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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Erstes Kapitel

Eine endlose, dunkelgraue Fläche, die in der Entfernung einen bläulichen Schimmer annahm und da und dort dunkle Flecken zeigte, die wie Wasser aussahen; zuweilen eine ausgetretene Stelle, die in unregelmäßigem Kreis vom Feuer versengt und rauh geschwärzt war, und wo ein Fetzen Zeitungspapier, ein alter Lumpen oder eine zerbrochene Blechdose in der Asche lagen; jenseits dieser grauen Fläche eine dunkle Linie, die abends in die Erde zu versinken schien und mit dem ersten Morgengrauen wieder emporstieg, aber immer gleich hoch und immer in der nämlichen Entfernung blieb; das Gefühl, sich mit unbestimmter Absicht unablässig vorwärts zu bewegen, aber jede Nacht auf demselben Fleck, in der nämlichen Umgebung, zu den nämlichen Leuten, den nämlichen Betttüchern und dem nämlichen gräulichen schwarzen Sofa, das von oben herabgelassen wurde, zurückzukehren; im Mund und auf den Lippen ein kalkiger Geschmack von Staub, die Finger immer rauh und sandig von Erde, und alles durchdrungen von Hitze und Viehgeruch.

Das war die Prairie, wie sie zwei Kindern unter der Blahe eines Auswandererwagens über den eintönig nickenden Häuptern hartziehender Ochsen im Sommer 1852 erschien.

Schon seit vierzehn Tagen hatten sie das nämliche Bild unveränderlich vor Augen, und es setzte sie weder in Erstaunen, noch kam ihnen seine Einförmigkeit klar zum Bewußtsein. Wenn sie es, neben dem Wagen hergehend, von der Straße aus betrachteten, so brachte nur ihr Gespann selbst einen neuen Zug hinein. Einer der Wagen trug auf der leinenen Blahe in großen schwarzen Buchstaben die Inschrift: »Auf nach Kalifornien!« Auf der andern Seite stand: »Grabe, schleppe dich ab oder stirb!« Aber diese Zurufe hatten für die Herzen der Kinder nichts Spaßhaftes oder Erheiterndes. Es mochte auch nicht leicht sein, die ernsthaften Männer, die zuweilen neben ihnen herschritten und mit dem Herannahen des Abends immer noch schweigsamer und gedrückter zu werden schienen, mit diesem einer früheren Zeit entstammenden Ausbruch von Humor in Beziehung zu setzen.

Die Eindrücke der beiden Kinder waren etwas verschiedener Art. Dem älteren, einem Knaben von elf Jahren, waren die Gewohnheiten und Bräuche dieser Lebensweise augenscheinlich neu, während das jüngere, ein siebenjähriges Mädchen, darin aufgewachsen sein mußte. Die Kost war grob und nicht so gut zubereitet, wie er es gewohnt war; im Verkehr der Reisegenossen herrschten eine gewisse Freiheit und Rauheit, die häuslichen Einrichtungen waren von einer Einfachheit, die an Roheit grenzte, und die Sprache, die hier geführt wurde, war dem Knaben zuweilen ganz unverständlich. Er behielt bei Nacht seine Kleider an und wickelte sich in ein paar Teppiche: es war ihm klar, daß er im Punkt der Reinlichkeit ganz darauf angewiesen war, sich so gut es gehen wollte, selbst nach Wasser und Handtüchern umzuthun, was ihn aber bei seiner Jugend wahrscheinlich wenig anfocht und ihm nur neu und verwunderlich vorkommen mochte. Es schmeckte ihm gut, er schlief vortrefflich und fand sein Leben recht lustig, nur zuweilen stieg bei dem rauhen Ton seiner Gefährten oder ihrer noch schlimmeren Gleichgültigkeit, die ihm seine Abhängigkeit von ihnen zum Bewußtsein brachte, das unbestimmte Gefühl in ihm auf, daß ihm ein Unrecht geschehen sei, und dies Gefühl, das er gegen niemand aussprechen konnte und selbst als lästig beiseite schob, schlummerte immer in seiner kindlichen Seele.

Der Reisegesellschaft war er als ein verwaister Knabe bekannt, den irgend ein Verwandter seiner Stiefmutter in »Sct. Jo« dem Zug mitgegeben hatte, und der in Sacramento an einen Vetter abgeliefert werden sollte. Da die Stiefmutter ihm nicht einmal lebewohl gesagt und seine Beförderung ganz den Verwandten überlassen hatte, bei denen er sich in letzter Zeit aufgehalten hatte, so war man allgemein der Ansicht, daß sie den Jungen habe loswerden wollen, und das Kind selbst pflichtete halb unbewußt dieser Auffassung bei. Welche Entschädigung für seine Beförderung geboten worden war, wußte er selbst nicht; er erinnerte sich nur, daß man ihm eingeschärft hatte, sich nützlich zu machen, ein Befehl, dem er willig und guten Mutes, wenn auch mit der Ungeschicklichkeit des Neulings, nachkam. Diese Aufgabe hatte auch gar nichts Erniedrigendes in einer Gesellschaft, wo jeder nach Kräften Hand anlegte, und wo das ganze Dasein in seinen Augen den Reiz eines in die Länge gezogenen Picknicks hatte. Auch hatte er von seiten Frau Silsbees, der Frau des Zugführers und der Mutter seiner kleinen Freundin, nicht über Ungleichheit in Verteilung von Liebe und Sorgfalt zu klagen. Die vorzeitig gealterte, kränkliche Frau war so mit Pflichten überhäuft, daß sie keine Zeit hatte, mütterliche Zärtlichkeit an ihr Töchterchen zu verschwenden, und beide Kinder unparteiisch und gleichmäßig streng behandelte.

Der den Nachtrab bildende Wagen rollte krachend und schwankend schwerfällig hinter den andern drein. Die Hufe der Zugochsen stampften zuweilen mit dumpfem Widerhall auf den harten Boden und entsandten dabei nach beiden Seiten Staubwolken, die wie Rauch aufwirbelten. Die Kinder spielten im Innern »Kauflädchens«, das kleine Mädchen trat als wohlhabende und anspruchsvolle Käuferin auf, und der Knabe saß hinter einer Nagelkiste, die als Ladentisch diente, und verschacherte jeden beweglichen Gegenstand im Wagen, teils unter dem richtigen, teils einem Phantasienamen, wie es ihm der Augenblick eingab. Die Münze bestand in Bohnen und Papierschnitzeln, und das Geldwechseln wurde auf sehr praktische Weise verrichtet, indem man die Zettelchen einfach in noch kleinere Stücke riß. Der Abnahme des Warenvorrats wurde abgeholfen, indem man den nämlichen Gegenstand unter andrem Namen wieder und wieder verkaufte, allein trotz dieser günstigen Handelsverhältnisse war die heutige Marktstimmung flau.

»Ich kann Ihnen eine sehr gute Qualität Tuch zu vier Cent den Meter zeigen, doppelt breit,« sagte der Knabe, aufstehend und sich mit den Händen auf den Ladentisch stützend, wie er es bei Kaufleuten gesehen hatte. »Reine Wolle, hält sich gut in der Wäsche,« setzte er ernsthaft und gewandt hinzu.

»Bei Jackson bekam ich das billiger,« erwiderte das kleine Ding, mit der angeborenen Falschheit ihres feilschlustigen Geschlechts.

»Mir auch recht,« meinte der Knabe. »Ich mag nicht mehr spielen.«

»Als ob mir daran läge!« rief die Kleine gleichgültig.

Nun stülpte der Kleine rasch den Ladentisch um, und der aufgerollte Teppich, der die Rolle des begehrenswerten Tuchs gespielt hatte, fiel zu Boden. Das brachte den jugendlichen Handelsmann auf einen neuen Einfall.

»Du, wir spielen ›beschädigte Waren‹,« rief er. »Sieh, ich werfe alles durcheinander, das Oberste zu unterst, und verkaufe dann unter dem Selbstkostenpreis.«

Das kleine Mädchen horchte auf; der Vorschlag war kühn und hatte die Anziehungskraft einer Unart, allein sie sagte, offenbar ganz gewohnheitsmäßig: »nein,« nahm ihre Puppe vom Boden auf, und der Junge kletterte nach der Vorderseite des Wagens. Damit ging die unvollendete Episode auf einmal in jener gänzlichen Vergeßlichkeit, Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit auf, wie sie jungen Tieren eigen sind. Wenn eins von ihnen in diesem Augenblick hätte fortspringen oder fortfliegen können, so würden sie das mit ebensowenig Einleitung oder Vorbereitung wie ein Vogel oder ein Eichhörnchen gethan haben. Der Wagen rollte langsam weiter, und der Junge bemerkte, wie einer von ihren Fuhrleuten auf das Trittbrett des vorangehenden Gefährts geklettert war, während der andre in eine Wolke von Staub gehüllt, halb schlafend nebenherging.

»Cla'ns,« sagte das Mädchen, und ohne den Kopf nach ihr umzudrehen erwiderte der Junge: »Susy?«

»Was willst du werden?« fragte die Kleine.

»Werden?« wiederholte Clarence.

»Wenn du groß bist,« rief Susy.

Clarence zögerte mit der Antwort. Es war sein fester Entschluß gewesen, ein erbarmungsloser aber gerechter Seeräuber zu werden, allein seit er heute früh in einem zerlesenen »Führer durch die Prairie« von Fort Laramie und Kit Carson gelesen hatte, war er entschlossen, die Laufbahn eines »Kundschafters« zu ergreifen, die leichter zu erreichen war und wozu man nicht so viel Wasser nötig hatte. Doch aus Rücksicht auf Susys voraussichtlich mangelnde Sachkenntnis wollte er weder den einen noch den andern Beruf namhaft machen, sondern erwiderte mit der amerikanischen Jungen eignen Bescheidenheit kurzweg: »Präsident«. Das war jedenfalls das Sicherste, enthob ihn allen schwierigen Erklärungen und war von wohlwollenden alten Herren, die ihm die Hände auf den Kopf gelegt hatten, gut geheißen worden.

»Ich will eine Frau Pfarrer werden,« sagte Susy, »und Hühner halten und Sachen geschenkt bekommen. Kinderkleider und Aepfel und Apfelmus und Honig – und – und noch mehr Kinderkleider! und Metzelsuppe, wenn man schlachtet!«

Sie hatte sich, die Puppe auf dem Schoß, mit dem Rücken gegen ihn auf den Boden des Wagens gesetzt, und er konnte gerade die Rundung ihres lockigen Köpfchens und darüber hin ihre bloßen Kniee mit den Grübchen darin sehen, die hoch empor standen, und die sie vergebens mit dem Saum ihres kurzen Rückchens zu bedecken suchte. »Ich möchte keine Präsidentenfrau sein,« sagte sie plötzlich.

»Weil du keine sein könntest.«

»Wenn ich möchte, könnte ich's wohl!«

»Nein, du könntest nicht.«

»Gleich könnte ich!«

»Nein, du könntest nicht.«

»Warum?«

Da er es etwas schwierig fand, Gründe für ihre Unfähigkeit zu diesem Posten vorzubringen, so hielt Clarence es für ebenso vernichtend, wenn er gar keine Antwort gab, und es entstand ein langes Schweigen. Es war sehr heiß und staubig, und der Wagen schien kaum vom Fleck zu kommen. Clarence blickte aufmerksam auf den Schatten, den das Dach des Wagens hinter ihnen auf die Räderspur warf, und plötzlich stand er auf und ging an der Kleinen vorüber nach dem Trittbrett.

»Will hinaus,« sagte er, die Beine über den Rand schwingend.

»Mam' hat's verboten,« bemerkte Susy.

Clarence entgegnete nichts auf diese Mahnung, sondern ließ sich neben den sich langsam drehenden Rädern zur Erde gleiten: der Wagen war in so schläfriger Bewegung, daß er, ohne zu laufen, die Hand auf dem Trittbrett liegen lassen konnte.

»Cla'ns.«

Er sah auf.

»Heb mich hinaus.«

Susy hatte sich schon ihren großen Schutzhut aufgesetzt, stand auf der äußersten Kante des Trittbretts und streckte ihre Aermchen in solch unbedingtem Vertrauen auf seinen Beistand hinaus, daß der Knabe dieser stummen Bitte nicht widerstehen konnte und sie geschickt mit den Armen auffing. Sie standen einen Augenblick still und ließen dem schwerfälligen Gefährt, das auf seinen Achsen schwankte, wie wenn es gegen eine hohe See zu kämpfen hätte, Zeit, einen Vorsprung zu gewinnen. Regungslos blieben sie stehen, bis ihr fahrendes Haus etliche hundert Schritte entfernt war, und rannten dann plötzlich mit halb wahrem, halb gemachtem, jedenfalls sehr vergnüglichem Schrecken hinterdrein, um es wieder einzuholen. Diesen Scherz wiederholten sie zwei-, dreimal, bis sowohl ihre Kraft als ihre Freude daran erschöpft waren, und schlenderten dann Hand in Hand weiter. Plötzlich stieß Clarence einen Schrei aus.

»Du Susy – da schau hin!«

Der letzte Wagen war wieder eine beträchtliche Strecke von ihnen weggerollt, und zwischen dem Gefährt und ihnen hatte, das tief eingegrabene Geleise kreuzend, ein höchst merkwürdiges Geschöpf Halt gemacht.

Auf den ersten Blick schien es ein Hund zu sein – ein verlaufener, schamloser, herrenloser Landstreicher, nicht der redliche Behüter eines Treiberzugs, der vom Wege abgekommen wäre. Er war so staubig, so hager, so schmutzig und schlotterig und sah so träge aus! Als sie ihn aber genauer ins Auge faßten, entdeckten sie, daß sein graugelbes Fell den Rücken entlang borstig zu Berg stand, daß er große, giftig aussehende, dunkle Blattern an den Weichen hatte, und daß die schlotternden Wampen eine Eigentümlichkeit seines Baus, und nicht ein Symptom der Angst waren.

Als das Tier seinen verdächtigen Kopf nach den Kindern wandte, konnten sie auch wahrnehmen, daß seine dünnen Lippen, die viel zu kurz waren, um die langen weißen Zähne zu verdecken, höhnisch zu grinsen schienen.

»Da her, Hundevieh!« rief Clarence aufgeregt. »Sei ein guter Hund! Komm! Da her!«

Susy brach in ein triumphierendes Gelächter aus und rief: »Bist du dumm! Der ist ja gar kein Hund nicht, der ist ein Coyote!« Coyote – der amerikanische Prairiewolf. Anm. d. Uebers.

Clarence ward dunkelrot. Nicht zum erstenmal zeigte sich ihm das Pionierskind an Wissen überlegen. Das peinliche Gefühl der Beschämung zu verbergen, sagte er rasch: »Ich fang' ihn deshalb doch!«

»Kannst du nicht,« erwiderte Susy, das Köpfchen mit dem großen Schutzhut schüttelnd. »Der läuft schneller als ein Pferd!«

Nichtsdestoweniger lief Clarence auf das Tier zu, und Susy trippelte hinterdrein. Bis auf zwanzig Schritte ließ das träge Geschöpf die beiden herankommen, dann machte es, sichtlich ohne die geringste Anstrengung, zwei oder drei Sprünge zur Seite, und war wieder ebensoweit von ihnen entfernt wie im Anfang. Mit mehr oder weniger Heiterkeit und Aufregung wiederholten sie diesen Ansturm noch drei- oder viermal, und das Tier entschlüpfte ihnen gewandt, ohne sich jedoch von ihnen in die Flucht treiben zu lassen, so daß es ihnen schließlich klar wurde, daß sie den Coyote ebensowenig fangen als vertreiben konnten. Die mögliche Folge dieses Verhaltens drückte Susy mit großen runden Augen in den bedeutungsvollen Worten aus: »Cla'ns, er beißt!«

Clarence griff eine sonngebrannte Erdscholle vom Boden auf und warf sie, vorwärts rennend, nach dem Wolf. Der Wurf war gut gezielt; er traf ihn an die schlotterigen Weichen, und das Tier suchte schnappend und einen heiseren, knurrenden Laut ausstoßend, das Weite. Mit strahlender Siegermiene kehrte Clarence zu seiner kleinen Gefährtin zurück, diese aber starrte unverwandt nach der entgegengesetzten Richtung, und es kam ihm nun zum erstenmal in Sinn, daß sie in der Verfolgung des Coyote einen Halbkreis beschrieben hatten.

»Cla'ns,« sagte Susy mit einem nervösen Auflachen.

»Nun?«

»Der Wagen ist fort.«

Clarence erschrak. Es war richtig, nicht nur ihr Wagen, sondern der ganze Zug von Ochsen und Fuhrleuten war wie vom Erdboden verschwunden, wie wenn ein Wirbelwind ihn weggefegt, oder die Erde sich aufgethan und ihn verschlungen hätte. Sogar die Staubwolke, die ihn sonst bei Tag auf weite Ferne kenntlich machte, war nirgends zu entdecken, und die endlose Fläche, die sich gegen Sonnenuntergang vor ihren Augen dehnte, war ohne jede Spur, ohne jedes Zeichen von Leben und Bewegung. Die ungeheure blaue Krystallschale, die am Tag mit Dunst und Glut, bei Nacht mit Sternen und Dunkelheit erfüllt war und mit ihrem Rand ringsum auszuruhen und sie von allen Seiten einzuschließen schien, mußte aufgehoben worden sein, um den Zug durchzulassen, und umschloß sie nun wieder für alle Zeit.

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