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Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein rother Napoleon.

Rast auf dem Kriegspfade.

Nachdem ich das sagenumwobene Heiligthum der rothen Rasse verlassen hatte, wandte ich mich wieder den braunen Prairien von Dakota zu und gelangte nach der dreißig Meilen entfernten, noch sehr jungen Ansiedlung Dell Rapids, woselbst ich gegen zwei Uhr Nachts anlangte. Die armselige Kneipe, in welcher ich noch Einlaß fand und wo etwa ein Dutzend höchst zweifelhaft aussehende, tabakkauende Kerle um einen rothglühenden Ofen hockten, war ein überaus ungemüthlicher Aufenthalt, und war ich froh, als der Wirth auf meine Frage nach einem besonderen Zimmer, wo ich schlafen könne, versicherte, daß er noch einen schönen Raum zur Verfügung habe. Dieser ›schöne Raum‹ bot allerdings kaum genug desselben zum Umdrehen; das aufgestellte Lager war augenscheinlich vor wenigen Minuten erst verlassen worden und die darauf befindliche Bettwäsche ließ ihrer Beschaffenheit nach vermuthen, daß nur alle Vierteljahre einmal ein Wechsel derselben statthaben möge. Als ich den Wirth um neue Laken ersuchte, meinte er gelassen, dazu sei es für heute zu spät, auch sei das Bette nur von › nice clean gentlemen‹ in Benutzung gewesen.

Diese Versicherung vermochte dennoch nicht, mich davon abzuhalten, die isabellfarbenen Laken in die Ecke zu schleudern und anstatt derselben meine getreue Wolldecke zu benutzen.

Um fünf Uhr in der Frühe, bei schneidender Kälte, ging es weiter per ›Stage‹ nach dem zwanzig Meilen entfernten Örtchen Sioux Falls, welches an dem rauschenden, eine Menge Wasserfälle bildenden großen Siouxflusse gelegen ist. Nachdem ich daselbst in dem Catarakt-Hotel eine Mahlzeit gehalten, benutzte ich die ihre Ausläufer bis hieher entsendende Chicago-Milwaukee-St. Paul-Eisenbahn, um nach dem südlicher gelegenen Städtchen Canton zu gelangen, woselbst ein von Osten her heranrückender mächtiger Prairiebrand ein majestätisches Bild gewährte. Der nächtliche Himmel war von purpurner Gluth gefärbt, und von der Oberfläche der Prairie sahen wir ungeheuere, blutroth angehauchte Rauchwolken zum Nachthimmel emporsteigen. Da das Feuer noch mehrere Meilen entfernt war, so konnten wir die eigentlichen Flammen nicht sehen. In tiefdunklen Silhouetten hoben sich die von den Schatten der Nacht überhangenen Häuser des Ortes gegen den Höllenpfuhl ab.

Zwölf Stunden hatte ich bereits in Canton auf eine Weiterbeförderung gewartet, endlich kam von Osten her ein Frachtzug, auf dem ich nun in elend langsamer Fahrt bis Springfield am Missouri gelangte. Die Häuser dieses Ortes lagen bunt über einen Hügel verstreut und riefen, von der Ferne aus gesehen, einen Eindruck hervor, als habe Jemand eine Schachtel voll Nürnberger Spielwaaren hier ausgeschüttet. Hier standen zwei Kirchen nahe beisammen, dort ein paar Häuser, da ein Baum, Alles zufällig und ohne Zusammenhang. Auf halber Höhe des Berges erblickte ich ein Haus, das von seinen Bewohnern gerade aus dem tiefen Thalgrunde hinauf nach dem Bergplateau ge-› moved‹ wurde.

Im Örtchen selbst war gleichfalls Leben. Die Bewohnerschaft war dabei, die arg zerfahrenen Straßen zu ebnen. Da eine Wegebaucommission in der jungen Weltstadt sich noch nicht gebildet hatte, so waren die Bürger dahin übereingekommen, die Regulirung der Straßen selber zu besorgen und war ein jeder Einwohner männlichen Geschlechts dazu verpflichtet worden, einen Tag lang an der Ausbesserung der Wege mitzuwirken, von welcher Verpflichtung man sich aber gegen Zahlung von 1½ Dollars loskaufen konnte. Von dem letzteren Rechte schienen hingegen nur Wenige Gebrauch zu machen, denn neben einfach gekleideten Männern sah ich auch Leute besser situirter Stände an der Ausbesserung der der Allgemeinheit gehörigen Wege arbeiten. Und wie arbeiten! Nicht etwa wie bei uns, hübsch langsam und gemüthlich mit Hacke und Spaten, nein, ein Pflug wurde in die Hand genommen, ein paar starke Gäule vorgespannt und nun wurde heidi! die Straße buchstäblich gerade gepflügt. Dem Pfluge folgte ein zweites Gespann mit einer eigens construirten Riesenschaufel, vermittelst welcher man die überflüssige Erde an der einen Stelle wegnahm, um an einer anderen einige Löcher damit zu füllen.

Im Orte machte ich die Bekanntschaft des zufällig hier anwesenden Agenten der dreißig Meilen nördlich von Springfield gelegenen Yankton Agentur, des Mr. Andrus, und da ich von dem Wohnsitze desselben nur noch fünfzehn Meilen nach Fort Randall, dem Ziele meiner Reise hatte, woselbst der berühmte Sioux-Häuptling Sitting Bull internirt war, so nahm ich mit Freuden einen von dem Agenten offerirten Sitz in dem Wagen desselben an. Dieser Sitz war freilich nur ein Bierfaß, mir aber immerhin in Anbetracht des Umstandes, daß ich sonst bis zum Abgange der regulären ›Stage‹ nach Fort Randall zwei volle Tage hätte verweilen müssen, herzlich willkommen, und so verließ ich wie Faust während seines Kellerrittes den Ort Springfield in der Morgenfrühe. Den ganzen Tag lang ging es über die endlose wellenförmige Prairie, hügelauf und hügelab, und herzlich müde erreichten wir in der Dämmerung die Agentur.

Dieselbe ist die älteste Sioux Reservation und wurde bereits im Jahre 1859 gegründet. Der ganze zu den Sioux gehörige Stamm der I-hankton-wan oder Yanktonnais (d. h. ›die am Ende des Dorfes Wohnenden‹) von den Amerikanern kurzweg ›Yanktons‹ genannt, ist hier ansässig gemacht worden und ist demselben ein Gebiet von 430,000 Acres eingeräumt. Die hier lebenden Indianer, etwa 2000 an Zahl, haben recht erfreuliche Fortschritte gemacht, bewohnen fast alle feste Blockhäuser, haben in ihrer Ansiedlung zwei Kirchen sowie mehrere Schulen. Aus dem Ertrage ihrer Ernten, aus dem Handel mit Pferden, Heu, Wild und dem von anderen Stämmen viel begehrten Pfeifenstein bestreiten sie über 50 Procent ihres Lebensunterhaltes, während die Regierung ihre Bestrebungen durch eine Unterstützung der noch ausfallenden 50 Procent zu ermuntern sucht.

Der oberste Häuptling, Padani-apapi, ›der von den Pawnees Geschlagene‹, ist ein hochbetagter, über 90 Jahre alter Mann und schier erblindet. Als junger Krieger war er bereits im Jahre 1804 mit den Capitänen Lewis und Clarke, den ersten Erforschern dieser westlichen Regionen, zusammengetroffen und wird von denselben auch in ihren Tagebüchern erwähnt. Seinen seltsamen Namen hatte der Häuptling nach einer gefährlichen Wunde erhalten, die er in einem Kampfe gegen die Pawnees davongetragen. Trotz seines hohen Alters erfreute Padani-apapi sich noch einer hohen geistigen Frische und hält er sein Volk beständig dazu an, auf dem Wege der Civilisation rüstig vorwärts zu schreiten. Von ihm erhielt ich auch über den Pfeifensteinbruch mancherlei Mittheilungen, die ich in der Beschreibung desselben verwerthet habe. Dem alten Häuptling ist in dem Presbyterian-Kirchlein ein besonderer Stuhl eingeräumt, und als ich am Sonntage mich in der Kirche einfand, um dem indianischen Gottesdienste beizuwohnen, war Padani-apapi bereits anwesend und saß während der ganzen, zwei Stunden dauernden Ceremonie, ohne ein Glied zu rühren. Ohne leider Gelegenheit gefunden zu haben, ein Portrait des Alten zu zeichnen, setzte ich mit dem unerwartet stromaufwärts kommenden Dampfer Key West die Reise nach Fort Randall fort.

Die Landschaft, die während der Stromfahrt sich bot, war von eigenthümlich wüstem und ödem Eindruck. Um uns der gelbe Fluß mit seinen hohen, mißfarbigen, eingestürzten Uferbänken, auf denen sich nur verdorrte Binsen und einzelne Gruppen mit gelbem Laube bedeckter Cottonbäume zeigten. Den Hintergrund bildeten braune, langgezogene Hügelketten, über deren Kämme mitunter ein Indianer auf schnellem Pferde dahinsprengte.

Der Missouri wird von den Amerikanern Big Muddy der ›große Schlamm‹ genannt, und wahrlich, man muß diese treibende Lehmfluth gesehen haben, um an die überraschenden Versuche Catlin's glauben zu können, welche ergaben, daß ein Stück glänzenden Silbers, wenn in ein mit Missouriwasser gefülltes Glas gehalten, nicht mehr sichtbar war, sobald eine einen achtel Zoll starke Schicht Wassers das Silber bedeckte. Namentlich zur Zeit der Hochfluth ist der Strom mit abgespülten Erdmassen erfüllt und wechselt seinen Lauf fort und fort. Hier reißt er mächtige Landstücke weg, um an anderen Stellen ebenso mächtige Sandbänke und Inseln aufzuthürmen. Unerfahrene Ansiedler haben nicht selten zu ihrem Schrecken bemerkt, daß Acker nach Acker ihrer an den Ufern gelegenen Farmen weggewaschen wurden, ja es sind Beispiele vorhanden, daß die Bewohner ganzer Städte sich gezwungen sahen, ihre in der Nähe des Flusses gelegenen Heimstätten Hals über Kopf zu verlassen und an weniger wandelbare Orte zu verlegen.

Daß ein solcher unbeständiger, von Wirbeln und Gegenströmungen erfüllter Fluß den gewiegtesten Bootführer erfordert, zumal Stromkarten jüngsten Datums keinerlei Gewähr dafür bieten, daß der Hauptcanal auch noch heute da zu finden, wo er gestern gewesen, ist einleuchtend genug, und dürften sich die Schiffer des Missouri wohl mit allen Flußfahrern der Welt messen.

Die den Strom befahrenden Dampfer sind, wie die Mississippidampfer, auf einem flachen, fährbootähnlichen Boden erbaut und haben kaum drei Fuß Tiefgang. Trotzdem vermögen sie zur Zeit geringen Wasserstandes aber nur unter großen Schwierigkeiten die zahllosen Untiefen des Stromes zu überwinden. Die dem Steuermann zur Richtschnur dienenden Rapporte des mit einer Meßstange versehenen Matrosen am Vordertheile des Schiffes erklingen fast ohne Unterlaß den ganzen Tag, so daß die Passagiere, die zuerst mit geheimem Bangen die Rapporte verfolgt, endlich ganz damit vertraut werden. » Five feet, – five feet, – no bottom, – no bottom, – five feet,« so klingt es fast unabänderlich, und erst erregter wird die Stimmung, wenn die Meßstange plötzlich das rapide Geringerwerden des Fahrwassers anzeigt. » Three feet, – three and a half, – three feet, – two and a half – two feet – « so erschallen jetzt in schneller Aufeinanderfolge die Angaben von beiden Seiten des Schiffes, welches sich wendet und dreht, nach rechts und links und zurück, um den drohenden schlammigen Fesseln zu entrinnen. Mitunter gelingt es dem Boote, bei voller Dampfkraft mit kühnem Anlaufe über das Hinderniß hinwegzusetzen, und der Passagier fühlt mit stillem Grausen, wie der Boden des Schiffes den weichen Schlamm durchschneidet. Hoch athmet er dann auf, wenn das Boot die Barre überwunden hat und nicht inmitten derselben stecken geblieben ist, in welchem Falle nur stundenlange schwere Arbeit oder geduldiges tage-, ja wochenlanges Warten auf ein etwaiges Steigen des Wassers Erlösung aus der sandigen Umarmung geben kann.

Daß es außer solchen Unbequemlichkeiten auf einem Missouridampfer auch noch andere Zufälligkeiten giebt, beweist die in jeder Cabine angeheftete fettgedruckte › Notice to Passengers‹, deren eine ich zum Andenken an meine auf dem Key West unternommene Missourifahrt mit mir nahm. Dieselbe lautet, in Deutsch übersetzt:

 

Zur Beachtung für die Passagiere.

Rettungsgürtel
sind in jeder Kabine aufgehängt oder liegen unter dem Kopfkissen
eines jeden Bettes.

Rettungsboote und Floße
sind auf dem Hurricane- und Haupt-Deck zu finden.

Die aushängbaren Thüren und Fenster
können gleichfalls als gute Rettungsmittel verwendet werden,
desgleichen die Baumwollmatratzen.

 

Wie angebracht derartige, auf europäischen Dampfern gar nicht übliche Winke sind, lernte ich erst schätzen, als ich einige Zeit später einen Mississippidampfer, der gegen einen Baumstamm gerannt war, mit Mann und Maus in weniger denn zwei Minuten sinken sah. –

Nur wenig änderte sich mit unserem Vorschreiten der Charakter der Landschaft. Wüst und kahl lagen die mit verdorrtem Grase bewachsenen Berge; in einzelnen, den wilden Prairiestürmen weniger zugänglichen Schluchten und Rissen hatten kümmerliches Strauchwerk und armselige Eichen sich eingenistet. Ab und zu strichen Züge von Enten und Gänsen oder ein Reiher über den Strom, das einzig Lebende in dieser weiten einsamen Landschaft.

Gegen 11 Uhr kam Fort Randall in Sicht. An hohem Maste wehte das Sternenbanner; ein Kirchlein, von Häusern umgeben, leuchtete über die goldgelben Baumwollbäume der Flußniederung.

In kurzer Zeit war ich am Lande, und der Erste, welcher mich empfing, war ein Deutscher, der Quartiermeister Ritzius, welcher schon seit zwei Jahren hier stationirt war. Herzlich bewillkommnet von den inzwischen eingetroffenen anderen Offizieren des Forts, ward ich sodann der speciellen Fürsorge des Herrn Schenk, Clerk des Quartiermeisters, eines Schweizers, überantwortet. Für meine Unterkunft war also auf's Beste gesorgt, und an Unterhaltung sollte es auch nicht fehlen.

Fort Randall hat mancherlei Interessantes zu bieten. Seine Lage am rechten Ufer des Missouri gewährt eine ganze Reihe anziehender Bilder; die Uferbänke des Flusses fallen steil ab und winden sich in schönen Linien; hier und da ist ein wenig Wald, während gen Westen höhere baumlose Hügel emporragen.

Die Besatzung des Fortes bestand aus vier Compagnien Negerinfanterie, deren stramme Haltung und regelmäßiger Wachtdienst einen weitaus besseren Eindruck auf mich machten, als der ihrer weißen Collegen in Fort Yates. Obwohl eine schon ziemlich alte Militärstation, hat Fort Randall doch niemals sonderliche kriegerische Ereignisse in seiner Chronik zu verzeichnen gehabt, und steht die Besatzung allein mit der weiblichen Bewohnerschaft der siebzig Meilen südlich gelegenen Stadt Yankton auf dem Kriegsfuß, bis wohin namentlich die weißen Offiziere mit Vorliebe ihre Recognoscirungen ausdehnen und von wo sie auch häufig genug mit süßer Beute zurückkehren. Allerdings soll die Vertheidigung der Yanktoneserinnen gar nicht stark sein, im Gegentheil sagt man ihnen nach, daß sie sich gern erobern lassen, auch auf ihre Faust Eroberungszüge unternehmen, bei welchen ihre Waghalsigkeit sie schon bis unter die Kanonen des Fortes getrieben habe.

In weiteren Kreisen wurde Fort Randall erst bekannt, als es zum vorläufigen Internirungsplatze Sitting Bull's ausersehen wurde. Es war am 24. October 1881, als ich hier anlangte, und trat ich gleich, nachdem ich mein Gepäck abgelegt hatte, einen Rundgang durch das Fort an, um mich mit der Lage und den Baulichkeiten desselben einigermaßen bekannt zu machen. Als ich hierbei auch den keiner Militärstation fehlenden geräumigen Kaufladen, den › store‹, betrat, in welchem vom Pfluge bis zum Nagel, vom Seidenkleide bis zum Kattunfähnchen, vom ungeschlachtesten Stulpstiefel bis zum zierlichsten Tanzschuh herunter Alles feil ist, fiel mir sofort unter den zahlreich um die Verkaufstische herumstehenden Indianern eine Gestalt mittlerer Größe auf, ein Mann mit einem massiven Kopfe, breiten Backenknochen, stumpfer Nase und schmalem Munde. Gekleidet war die stämmige Gestalt in ein buntes Hemde und blaue Beinkleider, während über die breiten Schultern eine blaue Decke geschlagen war.

Seine glänzenden schwarzen Haare hingen, in pelzumwundene Zöpfe geflochten, über die mächtige Brust herab, während in der langen Skalplocke eine Adlerfeder steckte. Vor mir stand der große Häuptling Tatanka-iyotanka, ›der sitzende Büffel‹ (englisch Sitting Bull), der Schrecken aller Weißen. – Noch überflog ich dieses Bild ausgesprochenster Mannheit mit bewundernden Blicken, als der große Krieger schnell auf mich zuschritt, mit dem üblichen indianischen Gruße › hau cola‹ mir die Hand bot und durch einen in der Nähe befindlichen Dolmetscher die Frage an mich stellte, ob ich der › Eiampaha‹, der ›Herold‹ sei, dessen demnächstige Ankunft vom Hauptquartier der Armee aus im Fort angezeigt worden. Als ich seine Frage bejahte, drückte er mir nochmals die Hand und sagte, daß er mich erwartet habe und sich über mein Kommen freue.

Da die Zeit ziemlich vorgeschritten und ich zum Mittagessen gebeten wurde, so konnte ich mit dem rothen Krieger nur wenige Worte wechseln, versprach aber, ihn bald zu besuchen. Und als ich diesen Besuch am andern Tage ausführte, hieß er mich nochmals willkommen und verstand sich auch nach einigem ängstlichen Zögern dazu, mir zu einem Portrait zu sitzen, dem ersten, welches von ihm genommen wurde.

Ich muß gestehen, daß mir noch niemals die Aufnahme eines Portraits so große Schwierigkeiten bereitete als hier, denn durch die während des Zeichnens lebhaft geführte Conversation änderte sich der Gesichtsausdruck des Häuptlings in einer geradezu überraschenden Weise. Ein beständig wechselndes Mienenspiel belebte die Züge, bald erinnerte mich der Schnitt derselben an den Kopf des Musikheroen Franz Liszt, bald trug das Antlitz den Ausdruck eines gewiegten Diplomaten zur Schau, bald wieder sprach all die harte, starre Grausamkeit aus demselben, wie sie nur der Kopf eines rothhäutigen unversöhnlichen Weißenhassers wiederzuspiegeln vermag.

Die durch Vermittelung eines der englischen Sprache mächtigen jungen Indianers geführte Conversation war recht interessant. Sitting Bull erzählte aus den Jahren seiner Jugend und seiner Kriegsfahrten, er schilderte mir die Tage seiner Noth und Bedrängniß und malte mir die Qualen seiner jetzigen Lage.

»Mein Vater,« hub er an, »war ein sehr reicher Mann und hatte eine große Menge Ponys in vier Farben. Ponys waren sein Stolz. Viele waren gefleckt, weiß und grau. Ich brauchte nicht zu fragen, wenn ich reiten wollte. Mit zehn Jahren war ich ein großer Jäger, und als mein Vater starb, tödtete ich Büffel und ernährte mein Volk. Mit vierzehn Jahren erschlug ich den ersten Feind; ich wurde Häuptling und mein Volk nannte mich Tatanka-iyotanka, den ›sitzenden Büffel‹. Ich schlug die Mandanen, die Arikarees und Shoshonen; die Krähen vertrieb ich aus ihrem Gebiet; der Name des ›sitzenden Büffels‹ war gefürchtet überall. Jetzt ist die Zahl meiner Tapferen dahingeschmolzen wie der Schnee vor der Sonne; Pferde und Waffen sind uns genommen; unsere Arme hängen herab, wie die der Todten; es bleibt uns nur übrig, zu sterben auf dem Boden, wo unsere Väter jagten und begraben liegen.«

Sitting Bull trat zuerst gegen Anfang der sechziger Jahre in den Gesichtskreis der Bleichgesichter an der Indianergrenze und namentlich wurde sein Name zu einem gefürchteten, als er gegen das Jahr 1875 alle kriegerischen Elemente der mächtigen Dakotas unter sich vereinigte und durch meisterhafte Kriegszüge den gegen ihn ausgesandten Heeren Verluste über Verluste bereitete. Als im Jahre 1876 sogar der tapferste amerikanische Reitergeneral mitsammt seinem ganzen Regimente vor diesem rothen Krieger in den Staub sank, da ward nach diesem beispiellosen Erfolge, der die ganze Union in Schrecken versetzte, Sitting Bull's Persönlichkeit mit einem ganzen Kreise von Fabeln umgeben, und es hieß, der Häuptling habe seine hervorragenden militärischen Kenntnisse während eines Zusammenlebens mit dem Missionär de Smeet empfangen, welcher ihn Französisch gelehrt und mit dem Leben Napoleon I. bekannt gemacht hätte, so daß er sich denselben zu seinem Vorbilde genommen habe. Einige Zeitungen tischten ihren gläubigen Lesern sogar die absurde Mittheilung auf, Sitting Bull habe eine sorgfältige militärische Erziehung in – West Point am Hudson, der amerikanischen Offizierschule, genossen.

Als ich den ›Sitzenden Büffel‹ bezüglich dieser Historien befragte, entgegnete er ernst:

»Ich fürchtete mich niemals vor meinen Feinden und that mein Bestes. Meine Erfolge habe ich dem ›Großen Geiste‹ zu verdanken.«

»Eisenauge,« fuhr er fort, »wenn Du zum ›Großen Vater‹ (d. h. dem Präsidenten der Union) gehest, so bitte ich Dich, für meine Interessen zu reden, da ich der Ansicht bin, daß Niemand bisher dem ›Großen Vater‹ meine Wünsche vorgebracht hat. Sage ihm, daß er mir erlauben möge, ihn zu besuchen, um persönlich mit ihm zu sprechen, sage ihm, daß ich wie ein Weißer leben und Heerden und eine Farm besitzen möchte, die mich ernähren können, denn ich mag nicht von den Rationen leben, die uns täglich zugetheilt werden; ich wünsche mir selber zu helfen. Ich möchte am Cannon Ball River wohnen, dort ist gutes Land, Wasser und Holz, dort ist auch der Platz, wo ich geboren wurde. Ich wünschte, daß daselbst Lehrer wohnen möchten, die meine Kinder sowie diejenigen meiner Krieger unterrichteten; ferner möchte ich, daß sich Schmiede und Handelsleute daselbst niederließen, mit denen wir in Verbindung treten könnten. Sage dem ›Großen Vater‹, daß ich nicht rede, um nur zu reden; mein Herz ist gerade und will, was ich sage.«

Tatanka-iyotanka, der ›sitzende Büffel‹.

Der letzte Krieg, welcher Sitting Bull und seinen Getreuen den Untergang brachte, entspann sich in eben dem Jahre, in welchem die ersten Gerüchte über den angeblichen Goldreichthum der im Südwesten von Dakota gelegenen Black Hills sich verbreiteten, deren ungestörter Besitz den Sioux im Jahre 1868 durch einen Vertrag gewährleistet worden war. Die ganze der Sioux-Nation hier eingeräumte Reservation reichte nördlich bis zum 46° nördlicher Breite, westlich bis zum 104° westlicher Länge, südlich bis zur nördlichen Grenze von Nebraska, östlich bis zum Missouri. In dem bezüglichen Vertrage heißt es wörtlich: »Die Vereinigten Staaten beschließen feierlich, daß keiner Person, ausgenommen denjenigen, welche dazu autorisirt und abgeordnet sind, als Offiziere, Agenten und Beamte, erlaubt sein soll, die Reservation zu betreten, auf derselben sich anzusiedeln und zu wohnen.«

Dieser Vertrag ward im Anfange der siebziger Jahre gebrochen, als, durch die Gerüchte von dem Goldreichthume des westlichen Dakota verlockt, ansehnliche Banden weißer Abenteurer in die Schwarzen Berge einbrachen, das Wild zusammenschossen, die Wälder vernichteten und allerorten die Rechte der Indianer mit Füßen traten. Die Regierung, anstatt in energischer Weise die unbefugten Eindringlinge zurückzutreiben, ließ es bei einigen schwachen Scheinversuchen bewenden und rüstete selbst zu wiederholten Malen großartige Forschungsexpeditionen nach den Black Hills aus, ohne auch nur die Billigung der Dakotastämme einzuholen, wie in dem Vertrage vorgeschrieben war. Durch die Forschungsexpeditionen wurde der Goldreichthum Westdakotas bestätigt, und nun kannte die Gier der zuströmenden Abenteurer und Spekulanten keine Grenzen mehr. Massenhaft eilten dieselben dem neuen Eldorado zu; eine Eisenbahngesellschaft begann sogar damit, eine Linie nach den Black Hills auszulegen. Die den Indianern vorgesetzten Agenten wurden von einem sogenannten ›Ring‹, einer Verbrechergesellschaft im Frack, bestochen, die Rothhäute durch Verkürzung ihrer Rationen mürbe zu machen, bis sie in gütlicher Weise von dem umworbenen Gebiete Abstand nehmen würden. All dies erbitterte die ihre Zukunft schwer bedroht sehenden Dakotas sehr, sie vertrieben zunächst die zur Auslegung der Eisenbahn abgesandte Gesellschaft, erklärten sich aber bereit, die Black Hills gegen eine Summe von 10 Millionen Dollars abzutreten, die Höhe ihrer Forderung damit begründend, daß das fragliche Gebiet eines der wildreichsten Jagdgebiete sei und nach Aussage der Weißen selbst so viel Gold enthalte, genügend, um in kurzer Zeit den gezahlten Preis zu ersetzen. Sei die Regierung nicht gesonnen, diesen Preis zu zahlen, so möge sie sich des geschlossenen Vertrages erinnern und die in den Black Hills umherstreifenden Banden weißer Abenteurer zurückschaffen. Auf diese vollkommen berechtigte Forderung antwortete die Regierung zunächst mit einem Gebote von einer Million Dollars, von welchen aber nur die Zinsen ausbezahlt werden sollten, und als dieses Gebot nicht angenommen wurde, sandte sie ohne Weiteres Truppen in die Schwarzen Berge, zugleich wurden größere Heerkörper ausgerüstet, von denen einer, unter dem General Crook stehend, in der Morgendämmerung des 17. März 1876 das im tiefsten Frieden liegende Lager des Häuptlings Crazy Horse überfiel, eine große Zahl Indianer niedermachte, das ganze Lager verbrannte und gegen 800 Ponys davon führte.

Mit diesem Überfalle begann der Krieg, nicht verursacht durch die Wildheit der Indianer, sondern durch den Wortbruch der Weißen. Der Krieg begann, wie hundert ihm vorangegangene: in der Verleugnung jedes Rechtsbewußtseins auf den Grund hin, daß der Goldfund Forderungen im Namen der Civilisation erhebe, vor denen das verbürgte Recht der Wilden wie Spreu vor dem Winde verfliege.

Alle mit diesen Vorgängen unzufriedenen Elemente der Siouxnation sammelten sich nun unter dem an die Spitze der Bewegung sich stellenden Häuptling Tatanka-iyotanka, dem ›Sitzenden Büffel‹, und jetzt entspann sich ein Kampf bis auf's Messer, in welchem allenthalben die amerikanischen Truppen derart den Kürzeren zogen, daß die ansehnlichen Heersäulen sich zu wiederholten Malen gezwungen sahen, den Rückzug anzutreten und Verstärkungen herbeizuziehen. Das erste blutige Treffen ward dem General Crook geliefert, und verlief dasselbe so ungünstig für denselben, daß er in aller Eile dahin retirirte, woher er gekommen, nach Fort Fettermann.

Zu einem zweiten ernstlicheren Treffen kam es am 26. Juni 1876.

Als die letzten Gluthstrahlen der sinkenden Sonne über die braunen Prairien Montanas glitten, beleuchteten sie ein schauerlich Bild. Inmitten der Big Horn Mountains lagen über Thal und Hügel viel Hunderte von Leichen verstreut, alle in der Uniform der Vereinigten Staaten-Truppen, alle mit klaffenden Wunden, alle grauenhaft verstümmelt – skalpirt, unter ihnen ein Mann, dessen Körper sich nur dadurch von der stillen Gemeinde ringsum unterschied, daß seine Glieder nicht gebrochen, das Haupt nicht seines Lockenschmuckes beraubt war. Custer war's, der tapfere amerikanische Reitergeneral, der hier mitsammt seinem ganzen Regimente den Soldatentod gefunden hatte. Nicht einer seiner Krieger war dem entsetzlichen Schlachten entronnen.

Nacht senkte sich über die blutigen Gefilde. Der Pulverrauch war längst verzogen. Schauerliche Stille rings – nur fern im indianischen Lager herrschte wilder Siegestaumel. Die dumpfen Trommeln dröhnten die ganze Nacht, ohne Unterbrechung führten die Sioux ihre grausigen Tänze aus.

Mächtige Feuer glühten allenthalben; gefangene Soldaten, halbtodt vor Angst, wurden herangeschleppt, an die Bäume gebunden und unter entsetzlichen Martern vom Leben zum Tode gebracht; mit ihren letzten Seufzern mischte sich das Geheul der Wilden, die ihren siegreichen, von den Bleichgesichtern mit Schrecken genannten Führer priesen: Tatanka-iyotanka ›Sitting Bull‹.

Die Kunde der Niederlage erregte Entsetzen in der ganzen Union; man befürchtete das Schlimmste, daß der ›rothe Napoleon‹ seinen Sieg benutzen möchte, und sandte darum in aller Eile drei Armeecorps nach dem Yellowstone, um den kühnen Indianerfürsten zu züchtigen. Doch dieser wich mit vollendetem Geschick der Übermacht aus, brachte den Truppenmassen große Verluste bei und überschritt nach langen Kämpfen im September 1877 die canadische Grenze, wo er an den Wood Mountains ein Lager bezog.

Vier Jahre verbrachte er nun in Frieden unter dem milden Scepter der Königin Victoria; als es aber keine Büffel mehr zu jagen gab, die Hungersnoth mit all ihren Schrecken ihm und den Seinen in das Antlitz starrte, fast alle seine Krieger von ihm wichen, da ward allmählich sein stolzer Sinn gebrochen, und er versammelte am 19. Juli des Jahres 1881 die letzten seiner Getreuen, um mit denselben in Fort Bufford sich seinen verhaßten Feinden zu ergeben. Angesichts des dort Commandirenden verharrte der stolze, durch die Noth bezwungene Mann einige Minuten in tiefem Schweigen; dann befahl er seinem kleinen Sohne, dem amerikanischen Offizier seine Flinte zu übergeben, und als dies geschehen, sagte er:

»Ich überreiche Ihnen dieses Gewehr durch meinen Sohn. Er ist ein Freund der Amerikaner geworden. Ich wünsche, daß er die Gebräuche der Weißen kennen lerne und daß er erzogen werde gleich den Söhnen dieser. Ich wünsche, daß man des Umstandes eingedenk bleibe, daß ich der Letzte meines Stammes war, der sein Gewehr übergab. Ich gab es Ihnen, und jetzt möchte ich wissen, wie wir uns nähren sollen. Was Sie zu geben und zu sagen haben, möchte ich jetzt empfangen und hören; denn ich will nicht länger im Dunkeln gehalten werden. Von den Boten, welche ich von Zeit zu Zeit hierher sandte, ist keiner mit Nachrichten zurückgekehrt. ›Krähenkönig‹ und der ›Gallige‹ wollen nicht, daß ich komme, und niemals habe ich gute Nachrichten von denselben erhalten. Dies ist mein Land, und ich will nicht genöthigt werden, dasselbe aufzugeben. Als ich das Land der ›Großen Mutter‹ (Königin Victoria) verlassen mußte, war mein Herz sehr traurig. Sie war mir eine Freundin, jedoch ich will, daß meine Kinder in meinem Heimathslande aufwachsen, und ich wünsche, daß alle Krieger unseres Stammes auf einer uns gehörigen Reservation am kleinen Missouri zusammen wohnen möchten.«

Am 29. Juli wurde der ›Sitzende Büffel‹ mit seinem Gefolge auf dem Dampfer ›Sherman‹ nach Fort Yates gesendet. Wortkarg, stumm blickten die Gefangenen in die gelben, quirlenden Wasser des Stromes; erst als sie nach mehrtägiger Fahrt der Landungsstelle ansichtig wurden, versammelten sich sämmtliche Häuptlinge auf dem oberen Verdecke. Einer derselben entfaltete eine helle Flagge, und sobald sie im Winde flatterte, begannen die Häuptlinge einen monotonen Gesang, der oftmals von Kriegsgeheul und den den Indianern eigenthümlichen Demonstrationen unterbrochen wurde. Diese Demonstrationen wurden immer heftiger, je mehr das Boot dem Ufer sich näherte, wo Tausende von Indianern versammelt standen, um die Landenden zu begrüßen. Als der Dampfer die Landung erreichte, erstarb der Gesang und das Geheul der Wilden.

Während jener ganzen Zeit stand Sitting Bull unbeweglich in der Reihe, ohne im Geringsten sich an den Demonstrationen der übrigen Indianer zu betheiligen. Unter allen Häuptlingen war seine Erscheinung am einfachsten, er hatte die wenigsten Zierathe an sich, und er wäre sicherlich der letzte gewesen, in dem man den großen Krieger vermuthet hätte.

Sobald die Gehplanken vom Boot an das Ufer geschoben waren, kam der Häuptling Tatoke-iyanke, die ›Laufende Antilope‹, an Bord, eilte auf das Verdeck und, hinter der Reihe der Häuptlinge hergehend, umfaßte er Sitting Bull, legte seine Wange an die des gefangenen Häuptlings und rief in der Dakotasprache aus: »Mein Lieber!«

Der Häuptling rührte sich nicht; als aber die ›Antilope‹ vor die Häuptlinge hintrat, ihnen die Hände schüttelte und ein über das andere Mal »Hau, hau!«, den gewöhnlichen Gruß der Indianer, ausrief, da ward Sitting Bull so gerührt, daß ihm die Thränen aus den Augen schossen.

In Fort Yates verblieb Sitting Bull nur kurze Zeit; die Bleichgesichter, denen, nebenbei gesagt, dieser Krieg über 50 Millionen Dollars gekostet hatte, fürchteten den entwaffneten Löwen und seine gewaltige Redekunst, und so ward er am 10. September 1881 mit seinen ihm in den Tagen des Unglücks treu gebliebenen 45 Kriegern und den Frauen und Kindern derselben nach Fort Randall gesandt. Die zusammen 168 Köpfe zählende Gesellschaft langte nach siebentägiger Fahrt an dem Bestimmungsorte an, zum heillosen Schrecken der ganzen Garnison und Bevölkerung, die Hals über Kopf, als sie durch Depeschen über den zu erwartenden Besuch unterrichtet wurden, die umfassendsten Vorkehrungen trafen, um die furchtbaren Gäste zu empfangen. Man hatte ein Fleckchen Land mit zehn Fuß hohen, mannsdicken Palissaden eingezäunt, welche von einem kleinen mit Schießscharten versehenen Blockhause überragt wurden, so daß man von demselben aus ein mörderisches Gemetzel unter den innerhalb des Palissadenvierecks Befindlichen hätte anrichten können.

Tatanka-washila.

Als nun die Gäste kamen, war die ganze Garnison mit scharfgeladenen Gewehren und Geschützen ausgerüstet worden, und auf's Höflichste wurden die Indianer aufgefordert, gefälligst in den besagten Kraal hineinzuspazieren. Doch diese weigerten sich auf's Entschiedenste und sagten, lieber würden sie sterben, als sich einer Heerde von Kälbern gleich einsperren lassen, und so wies man ihnen endlich einen Platz westlich vom Fort an, der von starken Posten bewacht wurde und jederzeit mit Kanonenfeuer bestrichen werden konnte. Erst als man sah, daß sich mit den ›rothen Teufeln‹ ganz gut verkehren ließ, schwand die Furcht; man räumte ihnen nach und nach kleine Vergünstigungen ein und verlegte das Lager, als die Winterstürme kamen, in die durch Baumwuchs geschützte Niederung am Flusse.

Dort lebte nun zur Zeit meines Besuches der rothe Napoleon; seine Macht war gebrochen, aber dennoch blickten auf ihn die Augen aller Häuptlinge, ihn um seinen Ruhm beneidend, ihn, der mit den 45 ihm treu gebliebenen Kriegern traurig am Ufer des Missouri saß und geduldig wartete, welches Schicksal über ihn verhängt werde.

Unter den Getreuen Sitting Bull's, unter denen namentlich Heutopa (›Vierhörner‹) und Wakia-luta (der ›Rothe Donner‹), als die einflußreichsten Häuptlinge hervorzuheben waren, befand sich auch ein Brüderpaar, in dessen Zelte ich manche Stunde verweilte. Der ältere der Beiden, Tatanka-washila (›Ein Büffel‹), war ein schöner Mann von ebenmäßigem Bau, der einen wahren Apollokopf auf seinen Schultern trug, und in diesem wieder ein Paar Augen hatte, deretwillen er der stille Liebling der Randaller Damenwelt war. Der rothe Krieger, mein specieller Freund, war das personificirte Ideal einer Cooper'schen Indianerfigur, ein Unkas, aber mannhafter, reifer, fertiger und edler in seinen Bewegungen. Obgleich er kaum 27 Jahre zählte, hatte er doch schon acht Frauen gehabt und wieder verkauft, und er stand während meiner Anwesenheit gerade im Begriff, sich eine neunte zu nehmen, über welches Vorhaben aber seine derzeitige Ehehälfte so in Aufregung gerieth, daß sie ein Messer ergriff, die Zeltwand kreuz und quer zerschlitzte und dann mit ihrem Kinde auf und davon ging. Erst am Tage nachher fanden die hinter ihr hergesandten Indianerpolizisten die Unglückliche ganz tiefsinnig am Ufer des Flusses sitzen, und es gelang erst nach häufigem Zureden, sie zur Rückkehr in das Zelt ihres Gemahls zu bewegen, der seine weiteren Heirathsgelüste einstweilen unterdrückte.

Ein nicht minder kurioser Kauz war sein 18 Jahre alter Bruder, der ›Große Mann‹. Alles Geld, das diesem in die Hände fiel, ward sofort in Haaröl angelegt, von welchem Stoffe er, der Zahl der leeren Flaschen nach, Unmassen verbrauchen mußte. Beständig hatte er in seinem Cigarrenkästchen zu kramen, in welchem bunt durcheinander Farbenbeutelchen, Perlen, Spiegel, Bildchen und Haarölfläschchen lagen. Der ›Große Mann‹ gehörte entschieden zu den Erfindern; durch Zusammenschütten von drei oder vier verschiedenen Sorten Öles suchte er stets neue Parfüms zu erzeugen; er goß rothes, gelbes und grünes Öl zusammen, wobei es ihm freilich manchmal passierte, daß sich die diversen Öle und Farben gar nicht mit einander vermischen wollten. Die gefüllten Flaschen wurden der Vorsicht halber an die langen Haarzöpfe oder an die Bänder seiner turbanähnlichen Kopfbekleidung gebunden, und so baumelte jederzeit ein halbes Dutzend Fläschchen von allerhand Farben auf seinem breiten Rücken umher.

Eine andere nicht minder bemerkenswerthe Persönlichkeit war Schunka-wanjila, der ›lange Hund‹, ein unverbesserlicher Frauenräuber. Laut der auf seiner Büffelhaut von ihm selbst abconterfeiten Lebensgeschichte hatte derselbe im Laufe der Zeit außer mancherlei Pferden nicht weniger denn 23 Weiber zusammengestohlen, deren Namen dem Gedächtnisse des Wackeren freilich entfallen waren und deren Persönlichkeiten er sich nur noch nach der verschiedenen Farbe ihrer Decken zu entsinnen vermochte. (Vergl. die Illustration Seite 104.)

Interessant war noch der Tag, an welchem ich, zum größten Staunen der Indianer, eine Kunstausstellung, wohl die erste im fernen Westen, arrangirte. Dieselbe umfaßte gegen 30 meiner ausgeführten Skizzen und Farbenstudien, die auf großen, als Hintergrund dienenden Büffelhäuten aufgereiht waren.

Die ganze Bande Sitting Bull's, vom ältesten Weibe bis zum jüngsten Kinde, stand vor den Skizzen versammelt, selbst ein äußerst malerisches, vielfarbiges Bild darstellend. Aus all den dunklen und bemalten Gesichtern blitzten die tiefschwarzen Augen, die mit gespanntester Aufmerksamkeit auf die Bilder gerichtet waren. Dazwischen tönte fröhliches naives Lachen und Durcheinanderschwatzen, wenn die Beschauer den einen oder anderen ihrer Angehörigen auf dem Papiere erkannten.

Bemalte Büffelhaut des Indianers Schunka-wanjila, ihn selbst auf dem Pferde- und Frauenraube darstellend.

Sitting Bull selbst hatte sich im Kreise seiner Krieger niedergelassen, die Augen unverwandt auf die Portraits geheftet, in deren Mitte sein eigenes Bildniß im vollen Schmucke seiner Häuptlingswürde prangte. Mit besonderer Inbrunst ruhten die Blicke der wilden Krieger auf den Gesichtszügen ihrer im fernen Norden weilenden Kameraden, unter denen sie Kangi-yatapi, Mato-sapa, Pizi, Canchacha-ke, Kanri-cikala und Andere vertreten fanden. Wie stille Gebete glitten die Namen dieser Fernen über die Lippen der ernsten Beschauer, die nicht eher wichen, als bis die Dunkelheit hereinbrach.

Als endlich nach längerem Aufenthalt in Fort Randall die Zeit meiner Abreise herangekommen war und sich das Gerücht verbreitete, daß ich mich anschicke, meinen rothen Freunden den letzten Besuch abzustatten, fanden sich schnell die hervorragendsten Häuptlinge und Krieger im Wigwam ihres Führers zusammen. Nachdem die Pfeife die Runde gemacht, redete Sitting Bull mich feierlich also an:

»Eisenauge, die Zeit war kurz, welche Du unter meinem Volke lebtest. Aber sie war doch lang genug, um uns erkennen zu lassen, daß Du als Freund kamst und gute Wünsche für uns hegtest. Du willst gehen, und wir sind traurig, daß wir Dich niemals wiedersehen werden. Die Dakotas schütteln Dir die Hand. Sie werden noch lange am Lagerfeuer von Dir erzählen.«

»Hau, hau!« riefen die Anwesenden.

Nachdem ich einige Worte erwidert, schüttelte ich Allen die Hände und wandte mich zum Gehen. Da erhob sich noch einmal der große Häuptling und sprach:

»Eisenauge, kehre zurück – und Du wirst uns immer als Freunde finden. Möchten die Wasser Dich glücklich tragen und Wakan-tanka, der Große Geist, Dich schützen vor allen Gefahren.«

Damit schüttelte er mir herzlichst die Hand und kauerte dann schweigend am rauchenden Feuer nieder.

Tatanka-washila, mein rother Freund, hingegen folgte mir nach und rief: »Bleibe nicht lange, mein Freund, bleibe nicht lange!«

So war mein Abschied von den Söhnen der Wildniß, denen man so oft jedes tiefere Gefühl, jede bessere Regung abspricht.

Mir war das Herz schwerer, als hätte ich Brüder verlassen.

Und als am anderen Morgen die aufsteigende Sonne die Wölkchen röthlich färbte, in ihrem Strahl die stillen, einsamen Berge klar und deutlich lagen, als wollten sie all' ihre Geheimnisse offenbaren, da rauschte es, als die Signale des Dampfers zur Abfahrt tönten, noch einmal in den Büschen am Ufer – und heraus trat ein Indianer in vollem Schmucke, das Gesicht röthlich strahlend, gleich der Morgensonne, über dem dunklen Haar die langen Adlerfedern. O, die Gestalt war mir wohl bekannt – es war Tatanka-washila, mein Freund, der gekommen, mir noch einen Abschiedsgruß zu bieten. Durch Geberden deutete der am Ufer Stehende an, daß er mir noch einmal die Hand schüttle; lange blickte er mir, dem Scheidenden, noch nach, so lange, bis eine Strombiegung das Boot, wie den weißen Fremdling seinen Augen entrückte. –

Im Laufe der Jahre erhielt ich noch manchmal direkt und indirekt Nachrichten von meinen rothen Freunden in Dakota. Von Sitting Bull vernahm ich, daß im Jahre 1883 sein Wunsch erfüllt und er sammt seinen Kriegern nach der Standing Rock Agentur befördert worden sei, wo er sich am Cannon Ball Flusse niedergelassen habe und in seiner Kleidung und in seinen Gewohnheiten mit zäher Festigkeit an den altindianischen Bräuchen hänge. Der stolze ›Krähenkönig‹ starb einige Jahre nach meinem Aufenthalte, kurz vor seinem Tode noch eine ausgezeichnete Rede haltend. Ihm folgte bald darauf auch der ›lange Krieger‹ nach, desgleichen wurde mein hochherziger Freund ( Cauchacha-ke in die glücklichen Jagdgründe einberufen. Von dem ›langen Hunde‹ ward mir berichtet, daß er nach wie vor ein unverbesserlicher Frauenräuber sei, und daß, wäre er noch im Besitze seiner Büffelhaut, auf derselben wohl kein Platz mehr sei, um all die seither verführten Weiber aufzeichnen zu können. Tatanka-washila hingegen, mein treuester Freund, ist indianischer Polizist geworden und hält auf Zucht und Wohlfahrt unter seinem Volke.

*

Vorstehendes Kapitel war beendet, als Sitting Bull und seine Gefolgsgenossen neuerdings in den Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit traten. Es geschah dies zu Anfang des Monates August dieses Jahres, als die Regierung der Vereinigten Staaten die Sioux zu bestimmen suchte, derselben einen großen Theil ihrer Reservation zu überlassen. Diese Reservation umfaßt 21 Millionen Acres Landes, ein Gebiet, welches der Größe des Staates Maine vollständig gleichkommt und den vierten Theil der beiden neuen Staaten Nord- und Süddakota ausmacht. Eine von der Regierung eingesetzte Commission wurde mit der Aufgabe betraut, die Indianer zur Abtretung von 11 Millionen Acres zu bewegen, damit dieselben für weiße Ansiedler eröffnet werden möchten.

Nach dem den Indianern gemachten Vorschlage sollten dieselben als Entschädigung 1¼ Dollar pro Acre für alles Land erhalten, welches sofort nach der Eröffnung kultivirt werde, 75 Cents für jeden Acre, der in den nächsten zwei Jahren, und 50 Cents für jeden Acre, der später zur Besiedelung komme. Das Geld für das Land werde von der Regierung für die Indianer in Verwahrung behalten und die Zinsen zur Unterstützung derselben verwendet, nach Ablauf von 50 Jahren aber der Betrag vom Capital, der noch übrig geblieben, an die Indianer gleichmäßig vertheilt.

Es war vorauszusehen, daß dieser schon ein Jahr zuvor abgelehnte Vorschlag bei den Sioux abermals auf harten Widerstand stoßen würde, doch gelang es der Commission, die Siouxstämme der Pine Ridge- und Rosebud Agentur zur Unterzeichnung des Vertrages zu gewinnen.

Zur Ratificirung des Vertrages bedurfte es aber der Unterschriften von zwei Dritttheilen des ganzen Stammes, und sträubten sich namentlich die Sioux der Standing Rock Agentur unter ihren Häuptlingen Tatanka-iyotanka (Sitting Bull), Pizi, Tatoke-iyanke, Ite-omagayu und Anderen auf's Hartnäckigste gegen die verlangte Abtretung.

Wochenlang dauerten die Berathungen, ohne daß hierselbst die Commission den geringsten Erfolg erzielt hätte. Den Specialberichten, welche im August dieses Jahres vom › New York Herald‹ über diese das allgemeine Interesse der Nordamerikaner in Anspruch nehmenden Unterhandlungen veröffentlicht wurden, entnehme ich einige die Ansichten der Indianer charakterisirende Stellen aus Reden der Häuptlinge Pizi und Sitting Bull.

»Warum sollen wir unser Gebiet den Weißen geben?« bemerkte der Erstere, »haben dieselben nicht Land genug? Warum kommen sie Jahr auf Jahr, um die wenigen Acres, die uns geblieben sind, zu nehmen, trotzdem viele Tausende Acres ihres eigenen Landes und ebensoviele Jagdgebiete noch gar nicht occupirt sind? Wenn sie unser Land wünschen, warum sollte der Wunsch der Indianer, welche dasselbe behalten möchten, weniger berechtigt sein?

Unterzeichnen wir den Vertrag, so bleibt uns nur ein sehr kleiner Theil desselben übrig – zu klein für Indianer, welche nicht wie die Weißen wissen, auf so kleinen Farmen zu leben. Und haben wir den Vertrag unterzeichnet, so werden im nächsten Jahre die Weißen wieder kommen, um noch mehr von unserem Gebiete zu verlangen. Schon vor einer Reihe von Jahren versicherte man uns, im Falle wir einen Theil unseres Landes abtreten würden, werde man uns nicht wieder belästigen. Damals nahm man uns die Black Hills, die Schwarzen Berge weg, durch deren Gold die Weißen sich sehr bereicherten. Man hat uns nicht dafür gedankt und nichts dafür gegeben. Und nun wünsche ich nicht, daß eine Abtretung unseres Landes erfolgen möchte, bis unsere jungen Leute Bücher zu lesen und selbstständig zu handeln wissen, so daß sie nicht mehr übervortheilt werden können.«

Der Widerstand der Sioux wurde nicht gebrochen, bis der die Commission führende General Crook folgende Worte gebrauchte: »Ich bereitete Euch gestern darauf vor, daß, im Falle der Vertrag wiederum nicht zur Unterzeichnung gelangt, das geforderte Land trotzalledem in Beschlag genommen werden wird. Die Gründe für meine Annahme sind folgende: Dakota, Montana und Washington haben als Territorien bisher nur je einen Repräsentanten zum Congresse der Vereinigten Staaten gesandt, ohne aber eine Stimme in demselben zu besitzen. Dieserhalb hatte das Verlangen der weißen Bewohner von Dakota, welche die Eröffnung dieser Reservation beanspruchten, bisher nur wenig Gewicht. Mit dem October dieses Jahres aber werden diese Territorien Staaten und entsenden als solche vier Repräsentanten und acht Senatoren nach der Bundeshauptstadt. Dann, wenn der Ruf nach Eröffnung der Reservation auf's Neue erklingt, wird die Stimme des rothen Mannes übertönt und er selbst auf die Seite gedrückt werden. Bereits als im vergangenen Jahre die Unterzeichnung dieses Vertrages verweigert wurde, gab es viele Mitglieder des Congresses, welche dem Vorschlage beistimmten, das Land auch ohne Eure Zustimmung zu nehmen. Aber Eure Freunde im Osten waren stark genug, so daß dieser neue Vertrag Euch vorgelegt wird. Kommt derselbe abermals nicht zur Annahme, so glaube ich nicht, daß Eure Freunde jetzt noch zahlreich genug sind, um nochmals den Sieg zu gewinnen.« –

Diese trüben Aussichten, welche befürchten ließen, daß man im Weigerungsfalle die Ländereien nehmen werde, ohne den Indianern eine Entschädigung zukommen zu lassen, bestimmten endlich einen Theil der Sioux zur Annahme des Vertrages, der andere Theil hingegen beschloß trotzalledem standhaft auszuharren. Und nun gab es einige wilde Scenen in den Lagern bei Standing Rock. Die ganze Nacht verbrachten die Indianer an den Berathungsfeuern, in heftigster Weise wurde für und wider gesprochen, namentlich als Sitting Bull, der Führer der Oppositionspartei, dem Häuptlinge John Gras, dem Ersten, der sich zur Unterzeichnung des Vertrages bereit erklärte, den Vorwurf in's Gesicht schleuderte, von den Bleichgesichtern bestochen worden zu sein, erreichte die Aufregung einen solchen Höhepunkt, daß ein blutiger Zusammenstoß der beiden Parteien jeden Moment zu erwarten stand. Und als am folgenden Morgen John Gras mit seinen Genossen wirklich zur Unterzeichnung schritt, da kamen Sitting Bull und seine Anhänger in vollem Kriegsschmucke dahergesprengt, um die Unterzeichnung zu verhindern. Die Verwirrung ward in Folge dessen so groß, daß ein Beamter der Agentur vor Schrecken irrsinnig wurde. Nur unter Aufgebot der ganzen Militärmannschaften des Fortes gelang es endlich, dem Angriffe Sitting Bull's auf John Gras vorzubeugen und die Ruhe für den Augenblick wieder herzustellen.

Unter genügendem Schutze gelangte John Gras zur Unterzeichnung, nicht aber, ohne von den Anhängern Sitting Bull's mit den Namen ›Weiberherz‹, ›Verräther‹ und ›Feigling‹ belegt zu werden. Ihm folgten bald die Häuptlinge ›Zorniger Bär‹ und ›Großer Kopf‹ nebst ihren Banden, und als so in den Widerstand der Indianer mit Erfolg eine Bresche gelegt war, entschlossen sich nach einigen Tagen endlich auch die widerstrebendsten Häuptlinge, Ite-o-magayu und Pizi, den Vertrag mit ihrer Unterschrift zu versehen, wodurch derselbe nunmehr die zur Ratificirung nothwendige Stimmenzahl erhielt.

Nur Sitting Bull mit seinen Getreuen hielt sich fern. Zum zweiten Male sah er sich von der Mehrzahl seines Stammes verlassen, und niedergeschlagen verzichtete er darauf, an allen weiteren Erörterungen theilzunehmen. Voll Bitterkeit antwortete er dem Herald-Reporter: »Jetzt weiß ich, daß der weiße Mann groß ist, groß im Verfertigen von Verträgen. Er versteht es, die Augen der Indianer zu blenden, so daß sie Schwarz für Weiß ansehen. Die Indianer sind nicht länger Krieger. Sie sind Kinder geworden, die dem Bleichgesichte ruhig geben, was er von ihnen verlangt. Vor Jahren, da lachten wir, wenn der weiße Mann kam und unser Land von uns begehrte. Damals waren wir frei und tapfere Krieger. Wir lieferten große Schlachten, feierten große Kriegstänze, waren stolz und unabhängig. Jetzt hingegen haben die Indianer allen Muth verloren. Sie vermögen nicht, dem weißen Manne in die Augen zu blicken, und ihm zu sagen, daß er lüge, wenn er ihnen erzählt, es sei besser für sie, wenn sie lebten, ohne im Besitze von Land zu sein. Ich glaube nicht den schönen Versicherungen der Commission, denn man hat uns bereits zu oft belogen. Man raubte uns unsere Länder und unsere Pferde; man tödtete unsere Krieger, da man unsere Jagdgründe zu besitzen wünschte, und nun kommen diese Männer, um uns zu erzählen, wie freundlich man gegen uns gesinnt sei! Jetzt besitzen die Weißen den größten Theil unseres ehemaligen Gebietes; unsere jungen Leute sind keine Krieger mehr, und ich schäme mich meines Volkes.«

Auf die Aufforderung des Correspondenten begann nun Sitting Bull aus seinem früheren Leben zu erzählen, aus jener Zeit, wo die ersten Bleichgesichter in ihrem Lande erschienen.

»Mein Volk lebte glücklicher in jenen Tagen, wir hatten Wild in Fülle und vermochten jederzeit unseren Hunger zu stillen. Mitunter kamen einige canadische Händler, mit welchen wir Tauschhandel trieben. Von diesen erhielten wir Messer, Äxte und Zündhölzchen, willkommene Artikel, durch welche unsere Arbeiten erleichtert wurden, da wir nun nicht mehr nöthig hatten, Feuer durch Reiben von Holzstücken zu erzielen oder uns mit unseren schlechten, aus geschärften Muscheln und Steinen gefertigten Messern abzumühen. Ich war noch ein Knabe, als die erste Friedenscommission erschien, um mit uns um Theile unseres Landes zu unterhandeln, wogegen wir Lebensmittel und Kleider erhalten sollten. Als der erste Agent zu uns kam, war ich ein junger Mann. Wir fragten nicht nach den Rationen, die er uns gab, denn wenn wir hungrig waren, so brauchten wir nur einige Büffel, Hirsche oder Antilopen zu erjagen, um Fleisch genug zu haben. Aus den Fellen der Thiere verfertigten wir unsere Kleider und Zelte, dieselben waren weitaus besser als diejenigen, welche wir jetzt erhalten.«

Über seine Meinung befragt, ob er das Leben der Weißen für ein glücklicheres halte als das der Indianer, entgegnete der Häuptling, nachdem er einige Zeit nachdenkend gesessen hatte: »Würde ich nur nach dem zu urtheilen haben, was ich von den Weißen sah, als dieselben zuerst in unser Land kamen, so müßte ich behaupten, daß die Indianer weitaus besser lebten. Aber ich habe in den letzten Jahren mehrere Reisen gemacht und über vierzig der großen Städte der Bleichgesichter gesehen, und zum Theil liebe und bewundere ich die Wege derselben. Ich zweifle nicht, daß die Weißen glücklich sein mögen in ihren schönen Häusern, aber der ›Große Geist‹ hat mich und mein Volk anders gestaltet, so daß wir vorziehen würden, in einem Zelte auf der wildreichen Prairie zu leben, als uns in steinernen Häusern zusammen zu drängen, auch wenn dieselben noch so schön mit eleganten Möbeln ausgestattet wären.

Da ist nicht jene Freiheit, an die wir gewöhnt sind. Wir benöthigen der weiten Prairie, der frischen Luft und des Wildes, um glücklich zu sein. Manche unserer jungen Leute, welche jetzt fern von uns in Schulen erzogen werden, entscheiden möglicherweise anders, denn sie schreiben öfter, daß sie es vorziehen, wie Weiße zu leben. Ich glaube ihnen, denn sie haben ja niemals die Freiheit kennen gelernt, die ich genossen und vermögen dieselbe darum auch nicht zu verstehen. Ich bin zu alt, um mich einem Wechsel anpassen zu können, aber ich bete zum ›Großen Geiste‹, daß unsere Kinder in dem neuen Leben glücklich sein möchten.«

Bezüglich seines Widerstrebens gegen die Unterzeichnung des Vertrages bemerkte Sitting Bull: »Es war mein Wunsch, diesen Verkauf einem späteren Geschlechte zu überlassen, welches den Werth des Landes besser zu schätzen weiß, als wir es vermögen. Ich glaube, daß wir in einiger Zeit selbst Schulen errichten werden, in denen unsere jungen Leute lesen und schreiben lernen, und dereinst werden dieselben sicherlich in der Lage sein, die Fragen, welche ihre Interessen berühren, in verständiger Weise zu beurtheilen. Zur Zeit sind sie dessen noch nicht fähig, da sie nicht genügend erzogen sind, um die Sprache der Weißen zu verstehen und richtig zu deuten. Es ist mir öfter erzählt worden, daß mitunter die Auslegung einzelner Worte zu erbitterten Discussionen unter den Weißen geführt hat, selbst unter Leuten, welche die Sprache derselben construirten. Was kann man bei einem derartigen Zustande von meinem Volke erwarten, wo nur sehr Wenige zu lesen und zu schreiben vermögen? Ich würde nicht wegen der Zukunft meines Volkes besorgt sein, hätte man demselben gestattet, seine Ländereien so lange zu behalten, bis es den Werth derselben selbst zu schätzen wüßte.«

Über seine Ansichten bezüglich eines späteren Lebens befragt, antwortete der Häuptling: »Ich bin zu alt, um den Glauben der Bleichgesichter zu verstehen, aber ich achte denselben und bin der Meinung, daß unsere Kinder diesen Glauben dereinst annehmen werden. Ich aber für mein Theil werde getreulich die Wege gehen, die mir von meinen Vätern überkommen sind. Ich und meine Krieger werden in die glücklichen Jagdgründe gelangen und daselbst alle unsere alten Freunde wiederfinden und alle die Stätten sehen, welche wir hier auf Erden inne hatten. Wir wissen dies, weil Einige unseres Volkes dieses Geisterland gesehen und uns mancherlei über dasselbe berichtet haben. Daselbst ist Alles vorhanden, was der rothe Mann bedarf: Büffel, Hirsche, Antilopen und Pferde, und unser Leben wird ein weitaus glücklicheres sein, als das auf dieser Erde, denn kein Bleichgesicht wird kommen, um uns mit Waffengewalt oder schönen Worten diese glücklichen Jagdgründe zu nehmen.«

Mit diesen Worten hüllte sich der Häuptling fester in seine wollene Decke und schritt dem rauschenden Missouri zu.

Indianische Ehrenfedern.

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