater 209 schon hier lebte und starb. Mein Lebtag habe ich es nicht bereut – und ich will Ihnen in aller Kürze erzählen, weshalb ich mich auf und davon gemacht habe. Es ist heute beinah zum erstenmal«, sagte sie lachend, »daß ich so unverfälschte und frisch angekommene Landsleute bei mir sehe, da ist mir's sonderbar zumut und alte Geschichten kommen wieder auf. So war's also! Ich stand von meinem siebzehnten Jahr an allein, mein Vater hatte mir ein so kleines Vermögen hinterlassen, daß ich zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel hatte, wie man sagt. – Ich mußte verdienen. Das war mir recht, weshalb nicht? Ich fühlte mich gesund und stark. Es fand sich ein Platz für mich als Wirtschafterin auf einem größeren Gut, so hatte ich es mir gewünscht. Mein Vater war Pächter einer ansehnlichen Wirtschaft gewesen, und ich hatte mein Lebtag nichts anderes als Pachten, Wirtschaften, Sorge für Knechte und Mägde und dergleichen im Kopf gehabt. Ich lebte so sparsam und zuträglich wie ein Hamster, und meine größte Freude war, daß mein Kapitälchen mit jedem Jahre runder und wohlhäbiger wurde. Von den Zinsen kam nie etwas ab, hingegen wurde der größte Teil meines Gehaltes jährlich dazugelegt. Ich war eine bedächtige junge Person, machte keinerlei Aufhebens von meiner Jugend, sondern lebte wie eine Alte schlecht und recht und außerordentlich würdig.

Ein junger, flotter Herr, ein Apothekersohn, lernte auf unserem Gute die Landwirtschaft mit Hängen und Würgen. Ich machte im stillen meine Glossen über ihn und meinte, daß er zur Landwirtschaft passe wie der Sattel auf die Kuh. Er seinerseits machte über mich seine Betrachtungen, die darauf hinausliefen, daß er mich für eine praktische, für ihn besonders nützliche Person hielt. Seine 210 landwirtschaftlichen Kenntnisse waren so weit gediehen, daß er eine tüchtige, sachverständige Frau auf dem Gute, das sein Vater für ihn pachten wollte, als ganz vorteilhaft ansah. Zu meinem größten Erstaunen machte er mir eines Tages einen Heiratsantrag mit einer wunderschönen Liebeserklärung, und da er ein hübscher und gutmütiger Mensch war, zeigte ich mich nicht abgeneigt, ging mit mir zu Rate und gab ihm mein Jawort. Es machte mir Freude, auf einem Gute die Herrin zu spielen, und ich dachte: ›Wart nur, sind wir erst beieinander, sollst du mir schon ein tüchtiger Landwirt werden.‹ In den ersten Tagen unseres Brautstandes brachte ich es dahin, daß er seine wildledernen Handschuhe daheim ließ, wenn er hinaus aufs Feld ging, um nach den Arbeitern zu schauen, und ich ließ mir seine schönen Redensarten gefallen –

Auf unserem Gute ging ein junges Mädchen ein und aus, eine Näherin, die aus der Stadt hin und wieder kam, tagelang blieb und ihre Arbeit verrichtete, ein junges, allerliebstes Ding, schnippisch und lustig. Wo eine Fiedel klang, war sie dabei, wenn sie nur über den Hof ging, drehte sie sich, und unsere Leute hatten sie Tanzmalchen genannt. Sie hatte so langes, braunrötliches Haar und ein rosiges Gesicht. Sie war eine Schönheit. Ich habe sie mir, wenn sie an den Mägden, die ich beim Butterkneten beaufsichtigte, vorüberging und stehenblieb, um zu schwatzen, oft betrachtet und gedacht: so verlohnt sich's doch noch, ein Frauenzimmer zu sein. Da sagte ich einmal zu meinem Bräutigam, als Tanzmale über den Hof lief: ›Nun schau dir das Ding an, das wäre eine für dich gewesen, für dich, aber nicht für deine Wirtschaft.‹ So etwas sagte ich. Da lachte er und lachte so auffallend und anhaltend, daß es mir kurios vorkam. Er hatte manchmal 211 so etwas Ausgelassenes an sich, was mir nicht gefiel, so etwas im Lachen, als könnte es ihn zersprengen. Für andere Leute mochte sein Lachen gar so auffallend nicht klingen. Mir klang es aber dumm, auch damals, als ich ihm die Tanzmale zeigte. Ich hatte das Mädel gern. Sie bekam auch mancherlei zu verdienen durch mich. Da fiel es mir einmal auf, daß sie eine lange Zeit nicht auf das Gut gekommen war. Ich fragte die Mägde deshalb, die schauten mich so kurios an, ein paar dumme Gänse kicherten und zischelten untereinander, ein paar zogen lange Gesichter, und ich erhielt keine Antwort.

Gerad deshalb aber, weil die Weibsbilder mir die Antwort schuldig blieben, war ich dahinter her, zu erfahren, was es damit auf sich habe. Ich erfuhr, daß mein Bräutigam das Mädchen unglücklich gemacht hatte, und daß dieses wegen versuchten Kindesmords verhaftet war. Eine Magd sagte mir dies alles, die mir in der Dämmerung in den Hof nachgeschlichen war. Wir standen an der großen Miststatt, aus der der Dampf aufstieg. Es war streng kalt. Ich hielt mich mit beiden Händen an eine alte eisenbeschlagene Wagendeichsel, von der die Eiszapfen lang herabhingen. Die Magd sagte: ›Sie werden sich die Hände erfrieren, Mamsell, tun Sie sie von der Deichsel. Lassen Sie sich's nicht zu Herzen gehen. Die hat ihre Strafe dahin.‹

Mein Bräutigam war nicht mehr auf dem Gut, sondern hatte seine Pacht schon angetreten. An seinem ganzen Wesen fühlte ich, wenn ich es nachträglich überdachte, daß da manches konnte vorgegangen sein, was ich nicht ahnte. Ich erwartete ihn. Es war am anderen Morgen, als er zu mir kam. Ich sah ihn über den Hof kommen – hübsch und kräftig, wie er war, in gutsitzender Kleidung, wie 212 immer. Ich schloß die Augen. Jetzt trat er über meine Schwelle und wollte mich küssen wie sonst. Da sagte ich: ›Ist das wahr, was man sich hier erzählt?‹ – Eine Szene folgte, wie sie unter uns Menschengeschöpfen gang und gäbe ist. Man wußte nicht mehr in allem Durcheinander der Gefühlsausbrüche, war es Schwäche, Feigheit, Vernunft, Torheit, Unsinn, Berechnung, Treue, Lüge, was aus dem Manne sprach. Ich wußte nicht, was ich glauben sollte, doch blieb ich während alledem ruhig. Ich weiß nur, daß ich wieder und wieder fragte: ›Nun, und das Mädchen, was wird aus ihr, um's Himmels willen?‹ Da stampfte mein Bräutigam mit dem Fuß auf, seine Augen leuchteten vor Wut. ›Meine Geduld ist zu Ende, ist zu Ende!‹ rief er. ›Gibt es denn nicht leichtsinnige Weibsbilder genug!‹ Während er noch sprach, war mir's, als packte mich etwas am Herzen und risse daran. Ich starrte den Menschen an, der vor mir stand.

›Und so redest du‹, schrie ich, ›von der Mutter deines Kindes, von dem Mädchen, das du elend gemacht hast! Du – du –!‹

Ich habe mir damals bei der Armen Eingang zu verschaffen gewußt. Bis zu ihrem Ende bin ich bei ihr geblieben. Die hohe Obrigkeit hatte einen Arzt geschafft; aber zu spät, nachdem sie das arme Weib zu Tode geängstigt hatte. Sie starb als eine Verurteilte. Sie hatten sie zu Zuchthaus verurteilt. Ich höre noch immer ihre Stimme, ihre Worte, wie sie vor sich hinmurmelte: ›Ich weiß nicht, was sie wollen.‹

Ihr Kind hat sie mir anempfohlen; der arme Narr hatte das Kind dem Pfarrer vor die Tür gesetzt, weil sie meinte, da wär's gut aufgehoben. – Die weisen Herren aber haben ihr bewiesen, daß sie es habe erfrieren 213 lassen wollen. Und ich habe die arme Kreatur zu mir genommen. Ich hätte es nicht anders tun können. Aber nicht genug, daß sie die Mutter des Kindes zu Tode gehetzt haben, die, die sich des Kindes annahm, wollten sie ebenso bis zur Verzweiflung treiben. Ich mochte von dem Kinde nicht lassen, da verlor ich meine Stelle darüber. Die Leute, die genau wußten, wie alles zusammenhing, wollten keine unklaren Verhältnisse bei sich dulden, wie sie sich ausdrückten. Ich ging. Aber wo unterkommen? Ich fühlte, wie sich um meine Person allerlei Gerüchte zu verbreiten anfingen. Ich kam zurück in meine alte Heimat und wurde von jedermann scheel angesehen. Türen, die mir offengestanden hatten, schlossen sich vor mir. Man schaute mich über die Achsel an; in desto größerem Trotze lebte ich. Ich hätte nun gerade von dem Kinde nicht gelassen. Es gedieh zu meiner Freude.

Ich war eine noch junge, ruhige und kräftige Person, als ich das erlebte, und ich konnte das jämmerliche Ende der Mutter meines Pflegekindes nicht vergessen. Jede verheiratete Frau, die sich in ihren Rechten wichtig tat, erschien mir widerwärtig, als lebte sie auf Kosten der armseligsten Geschöpfe. Wie ist es denn nur möglich, daß alles so besteht, wie es besteht? dachte ich.

Ich hätte groß sein mögen wie ein Turm und hätte eine Stimme haben mögen wie zehn Löwen, damit man mich sehen müßte und das hören müßte, was ich sagen würde. Mit Zorn fühlte ich, daß meine Gefühle nicht aus dem Herzen gelangen konnten, daß ich niemand hatte, der hörte, und daß ich eine arme, schwache Person war, der man Verdächtigendes nachsagte oder die man für töricht und Gott weiß was sonst noch hielt. Ich begann mich unglücklich zu fühlen. Da ich von dem Kinde nicht lassen 214 wollte, wurde ein reichliches Verdienen unmöglich. Wer hätte mich aufnehmen mögen? Ich mußte die mir zusagende Beschäftigung, das lebendige, lustige Wirtschaften aufgeben und war auf den Verdienst durch Näharbeit angewiesen, das sagte mir nicht zu. Meine Lebenskräfte ließen nach, und es hätte vielleicht bald übel um mich ausgesehen. Da begegnete mir eines Tages der Vater unseres Rittmeisters hier, ein alter Freund meines Vaters, der in einer Nachbarstadt wohnte, der begegnete mir und sagte: ›Höre, Lore, ich war eben dabei, dich aufzusuchen. Was hast du denn getan? Weißt du denn, was die Leute von dir reden?‹ ›Das weiß ich!‹ sagte ich. Er begann mir Vorwürfe zu machen und ins Gewissen zu reden, schließlich rückte er mit der Hauptsache, derentwegen er mich hatte sprechen wollen, heraus. Ein Freund von ihm, der in Konstantinopel wohnte, hatte bei ihm angefragt, ob er ihm eine deutsche Frau verschaffen könne, eine, die sich nicht scheute, einer großen Wirtschaft vorzustehen. Der alte Freund meines Vaters hatte ihm erwidert, daß er sehr wohl eine wisse, hatte ihm erzählt, was er von mir gehört, hatte ihm erzählt, daß er mich zuversichtlich für ein braves Frauenzimmer halte, hatte ihm aber nicht verschwiegen, was die Leute von mir redeten. Gott weiß, was er noch geschrieben haben mag! Kurzum, mein guter Bekannter hatte einen Brief in der Tasche, in dem die Anfrage an mich gestellt wurde, ob ich mich dazu verstehen würde, die Frau des Gärtnermeisters Brunquell in Konstantinopel zu werden. Der Mann gefiel mir ausnehmend gut, die Art, wie der Mann schrieb, auch, und es währte nicht lange, da hatte ich mich entschlossen und machte mich mit meinem guten Kinde auf die Reise. Und wir beide haben es unser Lebtag nicht zu bereuen gehabt.«

215 »Ihre Tochter lebt jetzt hier?« fragte Hans Schmidt.

»Natürlich! Wo denn sonst?« antwortete die Brunquell. »Mein Mann hat das kleine Ding Ferdös, das ist Paradies, genannt. Jetzt ist sie ein großes Mädchen geworden.«

 

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