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Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Wir wissen schon, daß Walter Wetterwald sich nicht getäuscht hatte. Der arabische Bettler, den die Gräfin beschenkte, weil sie ihn für einen Derwisch hielt, – in welchem jedoch der Baron von Bülach sofort einen Betrüger vermutet hatte, befand sich wirklich bei der Karawane der Kaufleute. Das reiche Almosen hatte seine Habgier gereizt und er sann auf Wege, sie zu befriedigen. Aber alt und feige, wie er war, mußte er sich nach einem Spießgesellen umschauen. Als dazu sehr passend erschien ihm der Sizilianer Taddeo Garbani, der sich seit einiger Zeit arbeitslos in El Ibel aufhielt und gleich ihm vom Bettel lebte.

Als dieser des Alten Erzählung von den reisenden Europäern und ihrem vielen Geld vernahm, war er ohne langes Zaudern entschlossen, es ihnen, – ginge es wie es wollte, – abzunehmen und den Raub mit dem Araber zu teilen. Letzteres freilich nur, wenn es unbedingt sein mußte; denn heimlich dachte er 97 schon jetzt darüber nach, wie er etwa den Alten um seinen ausbedungenen Anteil betrügen könnte. Von den zwei Spitzbuben war der eine des anderen wert.

Der arabische Bettler hatte von den Kameltreibern, welche die fremden Reisenden begleiteten, ausgekundschaftet, daß sie nur bis El Aghuat gedungen waren, wo die Herrschaft den Winter zubringen wolle. Da nun am gleichen Tage noch eine andere Karawane von El Ibel aufbrach, deren Reiseziel ebenfalls die Oase El Aghuat war, so benützten die zwei Komplizen die günstige Gelegenheit. Sie schlossen sich dieser Karawane an, um die erstere nicht aus den Augen zu verlieren. Als Grund ihres Zuges durch die Wüste machten sie den Kaufleuten, mit denen sie reisten, weis, dem Sizilianer stünde in El Aghuat Arbeit in einer Getreidemühle in Aussicht, und der Alte pilgere zum MarabutGrabmal eines mohammedanischen, sein Leben in asketischer Beschaulichkeit zubringenden Mönchs. Auch ein solcher Mönch heißt nach seinem Tode Marabut, »Lehrer« oder »Erzieher«. des wundertätigen arabischen Heiligen Hassan ben Omar Husein.

Auf diese Weise waren der Sizilianer und der Bettler einige Stunden nach den 98 Soldaten ebenfalls beim Brunnen eingetroffen, und Taddeo Garbani hätte, von seiner Ungeduld hingerissen, den Zelten des gräflichen Paares schon dort einen Besuch abgestattet, wenn er durch das Geheul der Schakale und das Geschrei des Esels nicht zurückgehalten worden wäre.

Walter Wetterwald hatte also den alten Araber richtig wieder erkannt. Als es aber Tag geworden war, glaubte er doch lieber an einen Irrtum seinerseits, weil er sich die Zugehörigkeit des Bettlers zur zweiten Karawane nicht erklären konnte. Er bekam den Mann auch nicht mehr zu Gesicht; denn die Kaufleute brachen schon vor Sonnenaufgang auf und setzten ihre Wüstenreise fort, so daß sie jetzt vor den Soldaten und der gräflichen Gesellschaft herzogen. Deshalb schwieg auch der Knabe über das, was er gesehen zu haben wähnte. Er hatte Furcht, sich lächerlich zu machen. –

Die Reise glich die zwei folgenden Tage im allgemeinen dem ersten Tagesmarsch in der Sahara. Nur sah man während dieser Zeit keine Fata Morgana mehr; auch hatte die Landschaft sich einigermaßen verändert. Denn bald hinter dem Brunnen erreichte man die Grenze der Hamada und betrat nun den 99 Serir, die Region der kleinen runden Steinchen, die sich wie ein breiter Gürtel vor dem Areggebiet hinzieht und südlich in dieses selbst, in die eigentliche Sandwüste, übergeht. Im Serir hat man, weil der Horizont nicht mehr von hohen Felstrümmern begrenzt wird, eine viel ausgedehntere Fernsicht als in der Hamada; auch kann man wegen der gleichmäßigen Bodengestaltung viel größere Tagreisen zurücklegen.

Am Abend des neunten Tages nach ihrem Abmarsch von Blida kamen die Chasseurs d'Afrique und mit ihnen unsere deutschen Freunde wohlbehalten bei der Oase El Aghuat an, nachdem sie am Mittag beim Grabmal des Hassan ben Omar Husein die letzte Rast gehalten hatten. Dieses von frommen Pilgern am meisten besuchte Marabut im nördlichen Teil der algerischen Sahara erwies sich als ein ziemlich hohes und umfangreiches, turmähnliches Bauwerk, dessen Kuppeldach mit einem steinernen Turban geschmückt war. Das Heiligtum ist ganz massiv gebaut, besitzt also keine Innenräume; dagegen sind an dem Turme je nach den Himmelsgegenden vier große und tiefe, gemauerte Nischen angebracht. In die steinernen Wände derselben sind Sprüche aus dem Koran 100 eingemeißelt. Die Mohammedaner glauben, daß der dort begrabene Asket denen, welche in einer solchen Nische schlafen, prophetische Träume sende, weshalb wenige Wochen im Jahre vergehen, ohne daß der eine oder andere Muselman die Kraft des Marabuts erprobt. Aus diesem Grund hatten auch die arabischen Kaufleute keine Ursache, die Angabe des Bettlers zu bezweifeln, daß er hieher pilgern wolle.

Schon vom Marabut aus konnten die Deutschen infolge der reinen durchsichtigen Luft das noch gegen 15 Kilometer entfernte Endziel ihrer Wüstenreise, die Wah oder Oase El Aghuat erblicken. Sie erschien am südlichen Horizont wie ein langgestreckter Fleck, der sich vom rotgelben Grund der Wüste dunkel abhob, und an Größe zunahm, je mehr man sich ihm näherte. Und gerade als das strahlende Himmelsgestirn im Westen hinabsank, setzten unsere Freunde den Fuß auf die schönste Stelle der ganzen algerischen Sahara.

Der Eindruck, den die grüne Oase nach der langer Wüstenwanderung auf die europäischen Reisenden machte, war ein überwältigender und ließ sie die ausgestandenen Strapazen schnell vergessen. Ein Palmenhain umfing sie, dessen kühler Schatten ihre heißen Stirnen 101 trocknete; das Rieseln und Rauschen natürlicher Bäche und künstlicher, vom Wadi Dschedid hergeleiteter Bewässerungskanäle tönte in ihre Ohren, und ihre Augen, die so lange nur den roten Farbenton der Wüste und die darüber lagernde flimmernde Luft gesehen, erquickten sich am Grün saftiger Wiesen, an den üppigen Formen hoch aufgeschossener Farnkräuter von mancherlei Art, am Anblick von Oliven- und Johannisbrotbäumen, die wie Wälder in einem ungeheuer großen Wald von Dattelpalmen standen. Denn die Oase El Aghuat umfaßt ein Areal von 2100 Hektar; ihre Vegetation steht hinter der der Tropenländer, von denen sie ohnehin nur durch wenige Breitengrade getrennt ist, nicht zurück, übertrifft sie vielmehr in verschiedener Beziehung und stellt sich dadurch als ein Paradies dar, als ein wahres Eden mitten in der großartigen aber das Herz beklemmenden Einsamkeit der Wüste.

El Aghuat ist die schönste und fruchtbarste aller nordafrikanischen Oasen im Biled ul Dscherid, ihr Reichtum an Dattelpalmen wird auf über 150 000 Stämme geschätzt. Im 102 gleichen Verhältnis wachsen dort Feigen-, Orangen- und Zitronenbäume, Dumpalmen, echte Akazien, die den arabischen Gummi liefern, und Tamarinden oder Mannasträucher. Da die Oase eine Station an der Karawanenstraße nach Timbuktu ist, wo größere Gesellschaften sich für längere Zeit mit Wasser versorgen können, ist sie jahraus jahrein von ankommenden und abreisenden Karawanen belebt, die ihre Zelte in der Regel vor den Toren der gleichnamigen Stadt aufschlagen. Denn diese Oasenstadt, welche etwa 3500 arabische, Ackerbau treibende Einwohner zählt, besitzt zwar eine Moschee, einen als Basar benützten Marktplatz und ein zur Kaserne für durchziehende Truppen dienendes Fort; aber zur Zeit dieser Erzählung hatte sie noch kein auf europäische Art eingerichtetes Hotel und kein großes, noch weniger eine reinliche und insektenfreie Karawanserei. Die meisten Wüstenreisenden zogen es daher vor, außerhalb der Stadt zu lagern und aus derselben nur ihren Proviant zu beziehen.

Ebenso machten es unsere deutschen Freunde. Nachdem der Baron von Bülach, der mit seinen Soldaten im Fort absteigen und 103 wohnen mußte, vorläufigen Abschied von ihnen genommen und versprochen hatte, schon am nächsten Tage wieder vorzusprechen, um dem Grafen bei der Ablohnung der Kamel- und Maultiertreiber mit an die Hand zu gehen, trafen sie ihre Vorbereitungen für die Nacht. Die erste Nacht, welche sie an dem glücklich erreichten Reiseziele zubringen sollten!

Die Gefühle, von denen das gräfliche Paar bei diesem Gedanken bewegt wurde, lassen sich leichter mitempfinden als zergliedern. Sie gipfelten in einem Dankgebet zu Gott, der seine Vaterhand schützend über ihnen gehalten, daß sie die lange Wüstenreise ohne Unfall zurücklegen konnten. Aber namentlich dafür dankte der Graf der göttlichen Huld, daß die Gesundheit seiner Gemahlin in erfreulicher Weise erstarkte. Der Husten war verschwunden; ihre Wangen rundeten sich wieder und gewannen einen Anhauch von Farbe, und die ehemals so teilnahmlos ins Leere schauenden Augen strahlten jetzt von neu erwachter Lebenslust.

Auch an diesem Abend beobachtete die Gräfin mit Interesse das lebhafte Treiben vor der Stadtmauer von El Aghuat. Ein ganzes Völkergemisch hatte sich da 104 zusammengefunden, Berbern und Tuaregs, Neger aus dem Sudan und ernste stolze Beduinen, französische Juden und arabische Märchenerzähler, türkische Pilger und indische Gaukler. Sie alle ruhen hier aus von den Beschwerden der Wüste und zeigen sich in ihren verschiedenen Landestrachten; die einen in faltenreichen Burnussen, die andern in glatten Kaftanen, der mit einem roten Fez, der andere mit einem Turban auf dem geschorenen Kopf. So sitzen sie entweder vor ihren Zelten oder sie bereiten sich das Nachtmahl am schnell entzündeten Lagerfeuer. Sie kommen und gehen; sie tränken ihre Tiere oder pflöcken sie an. Und über dem ganzen spannt sich der gestirnte afrikanische Himmel aus. –

Die Gräfin atmete tief auf. Sie war ergriffen von diesem Bild des Friedens, das an das einstige Paradies erinnerte. Aber wie jenes Eden seine Schlange hatte, so lauerten auch hier Hinterlist und Tücke auf ein schon seit Tagen erspähtes und nicht mehr aus den Augen gelassenes Opfer. – – 105

 


 

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