Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Cronau >

Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170417
projectid4714fdd4
Schließen

Navigation:

Ein Tag in den Bad Lands.

Scenerie in den Bad Lands.

Weiter donnerte der Zug gen Westen und gelangte im Morgengrauen in ein Land, das in seiner Beschaffenheit wohl zu den eigenartigsten Gebieten der Erde zählt. Jene Zeichen rastloser menschlicher Thätigkeit, jene Verwirklichungen echt amerikanischen Unternehmungsgeistes, die uns während unserer Westfahrt bisher begleitet, waren mit einem Schlage verschwunden. An ihrer Stelle herrschte ringsum die schaurige Majestät und das Schweigen der Wüste. Seltsame, unirdisch erscheinende Gestaltungen traten vor unser Auge, meilenweit erstreckte sich eine Welt von Absonderlichkeiten, eine Welt von bizarr gestalteten Formationen, wie sie nur eine wirre Phantasie ersinnen mag.

Überall emporragendes, zerrissenes Geklipp, ein Irrgarten von Riesenkegeln, Pyramiden, Wällen, Thürmen, Ruinen, Minarets und Bastionen, ein Labyrinth, durch welches nur Derjenige hindurch zu finden vermöchte, der mit dem allerentwickeltsten Pfadfindergenie und mit einem unendlichen Ariadnefaden ausgerüstet wäre.

»Station Little Missouri!« Der Zug hielt an und setzte mich an dem einsam inmitten dieser absonderlichen Welt gelegenen Stationshause ab, war es doch mein Vorsatz, die mich umgebende Wildniß etwas eingehender als vom Wagenfenster aus zu studiren. Und so überschritt ich, nachdem ich ein einfaches Mahl und genügend Proviant zu mir genommen, die provisorisch errichtete, den kleinen Missouri hier überspannende Holzbrücke, um mich, den mitten aus dem Labyrinthe hervorbrechenden Flußlauf als Ariadnefaden benützend, in die Geheimnisse der Bad Lands zu verlieren.

Tiefe Einsamkeit umfing mich bald, nirgendwo ein menschliches Wesen; nirgendwo ein Thier, das durch seine Laute die traumhafte Stille dieser Wildniß unterbrochen hätte. Und ringsum starrten tausend und mehr Fuß hohe Bildungen in solcher Masse und Gedrängtheit empor, daß ich wähnen konnte, in jene entlegene Periode zurückversetzt zu sein, da die Erde noch im Werden begriffen war. Mächtige buntfarbige Thongebirge formirten curiose und romantische Scenerien, die bald an alte verlassene Städte, an längst verschollene Schlösser und Bollwerke gemahnten. Darüber erhoben sich augenscheinlich Festungswerke mit unersteiglichen, crenelirten Mauern, die weit hinausleuchteten in ihrer von Roth zu Gelb und Braun, von Weiß zu Schwarz übergehenden Farbenpracht. Hochragende, wunderlich gestaltete Klippen, voll der seltensten Versteinerungen, wechselten mit jähen Schluchten, Engpässen und Rissen, mit weiten Flächen, wo in Folge unterirdischer Feuer der Boden eingestürzt war. Wie eine riesige Brandfackel, so flammte hier in Kirchthurmhöhe ein gelbfarbiger mit rother Kappe verzierter Kegel, dort erhob sich ein Obelisk, dessen Wände mit weißen, braunen, schwarzen und blauen Gürteln und Streifen durchzogen waren.

Nicht immer war das Aussehen dieser Region ein so absonderliches. Läge es in unserer Macht, uns um Millionen von Jahren zurückversetzen zu können, in jene undenklich fern entlegenen Zeiten, wo Europa und Asien noch keine Continente, sondern in einem weiten Meeresraume zerstreute Inselgruppen bildeten, wo noch nicht die mächtigen Ketten der Alpen und des Himalaya emporgestiegen waren, so würden wir hier, wo heute dieses Gebirgskonglomerat in seltsamen Wellen emporstarrt, den Spiegel eines jener gewaltigen Süßwassermeere erblicken, die damals einen großen Theil des heutigen Westens der Vereinigten Staaten bedeckten.

Auf dem Boden dieses Beckens wucherten schleimige Wasserpflanzen, an den Ufern kolossale Farren und Schachtelhalme; die Luft erdröhnte von dem Gezisch und Geheul scheußlicher Urweltbestien, die mit einander im Kampfe lagen. Die schäumenden Fluthen durchzogen die grauenerregenden Elasmosauren, mit Elephantenleibern, Schlangenschweifen, Ruderfüßen und 22 Fuß langen Hälsen ausgestattete Ungeheuer, Gegner der eine Länge von 75 Fuß erreichenden Pythomorphen, einer scheußlichen Mischung von Fisch- und Schlangengestalt. Durch die Lüfte fuhren die Pterodactylen, Mißgeburten, halb Vögel, halb Reptilien, deren lederähnliche Fledermausflügel eine Spannweite von 18-25 Fuß besaßen. –

Im Laufe der Jahrtausende verschwanden die Seen, und mit ihnen die sie belebenden Ungeheuer der Vorzeit. Über den versteinernden Resten der alten Fauna und Flora wuchsen andere Geschlechter herauf, andere Pflanzen und Thiere. Wo die Riesenfarren gestanden hatten, da wiegten sich blühende Palmenhaine, und dichte Wälder grünten, wo jetzt meilenweit kaum ein Strauch sich findet. Kolossale Dickhäuter durchbrachen das Gehölz, verschiedene Mammutharten, das Mastodon und das Rhinoceros. Von den Wassern her scholl das Schnauben riesiger Krokodile und des Hypopotamus, von welch' letzterer Thiergattung gleichfalls eine ganze Reihe von Arten vorhanden war. Eines der merkwürdigsten Thiere war ein Geschöpf von der Größe eines Elephanten, dessen Kopf mit mehreren, paarweise hervorbrechenden Hörnern versehen war. Eine Species dieser Thiergattung zeigte oberhalb der Augen je ein mächtiges Horn; eine andere besaß, zu beiden Seiten der Nase 30 Centimeter lange Kuhhörner; eine dritte dreikantige, nach auswärts gerichtete Hörner, während eine vierte Auswüchse von flacher, zusammengedrückter Gestalt hatte. Kameele und mehrhufige Pferde waren heerdenweise vorhanden, desgleichen strichen Hyänen, tigerartige Katzen mit säbelförmigen Zähnen, sowie wilde Hunde in Menge umher, und noch geben häufige Zähnespuren an manchen aufgefundenen Schädeln davon Kunde, daß sich auch in diesen Landschaften dereinst schreckliche Kämpfe abgespielt haben müssen.

Und wieder rollten Jahrtausende dahin; das Tropenklima wurde zu einem gemäßigten, die Formen der Pflanzen- und Thierwelt nahmen allmählich das Gepräge an, welches der heute in diesen Gegenden anzutreffenden Flora und Fauna eigen ist. Der trocken gelegte, ehemalige Seeboden ward aber durch Regenfluthen und unzählige Wasserläufe zu jenem abenteuerlichen Labyrinthe ausgewaschen, das dem Beschauer wie ein Trugbild erscheint.

Ja, eine Truglandschaft ist diese Wildniß, die außer ihren farbigen Reizen, außer den nur den Mann der Wissenschaften interessirenden versteinerten Resten der Vorzeit für den Wanderer nur Gefahren birgt.

Mauvaises terres pour traverser‹ (›Schlechtes Land zum Bereisen‹) so übersetzten die französischen Trapper die ursprüngliche indianische Benennung dieser Gegenden, demzufolge die englische also: › Bad Lands to travel over‹ zu lauten gehabt hätte. Aber man begnügte sich mit dem einfachen › Bad Lands‹, welcher Name auch in die geographischen Karten eingetragen worden ist.

Daß der ursprüngliche Name ein durchaus bezeichnender ist, das geht aus den Tagebüchern solcher wissenschaftlichen Expeditionen hervor, welche tiefer in dieses Trugland eindrangen. Alle diese Bücher berichten von den unsäglichen Schwierigkeiten, die hier mit dem Vorwärtskommen verbunden sind. Bald geht es über weite Felder leuchtenden Sandes dahin, bald an schwindelnden Abgründen vorüber, bald an Stellen, wo das von den Wänden herniedergebröckelte Erdreich in wirren Massen liegt, bald über Strecken, die mit aufgeschüttetem Stoffe angefüllt sind, von dem man schwören möchte, daß es Ziegelschutt sei.

Die hauptsächlichste Schwierigkeit beruht darin, in diesem Labyrinthe von Schluchten, Engpässen, Ravinen und Graten den richtigen Weg zu finden, ohne welchen ein Vorwärtskommen fast ganz unmöglich ist. Das hier beigefügte Kärtchen möge diese Schwierigkeiten mehr veranschaulichen.

Terrainskizze aus den Bad Lands.

Angenommen bei dem Punkte A befände sich eine Reisegesellschaft, die sich nach dem Punkte B zu bewegen beabsichtige. In gerader Linie vorwärts zu kommen ist in Folge der unzähligen Engpässe, Abgründe und Flußbetten fast unmöglich, und würde ein solcher Versuch nur unter ungeheuerem Zeitverluste und unter den größten Gefahren für Menschen und Thiere auszuführen sein. Dagegen ist das Fortkommen wesentlich erleichtert, wenn es gelingt, die Hauptwasserscheide der verschiedenen Stromsysteme zu finden, die in der Regel nur wenig oder gar nicht von Schluchten und Ravinen durchschnitten ist. Ist diese Wasserscheide glücklich gefunden und betreten, so erfordert es die größtmögliche Aufmerksamkeit, dieselbe auch innezuhalten und sich nicht versuchen zu lassen, eine Abzweigung einzuschlagen, wo man sofort wieder auf tausend Hindernisse stoßen würde. Wie stark solche Versuchungen sind, veranschaulicht die Karte, wo neben der schnell zum Ziele führenden, durch Punkte markirten Hauptwasserscheide zahlreiche Stellen sind, die sich in ihrem Aussehen nicht von derselben unterscheiden, aber, wenn eingeschlagen, vollständig vom Ziele abführen würden.

Wie schwierig es mitunter selbst für gewiegte Pfadfinder ist, den richtigen Weg zu treffen, geht aus einem Berichte des amerikanischen Obersten Dodge hervor, demzufolge einst eine ansehnliche Truppenzahl in Ausführung eines wichtigen Befehls die Bad Lands von einem in unmittelbarer Nähe gelegenen Orte aus zu kreuzen hatte.

Die Truppe war von mehreren anerkannten Führern begleitet und kam verhältnißmäßig gut vorwärts. Wer aber beschreibt das Staunen der Mannschaften und Führer, als sie nach fünftägiger Wanderung eines Morgens plötzlich einen Kanonenschuß hörten, und es sich herausstellte, daß sie, die sich bald am Ziele glaubten, vollständig irre gegangen und nur wenige Meilen von ihrem Ausgangspunkte, dem Fort, entfernt waren.

Hat ein einzelner Reisender das Unglück, sich in diesen Gegenden zu verirren, oder läßt sich ein Angehöriger einer größeren Truppe im Jagdeifer hinreißen, sich von der Haupttruppe zu trennen und dem Wilde zu folgen, ohne sich genau über den Rückweg zu vergewissern, so sind demselben Stunden unsäglichster Angst gewiß, wenn ihm nicht gar sicherer Untergang und grauenhaftes Verschmachten beschieden ist. Besitzt er nicht in vollem Maaße die Macht, die Kaltblütigkeit zu behaupten, die Verwirrung niederzukämpfen, um mit der größten Ruhe und Vorsicht den Rückweg wiederzufinden, so ist er fast hoffnungslos verloren, zumal wenn er es unterlassen, sich mit genügendem Proviant und mit Munition auszurüsten. Sein Sinn verwirrt sich, das Hirn verdorrt unter der Gluth der blendenden Sonnenstrahlen, deren Macht inmitten dieser reflectirenden Lehmwände verdoppelt wird. Dazu bethört ihn die Fata Morgana; er glaubt einen See zu erblicken, der sich bei weiterem Vordringen als ›Lügenwasser‹ erweist, welchen Namen die in den benachbarten Distrikten hausenden Indianer den häufigen Luftspiegelungen gegeben haben. Die zackigen, bizarren Knorren versteinerter Urweltbäume scheinen Gespenster zu sein, die mit gierigen Armen nach dem Verirrten langen; hungrige Wölfe umheulen zur Nachtzeit sein Lager, und weh ihm, sollte der König der Thierwelt Amerikas, der furchtbare Grizzlybär ihm begegnen.

Die Gefahren, welche die absonderliche Gestaltung des Bodens für den Reisenden birgt, bestehen aber nicht allein in der Möglichkeit, sich in diesen Gegenden zu verirren, sondern namentlich auch wird der Aufenthalt in denselben zu einem äußerst gefährlichen, wenn sich ein sogenannter › Waterspout‹, ein Wolkenbruch über solchen Strichen entladet.

Gewaltig, unheimlich ist schon ein solcher auf der offenen Prairie, und nirgendwo als vielleicht nur noch auf dem Ocean wird man sich seiner irdischen Nichtigkeit mehr bewußt, nirgendwo können die krachenden und lang anhaltenden Donner furchtbarer und erschütternder, die Blitze greller und lebendiger erscheinen.

Grausig aber ist ein solcher Wolkenbruch in so zerrissenen, von tiefen Rinnen durchfurchten Gebieten, wie in den Bad Lands und anderen regelmäßig gestalteten Theilen der Prairie, welche von während des Sommers ausgetrockneten Strombetten und Flußläufen durchzogen sind. Der Effekt der während dieser Regenstürme in kurzer Zeit herniederschießenden Menge Wassers ist ein ebenso eigenartiger wie grauenhafter. Sämmtliche Schluchten und Engpässe ergießen die in ihnen sich ansammelnden Wasser fast auf einmal in das Hauptsystem, da kein genügender Pflanzen- oder Baumwuchs vorhanden ist, der die unglaublichen Mengen Wassers aufsaugen und zurückhalten könnte. Vertiefungen in der Erdoberfläche, die während des trockenen Wetters kaum bemerkbar sind, verwandeln sich in wenigen Augenblicken zu wüthenden Bächen; durch die Rinnen und Schluchten schießen unpassirbare Ströme; meilenweite Thäler werden im Nu fußhoch überschwemmt. Haben Reisende einen derartigen Regensturm über sich, ist derselbe für sie sichtbar, so vermögen sie ohne Schwierigkeit sich vorzubereiten und einen genügende Sicherheit bietenden Platz zu erreichen, viel kritischer aber wird die Lage, wenn ganz plötzlich, ohne ein vorhergegangenes Anzeichen, ohne daß der Himmel mit einer Wolke bedeckt wäre, wie mit einem Zauberschlage gewaltige Fluthen die ausgetrockneten Strombetten herabgebraust kommen und Alles ringsumher zerstören und verwüsten. Dieses geheimnißvolle und plötzliche Anschwellen der Flüsse hat lediglich seine Ursache durch den Niedergang von Wolkenbrüchen in den oberen Stromgebieten und ist namentlich in den letzten Jahren häufiger beobachtet worden.

Oberst Dodge, der vorhin erwähnte Offizier, welcher ein solches Phänomen erlebte, beschreibt dasselbe also: »Meine Compagnie lagerte auf einer Uferbank, die sich 25 Fuß über das völlig ausgetrocknete sandige Bett eines Stromes erhob. Lesend lag ich in meinem Zelte, über welchem sich ein vollkommen klarer, sternenbesäter Himmel wölbte. Da plötzlich hörte ich in der Ferne einen seltsamen Laut, ein Sausen und Rauschen, bald mehr, bald weniger deutlich, aber mit erschreckender Schnelligkeit näher kommend und an Macht gewinnend. Ich sprang auf, stürzte aus meinem Zelte und sah in der Ferne eine lange, zu Schaum gepeitschte Welle mit zischendem Geräusch über den dürren Sand in der Tiefe dahinrollen. Kaum sechzig Fuß hinter dieser Welle folgte eine gerade ungebrochene Masse Wassers, die zum mindesten vier Fuß hoch war und die ganze über 100 Fuß weite Schlucht zu meinen Füßen füllte. Die Front dieser Masse bildete nicht etwa eine sanft abgerundete Welle, sondern dieselbe erhob sich wie eine vollkommene Wand in die Höhe, schwoll höher und höher und riß Baumstämme, Sträucher, Felsblöcke und mächtige Erdstücke mit sich fort.

Scenerie in den Bad Lands. (Nach der Natur aufgenommen von Rudolf Cronau)

Innerhalb zehn Minuten hatte das Wasser zu meinen Füßen eine Tiefe von 15 Fuß, und, auf dem jenseitigen niedrigeren Ufer übertretend, eine Breite von einer halben Meile. Für drei Tage war dieser Strom nicht passirbar und es währte einen vollen Monat, bevor er zu seinem gewöhnlichen Standpunkte zurückgekehrt war.«

Schlimmere Erfahrungen machte ein Regiment Soldaten, welches sein Lager in dem trockenen Bette eines in den Guadalupe Bergen entspringenden Stromes aufgeschlagen hatte. Mehrere Tage waren hierselbst im tiefsten Frieden vergangen, da, in der zweiten Hälfte einer stockdunklen Nacht erwachte einer der Soldaten und fand, daß sein Lager sich mit Wasser bedeckte. Da er zugleich ein verdächtiges Rauschen vernahm, gab er das Alarmsignal. Jedermann erwachte, stürzte aus den Betten und fand sich zu seiner Überraschung knietief im Wasser. Alles gerieth in Verwirrung. Die Fluthen wuchsen mit unheimlicher Schnelle und begannen reißend zu werden, und erst nach großen Anstrengungen gelang es den Soldaten, sich selbst, die Frauen und Kinder mit Hinterlassung aller Habe auf höher gelegenen Grund zu retten. Der nächste Morgen zeigte, daß das trockene Strombette über Nacht zu einem mächtigen Flusse angewachsen war, der völlig doppelt so breit war als der Mississippi bei Memphis, d. h. gegen sieben- oder achtmal so breit wie der Rhein bei Köln.

Noch kritischer gestaltete sich die Situation im Jahre 1873 für eine Cavallerietruppe, die sich im Thale des Republicanflusses gelagert hatte. »Gegen 9 Uhr Abends am 31. Mai,« so lautet der offizielle Rapport des kommandirenden Capitäns, »kam ohne irgend welche wahrnehmbare Ursache eine schreckliche Wasserfluth das Thal herunter, Alles mit sich wegreißend. Menschen, Pferde, Zelte und Wagen wurden davongetragen, als ob sie aus Kork wären. Seit fünf Tagen war kein Regen gefallen, und woher so plötzlich diese Wassermengen kamen, ist uns unbegreiflich. Das ganze, ungefähr 45 Meilen lange und 1-1½ Meilen breite Thal war ein tosender, sieben Fuß tiefer Strom, und es ist ein Wunder, daß wir nicht sämmtlich ertranken. Der einzige Umstand, der den völligen Untergang meiner Compagnie verhinderte, war, daß das Lager auf drei Seiten von Bäumen umgeben war, an deren Ästen die Menschen sich halten konnten, als sie von der Strömung weggerissen wurden. Bei Tagesanbruch saß die Mehrzahl meiner Soldaten in den Gipfeln dieser Bäume, zumeist in der nothdürftigsten Bekleidung. Das immer noch wachsende Wasser begann erst nach Verlauf mehrerer Stunden wieder zu fallen, worauf einige tüchtige Schwimmer die Hügel erreichten und von da aus ihre Kameraden mittelst Rettungsseilen ebenfalls auf trockenen Boden bugsirten. Das Einzige, was von dem Bestande des Lagers noch zu sehen war, war die Ecke eines Proviantwagens, der sich in einem Baume verwickelt hatte. An diesen Wagen klammerten sich nicht weniger als elf Menschen, die sich auf solche Weise vor dem Untergange gerettet hatten. Sechs Mann und sechsundzwanzig Pferde ertranken.«

Von allen diesen drohenden Gefahren unterrichtet, schritt ich, die auffallendsten Landmarken mir merkend und hie und da einen Busch umbrechend, weiter über den gelblichen Boden, ab und zu einen leichter zugänglichen Hügel besteigend, um von der rothen Kuppe desselben einen Rundblick über die Gegend zu gewinnen. So gelangte ich endlich, die steilsten Gräben überkletternd, die schärfsten Kämme passirend, so recht in das innerste Gewirr der Bad Lands hinein, woselbst sich nun vor meinen erstaunten Augen eine ganze Farben- und Formenwelt erschloß, die coulissen- und terrassenartig sich neben- und übereinander aufbauend, zu einem Gesammtbilde von unendlicher Mannigfaltigkeit erweiterte.

Im Mittelpunkte dieses Bildes ragte eine dunkelrothe Wand, von deren Fuße Wolken erstickenden Schwefelqualmes emporstiegen. Überall war der Boden zu meinen Füßen geborsten und aus tausenden Spalten erhoben sich leicht vibrirende Dämpfe. Noch einige Schritte weiter, und ich stand an dem Rande einer weiten, kraterähnlichen Einsenkung des Bodens, aus deren Rissen überall rother und weißer Feuerschein hervorleuchtete. Hier war einer jener unterirdischen Gluthherde, deren es in den Bad Lands hunderte gibt, welche, seit undenklichen Zeiten brennend und glimmend, wie eine schleichende Krankheit weiterfressen, den Thonboden in ziegelrothe Schlackenhaufen umwandeln und in der Nacht in Gestalt funkelnder Augen und Streifen weit hinaus in die Landschaft leuchten. Es sind die Reste jener vor unzähligen Jahrtausenden versunkenen Pflanzenwelt, mächtige unter dem Thonboden liegende Kohlenflöze, welche dem unterirdischen Feuer Nahrung bieten und also wesentlich zu der Farbenpracht dieses regelrechten Terracotta-Gebirges beitragen, ja demselben seinen eigenartigsten Zauber verleihen. Und so haben wir in diesem von Wasserläufen geformten Wunderlande die seltene Erscheinung vor Augen, daß sich die beiden entgegengesetzten, ja widerstrebendsten Elemente, das Wasser und das Feuer, vereinigt haben, um in excentrischer Laune eine solche Welt von Absonderlichkeiten hervorzubringen.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.