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Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Mehr als zehn Jahre waren verstrichen, seit Frau Magdalene ihre frühere Wohnung mit der im Kavalierhause vertauscht hatte, und während der ganzen Zeit war noch niemals die vom Fürsten zur Bedingung für ihren jetzigen Aufenthalt gemachte Aufgabe an sie herangetreten. Das Jagdschloß stand noch immer unbenützt und harrte vergebens auf die Wiederkehr der vergangenen Tage voll Glanz und Herrlichkeit. Die Försterswitwe hatte beinahe schon darauf vergessen, daß sie als Entgelt für die freie Behausung auch gewisse Pflichten zu leisten habe. Aber unversehens wurde sie mit einemmal daran erinnert.

An einem wunderbar schönen Morgen im Frühling 1863 nämlich kam die Frau des Kastellans ersichtlich aufgeregt in die Stube der Witwe und entbot diese eilends hinüber ins Schloß. Ihr Mann, sagte sie, habe der 12 Frau Wetterwald eine dringende Mitteilung zu machen.

Als die Witwe vor dem alten Herrn stand, erkannte sie sofort, daß auch sein Inneres heftig bewegt war; denn seine Hände, in denen er ein amtliches Schreiben hielt, zitterten, und seine Stimme klang ganz sonderbar, als er ohne lange Einleitung begann:

»Wir bekommen Gäste ins Schloß, Frau Wetterwald.«

»Ah!« sagte sie überrascht, »will Seine fürstliche Durchlaucht doch endlich wieder einmal eine Hofjagd veranstalten?«

»Wenn es nur das wäre, würde mich die Sache nicht so sehr angreifen,« antwortete er mit einem leisen Seufzer; »denn in einigen Tagen, oder wenn es lang dauern sollte, in ein paar Wochen wäre der Trubel wieder vorüber. Aber es ist etwas anderes im Werke.«

»Was könnte das sein?«

»Unser gnädigster Fürst hat das Jagdschloß seinem Verwandten, dem Herrn Grafen von Dürrenstein, zum einstweiligen Wohnsitz überlassen, weil dieser für seine kranke Gemahlin einen ruhigen Landaufenthalt mit guter gesunder Waldluft sucht, und wie es scheint, auf seinen eigenen Gütern keinen 13 ganz passenden finden kann. Der Herr Graf und die Frau Gräfin wollen daher heuer bis zum Herbst im Schlosse wohnen, und Sie werden begreifen, Frau Wetterwald, daß diese einschneidende Änderung in unserm Stilleben mir um so mehr Sorge macht, als mit dem gräflichen Paar auch der Leibarzt der Kranken und eine ziemlich zahlreiche Dienerschaft eintrifft. Der Leibarzt und die weibliche Bedienung der Gräfin soll mit im Schloß wohnen, der Rest des Gefolges im Kavalierhaus untergebracht werden. Ich gestehe nun offen, Frau Wetterwald, daß die Last der vielerlei Arbeiten, welche mit dieser unerwarteten Einquartierung verbunden sind, für meine und meiner Frau alte Schultern viel zu groß ist, weshalb ich darauf rechne, daß jetzt Sie, Frau Wetterwald, gemäß den Verpflichtungen – –«

Sie ließ den alten Herrn gar nicht zu Ende reden.

»Ich weiß, Herr Kastellan,« unterbrach sie ihn, »ich weiß, daß unter solchen Verhältnissen mein Platz an der Seite Ihrer lieben Frau sein muß, und deshalb stelle ich mich ihr ganz zur Verfügung. Aber nicht nur ich will überall helfen, wo es Not tut,« fuhr sie eifrig fort, »sondern auch mein Walter soll mit zugreifen, 14 wo er kann. Der Knabe ist groß und kräftig; er läßt sich schon zu mancherlei Diensten gebrauchen.«

»Ihre freundliche Bereitwilligkeit läßt mich den kommenden Dingen mit viel weniger Sorge entgegensehen.«

»Ich erfülle damit nur eine Pflicht und erfülle sie gerne. Denn ich genieße nun schon so viele Jahre die Gnade des Fürsten, ohne jemals imstande gewesen zu sein, meine Dankbarkeit bezeigen zu können.«

»Die Gelegenheit hiezu wird Ihnen sofort geboten,« sagte der Kastellan mit einem Blick in das amtliche Schreiben; »denn man gibt mir bekannt, daß der Herr Graf schon übermorgen hier eintreffen wird. Unter solchen Umständen haben wir keine Zeit zu verlieren, um alles zu seinem Empfang vorzubereiten und für seine kranke Gemahlin einige bequem und geschmackvoll eingerichtete Zimmer herzurichten. Da aber das Schloß schon lange nicht mehr bewohnt wurde, bedarf es vieler fleißiger Hände, um in so kurzer Frist mit allen Arbeiten fertig zu werden, und ich bitte Sie, Frau Wetterwald, deshalb recht sehr, uns dabei kräftigst zu unterstützen.« –

Wenige Stunden nach dieser Unterredung hatte das alte Schloß, das sich so still und 15 träumerisch in der warmen Frühlingsluft sonnte, ein ganz anderes Aussehen gewonnen. Die während des Winters fest verschlossenen Fenster standen jetzt offen, und in den blank geputzten Scheiben spiegelte sich das Licht des strahlenden Tagesgestirns; alle Zimmer wurden sorgfältig gelüftet, und dann reinigten mehrere aus dem Dorf herbeigeholte Mägde unter Aufsicht der Kastellanin und der Försterswitwe die Dielen sämtlicher Räume mit Kehrbesen und Bürsten. Das ganze Schloß schien lebendig geworden zu sein; denn überall ertönten laute Menschenstimmen, in allen Gängen, Korridoren und auf allen Fluren wurde gescheuert und geschrubbt, über dem ganzen regsamen Tun und Treiben aber lagerte ein unbeschreiblicher Duft von warmem Wasser und Seifenschaum.

Unterdessen war auch Walter nicht müßig geblieben. Er war nach dem Flecken Herbertshofen geeilt und hatte dort eine Anzahl Handwerker aufgeboten. Gleich nach deren Eintreffen im Schloß ging es an ein Hämmern und Feilen, ein Klopfen und Nageln, daß der Lärm weithin hörbar wurde. Wo nur immer ein Schaden im Mauerwerk oder an einer Tür, an einem Kamin oder einem Schloßriegel sich zeigte, wurde er eilig ausgebessert, 16 und wenn auch die Mägde schalten, weil sie der Meinung waren, die Mannsleute verdürben alles wieder, was sie schön gemacht hätten, so löste der scheinbare Wirrwarr sich doch unter der umsichtigen Leitung des Kastellans und der zwei Frauen schließlich in reinlicher Ordnung auf.

Um die Mittagsstunde des zweiten Tages konnte der alte Herr sich befriedigt in seinen Lehnsessel niederlassen; das schwere Werk war getan.

»Unsertwegen,« sagte er zur Kastellanin, »dürfen die gräflichen Herrschaften nunmehr zu jeder Minute ankommen. Das Schloß steht zu ihrer Aufnahme bereit. Die für sie bestimmten Gemächer sind im besten Stand, und weil wir sie schon gestern scheuern ließen, auch völlig ausgetrocknet. Die Frau Gräfin wird deshalb nicht zu befürchten haben, daß etwaige Feuchtigkeit in den Zimmern ihr Leiden verschlimmern könnte. Ihnen aber, Frau Wetterwald,« wandte er sich an die Försterswitwe, »danke ich von ganzem Herzen; denn nur durch Ihre Hilfe ist es möglich geworden, die vielen uns so plötzlich auferlegten Arbeiten zu bewältigen.«

Frau Magdalene lehnte jeden Dank bescheiden ab.

17 »An welcher Krankheit leidet die Frau Gräfin eigentlich?« fragte sie sodann.

»Sie soll, wie die Ärzte sagen, eine schwache Brust haben. Vor drei Jahren wurde aber ihr einziger zwölfjähriger Sohn, an dem sie mit leidenschaftlich zärtlicher Mutterliebe hing, innerhalb weniger Tage von einem typhösen Fieber hinweggerafft, und seit dieser Zeit hat sich ihr Zustand noch verschlimmert.«

»Arme Mutter!« sagte die Witwe bedauernd.

»Gewiß ist sie arm, trotz des Reichtums an irdischen Gütern, dessen die gräfliche Familie sich erfreut,« stimmte der Kastellan bei. »Seit dem Tode ihres Sohnes ist nämlich zur körperlichen Krankheit der hart geprüften Frau ein tiefer unauslöschlicher Seelenschmerz hinzugetreten, dessen Äußerungen die Ärzte mit sehr ängstlichen Augen betrachten. Denn die lungenkranke Gräfin leidet jetzt auch an einer derart schwermütigen Seelenstimmung, daß sich ihre Umgebung schlimmer Befürchtungen wegen ihrer geistigen Gesundheit nicht mehr entschlagen kann. Dies ist der Grund, weshalb unser Fürst seiner auch geistig leidenden Verwandten das hiesige Schloß zum Landaufenthalt überlassen hat. Hier tritt ihr nicht, wie auf den eigenen Besitzungen, überall die 18 Erinnerung an ihren verlorenen Knaben entgegen, und man hofft, in der würzigen Luft und in der Stille unseres vom Geräusch der Welt weit entfernten Waldes werde die Kranke etwa doch leiblich und geistig wiedergenesen.« –

Als die Försterswitwe die Kastellanswohnung verließ, um in ihre Behausung zurückzukehren, fühlte sie aufrichtiges Mitleid mit der Gräfin. Sie nahm sich vor, der Kranken, wo es anging, und so oft es vielleicht von ihr verlangt werden sollte, nach Möglichkeit zu dienen. – 19

 


 

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