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Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Schön und in tiefblauer Farbe leuchtend zeigte das Meer sich auch am anderen Tage, als die deutsche Reisegesellschaft den Dampfer bestieg, um Europa für einige Zeit Lebewohl zu sagen und nach Afrika überzusetzen.

Walters Herz war voll zum Zerspringen. Der Gedanke, bald in einem fremden Erdteil zu landen, in welchem es, wie er aus der Schule wußte, Menschen mit schwarzer Haut und mit wolligen Köpfen gab, in dem Elefanten, Löwen und Krokodile ihr Wesen trieben, und wo statt Eicheln und Haselnüsse süße Feigen und Datteln an den Bäumen hingen, ließ seine Pulse höher schlagen und bewegte das Blut rascher durch die Adern. Im grünen Forst, im erhabenen deutschen Wald war es gewiß auch schön gewesen; aber ließ der Roggenfelder Dorfteich sich mit dem unendlichen Meer, das Geplätscher des Mühlbachs mit dem Rauschen der Wellen vergleichen, die weißschäumend vor dem Bug des Dampfers sich 47 kräuselten?! Der Knabe war vor Verwunderung über alles Fremdartige, was er im Hafen sah, und mehr noch vor Erwartung dessen, was ihm in Afrika begegnen würde, von einer Art Taumel befangen, so daß ihm die Zeit lang wurde, bis das Fahrzeug die Anker lichtete.

Der Dampfer, welchen der Graf mit seinem Gefolge zur Überfahrt nach Algier benützte, war ein großes, sehr bequem eingerichtetes Schiff; es führte die französische Flagge und den Namen »L'Aigle«. Für die deutschen Reisenden standen die besten und am vornehmsten ausgestatteten Kabinen der ersten Klasse in Bereitschaft.

Die Gräfin hatte bisher den jungen Walter während der ganzen Landreise stets in ihrer Nähe behalten. Er war daher einigermaßen erstaunt, als darin bei Beginn der Seefahrt eine Änderung eintrat. Denn kaum hatte der Dampfer den Hafen verlassen und die hohe See erreicht, da verschwand die Gräfin mit der Kammerfrau in ihrer Kabine und ließ sich nicht mehr blicken. Auch der Graf und der Arzt suchten, nachdem man dem Knaben die für ihn bestimmte Kabine 48 angewiesen hatte, ihre Kajüten auf und kamen nicht mehr zum Vorschein.

Walter grübelte über dieses veränderte Benehmen nicht viel nach. Er gab sich ganz den neuen Eindrücken hin, welche eine erste Fahrt auf dem Meere für den Binnenländer mit sich bringt; er genoß in vollen Zügen die frische Luft, die seine Wangen fächelte, beobachtete den eiligen Zug der Wolken, die über das klare Firmament hinstrichen, oder den Rauch, der in dichten Schwaden aus dem Schornstein des Dampfers quoll. Er ergötzte sich am raschen Flug zahlloser Möven, die um das Schiff herumschwärmten, und versuchte es, die schnellen Umdrehungen der rastlos arbeitenden Maschine zu zählen. Schade, daß er der französischen Sprache nicht mächtig war; sonst hätte er die Matrosen, die eifrig auf dem Verdeck hantierten, über manches ihm Unverständliche um Auskunft gebeten. –

Der Junge mochte wohl eine Stunde oder noch länger auf dem Verdeck zugebracht haben, als seine frohe Stimmung plötzlich umschlug. Gerade beugte er sich über Bord, um an der Bewegung der hoch aufspritzenden Meereswellen die Schnelligkeit der Fahrt abzuschätzen, da wurde er von einem heftigen Schwindel erfaßt. Das Schiff schien sich um 49 ihn zu drehen, die schwankenden Masten auf ihn herabzustürzen; dabei war ihm so beklommen zumute, als nahe sein letztes Stündlein heran, und als er sich erschrocken umwandte, trugen ihn die Füße nicht mehr. Nur taumelnd, an der Schiffswand sowie an allerlei Seilen und Stricken sich anklammernd, erreichte er die Tür seiner Kajüte und warf sich, nachdem sie hinter ihm ins Schloß gefallen, auf das schmale, darin befindliche Bett. Ihm war sterbensübel.

Nun wußte er auf einmal, ohne von jemand aufgeklärt zu sein, daß er an der Seekrankheit litt; nun begriff er auch, weshalb der Graf und die Gräfin von allem Anfang an in ihren Kabinen geblieben waren. Ach, welch ein jäher Umschlag war eingetreten in den Gefühlen, mit welchen er seine erste Seefahrt begonnen hatte! Weit weg wünschte er sich von diesem zitternden, stampfenden, von einer nach der andern Seite rollenden Schiff, und mit Sehnsucht gedachte er des grünen deutschen Walds, wo man doch stets festen Boden unter den Füßen hat. Stunde um Stunde verrann ihm, nicht nur unter leiblichen Schmerzen, sondern mehr noch unter quälenden Selbstvorwürfen, weil er der trauten Heimat den Rücken gekehrt und sein liebes 50 Mütterlein allein zurückgelassen hatte. Die lag jetzt in ihrem sicheren Bett, während ihn das treulose Element schaukelte.

Der Knabe konnte sich nicht Rechenschaft geben, wie lange er solchen und ähnlichen Gedanken nachhing; endlich fiel er, geistig und körperlich abgemattet, in einen bleiernen Schlaf, aus dem er nicht eher erwachte, als bis er durch das Getrampel vieler Füße auf dem Verdeck, das Rasseln der auf den Meeresgrund hinabgleitenden Ankerkette und das schrille, ohrenzerreißende Getöse der Dampfpfeife aufgeschreckt wurde. Das Schiff warf nämlich Anker im Hafen von Algier, und Walter hatte fast die ganze Meeresfahrt verschlafen.

Als Walter, nachdem er sich gewaschen und seinen Anzug geordnet hatte, die Kabine wieder verließ, fand er die ganze deutsche Reisegesellschaft schon auf dem Verdeck versammelt. Aus den trüben Augen und abgespannten Zügen des gräflichen Paars und seiner Begleiter konnte er aber schließen, daß es ihnen allen nicht viel besser ergangen war als ihm selbst. Auch sie hatten samt und sonders an der zwar ungefährlichen jedoch sehr unangenehmen Seekrankheit gelitten und waren jetzt herzlich froh, daß die Meerfahrt überstanden 51 war, obgleich sie nur achtundvierzig Stunden gedauert hatte. Mit dem Augenblick, da der Dampfer stillstand, waren auch die letzten Nachwehen des Übels verschwunden, und unsere Reisenden konnten mit voller Gemütsruhe dem Eindruck, den der Anblick der ersten afrikanischen Stadt auf sie machte, sich überlassen.

Namentlich Walter hatte seine frohe Laune bald wiedergefunden. Die bittere Reue, aus Roggenfeld und von seiner Mutter fortgegangen zu sein, trat zurück vor der brennenden Erwartung der Wunder des Orients, wie seine lebhafte Phantasie ihm sie vorspiegelte. Er war aber im ersten Moment, wo er die Stadt noch vom Dampfer aus betrachtete, einigermaßen enttäuscht. Denn Algier repräsentiert sich nicht, wie etwa Alexandria oder Kairo, schon von weitem als eine orientalische Stadt; es hat vielmehr einen ganz europäischen Anstrich.

Algier, von den Franzosen Alger, von den Arabern Al Dschesair genannt, ist das alte Icosium und war im Mittelalter und noch lange später berüchtigt und gefürchtet als Residenzstadt der Deis, der mächtigsten 52 Fürsten der seeräuberischen Barbaresken, vor denen alle Seefahrer des Mittelmeers zitterten, und die stets Tausende und Tausende von geraubten Christensklaven in Gefangenschaft hielten. Jetzt ist Algier die Hauptstadt und zugleich der erste Kriegs- und Handelshafen der französischen Kolonie Algerien. Hart am Mittelländischen Meere, an der Westseite eines großen Golfs gelegen, der im Osten vom Kap Matifu abgeschlossen wird, bildet die Stadt ein Dreieck, dessen breite Seite unten am Meer liegt; die Bauten steigen dann, stets schmäler zulaufend, bis zur ganzen Höhe eines Hügels empor, der den Namen Sabel trägt. Die Spitze des Hügels und zugleich des Dreiecks wird gekrönt von der Kasba, der alten Burg der Deis.

Das heutige Algier zerfällt in zwei Stadtteile, einen europäischen, der sich am Meere hin ausdehnt, und einen orientalischen oder maurischen, der die Höhe des Sabelrückens bis zur Kasba aufwärts klettert. Da den Reisenden, welche in den Hafen einfahren, immer zuerst das europäische Viertel mit seinen schönen Kais, Boulevards und Terrassen in die Augen fällt, während der maurische Teil im Hintergrund bleibt, gleicht Algier nur wenig einer afrikanischen Stadt. Erst wenn 53 man das maurische Quartier betritt, das wie alle alten orientalischen Städte aus engen, unansehnlichen, steilen und gewundenen Gassen mit kahlen, fensterlosen Häuserfronten und vielen Treppen und Aufstiegen besteht, merkt man, daß man sich nicht mehr im zivilisierten Abendland, sondern im Orient, in Afrika befindet. Denn in diesem Viertel herrscht der Schmutz, hier wohnt die Armut und zum Teil auch das Laster; denn diese von fabelhafter Unreinlichkeit geradezu starrenden finsteren Häuser mit ihrem Gestank und der schlechten Luft sind nicht nur die Wohnstätten armer Mauren, Araber und Juden, sondern zu einem ansehnlichen Bruchteil auch Schlupfwinkel, in denen orientalische und – europäische Opiumraucher und Haschischesser ihrer nervenzerrüttenden Leidenschaft frönen.

Unsere deutschen Reisenden stiegen selbstverständlich im unteren Stadtteil, im vornehmen Hotel de France ab, das an dem Boulevard de la République liegt. Der genannte Boulevard, der zur Zeit dieser Geschichte noch nicht ganz ausgebaut war, sondern erst 1866 vollendet wurde, bildet den Glanzpunkt von Algier. Er ruht auf einer prachtvollen, mit ornamentalem Geländer versehenen, 2000 Meter langen Terrasse, die ihrerseits von 54 350 steinernen Bogen gestützt wird. Die von letzteren gebildeten Hallen werden als Magazine und Verkaufsgewölbe benützt.

Wenn Walter das laute Leben und Treiben wahrnahm, das sich auf dem Boulevard de la République und auf den großen Verkehrsstraßen, z. B. der Bab el Uëd oder der Bab Asun, zu jeder Tagesstunde bis spät in die Nacht hinein abspielte, konnte er freilich nicht mehr im Zweifel sein, daß er sich nicht mehr in Europa befand, sondern in einem Gebiete Afrikas, wo abendländische Kultur und orientalische Barbarei hart aneinander grenzen. Denn neben der schmucken Uniform und den prächtigen Pferden französischer Offiziere, neben eleganten Straßenkleidern und seidenen Roben europäischer Herrschaften sah er jetzt im rastlosen Getümmel auch schwarze, wollhaarige, bis zum Gürtel nackte Lastträger, Türken mit schmutzigen Turbanen, bettelnde Derwische, Kameltreiber und Eselvermieter, ernst einherschreitende, ihre Umgebung mit stolzer Verachtung musternde Beduinen in weißen Burnussen, und Juden jeden Alters und Geschlechts, die mit aufdringlicher Zungenfertigkeit das Straßenpublikum in ihre Basars zu locken suchten. Französische, arabische, türkische, englische, 55 deutsche, spanische, levantinische Rufe und Reden schwirrten ohne Unterbrechung durch die Luft, und dem Knaben kam es vor, als hätte sich auf diesem Fleck Erde erst vor kurzem die babylonische Sprachenverwirrung vollzogen. –

Da der Lärm des europäischen Viertels der kranken Gräfin bald unerträglich wurde, und der maurische Stadtteil kein erstklassiges Hotel besaß, hielten die deutschen Reisenden sich nur so lange in Algier auf, bis die Gräfin, von der Seefahrt ausgeruht, die Übersiedlung nach einer der reizenden Vorstädte wagen durfte.

Auf ärztlichen Rat wurde hiezu das mit der Vorstadt Agha zusammengebaute Dorf Mustafa gewählt, das bei den Fremden als klimatisch gesündester Aufenthalt in der näheren Umgebung Algiers gilt, und in welchem sich auch die Sommerresidenz des französischen Gouverneurs befindet.

Dort mietete das gräfliche Paar für sich und seine Begleiter eine anmutig am Bergabhang gelegene, von einem Wald wilder Olivenbäume und Zedern, von Myrten, Zwergpalmen und weitästigen Johannisbrotbäumen umschattete Villa und ließ dieselbe wohnlich einrichten. 56

 


 

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