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Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170417
projectid4714fdd4
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Tchanopa-o-kä, das Heiligthum der rothen Rasse.

Zu den Höhen der Prairien,
Zu dem Bruch der Pfeifensteine
Gitche Manitu, der mächt'ge.
Er, des Lebens Herr, stieg nieder.
Auf des Steinbruchs rothen Klippen
Stand er, und berief die Völker,
Rief die Stämme all zusammen ...
Von dem rothen Fels des Steinbruchs
Brach er mit der Hand ein Stück sich,
Welches mit Gestalten schmückend
Er zum Pfeifenkopfe formte;
Pflückte drauf zum Pfeifenstiele
An des Flusses Rand ein Schilfrohr,
Frisch, voll dunkelgrüner Blätter;
Füllte dann den Kopf der Pfeife
Mit dem Bast der rothen Weide.
In den nahen Wald nun blies er,
Daß sich seine Aeste rieben,
Bis sie gluthumflossen flammten.
Aufrecht auf der Höhe rauchte
Gitche Manitu, der mächt'ge,
Calumet, die Friedenspfeife,
Als ein Zeichen allen Völkern.

So beginnt Longfellow, der unvergleichliche Sänger, sein Lied von Hiawatha, seine indianische Edda, in welcher er eine große Zahl alter merkwürdiger, indianischer Legenden und Überlieferungen niedergelegt hat. –

Ein dichter blauer Dunstkreis entstieg der Pfeife, immer steigend, steigend, steigend, bis er als Silberwolke den Himmel berührte, und dort, zerstäubend, Alles rings umher durchwogte.

Alle Stämme sah'n dies Zeichen und

Auf den Flüssen, durch die Steppen
Kamen der Nationen Krieger:
Kamen Delawares und Mohawks,
Kamen Choktaws und Comanches,
Kamen Shoshonins und Blackfeets,
Kamen Pawnees und Omahaws,
Kamen Mandans und Dakotas
Und Huronen und Ojibways.
Durch der Friedenspfeife Zeichen
Allvereint die Krieger zogen
Hin zu der Prairie Gebirgen,
Zu dem Bruch der Pfeifensteine.

Gitche Manitu sah auf sie nieder, theilnahmsvoll, er sah ihren Grimm und Hader, ihre Kampflust wider einander, ihren Haß, geerbt von ihren Vätern – und warnend rief er seinen Kindern zu, die alten Rachegebete verstummen zu lassen, den Krieg aufzugeben und fortan als Brüder mit einander zu leben, anderenfalls würden sie elend untergehen. Und auf das Geheiß des großen Geistes badeten sich alle Krieger in dem den Felsen entquellenden Strome, wuschen den bunten Kriegsschmuck ab und verscharrten in dem Sand die Äxte.

Schweigend brachen dann die Krieger
Einen rothen Stein vom Steinbruch,
Formten draus sich Friedenspfeifen;
Brachen langes Schilf am Flusse,
Schmückten's mit den schönsten Federn,
Kehrten heimwärts dann die Schritte.
Doch des Lebens Herr, entschwebend
Durch zertheilte Wolkenschleier,
Durch die goldne Himmelspforte,
Schwand dahin vor ihren Augen,
Eingehüllt von dem Pukwana,
Von dem Rauch der Friedenspfeife ...

Der ›ferne Westen‹ der Vereinigten Staaten ist reich an Schönheit, reich an romantischen und sagenumwobenen Plätzen. Unstreitig aber gebührt der erste Rang unter all diesen durch Gesänge und Traditionen berühmten Localitäten dem großen Pfeifensteinbruche, dessen Gebiet den kupferfarbenen Urbewohnern Nord-Amerikas lange Jahrhunderte hindurch als der heiligste aller heiligen Plätze gegolten. Ihre Legenden und Überlieferungen kommen darin überein, daß hier nicht allein der Gebrauch der Friedenspfeife, sondern auch die rothe Rasse selbst ihren Ursprung fand.

Es ist noch nicht lange, daß die Bleichgesichter die erste Kunde von diesem indianischen Heiligthume erhielten. Capitän Carver, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Landschaften im Herzen Minnesotas durchstreifte, war der Erste, welcher die ersten unbestimmten Nachrichten über die im Südwesten gelegenen ›Rothen Berge‹ brachte, aus deren Gestein die Indianer jene Pfeifen schnitzten, deren Darbietung als ein Zeichen der Freundschaft unter den Rothhäuten gang und gäbe war. 70 Jahre noch blieb das Geheimniß, welches über diesen rothen Bergen ruhte, unentschleiert, Niemand wagte aus Furcht vor den Indianern, die jedem Bleichgesichte die Annäherung zu ihrem Heiligthume versagten, den rothen Bergen näher zu kommen. Erst Georg Catlin, dem bekannten Reisenden, gelang es, im Jahre 1832 dieselben zu erreichen, sechs Jahre später kam der Ingenieur Nicolett ebenfalls zum Ziele und beide haben Schilderungen des Pfeifensteinbruches gegeben. Doch sind außer einer kaum getreuen, dilettantenhaften Abbildung des Bruches, die in Catlin's Werken zu finden ist, der Welt keine weiteren Aufnahmen bekannt und dürften die in meinem Werke › Von Wunderland zu Wunderland‹ enthaltenen Illustrationen im Verein mit den diesem Abschnitte beigegebenen Bildern als die ersten zuverlässigeren zu betrachten sein.

Noch in neuerer Zeit war der Besuch des seltsamen Gebietes mit großen Schwierigkeiten verknüpft; so gingen z. B. im Jahre 1855 drei Reisende, die von Prairie du Chien gekommen, nicht fern vom Ziele aus Furcht vor den Indianern zurück, ebenso eine zweite Gesellschaft inmitten der sechziger Jahre. –

Mitternacht war vorüber, als ich, von der Standing Rock Agentur her kommend, nach tagelanger harter Fahrt endlich bis zur äußersten Südwestecke des Staates Minnesota vorgedrungen und dem Ziele meiner Reise nahe war. Mit Spannung sah ich dem grauenden Morgen entgegen. Endlich brach auch dieser an, aber die Witterung hatte total umgeschlagen, trüb und schwer hingen die Wolken hernieder, ab und zu strichen mit Schnee untermischte Regenschauer über die endlose braune Prairie, aus der sich in der Entfernung von l½ englischen Meilen eine von Norden nach Süden streichende, senkrecht abfallende Klippenwand in äußerst malerischer, wilder Zerklüftung bis zur Höhe von 30 Fuß emporhob, eine Front von zwei bis drei englischen Meilen Länge bildend und an ihren Enden in dem Boden der Prairie verschwindend. Ein kleiner Bach, der Pipestone Creek, welcher seinen Quell eine kurze Strecke östlich von den Felswänden hat, stürzt sich in verschiedenen Armen über die jähen Klippen hinab und wendet sich dann westlich und südlich dem Big Sioux River zu, um mit diesem vereint dem Missouri zuzueilen. Parallel der Klippenwand, in der Entfernung einer halben englischen Meile vor derselben, ist der eigentliche Pfeifensteinbruch, eine Reihe von fünf bis zehn Fuß tiefen Gruben, die sich zu beiden Seiten des Flusses auf eine Strecke von ¾ Meilen hinziehen. Diese mit Felsbrocken und Bruchscherben umgebenen, zur Zeit meines Besuches drei bis vier Fuß hoch mit Wasser gefüllten Gruben sind der Fundort des seltsamen Steines, welcher unter den Mineralien eine ganz allein dastehende Erscheinung bildet und bisher nirgend weiter auf Erden gefunden worden ist. Schon die Lage desselben ist eigenthümlich genug. In einer Stärke von ungefähr 11 Zoll zwischen zwei Schichten grauen, blaß- und tiefrothen Quarzes eingebettet, ist zuerst eine Lage 5-8 Fuß mächtigen, äußerst festen Quarzes zu durchbrechen, ehe man zu dem heiligen Steine gelangen kann, von welchem wiederum nur 2½-3 Zoll zur Herstellung der Pfeifen und anderer Ornamente tauglich sind, da der übrige Theil zu splitterig und unrein ist. Dieser Stein, von Farbe eigenthümlich braunroth, ist es, welcher den Indianern diese Localität so heilig und werthvoll macht und sie zu alljährlichen Besuchen veranlaßt, um sich mit dem nöthigen Quantum für ihren Bedarf an Pfeifen zu versorgen.

Die Gewinnung des Steines muß namentlich in früheren Jahrzehnten, als die Indianer sich noch nicht mit eisernen Werkzeugen versehen konnten, eine geradezu fürchterliche Arbeit gewesen sein, und erhielt ich darüber von dem über neunzig Jahre alten, schier erblindeten Oberhäuptling der Yanktonnais, Padani-apapi, folgende Mittheilung: »Als noch meine Väter lebten und ich ein Knabe war, besuchten wir den Pfeifensteinbruch alljährlich in den Monaten Juli und August, der einzigen Zeit, wo das Wasser in den Gruben ausgetrocknet und ein Arbeiten in denselben möglich war. Bevor wir uns dem heiligen Boden nahten, unterwarfen wir uns einer dreitägigen, mit Fasten, Opfern und Gebeten verbundenen Purification und flehten zum großen Geiste, daß er eine recht baldige Sprengung der den heiligen Stein überdeckenden Felsen geschehen lassen möge. Am vierten Tage unserer Reinigung bemalten wir uns und schritten zum Werke. Ein jeder Krieger nahm einen Steinblock in beide Hände und schmetterte denselben mit aller Macht auf die Felsen, bis dieselben durchbrochen waren. Diese Arbeit währte, da die Felsen so hart und dick, manchmal Tage und Wochen, und gar häufig war das Gestein mit dem Blute unserer Hände und Füße geröthet.«

Nicolett bemerkt in seinem Berichte, daß diejenigen, die ausgewählt wurden, im Pfeifensteinbruche zu arbeiten, sich fern zu halten hatten von allen Unterredungen und Zusammenkünften mit ihren Genossen und ihrem Volke. Vereint verrichteten die Auserwählten ihre Gebete und Opfer und schritten dann zum Werke. Traf einer der Steinebrechenden nun auf eine unbrauchbare Lage, so ward er als ein Betrüger und Heuchler angesehen, der frech auf seine Reinheit gepocht hätte. Ein solcher wurde gezwungen, die Arbeit, weil derselben unwürdig, aufzugeben; ein Anderer nahm seinen Platz ein, der sich nun wohlweislich bemühte, einen günstigeren Punkt in Angriff zu nehmen. –

Nähern wir uns dem oben erwähnten Klippenzuge, so gewahren wir, daß derselbe unstreitig durch äußere Einflüsse bloßgelegt worden und die Zerstörung in stetigem Fortschritte befindlich ist. Namentlich wenn wir auf das einen merkwürdigen Anblick bietende Plateau des felsigen Zuges treten, blicken wir so recht in die geheimsten Werkstätten der Natur. Die einzelnen Steinkuppen ragen bald gleich unregelmäßig neben einander gestellten Basaltsäulen empor, bald ähneln sie einem aus kleineren und größeren Platten zusammengesetzten riesigen Steinpflaster. In den Fugen und Spalten desselben rinnt und murmelt es überall; allerwegen kleinere und größere Wasserläufe, Adern und Äderchen, die sich langsam, langsam immer tiefer graben. Das ist ein geheimnißvolles Schaffen und Weben; ein flüssiges, nachgiebiges Element überwindet hier den diamantharten, schier unbezwinglich scheinenden Riesen und zerbricht ihn nach Jahrhunderte langem Ringen zu furchtbar zerklüfteten Trümmern. Die Action des Wassers auf den Felsen ist überall wahrzunehmen; über das ganze Thal liegen Steinfragmente verstreut, welche eine Wanderung durch das Thal sehr unbequem machen. Der Quarzit ist intensiv hart, regelmäßig gebettet, die Oberfläche der Bettungen zeigte vielfach jene charakteristischen Kritze, welche in jenen fern entlegenen Zeiten entstanden, als gewaltige, gletscherartige Eismassen über diese harten Felsen gingen.

Eine interessante Erscheinung ist ferner die äußerst glatte Oberfläche der durch mehr oder weniger großen Zusatz von Eisenoxyd blaßrosa, fleischfarben und tiefroth gefärbten Felsen, die überall wie polirt, wie mit einer Glasur übergossen scheinen und namentlich an den der Luft und Witterung zumeist ausgesetzten Ecken und Kanten geschmolzenem Glase gleichen. Ich hatte während der feuchten Witterung große Vorsicht zu üben und manchmal auf Händen und Füßen zu kriechen, um nicht auszugleiten und an den scharfkantigen Klippen zu zerschellen. Fast will es scheinen, als habe hier die sonst Alles zersetzende Luft ihre Kraft verloren, indem ihr in dem feinen Gefüge des äußerst festen Quarzes eine zu widerstandsfähige Masse entgegensteht, die sie wohl abrunden, schleifen und poliren, nicht aber auflösen und zerbröckeln kann.

Einige Schritte nördlich von der Stelle, wo der Pipestone Creek sich über die Klippen hinab in sein felsiges Bette stürzt (vergl. das Lichtdruckbild), steht aufrecht innerhalb eines furchtbaren Felsenwirrsales eine einzelne Säule, abgetrennt von der steinernen Mauer, fünfunddreißig Fuß hoch und sieben im Durchmesser, auf's Höchste polirt an den Seiten wie auf dem Gipfel. Diese sieben Fuß von dem Walle entfernte Säule, in ihrem oberen Theile fast einem altmexikanischen Idole gleichsehend, von den Dakotas Jyan-atchakschi, ›Sprungstein‹ auch ›Medizinfelsen‹ genannt, war der Schauplatz seltsamer Bravourstücke.

Jyan-atchakschi, der »Sprungstein« und der Fall des Pipestone-Creek.
Nach der Natur aufgenommen von Rudolf Cronau.

Es erforderte unbedingt außergewöhnliche Kraft und Geschicklichkeit, um von dem Rande der Klippenwand hinüber auf die kaum zwei und einen halben Fuß im Quadrat haltende Oberfläche des einzeln stehenden Felsens zu springen, und noch größere, um wieder auf den Wall zurück zu gelangen, da auf dem schmalen Plateau kein Anlauf genommen werden konnte. Glückte dieses Wagstück, so war der Unternehmer hoher Ehren gewiß und durfte sich bis in sein Alter dieser That als einer der ersten seines Lebens rühmen. Mißlang aber der Sprung, oder wußte sich der Kühne auf der glatten Fläche des Felsens nicht zu halten, so stürzte er in die Tiefe, um einen sicheren Tod auf den gräßlichen Klippen drunten zu finden. Angesichts dieser letzteren Möglichkeit war es darum bei den nach der seltsamen Ehre strebenden Kriegern Brauch, vor der Ausführung ihres Wagstückes all' ihren Schmuck anzulegen, um im Falle des Mißlingens festlich geschmückt in das unbekannte Jenseits, in die glücklichen Jagdgründe einzugehen. Gesicht und Arme prangten in bunten Farben, vom Haupte nickten die langen Adlerfedern, am Halse klirrte das Band aus Bärenklauen, am Gürtel hingen die Skalpe der erschlagenen Feinde, im Köcher aber staken die schnellen Pfeile, die, war der Springende glücklich, von demselben als Siegeszeichen in die Risse und Spalten auf der Oberfläche des Sprungsteines eingeklemmt wurden. Auf der in Catlin's Buche enthaltenen Skizze sehen wir links einen kleinen Hügel, ein indianisches Grab, welches die Überreste eines ausgezeichneten jungen Kriegers barg, der zwei Jahre vor Catlin's Besuche während des entscheidenden Sprunges ein jähes Ende fand. Ein wohlerhaltener Backenzahn, von einem Wolfe vor langer Zeit aus dem eingesunkenen Hügel herausgescharrt, war die Reliquie, die ich zur Erinnerung an jenen Verunglückten mit mir nahm. Padani-apapi, der vorerwähnte oberste Häuptling der Yanktonnais, welcher das Wagstück in seinen jungen Jahren selbst bestanden, berichtete mir, daß seine Stammesgenossen mehrere Male am Fuße des Medizinfelsens die Gebeine von Kriegern unbekannten Stammes gefunden hätten, die jedenfalls hier verunglückt waren.

Von fernerem Interesse sind einige kolossale grobkörnige Wanderblöcke, Tausende von Centnern schwer. Einer derselben mißt gegen sechzig Fuß im Umfange und hat eine Dicke von zehn bis fünfzehn Fuß. Die anderen stehen demselben in ihren Verhältnissen nur wenig nach. Auf den rothfarbigen Felsplatten, die in weitem Umkreise hier aus dem Boden zu Tage treten, befinden sich eine große Zahl in den Stein gegrabene Toteme und Symbole, Namenszeichen der indianischen Besucher, also indianische Visitenkarten. Catlin versichert, daß die Zahl dieser Darstellungen an die Tausende gewesen sei, ich konnte nur etwa vierzig bis fünfzig entdecken und habe die bemerkenswerthesten in mein Skizzenbuch aufgenommen.

Haben wir so unsere Wanderung im heiligen Pfeifensteinbruch beendet, so bleibt uns noch übrig, auf die mannigfachen Mythen und Überlieferungen zurückzublicken, mit welchen der rothe Sohn der Wildniß diese Stätte umgeben hat.

Indianische Toteme.

Fast jeder Stamm hat seine eigenen Traditionen über die Theorie der Schöpfung, eine große Zahl derselben aber kommen darin überein, daß der ›Große Geist‹ die ersten rothen Menschen direct aus dem rothen Pfeifensteine erschaffen habe. So lautet eine Sage der Dakotas: »Lange Zeit vor Erschaffung des ersten Menschen pflegte Wakan-tanka, der ›Große Geist‹, dessen Fußspuren noch auf den Felsen des Tchanopa-o-kä in Gestalt großer Vogeltritte zu sehen sind (der ›Große Geist‹ ist hier in Gestalt des Kriegsadlers gedacht), die von ihm getödteten Büffel auf dem Gipfel der rothen Klippen zu verzehren. Das Blut rann über die Felsen und färbte sie roth. Eines Tages kroch eine große Schlange in das Nest des Kriegsadlers, um die Eier desselben zu verzehren. Eines der Eier öffnete sich unter dem Bisse der Schlange mit einem heftigen Donnerschlage und der ›Große Geist‹, schnell herbeieilend, zermalmte die Schlange mit einem Stein und verwandelte das Ei in einen Mann, dessen Füße gleich einem Baume in der Erde wurzelten. Dieser Mann stand so viele Jahre und ward älter als hundert Menschen der gegenwärtigen Tage. Zuletzt sproß ein Weib ihm zur Seite und ein großes Thier nagte ihre Wurzeln ab und beide wanderten fort und bevölkerten die Erde.«

Eine andere Tradition erzählt: »In der Zeit der großen Fluth, welche vor vielen, vielen Jahrhunderten stattfand und alle Nationen der Erde zerstörte, versammelten sich alle Stämme der rothen Menschheit auf den Höhen der Prairien, um den Fluthen zu entgehen. Die Wasser aber wuchsen und wuchsen und bedeckten mit der Zeit auch Alle, die hierher geflüchtet waren. Ihr Fleisch wurde zum Pfeifensteine. Nur eine Jungfrau, Kwap-tahw, ergriff während des Sinkens die Füße eines vorüberfliegenden Adlers, welcher sie auf den Gipfel einer hohen Klippe trug. Hier gebar sie Zwillinge; der Vater derselben war der Kriegsadler, und diese Kinder bevölkerten die Erde. Aus dem heiligen Pfeifensteine rauchen darum auch alle indianischen Nationen, er ist das Symbol des Friedens, er ist das Fleisch ihrer Vorfahren, und die Adlerfedern schmücken die Häupter der Krieger. Der Steinbruch aber ist neutraler Grund, er gehört allen Stämmen, allen ist es erlaubt, ihn zu besuchen und ihre Pfeifen zu brechen.«

Die dritte, bemerkenswertheste Sage ist endlich die, welche Longfellow in seinem ›Hiawatha‹ so meisterlich verwebt und welche wir zu Anfang unserer Schilderung bruchstückweise angeführt haben.

Sämmtliche anderen Mythen und Nachrichten kommen darin überein, daß der Pfeifensteinbruch dereinst neutraler Grund gewesen sei, der allen Stämmen gemeinschaftlich zu eigen war. Von allen Nationen kamen sie daher, alljährlich, um Material für ihre Pfeifen zu brechen, während es keinem Weißen erlaubt war, weder den Bruch zu besuchen, noch ein Stückchen des Steines hinweg zu nehmen. Geschähe das letztere, so war der Glaube der Indianer, werde eine nie zu schließende Wunde in ihr Fleisch gemacht, und alle Stämme müßten verderben und verbluten.

Heutzutage ist der Pfeifensteinbruch kein neutraler Grund mehr, und allem Anscheine nach haben im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte fürchterliche Kämpfe um den Besitz desselben stattgefunden. Catlin erzählt, daß die Mandanen daselbst vor langen Jahren ihren Wohnsitz gehabt, noch später müssen die Omahas sich zu Eigenthümern des Landes gemacht haben, welchen wiederum von den Sissetons der Bruch entrissen wurde.

Aus der Zeit jener Kämpfe stammt wohl die kreisrunde, über zweitausend Fuß im Umfange haltende Erdumwallung, deren jetzt fast gänzlich verwaschene Spuren noch östlich auf dem Plateau sichtbar sind. Augenscheinlich ist dieselbe errichtet, um die Körper derer zu decken, welche beabsichtigten, innerhalb des Kreises sich zu vertheidigen. Nicolett theilt mit, daß zu seiner Zeit noch der Haupteingang deutlich durch die Stellen, wo die Häuptlinge und vornehmsten Persönlichkeiten der Nation ihre Hütten hatten, markirt gewesen sei. Zwei Meilen weiter ist eine zweite Befestigung ähnlichen Charakters gelegen.

In unseren Tagen verkauften die Sissetons den Bruch mit einem großen Complexe anderen Landes an die amerikanische Regierung, gegen welchen Akt aber die Yanktonnais Protest einlegten, da der Pfeifensteinbruch nicht den Sissetons allein, sondern der ganzen Nation zu eigen gehöre, erstere also keine Rechte hätten, den Bruch zu verkaufen. Die zur Ordnung dieser Angelegenheit im Jahre 1858 nach Washington gesandte Delegation der Yanktonnais unter Führung ihres Häuptlings Padani-apapi erreichte es denn auch, daß der Bruch den Indianern zurückgegeben und die Yanktonnais als Eigentümer rechtmäßig anerkannt wurden. Die Reservation, welche diesen hier eingeräumt ist und den ganzen heiligen Grund umschließt, hält 640 Acres (eine englische Quadratmeile), und alljährlich erscheinen die rothen Söhne der Wildniß, um Steine zu brechen, die sie als hochbezahlte Tauschobjekte auch ferner entlegenen Stämmen mittheilen.

Hat der Steinbruch auch aufgehört, neutraler Grund zu sein, so dauert der Brauch der Friedenspfeife noch fort. Tritt ein Fremdling in den Wigwam eines Indianers und der letztere raucht die Pfeife mit ihm, so ist der Fremde sein Gast, während die prächtig geschmückte Friedenspfeife, vor dem Beginn einer feierlichen Berathung oder eines Friedensschlusses von Mund zu Mund gehend, die freundschaftlichen Gesinnungen der Anwesenden gegen einander besiegelt.

Die Traumgesichte aber, die Longfellow seinem ›Hiawatha‹ in den Mund gelegt, sie sind längst eingetroffen:

Und ich sah – ich sah sie alle
Die Geheimnisse der Zukunft,
Jener fernen, fernen Tage.
Sah ein Wandern nach dem Westen
Vieler unbekannten Völker.
Alles wimmelte von Menschen,
Rastlos strebend, wirkend, kämpfend,
Viele Sprachen redend, dennoch
Wie beseelt von einer Seele.
In den Forsten klang ihr Axtschlag,
Ihre Städt' und Thäler dampften;
Ueber Seen und über Ströme
Rauschten ihre Donnerboote.
Dann sah ich viel düstrer, trüber
Ein Gesicht, gleich fernen Wolken.
Sah zerstreut all unsre Stämme,
Ganz vergessend meines Rathes,
Sich einander jäh bekriegen.
Sah die Reste unsres Volkes
Westwärts flieh'n, verwildert, elend,
Wie vom Sturm zerfetzte Wolken,
Wie des Spätherbsts welke Blätter. – –

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