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In der Wildnis

Adolf Pichler: In der Wildnis - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAllerlei Geschichten aus Tirol, 1. Band
authorAdolf Pichler
year1897
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleIn der Wildnis
pages76
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der Wildnis.

Eine Geschichte aus Tirol

von

Adolf Pichler

 


 

Aus: Allerlei Geschichten aus Tirol
Verlag von Georg Heinrich Meyer, Leipzig
1897

 


 

Noch vor wenig Jahren sah man auf der Straße von Kreuth nach Achenkirch oft wochenlang kein anderes Fuhrwerk, als die breiten Wägen mit großen Bastkörben, worin man Kohlen zum Hochofen zu Jenbach lieferte. Hie und da zog ein verirrter Handwerksbursch' fechtend von einem abgelegenen Bauernhof zum andern, unbehelligt von der Gendarmerie, die damals statt der Strolche harmlose Wanderer belästigte, die sich vor den weithin glänzenden Pickelhauben nicht ins Gebüsch schlugen.

Jetzt ist es anders geworden. Elegante Equipagen rollen im Sommer vorüber. Schwärme von Touristen, den Plaid um die Schulter, treten daher und bemühen sich, älplerisches Jodeln mit kreischender Kehle nachzuäffen. In 120 die waldigen Seitenthäler verliert sich freilich durch die blauen und grünen Schleier der Ladies selten ein Blick, viel weniger ein Fuß, Bädeker hat ja keinen Stern dafür und in einer schmutzigen Kaser oder gar auf einem Haufen abgefallenen Laubes zu übernachten, wie ungemütlich.

Ich danke jedoch Gott stets, daß es noch Winkel giebt, wohin sich der Troß moderner Naturbeschnüffler nicht verläuft, um Langweile los zu werden. Lobt nur den Natursinn der Neuzeit, als ob sich die Natur von einem bißchen Sentimentalität oder blöder Neugier ausspähen ließe, als ob das Hochgebirge vor jedem, der imstande ist, eine kurze Visite zu bezahlen, die Schleier seiner verborgenen Majestät lüftete. Das ist gerade wie mit der Popularität der Naturwissenschaften: auch da begnügen sich die meisten mit etlichen Phrasen ohne Anschauung, mit oberflächlichen Begriffen ohne Tiefe, mit dem Hokuspokus eines schimmernden Experiments, das ihnen als galanter Taschenspieler ein Professor im Salon vormacht: die 121 Wissenschaft bleibt ihnen ein Buch mit sieben Siegeln.

So lade ich euch ein auf die Fahrt in die Wildnis: ein Stückchen Speck, Brot und Käse ist alles, was ich euch zur blühenden Kresse am lautern Quell bieten kann, vielleicht winkt uns – eine räucherige Branntweinhütte, wo irgend ein Kerl Schnaps aus Enzianwurzeln und allerlei Beeren destilliert. Meist ist es ein Senner, dessen Kraft das Alter schwächte, so daß er den schweren Dienst bei der Herde nicht mehr verrichten kann; blühen die Almrosen, so erwacht bei ihm die Sehnsucht nach dem Gebirg, er holt Pickel und Kraxe vom Dachboden, steigt in die Höhe und gräbt Wurzeln, aus denen er im Herbst sein Lebenselixir braut.

Wir schreiten am Abhang zwischen den Tannen hin und treten an den Rand einer Runse. »Aufg'schaut!« hallt hoch herab ein Warnungsruf, und sausend im Sturm fliegen vor uns die entrindeten Baumstämme in den Abgrund, wo der Bach braust, der durch eine Klause geschwellt im Herbst das Holz der Isar zuführt.

122 Was für ein lauschiges Plätzchen! Unter dem Schatten einer breitästigen Buche sickert ein Brünnlein hervor, das klare Wasser träufelt für Durstige durch ein Rohr von Birkenrinde, am Rande duftet die rötliche Moosprimel und das weiße Wintergrün, goldene Lichter zittern über einen Tannenstamm, der lang ausgestreckt wie ein Riese vielleicht vor hundert Jahren vom Sturm niedergeworfen wurde. Er dient zur Unterlage reichen Lebens, aus jeder Ritze sproßt die schlanke Simse, der rote Quendel und die blaue Glockenblume, sie ringen mit dem breitlappigen Leberkraut und der Strunkflechte, die trotzig das scharlachene Käppchen hebt, um den Platz.

Die Fichtennadeln knistern – – vielleicht die Waldfee der Romantik – – wir schauen um, da steht ein Wilderer, das Gewehr schußfertig im Arm starrt er uns an. Er überzeugt sich, daß wir ihm nicht gefährlich sind, und nimmt ruhig neben uns Platz. Wilddieberei hält in den Alpen niemand für ehrlos, im Gegenteil, um die Gunst des Raubschützen 123 buhlen die rechtschaffensten Bursche und saubersten Mädchen. Hirsch und Reh hat Gott für alle erschaffen, wie das Wasser; wer sie schießt, braucht sein natürliches Recht, das ihm weder Kaiser noch König legen darf. Zudem sind die Wilderer keine Vagabunden, die auf den Ertrag ihres Stutzens angewiesen, weder Heimat noch Geld besitzen, sondern meist vermögliche Bauern. Bisweilen schießen sich lustige Tirolerbuben in bayerischen Forsten ein Taschengeld heraus, das im Wirtshaus verklopft wird. Wie bei vielen die Neigung zum Spiele, wächst beim Wilderer die Jagdlust zur Leidenschaft: haltet die Schwalbe, wenn sie im Herbst ziehen will, haltet jenen, sobald sich das Laub bräunt! Er weiß, wie das gefährliche Vergnügen enden kann: mit Zuchthaus oder Tod!

Mancher hat Weib und Kindern behüt Gott gesagt, aber nicht mehr grüß Gott; seine Knochen bleichen an einer Wand; der Jäger, welcher ihn herabschoß, hat ihn unter den Schutt eingescharrt und ein kleines Kreuz aus Holzspähnen darauf gesetzt, um das bald Gemskresse und 124 Jochvergißmeinnicht sproßt. Mancher kehrt heim, aber nicht mehr als der lustige Bursch, wie er ausgezogen: sein Gesicht trägt die unleugbaren Spuren von Gewissensqual, er irrt schwermütig herum und unternimmt schließlich eine lange Wallfahrt, um sich vor einem wunderthätigen Gnadenbild lossprechen zu lassen und einen Ablaß zu holen. Seinem Blei fiel vielleicht ein Jäger.

Diese furchtbaren Kämpfe erfolgen lautlos, der Ueberwinder begräbt den Ermordeten und redet so wenig als möglich von der Sache. Wer frägt auch nach? Den Hinterbliebenen erzählt man: der Vermißte stürzte von einem Felsen, daß kein Beinchen beim andern blieb; es werden Messen gelesen, Senner und Jäger meiden den unheimlichen Ort und bald verklingt auch die düstere Sage.

Der Pfad müht sich an einem steilen Gehänge empor; auf einer Schutthalde, die vom Kar niederfließt, kollert ein Steinchen . . . . Aufg'schaut! . . . .

Hinter einem Block wird ein Kopf sichtbar, 125 ein greller Pfiff . . . . du bleibst betroffen stehen, da erschallt lustiges Gelächter, ein Schwarm Schwärzer, große Ballen auf dem Rücken, bricht aus dem Versteck und schreitet rüstig vorwärts.

»Wir haben Euch für einen Finanzler gehalten!« sagt einer.

»Gut für Euch, daß Ihr keiner seid!« fügt ein anderer bei, »wir hätten sonst – doch habt ihr keine Patrouille gespürt?«

Du verneinst es und bald sind die trotzigen Gesellen hinter einer Ecke verschwunden.

Auch dieses Gewerbe gilt nicht als schmachvoll, oft wirft es reichen Gewinn ab. Wer möchte sich sonst demselben widmen! So mancher Schwärzer geht schmählich zu Grund: der gleitet am Schrofen aus, den reißt eine Lawine herab, jenen trifft die Kugel eines Zöllners, ein anderer wird gefangen und ins Strafarbeitshaus gesteckt.

Dafür macht sich keiner ein Gewissen, Grenzjäger zu necken und zu schädigen. So stieg einst ein berüchtigter Schwärzer gerade zum 126 Hinterhalt der Patrouille herab. Wie jubelten die armen Teufel, als er scheinbar unbesorgt mit dem schweren Pack in die Schlinge lief! Die Prozente vom Fang überrechnend, stürzten sie von allen Seiten hervor:

»Haben wir dich endlich, Spitzbub!«

»Nu, was denn?« erwiderte dieser unbefangen, »ich habe ja nur Wespen.«

Das glaubte begreiflicherweise keiner, sie rissen ihm den Sack von der Schulter, öffneten: die gereizten Tiere flogen ihnen wütend ins Gesicht, daß sie mit geschwollenen Köpfen abfahren mußten, ohne dem Schelm, der bei Seite gesprungen war, etwas anhaben zu können.

Mit Wespenstichen geht es jedoch nicht immer ab. Im Karwendel ist an einer Esche eine Tafel angenagelt, zur Erinnerung für einen verunglückten Beamten. Schmuggler hatten ihn überfallen und nackt mit den Füßen über einen Ameisenhaufen aufgehängt, so daß er unter furchtbaren Qualen zu Tode zappeln mußte.

127 Solche grauenvolle Scenen steigen in dieser Felsenöde aus dem Schoße uralter Wälder vor dem Geist des kundigen Besuchers empor; – traurige Bilder menschlicher Zwietracht, vor denen das herrliche Wort des Dichters: »Auf den Bergen wohnt die Freiheit, auf den Bergen wohnt das Glück!« verstummt.

Diese Wildnis reicht östlich vom Thierberg bei Kufstein bis Reute; von den Gräten, welche südlich auf den Inn herabschauen, bis in die bayerischen Vorberge: die Länge beträgt ungefähr sechzehn Meilen, die Breite durchschnittlich fünf.

Ihr Gebiet durchbrechen mehrere der berühmtesten Alpenpässe; wir erwähnen Ehrenberg, Scharnitz, Achenthal: Stellen, deren zerfallene Schanzen der Schimmer geschichtlicher Erinnerung verklärt. Ich habe auf diesem Gebiet manche schöne Stunde verbracht; diesesmal bleiben wir in der Nähe von Achenthal. 128

 


 

I.
Stanis.

Rechts vom Bade Kreuth erhebt sich ein steiler Kegel über waldige Vorberge. Droben lauert Stanis, wie von einer Warte die verschlungenen Pfade überblickend, die sich tief drunten von der Straße abzweigen und durch das Gebüsch winden. Zu seinen Füßen liegt ein Gemsbock, er hat ihn bereits aufgebrochen und die Eingeweide hinabgeschleudert, vorher jedoch ein Stückchen von der rohen Leber mit Salz verzehrt, um den Kopf schwindelfrei zu machen. Die Vorderfüße sind unter den Sehnen der Hinterfüße durchgezogen, daß er das Wild schnell und bequem um den Hals über den Rücken hängen kann. Stanis ist von kurzem, gedrungenem Körperbau mit breiter, hochgewölbter Brust, über dem linken Ohr sitzt keck das grüne Hütchen mit dem Spielhahnstoß und beschattet das scharfe graue Auge; die gebogene Nase springt zwischen den magern Wangen, welche kaum der erste Flaum umsäumt, bestimmt und fest hervor, Lächeln 129 umspielt den wohlgeformten Mund mit trotzig aufgeworfener Unterlippe, die stark entwickelten Kiefer deuten auf Härte und Entschlossenheit. Eine graue Joppe, graue Hosen und Strümpfe, über denen das nackte, von biegsamen Sehnen umflochtene Knie hervorragt, vollenden den Anzug. Wenn er sich nicht rührte, möchte man ihn wohl für ein Stück Fels halten.

Stanis war ein berüchtigter Wildschütz. Die bayrischen Jäger behaupteten, er sei kugelfest und könne, wenn man ihn dränge, in den Felsen verschwinden. Freilich that es ihm keiner im Klettern gleich: wie eine Fliege über eine senkrechte Wand läuft, entrann er über die Schrofen, wenn er nur einen Finger oder einen Nagel der schweren Bergschuhe einhacken konnte. Bisweilen nahm er ein Hündlein mit; das arme Tier vermochte ihm nicht zu folgen, da steckte er es in den Schnappsack und trug es über die kahlen Felsen. Der zweitgeborene Sohn eines reichen Bauern im Unterlande, zog er es vor, den ganzen Herbst zu wildern, anstatt Garben zu schneiden und Korn zu dreschen. Schon 130 lange hatten ihn die Bayern auf dem Strich, ja es war sogar ein Preis auf seine Einlieferung gesetzt; das kümmerte ihn aber wenig, er war frech genug, nachts vor den Fenstern der Jäger Trutzliedeln zu singen; am Sonntage ging er wohl auch in Tegernsee zur Kirche, wobei man ihm, da er harmlos ohne Waffen erschien, nichts anhaben durfte. Im Wirtshaus versuchten es einmal fünf Jäger, ihn durch Sticheleien zu reizen; er lächelte nur bisweilen und trank ruhig sein Bier. Da wagte es einer, trat ihm auf den Fuß und stieß seinen Stuhl fast um – nun sprang Stanis auf wie eine Stahlfeder, zeichnete den Kecken mit seinem Schlagringe und warf die andern, welche ihm zu Hülfe eilten, durch Thür und Fenster hinaus. Die Rauferei dauerte keine fünf Minuten; seitdem ließ es sich niemand mehr beifallen, mit Stanis anzubinden.

Nur ein Gegner lebte, dem auch er auswich, und dieser kletterte jetzt den steilen Pfad heran. Es war der Förster Peter Auer; der Schuß, mit dem Stanis die Gemse erlegt, hatte 131 ihn angereizt, den Wilderer zu suchen und zu fangen. Auer glich einem Recken der Vorwelt, an Größe überragte er alle andern, und obwohl ein Greis von sechzig Jahren, war er noch so stark, daß er als Grundstein für sein neugebautes Häuschen einen Block von beiläufig vier Centnern frei auf der Schulter herbeitrug und versenkte. Nur beim Klettern merkte er das Alter, er mußte langsamer gehen, als in der Jugend, wo er sich wie eine Gemse von Absatz zu Absatz schwang. Stanis ließ ihn ruhig herankommen; als er etwa noch dreißig Schritte entfernt war, streckte er den Stutzen vor und rief ein donnerndes »Halt.«

Der Alte war überlistet. Sei's Jäger oder Wildschütz, dem dieses begegnet, er muß, will er nicht ein Opfer des Todes sein, die Büchse ablegen und bei Seite stellen. Auer erkannte den Stand der Dinge augenblicklich, er wußte, daß Widerstand vergeblich sei, und lehnte sein Gewehr an die Felsenwand. Eine solche Entwaffnung sieht niemand für schmählich an, ebenso wenig, als wenn bei einem Duell vom 132 Gegner der Degen aus der Hand geschlagen wird.

Nun trat Stanis vor: »Hast mich fangen wollen, gelt? Bist jedoch abgeschlüpft. Laß gut sein! du bleibst auf deinem Platz stehen, die Büchse nehm' ich zur Sicherheit mit, dort drunten beim Kreuz kannst du sie wieder aufklauben. Rührst dich aber, oder giebst Laut, so schieß ich zurück.«

»Du hast Glück,« erwiderte Auer, »viel Glück, aber mißbrauch' es nicht länger, sonst holt dich endlich die Strafe Gottes ein.«

»Fasten ist vorbei, brauchst mir nicht zu predigen,« antwortete Stanis. »Eigentlich hätt' ich die Gelegenheit nutzen und dir das Licht ausblasen sollen, wie du's unbarmherzig vielen meiner Landsleute gethan, aber du bist ein alter Mann, hast ohnehin nimmer lang zu leben und siehst ganz meinem Vater gleich; geh' dieses Mal in Frieden, steig' mir aber nicht mehr nach, sonst –« Er schwieg und nahm Auers Gewehr, vor seinen Augen riß er die Zündkapsel ab, spuckte auf das Schloß, daß 133 der Schuß nicht mehr losgehen konnte, belud sich mit der erlegten Gemse und stieg, ohne sich um den Jäger weiter zu kümmern, bergab.


Beim Wirt in der Glashütte war Musik. Der Schullehrer mit seinem Gehülfen saß zu hinterst an der Mauer auf einem Brettergerüst, das untergelegte Fässer stützten, und fiedelte lustig drauf los. Köhler, Bauernbursche, Jäger mit ihren Mädchen, alles tummelte durch einander und strampfte, als sollte der Boden einstürzen. Seitab am Tische saßen Gruppen von Bauern mit ihren Weibern; die Mädchen, wenn sie nicht tanzten, gingen ab und zu, um sich in der Hitze mit einem Schluck Gerstensaft zu laben. An einem solchen Tische saß nun Auers Weib und Stina, ihre Tochter, beide vorläufig in ein Stück Braten vertieft, den ihnen der Wirt mit einer Schüssel Gurkensalat vorgesetzt hatte. Stina entsandte von Zeit zu Zeit die glänzenden braunen Augen auf das bunte Gemisch des Tanzes; wie es schien, war sie aufgelegt, recht lustig 134 mitzuspringen. Mitunter schaute wohl auch ein Bursch' herüber, ob sie bald fertig gegessen, um sie sodann aufzufordern. Sie war aber auch die Königin des Festes; dazu erhob sie Schönheit und Tracht. An dieser hatte sie alles Auffällige vermieden, auch die häßlichen Bauschen und Falten, die das Weibsvolk im bayerischen Gebirge so abscheulich entstellen. Die langen schwarzen Zöpfe waren um eine silberne Nadel geschlungen, das braune Mieder schloß knapp an den schlanken Leib, während Nelke und Rosenknospe an der Brust mit den Lippen und Wangen zu wetteifern schienen.

Da lief ein Flüstern durch den Saal, Stanis war eingetreten. Lust und Uebermut sprühte aus seinem Auge, in der Tasche trug er eine Rolle harter Thaler, denn die Gemse war gut verkauft. Er musterte die Gesellschaft, sein Blick blieb an Stina haften. Er hatte nie ein Wörtlein mit ihr geredet, sie nie gesehen, das kümmerte ihn aber wenig, er schritt zum Tisch, und nachdem er die Mutter um Erlaubnis gefragt, bat er sie um ein Tänzchen. 135 Auch ihr war der Fremde aufgefallen, unwillkürlich erhob sie sich und reichte ihm die Hand. Sie war sehr hoch gewachsen, man hätte streiten können, ob sie nicht größer sei, als Stanis, dieser behauptete jedoch trotzdem durch die Mächtigkeit des Gliederbaues neben ihr den vollen Rang. Er legte den starken Arm um sie und trat vor die Musikanten, ihm nach die übrigen Tanzpaare. Schnalzend warf er in den Zinnteller, der auf dem Fenstersims stand, einen Kronenthaler und sang:

A Gamsl hon' i g'schoß'n,
Daß der Berg widerhallt,
Und iatz tanz i mit 'm Diendl,
Dös mir am allerbesten g'fallt!
                    Juchhui!

Er patschte auf die Lederhosen und tauchte sich in die dichtesten Wogen des Reigens. Hier konnte man den Bauerntanz noch in seiner wilden Grazie, in seiner verschämten Liebe, in seiner tollen Freude bewundern; auch hier gilt wie bei der Schlacht, jeder so viel er wert ist, – versuch' es einmal ein Stadtherrlein, und wage mit seinen Schwefelspähnen solche 136 Sprünge gleich unserm Stanis, der Stinele wie ein feuriger Planet umkreiste und sie dann wieder jauchzend hoch aufschwang, aus dem Arm ließ, sehnsüchtig verfolgte und wieder umfaßte. Da sang ein Jägerbursch, den die Haut juckte:

'S Gamsl hast g'stohl'n
Da drenten im Wald,
'S Stinele, dös kriegst nit,
Und wenn's dir no a so g'fallt!

Stanis war zu selig, um die Herausforderung zu hören; so ein Mädel im Arm, dachte er sich, ist doch was anders als einen Hirsch pirschen. Ein tüchtiger Schütz hat beides am liebsten. Während des Tanzes fragte ein Nachbar Auers Weib: »Wo hast denn deinen Mann?«

»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »warum er heut' so saggrisch ist; durchs ganze Haus rennt er hin und her und brummt wie eine Hummel. Später kommt er schon.«

Immer wilder wogte der Tanz, die Kleider flogen und der Busen hob sich in feuriger Lust. Da hatte Stinele den Strauß verloren, Stanis 137 holte ihn aus dem Gewühl; anstatt ihn jedoch der Tänzerin zu reichen, steckte er ihn auf den Hut und nahm von diesem eine üppige Staude Jochraute. »Das kann dir keiner geben von denen, die da sind!« flüsterte er ihr ins Ohr, und sie steckte den Büschel errötend an die Brust.

Der Jägerbursche hatte alles gesehen und gehört, noch einmal sang er sein Trutzliedl.

Das wäre sonst das Signal zu einer Rauferei gewesen, einige stämmige tirolische Holzknechte traten schon an Stanis' Seite, dieser war aber nur zu einem Handel mit Stinele aufgelegt, die Musik fiel wieder rauschend ein, und von neuem begann der Tanz. Indessen hatte sich Auer eingefunden, er fragte die Alte nach der Tochter, sie deutete mit dem Finger auf das Paar, der Alte verstummte, von dem, was sich seinem Auge zeigte, keineswegs sehr erbaut. Alles nimmt ein Ende, so auch der Tanz. Bursche und Mädchen suchten veratmend die Plätze, und Stanis führte Stinele an den Tisch zurück.

138 »Grüß Gott, Vater!« rief sie schon von weitem.

»Bist du Auers Tochter?« flüsterte Stanis.

»Hast du das nicht gewußt?« erwiderte sie heiter und eilte auf den Vater zu.

Stanis zögerte, einen Augenblick den Kopf senkend, ermannte sich jedoch rasch und trat zu den Eltern. Aug' in Auge standen die Männer, kein Zug jedoch verriet, was heute zwischen ihnen vorgegangen, der Tanzboden war neutrales Gebiet, wie die Kirche. Da neigte sich Stanis: »Herr Förster, ich dank' für den Tanz mit Eurem Stinele!« Dem Mädchen bot er die Hand, das den Druck arglos erwiderte. »Leb' wohl,« fügte er bei, »ich hab' noch einen weiten Weg, und muß jetzt gehen.«

Am nächsten Morgen holte Stanis sein Gewehr, das er unter einer Haselstaude verborgen, wieder hervor, und stieg in die Wände des Blauberges. Erst gegen Abend gelang es ihm, eine Gemse zu erlegen. In einer bayerischen Alpe mochte er nicht einkehren, zur nächsten österreichischen war es über den Schiltenstein 139 zwei gute Stunden, dazu bei der Dunkelheit halsbrechende Pfade; er besann sich daher nicht lange und suchte in einer verlassenen Hütte, wo die Bauern das abgefallene Laub bis zum Winter aufzubewahren pflegen, ein Nachtlager. Brot und Käse waren ihm Mittagskost und Abendmahl. Ein Hirtenbube hatte ihn beobachtet, wie er in das Laub schlüpfte, und es einem Jäger, der durch den Schuß alarmiert worden war, verraten. Dieser holte allsogleich seine Kameraden, die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen, als sie die Hütte rings umstellt hatten. Der kühnste kroch hinein, nahm Stanis' Gewehr und reichte es dem nächsten an der Thüre. Nun folgten zwei andere nach. Stanis lag im tiefsten Schlafe; als man ihm Stricke um die Hände wand, murmelte er von Stinele und dem Tanz. Die Jäger lachten höhnisch. Nachdem ihm jede Möglichkeit eines Entrinnens, eines Widerstandes geraubt war, schoß der Bursche, der ihn abends zuvor mit dem Trutzliedchen geneckt, den Stutzen neben ihm ab.

140 Er fuhr auf – welches Erwachen! Die scharfe Morgenluft gab ihm rasch die volle Besinnung, er schaute grimmig herum und biß knirschend in die Stricke, vergeblich. Als sie ihn mit dem Kolben vorwärts stießen, kam kein Laut über seine Lippen; wie die Wilden Amerikas hätte er sich lieber tot martern lassen, als seine Feinde um Schonung gebeten, und wär' sie auch mit einem Worte zu erlangen gewesen. Diesen Triumph gönnte er ihnen nicht. Da sang der Bursche das Trutzliedl von gestern und rief spöttisch: »Jetzt führen wir dich zu Stinele!« Er blieb stumm, aber in seinem Blick loderte tödlicher Haß.

Als sie die Straße erreichten, begegneten ihnen viele Leute, welche die Frühmesse besuchen wollten. Sie warfen einen mitleidigen Blick auf Stanis. »Haben sie ihn endlich,« sagte mancher, »der hat sich schlecht gebettet.« In einem Anger verzehrte eine Bäuerin mit ihren Kindern fröhlich das Morgenbrot, eine Schüssel dicker Suppe und Schmalznudeln zum Eintunken. »Da siehst du,« warnte sie den 141 älteren Buben, »wohin der Müßiggang führt.« Sie stand jedoch auf, um Stanis einige Nudeln zu schenken. Er konnte keinen Finger rühren; das gute Weib steckte sie ihm in den Schnappsack, den ihm die Jäger auf den Rücken gehängt hatten. »Gieb ihm nur Nudeln,« bemerkte der Bursche spöttisch, »auf der Plassenburg kriegt er viele Jahre keine mehr zu beißen.«

»Du bist auch nicht der Beste,« bemerkte die Bäuerin unwillig. »Man soll den Nebenmenschen nie spotten, wenn er sich nicht wehren kann.«

»Er hat uns lang genug getrutzt!«

»Warum habt ihr es ihm nicht gelegt, ihr seid halt für nichts. Geht, schämt euch, da schleppen vier solche Laggel einen Menschen gebunden daher, den sie im Schlaf überfielen; ihr habt wenig Ursach' zu einem Triumphgeschrei.«

Sie kehrte den Jägern verächtlich den Rücken.

Diese führten Stanis zu Auer. Er war ihr Vorgesetzter, er hatte über das Schicksal 142 des Gefangenen das Weitere zu verfügen. Die Dirne, welche an der Thüre stand, sagte ihnen, daß er in den Wald gegangen sei und erst in einer Stunde zurückkehre.

»Stinele.« rief der rohe Bursche, »Stinele!«

Das Mädchen hatte den Lärm längst gehört, ohne sich darum zu kümmern, jetzt beugte sie sich unwillig zum Fenster heraus. Ihr Blick begegnete dem Blick Stanis', entsetzt fuhr sie mit einem leisen Schrei zurück. In der Brust des Gefangenen schwoll Schmerz, Wut und Scham zur Riesenkraft, er drehte die Fäuste übereinander, die Knochen knackten, Blut rann über die Finger, die Bande waren gesprengt. Er entriß einem Jäger mit einem Griff sein Gewehr, schlug ihn mit dem Kolben nieder, überwarf den nächsten, die zwei anderen schossen in der Verwirrung ihre Büchsen ab, fehlten jedoch und liefen eiligst davon. Das war alles das Werk einer Minute. Stanis war frei, er flog die Höhe vor dem Haus hinan und sang, eh' er sich in das Gebüsch barg, droben noch einmal: 143

Wer die Raut'n mecht hab'n
Steig auf an der Wand;
An boarischen Jaga
Fallt's g'wiß nit in d' Hand.

Als der Jägerbursche ächzend, mit blutrünstigem Schädel bei der Bäuerin, welche Stanis die Nudeln geschenkt hatte, vorbeigeführt wurde, erkundigte sich diese um die Geschichte. Man erzählte ihr die Befreiung Stanis'. »Gott sei Dank!« rief sie aus, »es wär' schad gewesen um den saubern jungen Menschen: wenn er sich's nur zur Warnung nimmt und das Wildern aufsteckt. Du aber,« die Worte galten dem Jägerburschen, »sei ein andres Mal barmherzig und lob' den Tag nicht vor dem Abend.«


Woche um Woche verrann, niemand hörte mehr von Stanis, doch blieb er deswegen nicht vergessen: der Jägerbursche trug seinen Orden, für den er oft ausgelacht wurde, an der Stirn herum; vielleicht auch erinnerte sich Auer manchesmal seiner, obgleich er ihn nie nannte, ebenso wenig als Stinele, das wohl am öftesten an ihn 144 dachte. Sie konnte ein Gefühl der Unruhe nicht bewältigen, wem sollte sie vertrauen? Der Mutter? Diese war durch die Keckheit des Burschen, der anfänglich, eh' sie näheres von ihm wußte, einen günstigen Eindruck auf sie gemacht, tief gekränkt. Den Freundinnen? Die hätten sie wahrscheinlich in allen Spinnstuben herumgetragen. Was hätte sie schließlich thun sollen? War sie doch über ihr Herz selbst im unklaren, daß sie sich fest einredete, nur der Unwille rufe ihr das Bild des Wilderers vor die Seele.

Der Reif hatte längst schon die Zeitlosen versengt, nach einer Reihe klarer, kühler Tage meldete ein Herbststurm das Nahen des Winters, schwere Tropfen schlugen an die Fenster: mit einem Wort ein Wetter, in das man keinen Hund hinausjagen soll. Die Dämmerung brach früher als gewöhnlich an, Stinele saß in der Kammer, die ungestört hintenaus lag, denn sie sehnte sich nach Einsamkeit: da tickte es an die Glasscheiben, als suche ein Vögelchen Unterkunft. Sie machte rasch das Fenster auf; – 145 eine Hand ergriff den Querstab des Kreuzes, und eh' sie noch einen Schrei ausstoßen konnte, stand Stanis vor ihr. Er war blaß und abgemagert. Nachdem er der Betroffenen einen Augenblick zur Erholung gegönnt, begann er: »Stinele, wenn du alles weißt, wirst du mir verzeihen.«

»Du gehst schleunig, sonst rufe ich den Vater.«

»Thu' es, dann ist alles aus.«

Sie schwieg.

»Stinele!« er faltete dabei wie bittend die Hände, »Stinele, laß' mich wenigstens reden; gönnt man doch dem Verbrecher, der zum Galgen geführt wird, ein letztes Wort. Ich hab' alles aufgeboten, dich zu vergessen, alles. Es war jedoch unmöglich. Stets sah ich dich, aus jedem Busch' tratest du mir entgegen, in jedem Wölkchen, das vom Thal aufstieg, wallte dein Gewand, du glittest wie im Tanz an den Felswänden hin, Gemsen hab' ich seitdem keine mehr geschossen, obwohl mich ein prächtiger Bock fast niederstieß. Wie willst du's halten mit mir? sag nur ja oder nein. Von dir hängt es ab, ob ich untergehen –«

»Gott im Himmel!« unterbrach sie ihn heftig, »der Vater kommt –«

»Dann bin ich verloren!«

»Lauf' durch jene Thüre und spring' aus dem Fenster!«

»Stinele, jetzt weiß ich, daß du mich lieb hast!«

»Flieh, flieh!«

Die Tritte, die man zuerst unten auf dem Flur vernommen, näherten sich.

»Stinele, und wär's mein Tod, nur einen Kuß!«

Er drückte sie heftig an sich, sie leistete keinen Widerstand.

Eine Minute später schlugen die Büsche hinter dem Hause zusammen, er war dahin.

Der Vater öffnete die Thüre: »Was machst du denn für einen Lärm?« frug er. »Mir schien, als sei etwas Schweres auf den Boden gefallen. Du wirst bleich und rot, was ist denn mit dir, fehlt dir etwas?«

Das Mädchen schwieg, hätte doch ein Wort ihre Aufregung verraten können. Der Vater 147 fuhr fort: »Drunten in der Stube ist schon eingeheizt, ich hab dich holen wollen, daß du mir und den Nachbarn die neue Zeitung vorlesest.«

Sie gehorchte der Aufforderung.

* * *

Der Himmel klärte sich wieder, selbst im Hochgebirge schmolz die zusammenhängende Schneedecke und ließ nur in Runsen und Senken einzelne Fetzen zurück, die Buchenwälder hatten jedoch schon Rot angelegt, und zwischen den schwarzen Föhren stieg hier und da wie eine goldene Pyramide ein Lärchenbaum. Hoch oben durch den blauen Himmel flogen im langen Striche die Zugvögel dem wärmeren Süden zu, hie und da drang ein verlorener Ton herab und weckte tiefe Sehnsucht nach schönern Ländern. – Es war Allerheiligen. Längst hatte die Gemse ihr schwarzes Winterkleid angezogen; es schützt sie nicht vor der Kugel des Jägers, der sie jetzt besonders eifrig verfolgt. Stanis saß auf einer Bergspitze im milden, warmen Sonnenschein, die wundervolle Aussicht von der Spitze der Gletscher bis tief 148 ins bayrische Flachland kümmerte ihn wenig, sein Aug' war in das Thal gerichtet, durch das bläulicher Rauch floß, in das Thal auf das schimmernde Haus des Försters. Der alte Auer schlich näher und näher: die Büchse in der Hand, das Auge unverrückt auf den Wilderer, machte er jetzt wieder vorsichtig einige Schritte und blieb, wie sich jener regte, ruhig stehen. Endlich, nur noch einen Steinwurf weit entfernt, rief er mit lauter Stimme: »Stanis!« Dieser sprang, wie aus einem Traume aufgeschreckt, rasch auf und blieb, als er den Alten erblickte, unbeweglich stehen. Auer schritt langsam vorwärts, erst jetzt besann sich der Wilderer, riß die Büchse von der Schulter und wollte anlegen. »Laß sein,« sagte der Alte ernst, »ich hab' dich schon beobachtet, wie du beim Geläute während der Wandlung den Hut zum Beten abnahmst; hätt' ich dich schädigen wollen, es wär' mir ein leichtes gewesen. Leg' das Gewehr ab; siehst du, auch ich lehne das meinige an diesen Steinblock; ich bin gekommen, um mit dir friedlich zu reden.«

149 Erstaunt that Stanis, wie der Alte verlangt, und trat zu ihm.

»Ja, Stanis,« begann dieser, »ich hab' mit dir lang schon reden wollen und eine schickliche Gelegenheit erwartet, jetzt ist sie da, und meine Worte machen vielleicht Eindruck auf dich, weil wir hier Gott näher stehen und uns niemand hört, als Engel und Heilige, die heut' aus dem weit offenen blauen Himmel niederschauen. Du brauchst mir nicht zu sagen, wer du bist, ich kenne dich und du kennst mich. Auch dein Vater hat mich gekannt und 1809, wo ich gefangen und verwundet bei ihm auf dem Peinstroh lag, gepflegt wie ein Christ den andern. Er ist jetzt tot, ich hab' jedoch nicht vergessen, was ich ihm schuldig bin, sondern für ihn gebetet und eine Seelenmesse lesen lassen. Jetzt will ich an dir vergelten, was er an mir gethan, und an seiner Statt dir in das Gewissen reden. Willst du ihm noch in der Grube Schande machen? Ich weiß, zuverlässige Zeugen haben mir es bestätigt, daß du sonst Jahr aus Jahr ein brav bist, als Bauer und Büchsenmacher 150 unverdrossen arbeitest; nimm dich zusammen und gelobe, nie mehr zu wildern. Es ist Diebstahl« – Stanis fuhr auf – »ja Diebstahl, wie ein anderer. Du würdest dich schämen, von einem Bergmahd auch nur eine Hand voll Heu fortzutragen, und doch läßt es der liebe Gott wachsen ohne Zuthun des Menschen. Wenn du nachdenkst, kannst du dich bei der einfältigen Ausrede, das Wild sei für jeden, der es erlegt, nicht beruhigen. Siehst du dort den Bach, der durch das Thal rinnt? Kehr' ihn ab, so werfen dir die Müller wegen Verletzung des Eigentums einen Prozeß an den Hals, und was ist freier als das Wasser? – Du bist noch jung, Stanis, es wär' schad' um dich! Es ist mir nicht entgangen, in deiner Brust lebt noch ein edler Funke, blas' ihn nicht selber aus, ich beschwör' dich beim Grabe deines Vaters, ich bitte dich bei deinem eigenen leiblichen und geistigen Wohl!«

Stanis war so erschüttert, daß er kein Wort zu stammeln vermochte.

»Willst du mir folgen? Schlag' ein und 151 zieh' in Frieden!« Er hielt mit einem milden, treuherzigen Blick die offene Hand hin.

»Ja, ich will!« rief Stanis, der sich indes gesammelt hatte, »ich will, aber stell' du, nachdem du so viel für mich gethan, auch noch den Engel an meine Seite, der mich vor jeder Versuchung schirmt.«

»Der Schutzengel hat dich ja nie verlassen, das beweist alles, was dir widerfahren ist.«

»Ich mein' das Stinele!« sagte Stanis tief aufatmend.

»Das Stinele? Nu, du hast eine spaßige Manier, um ein Mädel zu werben. Uebrigens müßt' noch die Mutter und hauptsächlich Stinele ja sagen.«

»Die hat schon ja gesagt!«

»Hm!« brummte der Alte, »hätt' mir's doch denken können, daß sie verschossen ist! So ist's aber mit den Diendeln. Sind alle gleich, eine verdreht wie die andere.« Er wendete sich wieder zu Stanis. »Das Gernhaben gehört freilich zur Heirat, aber auch noch viel anderes. Du bist der zweite Sohn: – wirst 152 schon ein bißchen geerbt haben; ein bißchen kriegt Stinele, wenn ich die Augen zudrücke, von mir, das ist aber zu wenig.«

»Hab' ich nicht gesunde Glieder zum Arbeiten? Die Büchsenmacherei trägt auch etwas, und ein Gesell wird endlich Meister.«

»Endlich! wär' schon recht. Wenn dir gar so ernst ist, weiß ich aber etwas anderes. Meld' dich beim Forstamt, dort braucht man Leute, und du wirst vielleicht bald als Gehülf' angestellt. Bist noch jung, Stinele und du könntest einige Jährchen warten, unterdes bringst du's zu einem bessern Brot und dann meinetwegen Amen. Aber brav sein mußt'.«

»Auer, da hast meine Büchse, ich will sie nimmer anrühren, bis du mir sie selber giebst. Jetzt müssen wir aber zum Stinele und ihr die Neuigkeit melden, das arme Mädel hat sich viel gekümmert.«

»Ei der Teufel, du hast Eil'. Den Schießprügel magst übrigens selber tragen, auch ist's bald Mittagszeit; die Alte hat schon so viel gekocht, daß du mithalten kannst.«

153 Stinele pflückte im Garten Blumen und Kräuter, wie erschrak sie, als sie beide daherkommen sah! Kaum traute sie ihren Augen, was mußte vorgegangen sein! War Stanis gefangen? Dann würden sie schwerlich so friedlich mit einander reden, er böte ihr nicht von weitem ein lachendes »Grüß Gott!« Während der Vater in das Hans ging, seiner Alten Bericht zu erstatten, trat er in den Garten und schüttelte ihr die Hand, unbekümmert um die ganze Nachbarschaft, als ob alle Vettern und Basen bereits wüßten, wie es zwischen ihnen gemeint sei. »Laß jetzt das Kranzelflechten für Allerseelen«, rief er fröhlich, »nachmittags helf' ich, da geht's schneller, mir steckst noch einen Büschel Blumen auf den Hut.« Nun erzählte er ihr, was geschehen und wie sie sich nun der ganzen Welt als Brautleute zeigen dürften.

Das Mädchen senkte ungläubig den Kopf, ihr schien sein ganzes Gerede ein kindisches Märchen, ein schöner Traum, aus dem man in eine schreckliche Wirklichkeit erwacht. Da stieg der Vater über die Treppe, das Mütterchen 154 begleitete ihn, sorgsam mit der Schürze die Hände wischend, an den rußigen Küchenzettel auf der Wange dachte sie gar nicht, ihre Züge waren sonnenhell und heiter. »So laß ich es mir gefallen, Stanis«, sagte sie herzlich, »wenn du so in das Haus kommst!«

Stinele perlten die Freudenthränen auf das Busentuch. »Ist's wirklich so?« rief sie erstaunt.

»Ja, ja, es ist so,« erwiderte der Alte, »ich hoffe, Stanis thut in Zukunft gut!«

»Ganz gewiß!« meinte Stanis, »Stinele, da heb' du meine Büchse auf, bis ich ordentlich angestellt bin und sie von Rechts wegen tragen darf.«

»Jetzt ratscht aber nicht bis morgen,« unterbrach ihn Auer, »ich möchte eine Suppe, und die Dienstboten passen auch schon lang und können nicht von der Lieb' zehren!«

»Derweil die Mutter anrichtet,« sagte Stanis, »binden Stinele und ich einen schönen Strauß, heut' gehört einer auf den Tisch.«

Die Alten kehrten in das Haus zurück, das 155 junge Paar flatterte wie Schmetterlinge von Aster zu Aster, von Nelke zu Nelke, und wenn es sich in die von Ranken umsponnene Laube verlor, so wird es wohl nicht bloß Blumen, die der Reif verschont, sondern auch einige Küsse gepflückt haben. Wenigstens erzählte man so im Wirtshaus zur Glashütte, wo die Jäger den Burschen mit der Schramme an der Stirn aufzogen und föppelten. Der aber sang:

»Eine andere Mutter
Hat auch ein schön's Kind.«


Es sind einige Jahre verflossen, der Leser begleitet mich wieder in eines der zahlreichen waldigen Seitenthäler. Zwischen den Bäumen erhebt sich ein zierliches Häuschen aus braunen Balken mit einem hölzernen Hirschkopf über dem Söller, den Astern, Kapuzinerkresse und Windling schmücken; das Geräusch unserer Tritte auf dem steinigen Wege ruft ein schönes junges Weib heraus, ein starker Bube hängt an ihrer Schürze, auf dem Arme trägt sie ein herziges Mädchen.

156 »Das ist nicht der Großvater,« sagt sie zu den ungeduldigen Kleinen und will umwenden.

»Wohnt hier der Forstwart Stanis?«

»Ja,« erwidert sie freundlich, »er muß in einem Viertelstündchen kommen, er ging dem Vater entgegen, den wir heute erwarten. Wollen Sie nicht eintreten?«

Kehren wir ein, es ist ein Bild des reinsten Friedens und der Liebe, das sich vor uns entrollt, und da naht auch Stanis und Auer.

Sie laden uns ein, bei ihnen zu rasten, wir müssen aber vorwärts schreiten mit dem Tage, daß uns der Abend nicht in der Wildnis überrasche. Seid glücklich, ihr guten Leute: wir haben euer kleines Hauswesen angeschaut, in die Küche geguckt, wo am stattlichen Feuer Kartoffeln und Selchfleisch brodeln und sich die Kinder schäkernd in blanken Zinntellern spiegeln; wir sind durch die Stube gegangen, deren Wände allerlei Geweih, der Stolz des jagdkundigen Stanis, schmückt; noch einen Blick ins Gärtchen, wo uns Stina aus späten Nelken, Astern und Rosmarin ein Sträußchen bindet: – behüt' 157 euch Gott, ihr lieben Leute, mögen die hohen Wälle der Alpen euren Herd schützen, daß nicht Mißgunst und Neid herüberschauen; mögen die dunklen Föhren den schrecklichen Lawinen wehren und in ihrem Schatten eure Kinder gedeihen, wie Stanis und Stina: kernig und frisch, brav und gediegen!

 


 

II.
Die Tochter des Zöllners.

Behüt' Gott – auch uns, denn wir brauchen es. Steiler klimmt der Pfad empor, überspringt wieder Runsen, durch die Bäche zürnend rauschen, und verliert sich endlich zwischen Platten und Blöcken eines grauen Kalkes, auf deren Oberfläche hie und da Zickzacklinien sich hinschlingen: Versteinerungen, Zeugen des reichen Lebens, das hier waltete, als noch die Wogen des Urmeeres über die Berge rannen. Alles öde und erstarrt; eine schwarze Viper richtet den Kopf empor und betrachtet uns mit blitzendem Auge; aus einer Spalte glotzt der ekelhafte Salamander und streckt sich auf den kurzen Beinen; 158 das harte Gestein klingt unter den schweren Schuhen und der Eisenspitze des Bergstockes. Das ist ein Platz voll Grauen: entsetzlich mag es bei Nacht sein, wo der Sturm um die Zacken saust und der feuchte Nebel durch die Schluchten fliegt. Unter diesen Steintrümmern kreuzen sich die Pfade der Wilderer; in jener Mulde ragt zwischen Wachholdergebüsch der verkohlte Schutt einer Branntweinhütte empor, die eines Nachts in Flammen aufloderte, man weiß nicht wie und warum. Heimlich munkelt man: Schwärzer hätten hier ihre Waaren verborgen; als sie jedoch erfuhren, sie seien den Finanzlern verraten und umstellt, lieber das Dach angezündet, als die Ballen ausgeliefert. Von hier geht ein Fußpfad in die Riß. Etwas westlicher stürzt eine Felsenwand steil gegen das Thal ab; Geröll liegt an ihrem Fuße übereinander; droben am Grat erhebt sich ein braunes Kreuz, dessen Balken in vergoldete Knäufe enden; ein schmaler Rasenstreif führt schräg hinan, bricht jedoch bei einem zackigen Vorsprung plötzlich ab. Weil sich die Wand 159 bereits über die Holzgrenze erhebt, ist sie mit einer blutroten, ziemlich seltenen Flechte geziert; eine kleine Schutthalde droben schmückt der seidene Alpenmohn; zwischen den Steinen quillt eine rötliche Kreuzblume hervor, die man sonst in den Pyrenäen trifft.

Du möchtest sie pflücken, Freund?

Bleib' unten; da klettert nicht einmal mehr eine Gemse, seit die österreichische Regierung den Pfad mit Pulver wegsprengen ließ, um das Schmuggeln zu hindern.

Aber das Kreuz, was bedeutet das?

Begleite mich noch bis zu jenem Rasen, dessen Grün mitten in der grauen Wüste das Aug' anzieht. – So! – Von hier überblicken wir ein schluchtartiges Thal, drunten rauscht der Bach und dort draußen – siehst du? – steigt Rauch von Kohlenmeilern. Die Felsennase mit den struppigen Zundern schneidet uns die Aussicht in die Scharnitz ab, die fern an der Isar liegt. – »Das Kreuz?«

Setzen wir uns nieder. Auf demselben Plätzchen rastete vor einigen Jahren der Hois 160 aus Allbach. Ein frischer, lustiger Bursch, der auf dem spitzen Hut die Hahnenfeder und am Finger den schweren silbernen Schlagring trug, hatte er sich als Holzknecht in die Riß verdingt, und weil gerade Feierabend vor Peter und Paul war, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, aus dem Thal etwa eine Stunde emporzuklettern und nach der Scharnitz, von der er manchmal gehört, zu spähen. Er wußte, am Festtag sei beim Michelwirt Musik und Tanz, und obwohl er bei seinen beschränkten Mitteln nicht hingehen konnte, hatte vielleicht auch diese Nachricht beigetragen, daß er sich hier befand.

»Das Hinabschauen nutzt dir nichts!« unterbrach plötzlich eine rauhe Stimme seine Betrachtung. Hinter ihm stand der Branntweinler, einen Sack Beeren über der Achsel, das graue stechende Auge forschend auf ihn geheftet.

»Hinüber kann ich nicht,« erwiderte jener mit einem Anflug von Unmut. »du weißt, das Schmalz ist teuer, der Lohn klein, höchstens trägt es bei nur hie und da ein Stamperl Enzeler.«

161 Der Branntweinbrenner zog die buschigen Brauen zusammen und zuckte spöttisch mit der Lippe: »Ja, wenn du ein Kerl wärst!«

»Willst etwa robeln?« rief Hois zornig und sprang auf.

»Das nicht,« erwiderte jener und fuhr nach einer Pause, wo er ihn pfiffig anblinzelte, fort: »Ja, wenn du ein Kerl wärst! So traust du dich nachts nicht vor die Thür, als ob dich der Teufel Lüftens holte und könntest doch manchen Thaler verdienen.«

Hois trat erstaunt einen Schritt zurück.

»Manchen harten Thaler, ja! Dein Rücken ist breit genug dazu. Willst du?«

»Ob ich will? Doch du hast mich nur zum Narren!«

Der Branntweinler zog einen schmutzigen Beutel, nestelte die Lederriemen auf und reichte Hois 3 Kronen. »Hier das Drangeld.«

Dieser stand da, die Hand vor sich hinstreckend, auf der die Thaler lagen. Er wußte kein Wort zu sagen.

»Ist's dir zu wenig? Oder meinst du, es sei 162 Teufelsgeld, das wie Buchenlaub zusammenschrumpft?«

»Das nicht,« erwiderte Hois nach einigen Besinnen, »aber was muß ich denn thun?«

»Zuerst steck' das Geld ein!« – jener gehorchte mechanisch, – »und dann: Kannst du das Maul halten?«

»Als wär's mir zugeleimt!«

»So geh' mit!« Der Branntweinler schritt voran. »Wenn du nicht willst,« murmelte er vor sich hin, »nun so wird man es dir schon stopfen mit einer Hand voll Erde.«

Sie gelangten zur rußigen Hütte. Der Branntweinler holte aus den Stauden einen plumpen Schlüssel und öffnete. »Heut' mußt du bei mir bleiben,« sagte er grinsend zu seinem Gast, »ich werd' dir schon ordentlich aufkochen.«

Bald loderte ein Feuer auf dem Herd, in einem Kessel wurde Gemsfleisch zugesetzt, das der Branntweinler schwerlich beim Förster Neuner gekauft hatte.

Es war Nacht geworden. – –

Da erscholl plötzlich ein eigentümlicher 163 Pfiff, dem ein anderer antwortete, der Branntweinler schob den Fensterladen zurück und gab ein Zeichen. Hois war aufgesprungen.

»Fürchtest dich, Büblein?« fragte jener spöttisch und öffnete die Thür. Ein Mann mit geschwärztem Gesicht schob sich herein und warf einen schweren Ballen von der Schulter. Als er Hois sah, stutzte er und blickte den Branntweinler vorwurfsvoll an. Dieser verstand ihn alsogleich und sprach: »Ist ein armseligs Holzknechtl, das in Zukunft mit euch thun will.«

Nun kam noch ein anderer Schwärzer. Sie setzten sich an den Tisch, Hois zu ihnen. In der hellen Beleuchtung angezündeter Kienspähne, die man an einem Eisenring befestigt, erkannte er trotz des Anstriches mit Kohlen bald einen Holzarbeiter, mit dem er schon seit einigen Wochen Bäume gefällt, und war nun getrost. Der Branntweinler legte das dampfende Gemsfleisch in eine Schüssel von Zirmholz und füllte die Kelchgläschen mit Schnaps. Gesprochen wurde ganz leise, ein Schwärzer spähte von Zeit zu Zeit durch eine Luke hinaus. 164 Endlich erhob er sich: »Der Mond steht hinterm Falkenkor, jetzt geht!«

Alle erhoben sich rasch, besprengten aus einem irdenen Töpfchen die Stirn mit Weihwasser und warfen die Ballen auf den Rücken; der Branntweinler schob den Tisch bei Seite, öffnete eine Fallthür und zog mit einem Haken einen schweren Ballen hervor. Hois begriff ihn schnell und nahm die Last.

So traten sie aus der Hütte. Einer ging etwa hundert Schritt voran, die andern folgten je in Abständen von dreißig Schritten. Jener gab von Zeit zu Zeit ein Zeichen, wie den Ruf eines Nachtvogels oder wilden Tieres; die anderen horchten ängstlich und eilten dann wieder vorwärts. Die Waldblößen umschlichen sie sorgfältig. Nach zwei Stunden standen sie an der Ecke ober dem Kohlenmeiler, der Führer that einen grellen Pfiff, aus der Tiefe knurrte es, als führ' ein Dachs zu Bau. Von diesem Platz an gingen sie zusammen; sie wußten, daß die Patrouille der Finanzler auf den Strich gen Mittenwald, also weit von ihnen entfernt 165 sei. Rüstig eilten sie vorwärts bis zum alten Festungsgraben, der, tief mit schlammigem Wasser gefüllt, sich von einer Bergwand zur andern zog und am Innenrand noch mit einer Reihe Pallisaden befestigt war, so daß man weder hinübersteigen, noch etwas hinüberwerfen konnte.

»Leg' ab,« sagte der Führer, sich zu Hois wendend, »hier thätst ersaufen, weil du die Gelegenheit nicht kennst. Morgen gehst du hierher, da siehst du an der letzten Pallisade etwa einen Schuh unter Wasser eine Sprosse, auf diese mußt du treten und die Pallisade mit dem rechten Arm erfassend dich links durch die Luke schwingen. Dann packst du mit der freien Hand die Zundern, die vom Felsen niederhängen, und schaukelst dich leicht über das Wässerlein. Aber schau dir alles gut an, probier's auch heimlich bei Tag; denn ich möcht' keine Schuld haben, wenn du etwa drauf gingest. Fast hundert Schritt von hier triffst du einen Stadel mit Heu, dort kannst schlafen; in der Früh gehst du durch das Thor der Schanze und wünschest dem kaiserlichen Adler von uns höflich einen 166 guten Morgen. Dann suchst den Michelwirt, – kannst nicht fehlen, es ist ein Hirsch auf dem Schild – und sagst zur Kellnerin dreimal: ›Guggusalala!‹ Das versteht sie und führt dich zu uns in die Stube. Also sei nicht dumm, Kerl, behüt' dich Gott.«

Ein leises Plätschern, die unheimlichen Gestalten waren verschwunden.

Hois that, wie ihm befohlen. Als er am nächsten Morgen erwachte, war ihm alles wie ein Traum, er rieb die Stirn und trat ins Freie. Dort erhob sich die Brustwehr der Schanze, die Pallisaden davor, er konnte der Versuchung nicht widerstehen, und schlich an den Platz, wo er gestern Abschied genommen. Er traf alles, wie man es ihm beschrieben, machte auch einigemal die immerhin gefährliche Probe überzusetzen und es gelang. Dem Auftrag getreu kehrte er jedoch wieder um, stieg zur Straße nieder und ging dann durch das Pförtlein neben dem Schlagbaum.

Ein Finanzler stand vor der Thür des Amtes. »Wohin, Landsmann?« rief er ihn an.

167 »Aus der Riß, bin dort Holzknecht und möcht' heut tanzen.«

»Hast kein Tabak?«

»Ja!«

»Her damit.« Er streckte gierig die langen Finger aus.

Hois zog eine Rindsblase, worin er den Tabak verwahrte, und reichte sie ihm.

Der Finanzler roch hinein und warf sie enttäuscht zurück. »Das ist ja kaiserlicher!« brummte er, »den darfst du schon haben. Sind dir in der Riß keine Schwärzer begegnet?«

»Ja, wie sehen denn die eigentlich aus?« fragte Hois und schnitt ein unsäglich dummes Gesicht.

»Esel!« rief jener, »solltest du etwas davon hören, teil' es pflichtschuldigst dem kaiserlichen Amt mit, du kriegst ein Trinkgeld dafür.«

»So,« meinte Hois, »wie viel denn etwa?«

»Wenigstens einen Gulden!«

»Kann's nit verdienen, bin's nit würdig,« erwiderte er kopfschüttelnd und dachte dabei an die drei Kronenthaler, die in seinem 168 Ledergurt steckten. Er ging nach kurzem Gruß weiter.

Im Wirtshaus führte man ihn in eine abgelegene Kammer, dort lagen seine Gefährten auf der faulen Haut. Gähnend richteten sie sich auf und gingen dann mit Hois zum Hochamt, wobei sie den Opferstock nicht vergaßen, weil es nachts so gut geraten. Nach dem Segen wurden sie von den Scharnitzern auf das freundlichste begrüßt, jeder kannte sie und wußte, warum sie da seien. Auf Hois fielen einige neugierige Blicke, er achtete es aber nicht, sondern starrte unverwandt auf die Kirchthüre.

Ein sauberes Mädel trippelte heraus; Hois holte tief Atem, sie hob das Auge und senkte es errötend nieder. Dann schlich sie zu einem Grab und spritzte mit einem Buchszweig, der in der Schale lag, Weihwasser darauf. Am Gitter wendete sie noch ein wenig den Kopf, Hois hatte es wohl bemerkt. Als sie hinter der Friedhofmauer verschwunden war, trat er zum Grab, das sie besprengt. Ein schlichtes Kreuz erhob sich darauf mit der Inschrift: 169 »Dem frommen Andenken der Frau Barbara Ersching, Finanzaufseherin, geboren am 9. Juli 1788 zu Kufstein, gestorben nach kurzer Krankheit mit allen heiligen Sterbsakramenten versehen am 12. April 1814.«

Hois vermutete, daß hier die Mutter des Mädchens liege, er konnte sich nun auch manches in ihrer Tracht erklären, was nicht zu jener der Scharnitzerinnen stimmte. Der Unterländerhut mit der Goldquaste hatte in der Kirche seinen Blick angezogen, bis ihn das reizende Gesichtchen, um das sich braune Zöpfe zierlich schlangen, ganz fesselte.

Er ließ von seiner Unruhe nichts merken und kehrte mit den andern ins Wirtshaus zurück. Einige Scharnitzer begleiteten sie. Von ihrem Gespräch verstand er nichts, denn sie redeten im Jargon der Schwärzer, so daß ein Unkundiger zuhören konnte, ohne zu erraten, um was es sich handle. Als der Wein reichlicher floß, weihten sie auch ihn in ihre Geheimsprache ein. Es wurde ausgemacht, daß sie nach Mitternacht mit den Ballen aufbrechen 170 und dieselben auf Schubkarren bis Ziel führen sollten, wo sie der Kaufmann Lindober, für den sie bestellt waren, erwartete. Den Rückweg wollten sie dann, um keinen Verdacht zu erregen, über die Galtalm nehmen. Hois erhielt die Weisung, zum Branntweinler vorauszueilen, diesem den Erfolg zu melden, damit er neue Aufträge über die Grenze schicken könne, und dann zu harren, bis die ganze Bande wieder einträfe.

Sie gingen nun in die Wirtsstube zu essen. Der Wirt kannte seine Gäste und trug auf, was gut und teuer war. Große Klöße schwammen in der fetten Suppe, auf dem Kraut dufteten Schweinsrippen, Mohnkrapfen wurden mit Wein angefeuchtet. Hois war es nie so wohl gewesen, dennoch richtete sich sein Blick oft gedankenvoll nach der Thür und von der Thür zur hölzernen Wanduhr, deren langer Perpendikel im gemessenen Takte hin und her schwang. Die Vesper war vorüber, die Musikanten, welche soeben zur Ehre Gottes ihren Tusch auf die Köpfe der Bauern hinabgeschmettert, 171 erschienen und nach ihnen die Scharnitzer Bauern mit Buben und Mädeln. Beim ersten Geigenstrich begannen sie mit einem Ernst drauf loszutanzen, als wär' es ihre tägliche Arbeit und nicht ihr Vergnügen. Auch die Schwärzer sprangen in den Reigen; nach Hois, dem schmucken Jungen aus dem Unterlande, guckte manches Diendl, er aber blies Dampfwolken aus der Pfeife, ohne sich, wie es schien, darum zu kümmern.

Die Musik verstummte wieder, alles kehrte veratmend an die Tische zurück. Da öffnete sich die Thür: als ob nach der Sage ein Engel über die Versammlung flöge, verstummte plötzlich das laute Gemurmel, der Zöllner trat mit seiner Tochter ein. Während er einen Platz zu suchen schien, musterte er die Gesellschaft, drehte den grauen Schnauzbart zwischen den Fingern und setzte sich endlich zu einem alten Bauern. Er hatte Hois augenblicklich erkannt. Als er es unbeachtet thun konnte, winkte er ihm, stand auf und ging zur Thür hinaus. Hois folgte ihm. Der Zöllner hatte sich in 172 den Schatten des Ganges gestellt, Hois, der vom Licht geblendet war, wollte an ihm vorüberhuschen, er packte ihn jedoch am Arm und flüsterte: »Weißt du, wer die sind, mit denen du trinkst?«

»Einer ist ein Holzknecht, die andern hab' ich heut zum erstenmal gesehen!«

»Nun, das sind berüchtigte Schwärzer.«

Hois trat scheinbar betroffen zurück und rief: »Was du nit sagst!«

»Ganz gewiß!« fuhr der Zöllner fort, »gieb acht auf diese Leute, da könntest du vielleicht einen Gulden verdienen!«

Der Zöllner, der selbst das Wirtshaus nur besuchte, um zu spionieren und Worte aufzufangen, die ihm auf eine verdächtige Fährte helfen konnten, ahnte bei der jahrelangen Gewöhnung an dieses Geschäft gar nicht, wie sehr Hois über den Antrag, Leute, mit denen er Brot aß und Wein trank, zu verraten, innerlich empört war. Dieser schwieg jedoch vorsichtig und ließ den Alten in den Saal voraus.

Als die Musikanten wieder stimmten, ging 173 auch er hinein und forderte des Zöllners Kathi zum Tanz. Die beiden verstanden sich bald und trennten sich für den Abend nicht mehr.

Nur einmal störte ein Schwärzer Hois, indem er ihn heimlich zupfte und ins Ohr flüsterte: »Verplausch' dich beim Alten nicht; das ist ein böser Spitzel. Vielleicht kannst du aber von ihm oder dem Diendl was erfratscheln, was uns nützt.«

Die jungen Leute wurden vertrauter, Kathi's Herz ging desto leichter auf, da ihr ein so schmucker Bursch' aus dem lieben Unterland in zärtlichen Anspielungen zuflüsterte, was sein Auge offen aussprach und sie nur zu gern glaubte. Unterdes erkundigte sich der Alte um Hois; vom Holzknecht hatte er bald erfahren, daß er als einziger Sohn eines Allbacher Bauern Aussicht auf ein unverschuldetes, wenn auch kleines Gütchen habe.

Das wäre dem Alten, der sich sein Lebtag geplagt und nie auf einen grünen Zweig gekommen war, ganz recht gewesen; in seliger 174 Weinlaune dachte er bereits daran, wie er einst als Pensionist im Oberstübchen des Bauernhauses sitzen und es bei seinen Enkeln bequem haben werde. Er vergaß völlig zu lauschen und zu horchen, bis ihn der letzte Tusch, welcher den Kehraus verkündete, aus seinen Träumen weckte. Hois faßte Kathi bei der Hand, ihr Blick gab ihm Mut: er sagte halblaut: »Machen wir gleich richtig!«

Sie zuckte mit der Hand, ohne sie ihm zu entziehen, und flüsterte die Stirn gesenkt: »Du bist gar zu unverschämt.«

Da klopfte ihm der Alte auf die Schulter.

Hois sagte laut: »Morgen geh' ich um acht Uhr in die Riß.« – Das galt dem Mädchen. »Vielleicht,« – er wandte sich an den Zöllner, – »gelingt es mir, Euren Gulden zu gewinnen. Ihr habt wohl nichts dagegen, wenn ich bisweilen am Sonntag in die Scharnitz zur Messe geh' und dem Diendl da ein Sträußlein Almrosen bringe.«

»Alles in Ehren,« schmunzelte der Alte, »alles in Ehren!«

175 »Alles in Ehren,« sagte Hois zu Kathi und drückte ihr noch einmal die Hand.

Die Tänzer verließen den Saal. Hois setzte sich wieder zu den Schwärzern und erzählte ihnen lachend, daß ihn der Zöllner als Spion habe dingen wollen. Er werde ihn aber gewiß papierln. Dabei nannte er Kathi's Namen freilich gar nicht.

Jene brachen um Mitternacht auf, er stieg ins warme Heu und schlief, umspielt von den Nachklängen der Musik, bald ein.

* * *

Die Sonne schien bereits durch die Luken des Schindeldaches, als Hois auf seinem Lager erwachte. Er guckte durch die Spalte auf die Kirchenuhr, der Zeiger rückte gegen acht. Rasch fuhr er in die Kleider, ging an den Bach, sich zu waschen und kämmte die Halme aus den Haaren. Er überdachte die Ereignisse des letzten Abends, sein Kopf war wüst; an Zucht und Ordnung gewöhnt, machte er sich innerlich Vorwürfe über sein tolles Treiben und würde wahrscheinlich voll innern Haders in die Berge 176 geschlichen sein, hätte nicht Kathi's Bild auf die verworrenen Eindrücke ein rosiges Licht geworfen. Das leichte Blut des Unterländers schied bald die fremdartigen Stoffe aus, er schlug ein Schnippchen, schnalzte mit der Zunge und ging dem Wall zu, um den Graben auf dem Schwärzersteig zu überspringen. Es wäre ihm zwar die Straße, breit genug für zwei Wagen, offen gestanden, er wollte jedoch mit dem alten Finanzler, den er bereits am Thor lauern sah, nicht zusammentreffen.

Sorgfältig spähend schlich er durch die Stauden, in einem einspringenden Winkel des Walles erblickte er Kathi. Sie saß, ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen, auf einem Steine, gegen die Straße standen hohe Disteln, deren Flaum im Windhauch spielte.

»Guggusalala!« rief er halblaut.

Sie zog bei diesem Gruß unwillig die Brauen zusammen und ließ das Strickzeug, mit dem sie sich zu beschäftigen schien, auf den Schoß sinken.

»Du hast mich ja gar schon erwartet!« begann Hois.

177 Rasch erhob sie sich und blickte ihn ernst an. »Erwartet, ja!« sprach sie, »aber nicht, um mit dir zu lallen und zu trallen, du leichtsinniger Herrgottsbua, sondern dir ins Gewissen zu reden.«

»Nu nu!« erwiderte er lachend, »predigst du schon vor der Hochzeit? Aber thu's halt; wenn du mich hinterdrein mit einem Bussel absolvierst.«

»Hör' auf mit deinen Faxen, wo's Blut und Freiheit gilt. Meinst du, ich habe deinen Verkehr mit dem Raben, dem verwegensten Schwärzer, nicht beobachtet? Ich möcht' schwören, daß du vornächten einen Ballen Tabak übers Joch trugst – oder nicht?«

Hois schwieg mit einem langen Gesicht.

»Es ist so! Ich bin zwar des Zöllners Tochter, weiß aber manchmal mehr als mein Vater; wenn ich die Leute ans Messer liefern möchte, könnt' ich's oft, ich mag der Regierung keinen Gefallen thun. Geht doch ohnedem so mancher zu Grund! Darum laß dein Gewerb, ich warne dich aus christlicher Nächstenlieb'.«

178 »O du liebe, christliche Nächstenlieb', wie dank' ich dir,« erwiderte Hois mit einem leichten Anflug von gutmütigem Spott, »hast wohl etwa den Raben auch schon gewarnt?«

Das Mädchen schlug errötend die Augen nieder.

»Es ist eigentlich schon wahr, was du sagst,« fuhr er nach einer Weile fort, »für einen Ehemann thät so ein Geschäft nicht taugen. Noch bin ich aber ledig. Im Herbst heiraten wir und bis dort will ich dir noch eine prächtige Ausstattung zusammenbringen. Nachher gehör' ich dein – und jetzt ziehst mir kein schüches Printscherl mehr.« Ohne ihr noch ein Wort zu gestatten, umschlang er sie, drückte einen langen Kuß auf ihre Lippen und enteilte ins Gebüsch.

Noch einmal teilte er die Zweige der Erlen und rief zurück: »Am Sonntag einen Almstrauß.«

Sie ging bedenklich dem Hause zu, er aber sang noch von der Ecke herab:

Am Sonntag a Sträußl,
    Das bring i der Braut,
Und mit Busseln muß i zahln
    Am Schlagbaum die Maut.

179 Hois war bald einer der kühnsten und schlauesten Schwärzer, sein Geschäft als Holzknecht diente ihm fast nur als Vorwand, daß er sich, ohne Verdacht zu erregen, in der Wildnis aufhalten konnte. Bisweilen erschien er beim Zöllner, dieser fragte ihn, ob er nichts von den Schwärzern wisse, oder wohl gar selbst schwärze? Dann zog er wohl eine Flasche Enzeler aus der Tasche oder holte einen prächtigen Strauß Alpenblumen, den er Kathi überreichte und sagte spöttisch, das sei alles, was er schwärze. Als er mit ihr allein war, wollte er ihr ein seidenes Halstüchlein. das er eingeschwärzt, schenken, sie wies es fast schauernd zurück, nur die Blumen nahm sie.

Die Finanzler machten seit etlichen Monaten sehr schlechte Geschäfte. Kaum gelang es ihnen, hier und da einem armen Bäuerlein eine kleine Düte Salz oder Tabak abzunehmen, die es in der Meinung, niemand werde um solche Bagatellen fragen, zu Mittenwald eingesteckt. Alle Streifzüge schlugen fehl; wenn sie zu hinterst im Karwendel paßten, hörten sie wohl spöttisches 180 Jauchzen am Grat gegen Gleirsch, es mußten Schwärzer sein, die einzuholen ganz unmöglich war, weil sie einen Vorsprung von wenigstens zwei Stunden hatten.

Vergebens suchte der Zöllner Hois auszuforschen; der lachte ihm bei jeder Frage ins Gesicht und antwortete ihm höchstens, daß er lieber an Kathi, als an die Maut denke. Allmählich stieg jedoch jenem Verdacht auf; ein oder das andere Wort, welches er zufällig im Wirtshaus erhascht, bestärkte ihn darin und er beschloß, scharf acht zu geben. Abends, als der Enzeler seine Zunge gelöst, brummte er vor sich hin: »Gut wär' der Schnaps, wenn nur der Hois keinen Streich macht!« Kathi blickte ihn erschrocken an.

»Ja, ja,« fuhr er fort, »ich muß es dir gradaus sagen, ich möcht' zehn gegen eins wetten, der Kerl schwärzt und ist vielleicht der Rädelsführer.«

Das Mädchen wußte nichts, ihn zu verteidigen.

Der Zöllner sagte nach einer Pause: »Es 181 wär' mir recht unlieb, wenn wir auf einem verbotenen Steig zusammenwüchsen, recht unlieb wär's mir und zwar deinetwegen. Ich hab' schwerlich noch was zu erwarten, bin schon zu alt und trotzdem, daß ich mich im Dienst abgeraggert, wird man mir ein Protektionsbüblein vorschieben, aber du liegst mir am Herzen. Warn' ihn, laß jedoch von mir nichts merken, sonst komm' ich noch um die paar Groschen Pension.«


Etliche Tage darauf klopfte es an Kathis Fenster. Dieses ging rückwärts auf den Wall und war, weil das Gebäude vordem zur Festung gehörte, stark vergittert. Wie gewöhnlich schwang sich Hois in die Nische der dicken Mauer, um mit Kathi einen Augenblick durch die Eisenstäbe zu plaudern, ehe er in die Stube ging, wo er sie nur in Gegenwart des Vaters sehen konnte.

Scherzend ergriff er ihre Hand. Sie zitterte.

»Was fehlt dir, Diendl!« flüsterte er, »bist krank?«

»Nein, Hois!« begann sie mit Thränen im 182 Aug', »nicht krank, aber lieber wär' ich's, als so in Sorge zu sein deinetwillen. Bei allen Heiligen bitt' und beschwör' ich dich, laß' das Schwärzen, man hat auf dich Verdacht.«

Hois lachte spöttisch: »Da müßt' nur der Vogel vom Amtsschild geflogen sein, um uns auszuschnüffeln. Ich hab' einen neuen Weg über die Felsen ausgespürt, mögen die Finanzler hinaufzannen! Erinnerst du dich noch an den grünen Streif, den ich dir letzthin an der Wand des Karwendel zeigte? Dort hab' ich die seltensten Alpenblumen geholt und dort – doch genug! Grein nit, Schatz! Die nächste Woche steigen wir zum letztenmal herüber, dann hab' ich die Aussteuer beisammen und zu Kathrein, – du kennst ja das Sprüchl:

Kathrein stellt Tanz und Räder ein
Und mir ein hübsches Weibelein!

Also tröst' dich! Ich verspreche dir bei allen Busseln, die du mir künftig noch geben sollst, daß ich vom nächsten Samstag an nie mehr einen Ballen auf den Rücken lade, und bist zu 183 Haus mit mir recht sein, so geh' ich nimmer in die Riß, um Holz zu hacken. Willst?«

Sie ließ sich einigermaßen beschwichtigen. Er nahm von ihr Abschied, ohne in die Stube zu gehen, wo ihn der Alte erwartete in der Absicht, ihn durch dunkle Andeutungen zu warnen. Denn auch davon hatte dieser munkeln gehört, daß die Schwärzer nicht mehr auf dem alten Pfad sich einschlichen. Hois mied es aber, ihm unter die Augen zu treten; ein dunkles Gefühl sagte ihm, Kathi habe diesmal auf Weisung des Vaters gesprochen.

Es war der Vorabend von Allerheiligen. Der alte Zöllner duselte in der Stube auf der Ofenbank, Kathi saß im Nebenzimmer, ein Körbchen Epheuranken, Buchszweiglein und Astern vor sich, aus denen sie zu einem Kranz wählte, der morgen das Grab ihrer Mutter schmücken sollte. Sie hatte eben die schwarze Schleife darum geschlungen und blickte nun gedankenvoll auf die graue Wand des Karwendel und den grünen Streif daran. Ihr Herz war schwer beklommen. »Es ist ja zum letztenmal!« 184 suchte sie sich zu trösten, dann fiel ihr aber wieder der Spruch ein: »Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht!«

Da klopfte es an die Stubenthür. Ohne das Herein! abzuwarten erschien der Oberbeamte, ein mageres Männlein mit schmaler Stirn, neben der dünne Schmachtlocken flatterten, schmaler Nase und schmalen Lippen, welche schwerlich je ein Lächeln des Wohlwollens umspielte, vor den blöden Augen hing eine große Messingbrille; sonst zusammengekniffen wie ein Taschenmesser, richtete er sich jetzt hoch auf und spannte die Fistelstimme zum Schlachtruf an: »Auf, auf! Jetzt haben wir die Lumpen. Norgen-Lies klaubte jüngst im Wald Kranabitbeeren, da sah sie die Schwärzer herabsteigen, dort an der Wand aus dem grünen Streif.«

Es knisterte im Nebenzimmer, Kathi's Hand war der Kranz entfallen, der Oberbeamte überhörte es jedoch in seinem Eifer und fuhr frisch Atem holend fort: »Dort, ja dort haben wir freilich nie gepaßt. Und wissen Sie, wer der Anführer ist? Ihr sauberer Schwiegersohn! 185 Schöne Bekanntschaften. Einem Staatsdiener soll es unverbrüchlich als Regel gelten, nur im Kreise der Staatsdiener seine Verbindung zu suchen, stets nur im Kreise der Staatsdiener!« –

Der Alte wimmerte vor Angst.

»Ihr schönes Töchterlein hätte sollen besser acht geben, besser, ja. Leicht wär' es ihr gewesen, sich um den Staat ein großes Verdienst zu erwerben, das auch dem Vater zu gut gekommen wär'. Aber so ist sie ein schlechtes Weibsbild, das die Liebe zu einem Lumpen dem hohen Aerar voranstellt; ein schlechtes Weibsbild und ich werd' sie verhören müssen und ich werd' die Protokolle einschicken müssen und zwei Zwanziger hätt' sie auch verdienen können und diese kriegt jetzt die Norgen-Lies, da haben Sie es!«

Der Alte faltete stumm und flehend die Hände.

»Da hilft jetzt nichts!« fuhr jener unbarmherzig fort, »ich habe meine Pflichten und Sie die ihrigen. In einer halben Stunde kommt die Patrouille aus Leutasch; muß da sein, denn 186 es ist Ordre; dann hängen Sie den Säbel um, und ich werde mich selbst an die Spitze des Streifzuges stellen, ich, der Oberbeamte, um Euch zu zeigen, wie man seine Pflicht thut.«

Im Nebenzimmer hörte man eine Thürklinke. Er steckte den Kopf hinein, es war leer. Da sah er den Kranz auf dem Boden, hob ihn auf und warf ihn unwillig hin: »Wird wohl für den Lumpen gehören, den Lumpen!« polterte er.

»Verzeihen Sie, Herr Oberbeamter.« stotterte der Zöllner auf der moralischen Folter, »der Kranz gehört auf ein Grab.«

Der Oberbeamte hatte schon die Thür ohne Gruß zugeworfen, der Zöllner nahm in gehorsamer Angst das Rüstzeug vom Nagel; erst als er damit fertig war, suchte er die Tochter, fand jedoch in und außer dem Hause keine Spur von ihr.

Kathi hatte alles gehört. Zuerst lähmte sie der Schrecken, dann gaben ihr die Schimpfworte des Zöllners den Mut des Zornes, sie wollte hinaus und Rechenschaft fordern; da traf 187 sie aber wie der Blitz der Gedanke, daß heut' Hois auf jenem Steig komme, daß vielleicht ein blutiger Zusammenstoß mit der Patrouille drohe; sie sah bereits Vater und Geliebten im unnatürlichen Kampf, Entsetzen ergriff sie, ohne sich weiter zu besinnen, stürzte sie dem Karwendel zu.

Atemlos sprang sie auf die Terrasse, wo bei der Kapelle das Gleirsch abzweigt. Sie sank einen Augenblick auf die Kniee und stöhnte: »O Maria hilf!« mehr vermochte sie nicht vorzubringen. Da rauschten von ferne Tritte im Kies, – vielleicht die Patrouille. Aufgescheucht wie ein Reh ergriff sie die Flucht. Bald stand sie unter der grauen Wand, hoch oben schlang sich der grüne Streif hin, wo ein entschlossener Bergsteiger leicht klettern konnte, aber wie hinaufgelangen, da unten nirgends ein Felshöcker oder ein Grasbüschel den mindesten Halt bot? Ratlos lief sie die Wand entlang bis zu einer kleinen Runse. In dieser hing ein Seil, sie zerrte daran, es war droben um den krummen Ast einer Zunder geschlungen. Hier mußte der 188 Pfad der Schwärzer sein. Mit einem Arm sich festhaltend, klomm sie empor und eilte wie eine Gemse vorwärts: – sie hörte das Sausen einiger Steine, die von Absatz zu Absatz rollten, der Fuß der Schwärzer, welche schräg herabgestiegen, hatte sie in den Schwung versetzt. Hois blieb erschrocken stehen, als er sein Mädchen in so gefährlicher Lage von fern erblickte. Er wollte rasch, den Ballen wegwerfend, zu ihr hineilen, sie winkte jedoch mit der Hand und rief: »Zurück, zurück, ihr seid verraten.« Im Nu war die Bande hinter den Zacken des Berges verschwunden. Kathi's Kraft war erschöpft, schwindelnd blickte sie in den Abgrund und mußte sich auf eine Kante niederlassen. Horch! – Stimmen aus der Tiefe, sie strich das Haar von der Stirn und schaute entsetzt hinunter, die Zweige der Zunder, an welche das Seil geknüpft war, bogen sich – die Patrouille. Rasch wollte sie sich hinter einem Steinblock ducken, sie glitschte aus, ein herzzerreißender Schrei, ein dumpfer Fall und die zerschmetterte Leiche lag zu den Füßen des Zöllners. Mit 189 aufgerissenem Aug' starrte dieser auf die teure Tote, die Sinne verließen ihn, er wollte sich am Stricke festkrallen, brach jedoch ohnmächtig zusammen. Der Oberbeamte, nichts kennend, als die Amtspflicht, kletterte vorwärts, schon sah er die Schwärzer in Ketten und Banden zittern, schon las er in Gedanken das Belobungsdekret, das zu Innsbruck für ihn ausgefertigt werden sollte, aber jene besaßen flinkere Beine und ihm blieb statt des Gewinnes an Gut und Ehre das leere Nachschauen. Sie hatten ihre Ballen bereits beim Branntweinler abgelegt und sich nach allen Richtungen in den Schluchten zerstreut. Als die Patrouille sich der Hütte näherte, loderte diese plötzlich in Flammen auf, der Wind nebelte den Finanzlern den Tabaksqualm entgegen, ohne daß sie einer Beute habhaft werden konnten.

Als der kalte Abendtau den alten Zöllner zum Bewußtsein erweckte, lag er allein neben der Leiche. Im stummen Jammer richtete er sich auf, er legte ihr Haupt mit der klaffenden Stirnwunde auf seinen Schoß, die schönen 190 Glieder waren bereits erstarrt und die Thränen, die auf sie reichlich niedertropften, vermochten sie nicht mehr zu beleben. Es wurde dunkler, er hob das trübe Aug' zum Himmel, wo bereits einzelne Sterne schimmerten, endlich raffte er sich auf und lud die Leiche auf den Rücken.

»Ich habe den Schwärzern manchen Ballen abgenommen und dann heimgetragen,« pflegte er später oft zu erzählen, »aber so schwer wie diese Last ist mir im Leben keine gewesen. Dort habe ich mich für immer zu den sieben Schmerzen Maria's verlobt, die den blutigen Sohn im Schoß, unter dem Kreuze saß. Mög' sie jedermann vor solchem Leid bewahren, selbst meinen Todfeind!«

Kathi wurde unter allgemeiner Teilnahme der Gemeinde neben ihrer Mutter beerdigt und der Kranz, den sie für diese geflochten, auf ihr Grab gelegt. Als der Alte die Begräbniskosten bezahlen wollte, bedeutete ihm der Geistliche, es sei alles berichtigt. Wahrscheinlich hatten die Schwärzer, die das Mädchen zu den ihrigen zählten, das Geld erlegt; sie ehrten die 191 Unglückliche wenigstens dadurch, daß sie weitum aus Tirol bei ihrem Totenamte zusammenkamen und ihre Ruhestätte mit Weihwasser besprengten.

Hois irrte nach jenem Schreckenstage wie Kain in den Wäldern herum, wo ihm ein mitleidiger Senner oder Holzknecht die kärgliche Nahrung bot; dann erfuhr man lange gar nichts mehr von ihm; endlich erschien er plötzlich wieder im Allbach. Der sonst so fröhliche Bursch' war ernst und schweigsam geworden; so lang er noch jung war, sah ihn niemand im Wirtshaus. Mit der Lust des Lebens war es aus, doch ließ er es sich stets angelegen sein, armen Mädchen zu helfen und so manches brave Weib verdankt ihm die Ausstattung zur Hochzeit, die er heimlich wie St. Nicolaus besorgte. Der heilende Balsam der Zeit und noch mehr die reine Freude am Wohlthun verfehlte auch bei ihm nicht die Wirkung, Schmerz und Trauer lösten sich in stiller Ruhe, er stellte den Rest seiner Tage Gott anheim, und überließ fromm die Zukunft des Jenseits der Vaterhand des 192 Herrn. Allmählich wurde er wieder heiter, seine innige Teilnahme am Glück anderer verschaffte ihm die Liebe des ganzen Thales. So lang es seine Füße vermochten, wallfahrte er zu Allerheiligen an Kathi's Grab; das große Kreuz dort auf der Felsenwand ließ er von dem Geld, das er durch den Schmuggel erworben und das für eine lustige Hochzeit verwendet werden sollte, zum Andenken an jene schreckliche Begebenheit errichten. Uebrigens sprach er nie von Kathi; je älter er wurde, desto öfter träumte ihm von ihr, sie sollte ihn am Thor des Himmels als Braut erwarten.

Der alte Zöllner wurde mit hundert Gulden pensioniert. Hois nahm ihn zu sich und ehrte ihn wie einen Vater. So saß er dann im Stübchen des obern Stockes und gedachte ernst sinnend der Tochter, bis ihn der Tod mit ihr vereinte.

* * *

Erheben wir uns vom Rasensitz und steigen in das Karwendelthal nieder. Macht diese Wildnis mit ihren Schrofen und Wäldern, den 193 schäumenden Sturzbächen und Tobeln, durch welche die Lawine niederbraust, nicht einen düstern Eindruck? – Dort ragt ein uralter Ahorn, ein kleines Holztäfelchen, umquollen von Moos, überwuchert von Flechten, ist daran genagelt. Lesen wir die undeutliche Inschrift, so weit der Regen die Lettern nicht weggebeizt. »Dem christli . . . Andenken des Herrn Joha . . . . . ld Oberbeamt . . . . hier gräßlich . . . Tod . rlitt. Man bitt . . . um . . aterunse . . . . . ve Mar . . . .« Vom Stamm starrt weit ein dürrer Ast hinaus, über den Wurzeln türmt sich ein Ameisenhaufen – wie lustig wuseln die kleinen Tierchen im Sonnenschein! Von jenem Aste hing an den Füßen festgebunden, die Hände auf den Rücken gedreht kopfabwärts der Oberbeamte, sein Scheitel berührte den Haufen, so daß die Ameisen über seinen nackten Leib emporkrabbeln konnten. Man fand ihn erstarrt und tot. Im Sommer nach dem Tode Kathi's war er im Karwendelthal spazieren gegangen und nicht mehr heimgekehrt. Das Volk haßte ihn wie ein böses Tier, das so manchen ins 194 Unglück gebracht; er wurde wahrscheinlich von Schwärzern unmenschlich zu Tode gemartert.

Etliche hundert Schritte vom Ahornbaum führt der Weg an einer Höhle vorbei, deren Wände noch von Rauch geschwärzt sind. Hier verkam die Norgen-Lies. Nachdem es ruchbar geworden, daß sie dem Oberbeamten den neuen Steig der Schwärzer verraten, wollte ihr niemand mehr Brot und Wasser gönnen, niemand gewährte ihr Unterstand. Verlassen wir den Platz, wo sie den letzten Seufzer ausgehaucht.

Das freundliche Dörfchen Scharnitz liegt vor uns. Dort ragen die gebrochenen Mauern der alten Festung, die öden Trümmer sind aber beglänzt vom unsterblichem Ruhm: auch hier rangen die Männer des armen, kleinen Ländchens Tirol mit den Scharen des korsischen Weltbezwingers!

Kehren wir beim Michler ein? – Oder gehen wir vielleicht auf den Friedhof? – Jenes eiserne Kreuz mit der Blechtafel und dem irdenen Weihbrunnkrüglein, in dem ein Buchszweig steckt, bezeichnet das Grab der Schmugglerbraut.

 


 








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