Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Baierlein >

Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

8.

Am nächsten Tage fuhren unsere Deutschen, wie der Baron von Bülach es angeordnet hatte, mit der Eisenbahn von Algier nach Blida.

Diese im Jahre 1863, in welchem sie durch die Bahn mit Algier verbunden wurde, nur gegen 6000 Einwohner zählende arabische Stadt liegt am Nordfuß des Kleinen Atlas und am Rande der Mitidscha-Ebene. Sie steht erst seit dem Frieden von Tafna, den die Franzosen am 30. Mai 1837 mit den Türken abgeschlossen, unbestritten unter französischer Herrschaft und ist gegen die Angriffe der Araber mit einer Mauer umgeben und durch ein starkes Fort gesichert. Der Wad Kebir, welcher die Stadt bewässert, treibt großartige Mühlenanlagen, deren Produkte neben den vielen Orangen, die in den reichen Anpflanzungen der Umgebung gedeihen, den hauptsächlichen Handelsartikel der Einwohner 67 bilden. Sie bringen ihr Mehl und die Früchte größtenteils auf den Markt der sechzig Kilometer entfernten Stadt Algier.

Hier in Blida trafen unsere Reisenden mit den berittenen Jägern wieder zusammen und hier versorgten sie sich auch, wie verabredet, mit den notwendigen Reit- und Lasttieren.

Für die Gräfin wurde ein vorzüglich dressiertes Maultier ausgewählt; ebensolche kräftige und den Anstrengungen einer Gebirgs- und Wüstenreise gewachsene Tiere erhielten die Kammerfrau der Gräfin, der deutsche Arzt und der Diener des Grafen. Für letzteren aber stand ein prächtiges Pferd bereit, das der Kommandant der Jägertruppe von Algier hatte mitführen lassen, und das an Schönheit mit dem von ihm selbst benützten Reitpferd wetteiferte. Für Walter Wetterwald sodann wurde ein Esel ausgesucht, weil er mit seinen vierzehn Jahren und des Reitens noch unkundig, ein kleineres Tier doch leichter meistern konnte als ein großes.

Die Leser dürfen aber, wenn sie von einem Esel hören, nicht an jene Gattung von trägen, verdrossenen, störrischen und mitunter auch heimtückischen Gesellen denken, als welche ihnen die in Deutschland vorkommenden 68 langohrigen Grautiere bekannt sind. Der orientalische Esel ist das gerade Gegenteil davon; er ist lebhaft und munter, ausdauernd und sehr lenksam. Wenn er gut behandelt wird, tritt er zu seinem Reiter sogar in eine Art Freundschaftsverhältnis, das an die Zuneigung und hingebende Treue des edlen arabischen Rosses zu seinem Herrn erinnert.

Der Knabe fühlte sich daher keineswegs zurückgesetzt, daß ihm ein Esel als Reittier zugeteilt wurde, sondern er hatte seine helle Freude an dem Burschen, der ihn mit klugen Augen betrachtete und ihm, gleichsam zum Zeichen seiner Zufriedenheit, mit einem weithin schallenden Yah den Willkommsgruß bot. Da man Walter überdies, wie die anderen Herren der Gesellschaft, mit einem Jagdgewehr ausgerüstet hatte, das er an einem Lederriemen über dem Rücken trug, kam er sich, wenn er auf seinem Esel saß, gleich einem Ritter vor, der kühn auf Abenteuer auszieht. Aber – wenn es keine Löwen mehr gab, wo blieben dann die Gefahren der Wüste? –

Das Gepäck der deutschen Reisenden war auf vier Kamele verladen worden. Da aber der Graf diese Kamele, die Maultiere und den Esel nicht gekauft, sondern nur bis Wah 69 el Aghuat gemietet hatte, so schlossen die Besitzer der Tiere als Treiber sich der Gesellschaft an, die dadurch zu einer stattlichen Karawane anwuchs. Der Graf hatte sich verpflichtet, diesen arabischen Treibern einen Taglohn zu bezahlen; für ihre Verpflegung sorgten sie selbst. Mit einer Handvoll getrockneter Datteln und ein paar Schluck Wasser reichten die genügsamen Menschen volle vierundzwanzig Stunden aus.

Die Marschordnung, in welcher nun die französischen Soldaten und unsere deutscher Freunde weiter ins Innere des Landes eindrangen, ergab sich von selbst. An der Spitze des Zuges ritten die Chasseurs d'Afrique, hierauf folgten die fremden Reisenden, und den Schluß bildeten die arabischen Begleiter mit den Kamelen und dem Gepäck.

Gleich hinter Blida verließ man die Ebene Mitidscha und damit den von den Arabern »Tell« genannten äußerst fruchtbaren aber nur schmalen Landstrich an der Nordküste Afrikas. Von nun an bot die Gegend ein anderes Bild. Das Atlasgebirge mit seinen zackigen, zerrissenen Felsenketten und vielen isolierten Berggipfeln stieg steil vor den Reisenden auf und schien ihnen den Weg versperren zu wollen. Aber die Franzosen hatten schon in 70 den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine gute Kunststraße durch das Gebirge angelegt, und auf dieser gelangte die Kavalkade zwar langsam, weil bedeutende Steigungen zu überwinden waren, jedoch verhältnismäßig bequem auf die Hochebene des algerischen Atlas, in die Region der Salzsümpfe oder »Schotts«.

Es ist dies ein eigentümliches, mit zahlreichen überaus salzhaltigen Tümpeln bedecktes Steppenplateau. In der winterlichen Regenzeit schwellen die Tümpel zu großen, Hunderte von Hektaren öden Landes überflutenden Seen an, welche während des heißen Sommers in kurzem zu Sümpfen austrocknen. Wenn dann das Salz sich in weißen Kristallen an den Steppengräsern festsetzt, sieht ein solcher Schott von weitem einer großen, mit Schnee angefüllten Talmulde gleich.

Bis hinauf auf den Kamm des Gebirgs und in die Region der Schotts fanden die Reisenden keine größere menschliche Niederlassung mehr. Sie waren daher, wenn ein Tagmarsch zu Ende ging, gezwungen, das Beispiel der französischen Soldaten zu befolgen und wie diese unter den mitgeführten Zelten zu nächtigen. Das hatte nun für Walter Wetterwald einen besonders abenteuerlichen Reiz. Wenn 71 die Sonne hinter den grotesken Berggipfeln zur Rüste ging und die Schatten des Abends sich über die Schlucht senkten, durch welche die Straße sich hinwand, verkündete mit einem Mal ein helles Trompetensignal, daß die algerischen Jäger den Ort ihrer Rast für die bevorstehende Nacht erreicht hatten. Dann stiegen auch die Deutschen von ihren Reittieren und ließen die Zelte aufschlagen. Man ruhte gut unter ihnen, und sobald das frugale, an einem lodernden Wachtfeuer zubereitete, aus konserviertem Fleisch und Gemüse bestehende Nachtmahl eingenommen war, schlief man auch gut im luftigen Haus aus wasserdichter Leinwand, gebettet auf weiche dicke Teppiche, die keine Bodenfeuchtigkeit durchließen, und eingehüllt in warme wollene Decken.

Aber ehe Walter sich selbst der Ruhe überließ, begab er sich stets noch zu seinem Esel, um zu sehen, ob auch der gut versorgt sei, und um ihm noch eine Extraration goldgelber Maiskörner zu reichen. Das Eselein schien sehr erfreut über diese Bevorzugung; es stampfte, wenn es den Knaben erblickte, lustig mit den Hufen und zermalmte das erwünschte Futter mit knirschenden Zähnen. Damit das Tier auch einen Namen habe, hieß der Junge dasselbe »Hans«. In kurzer Zeit hatte der Esel 72 wirklich begriffen, daß diese Bezeichnung ihm galt, und er gab auf den Anruf sofort Antwort, indem er entweder munter die langen Ohren schüttelte oder ein dröhnendes Yah-Yah ausstieß. –

Am vierten Tag nach ihrem Aufbruch von Blida erreichten die Reisenden die Stadt Medea. Diese uralte, von den Römern erbaute und jetzt größtenteils von Arabern bewohnte Stadt liegt fast 1000 Meter über dem Mittelmeer auf dem Steppenplateau des Atlas im Gebiete der Salzsümpfe und war bis 1830, wo sie von den Franzosen erobert wurde, die Residenz des Bei von Tittery. Hier kauften unsere Deutschen einige Lederschläuche voll Wein, die den Kamelen aufgeladen wurden; denn die in Medea ansässigen Europäer treiben Weinbau in erheblichem Maße, sind jedoch darauf angewiesen, ihr durchaus nicht schlechtes Rebenprodukt größtenteils nach auswärts zu verhandeln. Denn der Weingenuß ist den islamitischen Arabern durch ihre Religion verboten; sie entschädigen sich dafür, indem sie Raki trinken, einen aus Zwetschgen oder Reis oder auch aus Negerhirse hergestellten Branntwein.

Bis Medea führt auch die von den Franzosen erbaute Kunststraße durch und über das 73 Atlasgebirg; von da an kann man nur auf der alten Karawanenstraße weiter nach Süden vordringen. Diese berührt das noch auf der Hochebene liegende Araberdorf Boghari, überschreitet bei Dschelfa den Dschebel Sen Alba und verliert sich sodann hinter der letzten nennenswerten Niederlassung seßhafter Araber, dem Städtchen El Ibel, in der Wüste.

In El Ibel nächtigten unsere Reisenden zum letztenmal, ehe ihr Fuß den Boden der Sahara betrat. – 74

 


 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.