Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Gutzkow >

Imagina Unruh

Karl Gutzkow: Imagina Unruh - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleImagina Unruh
pages147-232
created20020424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
Schließen

Navigation:

Karl Gutzkow

Imagina Unruh

Novelle

Es ist vergebens! Traumerguß –
Das Säuseln einer Linde!
Und was sie träumet – ach es muß
Verwehen in die Winde!

1.

Wer in Italiens gegenwärtigen Kunstzuständen heimisch ist, wird Gelegenheit gehabt haben, daselbst dem unbestrittenen Ruhm einer deutschen Malerin, der Gräfin Imagina von Wartenberg, zu begegnen. Sie ist nicht etwa in den Galerien von Mailand, Florenz, Rom und Neapel anzutreffen, wo sie, wie reisende Engländerinnen, durch ihre Staffelei die berühmtesten, von ihnen copirten Gemälde dem Publicum unzugänglich macht: vielmehr beruht ihr Ruf auf der Ursprünglichkeit und freien, unmittelbaren, nicht nachahmenden Eingebung ihres Talents. Ihre Erfindungen sind allgemein gewürdigt. Und wenn sie in der Farbe auch bis zur Stunde noch zu keiner so großen Meisterschaft hat vordringen können, wie in der Zeichnung, so bewegt sich gerade ihre vorzüglichste Stärke in jener Mittelsphäre zwischen Farbe und Kreide, wo man die bunten Reize der erstern nicht mehr vermißt, ja sie geradezu für eine Entstellung des Ahnungs- und Beziehungsreichen halten würde, was die letztere andeutet. In Blätterwerk, Arabesken, phantastischen Gruppirungen hat diese zarte weibliche Hand so viel Liebliches hervorgebracht, daß man nur die sonderbare Scheu und Aengstlichkeit beklagen muß, mit welcher die deutsche Künstlerin ihre Arbeiten der Welt verschließt und nur selten, nur vor ihr vertraut gewordenen Personen zu bewegen ist, ihre reichen, künftiger Bewunderung vorbehaltenen Mappen zu öffnen.

Gibt schon dieser Reiz des Geheimnißvollen der jungen und schönen Frau einen doppelten Zauber, so steigert sich dieser vollends zum Märchenhaften, wenn man mit der Lebensgeschichte einer noch so jungen Existenz vertraut wird. Wenigen nur mag diese Gunst des Zufalls zu Theil geworden sein. Daß Imagina von ihrem Gatten, dem Grafen von Wartenberg, geschieden ist, weiß alle Welt. Wegen einer an ihm begangenen Untreue behaupten Einige, wegen eines Misverständnisses Andere. Das wahre Sachverhältniß ist aber ein völlig anderes, wie die nachfolgenden Blätter beweisen werden. Nur so viel schicken wir voraus, daß die Annahme, beide Ehegatten wären nach einer auffallend kurzen Ehe, da Imagina katholisch und der Graf lutherisch ist, aus religiösem Zwiespalt getrennt worden, völlig in der Luft schwebt.

Imagina ist die Tochter des Freiherrn von Unruh, eines königlich preußischen Landraths in der Provinz Schlesien, Kammerherrn, Capitains außer Diensten und Ritter mehrer Orden, nicht verwandt mit jener Hauptlinie der Unruhs, die sich in Zedlitzens preußischem Adelslexikon verzeichnet findet. Der Capitain war seit manchen Jahren Witwer und hatte, noch während er in der activen Armee stand, sein einziges Kind einem Frauenkloster in der romantischen Grafschaft Glatz zur Erziehung überlassen, dann aber, als er zur Landwehr als Major nicht übergehen mochte, sondern die »Civilversorgung« einer Landrathsstelle vorzog, sein Kind zu sich kommen lassen und sie so gut erzogen, als es nach den Grundsätzen eines alten graubärtigen Säbelknopfes für »Gott, König und Vaterland« möglich war.

Freilich ergaben sich dadurch die schroffsten Gegensätze, was die Gesinnung anlangte. Die Aeußerungen dieser Gesinnung aber betreffend, war der Landrath ganz damit einverstanden, daß Imagina ihrem Namen, Freiin von Unruh, auch durch die That Ehre machte. Was das Kind Wildes und von der Ordnung des Herkömmlichen Abweichendes trieb, war ihm in dem Falle, daß es nur mit seinen Gendarmen, den berittenen und unberittenen, in keine criminelle Berührung führte, immer willkommen; nur verstand er selten den Sinn und die Absicht des wunderlichen Wesens, dessen Natur ausschließlich zum Träumerischen und Schwärmenden hinneigte. Der Landrath fühlte die Ironie nicht, daß er bei seinen Conduiten-, Moralitäts- und Mortalitätslisten, bei seinen Viehseuchen- und Markttagevorschriften, bei seinen Paßreglements und Schubtransporten ein Kind erzog, das durch seine ganze polizeiliche Ordnung wie ein Comet fuhr und die Poesie selbst war. Was ihm an jedem andern Bewohner seines Landrathsbezirks würde verbrecherisch erschienen sein, als Störung mindestens der öffentlichen Ruhe und des Staatsgeleises, das lockte ihm bei seinem Kinde Thränen des heftigsten Gelächters hervor, Thränen, die ihm um so theurer zu stehen kamen, als er ihnen das größte, schmerzlichste Opfer seines Daseins bringen mußte, das des dampfenden Meerschaumkopfes, den er beim Lachen aus dem Munde nehmen mußte, was er kaum vor dem Oberpräsidenten that, wenn dieser auf Inspectionsreisen von Breslau bei ihm vorsprach.

Aus dem reichen, träumerischen Jugendleben dieses Kindes wollen wir nur wenig Ereignisse hervorheben. Sie sollte im dreizehnten Jahre zur Vollendung ihrer Erziehung oder richtiger gesagt, zum Beginn derselben und zur endlichen Zähmung ihrer Verwilderung nach Breslau in eine Pension geführt werden. Da sie aber vor dieser Reise eine unglaubliche Furcht bekam, so hatten die Bedienten und Gendarmen des Landraths Mühe, das flüchtig gewordene Mädchen aufzusuchen. Da man sie, die Allgekannte, in Wald und Feld immer wieder bald entdeckt hatte und mit militairischer Begleitung, natürlich immer im Scherz und mit heiterstem Anstand und einem tausendfachen: »Aber, Frölen, aber, Frölen!« wieder heimführte, so flüchtete sie sich zuletzt in einen ihrer Lieblingsverstecke, in die Gruben der Bergleute. Die Gegend im schönsten Theil des schlesischen Gebirges war reich an ergiebigen Schachten. Der Bergbau stand unter des Landraths besonderer Aufsicht. Die Grubenleute, die Unter- und Obersteiger waren in Bischofswalde, seinem Wohnort, heimisch und jeder kannte Imagina, die in weißen Pumphöschen, mit einem saubern kleinen Mützchen über die blonden Locken, kräftigem Fausthandschuh an der Rechten der zierlichen Hände, eine Laterne in der Linken, zu Schachte fuhr und stundenlang in den größern Kammern verweilen konnte, bis sie einige Hundert Klafter tiefer auf einem kleinen Rollwagen wieder ans Tageslicht kam. Aus einer dieser Kammern, wo sie unter glitzernden, darin aufgehäuften Metallseltenheiten, hinter einer Marmortafel, die zu Ehren des ersten Bebauers dieser ergiebigen Erzschichten dort aufgestellt war, einschlummerte, mußte sie erst hervorgeholt werden, um endlich den Wagen zu besteigen, der sie in die Pension führte.

Imagina glaubte Alles, was die Bergleute von Schauerlichkeiten aus dem unterirdischen Reiche der Gnomen ihr erzählten. Das aber, was sie an diesem wichtigen Tage, der einen Abschnitt ihres Lebens bildete, gesehen hatte, übertraf doch noch die Geschichten selbst des ältesten der Steiger, der so Vieles schon da unten gesehen hatte, so Vieles unten vorauserlebte, was oben wirklich später zutraf. Imagina hatte ja deutlich gesehen, daß sich eine weiche Thonschieferlage vor ihr öffnete. Deutlich wußte sie ja, daß sie sich in der spärlich von ihrem Flämmchen erleuchteten unterirdischen Friedrich-Wilhelms-Kammer von ihrem Sitz, einem großen Basaltsteine, erhoben hatte und in diese Oeffnung eingetreten war. Da war sie eine Weile gewandelt, langsam, heimlich. Die Wände zur Rechten und Linken wurden immer weiter und höher, immer blendender die Metalle, immer reicher die Adern, die quer über sie hinwegliefen. Dann ward es heller und immer heller und plötzlich fiel ein bläuliches Licht von oben hernieder, das viel magischer, viel reiner schimmerte, als oben der blaue Glanz des Himmels. Sie war in einer Halle von wunderbarer Schönheit, wie es schien, recht die gediegene Hauptsilberkammer des ganzen Gebirges. Die edelsten Erze hingen wie in Tropfsteingebilden von der hohen Decke, und von den schimmernden Metallblumen kam gerade, wie ihr schien, dieser blaue Glanz, der so tief ins Herz wie ins Auge drang. Sie zitterte vor wonnigem Weh. Diese Pracht hatte ihr nur im Traume möglich geschienen. Wie erstaunte sie aber erst, als ihre Augen immer heller und heller sahen und die Nebel sich weghoben wie von einem goldenen Throne, auf den sich ein Greis setzte mit silberflutendem Barte, diamantner Krone und flimmernd rieselndem Gewande. Das wußte sie gleich: das war der König Kobalt, von dem sie schon so Vieles erfahren hatte, dessen Lebensgeschichte, Leiden, Freuden, Kämpfe und Siege sie alle kannte, mehr als man von Rübezahl weiß, dem Geist des Riesengebirges, der von dem Innern des Berges ausgeschlossen ist. Hier unten herrschte König Kobalt mit seinem Minister Nickel, den sie auch an dem Throne sah, ein ganz kleines Männchen, sehr röthlichweiß, die Feder hinterm Ohre und mit vielen glänzenden Orden auf der Brust. Aber der blaue Glanz, der Alles erhellte, der kam nicht von oben, nicht von unten, sondern der strahlte geradezu vom König Kobalt aus, am meisten aber aus seinen himmlischblauen, ganz azurklaren Augen. Die Freude, die Lust, das bebende Entzücken dieses Anschauens dauerte nur zu kurz für Imagina. Denn bald ertönte ein dumpfes Rollen fernher, wie ein anziehendes Gewitter nach langen, schwülen Sommertagen. Imagina hielt sich an der Wand der sich verdunkelnden Halle fest, Blitze zuckten aus Oeffnungen, die man nicht sah, aber hintendrein rissen furchtbare Donner die Wände auf, und ganz düstere Abgründe, dunkelrothe und gelbe Schlünde öffneten sich, und der Hof des Königs Kobalt mit seinem Minister Nickel und allen Geheimschreibern und Unterthanen erglänzte nun ebenso feuerroth, wie vorhin im lieblichsten Blau. Jetzt erst im grellrothen Lichte konnte sie all die Tausende von Zwergen und Geistern, die dem König Kobalt dienten, unterscheiden. Alle schwiegen feierlich gespannt. Denn im Hintergrund des gewaltigen Saales sah man ein Graunbild eben aus der Tiefe emportauchen. Imagina wußte, wer dieser finstere Riesengeist mit einem Dreizack statt des Scepters und einer Rubinenkrone auf dem gelben Haupte war. Die qualmenden Dämpfe, die aus der Tiefe stiegen, hinderten sie nicht, den Fürsten der Hölle zu erkennen, der mit höhnischer Wuth den guten König Kobalt und seinen Minister Nickel begrüßte. Die aber blickten mit ruhiger Würde auf den fletschenden Fürsten der Hölle nieder, der wie auf einer Muschel inmitten schäumender Gewässer thronte. Diese Gewässer waren glühendheiß und spritzten dampfend empor wie aus einem tiefverborgenen Kessel. König Kobalt griff aber mit stillem Ernst in ein goldenes Kästchen, das ihm die Zwerge kniend darboten, und nahm kleine Pülverchen aus diesem Kästchen und schüttete sie in die glühenden Gewässer. Davon zischten sie auf, verbreiteten wunderbar stärkende Dämpfe und brachen sich plötzlich sanft wallend Bahn durch die Oeffnungen jener Schlucht, wo noch immer der Fürst der Hölle thronte. Nickel murmelte bei jedem Pulver, das König Kobalt aus dem goldenen Kästchen in die heißen Höllenwogen schüttete, den Namen von Städten, die Imagina bei ihrem bischen Geographie doch schon gehört hatte. Als das hineingeworfene Pulver einen gewaltigen Schwefeldunst verbreitete und die davon geschwängerte Woge nach Westen durchbrach, murmelte Nickel den Namen der Stadt Aachen. Beim Geruch von salzsaurer Talkerde murmelte Nickel: Baden-Baden. Als es nach einem neuen Pulver siedend aufzischte und Blasen warf, die den Geruch von Magnesia verbreiteten, vernahm Imagina deutlich den Namen Wiesbaden. So nacheinander hörte sie Karlsbad, Teplitz, Pfäffers und, als die Wogen sich abkühlten, Kissingen, Homburg, Pyrmont und viele andere, die ihr Gelegenheit gaben, durch König Kobalt und seinen Minister Nickel nützliche geographische Kenntnisse zu sammeln. Als die wilden Wasser sich verlaufen hatten, schickte sich auch der Höllenfürst an, sich mit rollendem Donner zu entfernen. Schon hatte er seine auffallend schöne und weiße Hand an seine Krone gelegt, um sich dem König Kobalt mit einem ironischen Lachen, das weit mit unzähligem Echo in den Bergen widerhallte, zu empfehlen, als der blaue Fürst sich von seinem Throne erhob und mit leiser Stimme Halt! rief. Dies leise Halt! eines guten Wesens wirkte so viel, als alles schreckliche Gepolter eines bösen. Der Fürst der Hölle antwortete ehrerbietig und ganz verwundert, was dem Könige Kobalt heute gefällig wäre. Dieser antwortete mit leidender, aber ruhiger Stimme Folgendes:

Fürst der Hölle, ich habe nun seit Jahrtausenden dein böses Treiben leidlich gesegnet und den Menschen auf der Erde einen schwachen Ersatz für deine Umtriebe gegeben, die ich leider befördern mußte. Du sendest die Gewässer der Hölle aus tiefen Bergkesseln in die Höhen und lockest den Abschaum der Menschheit an jene Stellen, wo deine Höllenarme auf den Erdenrand hervorbrechen, um durch die bösen Menschen die guten zu verführen. In den Badörtern (bains oder bagni, ergänzte der diplomatisch gewandte Nickel) hausest du mit allen deinen bösen Kräften und lockest die Seelen in das Garn des ewigen Verderbens. Spieltische baust du auf, um die sich versammeln von Ost und West und Nord und Süd alle Die, welche das Schicksal nur zu geneigt sind für eine blinde Eingebung und kokette Laune des Zufalls zu halten. Mit unsern Metallen, mit den edelsten, verwirrst du die innern Melodien der Menschenseelen, daß sie nur noch auf den Klang von Gold und Silber, nicht auf den Wohllaut ihres Gemüthes hören. Geld ist leider der Ausdruck des Geltenden im Menschen, wie einmal die Erde oben geworden ist. Ist dieser moralische Halt erst schwankend, dann lassen auch alle andern Bänder nach, die die Sterblichgebornen an die unsterbliche Sitte und Tugend binden. Ehre wird weggeworfen oder auf eine lächerliche Spitze getrieben. Nach Schwertern wird gegriffen und gemordet. Die eheliche Treue ist nirgend gefährlichem Proben ausgesetzt, als in deinen Bädern, nirgend werden Verbindungen, die für das Leben dauern sollen, leichtsinniger geschlossen, nirgend gewissenloser wieder gelöst. Ein Sehnen und Schmachten nach diesen Tummelplätzen deiner Künste hat sich des ganzen jetzt oben an der Zeitenuhr aufgezogenen Jahrhunderts bemächtigt. Was nur Verderbliches ins Menschenleben eingreift (Nickel, der gemäßigt freisinnig war, bemerkte auch etwas von den Congressen), geht von deinen hier heißen, dort abgekühlten Höllenarmen aus, die ich in meiner schwierigen Stellung als Herrscher des Zwischenreiches, ich König Kobalt, dessen Dasein nur von höhern Schutzmächten garantirt ist, befördern muß durch meine segenbringenden Metalle. O, wie schmerzen mich diese Gesundheitspulver, die nur zur Anlockung der leidenden Menschheit in deine Kreise dienen müssen! O, wie fluch' ich dir, daß diese guten und heilenden Kräfte nur den Zauber deiner glühenden Fangarme vermehren müssen.

Imaginen – die ihren Vater oft von polizeiwidrigen Spielhöllen hatte reden hören und durch den Obersteiger die Natur der Heilquellen kannte – war es, als wenn der Fürst der Hölle darauf mit einer französischen gleichgültigen Phrase erwiderte, die sie auch nur wenig, trotz ihrer häuslichen Meidinger'schen Selbstunterrichtsübungen, verstand.

Der gute König seufzte und fuhr fort: Mag dies zwischen mir und dir ein Höherer entscheiden! Heute aber, Fürst der Hölle, verlang' ich für die jahrhundertjährigen Dienste, die ich dir leistete, eine Gegengefälligkeit. Denn wisse, mein jüngster Sohn, Prinz Wismuth, ist so weit herangereift, daß ich gesonnen bin, ihn auf die Oberwelt zu seiner fernern Entwickelung zu schicken. (Imagina zuckte bei dieser Stelle, weil sie auch an ihre Pension dachte.) Menschlich wird er fühlen, menschlich leiden, wie dir bekannt ist, der du selbst so oft irdische Gestalt angenommen hast, um große Menschen, die, wie z. B. Doctor Faust, durch die Umstände nicht zu bezwingen waren, persönlich zu verführen. Prinz Wismuth wird, wie ich ahne und wie es seine metallische Natur auch mit sich bringt, nirgend lieber weilen, als in den ewig verdammten Badörtern, wo mein graues Haupt in Sorgen lebt, ihn von dir und deinen höllischen Geistern bedroht zu wissen. Wenn ich meinen theuern Sohn von mir gebe und ihn entartet wieder hier unten begrüßen müßte! Gib mir ein Zeichen deiner Dankbarkeit! Was willst du thun, um meinen Sohn zu retten?

Der Fürst der Hölle verlangte das Signalement des jungen Prinzen.

Nicht eher zeig' ich ihn dir, bis du mir ein Unterpfand seiner sichern Erdenbahn gibst! lautete des blauen Königs Antwort.

Da räusperte sich der finstere Dämon in der immer dunkler werdenden Höhle und sagte: Laß ihn ziehen! Weil du meine Bäder beschirmst und mir zu meinen verführerischen Thaten daselbst durch chemische Bestandtheile dienst, so will ich dir Bürgen geben für das Wohl deines Sohnes. Welche von meinen Geistern begehrst du als Unterpfand?

Gib mir zu Bürgen für meinen Sohn die sieben Todsünden! sagte der König.

Ein fürchterlicher Schlag begleitete die Erwähnung dieser vorzüglichsten Gruppe aller Engel des Höllenreichs. Satan nickte: Es sei! Und in demselben Augenblick sah Imagina die Wand sich öffnen und mitten aus einem Glanze, wie von durchsichtigen Topasen, mitten aus dem Schlinggewächs silberner Wurzeln und Ranken trat ein Jüngling von bleicher Farbe, in schwarzem altdeutschen Kleide, offenem Halse, eine Studentenmütze von rothem Sammet und mit silbernen Troddeln auf den langen braunen Locken, ein Jüngling so sanft, so lächelnd, so hoheitsvoll –

Mehr hatte Imagina nicht sehen, mehr nicht vernehmen können; denn gerade, als Minister Nickel die Feder eintauchte, um mit der Hölle den Cartell einer Auswechselung des Prinzen Wismuth gegen die sieben Todsünden niederzuschreiben, da fand sich unsere Erlauscherin der Berggeheimnisse wieder auf dem etwas verlegenen Sopha ihres Vaters, der sie mit einigen Schock Wetterelements aus ihrer elementarischen Welt aufschreckte und behauptete, man hätte sie schlafend aus dem Friedrich-Wilhelms-Schacht ans Tageslicht gebracht. Der Wagen, der sie nach Breslau führen sollte, war gepackt. Der Kutscher Andres schwang die Peitsche und der Gendarme Fritze, der in Breslau eine Meldung beim Polizeipräsidium zu machen hatte und sich ein neues Pferd kaufen wollte, weil er sein altes mit Vortheil an einen Gutsbesitzer verhandelt hatte, strich sich schon seit einer Stunde ungeduldig den Knebelbart, denn er sollte die Tochter seines Landraths als Sauvegarde in die Erziehungsanstalt einer Madame Milde begleiten. Als sie von der alten Haushälterin, von allen männlichen und weiblichen Dienstboten und besonders den guten Bergleuten mit Thränen entlassen, von ihrem Vater (der seine Rührung dadurch verbarg, daß er immer nur rief: Na, ich seh' dich bald in Breslau – , na, ich seh' dich bald in Breslau) mit einem einzigen Kuß gesegnet, neben dem Gendarmen Fritze saß, konnte sie nicht begreifen, wie sie so plötzlich aus dem Reiche des Königs Kobalt in diese preußische Wirklichkeit versetzt war. Nur die heiligen Bilder und Kapellen am Weg, vor denen das fromme Mädchen nie den andächtig verneigenden Gruß unterließ, machten ihr möglich, sich endlich von Dem, was sie erlebt hatte, zu sammeln.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.