Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Baierlein >

Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

12.

An diesem Abend hatte der Muezzin vom Minaret der Moschee herab die gläubigen Moslim schon längst zum fünftenmal an ihre Andacht gemahnt, als sich auf das Zeltlager vor den Mauern von El Aghuat endlich nächtliche Ruhe niedersenkte.

Um Mitternacht schlief dort alles; nur Walter Wetterwald konnte den erquickenden Schlummer nicht finden. Er lag unausgekleidet auf seinem Teppich, hatte den Kopf auf die Hand gestützt und starrte mit weit geöffneten Augen, in peinigende Vorstellungen versunken, vor sich hin, als sähe er in der Dunkelheit des Zelts eine Gestalt, die ihn mit unbestimmter Furcht vor irgendwelcher Gefahr erfüllte.

Täuschte ihn ein Trugbild, oder hatte er auch heute wieder den Bettler von El Ibel erblickt, den er am artesischen Brunnen erkannt 106 zu haben glaubte? Als die Kameltreiber heute bei Sonnenuntergang das Reisegepäck des gräflichen Paares abluden und der Baron Bülach von letzterem Abschied genommen hatte, da war das dem Knaben Unbegreifliche geschehen. Unter einer Schar gaffender Zuschauer, denen das Abladen des Gepäcks und das Aufrichten der Zelte für die Neuankömmlinge einen erwünschten Gesprächsstoff bot, war auch der vermeintliche Derwisch gestanden – leibhaftig wie er ihn in El Ibel die Hand nach dem Almosen hatte ausstrecken sehen. Und das kam Walter vor wie etwas Wunderbares, wie eine Vision; denn da er die Absichten des alten Bettlers nicht kannte, vermochte er sich sein Auftauchen beim Brunnen und jetzt in der Oase nicht zu erklären. Oder ließ er sich nur durch eine frappante Ähnlichkeit irre führen? Es gab ja unzählige Bettler in Algerien, die insgesamt abstoßend und verkommen ausschauten, und der in Frage stehende schien sogar von El Aghuat selber zu sein, oder hier wenigstens gute Bekannte zu haben. Sonst hätte er wohl nicht so eifrig mit einem europäisch gekleideten Mann plaudern können, der einen roten Fez mit blauer Troddel trug und dessen Hüften eine breite, rotwollene Binde gürtete. Gewiß, das mußte ein anderer 107 Derwisch sein; nur eine große Ähnlichkeit verführte ihn, stets an den von El Ibel zu denken.

Aber obgleich der Knabe den ernsten Willen hatte, an einen Irrtum zu glauben und sich die ganze Sache aus dem Kopfe zu schlagen, blieb sein Gedankengang doch unentwegt im Banne der einmal gefaßten Meinung. Er hatte das dunkle Gefühl, daß von dem alten Bettler Unheil ausginge – daß ihm, vielleicht der ganzen deutschen Reisegesellschaft von jenem Bettler eine Gefahr drohe. Und diese Ahnung hielt ihn wach; er konnte den Schlaf nicht auf seine Lider herabzwingen. – – Plötzlich schreckte er auf aus seinen Grübeleien. Er hatte Schritte gehört, leise Schritte, die sich vor seinem Zelt vorbei nach der Richtung hinbewegten, wo die Zelte des Grafen und seiner Gemahlin standen. War das wieder eine Täuschung seiner aufgeregten Sinne gewesen?

Der Knabe lauschte – er war ganz Ohr. Da hörte er einen Ton – ein leises Knacken, als wäre jemand auf ein dürres Reis getreten.

Im nächsten Moment hatte er sich lautlos von seinem Lager erhoben und einen Herzschlag später stand er außerhalb des Zeltes. 108 Er konnte im ersten Augenblicke nichts Verdächtiges entdecken. Alles schien so ruhig, so sicher – –

Doch dort – o Himmel – was ist das?

Im hellen Mondschein, der durch die Blätter der hohen, die Zelte überragenden Palmen dringt, sieht er einen fremden Mann, der sich, vorsichtig schleichend, der Lagerstelle des gräflichen Paares nähert. Der Knabe erkennt deutlich die europäische Tracht, den roten Fez mit der blauen Troddel, den breiten Gürtel um den Leib. – Es ist der Mann, der am Abend so angelegentlich mit dem unheimlichen Bettler geredet hat.

Und da weiß Walter Wetterwald mit einem Male, daß ein Bubenstück im Werk und daß er selbst von der Vorsehung auserwählt ist, es zu verhindern.

In der gleichen Sekunde, in welcher der Sizilianer sich anschickt, den Vorhang am Zelte des Grafen aufzuheben, um ins Innere zu spähen, macht der Knabe einen Sprung und legt dem Menschen die Hand auf die Schulter.

»Halt!« schreit er mit lauter, durchdringender Stimme. »Was habt Ihr da zu schaffen?« –

Der Italiener zuckte zusammen wie vom Blitz getroffen. Dann stieß er einen 109 schauerlichen, einen gotteslästerlichen Fluch aus; denn er sah ein, daß sein Anschlag vereitelt war.

»Verdammter Hund!« knirschte er, »willst du schweigen?«

Doch schon gellte ein zweiter Ruf Walters durch das Lager, der alle Schläfer weckte.

»Ein Dieb! Ein Räuber!« schrie er, all seine Lungenkraft aufbietend.

»So nimm das!«

Der Knabe sah vor seinen Augen etwas funkeln. Er spürte einen scharfen Schmerz in der linken Brust und fühlte, daß sein Hemd und seine Weste von etwas Warmem durchnäßt wurden. Dann ward es ihm schwarz vor den Augen und er sank ohnmächtig in die Arme des deutschen Arztes, der als Erster aus seinem Zelt getreten war. – – 110

 


 

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.