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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Sie sind angelangt. – Rittmeister Neunhütel rutscht auf allen vieren um einen Brunnen. – Sie werden von Lore Brunquell empfangen.

Sie hatten die Eisenbahnfahrt zwischen Rustschuck und Varna hinter sich und waren stundenlang durch eine wunderliche Landschaft gekommen. Kahle Bergzüge mit schroffen Felszacken gekrönt, das Tal, durch das sie fuhren, ein meilenweiter Sumpf, schilfwogend, von Adlern und Falken überkreist, an den Bergabhängen Büffel und Schafherden. Alles wimmelte und lebte, wenn man tief in das Röhricht hineinblickte, und Tausende von allerlei Gevögel und Getier führten da ein ungestörtes, sicheres Dasein. Nicht einmal der brausende Zug trug Schrecken und Furcht in diese Einsamkeit.

Der silbergraue Kranich stolzierte zierlich und vornehm 187 und war erfreulich in seinem köstlichen, weichen Flug, der ihn nicht allzu hoch über den Erdboden hintrug, Störche, Reiher, wilde Enten, Gänse, wilde Schwäne, rosa Pelikane, alles durcheinander in dem braunen Schilf! Nur hin und wieder eine vermoderte, zerfallene Hirtenhütte an einem Berghang und meilenweit voneinander entlegene Ortschaften, elende, aus Weiden rundgeflochtene Häuser, die wie ein Haufen verfaulter giftiger Pilze aufeinander und nebeneinander hockten.

Die Freunde hatten auch die kurze Seereise hinter sich, auch die Fahrt durch den Bosporus. Der Süden umgab sie mit seinen tiefen, edeln Farben!

Am Bosporus blühte zur Zeit, als sie anlangten, der Judasbaum wie kein anderer so reich und wunderlich. Die kleinen roten Blumenbüschel dringen ihm unmittelbar aus dem starren, dunkeln Stamm und aus den festen Ästen, so daß die starken Bäume wie mit purpurroten Teppichen behängt erscheinen, und zwischen den hellgrünen Blättern schimmern wahre Lasten von Blüten. Zu dieser hellen Pracht dunkle Zypressen gepaart, Gemäuer mit Efeu überwachsen, blühende Gärten, den ganzen Bosporus entlang Holzhäuser, denen Sonne, Wind und Wetter einen schönen, dunkeln Silberton gegeben haben. Das ganze Terrain, wo es zutage tritt, tief goldbraun und das Wasser köstlich weißschäumend, das Schiff umzischend. Alle diese Farben in einer herzberuhigenden Harmonie, die Luft kristallklar!

So fährt man in Konstantinopel ein!

Mit Staunen sahen sie die dreigeteilte, meergetrennte Stadt sich aus den blauen Fluten heben. Zur Linken Skutari mit seinen weiten, dunkeln Zypressenwäldern. Gegenüber, als käme sie angeschwommen, wie getragen von den Fluten des Marmarameers, die Serailspitze mit Kuppeln, 188 die von Minaretts überragt und von Platanen überschattet sind. Dahinter, als Fortsetzung auf der langgestreckten Landzunge, Stambul mit seinen Moscheen.

Rechts Galata, Pera, das sich stolz auf dem Hügel erhebt und von dem mächtigen Galataturm gekrönt ist.

Über Stambul, aus weiter Ferne, über dem Marmarameer, schimmern blau in blauer Luft die Bergzüge Asiens und der schneebedeckte Olymp.

So waren sie angekommen.

Ein ungeheures Getreibe von Kaiks und Booten, Hotelkommissären und allerhand Volk, das von den Reisenden Nutzen ziehen wollte, belagerte das Schiff. Es schrie und kletterte, tobte, lärmte, brüllte, als sollte alles in Grund und Boden zerstört, die Koffer ins Wasser geworfen und die Passagiere und Mannschaften erdrosselt und ersäuft werden.

In diesem Gewühl und Getobe machte der Rittmeister, der sich Obrist und Hans Ludwig Schmidt auf der weiteren Reise angeschlossen hatte, kurzen Prozeß, drängte was ihm in den Weg kam, mit seinem Stock aus Nilpferdleder zurück, machte dabei ein paar Augen wie ein brüllender Löwe und erreichte durch diese Anstalten, daß seine Reisegefährten ihr Gepäck vor allen anderen in ein Boot herabgelassen bekamen. Er selbst hatte keins, nur eine vielgebrauchte lederne Reisetasche, die er sich trotz aller Angriffe darauf nicht entwinden ließ, sondern sie eigenhändig in das schwer errungene Boot trug.

Sie fuhren, nebenbei gesagt, zum sechsten Teil des Preises über, den alle anderen zahlten. Der Rittmeister hatte gehandelt wie ein Verzweifelter und saß, nachdem er erreicht hatte, was er wollte, zufriedengestellt und 189 siegesbewußt mit seinen Gefährten in dem schlanken Kaik, das über wundervoll bewegtes Wasser dahinschoß.

»Das waren alles verfluchte Griechen«, sagte er, »unser Bootführer ist ein guter Türk. Ich führe Sie nach einem Hotel, bleibt's dabei?«

Das orientalische Leben strömte ihnen entgegen, die Sonne funkelte auf kräftigen Farben. In den engen Straßen mußten sie durch ein fremdes, mächtiges Getreibe ihren Weg suchen.

»Kommen Sie nur, kommen Sie nur!« rief der Rittmeister.

Gestalten begegneten ihnen, denen sie wahrhaft betroffen nachschauten, Gestalten, wie aufgetaucht aus den Zeiten Homers. Sie bekamen den Eindruck von einer ungeahnten Kraft und Würde der menschlichen Erscheinung.

»Nun, was sagen Sie, was sagen Sie?« fragte der Rittmeister, der ihnen vorausging, hin und wieder, indem er sich lachend umdrehte. »Da wären wir!« Grüne Feigenbüsche aus altem Mauerwerk wachsend, schöne Gitter, hinter denen Marmorgrabsteine schimmern, rebenüberwachsene Straßen, Holzhäuser, die wunderlich und malerisch ineinander und übereinander hocken. So kamen sie auch an einen jener herrlichen Brunnen, der in anderer Auffassung gedacht ist, als wir es in Europa gewohnt sind, ein Brunnentempel aus weißem Marmor, in dessen Mitte das Wasser sprudelte. Mit bronzenen Schalen, die mit Kettlein an den vergoldeten Fenstergittern hängen, wird daraus für die Vorübergehenden geschöpft, und eine ganze Reihe dieser Schalen steht immer gefüllt bereit.

Das ganze, schönformige Gebäude ist mit vergoldeten, in Marmor gemeißelten Ornamenten wie mit einem köstlichen Panzer bedeckt.

190 »Das ist prächtig!« rief Obrist, »ist das schön! Ich habe doch recht gehabt mein Leben lang; die einzige ganz geniale, ganz urwüchsige Ornamentik ist die maurische, die arabische.«

»Nicht wahr!« rief der Rittmeister, kehrte sich um, schüttelte Obrist die Hand und sagte: »Sie sind mein Mann. Das gefällt mir von Ihnen. Damit treffen Sie mich mitten ins Herz. Schauen's«, sagte er, »ich bin ein Narr für dergleichen. Ich sag' auch, es gibt nichts Schöneres als die arabische Baukunst – und ich kenne sie; ich hab' ihr allweil nachgespürt. Schauen's, an so einem Stein, da ist alles wie hineingewachsen. Das ist da, ist nicht wegzuschaffen, das geht dem Stein durch Mark und Bein! Und schaun Sie das Ganze an: wie aus einem Guß! – Teufel auch! Wer hat je etwas Ähnliches wie diese Leut' geschaffen! Hören's mit Ihren Renaissancebauten auf! Die sind ja auch schön, freilich; aber wo find's ihr da die Glut, die Lust, das Prächtige, das einem zu Kopf steigt – das sitzt wie Kristall an Kristall, ist alles aneinandergewachsen und aufgeblüht, alles von der Natur getrieben. Zeigt's mir irgend etwas Ähnliches!«

Sie stiegen miteinander die Stufen des Brunnens hinan.

Der Rittmeister kroch auf allen vieren trotz seiner Reisetasche und zeigte auf die untersten, reich ziselierten, vergoldeten Steine. »Schauen's«, sagte er eifrig, »wie das mächtig ist!«

Obrist und Hans Schmidt kauerten neben ihm.

»Schauen's, da unten fangt's an.« Bei dieser sehr natürlichen Bemerkung machte der Rittmeister ein treuherzig bewunderndes Gesicht, dem man es ansah, daß er sehr wohl wußte, was er sagen wollte.

191 »Sie sollten die alten Araber kennenlernen! Hier freilich ist nicht viel; aber wißt ihr etwas von den Arabern? Ich wette darauf, so gut wie nichts wißt ihr gebildeten Leute!«

»Sie mögen recht haben«, sagte Obrist.

»Und ob recht, freilich!« rief der Rittmeister, sprang auf und schaute sich die Sache wieder strammstehend an. »Hatte Spanien ein Mittelalter, he?« fragte er und setzte gleich hinzu: »Nein. – Und warum nicht? Weil die Araber dort saßen. – Hätten sie damals den Plan durchgeführt, durch ganz Europa zu ziehen, es zu unterwerfen, zu zivilisieren, ihr wäret jetzt andere Kerls – und damals wäret ihr um euer Mittelalter gekommen. – An eurer Moral hinge nicht das Barbarentum, das Judentum des heutigen Tages. – In euch wär' ein freier, großer, anständiger Zug geraten, ihr würdet anders sein! Mir zum Beispiel würdet ihr besser gefallen. Petrarka sagt – und weil mich das gefreut hat, hab' ich's in mein Notizbuch geschrieben und nebenbei mir auch gemerkt – –«

Der Rittmeister fuhr, während er dies sprach, in die Tasche, zog ein abgerissenes Büchelchen heraus, setzte die Brille auf, schlug es auf, blätterte darin und las mit Pathos.

»Was sagt Petrarka, meine Herrschaften, bitte zu bemerken, Petrarka! ›Cicero durfte Redner sein nach Demosthenes, und Virgil Dichter nach Homer – und nach den Arabern sollte es nicht mehr erlaubt sein zu schreiben? Es ist uns schon gelungen, es den Griechen gleichzutun, ja, diese manchmal zu übertreffen und damit alle Völker, mit Ausnahme, sagt ihr, der Araber!‹ Schaut's!« rief der Rittmeister, »so standen die Araber, so dachte man über sie. – Umsonst ereifert sich der Petrarka halt auch nit.« –

192 Mit dieser Bemerkung schloß er sein Büchelchen und schien sehr zufriedengestellt zu sein.

 

»Wir wollen versuchen, ob wir uns öfter sehen können«, sagte Hans Schmidt beim Abschied, als sie miteinander in dem Zimmer standen, das der Rittmeister ihnen, nachdem er wieder wie ein Verzweifelter darum gehandelt, ausgesucht hatte.

»Mir soll's recht sein«, erwiderte der Rittmeister, rückte die Füße zusammen, daß die Sporen klangen, und reckte sich, daß er so fest wie aus Eisen gegossen aussah. »Wenn Sie's vertragen, daß ich red', wie mir der Schnabel gewachsen ist, dann soll mir's recht sein«, wiederholte er. »Hier, gottlob, kann man reden, wie man will, ohne daß man fürchten muß, wie bei euch, ein Polizeispitzel schwebe in der Luft. Hier ist das Land der Freiheit!« Der Rittmeister schlug sich auf die Brust und lachte auf, so kräftig und freudig, daß sein Lachen Ähnlichkeit mit dem Wiehern eines mutigen, lustigen Pferdes hatte.

»Herr Rittmeister, Herr Rittmeister«, erwiderte Hans Schmidt, »Sie haben den Blaukoller.«

»Wie? Was?« fragte der Rittmeister.

»Den Blaukoller, der manche Leute befällt, wenn sie einen blauuniformierten Schutzmann sehen.«

»Was, den Blaukoller nur, ich habe den regenbogenfarbenen Koller, den Koller gegen alle Welt –« lachte der Rittmeister. »Das heißt, nit gerad' gegen alle Welt; aber es gibt so allerlei, da bin ich kurios. Schauen's, um noch einmal auf die Araber zu kommen, allen Ernstes, es ist bei euch unbekannt, unbekannter, als man es glauben sollte, was ihr von ihnen profitiert habt. – Als ihr im Mittelalter stecktet und dumme Barbaren und Wilde waret, die 193 einzig unterrichteten Leute unwissende Mönche, die alte wertvolle Werke mühselig abschabten und kratzten, um Pergament zu gewinnen, da hatten die Araber in Spanien eine Zeit, in der Wunderwerke entstanden – eine Zeit, wie sie nie wieder gekommen ist, die Religion duldsam gegen Wissenschaft und Kunst – das will etwas heißen. Teufel auch! Alles blühte und gedieh. Auf die Zeit hat der Petrarka das gedichtet, was ich Ihnen gesagt habe. In dieser Zeit wurden all die Herrlichkeiten gebaut und geschaffen, vor denen man steht und staunt, als wären sie vom Himmel herabgefallen. Und wie kommt es denn, daß dies so unbekannt geblieben ist, daß man es ignoriert? Das kommt von nichts anderem her«, rief der Rittmeister, und seine kleinen, grauen Augen blitzten, »als daß es gar zu despektierlich ist, dergleichen einem Volke verdanken zu müssen, gegen das man in herrlichen Kreuzzügen schmählich, gemein, roh und haarsträubend verfahren ist – wie die Geschichte nichts anderes aufzuweisen hat. Es ist unangenehm, zu denken, daß rohe, viehische Leute frech sich in fremde Lande eindrängten und ein hochbegabtes, hochentwickeltes, mit allen Vorzügen ausgestattetes Volk hinschlachteten, beraubten und verhöhnten, verwüsteten, ein Volk, dessen Religion und Sitten wir auch in unseren Tagen höchlichst verachten. Von einem solchen Volke soll unsere Zivilisation, unsere Wissenschaft stammen? Darüber schweigt man! Aber was meinen Sie?« sagte er und lachte aus vollem Halse, »über einem Haupteingang von Sankt Peter zu Rom, da haben sie eine schöne Aureole gemalt, so schön, wie sie's haben finden können – und was glauben Sie? – Da haben die Architekten arabische Schriftzüge für Ornamente gehalten, sie wußten's nicht besser, und da haben sie halt so in Rosettenform einen ineinander 194 verschlungenen arabischen Spruch gefunden und haben gedacht – das wäre gerade ein schöner Heiligenschein. – Und was glauben Sie, was da steht, am Eingang der allerchristlichsten Kirche: la illahâ ill allah, wâ muhammed rassul allah. Oder: Es ist kein Gott als Gott, und Muhamed der Gottgesandte.«

»Oho«, sagte Hans Schmidt.

Obrist und der Rittmeister lachten, der Rittmeister aber lachte ganz unbändig.

»Solches Zeug haben sie oft gemacht. Aber nun leben Sie wohl! Morgen komme ich und hol' euch ab nach Yedykulé zur Brunquell. Herr mein Gott!« rief er, »da halt ich mich noch auf; jetzt muß ich fort, zu meiner Kleinen, die wird schön auf mich warten, und ich bring' ihr schlechte Nachricht, dem armen Wurm, hab' nichts erwischt!«

»Zu Ihrer Frau wollen Sie? Sie sind verheiratet?« fragte Hans Schmidt.

»Natürlich«, antwortete der Rittmeister, schüttelte jedem die Hand, setzte wieder die Füße fest zusammen, daß die Sporen klangen, richtete sich kerzengerade und fest in die Höhe und ging stramm zur Tür hinaus.

»Unser Rittmeister ist ein toller Mensch«, sagte Obrist; »aber trotz alledem bin ich ganz zufrieden, jetzt zu verschnaufen. Ich hab' lange nicht solch glückselige Müdigkeit verspürt. Draußen alles neu, alles verlockend, und man legt sich aufs Ohr und schläft ruhig und zufrieden in dem Gedanken, daß uns nichts davonläuft. So lob' ich mir einen Schlaf.« Damit warf sich Obrist auf ein Bett, und es währte nicht lange, da zeigten seine tiefen, ruhigen Atemzüge, daß er friedlich schlief.

Hans Ludwig Schmidt schlich an das Bett, beugte sich über ihn und flüsterte: »Siehst du, Kerl, jetzt haben wir 195 dich soweit! Jetzt bist du wieder ein Mensch! Nun leb auch! Nun arbeite und genieße.«

Am anderen Tage, nach der Mittagsstunde, erschien der Rittmeister, um seine Reisegefährten zu dem verabredeten Gang abzuholen.

Sie wanderten miteinander über die Brücke, die Galata mit Stambul verbindet. Die blaugrünen Fluten des Goldenen Horns umrauschten sie, glänzende Segel leuchteten auf, die dunkeln Rauchsäulen der Dampfschiffe wälzten sich über das tieffarbige Wasser hin, Tausende von Möwen schimmerten in der Luft, schaukelten wie weißer Schaum auf den Wellen, eine bunte, sonnenüberschienene Menge, die auf der Brücke sich hin und her bewegte, all dies zog die volle Aufmerksamkeit an.

Vor ihnen erhob sich die wundervolle Silhouette Stambuls, aufragende Minaretts, gewaltige Kuppeln, Baumkronen wie aus Metall getrieben.

Eine kurze Strecke fuhren sie auf der Eisenbahn, an der wie Felsen aufragenden Stadtmauer hin, deren Fuß vom Marmarameer bespült wird. Geborsten und gestürzt an vielen Stellen, ließ sie das türkisblaue Wasser durchschimmern und die wie im Äther schwimmenden Berge und Inseln.

So kamen die drei Gefährten nach Yedykulé, einer Vorstadt Stambuls.

»Da wären wir«, sagte der Rittmeister. »Nun wollen wir die Brunquell überfallen. Es kann schon sein, daß sie jetzt gerad' ihr Schläfchen hält. Was meinen Sie, jetzt kommen wir in die schönsten Granaten und Feigen hinein. Sie werden sehen, wenn die Granaten hier blühen, das ist schon ein Anblick! So, da sind wir, das ist das Haus.«

196 Sie standen vor einer grünen Tür, die in eine nicht allzu hohe Gartenmauer eingelassen war. Über die Mauer schauten Lorbeerzweige und strebten hoch und fest in die blaue Luft, und die breiten Kronen der Feigen ragten herüber.

An der Tür hingen Klopfer in Gestalt zweier schlanken Frauenhände.

Der Rittmeister ergriff eine davon und klopfte energisch.

Es währte eine geraume Weile, bis die Tür geöffnet wurde, und dies geschah durch einen kleinen Mann in den sechziger Jahren, der in einem braunen, von Wind und Wetter zerschlissenen Kaftan steckte.

»Gott grüß dich!« rief der Rittmeister.

Der kleine, muskulöse Mann schaute erstaunt auf, streckte dem Rittmeister im selben Augenblick beide Hände entgegen und rief in einem etwas behutsamen Deutsch: »Ah, das bist du, Rittmeist–er! – Wo kommst du denn her? Hast du denn ausgerichtet, was du wolltest?«

»Nichts, gar nichts, Iskender, Geld zugesetzt, weiter nichts. Immer dasselbe Lied!«

»Allah bujuk! Gott ist groß, Rittmeist–er; es wird dir bald besser gehen.«

»Mir sollte es recht sein«, war die Antwort.

»Und wen bringst du denn da mit?«

»Gäste«, sagte der Rittmeister. »Geh, melde uns der Frau.«

»Die schläft –«

Der Rittmeister zog seine Uhr –

»Das ist gut«, sagte der Mann in dem zerrissenen Kaftan, indem er den Rittmeister aufmerksam beobachtete, »das ist gut, daß du deine Uhr noch hast, und daß sie 197 der Pfandverleiher nicht hat – da geht es dir so übel noch nicht.«

Der Rittmeister lachte laut auf, schaute auf seine Gefährten und sagte: »Sie müssen unseren Iskender kennen, das ist eine zufriedene Seele! Und wie geht es der Ferdös?« fragte er.

»Die macht uns viele Not. Sie lernt jetzt so schlecht und hat den ganzen Tag törichtes Zeug im Kopf«, bekam er zur Antwort. »Es wird Zeit sein, sie zu verheiraten.«

»Ich will dir etwas sagen«, unterbrach ihn der Rittmeister. »Geh und melde uns bei der Frau, sie hat genug geschlafen, und ich kann dir sagen, es wird ihr so recht sein.«

»Rufe selbst im Garten«, war die Antwort, »wenn sie dich hört, wird sie schon kommen.«

Sie traten miteinander ein.

Das war also der Garten, der Hans Schmidt auf dem trübseligen, nächtlichen Gang durch die düsteren Straßen Berlins, als er dem verzweifelnden Freunde folgte, so gelockt hatte.

Sie gingen den schmalen, gewundenen Weg, der ganz von Feigengebüsch überwölbt war und auf das Haus zuführen mochte, das man wegen der Fülle der breitlappigen Blätter nicht sehen konnte.

Zwischen den Feigen leuchtete das junge noch rötliche Laub der Granaten und lange Beete, auf denen Artischockenpflanzen ihre silbergrauen, fein behaarten Blätterwedel auseinanderwarfen.

»Nun schauen's nur«, sagte der Rittmeister, »wie bei dem Frauenzimmer die Artischocken stehen! – Ich sage 198 Ihnen, sie versteht's! Weiß's Gott, besser noch als ihr seliger Mann. Das Weib hat eine glückliche Hand.«

Jetzt kamen sie auf einen freien Platz vor das Haus. Es war aus Holz aufgeführt. Junges Weinlaub zog sich bis zum Dache hinauf, und weiß und rosa Kletterrosen stiegen lustig auf und fielen frei und lebensfreudig in Ranken von Fenstersimsen und einem kleinen Erker wieder herab. Ein Überfluß von blauen Glyzinentrauben, die ihr hellgrünes, schlankgefiedertes Laub ganz überquollen hatten, hing wie eine blaue Wolke über der Haustür.

»Na, was sagt's?« fragte der Rittmeister.

»Kinder!« rief Hans Ludwig Schmidt und breitete die Arme aus. »Mir ist's wohl! – Da ist doch einmal Überschwall! Da fühlt man doch, daß die Natur auch eine gute Mutter ist!«

Obrist war still. Er hatte heute alles schweigend an sich vorüberziehen lassen.

Von Hans Schmidt wurde er nicht gestört, der war den größten Teil des Weges mit dem Rittmeister vorausgegangen.

»Den müssen wir ruhig lassen«, hatte er zu diesem gesagt; »Sie wissen nicht, was für ein Kerl er ist, was für ein prächtiger Kerl, und wie zugrunde gerichtet er war.«

In Obrists Augen hatte während der ganzen Zeit ein Ausdruck von Freudigkeit und Wohlbefinden geleuchtet.

Er hatte nur hin und wieder Hans Schmidt an die Schulter gerührt, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen.

»Jetzt warten's einmal«, sagte der Rittmeister zu seinen Gästen, die ganz verloren waren im köstlichen Anblick des Hauses, des reichen Gartens und des weit ausgebreiteten Meeres, das durch Feigen und Lorbeer blau schimmerte 199 und leuchtete. »Jetzt warten's einmal, jetzt ruf ich die Brunquell. Brunquell!« rief er, »Brunquell, was schlafen's denn noch?« Dabei klatschte er kräftig in die Hände. »Brunquell!«

Durch das offene Fenster klang eine warme, volle Stimme: »Das ist ja der Abdul Rahman, der Rittmeister! Ja, was schreit der denn so, hat er denn Glück gehabt endlich. Nur Geduld, ich will mich noch ein Bissel herrichten. Aber hat er denn Glück gehabt, ist's mit den Pferden gelungen?« Man hörte, sie war bei dieser Frage tiefer ins Zimmer hineingegangen.

»Nichts ist's, nichts war's«, rief der Rittmeister, indem er beide Hände um den Mund legte.

In demselben Augenblick fuhr eine derbe Frauensperson in einer gelben, groß punktierten Kattunjacke halbleibs zum Fenster hinaus.

»Was?« rief sie. »Nichts ist's – da soll doch gleich das heilige Donnerwetter dazwischenfahren. Rittmeister, Sie sind ein Esel! – Wer wird denn ewig Pech haben!«

»Verflucht!« sagte der Rittmeister und zuckte die Achseln.

»Gehen Sie mir, gehen Sie mir!« rief die Frau ganz desperat. Jetzt schaute sie um sich und bemerkte die Begleiter des Rittmeisters. »Wer sind denn die Herren?« fragte sie.

»Wir haben uns unterwegs getroffen«, sagte der Rittmeister.

»So?« erwiderte die Frau trocken. »Wer ist's denn?«

»Wer wird's denn sein?« sagte der Rittmeister. »Wer fragt denn so? Ein paar Maler sind's. Sie haben wohl schlechte Laune, Brunquell?«

200 »Nein«, sagte sie treuherzig. »Wo sind Sie denn her?« fragte sie die beiden Reisenden.

»Wo werden sie denn her sein?« fuhr der Rittmeister dazwischen, »Deutsche sind's, ›Fritzchen‹ sind's, aus der Reichshauptstadt!«

»Ei, du großer Gott!« rief die Frau mit einem rätselhaften Ausdruck, »und wie kommen Sie denn zu mir?«

»Nun wird mir's doch zu toll«, rief der Rittmeister. »Sind Sie Torwart, da oben – he? Jetzt kommen Sie herunter oder laden Sie uns ins Haus ein und seien Sie fein brav!«

Die Frau verschwand.

Der Rittmeister wendete sich zu seinen Gefährten und sagte, indem er die kleinen Augen listig zukniff: »Sie beißt schwer an; aber meint sie es einmal gut, ist sie treu wie Gold!«

Da trat sie aus der Tür in gelber Jacke und gelbem Rock, beides mit großen, braunen Punkten besät, die ganze Erscheinung stattlich und kräftig. Um den Kopf trug sie ein weißes Tuch, das ihr in einem schlanken, langen Zipfel über den Rücken fiel; am Ende dieses Zipfels schaute ihr Haar in zwei hängenden Zöpfen noch ein paar Finger lang heraus. Es war schon leicht ergraut. An den Schläfen und auf dem Teil des Scheitels, den das Tuch nicht bedeckte, schimmerte es silberweiß zwischen den dunklen Strähnen. Ein Paar lebhafte braune Augen zogen sogleich die Aufmerksamkeit auf sich.

»Rittmeister, Abdul Rahman, seien Sie mir schönstens willkommen«, sagte sie warm und herzlich und streckte ihm beide Hände hin. »Also mit den Pferden wieder kein Geschäft gemacht? Es ist zum Haarausraufen! Und Sie sind mit dem Rittmeister hier angekommen?« wandte sie 201 sich an die Reisegefährten. »Das läßt sich schon hören, der Rittmeister bringt nicht einen jeden mit, also auch willkommen!« Sie streckte ebenso den anderen die Hand hin.

»Ja, wir sind mit ihm zufällig zusammengetroffen; aber es ist nicht Zufall, daß wir Sie aufsuchen. Wir bringen Ihnen etwas, wir haben einen Brief für Sie«, sagte Hans Ludwig Schmidt.

»Für mich? Daß ich nicht wüßte«, erwiderte die Frau.

»Einen Brief von Ihrem Vetter.«

»Von was für einem Vetter? – Daß ich nicht wüßte!« sagte sie wieder gedehnt und auffallend mißtrauisch.

»Von Doktor Bärmann!« fügte Hans Schmidt hinzu und entnahm seinem Taschenbuch den Brief.

»Von dem, von dem Vetter?« rief die Frau aus. »Ja, wie kommen Sie denn dazu? Das ist ein anständiger Mensch, der hat meinetwillen allerlei Schererei gehabt. Ich bin ihm zu Dank verpflichtet. Es macht mir Spaß, jemand bei euch draußen zu Dank verpflichtet zu sein. Das Vergnügen habe ich lange nicht genossen!«

Während sie sprach, erbrach sie den Brief und las: »Nun seht mir einer an, da haben wir wirklich die Sache verfertigt! Es ist im reinen. Er schreibt mir auch, daß die Überbringer ein paar ordentliche Leute seien; der Lange, schreibt er, ist einer, dem die Natur das Zeug etwas verschnitten hat, sonst ist nichts gegen ihn einzuwenden. – Ja, was meint er denn damit?« Die Frau musterte die beiden Ankömmlinge fragend.

»Das will ich Ihnen sagen«, antwortete Hans Schmidt. »Hier meinen Freund hat er auf dem Strich. Ihr Vetter Doktor hat ihm vor kurzer Zeit in seiner Weisheit prophezeit, daß er es nicht mehr lange machen würde. Nun ist 202 er kerngesund, und da ärgert sich der Herr Doktor und bleibt bei seiner Meinung.«

»Ja, ja«, sagte die Frau, »da erkenne ich euch! So seid ihr! Auf die Wahrheit kommt's euch nicht an, da wäre die Sache einfacher und das Leben ruhiger, denn die Wahrheit steht, wo sie steht, und wer zu ihr hält, der kann sein Lebtag Posto fassen. Also, mein Herr Doktor ist auch einer von denen!« – fügte sie hinzu. »Schade.«

»Das nicht«, sagte Hans Schmidt. »Er ist ein Mann, der über die Dinge seine feste Meinung gefaßt hat, von der er nicht abweicht.«

»I gehen Sie, da gefällt er mir erst recht nicht, da ist er blind und hartherzig. Ein Mensch, der seine feste Meinung hat, ist das immer. Wir armseligen Geschöpfe sollen keine feste Meinung haben und uns darauf etwas zugute tun. Das ist lächerlich. Das ist nicht viel anders, als wenn ein Fisch oder ein Frosch sagt: Ich kenne die Welt, und wenn ich nur wollte, würde ich euch lehren, wie man fliegen oder reiten müßte. Na, was sagen Sie dazu, Herr Rittmeister?«

»Hm – hm«, machte dieser.

»Freilich haben Sie recht«, warf Obrist dazwischen. – »Es gibt wenig Leute, die dergleichen auszusprechen wagen.«

»Natürlich«, sagte die Frau, »weil ein Lump den anderen mit Hochachtung als seinesgleichen behandeln und seine Verlogenheit als bare Münze annehmen muß, um nicht zu verhungern. Und um nicht zu verhungern, muß einer auch dieselbe Münze wie sein Nachbar schlagen. Hier bei uns, da lebt sich's freier, die Luft ist besser. Dort durch die Tür«, sie zeigte auf das grüne Gartentor, »gehen nur gute Freunde ein und aus, vor denen man kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht. Wir sind auch keine 203 ehrenwerten Leute, was man bei euch so ehrenwert nennt. Der Rittmeister hier, der Abdul Rahman, der Neunhütel ist ein großes Kind, dabei aber ein Teufelskerl, bei dem der Sabul locker sitzt; und außerdem hat er Ideen wie ein Räuber, Mörder, Revolutionsmann, Gotteslästerer. Bei euch müßt' er der Einfachheit halber gleich für immer in Ketten gehen. Hier ist das nicht nötig, da ist er ganz unschuldig.«

Die Frau lachte. »Wir haben auch noch so einen Schlimmen, der geht hier ein und aus – und die Kleine vom Rittmeister, ein gutes Kerlchen, und unseren Iskender haben Sie auch gesehen. Wir alle sind eine Welt für uns und ärgern einander nicht.«

Bei der Aufzählung hatte sie eine Person übersehen, die Tochter Ferdös, von deren Dasein die Gäste bereits unterrichtet waren.

»Gehen Sie, Rittmeister«, fuhr die Frau fort, »und zeigen Sie Ihren Reisekameraden den Garten, dann kommen Sie zurück, derweile habe ich etwas hergerichtet.«

»Gut«, sagte der Rittmeister. Man nahm einen kurzen Abschied voneinander, und die drei Kameraden verschwanden hinter dem Hause, um den Garten zu durchstreifen.

 

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