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Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Wenn jemand behaupten wollte, die Trennung von seinem Mütterlein sei dem Knaben nicht schwer gefallen, so schlüge er der Wahrheit direkt ins Gesicht. Im Gegenteil gestaltete der Abschied sich tränenreich, und nur der Gedanke, daß die Trennung nicht allzulange dauern werde, gab Mutter und Sohn im Augenblick der Abreise einigen Trost.

Nachdem jedoch Walter den ersten Schmerz verwunden hatte, nahm er mit der seiner Jugend eigentümlichen geistigen Elastizität freudig die Eindrücke in sich auf, die ihm die Reise in mannigfaltigen Gestalten darbot. Es war dies seine erste Reise. Bisher war er aus dem grünen, weltabgeschiedenen Waldwinkel, in dem seine Wiege gestanden, nicht viel weiter hinausgekommen als nach dem Marktflecken, wo er zur Schule und in die Kirche ging. Nicht einmal in einer Kutsche war er noch gefahren; die von ihm seither benützten Fuhrwerke bestanden in 39 Ochsengespanen, mit welchen die Roggenfelder Bauern ihre Äcker bestellten, und auf denen er gelegentlich, nur des Spasses halber, eine Strecke Weges zurückgelegt hatte. Man kann sich also denken, wie ihm zumute war, als er jetzt mit dem Grafen und der Gräfin auf weichen Polstern in einem schönen Wagen saß, der von flinken Pferden gezogen, der Residenzstadt entgegenrollte.

War er, dort angekommen, schon überrascht durch die vielen prächtigen Kirchen und Paläste, die volkreichen Straßen, die mit Denkmälern und Monumentalbrunnen geschmückten öffentlichen Anlagen, sowie durch das sinnverwirrende geschäftliche Getöse der Großstadt, so stieg sein Erstaunen ins Unendliche, als von da an die Reise nicht mehr im Wagen, sondern mittelst der Eisenbahn fortgesetzt wurde.

Zur Zeit dieser Erzählung war das Netz der deutschen Eisenbahnen noch nicht so ausgedehnt wie heutigestags. Es gab zumeist nur Hauptlinien, welche die bedeutendsten Städte und die wichtigsten Industriegebiete miteinander verbanden. Tausende und Tausende von Leuten, vornehmlich auf dem platten Lande, wurden alt und starben, ohne je 40 eine Lokomotive gesehen, geschweige eine Bahnfahrt gemacht zu haben.

Für den Knaben, welchen die Gräfin nicht von ihrer Seite ließ, war es daher ein Hochgenuß, von dem Fenster des Waggons aus die mit Sturmeseile vorüberhuschende Landschaft zu betrachten. Er hatte schon längst alle Scheu vor seiner gütigen Gebieterin abgelegt und sich mit kindlicher Hingabe an sie angeschlossen. Aber auch dem Grafen gegenüber taute Walter nach und nach immer mehr auf und wagte es, Fragen über das viele Neue, welches er sah, an ihn zu richten. Und da der Graf bemerkte, wie sehr diese Wißbegierde seine Frau ergötzte und welchen Gefallen sie am Geplauder des Knaben fand, gab er sich Mühe, ihn über alles Merkwürdige aufzuklären und zu stets neuen Erkundigungen anzureizen. Dadurch erweiterte sich Walters geistiger Horizont bedeutend und er gewann auf der Fahrt Kenntnis von vielen nützlichen Dingen, die ihm andernfalls verborgen geblieben wären.

Der Graf hatte seiner kranken Gemahlin halber die kürzeste Reiseroute nach Algier, nämlich durch Frankreich gewählt. Es ist aber hier nicht der Ort, jede einzelne Station aufzuzählen, in welcher haltgemacht wurde, oder die vielen Städte zu beschreiben, die man 41 auf dem Wege berührte. Es genüge die Versicherung, daß die Bahnfahrt über Straßburg, das damals noch französisch war, sodann über Lyon, Avignon und Aix en Provence ohne den geringsten Unfall vonstatten ging, und daß die Reisenden schon am fünften Tage nach ihrem Abschied von der Heimat in der großen See- und Handelsstadt Marseille ankamen.

Wie schon in Lyon und Avignon geschehen, mußte, um der Gräfin einige Erholung von den Reisestrapazen zu gönnen, auch hier ein Rasttag gehalten werden. Walter bekam daher Gelegenheit, unter Führung des Grafen die bedeutendste Seehandelsstadt Frankreichs und der ganzen Mittelmeerküste wenigstens oberflächlich zu besichtigen, dann das Innere der Marseiller Kathedrale, sodann der berühmten Wallfahrtskapelle Notre Dame de la Garde, der schönen Kirche Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, oder die alte unterirdische Kapelle und die merkwürdigen Katakomben der ehemaligen Abtei Sankt Viktor zu besuchen, dazu reichte der kurze eintägige Aufenthalt bei weitem nicht aus.

Der Graf beschränkte sich also darauf, Walter die große Stadt nur im allgemeinen zu zeigen. Er machte ihn aufmerksam auf das prächtige Rathaus, auf das Präfekturgebäude 42 mit reich geschmückter Fassade und dem Reiterstandbild Ludwigs XIV., welchen seine Schmeichler den »Sonnenkönig« – Roi-Soleil – nannten, dann auf das bischöfliche Palais und auf den interessanten Triumphbogen an der Rue d'Aix. Er führte ihn nach der schönsten Straße Marseilles, der La Cannebière, die zugleich einen öffentlichen Platz, einen Basar und einen Spaziergang darstellt. Diese Straße bildet den Stolz jedes Marseillers und ein Sprichwort sagt von ihr: »Wenn Paris eine Cannebière hätte, so wäre es wohl ein Klein-Marseille.«Si Paris avait une Cannebière, Paris serait un petit Marseille. Der Graf beschloß sodann seinen Rundgang, indem er den Knaben auf den von einem Fort gekrönten Hügel von Notre Dame de la Garde führte. Von dort aus genießt man die wundervollste Aussicht auf die amphitheatralisch auf felsigem Terrain in der Form eines Hufeisens um den alten Hafen herumgebaute Stadt, die Vermittlerin des Handels und Verkehrs zwischen den Küstenländern des Mittelmeeres und dem Orient einerseits, sowie zwischen Frankreich und Westeuropa anderseits.

Von jenem Hügel aus hatte aber Walter auch zum ersten Male den Anblick des Meeres 43 – nicht der düsteren Nord- oder Ostsee, der deutschen Meere, über denen zu dieser Jahreszeit schon oft graue, die Aussicht in die unermeßliche Ferne verhüllende Nebel wallen, sondern des lachenden blauen Mittelländischen Meeres, dessen von einem sanften Wind gekräuselter Spiegel im Strahl der Abendsonne glitzerte und glänzte wie rotes Gold. Weit hinaus schweifte des Knaben Auge über die bewegte, von zahllosen Segel- und Ruderbooten, von stolzen Dreimastern, von Handelsschiffen aller Art und von riesigen qualmenden Dampfern durchpflügte Fläche, bis dahin, wo Himmel und Wasser in eine Linie zusammenzufließen schienen und wo die gespannten Segel eines mächtigen Kauffahrteischiffes den Flügeln eines kleinen, ins Meer hinabtauchenden Seevogels glichen.

Zu Walters Füßen lagen der alte Hafen, das Bassin Joliette und das Bassin National mit ihrem Wald von Masten, an denen die vielfarbigen Flaggen aller Nationen im Abendwind wehten; zu seiner Linken hoben sich die Inseln Ratonneau, Canouvier und das Felseneiland Château d'If aus der Flut, welch letzteres durch den Roman »Der Graf von Monte Christo« von Alexander Dumas berühmt geworden ist; gerade vor sich aber 44 sah er das Fort Saint Nicolas mit seinen dicken Mauern und geschützbewehrten Bastionen, das mit dem gleichfalls stark befestigten Fort Saint Jean den Eingang zum alten Hafen bewacht.

Lange stand der Knabe versunken in den Anblick des überwältigend schönen Panoramas. Er fand keine Worte, um die Gefühle kundzugeben, welche sein Inneres durchströmten. Wie oft hatte er sich schon gesehnt, die weite Welt zu durchstreifen, ihre Wunder und namentlich das Meer zu sehen, von dem er in der Schule so viel gehört. Und nun war dieser sein Wunsch auf ungeahnte Weise fast plötzlich in Erfüllung gegangen. Nur wenige Tage waren verstrichen, seit er seinem Mütterchen weinenden Auges den Abschiedskuß auf die Lippen gedrückt hatte, und schon hatte er zahlreiche Erfahrungen gemacht, eine Fülle neuer Eindrücke in sich aufgenommen. Der stille Wald mit seinem tiefen Frieden lag hinter ihm wie in dämmernder, gleichsam unerreichbarer und nur durch die Erinnerung zu überbrückender Ferne. Statt seiner wogte vor ihm das Meer, und unter ihm toste der Lärm einer großen Hafenstadt, der seine Schallwellen emporsandte bis auf den Hügel von Notre Dame de la Garde. Und wenn er 45 von der Höhe seines jetzigen Standpunktes wieder hinunterstieg in dieses Gewirr von Häusern, Straßen und Gassen, in das Gewimmel sich drängender, stoßender, geschäftig um das tägliche Brot sich mühender Menschen, dann schlugen die Laute einer Sprache an sein Ohr, die er nicht verstand, und er sah in braune Gesichter mit schwarzen Haaren und dunklen feurigen Augen, wie er solche in seinem Walde noch niemals gesehen. Er kam sich in der französischen Seestadt vor wie verzaubert – wie in einer anderen Welt. 46

 


 

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