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In der Prärie verirrt

Charles Sealsfield: In der Prärie verirrt - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Sealsfield
booktitleIn der Prärie verirrt/Die Nacht in Brezwezmeisl
titleIn der Prärie verirrt
publisherHermann Hillger Verlag
seriesDeutsche Jugendbücherei
volumeNr. 24
editorVereinigte Deutsche Prüfungsausschüsse für Jugendschriften
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080915
projectidff5da1f8
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Charles Sealsfield

In der Prärie verirrt

Es war im Jahre 1832. Texas war damals noch fast gar nicht besiedelt. Weite, fruchtbare Landstrecken lagen unbebaut da. Die Regierung wünschte sehr, daß Texas kolonisiert werde; daher begünstigte sie die Einwanderung auf jede Weise. Für ein Spottgeld konnte man große Güter erwerben. Da beschloß ich, nach Texas zu gehen und mich dort niederzulassen. Von der New Yorker Texas-Landkompanie erwarb ich für tausend Dollar einen sogenannten Texas-Landstrip, wonach ich berechtigt sein sollte, mir innerhalb des Gebietes der Texas-Landkompanie eine Strecke von nicht mehr noch weniger denn zehntausend Acker Landes auszusuchen, sie eigentümlich in Besitz zu nehmen, mich darauf niederzulassen, kurz, alle und jede Befugnis eines Eigentümers auszuüben, bloß unter der einzigen Bedingung, daß ich bei der Auswahl meiner zehntausend Acker nicht früheren Rechten in den Weg trete. Mit einem Freunde, der eine gleiche Anzahl Acker auf dem Papier besaß, schiffte ich mich nach dem vielbelobten Lande ein.

Wir gingen in Baltimore an Bord des schnellsegelnden Schoners The Catcher und kamen nach einer dreiwöchigen Fahrt glücklich in Galvestonbai an.

Eine unübersehbare, hundert oder mehr Meilen hinlaufende Ebene lag vor unsern Augen; diese Ebene hatte auch nicht die mindeste Erhöhung oder Senkung; sie war mit den zartesten, feinsten Gräsern überwachsen, von jedem Hauch der Seebrise gefächelt, in Wellen rollend, durch nichts unterbrechen, weder durch Baum noch Hügel, weder durch Haus noch Hof. Etwa zehn bis zwölf Meilen gegen Norden und Nordwesten tauchten freilich einige dunkle Massen auf, die, wie wir später erfuhren, Baumgruppen waren; aber unsern Augen erschienen sie als Inseln. Diese Baumgruppen, deren es unzählige in den Prärien von Texas gibt, heißen auch wirklich Inseln, und sie gleichen diesen auf ein Haar.

In den Golf mündet der Rio de Brazos. Drei Tage fuhren wir ihn hinauf bis nach Brazoria.

Brazoria war zur Zeit unserer Ankunft eine bedeutende Stadt, für Texas nämlich – indem sie über dreißig Häuser enthielt, darunter drei backsteinerne; die andern waren Blockhäuser.

Dort sagte man uns, das Notwendigste wäre zunächst Mustangs zu kaufen, deren die schönsten zu Spottpreisen zu haben wären, und uns dann im Lande umzusehen. Wir befolgten den guten Rat und erwarben also Mustangs. Diese sind kleine Pferde, die in Herden von Tausenden durch die Prärie von Texas streifen, mit dem Lasso eingefangen und auf brutale Weise gezähmt werden, indem ihnen der mit sechs Zoll langen Sporen ausgerüstete Reiter ein furchtbares, pfundschweres Gebiß in den Mund legt und sie in schärfster Gangart so lange reitet, bis sie fast zusammenbrechen. Dann wird dem Tiere eine Viertelstunde Zeit zum Ausschnaufen gegeben, worauf man es wieder dieselbe Strecke zurücksprengt. Sinkt oder bricht es während des Rittes zusammen, so wird es als untauglich fortgejagt oder niedergestoßen, im entgegengesetzten Falle aber mit einem glühenden Eisen gezeichnet und dann auf die Prärie entlassen. Von nun an hat das Einfangen keine besonderen Schwierigkeiten mehr; die Wildheit des Pferdes ist gänzlich gebrochen, aber dafür eine Heimtücke, eine Bosheit eingekehrt, von der man sich unmöglich eine Vorstellung machen kann. Es sind diese Mustangs gewiß die boshaftesten, falschesten Tiere unter all den Pferderassen, die es auf dem Erdenrund gibt, stets nur darauf ausgehend, ihrem Herrn einen Streich zu spielen. Gleich nachdem ich das meinige übernommen, war ich nahe daran, ein teures Lehrgeld zu geben. Im Begriff, eine Exkursion nach Bolivar zu unternehmen, sollten wir über den Brazos setzen. Der Vorletzte, der das Boot bestieg, zog ich meinen Mustang sorglos am Zügel nach, und war soeben im Begriff, in das Boot einzusteigen, als ein plötzlicher Ruck und der Zuruf: Mind your beast! (Achtet auf Euer Tier!) mich seitwärts springen machte. Ein Glück, daß ich mich nicht erst umsah, sonst hätte es mir leicht das Leben kosten können. Mein Mustang war nämlich plötzlich zurückgesprungen, hatte sich ebenso plötzlich aufgebäumt und mit einer solchen Wut und Kraft auf mich niedergeworfen, daß seine Hufe die Bretter des Bootes durchbrachen. In meinem Leben hatte ich nichts so Wütendes gesehen, wie dieses Tier. Es fletschte die Zähne, die Augen sprühten ein fanatisches Feuer, einen wahrhaft tödlichen Haß – sein Gewieher glich dem Lachen des höllischen Feindes. Ich stand entsetzt. – Der Lasso, den mein Nachfolger ganz ruhig dem Tiere über den Kopf warf, machte es im nächsten Augenblicke wieder so fromm unschuldig dareinschauen, daß wir alle laut auflachten, obwohl ich starke Versuchung spürte, es auf der Stelle niederzuschießen.

Mit diesem Tiere nun, und begleitet von meinem Freunde, unternahm ich mehrere Ausflüge nach Bolivar, Marion Kolumbia, Anahuac – Städtchen von drei – sechs – zehn – bis zwanzig Häusern. Auch Pflanzungen besuchten wir, anfangs solche, an die wir empfohlen waren, später jede, die uns in den Wurf kam. Soeben waren wir auf einer dieser Pflanzungen. Sie lag eine Meile seitwärts von der Straße, die von Harrisburg nach San Felippe de Austin führt, und gehörte einem Mister Neal.

Unser Wirt war ein fröhlicher Kentuckier und machte seinem Geburtsstaate in jeder Hinsicht Ehre. Unsere Aufnahme war die herzlichste, die es geben konnte. Wir hatten dafür nichts zu entrichten als die Neuigkeiten, die wir von Hause mitbrachten. Wir waren nachmittags angekommen, und die Morgensonne des folgenden Tages traf uns noch am Erzählen und Debattieren – die ganze Familie um uns herum. Kaum, daß wir einige Stunden geschlafen, wurden wir von unsern lieben Wirtsleuten bereits wieder aufgeweckt. Einige zwanzig bis dreißig Rinder sollten empfangen und nach New Orleans auf den Markt versandt werden. Die Art Jagd, die bei einem solchen Einfangen stattfindet, ist immer interessant, selten gefährlich. Wir ließen uns die freundliche Einladung nicht zweimal sagen, sprangen auf, kleideten uns an, frühstückten und bestiegen dann unsere Mustangs.

Wir hatten vier bis fünf Meilen zu reiten, ehe wir zu den Tieren kamen, die in Herden von dreißig bis fünfzig Köpfen teils weideten, teils im Grase sich herumtummelten, die schönsten Rinder, die ich je gesehen, alle hochbeinig, weit höher, als die unsrigen, schlanker und besser geformt. Auch die Hörner sind länger und gleichen, in der Ferne gesehen, mehr den Geweihen der Edelhirsche, den Rinderhörnern. Obwohl Sommer und Winter sich selbst überlassen und in der Prärie, arten sie doch nie aus.

Wir waren ein halbes Dutzend Reiter, nämlich Mister Neal, mein Freund, ich und drei Neger. Unsere Aufgabe bestand darin, die Tiere dem Hause zuzutreiben, wo die für den Markt bestimmten mit dem Lasso eingefangen und sofort nach Brazoria abgeführt werden sollten. Ich ritt meinen Mustang. Wir hatten uns der ersten Herde, die aus etwa fünfzig bis sechzig Stück bestand, auf eine Viertelmeile genähert. Die Tiere blieben ganz ruhig. Sie umreitend, suchten wir der zweiten den Wind abzugewinnen. Auch diese blieb ruhig, und so ritten wir weiter und weiter, und die letzte und äußerste Truppe hinter uns, begannen wir uns zu trennen, um sämtliche Herden in einen Halbkreis zu schließen und dem Hause zuzutreiben. Mein Mustang hatte sich bisher recht gut gehalten, munter und lustig fortkapriolierend, keine seiner Tücken gezeigt, aber jetzt – wir waren noch keine zweihundert Schritte auseinander – erwachte der alte Unhold. Etwa tausend Schritte von uns weideten nämlich die Mustangs der Pflanzung, und kaum hatte er diese erblickt, als er auch in Kreuz- und Quersprünge ausbrach, die mich, obwohl sonst kein ungeübter Reiter, beinahe aus dem Sattel brachten. – Noch hielt ich mich jedoch. Aber unglücklicherweise hatte ich, dem Rate Mister Neals entgegen, nicht nur, statt des mexikanischen Gebisses, mein amerikanisches angelegt, ich hatte auch den Lasso, der mir das Tier bisher mehr, als selbst das Gebiß, regieren geholfen, zurückgelassen, und wo dieser fehlt, ist mit einem Mustang in der Prärie nichts anzufangen. Alle meine Reitergeschicklichkeit vermochte hier nichts; wie ein wilder Stier sprang es etwa fünfhundert Schritte der Herde zu, hielt aber, ehe es in ihrer Mitte anlangte, so plötzlich an, warf die Hinterfüße so unerwartet in die Luft, den Kopf zwischen die Vorderfüße, daß ich über denselben herabgeflogen war, ehe ich mir die Möglichkeit träumen ließ. Auf Zügel und Trense mit beiden Vorderfüßen zugleich springen, den Zaum abstreifen und dann mit wildem Gewieher der Herde zuspringen, das war dem Kobolde das Werk eines Augenblicks.

Wütend erhob ich mich aus dem ellenhohen Grase. Mein nächster Nachbar, einer der Neger, sprengte zu meinem Beistande herbei und bat mich, das Tier einstweilen laufen zu lassen, Anthony, der Jäger, würde es schon wieder erwischen; aber in meinem Zorne hörte ich nicht. Rasend gebot ich ihm, abzusteigen und mir sein Pferd zu überlassen. Vergebens bat der Schwarze, ja um des Himmels willen dem Tiere nicht nachzureiten, es lieber zu allen T..n laufen zu lassen; ich wollte nicht hören, sprang auf den Rücken seines Mustangs und schoß dem Flüchtling nach. Mister Neal war unterdessen selbst herbeigesprengt und schrie so stark, als er es vermochte, ich möchte ja bleiben, um Himmels willen bleiben, ich wisse nicht, was ich unternehme, wenn ich einem ausgerissenen Mustang auf die Prärie nachreite, eine Texasprärie sei keine Virginia oder Karolinawiese. Ich hörte nichts mehr, wollte nichts mehr hören; der Streich, den mir die Bestie gespielt, hatte mir alle Besonnenheit geraubt; wie toll galoppierte ich nach.

Das Tier war der Pferdeherde zugesprungen und ließ mich, auf etwa dreihundert Schritte herankommen, den Lasso, der glücklicherweise am Sattel befestigt war, zurechtlegen, und dann riß es abermals aus. Ich wieder nach. Wieder hielt es eine Weile an und dann galoppierte es wieder weiter; ich immer toller nach. In der Entfernung einer halben Meile hielt es wieder an, und als ich bis auf drei- oder zweihundert Schritte herangekommen, brach es wieder mit wildem, schadenfrohen Gewieher auf und davon. Ich ritt langsamer, auch der Mustang fiel in einen langsameren Schritt; ich ritt schneller, auch er wurde schneller. Wohl zehnmal ließ er mich an die zweihundert Schritte herankommen, und ebensooft riß er wieder aus. Endlich wurde es mir doch zu toll, ich wollte nur noch einen letzten Versuch wagen, dann aber gewiß umkehren. Mein Flüchtling hielt vor einer der sogenannten Inseln. Diese wollte ich umreiten, mich durch die Baumgruppe schleichen, und dem Mustang, der ganz nahe am Rande graste, von diesem aus den Lasso über den Kopf werfen, oder das Tier wenigstens der Pflanzung zutreiben. Ich glaubte meinen Plan sehr geschickt angelegt zu haben, ritt demnach um die Insel herum, dann durch und kam auf dem Punkte heraus, wo ich meinen Mustang sicher glaubte: allein, obwohl ich mich so vorsichtig, als ritte ich auf Eiern, dem Rande näherte, keine Spur war mehr von meinem Mustang zu sehen. Ich ritt nun ganz aus der Insel heraus – er war verschwunden. Ich verwünschte ihn in die Hölle, gab meinem Pferde die Sporen und ritt, oder glaubte es wenigstens, wieder zurück, das heißt, der Pflanzung zu.

Zwar sah ich diese nicht mehr, selbst die Herde der Mustangs und der Rinder war verschwunden, aber das machte mich noch nicht bange. Glaubte ich doch die Richtung vor Augen, die Insel vom Hause aus gesehen zu haben. Auch fand ich allenthalben der Pferdespuren so viele, daß mir die Möglichkeit, verirrt zu sein, gar nicht beifiel. So ritt ich denn unbekümmert weiter.

Eine Stunde mochte ich so geritten sein. Nach und nach wurde mir die Zeit etwas lange. Meine Uhr wies auf eins – Schlag neun waren wir ausgeritten. – Ich war also vier Stunden im Sattel, und wenn ich anderthalb Stunden auf die Rinderumkreisung rechnete, so kamen drittehalb auf meine eigene wilde Jagd. Ich konnte mich denn doch weiter von der Pflanzung entfernt haben, als ich dachte. Auch mein Appetit begann sich stark zu regen. Es war gegen Ende März, der Tag heiter und frisch, wie einer unserer Marylandmaitage. Die Sonne stand zwar jetzt golden am Himmel, aber der Morgen war trübe und neblig gewesen, und fatalerweise waren wir erst den Tag zuvor, und gerade nachmittags, auf der Pflanzung angelangt, hatten uns sogleich zu Tische gesetzt, und den ganzen Abend und die Nacht verplaudert, so daß ich keine Gelegenheit wahrgenommen, mich über die Lage des Hauses zu orientieren. Dieses Übersehen begann mich nun zu ängstigen, auch fielen mir die dringenden Bitten des Negers, die Zurufe Mister Neals ein. Abermals war ich eine Stunde geritten, und noch immer keine Spur von etwas wie einer Herde oder Pflanzung! Ein Signal mit einem oder ein paar Flintenschüssen konnte mir der Kentuckier doch wohl geben! Ich hielt an, ich horchte; kein Laut – tiefe Stille ringsumher – selbst die Vögel in den Inseln schwiegen; die ganze Natur hielt Siesta. So weit das Auge reichte, ein wallendes, wogendes Meer von Gräsern, hie und da Baumgruppen, aber keine Spur eines menschlichen Daseins. Endlich glaubte ich etwas entdeckt zu haben. Die nächste der Baumgruppen, gewiß war sie dieselbe, die ich bei unserm Austritt aus dem Hause so sehr bewundert; wie eine Schlange, die sich zum Sprunge aufringelt, lag sie aufgerollt. Ich hatte sie rechts, von der Pflanzung etwa sechs bis sieben Weilen, gesehen – es konnte nicht fehlen, wenn ich die Richtung nun links nahm. Und frisch nahm ich sie, trabte eine Stunde, eine zweite in der Richtung, in der das Haus liegen sollte, trabte unermüdet fort. – Mehrere Stunden war ich so fortgeritten, anhaltend, horchend, ob sich denn gar nichts hören ließe – kein Schuß, kein Schrei. Gar nichts ließ sich hören. In der Richtung, in der wir ausgeritten, waren die Gräser häufiger, die Blumen seltener gewesen; die Prärie, durch die ich jetzt ritt, bot aber mehr einen Blumengarten dar – einen Blumengarten, in dem kaum mehr das Grün zu sehen war. Der bunteste rote, gelbe, violette, blaue Blumenteppich, den ich je geschaut, Millionen der herrlichsten Prärierosen, Tuberosen, Dahlien, Astern, wie sie kein botanischer Garten der Erde so schön, so üppig aufziehen kann. Mein Mustang vermochte sich kaum durch dieses Blumengewirr hindurchzuarbeiten. Eine Weile staunte ich diese außerordentliche Pracht an, die in der Ferne erschien, als ob Regenbogen auf Regenbogen über der Wiese hingebreitet zitterten – aber das Gefühl war kein freudiges, dem peinlicher Angst zu nahe verwandt. Bald sollte diese meiner ganz Meister werden. Ich war nämlich wieder an einer Insel vorbeigeritten, als sich mir in der Entfernung von etwa zwei Meilen ein Anblick darbot, so wunderbar, daß er alles weit übertraf, was ich je von außerordentlichen Erscheinungen hierzulande oder in den Staaten gesehen.

Ein Koloß glänzte mir entgegen, eine gediegene, ungeheure Masse – ein Hügel, ein Berg des glänzendsten, reinsten Silbers. Gerade war die Sonne hinter einer Wolke vorgetreten, und wie jetzt ihre schrägen Strahlen das außerordentliche Phänomen aufleuchteten, hielt ich an, in sprachlosem Staunen starrend und starrend, aber wenn mir alle Schätze der Erde geboten worden wären, nicht imstande, diese wirklich außerordentliche Erscheinung zu erklären. Bald glänzte es mir wie ein silberner Hügel, bald wie ein Schloß mit Zinnen und Türmen, bald wieder wie ein zauberischer Koloß – aber immer von gediegenem Silber und über alle Beschreibung prachtvoll entgegen. Was war das? In meinem Leben hatte ich nichts dem Ähnliches gesehen. Der Anblick verwirrte mich, es kam mir jetzt vor, als ob es hier nicht geheuer, ich mich auf verzaubertem Grund und Boden befände, irgendein Spukgeist sein Wesen mit mir triebe; denn daß ich mich nun wirklich verirrt, in ganz neue Regionen hineingeraten, daran konnte ich nicht mehr zweifeln. Eine Flut trüber, düsterer Gedanken kam zugleich mit dieser entsetzlichen Gewißheit – alles, was ich von Verirrten, Verlorengegangenen gehört, tauchte mit einem Male und in den grausigsten Bildern vor mir auf; keine Märchen, sondern Tatsachen, die mir von den glaubwürdigsten Personen erzählt worden, bei welchen Gelegenheiten man mich ernstlich warnte, ja nicht ohne Begleitung oder Kompaß in die Prärie hinaus zu schweifen; selbst Pflanzer, die hier zu Hause waren, täten das nie; denn hügel- und berglos, wie das Land ist, habe der Verirrte auch nicht das geringste Wahrzeichen; er könne tage-, ja wochenlang in diesem Wiesenozeane, Labyrinthe von Inseln herumirren, ohne Aussicht, seinen Weg je herauszufinden. Freilich im Sommer oder Herbst wäre eine solche Verirrung minder gefährlich, weil dann die Inseln einen Überfluß der deliziösesten Früchte lieferten, die wenigstens vor dem Hungertode schützten. Die herrlichsten Weintrauben, Parsimonen, Pflaumen, Pfirsiche sind dann allenthalben im Überflusse zu finden, aber nun war der Frühling erst seit wenigen Tagen angebrochen; – ich traf zwar allenthalben auf Weinreben, Pfirsich- und Pflaumenbäume, aber für mich hatten sie kaum abgeblüht. Auch Wild sah ich vorbeischießen; aber ohne Gewehr stand ich inmitten des reichsten Landes der Erde wahrscheinlich dem Hungertode preisgegeben.

Immerhin tröstete ich mich noch; von der eigentlichen Größe der Gefahr hatte ich noch immer keinen deutlichen Begriff. Ich hielt es für unmöglich, mich in den wenigen Stunden so gänzlich verirrt zu haben, daß nicht Mister Neal oder seine Neger meine Spur einholen sollten. Ich gab meinem Mustang die Sporen, fest überzeugt, das Haus Mister Neals in der Dämmerung auftauchen, die Lichter herüberschimmern zu sehen. Jeden Augenblick glaubte ich das Bellen der Hunde, das Gebrüll der Rinder, das Lachen der Kinder hören zu müssen. Wirklich sah ich auch jetzt das Haus vor mir, meine Phantasie ließ mich deutlich die Lichter im Parlour sehen; ich ritt hastiger, aber als ich endlich dem, was Haus sein sollte, näher kam, wurde es wieder zur Insel. Was ich für Lichter gehalten, waren Feuerkäfer, die mir in Klumpen aus der düstern Nacht der Insel entgegenglänzten, nun in dem auch über die Prärie hereinbrechenden Dunkel auf allen Seiten ihre blauen Flämmchen leuchten ließen, bald so hell leuchten ließen, daß ich wie auf einem bengalischen Feuersee mich umhertreibend wähnte. Etwas die Sinne mehr Verwirrendes läßt sich schwerlich denken, als ein solcher Ritt in einer warmen Märznacht durch die endlos einsame Prärie. Aber mir das tief dunkelblaue Firmament mit seinem hellfunkelnden Sternenheere, zu den Füßen ein Ozean magischen Lichtes, Millionen von Leuchtfeuerkäferchen entstrahlend! – Es war mir eine neue, eine verzauberte Welt. Jedes Gras, jede Blume, jeden Baum konnte ich unterscheiden, aber auch jedes Gras, jede Blume erschien in einem magisch übersinnlichen Lichte. Prärierosen und Tuberosen, Dahlien und Astern, Geranien und Weinranken begannen sich zu regen, zu bewegen, zum Reigen zu ordnen. Die ganze Blumen- und Pflanzenwelt begann um mich herum zu tanzen. – Auf einmal schallte ein laut und langgezogener Ton aus dem Feuermeer zu mir herüber. Ich hielt an, horchte, schaute verwirrt um mich. Nichts war mehr zu hören. Wieder ritt ich weiter. Abermals der langgezogene Ton, diesmal aber melancholisch klagend. Wieder hielt ich an, wieder ritt ich weiter. Jetzt ließen sich die Klagelaute ein drittes Mal hören. Sie kamen aus einer Insel, von einer Whippoorwill, sie sang ihr Nachtlied. Wie sie das vierte Mal ihr Whippoorwill in die flammende Nacht hinaus klagte, antwortete ihr eine mutwillige Katydid. O wie ich da aufjauchzte, die Nachtsänger meines teuren Maryland zu hören! In dem Augenblick standen das teure Vaterhaus; die Negerhütten, die heimatliche Pflanzung vor mir. Ich hörte das Gemurmel der Creek, die an den Negerhütten vorbeiplätscherte. So überwältigend war die Täuschung, der ich mich nicht hingab, nein, die mich hinriß, daß ich meinem Mustang die Sporen gab, fest überzeugt, das Vaterhaus liege vor mir. Auch ähnelte die Insel, aus welcher der Nachtgesang herüberkam, in dem magischen Zauberlicht den Waldsäumen, die meines Vaters Haus umgaben, so täuschend, daß ich wohl eine halbe Stunde ritt, dann aber hielt und abstieg, und Charon Tommy rief. Charon Tommy war der Fährmann. Die Creek, die durch die väterliche Pflanzung floß, war tief und nur wenige Monate im Jahr übersetzbar. Charon Tommy hatte von mir seine klassische Taufe erhalten. Ich rief ein – zwei – ein drittes, ein viertes Mal – kein Charon Tommy antwortete. Erst nachdem ich oftmals vergebens gerufen, erwachte ich.

Ein süßer Traum, ein schmerzliches Erwachen! Alles lag so dumpf, so sinnverwirrend auf mir; das Gehirn schien sich mir im Kopfe, der Kopf auf dem Rumpfe umher zu drehen. Absolut keines Gedankens mehr fähig, stand und starrte ich in die blaue Flammenwelt hinein, wie lange, weiß ich nicht. Mechanisch tat ich endlich, was ich während meines vierwöchigen Aufenthaltes im Lande andere tun gesehen, grub nämlich mit meinem Taschenmesser ein Loch in den schwarzen Wiesenboden, legte das Lassoende hinein, stampfte das Loch wieder zu; nachdem ich die Schlinge dem Tiere über den Kopf geworfen und ihm Sattel und Zaum abgenommen, ließ ich es weiden, mich außerhalb des Kreises, den es beschreiben konnte, niederlegend.

Schlafen konnte ich jedoch nicht, denn von mehreren Seiten ließ sich ein Geheul vernehmen, das ich bald als das von Wölfen und Kaguaren erkannte – wahrlich nirgendwo eine sehr angenehme Nachtmusik; hier aber in diesem Feuerozean, dieser rätselhaften Zauberwelt klang dieses Geheul so entsetzlich, daß es mir durch Mark und Knochen schallte, ich wahnsinnig zu werden befürchtete. Meine Fibern und Nerven waren in Aufruhr, und ich weiß in der Tat nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht glücklicherweise besonnen, daß mir ja meine Zigarrenbüchse und ein Röllchen Virginia-Dulzissimus treu geblieben – unbezahlbare Schätze in diesem Augenblick, die auch nicht verfehlten, meine trübe Phantasie wieder heiterer zu stimmen.

Ein paar Havannas – ich hatte natürlich als ein ziemlich starker Raucher das Feuerzeug bei mir – brachten einen wohltätigen Rausch über mich, in dem ich endlich doch entschlummerte.

Der Tag war schon angebrochen, als ich erwachte. Mit den Träumen waren auch die trüben Gedanken verschwunden; ich fühlte scharfen Appetit, war aber doch noch frisch und munter. Mit neu belebter Hoffnung begann ich meinen Ritt abermals.

Ich kam an mehreren wunderschönen Inseln, den herrlichsten Pekans-, Pflaumen-, Pfirsichbäumeninseln vorbei. Mehrere betrat ich. Da sie nie sehr groß und weder Gesträuch, noch Gestrüpp, stets aber das herrlichste Grün zum Fußteppich haben, so erscheinen sie so frisch, so rein, daß ich mich bei jedem solchen Eintritt auch immer verwundert umschaute. Es schien mir unmöglich, daß die sich selbst überlassene Natur so unglaublich rein sich erhalten sollte – unwillkürlich schaute ich mich um nach der Hand des Menschen, des Künstlers, sah aber nichts, als Rudel von Hirschen, die mich mit ihren treuen Augen unschuldig naiv anschauten und erst, wenn ich näher kam, ausbrachen. Was hätte ich jetzt für ein Lot Pulver, eine Unze Blei und eine Kentucky-Rifle gegeben! Immerhin heiterte mich der Anblick der Tiere auf, gab mir wieder eine gewisse Springkraft, eine Körper- und Geistesfrische, die mich ordentlich trieb, den Tieren nachzujagen. Auch mein Mustang schien etwas Ähnliches zu verspüren, er tanzte dann immer mehr mit mir, als er ging, wieherte frisch und munter in den Morgen hinein.

So ritt ich denn getrost weiter, Stunde auf Stunde. Der Morgen verging, Mittag kam heran, die Sonne stand hoch oben am wolkenlosen Himmel; der Appetit begann sich nun stärker zu melden, bald zum wahren Heißhunger zu werden, der schneidend in mir nagte. Ein gewisses Zehren in den Eingeweiden, ein krebsartiges Nagen, das allmählich eine schmerzlich peinigende Empfindung aufregte. Meine Kräfte fühlte ich zusehends abnehmen, eine gewisse Squeamishness, Geschmacklosigkeit, Ermattung über mich kommen.

Nagte der Hunger peinigend, so quälte mich der Durst folternd. Dieser Durst war eine höllische Empfindung, doch hielt er sowie der Hunger nie lange an; auch die Mattigkeit verging wieder, und es kam jedesmal nach einem solchen Anfalle wieder eine Pause, während welcher ich mich recht leidlich fühlte. Die dreißig oder mehr Stunden, die ich nichts zu mir genommen, hatten meine von Natur starken Nerven mehr an- als abgespannt; – aber doch begann mir klar zu werden, daß dieses wiederholte Anspannen nicht lange mehr währen könne, ohne mich auch abzuspannen; denn bereits meldeten sich die Vorboten. Die Zuversicht und Besonnenheit, die mich, im ganzen genommen, doch noch immer aufrecht erhalten, begannen zu schwinden, eine gewisse Verzagtheit, Geistesabwesenheit sich dafür einzustellen, in der mich so entsetzlich unbestimmte Traumbilder umschwirrten, daß mir die Sinne wirr wurden, ich wie ein Betrunkener von meinem Mustang herabhing. – Solche Vorboten, halbe Ohnmächten währten bis jetzt zwar nicht lange; immer kam ich wieder zu mir, gab dann dem Tiere die Sporen und eilte wieder rascher vorwärts. Aber die qualvolle Empfindung, das entsetzliche Bewußtsein der Verlassenheit, die mich bei einem solchen Erwachen jedesmal durchdrang! Wie ich dann so hastig, gierig, halb wahnsinnig herumstierte – schaute, mir beinahe die Armen ausschaute, und doch nichts erschaute als den ewigen und ewigen Ozean von Gräsern und Inseln!

Ich war oft der Verzweiflung nahe, meine Angst so entsetzlich, daß ich wie ein Kind weinte, ja betete. Ich betete so hastig, flehte so inbrünstig; in meinem Leben habe ich nicht so heiß gefleht. Auch kam, wie ich jetzt nach diesem Gebet meine Augen zu ihm erhob, der in dieser seiner herrlichen. Welt so sichtbar thronte, eine Zuversicht über mich, eine unbeschreiblich fromme, kindliche Zuversicht! Es war mir, als müßte ich erhört werden. Ich fühlte so gewiß, daß ich ganz getrost auf- und herumschaute, überzeugt, zu finden, was ich suchte. – Und wie ich so schaue, man denke sich mein unaussprechliches Erstaunen, Entzücken! erschaue ich ganz in der Nähe, keine zehn Schritte, Pferde- und Reiterspuren. Bei dieser Entdeckung entfuhr mir ein Freudenschrei. Meine ganze Kraft und Zuversicht waren auf einmal wiedergekehrt. Es trieb mich, vom Pferde zu springen, die Erde, die diese Spuren trug, zu küssen. Freudentränen rollten mir aus den Augen, über die Wangen, wie ich nun jubelnd meinem Tiere die Zügel schießen ließ und mit einer Hast davonritt, als ob die Geliebte meines Herzens mir vom Ziele herüberwinkte. Nie hatte ich gegen die Vorsehung so dankbar gefühlt als in dieser Stunde. Während ich ritt, betete ich, und während ich betete, trat mir wieder die Größe meines Schöpfers so siegend aus seinem herrlichen Werke vor Augen! Es lag so grandios vor mir, so ruhig, so ozeanartig mit seinen Hunderte von Meilen in. jeder Richtung hinwogenden Gräsern, den schwankend schwimmenden Inseln, die in den goldenen Strahlen der Nachmittagssonne wirklich schwebend und schwimmend erschienen, während wieder hinten und seitwärts wogende Blumenfelder, in den fernen Äther hinaufschwellend, Himmel und Erde in eine und dieselbe Glorie verschmolzen. So bot sich die Prärie gen Westen dem Auge dar. Gegen Süden erschien sie womöglich noch zauberischer. Lichte – golden und blau gewirkte Schleier – umhingen da die entfernteren Inselgruppen, ihnen zeitweilig ein dunkles Bronzekolorit verleihend, das wieder in der nächsten Minute durch einen leichten Luftzug in die hellste Farbenpracht aufflammte. Wie siegend brachen bei jedem solchen Luftzuge die Strahlen der Sonne durch diese himmlischen Schleier, und die kolossalen Baummassen schienen mit dem Luftstrome heranzuschwimmen, zu tanzen durch die unglaublich transparente Atmosphäre. Ein unbeschreiblich glorioser Anblick! Vor mir der endlose Wiesen- und Blumenteppich mit seinen Myriaden von Prärierosen, Tuberosen und Mimosen, dieser so lieblich, sinnig zarten Pflanze, die, sobald man ihr in ihre Nähe kommt, mit ihren Stengeln und Blättern sich aufrichtet, euch gleichsam anschaut und dann zurückschrickt, so sichtbar zurückschrickt, daß ihr staunend anhaltet und schaut, gerade als ob ihr erwartetet, sie würde euch klagen, diese seltsame Pflanze! Ehe die Hufe meines Mustangs oder seine Füße sie berührten, schrak sie schon zurück; in der Entfernung von fünf Schritten sah ich sie schon aufzucken, mich gleichsam scheu, verschämt, vorwurfsvoll anblicken und dann zusammenschrecken. Der Stoß nämlich, den der Pferde- oder Menschentritt verursacht, wird der Pflanze durch ihre langen, horizontal liegenden Wurzeln mitgeteilt, die, erschüttert, auch Stengel und Blätter zucken machen. Ein wirklich seltsames Zusammenzucken – Schrecken! Erst wenn ihr eine Strecke geritten, erhebt sie sich wieder, aber zitternd und bebend, und ganz wie eine holde Jungfrau, die durch eine rohe Hand betastet, auch bestürzt und errötend das Köpfchen, die Arme sinken läßt, sie erst, wenn der Rohe gegangen, wieder erhebt.

So ritt ich wohl eine Stunde, als ich plötzlich mir zur Seite eine zweite Spur erschaute. Sie lief in paralleler Richtung mit der, welcher ich folgte. – Wäre es möglich gewesen, meinen Jubel zu erhöhen, so würde diese gefundene zweite Spur es bewirkt haben; so stärkte sie bloß meine Zuversicht. Ich ritt, was mein Mustang nur durch die ellenhohen Gräser und Blumen traben konnte; aber, obwohl ich nun eine – zwei – ja drei Stunden wieder scharf ritt, Reiter bekam ich keine zu sehen. Zuletzt mußte ich aber doch auf sie treffen, denn die Spuren lagen vor mir, mußten zu ihnen führen, wenn – ich sie nur nicht verlor! Daß dieses Unglück mir nicht begegne, war meine größte Sorge. Alle meine Geisteskräfte im Auge konzentriert, ritt ich nun Schritt für Schritt. – So verging wieder eine Stunde – eine zweite – der Nachmittag wandte sich dem Abend zu – die Spuren liefen immer noch fort, das tröstete mich. Zwar begannen jetzt meine Kräfte zusehends abzunehmen – ich fühlte mich merkbar matter, das krebsartige Nagen kam heftiger, der Mund wurde mir faul, geschmacklos, das Innere kalt, der Magen schlaff, die Glieder wurden schwer, das Blut fühlte ich kalt in den Adern; – die Anwandlungen von Ohnmacht meldeten sich häufiger, stärker; aber eigentlichen Hunger und Durst fühlte ich nicht mehr an diesem zweiten Nachmittage, nur, wie bemerkt, eine starke Abnahme der Kräfte, und mit dieser stellte sich eine Schwäche aller Organe, aller Sinne ein, die mich mit neuem Schrecken erfüllte. Es wurde mir trübe vor den Augen, dumpf um die Ohren, der Zaum begann mir kalt und schwer zwischen den Fingern zu liegen, in den Gliedern wurde eine gewisse schmerzhafte Empfindsamkeit fühlbar, es war mir, als ob Nacht über mich, mein Sein hereinbräche.

Immer ritt ich jedoch fort und fort. Endlich mußte ich doch auf einen Ausweg stoßen, die Prärie irgendwo ein Ende haben. Freilich war das ganze südliche Texas eine Prärie; aber doch hatte diese Prärie wieder Flüsse, und in der Nähe dieser Flüsse mußte ich auf Ansiedlungen stoßen; ich durfte nur dem Laufe eines dieser Flüsse fünf oder sechs Meilen folgen und war gewiß, auf Häuser und Pflanzungen zu treffen. Wie ich so mich tröstend fortritt und schaute und abermals schaute, ob denn noch keiner der Reiter zu sehen, gewahre ich plötzlich eine dritte Pferdespur, die wieder parallel mit den zweien, denen ich nachritt, fortlief. Nun waren meine seit einigen Stunden gesunkenen Hoffnungen plötzlich wieder neu belebt. Jetzt konnte es mir doch gewiß nicht mehr fehlen; drei Reiter mußten eine bestimmte, zu irgendeinem Ziele führende Richtung genommen haben – welche, war mir gleichviel, wenn sie nur zu Menschen führte. Zu Menschen, zu Menschen! rief ich jauchzend, meinen Mustang zu erneuerter Eile antreibend.

Die Sonne sank das zweitemal hinter den hohen Baumwipfeln der westlichen Inseln hinab; – die in diesen südlichen Breitegraden so schnell einbrechende Nacht begann abermals; – von den drei Reitern aber – war noch immer nichts zu sehen. Ich fürchtete, in der so schnell überhandnehmenden Dunkelheit die Spuren zu verlieren; hielt daher, als die Dämmerung in Nacht zu verschwimmen begann, vor einer Insel an, schlang das eine Ende des Lassos um einen Baumast, die Schlinge um den Hals des Pferdes und warf mich dann ins Gras.

Rauchen konnte ich nicht mehr, die Zigarren schmeckten mir so wenig als der Dulzissimus; schlafen konnte ich ebensowenig. Kam auch zuweilen der Schlummer, so wurde er jedesmal durch krampfhaftes Auf- und Zusammenschrecken unterbrochen. – Es gibt nichts Gräßlicheres, als matt und schwach und von Hunger und Durst gefoltert und zernagt, nach Schlaf zu ringen und doch nicht schlafen zu können! Es war mir, als ob zwanzig Zangen und Marterwerkzeuge in meinem Innern wüteten. Solange die Bewegung zu Pferde angehalten, hatte ich diese Pein weniger gespürt, aber jetzt wurde sie wahrhaft furchtbar. Zugleich spielten so gräßliche Phantome um mich herum! – Ich werde diese Nacht alle Tage meines Lebens nicht vergessen.

Kaum war die Morgendämmerung angebrochen, so raffte ich mich wieder auf; aber es dauerte lange, ehe ich den Mustang gerüstet hatte. Der Sattel war mir so schwer geworden, daß ich ihn nur mit Mühe dem Tiere auf den Rücken hob; sonst warf ich ihn mit zwei Fingern auf, jetzt vermochte ich es kaum mit Anstrengung aller meiner Kräfte. Noch größere Mühe kostete es mich, den Gurt zu befestigen; doch kam ich endlich zustande und bestieg abermals mein Tier, die Spur so rasch verfolgend, als es uns beiden nur möglich war. Mein Mustang war von dem achtundvierzigstündigen Ritte gleich stark mitgenommen, ein Glück übrigens für mich, denn frisch und munter hätte er mich bei dem ersten Seitensprunge abgeworfen. Selbst jetzt vermochte ich mich kaum mehr im Sattel zu halten, hing wie ein Automat von dem Rücken des Tieres herab, das weder um Sporen, noch Zügel sich mehr viel kümmern zu wollen schien.

So mochte ich wieder eine oder zwei Stunden geritten sein, als ich plötzlich und zu meinem größten Schrecken die drei Pferdespuren – verschwunden sah. Ich schaute, ich starrte; mein Schrecken wurde zum Entsetzen, aber sie waren und blieben verschwunden. Noch immer traute ich meinen Augen nicht. Ich schaute, prüfte nochmals, ritt zurück, wieder vorwärts, schaute auf allen Seiten, prüfte aufmerksam, nahm, wie wir zu sagen pflegen, alle Geisteskräfte im Sehorgane zusammen; – aber sie waren und blieben verschwunden. Sie kamen bis auf den Punkt, wo ich hielt, hier aber hörten sie auf; auch nicht die geringste Spur weiter. Bis hierher waren die Reiter gekommen, und keinen Schritt weiter. Sie mußten hier gelagert haben, denn ich fand das Gras in einem Umkreise von fünfzig bis sechzig Fuß zertreten. Wie ich so schaue, gewahre ich etwas Weißes im Grase. Ich steige ab, gehe darauf zu, hebe es auf. Gott im Himmel! Es war das Papier, in das ich meinen Virginia-Dulzissimus gewickelt, das ich die letzte Nacht weggeworfen! Ich war auf derselben Stelle, wo ich übernachtet – war also meiner eigenen Spur nachgeritten, im Zirkel herumgeritten!

Ich stand wie vernichtet, keines Gedankens mehr fähig. So hatte mich die gräßliche Entdeckung niedergeschmettert, daß ich wie ein Klotz in dumpfer Verzweiflung neben meinem Mustang niedersank, nichts wünschend, als so schnell wie möglich zu sterben.

Wie lange ich lag, weiß ich nicht. Lange mußte es gewesen sein; denn als ich mich endlich doch wieder aufraffte, war die Sonne tief am westlichen Himmel herabgesunken. Meine Lage war gräßlich. So ganz hatte mir die furchtbare Entdeckung die Kraft geraubt, daß ich mich nur mit vieler Anstrengung auf dem Rücken meines Tieres hielt, mich ihm absolut willen-, ja kraftlos überließ. Was jetzt noch kam, war mir gleichgültig. Den Zaum um die Hand gewunden, klammerte ich mich so stark, als ich es vermochte, an Sattel und Mähne, das Tier in Frieden gehen lassend. Hätte ich es doch früher getan! Wahrscheinlich wäre ich dann nicht in diese äußerste Not geraten, der Instinkt würde das Tier zweifelsohne einer Pflanzung zugeführt haben.

Nur soviel weiß ich mich von diesen entsetzlichen Stunden her noch zu erinnern, daß mein Mustang einige Male in der Luft herumschnupperte, dann aber eine entgegengesetzte Richtung und zwar so rasch einschlug, daß ich mich nur mit größter Mühe in dem Sattel zu behaupten vermochte; denn jetzt schmerzten alle meine Glieder so furchtbar, daß jeder Tritt des Tieres mir zur wahren Folter wurde, ich oft in Versuchung kam, Kopf und Mähne fahren und mich herabsinken zu lassen. Wie lange ich so herumgeschleppt ward, weiß ich nicht, noch, wie ich bei einbrechender Nacht von dem Rücken des Tieres kam. Wahrscheinlich verdankte ich es dem Lasso, daß es so geduldig mit mir umsprang. – Wie ich die Nacht zugebracht, das mag der Himmel wissen. Ich war keines Gedankens mehr fähig, ja, wenn ich einen zu fassen versuchte, zuckte es mir so schmerzlich durch das Gehirn, als ob eine Zange darin herumwühlte. Alles tat mir weh, die Glieder, die Organe, mein ganzer Körper. Ich war wie auf dem Rade zerbrochen. Meine Hände waren abgemagert, meine Wangen eingefallen, meine Augen lagen tief in den Höhlen; – wenn ich mir so im Gesicht herumfühlte, entfuhr mir immer ein idiotisches, halb wahnsinniges Lachen; – ich war in der Tat dem Wahnsinn nahe. – Des Morgens, als ich aufstand, vermochte ich kaum, mich auf den Füßen zu erhalten, so hatten mich der viertägige Ritt, die Anstrengung, Angst und Verzweiflung heruntergebracht. Ich bin überzeugt, den fünften Tag hätte ich nicht überstanden. Wie ich auf den Rücken meines Mustangs kam, ist mir noch heute ein Rätsel; wahrscheinlich hatte er, ermüdet, sich gelagert, und war so mit mir, der ich mich in den Sattel einsetzte, aufgestanden. Sonst wüßte ich wahrhaftig nicht, wie ich hinaufgekommen; aber hinauf kam ich, dank dem Lasso, den ich instinktartig, wie der Ertrinkende, keinen Augenblick aus der Hand gelassen. Jetzt verschwamm alles so chaotisch vor meinen Augen, daß es Momente gab, wo ich mich nicht mehr auf dieser Erde wähnte. Ich sah die herrlichsten Städte, wie sie die Phantasie des genialsten Malers nicht grandioser hervorzuzaubern vermag, mit Türmen, Kuppeln, Säulenhallen, die bis zu den Sternen hinaufreichten; wieder die schönsten Seen, statt mit Wasser, mit flüssigem Gold und Silber gefüllt; Gärten, in den Lüften schwebend, mit den lockendsten Blumen und Bäumen, mit den herrlichsten Früchten; – aber ich vermochte es nicht mehr, auch nur die Hand nach diesen lüsternen Früchten auszustrecken, so schwer waren mir alle meine Glieder geworden. Jeder Schritt des Tieres verursachte mir jetzt die gräßlichsten Schmerzen; die geringste Bewegung, Erschütterung wurde zur wahren Qual; die Eingeweide brannten mir wie glühende Kohlen, es riß darin herum, als wenn Skorpione da wühlten; Gaumen und Zunge waren vertrocknet, die Lungenflügel wie verschrumpft, während die Hände, die Füße zu fühlen waren, als ob sie nicht mehr Teile meines Körpers – nein fremdartige, mir angesetzte Marterwerkzeuge – wären.

Bloß soviel weiß ich mich noch dunkel zu entsinnen, daß es mir plötzlich an den Kopf, um die Ohren schlug – ob wirkliche Schläge, ob Laute oder Töne, kann ich nicht sagen; – es war etwas wie Gestöhne, das ich zu hören glaubte, ein Röcheln, das mir dumpf in die Ohren drang, vielleicht mein eigenes, vielleicht auch fremdes. – Sinne und Bewußtsein hatten mich nun beinahe gänzlich verlassen. Nur sehr dunkel schwebt es mir vor, als wenn ich an Blätter und Zweige gestreift; denn es sauste mir in den Ohren wie Knacken, Brechen der Äste; – auch hielt ich mich mit der letzten Kraft an etwas – was es war, ob Sattel, ob Mähne, oder sonst etwas, weiß ich gleichfalls nicht; – dieser Halt entfuhr mir, die Kraft verließ mich – ich sank.

Ein Schlag wie der Donner eines losgebrannten Vierundzwanzigpfünders, ein Sausen, Brausen, wie das des Niagarakataraktes – ein Wirbeln, als ob ich in den Mittelpunkt der Erde hinabgerissen würde, ein Heer der greulichsten Phantome, die von allen Seiten auf mich einstürmten, mich umkreisten, umtobten! – Und dann eine Musik, wie aus höheren Sphären, glänzende Lichtgestalten, ein sich vor meinen Blicken öffnendes Elysium!

Wieder ein schmerzlicher Stich, der mir siedend, glühend durch die Kehle, die Eingeweide brannte, mich wie in lichterlohen Flammen auflodernd fühlen ließ. Etwas, als ob der entwichene Lebensfunke wieder zurückkehrte, die Lungenflügel sich öffneten, als ob es heiß durch die Glieder und Adern quirle, mir in Kopf und Augen dränge. Sie öffneten sich.

Ich schaute auf, um mich.

Ich lag auf der Rasenbank eines schmalen, aber tiefen Flusses. Mir zur Seite stand mein Mustang, neben diesem ein Mann, der, die Arme gekreuzt, eine strohgeflochtene Weidmannsflasche in der Hand hielt. Mehr konnte ich nicht wahrnehmen, denn ich war zu schwach, mich aufzurichten. In meinen Eingeweiden brannte es wie höllisches Feuer. Die Kleider, die mir naß am Leibe klebten, waren ein wahres Labsal.

»Wo bin ich?« – röchelte ich.

»Wo Ihr seid? Fremdling! Wo Ihr seid? Am Jacinto, und daß Ihr am – und nicht im Jacinto seid, ist, rechne ich, nicht Eure Schuld – D–n it! Sie ist's nicht. Seid aber am Jacinto und auf dem – wenn auch nicht im Trocknen.«

Ich schaute auf zu dem Manne, der mein Lebensretter war. Er war es gewesen, der mich aus dem Flusse gezogen, in den ich kopflings über den Hals meines Mustangs gestürzt, als dieser, wütend vor Durst, über die Rasenbank in das Wasser hinabsprang. Ohne ihn wäre ich unfehlbar ertrunken, selbst wenn der Fluß nicht so tief gewesen wäre. Er war es auch, der mich mit seinem Whisky aus der tödlichen Ohnmacht zum Bewußtsein zurückgebracht hatte ......

Nie in meinem Leben habe ich den Ritt durch die Prärie am Jacinto vergessen.








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