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Im Wüstensand

Josef Baierlein: Im Wüstensand - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleIm Wüstensand
authorJosef Baierlein
year1909
firstpub1909
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleIm Wüstensand
pages131
created20140613
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

Der Tag brach an, an welchem Walter Wetterwald die Wüste, von der er so viel Wunderbares gehört, nicht nur sehen, sondern auch die in ihr lauernden Gefahren erproben sollte. Was er aber sah, das stimmte mit seinen hochgespannten Erwartungen sehr wenig überein. Wir wollen jedoch dem Gang der Ereignisse nicht vorgreifen.

Nachdem die Reisegesellschaft sich in El Ibel ausgiebig mit Trinkwasser versorgt hatte, – denn von jetzt an kam man nicht mehr zu Gebirgsbächen oder an gemauerte Brunnen, – setzte sie die Reise schon am frühen Morgen in der gewohnten Marschordnung fort.

Im Städtchen El Ibel hatte die Ankunft der Soldaten und der vornehmen Europäer großes Aufsehen gemacht, und als die Fremden die Ortschaft wieder verließen, drängte sich eine ganze Schar neugieriger Araber herbei, um den Aufbruch derselben zu beobachten.

75 Gerade als die Gräfin, von ihrem Gemahl und dem Baron Bülach geleitet, durch das verfallene Tor des Städtchens ritt, stellte sich ein alter Derwisch in ihren Weg und hob bettelnd die Hand empor.

»Hab' Erbarmen mit einem dürftigen Greis,« rief der mit einem schlechten Kaftan bekleidete Mann, dessen nackte Füße in schiefgetretenen Pantoffeln staken, während ein schmutziger Turban seinen kahlen Kopf umwand, »habe Erbarmen, blanke Frau, und reiche mir eine Gabe, damit Allah dir gnädig sei, und du unter seinem allmächtigen Schutz durch die Wüste ziehest, wie Hagar zog mit ihrem Sohne Ismael.«

Die Gräfin verstand die arabischen Worte nicht, jedoch die Gebärde des Bettlers. Sie beugte sich deshalb von ihrem Maultier herab und legte eine große Silbermünze in die braune Hand des Derwisches. Einen solchen Schatz mochte derselbe wohl schon lange nicht mehr besessen haben; denn als er das Geld ergriff, zuckte er unwillkürlich zusammen, und aus seinen tiefliegenden Augen sprühte ein Funken freudiger Überraschung.

»Allah Inschallah!« rief er, »habe Dank, o mildtätige blanke Frau. Der Hohe und Allmächtige, der Herr mit den 76 neunundneunzig Namen, der alles Sichtbare und die Geister erschuf, segne dich! Sein strahlendes Antlitz leuchte über dir, auf daß du mit allen, die dir angehören, einen sicheren Pfad wandelst. Denn höre! Ich sah dich diese Nacht in einem Traumgesicht und ich erfuhr, daß die Dschinns der Wüste dir und den Deinigen nicht wohlgesinnt sind. Aber deine Barmherzigkeit hat das Herz des Allerbarmers gerührt; er wird den glühenden Atem der Geister kühlen, und sie werden euch keinen Schaden tun können. Drum ziehet im Frieden!«

»Was sagte der Mann?« fragte die Gräfin den Baron, nachdem der Bettler auf die Seite getreten war und den Weg freigegeben hatte.

»Er bedankte sich, wie es die Art aller Orientalen ist, in überschwenglicher Weise für Ihre Gabe. Auch wenn Sie ihm statt eines Fünffrankentalers nur ein Soustück geschenkt hätten, würde er Sie mit Worten bis in den siebenten Himmel erhoben haben. Diese Kerle sind insgesamt Betrüger.«

»Nicht doch, Herr Baron!« wehrte die Gräfin. »Ich habe ihm freiwillig ein Almosen 77 gegeben, und da ich kein arabisches Wort verstehe, hätte er mich auch nicht betrügen können. Zudem war ja der arme Mann ein Derwisch, ein frommer Mönch.«

»Obwohl er das Obergewand eines Derwisches am Leibe hatte, halte ich ihn doch für keinen solchen, sondern für einen gewöhnlichen Bektasch, wie deren unzählige durchs Land streichen,« erwiderte der Baron. »Denn statt der Kulah trug er einen Turban. Auch führte er weder den allen Derwischen als Abzeichen ihres Standes vorgeschriebenen Teher bei sich, noch den Asal oder den Keschkul. Nicht einmal die Tesbih hatte er anhängen. Drum glaube ich nicht an sein Mönchtum und lege auch dem Traumgesicht, das er gehabt haben will, keinen Wert bei.«

78 »Wie?« rief die Gräfin, lebhaft interessiert. »Sagte er etwas von einem Traumgesicht?«

Der Baron biß sich auf die Lippen.

»Ich hätte besser getan, Ihnen das zu verschweigen,« antwortete er. »Der Bettler hat allerdings etwas von einem Traum geredet. Aber sicher nur, um seinen Dank für das reiche Almosen gewichtiger zu machen.«

»Was hat ihm denn geträumt?« unterbrach da der Graf das Gespräch.

»Daß der Frau Gräfin und denen, die zu ihr gehören, von den Dschinns, den Dämonen der Wüste, Gefahren in den Weg gelegt werden.«

»Um das zu wissen,« sagte der Graf, »bedarf es weder eines Traumes noch einer Prophezeiung. Auf jeder Reise ist man Gefahren oder wenigstens Widerwärtigkeiten ausgesetzt, die man zu Hause nicht zu befürchten hat. Bei einem Zug durch die Wüste aber ist die Möglichkeit, unangenehme Erfahrungen zu machen, ins Hundertfache gesteigert. Der Derwisch hat uns also nichts Neues gesagt. Doch was sollte uns unter dem Schutze Ihrer Reiter Ernstliches begegnen können? Die Mühseligkeiten der Reise wollen wir aber um so lieber auf uns nehmen, als der Zustand 79 meiner Frau sich schon jetzt ersichtlich gebessert hat. Dieser Meinung ist auch der Herr Doktor.« –

Damit schien die Sache mit dem bettelnden Araber abgetan. Der Baron begab sich wieder an die Spitze seiner Soldaten, die von nun an nicht mehr in Reihen ritten, sondern in aufgelösten Zügen, wie das schwierige Terrain es gerade gestattete. Denn hinter El Ibel hörte jeder irgendwie gebahnte Weg vollständig auf, und das südliche Berggelände des Atlas verflachte sich langsam zur Wüste.

Und hier ging es unserm Walter Wetterwald wie Hunderten vor ihm, welche die algerische Sahara auch nur vom Hörensagen oder aus Büchern kannten. Er hatte erwartet, eine unabsehbare, von tiefem Sand bedeckte Fläche zu erblicken, ein Sandmeer so unbegrenzt, daß seine äußersten Konturen mit dem Horizont zusammenflossen, wie ihm das Mittelmeer zum erstenmal erschienen war, als er es in Marseille vom Hügel der Notre Dame de la Garde aus betrachtete.

Was aber sah er jetzt? Statt einer weiten sandigen Fläche nur eine öde vegetationslose, mit Blöcken, Trümmern und Splittern von verwittertem Gestein gleichsam übersäte Landschaft, über der eine heiße zitternde Luft 80 brütete, und die von wellenartig gegliederten Erhöhungen begrenzt wurde. Denn die nördliche Sahara ist dort, wo sie an den Fuß des marokkanischen und algerischen Atlas anstößt, keineswegs eine mit Sand angefüllte Talmulde, sondern ein steiniges, von verschiedenen Höhenzügen durchquertes Plateau, das terrassenförmig erst weit im Süden in die Areg- oder Ergregion, das Gebiet des Dünensandes, übergeht. Die nördliche Sahara, welche unsere Reisenden betraten, nennen die Araber »Hamada« oder Steinwüste; dieselbe reicht bis ungefähr zum 32. Grad nördlicher Breite, wo dann der »Serir« beginnt, eine Wüstenform, deren Hauptmerkmal zahllose kleine, gleichmäßige und abgerundete Steinchen bilden, die auf einem aus hartem Fels oder festem Lehm bestehenden Boden liegen. Die Erg oder Sandwüste, aus leicht beweglichem, fahlem oder rötlichgrauem Dünensand bestehend, nimmt den ganzen Süden der Sahara ein und erstreckt sich vom zirka 27. bis etwa 17. Grad nördlicher Breite. Die ganze Sahara, vom Atlantischen Ozean im Westen bis zur Kette der ägyptischen und nubischen Oasen im Osten, sodann vom Fuße des Atlas im Norden bis zum 17. Grad nördlicher Breite im Süden gerechnet, umfaßt die 81 ungeheuere Fläche von 6 180 000 Quadratkilometer oder 112 000 Quadratmeilen.  –

Walter Wetterwald fand sich also enttäuscht, als er statt eines unabsehbaren Sandmeers nur ein trostlos ödes, von Felsentrümmern starrendes Stück der steinigen Hamada mit beschränkter Fernsicht erblickte. Er fragte sich überhaupt, warum denn die Leute mit der Sahara ein so großes Wesen hätten. Als er vom grünen deutschen Wald und seinem guten Mütterlein Abschied nahm, hatte ihm seine jugendliche Phantasie, erhitzt von dem in ihm kreisenden ererbten Jägerblut, allerlei Abenteuer vorgespiegelt. Er hatte geträumt von interessanten Jagden auf Löwen und andere große Raubtiere, und nun mußte er hören, daß dieses Edelwild im Nordafrika bereits derart ausgerottet war, daß man zweifelte, ob Löwen dort überhaupt noch vorkämen. Auch er hatte bisher keinen solchen brüllen, keine Hyäne lachen, nicht einmal einen Schakal bellen hören. Drum glaubte er nicht mehr an die Gefahren der Wüste, weil er der Meinung war, ohne reißende Tiere wären alle anderen Zufälligkeiten eines Marsches durch die Sahara nur Nebensache.

Eine Art Mißmut beschlich daher den Knaben, den die öde eintönige Landschaft um 82 so weniger aufzuheitern vermochte, als von nun an die Reise schwieriger und langsamer wurde. Man konnte nicht mehr in gerader Linie nebeneinander reiten, sondern jeder suchte in dem steinigen Terrain seinen Weg so gut es ging und trachtete, die Richtung nur im allgemeinen nicht zu verlieren. Dazu brannte die Sonne, obgleich der November schon weit vorgeschritten war, glühend vom stahlgrauen Firmament, und ihre vom heißen Felsenboden reflektierten Strahlen brachten die Luft zum Flimmern, daß die Augen schmerzten. Schweiß rann in Strömen über die von der Hitze geröteten Gesichter der Reisenden, die unter der plötzlichen Temperatursteigerung um so mehr litten, als es auf der Hochebene des Atlas wenigstens zur Nachtzeit ziemlich kalt gewesen war. Unserm Walter klebte die Zunge am Gaumen, und mehr als einmal an diesem Tage ließ er sich vom Treiber jenes Kamels, welchem das Wasser aufgeladen war, seine Trinkschale füllen. Schon nach den ersten Stunden des heutigen Marsches bekam er deshalb eine Ahnung von den Qualen, die dem bevorstehen, der sich in der Wüste verirrt und darin, ohne Wasser zu finden, rettungslos verschmachten muß.

Im geraden Gegensatz zu seinem fast 83 unstillbaren Durst fühlte er aber nicht den geringsten Hunger, und ebenso schien es der ganzen Gesellschaft zu ergehen. Denn als er nach langem ermüdenden Marsch einmal die Taschenuhr zu Rate zog, welche die Gräfin ihm geschenkt hatte, zeigte sie schon drei Uhr. Man hatte also keine Mittagsrast gehalten, und es machte auch jetzt noch niemand Anstalt, sich eine Ruhepause zu gestatten.

Der Grund davon war, daß man unmöglich so viel Wasser mitführen konnte, als die vielen Soldaten zum Abkochen ihrer Speiserationen, zum Trinken sowie zum Tränken der Pferde bedurft hätten. Für den heutigen Tag war daher als Halt und Lagerstelle einer von den artesischen Brunnen bestimmt, welche 1855 von französischen Ingenieuren da und dort in der nördlichen Sahara gebohrt worden waren. Jener Brunnen lieferte gutes Wasser in genügender Menge, und um ihn noch vor sinkender Nacht zu erreichen, unterbrachen die Soldaten den anstrengenden Marsch nicht einmal für eine kurze Stunde. Und da das gräfliche Paar sich von den Chasseurs d'Afrique nicht trennen wollte, hielt es mit seinem Gefolge gleichfalls keine Rast.

Walter ritt also auf seinem Eselein 84 trübselig in der sengenden Hitze mit den anderen. Obschon seinen Hals ein großes Nackentuch aus starker weißer Leinwand schützte, kam es ihm doch vor, als drängen die Sonnenstrahlen durch die Hülle, brächten das Mark des Rückgrats zum Schmelzen und sein Blut zum Sieden. Es wurde ihm so seltsam schwindlig, daß er einen Hitzschlag fürchtete. Ach, wie sehnte er sich nach Schatten, nach Kühlung! Wie frisch und erquickend mußte jetzt der Wind durch den deutschen Wald wehen! Wie mußte er rauschen durchs dürre Laub der Eichen und die immergrünen Tannengipfel, während er hier nichts vernahm als Hufgeklapper auf steinigem Boden in unsäglich trauriger Öde!

Da – heiliger Gott! – welche blendende Pracht, welches Wunder entsteht plötzlich vor seinen überraschten Augen? Wie er einen hohen Felsblock umreitet, der ihm die Aussicht versperrte, breitet sich in kurzer Entfernung ein entzückend schönes Bild vor ihm aus, – eine Landschaft! Ein Palmenhain ist's, von einem großen klaren See umflossen, in dessen Wellen die Sonnenstrahlen glitzern. Die breiten Kronen der gleich Säulen gen Himmel strebenden Bäume beschatten eine Anzahl weißer Zelte, vor denen Kamele 85 wiederkäuend im üppigen Grase liegen; um ein abseits von den anderen aufgeschlagenes geschmücktes Zelt sind Menschen geschart, mit schönen Kleidern angetan und mit prächtigen Turbanen auf den Köpfen; edle arabische Rosse stillen ihren Durst mit dem Wasser des Sees. – –

So nahe ist der Knabe schon dem Orte des heutigen Nachtlagers! Er stößt einen Freudenschrei aus; aber seine Stimme klingt rauh und heiser, Brust und Hals sind ausgetrocknet vor Hitze. Dann hält er seinen Esel an, um aus dem Sattel zu steigen.

Im gleichen Augenblick versetzt einer von den Kameltreibern dem Esel einen Stockschlag, daß er wieder weitertrabt, und Walter hört arabische Worte.

»Törichter Knabe,« sagt der Treiber, »willst du dem Scheitan den Gefallen tun, daß du dich von seinem Blendwerk äffen läßt? Was du da siehst, ist doch keine Wirklichkeit; das ist nur eine Schrab, ein Bacher el Gazal

86 Walter verstand nicht, was der Araber meinte; aber er sah, daß sein Eselein sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß er dessenungeachtet dem lockenden See und dem Palmenhain um nichts näher kam. Je weiter er zu der schönen Landschaft hinritt, desto weiter wich sie vor ihm zurück. Und mit einemmal verblaßten die satten Farben, das Bild hüllte sich in düsteres Grau und verschwand wie auf ein Zauberwort so plötzlich, wie es vor ihm aufgetaucht war.

Walter hatte eine Fata Morgana gesehen, eine der überall in der Sahara häufig vorkommenden Luftspiegelungen, welche ihm das Bild einer vielleicht Hunderte von Meilen entfernten Oase in nächster Nähe vorgetäuscht hatte. Eine solche Fata Morgana hat schon manchen Verschmachtenden, der ihr mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft entgegenstrebte und sich dann betrogen fand, ganz zur Verzweiflung gebracht, daß er, einsam und in der Wüste verlassen, Hand an sein eigenes Leben legte. – – 87

 


 

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