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In frischem Wasser

Helene Böhlau: In frischem Wasser - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleIn frischem Wasser
authorHelene Böhlau
year1932
firstpub1891
publisherKulturelle Verlagsgesellschaft
addressBerlin
titleIn frischem Wasser
pages292
created20140416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Hans Ludwig Schmidt legt Obrist eine Beichte ab und ist der Meinung, daß Obrist einen vortrefflichen Reisekameraden an ihm gefunden habe,

Tags darauf sitzen sie auf einem Elbdampfer, der die mächtigen Frühlingsfluten des Stromes kräftig durchschneidet und die beiden Reisenden stromaufwärts führt.

Die Ufer der Elbe dehnen sich in grüner Pracht vor ihnen aus.

Wohin man sieht, neues, volles Leben! Über den Wäldern liegt es wie duftiger Schleier, smaragdgrün und braun; das rötliche, lebensvolle Braun, das aus Millionen schwellender Knospen entsteht, die ihre Blätter in den glänzenden Hülsen nicht mehr zu bergen vermögen. Es ist die hoffnungsvolle Zeit des Jahres, in der eben Hervorgequollenes von neuem und neuem überholt und überflutet wird, in der Welle auf Welle eines frischen Lebens sich dem Herzen andrängt, in der alles gesunden, alles atmen möchte, in der das Daseindürfen seinen vollen Wert hat.

Zu solch schöner Zeit fuhren die beiden die Elbe hinauf.

Obrist saß auf dem Verdeck, eingehüllt in seinem Mantel, eine Decke über die Knie gebreitet.

Hans Schmidt hatte ihm einen geschützten Sitz 150 ausgewählt, eine Kiste, die mitten zwischen in Stroh verpackten Sträuchern und jungen Bäumchen stand, die ihrem neuen Wurzelplatz entgegenfuhren.

Er selbst saß Obrist gegenüber, befriedigt und wohlgemut. Über Obrists ganzem Wesen war das Wohlbehagen der Genesung gebreitet, das die matten Kräfte so ganz einnimmt, ganz beherrscht, daß nichts außerdem Raum hat.

Keine Ruhe ist mit der Ruhe der Genesung vergleichbar. Nur da weiß man, welchen Wert es hat, schmerzlos zu atmen, sich ungehindert zu regen; nur in solcher Zeit fühlt man ganz, daß schon das Dasein allein ein ungeheueres Glück ist, daß jeder Blick, jeder weiche Luftzug, der freie, unbenommene Kopf wert ist, zu leben. Neben Obrist unter allerhand Frachtgut hüpfte ein Fink, der in seinem hölzernen Käfig eine unfreiwillige Reise machte. Er hüpfte und wiederholte seinen Schlag und schlug und zwitscherte aus voller Kehle. In seiner kleinen Brust regte sich die alles durchdringende Frühlingslust ebenso stark, ebenso sehnsuchtsvoll und freudegewiß, wie sie sich im Menschenherzen regt, wie sie in der schwellenden Knospe wirkt und schafft.

Dieser kleine Fink fuhr mit dem Köpfchen gegen die Gitterstäbe, Freude und Schmerz zugleich mochten ihm wahrhaft im Herzen wühlen und in den Flügeln zucken; sein Gesang, sein Schlag schienen das ganze kleine Tier zerreißen zu wollen.

Obrist sah lange auf das eifrige Geschöpfchen, während der weiche Wind an ihm vorüberstrich, der Kiel des Schiffes die Wogen durchschnitt und die gewaltigen Räder das Wasser aufrührten, zu Schaum zerrieben, zu Millionen sonnenbeglänzten Wasserfunken und Wassergüssen aufwirbelten.

151 Hans Schmidt hörte auch auf den kleinen Sänger und sagte: »Ein guter Reisekamerad!«

»Weißt du was«, begann er nach einer Weile und machte ein Gesicht, als wollte er sich auf eine tiefsinnige Erörterung einlassen. Darauf schwieg er.

»Nun, was soll ich wissen?« fragte Obrist, dem es bekannt war, daß Hans Schmidts Gedankenreichtum schwer in Gang kam. Er sah ihn lächelnd an.

»Hol's der Kuckuck«, sagte Hans Schmidt, »was soll man sich mit Ideen plagen! Wenn man leben will, soll man nicht denken! – Kaum daß man sich mit Gedanken befaßt hat und meint, es gehe ganz leidlich vorwärts damit und verträgt sich mit dem Leben, da steht man, mir nichts dir nichts, vor einem Gedankenungeheuer, einer wahren Bestie von Gedanken, die einem alles vor der Nase wegschnappt, was irgend Gutes zu sehen und zu glauben ist, und während die Bestie noch über dem Fressen ist, vergeht sie, man weiß nicht wie, ist selbst verschlungen worden wieder von einer anderen Bestie, und so fort und fort.

Übrigens, was ich sagen wollte: Ich dachte, man sollte den kleinen Schreier hier aus seinem Käfig lassen. Gut, wäre es bei diesem Gedanken geblieben, da hätte ich das Schnürchen aufgemacht und er wäre zur Tür herausgeflattert; wir hätten einen Skandal, der Kleine hätte die Freiheit gehabt und es wäre gut gewesen.

Aber statt vernünftig zu handeln, begann ich nachzudenken. Zuerst sagte ich mir: Gott weiß, wem der Vogel gehört. Vielleicht ließest du ihn nicht frei, wenn du wüßtest, wer ihn besitzt, vielleicht dem, vielleicht jenem, und du nimmst irgend jemand seine Freude. Umsonst ist der 152 Vogel sicher nicht auf Reisen. Er hat seinen Zweck, sein Ziel, man erwartet ihn.

So dachte ich hin und her und ließ ihn sitzen. Während ich aber weiter auf ihn hinsah, dachte ich auch weiter: Was ist denn Schlimmes dabei, wenn du, kleiner Kerl, in deinem Käfig steckst? Unser Hauptkerl – ich nehme an, daß unsere Seele der Hauptkerl ist – steckt in einem viel engeren Käfig als du und befindet sich zu Zeiten ganz wohl; zum Beispiel jetzt.

Gut, das war konstatiert, und ich wollte mir eben eine Zigarre anbrennen, da klang mir noch das Wort ›Käfig‹ durch den Kopf, und die Sache sah mit einem Male anders aus.

Ich fühlte mich beengt. Es war mir zumute, als säße mein besseres Ich zusammengekauert in unserem Koffer und schnappte nach Luft.

Philosophen zum Beispiel, so ging es weiter in meinem Ideengang, Philosophen müssen eine unglückliche Gesellschaft sein, in denen das bißchen Geist unausstehlich rumort. Mir ist schon zu Zeiten die kleinste Gedankenwirtschaft unerträglich. Das Beste auf Erden, das Gesundeste, das Einzigste ist ein dummer, guter Künstler. Ich sage dir, mich macht das geringste Denken marode!

Wie muß dir gewesen sein in deiner Krankheit!

Pfui Teufel, warst du krank!«

Hans Schmidt erhob sich und ging auf dem Deck hin und wider, blieb plötzlich wieder vor Obrist stehen und sagte: »So war's! Vor deiner Krankheit, deiner eigentlichen Krankheit, stand es am schlimmsten um dich, da hast du mir Angst gemacht. Du kannst mir glauben, dein Geist war dabei, sich in Gedanken aufzulösen.«

153 Obrist blickte ihn an.

»Lache nur«; sagte Hans Ludwig Schmidt ruhig, »lächele nur so von oben herab, ich bin meiner Sache sicher. Wenn es ein Mensch mit einem Male unnatürlich mit dem Denken zu tun bekommt, ich meine mit dem übersinnlichen Denken, und er glaubt, Gott weiß wie weit er's gebracht habe, ist er einfach dabei, zu zerfallen, sich aufzulösen – und weg ist er.«

Hans Schmidt schnickte mit der Hand in die Luft. »Es ist gerade, als wenn einem Menschen mit einem Male die Haare ins Unendliche zu wachsen anfingen, immer mehr und mehr, daß er sie nicht bewältigen kann, daß alle Kräfte ihm in die Haare fahren; oder bei anderen fängt das Fett an zu wachsen und zehrt alles übrige auf und bei der Gans die Leber. Will ein Mensch etwas leisten, so soll er das übermäßige Denken beiseite lassen, sonst kommt er zu nichts. Glaube mir Obrist, die Denkerei frißt das Genie. Das Göttliche wird dumpf geschaffen, im Halbtraum, es kommt, man weiß nicht, woher, aus dem eigenen Herzen, von innen oder von außen. Es ist da, mit einemmal – und kein Denken lockt es an.

»Glaube mir, für einen Künstler ist Denken ohne Maß und Ziel Frevel, ist Mord an dem besten, was er hat.«

Hans Schmidt legte im Eifer beide Hände auf Obrists Schulter. »Sage mir«, fragte er, »wenn du so dasitzest, wie jetzt schon die ganze Zeit, grübelst du doch nicht etwa?«

»Nein, bester Junge!« antwortete Obrist mit einer freien, ruhigen Stimme, wie Hans Ludwig Schmidt sie seit Jahren an seinem Freunde nicht gekannt hatte.

»Nun, gottlob!« rief dieser aufatmend, »da wäre ja meine ganze Rede unnütz gewesen, gottlob! – Machst du 154 dir Sorge wegen der Deinigen?« fragte er weiter, »und daß wir so ohne Abschied davongeschlichen sind?«

»Bis jetzt nicht übermäßig«, war die Antwort.

»Deine Frau aber ist und bleibt eine prächtige Person in ihrer dreimalverfluchten Harmlosigkeit, in ihrem Leichtsinn und ihrer Gedankenlosigkeit!« Hans Schmidts Stimme wurde wärmer. »Ich weiß keinen Augenblick, in dem ich sie nicht mit Freude angesehen hätte; nie war sie verzerrt, nie ohne Anmut; nie schwächlich, nie schlau oder bitter; immer einfach und ehrlich. Trotzdem habe ich sie jahrelang verwünscht und würde sie noch verwünschen, wenn jetzt zwischen ihr und dir nicht Meilen lägen und, so Gott will, sich immer mehr Meilen legen werden.«

Obrist wehrte mit der Hand ab.

Hans Schmidt sah ihn ruhig an und sagte: »Nicht schwach sein, nicht diesem Gedanken ausweichen. Du bist nur dann frei, wenn du dich innerlich frei machst, wenn du alles, was dich drückt und hemmt, abwirfst. Wir leben einmal, ein einziges, armseligesmal! Alles sei verdammt, was uns vor der Zeit zu Boden drückt – ganz gleich, ob es irgendein menschenunwürdiges Elend ist, oder ein prächtiges, gutes Weib. Ich will, daß du lebst«, sagte Hans Schmidt ruhig. »Glaubst du, daß ich dich gepflegt hätte, wenn ich das nicht wollte und nicht über alle Hindernisse hinweg wollte? Nie –«

Köstlich war es auf dieser Fahrt, wie sich in jedem Gedanken, in jedes Gefühl der Frühling eindrängte, wie Hoffnung und Gesunden in jedem Luftzug lag. – Die Reise setzte sich so günstig, wie sie begonnen hatte, fort. Das Wetter war herrlich. Hans Schmidt sorgte für seinen Freund, als wäre dieser noch schwer krank und müßte vor allem und jedem behütet werden. Mit Genugtuung aber 155 empfand er, wie sein Pflegebefohlener mitunter selbständiger, lebensfreudiger wurde, wie er die hilfreichen Hände wohl schon einmal halb ungeduldig beiseite schob.

Sie erreichten Leitmeritz, Prag, Wien. In Pest, wo sie wieder übernachteten, machte sich Obrist früh am Morgen auf, um durch die Straßen zu schlendern, ohne vorher darüber zu reden, ohne Hans Schmidt aufzufordern. Dieser schwieg, denn er befürchtete, durch eine Äußerung seiner Befriedigung Obrist, wenn auch nicht von dem Vorhaben abzuhalten, doch dessen Widerspruch zu erwecken, so daß dasjenige, was sein Freund, von wieder erwachter Gesundheit geleitet, tat, an Wert verlieren würde.

Es war am ersten Mai, als sie von Pest aus die Donau hinabfuhren.

Zuvorderst auf dem Bugspriet des Schiffes flatterten bunte Bänder von einem Maibaum herab, einer jungen, duftenden Pappel, die man über und über mit Früchten und Bändern behängt hatte. Unter dem rötlich zarten Laube, nahe dem schlanken Stamm, schimmerten ein paar Flaschen dunkeln Ungarweins.

Der geschmückte, bänderumflatterte Baum über den aufspritzenden Wassern der Donau an des Schiffes Spitze, das mächtig stromab glitt, wirkte herzerfreuend. Der Wind wehte in dem jungen Laub, die Sonne glitzerte auf den Flaschen, goldene Orangen leuchteten dazwischen. Berge, Felsen, Täler, Buchten – Welten von Grün zogen vorüber.

Unabsehbare Einöden, mit Balsampappelwäldern und Büschen bedeckt, dehnten sich auf beiden Seiten der Donau aus – Einöden, die stumm und unbelebt lagen und einen wahrhaft berauschenden Duft ausströmten. Es war, als atmete man Gesundheit und Kraft ein, als müßte jener 156 weiche und zugleich starke Geruch der eben erst mit Laub überquollenen Pappeln jedes Leiden der Welt heilen.

Auf den seltenen Haltestellen, an denen das Schiff anlegte, wechselten abenteuerliche, fremdartige Gestalten ein und aus, in weißen Schafspelzen, weiten, weißen Filzmänteln, die ursprünglich und kraftvoll bestickt waren. Die Donau hatte Hochwasser zu der Zeit, als die beiden Freunde sie befuhren, und sie stürmte mit unheimlicher Kraft, als wollte sie ihre Ufer auseinanderdrängen. Über alle Wirbel, alle Stromschnellen, alle Untiefen wälzten sich die braunen, erdaufwühlenden Wogen. Das Flußbett wurde weit wie ein See, man sah die Ufer kaum. Die Kronen mächtiger Bäume ragten aus überschwemmten Weiden und Sümpfen. Nebel stiegen auf. Nirgends war Leben zu sehen. Eine weite Wasserwüste! Und nicht lange darauf stürzte der mächtige Strom durch Felsenengen, zusammengepreßt, bis in die tiefste Tiefe erzitternd, mit einer Gewalt, als müßte er die Riesenfelsen unterwühlen, in sich zusammenstürzen lassen.

Die Fahrt auf diesem frühlingsmächtigen Strom hatte etwas Berauschendes, Dämonisches. Die Sonnentage waren vergangen. Ein weicher, feuchter Wind hatte sich aufgemacht, Wolkenmassen ballten sich in allen Himmelsgegenden zusammen; der Wind schwoll immer heftiger an, wurde immer voller, kam über die weiten Steppen Ungarns angesaust, stemmte sich gegen das Schiff, spritzte und staute die Wellen dem Ufer zu. Auf den Weiden und Steppen trieben große Pferdeherden ihr Wesen; der Sturm faßte Mähnen und Schweife. Auf einer schmalen, baumlosen Insel jagte, als das Schiff vorüberkam, eine Herde im tollen Galopp darüber hin, gegen Wind und Wetter. Nebel 157 und Regen stürmte ihnen entgegen. Jede Bewegung der Tiere lebenstrunken!

Die beiden Freunde standen an einem Fenster der Kajüte und blickten auf das herrliche Schauspiel, der Regen strömte gewaltig und der Wind sauste über das Wasser. Die beiden Ufer dehnten sich flach und unendlich aus; riesige, alte Weidenbäume und Weidengestrüppe verbreiteten sich, soweit das Auge sehen konnte. Bleich verwitterte Stämme lagen niedergestürzt kreuz und quer, vermodert und überwachsen, oder grau und glatt von Wind und Wetter poliert. Niemand hatte sich um diese Holzmassen gekümmert. Sie waren in die Höhe gewachsen, ungestört von Menschenhänden; sie hatten Jahrzehnte in Kraft gestanden. Im Frühjahr war der Wasserschwall der Donau über sie hingegangen, so daß das Jahr über ein wirres Netz von all dem, was der Strom mit sich führte, Stroh, Gestrüpp, zähe Algen, Wurzeln in ihren Zweigen hängenblieb, fahl, verwittert, die Zweige niederdrückend, den Lauf und den Wasserstand des gewaltigen Stromes angebend. So hatten sie lange Jahrzehnte gestanden. Im Frühjahr war ihnen unter den grauen Fetzen, welche die Donau ihnen übergehangen hatte, das schlanke Laub wieder hervorgekrochen, hatte sie ganz überwachsen. – Sie standen dann mit doppelter Last beladen.

Im Herbst rissen die Stürme es ihnen wieder davon, und die starren, kahlen Fetzen, die das Laub verdeckt hatten, wehten dann als unheimlicher Schmuck von neuem um sie her, bis der Schnee über sie kam. – So trieben es Wind und Wetter Jahr für Jahr mit ihnen, bis sie in sich zusammensanken oder ein gehöriger Sturm ihnen ein Ende machte, dann lagen sie und moderten. Wenn das Hochwasser kam, hob es die gestürzten, noch festen Stämme, 158 zerwühlte die zerfallenen und türmte alles in wirren Haufen und Barrikaden übereinander.

Und all dies geschah, ohne daß Menschenhände sich einmengten und die Kraft der Elemente nutzten oder eindämmten. Die Stämme lagen für menschliche Begriffe wertlos. Niemand hatte ihnen Preis und Klafterzeichen angeschrieben. Nur die Natur hatte ihnen den Wertstempel, mit dem sie jedes hingesunkene Leben zeichnet, Tod und Verwesung, aufgedrückt.

Obrist und Hans Schmidt gingen, wenn Sturm und Regen es irgend zuließen, hinauf aufs Deck, suchten sich einen geschützten Platz und saßen dort zwischen dem Volke, das um den Dampfkessel kauerte und hinter Kisten und Tonnen vor den Regengüssen und Windstößen Schutz suchte. Ein Gewirr von verschiedenen Trachten, Völkerstämmen bewegte sich auf dem sturm- und regenüberpeitschten Schiff: Serben, Rumänen, Bulgaren, angesiedelte Deutsche, Ungarn, Wallachen, alles durcheinander. Nie fehlte es hier an einem Burschen, der den Dudelsack blies, monoton in den fallenden Regen hinein, in die Einöde hinein. Seine Zuhörer schauten aus ihren dicken Pelzen und Friesmänteln, von denen das Wasser troff, und hörten träumerisch zu. Tag und Nacht hockten sie so. Glücklich, wer in dem überbauten Raum zwischen den Waren einen Platz gefunden hatte!

Welche Gestalten, welche Züge! Die beiden Maler konnten sich nicht von dem Anblick trennen! Kaum, daß sie in dem behaglich geheizten Salon Platz genommen hatten, trieb es sie wieder hinaus. Die Öde ringsumher, die Gestalten, die aus dieser Öde auftauchten, wenn das Schiff anlegte, und wieder darin verschwanden, die 159 Verschiedenartigkeit der Erscheinungen, zogen mächtig an; und ohne Ende ging es weiter, tagelang.

»Siehst du«, sagte Hans Ludwig Schmidt, als sie miteinander hinausblickten und unter dem überdeckten Warenraum saßen, »du mußt schon jetzt begreifen, wie gut es ist, daß wir hierherkamen. Wir hätten auch nach Italien gehen können. Warum nicht? Aber Italien erregt und zerrt an den Nerven. Weiß Gott, ehe man sich dort selbst findet und an das eigene bißchen Persönlichkeit mit Ruhe zu denken wagt, kann man ein Nervenfieberchen weghaben. Man muß dort verschiedenes durchmachen und eine Zeit, während der man gar zu vieles über sich ergehen lassen muß, ist nie gesund. Zuerst Begeisterung, Entzücken und Berauschung, dann Erwachen, darauf ein ungeheurer Katzenjammer, darauf Wühlen in sich selbst, darauf – je nachdem – Verzweiflung oder hoffnungsloses Streben, heilige Gelübde an den Fleiß, hypochondrisches Belauern der eigenen Geniesymptome, schließlich, wenn es glückt, Selbstzufriedenheit, je nachdem, aber ein Gezerre bleibt es. Wenn du erst wieder gesund bist, wie ein junger Neufundländer – dann los, dann auch, wohin du willst.

Oder fühlst du nicht, welche Ruhe einem aus diesen Einöden entgegenweht! Das ist Ruhe! Göttliche Ruhe! Das Menschentier hat sie noch nicht gestört mit seiner unsinnigen Hatz. Mir ist, als wenn die Zeit nicht über die weiten Flächen ginge. Warum? Weil niemand da ist, an dem sie ihre unangenehmen Eigenschaften auslassen könnte. Das ist übrigens ein außerordentlich tiefer Gedanke, merkst du? Ich könnte ihn dir, wenn ich wollte und mir mein Kopf nicht leid täte, vortragen.«

»Nun los«, sagte Obrist.

»Nein«, erwiderte Hans Ludwig Schmidt. »Hat die 160 Natur, die Welt ihre Geheimnisse – gut, mag sie dieselben für sich behalten. Ich bin kein Grübler.«

»Ich dachte vorhin ähnlich wie du, sah lange hinaus«, sagte Obrist. »Stelle dir nur vor, dein Blick geht über eine große Stadt hin und du denkst dabei, nur oberflächlich, welches Elend da gehäuft ist. Was die Natur verhüllt, das gegenseitige Sichfressen aller Geschöpfe, wie ist es da ans Tageslicht gezerrt! Für einen empfindsamen Menschen, dem durch Zufall oder aus unglücklicher Naturanlage die Augen geöffnet sind, muß das zusammengepferchte Leben von einer Million Menschen etwas Barbarisches, Abstoßendes haben. Aber es ist nun einmal so: je mehr Bestialität zusammensteckt, je heimischer und bequemer wird es uns, je mehr mitten im Schwerpunkt der Kultur fühlen wir uns. Und jedem wird's wohl, selbst dem, der einen Ekel davor zu empfinden meint. Und wie herrlich geordnet ist alles! In den Zeiten, in denen mir das Leben die Kehle zuschnürte, war es mir oft, als ersticke ich, wenn ich dachte, wie alles in der großen Menschenmasse ausgenutzt, verwertet, mit Beschlag belegt ist. Da gibt es doch, weiß Gott, kein Gefühl, keine Regung, nichts, kein Ereignis, was nicht auf irgendeine Weise mit einer Steuer belegt, einregistriert und numeriert ist! Der ehrlichste, unschuldigste Mensch ist gefangen, beobachtet und wird beargwöhnt wie einer, der ein langes Sündenregister hinter sich hat. Es fehlt nicht viel, da kommt man sich schließlich selbst als eine gefährliche Kreatur vor, die in Unfreiheit gehalten werden muß, oder als eine, an der alles und jedes zu verwerten ist, und die daher in strengste Obhut genommen werden muß. Wie eine Kuh zum Beispiel: was gehört ihr an ihrer eigenen Person? Sie trägt ihre Haut spazieren, bis es an der Zeit ist, daß jemand die Haut besser gebrauchen kann als 161 sie selber. Ihr Fleisch, ihre Knochen sind im Besitz ihres Eigentümers, ihre Milch ist verpachtet, ihr Kalb gehört dem Metzger, ihre Hörner, ihre Hufe, ihre Sehnen, alles hat seinen bestimmten Verwerter, dem zu Nutzen sie alles groß und fett füttert.

Uns geht es genau so wie der Kuh. Was können wir dagegen tun? Wir laufen als das wohlbehütete Eigentum einer Reihe von Nutznießern umher, denen zu Liebe und Frommen wir leben, fühlen und sterben. Da ist kein Entwischen möglich.«

»Das laß gut sein«, sagte Hans Ludwig Schmidt trocken, »wir wollen ihnen schon entwischen. Ich, für meine Person, werde mein Lebtag wahrscheinlich ein vortrefflicher Bürger und scheinbar ein gutes Nutztier bleiben; aber geistliche und geistlich-moralische Falten habe ich, soviel ich weiß, nicht im Gehirn, viel weniger als du glaubst. – Das heißt, ich werde mich hüten, wahrscheinlich hüten, etwas schnurstracks gegen die Pächter unserer Häute, unseres Fettes, und unserer physischen und metaphysischen Bedürfnisse zu tun; einfach, weil ich nicht Lust habe, daß alles, was Bestialität, Gerechtigkeit und Skandal heißt, mir auf dem Nacken sitzt. Das schließt nicht aus, daß ich sehr eigenmächtige Gedanken habe.«

»Ja«, sagte Obrist lächelnd, »so glauben und reden die meisten!«

»Doch nicht, bei mir ist's anders, ich versichere dich. Wenn etwas gut an mir ist, so ist es das, daß ich ein natürlicher Kerl bin; ich fühle etwas Vorsintflutliches, durchaus Unschuldiges, Elementares in mir.«

»So«, sagte Obrist.

»Allerdings. Ich versichere dich, bei mir ist alles, was ›frivol‹ heißt, ausgeschlossen, es ist buchstäblich nicht 162 vorhanden, sowenig wie in einem Neufundländer; alles bei mir kommt aus der tiefsten Tiefe, aus der Meerestiefe meine ich, wo die Winde und die Bewegungen nicht mehr hinunterreichen. Du entsinnst dich: Ich sagte dir vor einiger Zeit, daß es mir so vorkomme, als könnte ich mich in Anna verlieben, als könnte ich sie dir zuliebe heiraten. Erschien dir das frivol? Gewiß nicht! Ich glaube, daß es nichts war, als ein freundschaftliches, zugleich angenehmes und praktisches Fühlen. Meinem Empfinden war es zuwider, als ich sah, wie das gute, liebenswürdige Weib Qual brachte und Undank erntete, und in einer anderen Lage könnte es eben anders sein. Du hast mich damals vollkommen verstanden. Und so denke ich über dergleichen überhaupt. Ich könnte mich zum Beispiel aufmachen und predigen und jedermann als frohe Botschaft verkünden: wenn ihr einander behagt, so bleibt beieinander und genießt euer Leben, und hockt, wenn das Alter kommt, hübsch zusammen und tröstet euch. Wenn ihr euch aber gegenseitig eine Plage seid, macht, daß ihr voneinander fortkommt, so schnell wie möglich. Seht keine Gespenster, fürchtet euch nicht vor Dingen, die in Wahrheit nicht existieren. Glaubt nicht daran, daß ihr gefesselt sein müßt, ihr seid frei! Denkt nicht, ihr müßtet der Kinder wegen zusammenstecken. Das ist nichts; ihnen ist die Freudlosigkeit und Streit und Leiden im Hause schlimmer als alles andere. Und wieder, wo die Liebe einseitig ist, muß es Qual für beide Teile sein, so unzertrennlich leben zu müssen.

Laßt euch nicht ins Bockshorn jagen! Blickt doch um euch! Laßt euch doch nicht erschrecken und an der Nase führen. Es ist ja gar nichts da, was euch hindert, frei zu sein, wenn ihr wollt. Es liegt ja nur an euch! – Nur einzig an euch!«

163 Obrist blickte scheinbar gedankenlos hinaus auf die öde Wasserfläche der Donau, über die Sturm und Regen hinpeitschten. Jetzt unterbrach er Hans Schmidt und sagte ruhig: »Wenn wir erst in der Mehrzahl sind, so sperren wir euch ein, sagen die Verrückten zu ihren Wärtern.«

»Ja gewiß, sie haben recht«, rief Hans Schmidt.

»Nun siehst du«, erwiderte Obrist, »wir müssen uns also gedulden.«

»Du bist ein verfluchter Kerl, Obrist! Du verstehst es hin und wieder, einen mit einem Schlage auf den richtigen Standpunkt zu setzen! Freilich sind wir die Verrückten. Ich zum Beispiel bin so ein Stillverrückter, so ein ehrbarer Gesunder, bei dem es nur manchmal kommt, dem man es gar nicht ansieht; aber bei mir steht oft alles auf dem Kopf. Ich denke, die Welt ist rasend und unsinnig geworden. Was als ehrbar und vortrefflich gilt, erscheint mir teuflisch und abscheulich. Da haben wir die Vaterlandsliebe, die einem in der Schule eingeprügelt wird. Sie ist das höchste, begeisterndste, männlichste Gefühl. Sie erwärmt das Herz, veredelt, festigt. Man lernt mühselig die glorreichsten Tage der vaterländischen Geschichte: da einen Krieg, dort einen Krieg; hier Überlistung, dort einen glänzenden Sieg; hier eine Metzelei, dort eine notgedrungene, von Vaterlandsliebe durchdrungene Grausamkeit; da wieder einen Verrat zum Besten der heiligen Sache. Und was ist die heilige Sache? Erbeuten, erlisten, sich kräftigen auf Kosten des Nachbars, sich bereichern und füttern, nach erlittenen Niederlagen Kräfte sammeln, um das Verfehlte doppelt wieder einzuholen, ein Fressen, Vertilgen, Rauben, Kämpfen, Hinschlachten, Wichtigtun im gewaltigsten Maßstabe.

Ich habe der Sache stets kühl gegenübergestanden und 164 habe mich gefreut, wie herrlich sich alles ausnehmen kann, wenn man will, daß es sich herrlich ausnehmen soll. Meine Lippen aber sind rein geblieben, nie im Leben ist eine ernsthafte politische Frage oder Vermutung darüber gegangen – nie –, ausgenommen damals, achtzehnhundertsiebzig bis achtzehnhunderteinundsiebzig, habe ich als Schulbube mitgebrüllt bei Gelegenheit. Ich zieh auch mit, wenn's nötig ist, gegen die verfluchten Prahlhänse, die Franzosen. Du aber laß von dem allem nichts verlauten, das versteht ein Zehnter nicht. Soll ich noch weiter fortfahren?« fragte Hans Ludwig Schmidt. »›Du wirst sehen, daß es sich mit mir leben läßt, ich bin ein ganz vernünftiger Kerl‹, sagte jener Narr zu seinem Leidensgenossen.

Von jeher war ich ein guter Kamerad und habe alle Dinge ungeschoren gelassen. Ich habe mir keine Sorgen gemacht um mich und mein Seelenheil. Religiöse Sturm- und Drangperioden sind an mir kühl vorübergegangen. Ich habe der Religion das Beste zugetraut, nie aber Gebrauch von ihr gemacht. Meine Schlechtigkeit hat mich nie gedrückt, meine Vortrefflichkeit auch nicht erhoben.«

»Das ist ja eine wahre Beichte, die du mir da ablegst«, sagte Obrist in dem Ton, wie man zu einem jüngeren Freunde spricht.

»So«, erwiderte Hans Ludwig Schmidt, »du bist recht von obenherab!«

Damit stand er auf und ging im Regen und Sturm auf und nieder. Er zog die Kappe seines Wachstuchmantels über die Ohren und machte so einen in sich abgeschlossenen Eindruck.

Als er in Obrists Nähe vorüberschritt, rief ihm dieser zu: »Maulst du?«

»Ich denke. Stör' mich nicht«, war die Antwort.

165 »So, nur weiter, denke laut! Was war's?«

»Würdest du heute wieder von dem Top aspikal, von dem guten Fisch, nehmen, bekommen ist er dir ja wohl?« fragte Hans Ludwig Schmidt.

»Warum nicht? Ja, bestelle!«

Als beide Freunde in die Kajüte hinabstiegen, sagte Hans Schmidt: »Es wird gut sein, wenn wir heute an Anna schreiben. Wir werden dann den Brief in Rustschuck auf die Post geben.«

»Du willst auch an Anna schreiben?« fragte Obrist.

»Wir werden zusammen schreiben«, war die Erwiderung.

»So? Gut.«

»Die Sache ist ernster als du meinst«, begann Hans Ludwig Schmidt wieder. »Ich habe nicht umsonst das getan, was ich getan habe. Ich habe mein Lebtag nie etwas ohne festes Ziel gewollt. Ich will nicht, daß du mir durch deine hilflose Güte das verdirbst, was bis jetzt in mir vollkommen klar liegt. Es war eine Torheit, daß ihr zusammenstecktet, und wozu mit klarem Verstand eine solche Torheit bis zum Tode forttreiben? Wozu haben wir Verstand und Kraft und Willen? Haben wir die Augen nur, um uns von überkommenen Traditionen blenden zu lassen, und Willen und Kraft nur, damit sie uns helfen, ein verkümmertes Leben weiterzuschleppen? Anna und ich, wir verstehen uns. Wir haben keine unnützen Worte miteinander gebraucht«, setzte Hans Ludwig Schmidt hinzu. »Mit Dickchen ist es anders, dem armen, süßen Kinde schreibe, was du nur denken kannst, um sie zu trösten. Die ist dein Eigentum, die halte.« 166

 

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