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Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170417
projectid4714fdd4
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Zwölfhundert Meilen auf dem Mississippi mit Capitän Boyton.

Halloo Charlie, get up, 6 o'clock!« so erscholl es am Morgen des 30. Mai 1881 in einem Raume des Merchants-Hotels zu St. Paul, und auf den Ruf hin bekundete ein aus dem Nebengemache ertönendes vernehmliches Grunzen und Gähnen, daß ›Charlie‹ den Weckruf vernommen und im Begriff sei, sich zu erheben. Bald darauf trat auch ein stämmiger etwa zwanzig Jahre alter Neger, in ein blau und weiß gestreiftes Wollhemde und graue englischlederne Hosen gekleidet, über die Schwelle, zog die Vorhänge des nach der Straße gelegenen Fensters auseinander und ließ das volle Tageslicht einströmen.

Dasselbe traf auf eine ganze Reihe absonderlicher Gegenstände, die gerade nicht zum Bedarf eines gewöhnlichen Hotelbesuchers dienen: auf dem in der Mitte des geräumigen Zimmers befindlichen Tische lagen Raketen, Pistolen, Signaltrompeten, Flaggen, Karten, Fernrohre, ein Compaß, eine Doppelbüchse, Messer, Kochgeräthe und verschiedene andere merkwürdig gestaltete Dinge, deren Zweck dem Beschauer zweifelsohne ein unbekannter geblieben wäre. Inmitten dieser Gegenstände stand ein kleines etwa zwei Fuß langes Boot in Form eines mastenlosen Panzerschiffes nach eben erfolgtem Stapellauf. › Baby mine‹ stand an dem Bug dieses Miniaturbootes geschrieben, das vollständig aus Blech gebaut, mit einem blechernen Verdecke versehen und mit den amerikanischen Nationalfarben, blau, weiß und roth gestrichen war. Damit waren die Merkwürdigkeiten des Zimmers aber noch nicht erschöpft: in einer Ecke des Zimmers lehnte ein Doppelruder, und über die Stuhllehne hing ein glänzendes, schwarzes Etwas, das sich bei näherem Zusehen als ein vollständig aus Gummi gefertigtes Beinkleid, sowie eine aus demselben Material gefertigte Jacke erwies. Füße, Handschuhe sowie eine Kapuze, gleichfalls aus Gummi geformt, waren unzertrennlich mit Beinkleid und Jacke verbunden.

Unzweifelhaft mußte der Eigenthümer solcher absonderlichen Reiseutensilien ein gleich absonderlicher Mensch sein, und in der That, der kräftige, breitschulterige Mann mit dem sonnverbrannten Gesichte, der sich inzwischen von seinem Lager erhoben hatte und nun damit begann, über seine wollene Unterkleidung den merkwürdigen Gummianzug zu streifen, war kein anderer als der durch seine abenteuerlichen Wasserfahrten aller Welt bekannt gewordene Capitän Paul Boyton. Soeben war der mehr einem Meergotte des Alterthums als einem Menschen Vergleichbare von Südamerika gekommen, wo er, im Dienste der peruanischen Flotte stehend, äußerst gefahrvolle Angriffe gegen die Schiffe der Chilenen ausgeführt hatte und nur mit knapper Noth der Gefangenschaft und dem sicheren Tode entronnen war, um nun eine nicht minder abenteuerliche, volle zwölfhundert englische Meilen lange Schwimmfahrt den Mississippi hinab zu unternehmen, die sich von St. Paul in Minnesota bis gen Cairo an der Mündung des Ohio erstrecken sollte. Ich, der ich in den Jahren 1880-84 als Spezialartist der ›Gartenlaube‹ den nordamerikanischen Continent bereiste, hatte beschlossen, mich Boyton als Reisegefährte anzuschließen, um während der Fahrt die verhältnißmäßig noch wenig bekannten hohen landschaftlichen Reize des oberen Mississippithales eingehender studiren, sowie auch über die am Fluß gelegenen Städte und ihre bei Boytons Landungen voraussichtlich zusammenströmenden Bewohner Beobachtungen anstellen zu können.

Seit Wochen war die Kunde von dieser unserer gemeinschaftlichen Expedition den ganzen Mississippi hinab von Ort zu Ort gedrungen und hatte die Erwartung der sensationshungrigen Menschen bis auf's Äußerste gespannt, welche Spannung durch lange Zeitungsberichte über die früheren Abenteuer und Wasserfahrten Boytons noch gesteigert wurde.

Kaum waren wir mit dem Ankleiden fertig geworden, als auch schon Vertreter aller möglichen Journale und Zeitungen erschienen, um zu beobachten, wie unsere, speciell Boytons Reiseausrüstung getroffen werde. In der Gegenwart dieser Herren streifte Boyton die obere Hälfte seines Gummianzuges über, befestigte dieselbe vermittelst eines luftdicht verschließenden Gummigürtels mit der unteren Bekleidung, ergriff sein Doppelruder und stieg, nachdem er noch unserem dienstbaren Geiste, Charlie Mangraff, einige Weisungen gegeben hatte, wie die verschiedenen Habseligkeiten in dem Bauche ›Baby mine's‹ zu verstauen seien, die Treppe hinab, um mit mir die unten haltende Kutsche zu besteigen. Nachdem sich auch Charlie eingefunden und, ›Baby mine‹ sorgsam in den Armen tragend, auf dem Bocke Platz genommen hatte, ging es in schnellem Trabe der den Mississippi überspannenden Brücke zu. Wohl nach Tausenden mochte die hier harrende schaulustige Menge zählen, welche die Brücke und die Ufer des Stromes bedeckte und mit dreifachem »Hip, Hip, Hurrah!« die zweibeinige Amphibie empfing. Nachdem wir Abschied von unseren Freunden genommen, schritt Boyton bis an die Brust in den Fluß hinein, legte sich, die Füße voran, auf den Rücken, ›Baby mine‹ mit einer Schnur am Anzuge Boytons befestigt, schwamm, und sein Doppelruder gebrauchend befand sich der Fischmensch bald inmitten des schnell dahinschießenden Stromes. Auch ich hatte unterdeß mein Boot bestiegen, von dessen Stern die deutsche Flagge wehte und in dessen Schlepptau ein zweites ›Baby mine‹, ein Fäßchen köstlichen Gerstensaftes – ein Geschenk meiner St. Pauler Freunde – sich lustig drehte.

Unter brausendem Hurrah wurde die Brücke passirt, Boyton sandte während des Schwimmens einige Raketen und Signalschüsse in die Lüfte, noch einige Grüße wurden vermittelst weißer Tücher gewechselt, bis eine Strombiegung uns den Augen der Zuschauer entrückte. Immer kleiner und unbestimmter wurden die Umrisse der Stadt, immer mehr ihrer Häuser verbargen sich hinter dem Laubgrün, endlich waren auch die Kirchthurmspitzen verschwunden. – Wir waren allein. Breit und gewaltig entrollte sich vor unseren Augen ein imposantes Strombild, zerschnitten durch zahllose größere und kleinere Inseln, die bald vereinzelt, bald in Gruppen beisammen, bald in langen Streifen parallel neben einander lagen, immer aber durch ihre großartige und buntfarbige Vegetation zur Hebung des majestätischen Gesammtbildes wesentlich beitrugen. Den Saum der Inseln wie der Ufer bekleideten Weiden und Baumwollsträucher, gegen deren hellfarbige, lichtgrüne und silbergraue Blätter mächtige Sycomoren, schwarze, gelbe und rothe Eichenarten, gewaltige Ahorn-, Linden- und Maßholderbäume den dunkleren Hintergrund bildeten. Es lag ein wunderbarer Reiz in diesem Alleinsein mit der Natur, die, von Menschenhand noch unberührt, sich hier in ihrer ganzen jungfräulichen Pracht und Feierlichkeit entfaltete. Seltsame märchenhafte Töne stiegen aus der Tiefe des Wassers herauf, bald dem fernen Gurren der Turteltauben, bald dem klagenden Rufe der Unken vergleichbar.

Stundenlang trieben wir so stromab, nur einmal bestiegen wir die Uferbank, wo auf grasigem Grunde ein Denkmal aus den besseren Tagen des Indianerthums gelegen war, der sogenannte ›Indian- oder Red Rock,‹ ein etwa drei bis vier Fuß langer, entsprechend dicker, eiförmiger Steinblock. Was an ihm zuerst in die Augen fällt, ist eine Anzahl blutrother Streifen, die sich quer um den Block ziehen, während an dem spitzen Ende mit wenigen Strichen ein von Strahlen umgebenes Gesicht gemalt ist, etwa so, wie wir als Kinder die Sonne darstellten. Das Ganze gleicht einer riesigen, versteinerten Käferlarve, und der indianische Name für dieses Ungethüm ist › Wakan‹ oder Geisterstein. Seit langen Jahren schon herrscht Schweigen und Vergessenheit über dem einsamen Steine; höchst selten stört die tiefe Ruhe umher der Schritt eines Wanderers oder eines aus Neugierde landenden Bootfahrers, der das seltsame Denkmal in stillen Gedanken betrachtet. –

Am späten Nachmittage erreichten wir die zehntausend Einwohner zählende Stadt Hastings, empfangen von einem mit neugierigen Menschen gefüllten Excursionsdampfer. Da wir uns aber noch nicht ermüdet fühlten und weiter wollten, so schwammen wir an dem Städtchen vorüber und erreichten in der Abenddämmerung das 35 Meilen südlich von St. Paul an der Mündung des St. Croixflusses gelegene Örtchen Prescot, wo wir die Nacht verbrachten.

In aller Morgenfrühe setzten wir unsere Reise fort und erreichten nach mehreren Stunden die von steilen Felsen überhangene Ansiedlung Diamond Bluff. Hierher schienen die neuesten Zeitungen mit ihren Berichten über Capitän Boytons Unternehmen noch nicht gelangt zu sein, denn als der Gummimann, dicht am Ufer dahinstreichend, einer halbverfallenen ›Cottage‹ näher kam, aus deren Fensteröffnung zufällig der Kopf eines alten Negers herausfuhr, erschrak der grauköpfige Schwarze bei dem unerwarteten Anblicke des unheimlichen Gesellen im Wasser so gewaltig, daß er mit dem Schrei: » Bless God, bless God, the devil is there!« (»Um Gotteswillen, der Teufel ist da!«) entsetzt zurückprallte. Ähnliche komische Scenen wiederholten sich noch öfter im späteren Verlaufe unserer Fahrt. –

Gegen Mittag tauchten vor uns die Schlote und Thürme von Red Wing empor, einem Orte, der seinen Namen von einem dereinst berühmten Häuptling der Sioux Indianer entlehnt hat. Die Stadt ist am Fuße eines gewaltigen Felskopfes, des Barn Bluff, gelegen, und die Landschaft könnte an den Rhein erinnern, wenn das Aussehen der Stadt poetischer wäre. Bevor wir die Stadt erreichten, passirten wir ein inmitten des Stromes auf einer Insel gelegenes Haus, aus welchem etwa ein halbes Dutzend überaus phantastisch aufgeputzter Damen an's Ufer eilten und uns mit sirenenhaftem Lächeln zum Landen aufforderten. Ganz überrascht über einen derartigen Anblick wußten wir zuerst nicht, was wir aus dieser bunten Gesellschaft machen sollten, bis uns beim Näherkommen der Anblick der dick geschminkten Gesichter dieser stark decolletirten Schönen den Zweck des Hauses verständlicher machte. Stolz wie Odysseus und seine Genossen segelten wir an diesem Sirenengestade vorüber, vorüber auch an der Stadt, in deren Bevölkerung, als unser Nahen bemerkt worden, ein Leben entstand, als wie in einem aufgestörten Bienenschwarme. In wenigen Minuten war fast die ganze Bewohnerschaft am Ufer versammelt; aus einem eben einlaufenden Eisenbahnzuge stürzte Hals über Kopf die ganze Passagiergesellschaft herzu, um gleichfalls einen Blick auf den vielgenannten Wassermann zu gewinnen. Wer nur über ein Boot verfügte, kam uns entgegen, und so waren wir bald von einem dicken Knäuel von allerhand Fahrzeugen umgeben, inmitten welches wir an der schaulustigen Menge vorübertrieben. Erst weit unterhalb der Stadt, nachdem sich die Boote längst verloren hatten, landeten wir an einer Insel, um eine Mittagsmahlzeit zu halten.

Boyton hing seinen äußeren Menschen an einen Baum zum Trocknen, und während Charlie Feuer und Kessel bereitete, nahm ich die Büchse zur Hand, um zu jagen. Gar bald hingen auch ein paar drosselartige Vögel und eine wilde Ente an meinem Gürtel, und so war für ein Diner gesorgt. Dann ging's weiter und wir holten bald den ›Bruder Jonathan‹ ein, einen Dampfer, der ein gewaltiges Floß den Strom hinabbugsirte. Aus Mangel an einem geeigneten Gegenstande hatten wir ›Baby mine‹, das Fäßchen, bisher nicht öffnen können und so fuhren wir zu der Bemannung des Floßes hin, um uns einen Bohrer von derselben zu erbitten. Da diese aber gleichfalls nicht im Besitze eines solchen war, warf ich, kurz entschlossen, das Fäßchen auf das treibende Floß hinauf, zog meinen Revolver und jagte dem Fasse eine Kugel in den runden Bauch. Ein Strahl von zehn Fuß Länge des edelsten Gerstensaftes schoß hervor, und niemals wieder habe ich ein solches Springen und Rennen um Bier gesehen, als es sich hier während der Fahrt entwickelte. Mit Bechern, Eimern und Kannen kamen Bootsleute und Matrosen gesprungen und erst, nachdem die ganze Mannschaft gründlich bekneipt war, fuhren wir davon und standen gegen 3 Uhr Nachmittags dem Eingange des Lake Pepin gegenüber. Dieser See, ringsum von felsigen Höhen umschlossen, ist eigentlich eine Erweiterung des Flußbettes, 4-5 englische Meilen breit und etwa 25 englische Meilen lang.

Aus dem Laubgrün blickten hier und da steile, rothe Felsen hervor und um die nackten Höhen derselben kreuzten mächtige Falken in schönem Fluge. Aus den Tiefen des Wassers aber scholl wieder das seltsame Gurren, welches wir schon während der gestrigen Fahrt vernommen hatten und das nach Aussage einiger Leute, die wir befragten, von Schildkröten, nach der anderer hingegen von einer gewissen Art von Fischen herrühren soll. Wahrscheinlich ist das letztere der Fall, denn wir hörten die merkwürdigen Töne inmitten des Sees dicht unter unserem Boote, und wenn wir mit den Rudern nach den uns treulich begleitenden Erzeugern dieser Laute stießen, verstummten dieselben für einen Augenblick, um dann aber wieder auf's Neue und an derselben Stelle vernehmbar zu werden. Ganz wundersam war der Zusammenklang dieser Tausenden und aber Tausenden von Lauten, über deren Urheber ich leider nirgendwo etwas Zuverlässiges in Erfahrung bringen konnte. Einige Zeit, nachdem wir den Pepinsee verlassen hatten, war und blieb die seltsame Musik verschwunden.

Gegen 6 Uhr Nachmittags kam ein Dampfer aus Lake City uns entgegen, der eine große Menge von Neugierigen brachte, die den Fortschritt unserer Reise beobachten wollten. Nach Wechsel der üblichen Begrüßungsformeln und kurzem Zwiegespräch zwischen Boyton und dem Schiffskapitän drehte der Dampfer um, uns in Lake City anzumelden. Wir hingegen legten am felsigen Ufer an, um den wunderbar schönen Abend zu genießen. Fern im Westen lagerten dunkle Wolkenbänke, die letzten Nachzügler eines am Mittage niedergegangenen Gewitters, und der breite Streifen Himmels, der zwischen diesen Bänken und dem Horizonte lag, erschien wie in lauter Gold gebadet. Der wallende See glitzerte und gleißte in blau-roth-goldiger Pracht, dunkelblau lagen die jungfräulichen Wälder im Umkreise, deren einzelne Partien infolge der außerordentlichen Klarheit der Luft uns so nahe gerückt erschienen, daß wir vor uns liegende Punkte in kurzer Zeit erreichen zu können meinten. Vor uns lag seit Stunden ein Punkt, der sich wie die sonnbestrahlten Häuserreihen einer entfernten Stadt darstellte, den Flußfahrern des Mississippi unter dem Namen › point no point‹ wohl bekannt. Die ganze zweite Hälfte des Nachmittages hatten wir gerudert, ohne zu sehen, daß wir bis Einbruch der Dämmerung diesem Punkte wesentlich näher gekommen wären. Dunkler und dunkler wurde es, endlich war es Nacht und still um uns her. In tiefer unbeschreiblicher Feier lagen die Wälder und Berge, nur der eigenthümliche Schrei des Whip-poorwill mischte sich mit dem Klatschen der springenden Fische im Wasser. Wir ruderten fort bis gegen elf Uhr, immer noch von der Hoffnung erfüllt, Lake City zu erreichen. Doch eine Stadt mit freundlich glänzenden Lichtern wollte nicht erscheinen, und da wir nicht wußten, wohin wir in der Dunkelheit gerathen waren, so beschloß Boyton, eine Rakete als Signal in die Lüfte zu senden. Zischend fuhr dieselbe in die Nacht empor und bald hörten wir Ruderschläge und Menschenstimmen, wir sahen Lichter am Ufer und erfuhren von heimkehrenden Fischern, daß wir in der Nähe des Örtchens Frontenac, noch mehrere Meilen von Lake City entfernt seien. Da Boyton zu müde war, um weiter zu können, so beschlossen wir hier an Land zu gehen, konnten aber, da der Ort nur für Sommergäste eingerichtet war, nirgend Quartier erhalten. Endlich ward uns von General Gerard, der gleichfalls hier einen Landsitz hatte, eine seiner leerstehenden Sommervillen zur Verfügung gestellt, woselbst wir uns nun vermittelst einiger vorgefundenen Matratzen ein leidliches Lager bereiteten. Schon halb schlafend, vernahmen wir noch die tiefen Signallaute eines Dampfers, der auf unsere Signalrakete hin von Lake City herübergekommen war, um uns, wenn nöthig, beizustehen. Wir hörten die weithin tönenden Laute seiner Dampfpfeife wohl eine volle Stunde lang, dann gab er die augenscheinlich vergebliche Suche auf, um nach Lake City zurückzukehren.

Als wir in der Frühe des 1. Juni das recht einladend an einem bewaldeten Felszuge hingestreute Frontenac verließen, war der Maiden Rock unser Ziel, ein wohl fünfhundert Fuß hohes, senkrecht abfallendes und weit in den See hineintretendes Vorgebirge, an das sich eine ähnliche Sage knüpft, wie sie auch in verschiedenen Gegenden Deutschlands (z. B. bei der Roßtrappe und dem Mägdesprung im Harz) dem Reisenden begegnet. Hier soll es eine schöne Indianerin gewesen sein, die sich durch einen kühnen Sprung in den Abgrund dem stürmischen Liebeswerben eines verhaßten Häuptlings entzog. Der Maiden Rock ist wohl der interessanteste und malerischste Punkt des sogenannten Cañons des Mississippi, welches sich in einer Weite von 5-7 Meilen und einer Länge von mehr als 200 Meilen vom Lake Pepin bis nach Dubuque erstreckt und mit seinen drei- bis vierhundert Fuß hohen senkrecht abfallenden braunrothen Sandsteinklippen eine herrliche Umrahmung des majestätischen Flußbettes bildet. Die ungeheuere Weite dieses Cañons hat mehr denn einmal die Meinung wachgerufen, daß die Wasser, welche nunmehr dem Winnipegsee, der Hudsonbai und den Canadischen Seen angehören, früher südlich geflossen und den ganzen Raum zwischen den schönen Felswänden des oberen Mississippi ausgefüllt hätten. –

Seit Morgengrauen hatte sich ein heftiger, uns scharf entgegenstehender Wind aufgemacht, und als wir uns dem Vorgebirge des Maiden Rock näherten, erkannten wir, daß es eine völlige Unmöglichkeit war, in unserem schwachen, schwerbeladenen Boote, welches schon gleich nach unserer Abfahrt von St. Paul zu lecken begonnen, den bewegten See zu kreuzen. Glücklicherweise trafen wir unterhalb des Maiden Rock einen Mann mit einem für unsere Zwecke auf's beste geeigneten Boote, welches nach einigem Handeln im Austausch gegen unseren Kahn und eine Zugabe von 16 Dollars uns zu eigen wurde.

Hatten wir Tags zuvor den Pepinsee in seiner Ruhe kennen und lieben gelernt, so sollten wir jetzt aber auch erfahren, daß er sehr unfreundliche Seiten habe. So wunderbar der See bei ruhigem Wetter, so gefährlich ist er, wenn stürmische Winde über die ihn umschließenden Höhen schnauben, sich auf die Oberfläche des Wassers stürzen und dasselbe zu Wellen von erstaunlicher Höhe peitschen. Diese Wellen sind sehr kurz und folgen einander mit einer so rapiden Schnelligkeit, daß das Steuern fast unmöglich ist. Manches Segelboot wurde so an die felsigen Ufer geschleudert, und in jeder der kleinen Ortschaften, die zu Füßen der den See umgürtenden amphitheatralischen Höhen lagern, laufen Geschichten um von mehr oder minder tragischen Unglücksfällen, die sich auf dem See ereigneten.

Heftige Gegenwinde bewirkten es auch hier, daß wir erst nach Mittag nach dem nur wenige Meilen entfernt gelegenen Lake City gelangten, und zwar in einem durch angestrengtes Rudern so erschöpften Zustande, daß wir gleich beschlossen, den Rest des Tages hier zu verweilen. Das ganze Interesse der etwa 3000 Einwohner zählenden Stadt schien sich an diesem Tage nur auf einen Punkt concentrirt zu haben, auf Boyton.

Jung und Alt stieß sich am sandigen Ufer umher, um das Landen zu sehen, und schien Jedermann es sich zur Pflicht gemacht zu haben, uns den Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten.

Die junge Damenwelt schmückte uns mit Blumen; unser Mittagstisch wollte schier brechen unter der Last der Braten und Süßigkeiten.

Und doch lag etwas Eigenthümliches, Beängstigendes in der Luft, es war, als schwebe eine Art Damoklesschwert über den Häuptern dieser lieben Menschen.

Und ich brachte es zu Falle dieses Schwert, und zwar als ich, von intensivem Durste getrieben, das Wörtlein ›Bier‹ aussprach. Kaum war dasselbe meinen Lippen entflohen, als scheu die Augen umherflogen, als möge irgend ein Häscher das Wort erspähen.

Die Temperenzseuche lag über dem Orte, jene seltsame Krankheit, die sich wie eine Epidemie mit rapider Schnelligkeit zum Entsetzen aller Deutschen in den Vereinigten Staaten verbreitet und nicht bloß einzelne Dörfer und Städte, sondern ganze Staaten erfaßt und dem lieben guten Gerstensafte einen höchst unangenehmen Beigeschmack verliehen hat.

Wir erhielten Bier in Lake City, da aber der öffentliche Verkauf desselben strenge verboten ist, wie etwa vor drei oder vier Jahrhunderten in Europa das Tabakrauchen, Kaffeetrinken und Wurstessen, so nahmen uns einige Kundige heimlich bei Seite und luden uns ein, mit ihnen in den Nachmittagstunden eine geheime Bierkneipe zu besuchen.

Wir thaten also und folgten unseren Führern, die, vor einem unscheinbaren Hause angekommen, daselbst an eine verborgene Thüre klopften, hinter welcher eine Stimme nach unserem Begehren fragte. Nachdem unsere Begleiter sich genügend legitimirt hatten, wurden wir in ein mit Billard und Biertischen ausgestattetes Zimmer eingelassen, dessen Fenster aber völlig verhangen waren. Allgemach fand sich nun hier der gesammte geheime Club der Seestädter Bierbrüder beisammen.

Ein Sturm auf dem Lake Pepin.

So viel man sich aber auch mühte, uns den Aufenthalt angenehm zu gestalten, so wollte das Bier doch nicht recht munden; wir kamen uns vor, wie Schulbuben, die heimlich gestohlene Cigarren schmauchen, und so traten wir, über die Frage philosophirend, ob wir uns denn wirklich im ›Lande der Freiheit‹ befänden, nach einer Weile den Rückweg an.

Der nächstfolgende Morgen war unserer Fahrt insofern günstig, als uns der Wind im Rücken stand. Allein je mehr wir in den offenen See gelangten, desto schärfer wurde das Blasen, desto wilder die ganze Scenerie. Die sich kräuselnden Wellen gingen höher und höher; es zeigten sich weiße Kämme aus den tiefe Thäler bildenden Fluthen und bald war Alles nur noch ein weißschäumender, wild durcheinander tosender Wasserschwall.

Etwa eine Stunde lang vermochten wir, das heißt unser Schwarzer und ich, uns noch in der Nähe des Capitäns zu halten, endlich aber erlahmten unsere Kräfte und wir überließen unser Boot den Wogen, lediglich darauf bedacht, Steuer und Richtung zu halten. Binnen wenigen Minuten war Boyton außer Sicht und weit zurückgelassen; wie ein feuriger Renner stob das Boot durch die weite, schauerliche Wasserwüste.

Aber immer höhere Wasserberge wälzten sich, vom Sturme gepeitscht, heran, und Sturzwelle auf Sturzwelle überschüttete uns mit ihren Güssen. In dieser Noth fiel unser Neger auf die Kniee und begann zu beten, zwischendurch mich himmelhoch anflehend, dem Ufer zuzuhalten, um dort dem Wasserwirrsal zu entrinnen. Da dies jedoch wegen des kolossalen Anpralles der Wellen an das zunächst gelegene rechte, noch dazu sehr felsige Ufer der offenbare Wahnsinn gewesen wäre, wir auch in unserem ermatteten Zustande gar nicht daran denken konnten, gegen Wind und Wogen anzukämpfen, um das linke, flachere Ufer zu gewinnen, so bestand ich kurz entschlossen auf der Beibehaltung des alten Kurses, um so bald wie möglich den Ausgang des Sees zu erreichen.

Hier war der Kampf und das Toben am stärksten, Woge wälzte sich über Woge, denn die ganze ungeheuere Wassermasse des Sees preßte sich hier, vom Sturme getrieben, zusammen und stürzte dem schmalen Ausgange entgegen, dem wir mit reißender Schnelligkeit zugeführt wurden. Fast eine Stunde lang wurde unser Boot wie ein Spielball bald in die Höhe geschleudert, bald wieder in die Tiefe hinabgerissen; Wasserbäche überströmten uns von oben, von unten und von beiden Seiten, schließlich aber war Alles glücklich vorüber, und tiefaufathmend schwammen wir wieder auf dem ruhigeren Fahrwasser des Mississippi.

Unser neues Boot hatte die Feuer- oder vielmehr Wasserprobe wahrhaft glänzend bestanden, Charlie dagegen war so erschöpft, daß er, seiner nassen Kleidung nicht achtend, sich der Länge nach ins Gras warf, um zu verschnaufen und wieder zu Kräften zu kommen. Kaum vermochte ich noch, ihn zu bewegen, das Boot am Ufer zu befestigen. Während der Ärmste sofort in einen todesähnlichen Schlaf versank, suchte ich einige dürre Holzstücke zusammen und setzte ein behagliches Feuer in Brand, um meine nassen Kleider zu trocknen. Dann hielten wir an einigen halbzerflossenen Zwiebacken, sowie an gleichfalls wasserzerpeitschtem Kuhkäse Mahlzeit und warteten nun auf Boyton.

Derselbe wollte und wollte nicht kommen, und erst nach mehrstündigem Warten, während welcher Zeit wir uns in allerlei Befürchtungen über sein Wohl oder Wehe ergingen, sahen wir in der Ferne sein Doppelruder aufblitzen, vermittelst welches sich der Schwimmer, beständig auf dem Rücken liegend und die Füße voran, durch den See arbeitete. Nachdem auch er eine Weile gerastet und an unserem kärglichen Mahle theilgenommen hatte, setzten wir über die unterhalb Wabasha und Reeds Landing gelegenen Stromschnellen, auf denen uns der Sturm abermals gar heftig faßte.

Die ganze Landschaft bot ein unendlich ödes, wüstes Bild: oben die jagenden Wolken, um uns her gelbe, quirlende Fluthen, auf den Inseln und Ufern sturmzerzauste Sträucher und Bäume.

Erst gegen Abend, als wir uns Fountain City näherten, klärte sich der Himmel allmählich wieder auf; die malerisch schönen Höhen senkrecht abfallender Felsen erglühten in den Strahlen der sinkenden Sonne und verliehen der Landschaft einen ungemein poetischen Reiz, der mich an die Ströme meiner Heimath, an Rhein und Mosel erinnerte. Und wirklich waren es auch vorwiegend deutsche Laute, die hier an unser Ohr tönten; ist doch die ganze freundliche Ansiedelung von Fountain City fast ausschließlich von deutschen Landsleuten bewohnt, mit denen wir den Rest des Abends in gemüthlichem Zusammensein, und nicht etwa bei temperenzlichem Himbeerwasser, verplauderten.

Nachdem wir auf die ausgestandenen Strapazen prächtig geruht hatten, sah uns das nächste Morgengrauen schon wieder unterwegs. Wir wurden diesmal von einem Ruderboote begleitet, welches uns die Presse der Stadt La Crosse entgegengesendet hatte.

Winona, nach einer schönen Indianerjungfrau benannt, kam bald in Sicht; Tausende von Menschen standen am Ufer und auf der mächtigen, den Strom hier überspannenden Eisenbahnbrücke; auch ein Photograph hatte sein dreibeiniges Instrument aufgestellt, um uns aufzunehmen und später mit unseren Conterfeien Geschäfte zu machen. Er sammt seinem Instrumente ward aber von der drängenden und stoßenden Menge umgerannt.

Wenig unterhalb der Stadt stießen wir auf mehrere Canoes mit Winnebago Indianern. Die Art und Weise, wie diese Wilden ihre Fahrzeuge fortbewegten, war mir neu. Die Ruderer knieten nämlich in den Booten und trieben dieselben, indem sie die Ruder vor sich in's Wasser tauchten und zu sich heranzogen. In dem einen Boote befand sich ein Häuptling, reich geschmückt mit Perlen und Adlerfedern, angethan mit einem scharlachrothen Hemde, einen mächtigen Fischspeer in der Hand und eine prächtig bemalte Büchse über der Schulter. Vor lauter Verwunderung standen diese Naturkinder wie Bildsäulen in ihren Booten.

Wo auf Erden begegnet man wohl wieder einem so unvermittelten Zusammenstoße höchster Civilisation und tiefster Barbarei, wie dieses Bild ihn bot: drüben die stolze Stadt mit ihren Kirchen, Schulen, rauchenden Schloten, mit ihrer Eisenbahnbrücke und ihrem Photographen; unmittelbar daneben der große Fluß mit seiner unbezwungenen Wildniß, in deren Einsamkeit noch heute der Ruderschlag, der Jagdruf des Eingeborenen erschallt. Noch heute mögen wir neben dem fernen Pfiff der länderdurcheilenden Lokomotive, neben den tiefen Signallauten des aufwärts keuchenden Dampfers der weichen, uns seltsam berührenden Stimme der Rothhaut lauschen, die in melancholischen Weisen von der schönen Winona fängt, jenem langentschlafenen Lieblinge indianischer Legende und Sage. Es umfängt uns bald die rege, nirgendwo übertroffene amerikanische Geschäftigkeit mit ihrer Hast, ihrem Eifer und ihrer Rücksichtslosigkeit, bald wieder ist uns, als schwämmen wir in einem Traumlande dahin, so still, so friedlich, so ruhevoll ist Alles rings umher.

Auch die Stadt La Crosse, wo wir, von einem Dampfer und einer ganzen Flotte von Kähnen eingeholt, am Nachmittage anlangten, ist altberühmt in indianischer Geschichte, denn die Prairie, auf welcher sich heute die viele tausend Einwohner zählende Stadt erhebt, war noch in den vierziger Jahren der große Ballspielgrund indianischer Stämme, die hier alljährlich zusammenkamen, um ihrer freundschaftlichen Spiele zu pflegen. An der Stelle, wo im Jahre 1841 der deutsche Jude Nathan Myrik einen kleinen ›store‹ aufschlug, um Handel mit den Rothhäuten zu treiben, steht heute das Theater, in welchem uns zu Ehren eines der modernsten Schauspiele gegeben wurde. Die uns reservirte Loge ward aber von Publikum und Bühnenpersonal beständig so belagert, daß wir von dem aufgeführten Stücke nur wenig Genuß hatten. Boyton schien sich in den Augen der Hauptdarstellerin so ganz verloren zu haben, daß ich am anderen Morgen Mühe hatte, ihn zur Fortsetzung der Reise zu bewegen, und wollte er, seitdem die blutrothe Atlasschleife der Schönen sein Doppelruder zierte, von seiner früher oft und gern angebrachten Definition der Liebe, daß diese der »närrische Vorsatz eines Menschen sei, für ein Frauenzimmer lebenslang Kost und Logis bezahlen zu wollen« selbst nichts mehr wissen.

Während unserer heutigen Fahrt, deren Einsilbigkeit von Seiten des Capitäns nur durch Seufzer unterbrochen wurde, fanden wir den Fluß mit einer solchen Menge von Inseln und Kanälen erfüllt, daß wir bezüglich der rechten Fahrstraße häufig in Verlegenheit geriethen. Zugleich erwies sich der Strom stark angefüllt mit den berüchtigten ›snags‹, das heißt starken, schwimmenden Baumstämmen, deren schwere Wurzeln sich im Moraste des Strombettes festgesetzt und verfangen haben, während der Stamm selbst, mit seinen nackten Ästen einer vielzackigen Lanze gleich, der Stromrichtung folgt und wie eine Palissade im Wasser steht. Während bei niedrigem Wasserstande das düstere Haupt des ›snag‹ sich nickend aus den Fluthen hebt, verräth bei Hochwasser nichts als ein kaum bemerklicher Wirbel das Dasein dieses Todfeindes aller Dampfer, welche demselben besonders häufig bei der Fahrt zu Berge zum Opfer fallen. Tausende von Schiffen haben sich schon an diesen ›snags‹ den Leib eingerannt und sind spurlos gesunken; die Beseitigung dieser submarinen Schiffszerstörer bildet bei der Masse von Treibholz, welches der Mississippi mit sich führt, eine ebenso kostspielige wie auch wohl nie völlig zu lösende Aufgabe der amerikanischen Regierung.

Der Tag verging ohne besondere Abenteuer und landeten wir gegen 7 Uhr Abends in Lansing, unserem heutigen Ziele. Das Hotel, in welchem wir abstiegen, war einem Deutschen, namens Hufschmidt, zu eigen, welcher, wie ich, in der durch seine Waffenindustrie weltberühmten Stadt Solingen geboren war. Trotzdem er die Heimath schon seit langen Jahren verlassen hatte, zeigte er doch für die Verhältnisse und Personen unserer gemeinsamen Vaterstadt ein gutes Gedächtniß, und sehr wohl erinnerte er sich insbesondere meiner Mutter, die eine Jugendgespielin von ihm gewesen war. In dem Hause dieses würdigen Herrn fanden wir die herzlichste Aufnahme, und hier überraschte uns der Musikverein des Ortes in den Abendstunden mit einem hübschen Ständchen.

Ein Zusammentreffen mit Winnebago-Indianern auf dem oberen Mississippi

Am nächsten Tage trafen wir nach harter Fahrt in McGregor ein, wo die schier endlose Pontonbrücke der Chicago-Milwaukee- und St. Paul-Eisenbahn den Strom überschreitet.

Der Umstand, daß gerade Sonntag war, brachte uns um den Genuß eines Ständchens und der Vorstellung einer schwarzen Minstreltruppe, mit welchen Darbietungen die Bewohner von McGregor uns zu regalieren gedacht, welche Aufmerksamkeiten aber von dem die Sonntagsruhe liebenden Herrn Bürgermeister unterdrückt wurden.

Boyton befand sich in Folge der vielen schroffen Witterungswechsel in schlechter Verfassung und verzog sich frühe; ich aber machte in den Abendstunden noch einen Spaziergang die Haupt- oder eigentlich einzige Straße des Städtchens hinauf. Außer seiner Umgebung hat dasselbe aber keine besonderen Reize; die Abendglocken klangen so melancholisch und sterbensmüde, als wollte sich der ganze Ort begraben lassen. Und wirklich – derselbe geht allmählich dem Absterben entgegen. Früher angesehen und blühend, gleich einer Reihe anderer am Mississippi gelegenen Ansiedelungen, ist er jetzt entschieden im Rückschritt begriffen. Die Eisenbahnen, die in hastiger Eile an dem Örtchen vorübersausen, haben die Existenzadern, den Schiffs- und Fremdenverkehr, unterbunden, und langsam aber sicher geht der Ort, dessen Gründer vielleicht von einer zukünftigen Metropole geträumt, dem Absterben entgegen. Ein alter Bürger berichtete mir wehmütigen Angesichts, daß die Zahl der Einwohner schon auf 1500 gesunken, daß von den drei Bankiers, die früher glänzende Geschäfte gemacht hätten, zwei bereits weggezogen seien, und daß anstatt der drei hier ansässig gewesenen Bäcker der einzige noch vorhandene jetzt über ungenügende Beschäftigung klage, Beweise genug, daß im gelobten Lande Amerika auch nicht überall Milch und Honig fließe.

Am nächsten Morgen, dem 6. Juni, machte ich mich zwei Stunden früher als Boyton auf, um zu Fuße nach dem zwei und eine halbe englische Meile unterhalb des Städtchens gelegenen Pictured Rock zu gehen, von wo aus man einen schönen Blick über den Strom gewinnen könne. Dort oben, auf steiler Höh, empfing ich ein Bild, so groß und schön, wie ich es nie vorher gesehen. Fünfhundert Fuß tief unter mir zog in stiller Majestät der Vater der Ströme dahin, Hunderte von Kanälen, Hunderte mit grünen Baumwipfeln bedeckte Inseln bildend, aus welchen wiederum allerorten der silberne Spiegel des Wassers aufleuchtete. Und dieses ganze Riesengemälde ward umzogen von bewaldeten, abgeplatteten Felsenhöhen, die, noch unberührt von Menschenhand, in ihrer ganzen Pracht, in ihrer ganzen Schönheit dalagen.

Als ich höher stieg, ward das Panorama größer und größer, hier erst vermochte ich den Riesenstrom in seiner Macht, in seiner Unermeßlichkeit zu erfassen, den Pulsschlag dieser mächtigsten Verkehrsader der Welt zu ahnen. Dreißig, vierzig englische Meilen weit schweifte der Blick über ein fließendes Meer mit tausend Inseln; im Mittelpunkte des Bildes schimmerten die verstreuten Häusergruppen der Stadt Prairie du Chien, links lugte das äußerste Ende von McGregor hinter einem Berghange hervor, während zur Rechten der aus blauer Ferne kommende Wisconsin River seine silbernen Fluthen in gewundenem Laufe längs dichtbewaldeter Hügelketten dem Vater der Ströme entgegenführte, – ein Gesammtbild, das auch nur annähernd wiederzugeben dem Griffel keines Sterblichen beschieden ist.

Nachmittags erreichten wir das deutsche Städtchen Guttenberg, dessen Bevölkerung uns durch Schreiben und Telegramme eingeladen hatte, ihr Städtchen wenigstens für einige Stunden zum Aufenthalte zu machen. Als wir dem Ufer näher kamen, war Niemand zu hören noch zu sehen, doch kaum hatten wir die deutsche Flagge entrollt und eine Rakete in die Lüfte gesandt, als es ein Rennen und Laufen in dem auf einer Landzunge gelegenen Örtchen gab, wie in einem Ameisenhaufen. In wenigen Minuten war die ganze Bevölkerung am Ufer und wir wurden empfangen durch Männer von echtem deutschen Schrot und Korn. Schier wurden wir erstickt durch die uns erwiesenen Aufmerksamkeiten; während man Boyton bei einem deutschen Wirthe verpflegte, war ich, zu den hervorragendsten deutschen Familien geführt, in weniger als einer Stunde zur Vertilgung von zum Mindesten einem Dutzend Tassen Kaffees und entsprechend vieler Stücke Kuchen in liebenswürdigster Weise gezwungen worden. Nicht zufrieden damit, uns solche Aufmerksamkeiten erwiesen zu haben, bemühte man sich auch, uns den ferneren Weg zu verschönen, denn als wir wieder unser Boot bestiegen und Abschied nahmen, fanden wir, sorglich in Stroh verpackt, einige Flaschen Rüdesheimer, auf dessen Echtheit ich um so eher schwören durfte, als ich den Verschluß und das Siegel der Casinogesellschaft zu Coblenz an den Flaschenhälsen erblickte. Kann's wundern, daß wir in heller Freude das erste Glas dieses perlenden Goldes unseren lieben Wirthen zutranken?

Unter strömendem Regen fuhren wir ab, und kaum hatten wir die gastliche Stadt verlassen, als wir von einem Unwetter überfallen wurden, welches jeder Beschreibung spottet. Der Regen kam in Strömen hernieder, trotz der kalten Witterung blitzte und donnerte es ohne Unterlaß, und der Strom war eine einzige schäumende, lehmfarbige Fluth. So fuhren wir, durchnäßt bis auf die Haut, gen Buena Vista, wo wir nach Versicherung der Bewohner von Guttenberg eine gastliche Aufnahme finden würden. Kalt und frierend langten wir an, doch war ein Hotel in der aus wenigen Häusern bestehenden Ansiedlung nicht zu finden, und als ich das Haus betrat, in welchem, wie man sagte, allenfalls Quartier zu haben sei, verweigerte mir die Wirthin anfänglich die Aufnahme, weil, wie sie mir später versicherte, sie mich für einen ›tramp‹, einen Landstreicher, gehalten habe. Erst als Boyton anlangte, erkannte die gute Alte, daß sie es doch mit rechtlicheren Menschen zu thun habe, sie wies uns Zimmer an und brachte auch Bier. Nur mit dem Essen war es schlecht bestellt und mußten wir uns mit Crackers, einer Art Zwieback aus Wasser und Mehl, und Käse begnügen.

Am folgenden Tage, dem neunten unserer Reise, trafen wir auf den Dampfer › Helen Star‹, welchem ich einen Besuch abstattete. Das Floß, welches von dem Dampfer bugsirt wurde, war 544 Fuß lang, 255 Fuß breit und 26 Zoll tief, drei Millionen Fuß fertig zugeschnittenen Holzes umfassend, das größte Floß, welches je den Mississippi passirt hatte.

Welche Quantitäten von Holz den Mississippi hinab geflößt werden, ergeht aus einem Berichte, welcher zeigt, daß im Jahre 1880 allmonatlich gegen zwölf Millionen Kubikfuß zu Brettern zerschnittenes Holz von Minneapolis aus den Fluß hinab gesandt wurde, d. h. an 150 Millionen Fuß per Jahr. Wollte man diese Bretter der Länge nach eines an das andere fügen, so würde dieser Brettergang, wenn einen Fuß breit und einen Zoll dick, nicht nur die ganze Erde umspannen, sondern es würden davon noch 4 bis 5000 englische Meilen übrig bleiben.

Die Dampfer des Mississippi sind wesentlich anders gestaltet, als die der europäischen Gewässer. Die vielen Untiefen und Sandbänke gebieten zunächst einen möglichst geringen Tiefgang der Fahrzeuge, und ist dieserhalb der untere Theil flach und breit, einem Floße vergleichbar gebaut, so daß der Tiefgang nur wenige Fuß, bei den Schiffen des Missouri sogar nur etwa 25 bis 30 Zoll beträgt. Über diesem Unterbau, in welchem sich die Maschine, die Holzvorräthe und die Waaren befinden, erheben sich auf Holzpfeilern die Kajüten und Salons der Passagiere, während eine zweite und dritte Etage die Behausung des Steuermanns, die Kajüten des Capitäns und der Offiziere enthalten. Mit Ausnahme der Maschine ist das Schiff fast ganz aus Holz gebaut; die Bewegung geschieht zumeist durch ein großes Schaufelrad am Hintertheil des Schiffes. Die Einrichtung, namentlich der größeren, vorwiegend der Passagierbeförderung dienenden Dampfer ist mit allem Comfort und Luxus durchgeführt, vor allem prächtig ausgestattet sind die Salons und die keinem größeren amerikanischen Dampfer fehlenden › bridal rooms‹ oder Brautgemächer, die namentlich von neugebackenen Ehepärchen mit Vorliebe bezogen werden.

Passagier- und Baumwolldampfer auf dem Mississippi.

Eine solche Brautfahrt auf dem Mississippi mag vielleicht manchem später enttäuschten Ehemanne, mancher enttäuschten Ehefrau als ein treues Spiegelbild ihres eigenen Lebens erschienen sein; denn anfangs, im oberen Theile des Stromes, steuert das Schiff durch reizende, abwechselungsreiche, wahrhaft poetische Gegenden, um später aus dem krystallenen Schneewasser des Flusses in schlammig-trübe Fluthen zu gelangen und sich durch öde, langweilige Strecken bis nach New-Orleans in gleichmäßigem Tempo durchzuwinden.

Jo-zinwa, der Eagle Rock bei Dubuque.

Gegen 11 Uhr verließen wir den gastlichen › Helen Star‹, campirten für eine halbe Stunde auf einer Insel, und fuhren dann an dem aus dem rechten Mississippiufer gelegenen Eagle Rock vorüber, einer zweihundertundfünfzig Fuß hohen, wild zerklüfteten Felsenmasse, welche von den in dieser Gegend früher hausenden Sac- und Fox-Indianern Jo-zinwa, der ›Wohnsitz der Adler‹ genannt wurde. Aus der Sprache dieser Stämme hat sich ferner noch das Wort Jowa erhalten, das ›wunderschöne Land‹, welcher Name noch jetzt als Bezeichnung des Staates dient, der die früheren Heimstätten der Sac- und Fox-Indianer in sich begreift.

Von Süden her, wo die Schlote und Thürme der betriebsamen Stadt Dubuque sichtbar wurden, kam jetzt ein mächtiger, mit schaulustigem Publikum besetzter Dampfer herauf, an dessen Bord sich gleichfalls ein Empfangscomité befand, welches sich, den Bürgermeister an der Spitze, eigens zu dem Zwecke der feierlichen Einholung des großen Gummimannes gebildet hatte.

Als der Dampfer in unserer Nähe beilegte und seine Passagiere uns begrüßt hatten, gab Boyton, fortwährend schwimmend, einige seiner Künste zum Besten, feuerte einige Raketen ab, marschirte aufrechtstehend im Wasser, buk vermittelst des auf dem Decke von ›Baby mine‹ aufgestellten Kochapparates eine mächtige Omelette, las dazu das von ihm erbetene neueste Morgenblatt und trieb dergleichen mehr. Währenddeß nahm ein an Bord befindlicher Reporter die Gelegenheit wahr, den Capitän bezüglich seiner letzten Erlebnisse auf's Eifrigste zu inquiriren.

»Cäpt'n,« rief er ihm zu, auf das durch Sonnengluth und Regenstürme schrecklich zugerichtete, geschwollene Gesicht, des Schwimmers Bezug nehmend, »Sie sehen heute um ein Weniges anders aus, als zu der Zeit, wo Sie zuletzt hier waren.«

»Ja,« lautete die Antwort, »mein Gesicht ist von der Sonne verbrannt und ich könnte ganz wohl als Rothhaut durchgehen, etwa unter dem Namen: ›Der Mann, der sich nicht vor dem Wasser fürchtet!‹ Seitdem wir St. Paul verlassen, hat mein Gesicht sich schon zweimal wie eine Klapperschlange gehäutet.«

»Haben Sie denn nicht irgend einen Schutz gegen die Sonnenstrahlen?«

»Doch,« entgegnete Boyton, »für diese Zwecke habe ich hier einen kleinen Sonnenschirm, welcher mich vor der direkten Einwirkung der Gluth schützt. Aber trotzdem habe ich viel von der Hitze zu leiden, welche durch die von den Wellen reflectirten Sonnenstrahlen erzeugt wird.«

»Wie fanden Sie denn das letzte stürmische Wetter?«

»Nun, es war meinem Fortkommen ein wenig hinderlich, doch es ist mir weitaus angenehmer als die fürchterliche Sonnengluth.«

»Viele Menschen sind neugierig zu erfahren, was der Zweck Ihrer Reise ist, die Sie in so absonderlicher Weise den Fluß hinab unternehmen,« forschte der unermüdliche Berichterstatter, dabei eifrig den spitzigen Bleistift über die weißen Blätter seines Taschenbuches hinweggleiten lassend.

»Nun, einmal die Lust an Abenteuern, dann, um die Vorzüge meines Gummi-Anzuges zu beweisen, dessen Brauchbarkeit für die Zwecke der Marine, des Lebens-Rettungsdienstes sowie der Vertheidigung unserer Seehäfen noch weitaus unterschätzt wird.«

»Und worin bestehen diese Vorzüge?« meinte der Journalist.

»Mit meinem Gummianzuge bekleidet, bin ich nicht nur im Stande, mich in dunkler Nacht ungesehen an die größten Kriegsschiffe heranzuschleichen und dieselben vermittelst eines am Rumpfe des Schiffes befestigten Torpedos in die Luft zu sprengen, sondern ich darf mich auch kühn auf das wildbewegte Meer hinauswagen, um in Bedrängniß befindlichen Menschen Hülfe zu bringen. Daß ich mit Sicherheit eine Verbindung zwischen einem Wracke und dem festen Lande vermittelst einer Fangleine auch bei dem rauhesten Wetter herbeiführen kann, betrachte ich als einen der schönsten Vorzüge meiner Erfindung. Ist ein Mann über Bord gefallen, und ein mit dem Anlegen meines Anzuges erfahrener Matrose ist in der Nähe, so vermag derselbe in weniger denn zwei Minuten Hülfe zu bringen und kann, da der Anzug, wenn die Luftkammern desselben gefüllt sind, gegen dreihundert Pfund zu tragen vermag, den Verunglückten stundenlang über Wasser erhalten.«

»Haben Sie,« forschte der Frager weiter, »Ihren Anzug auch schon auf die äußerste Leistungsfähigkeit erprobt?«

» Well,« meinte Boyton, nachdem er den letzten Rest seiner Omelette vertilgt hatte, »das dürfte aller Welt bekannt sein. In der Nacht des 21. October des Jahres 1874 sprang ich, mit meinem Anzuge bekleidet, vierzig Meilen von der Küste Irlands entfernt von Deck des Dampfers › Queen‹ in See. Ein furchtbarer Sturm herrschte, der durch seine zerstörende Gewalt für die Schifffahrt sehr verderblich wurde, denn die britische Unfallliste hatte nicht weniger denn sechsundfünfzig Schiffbrüche zu verzeichnen, die in jener schrecklichen Nacht an der Südküste von Großbritannien sich ereigneten. Nach neunstündiger harter Arbeit landete ich wohlbehalten an der felsigen Küste. Das war meine Einführung in Europa.«

»Und was bestanden Sie weiter für Fahrten und Abenteuer?«

»Nun,« entgegnete Boyton, gemächlich sich auf den Rücken legend und den blauen Rauch einer mittlerweile angezündeten Cigarre vor sich hinpaffend, »wenn Sie von den unzähligen kleineren Reisen absehen wollen, deren Länge nicht über hundert Meilen betrug, so habe ich nicht allein den Rhein, den Po, den Arno, den Tiber, die Rhone, die Loire, den Tajo, den Guadalquivir, die Garonne, die Seine und viele andere Flüsse in der Weise befahren, wie Sie mich jetzt den ›Vater der Ströme‹ hinabschwimmen sehen, sondern ich habe auch den Canal zwischen England und Frankreich sowie die Straßen von Messina und Gibraltar gekreuzt.«

»Und geriethen Sie dabei niemals in Lebensgefahr?« forschte der aufgeregte Reporter weiter.

» Well,« gab Boyton zurück, eine gewaltige Wolke blauen Rauches von sich blasend, »als ich im Januar des Jahres 1876 von Alton in Illinois bis gen St. Louis schwamm, war ich nahe daran, in einem mächtigen Eisfelde festzufrieren, denn während der ganzen Fahrt stand der Thermometer weit unter dem Gefrierpunkte. Im März desselben Jahres, als ich die Donau von Linz bis Budapest hinabschwamm, wurde ich von dem Rade einer Schiffsmühle, in die ich während der Nacht unvermuthet hineingerathen war, nahezu windelweich geschlagen, und im selben Monate noch brach mir ein Haifisch drei Rippen, der mich attaquirte, während ich die Straße von Messina kreuzte. Im December des nächsten Jahres gerieth ich in eine Lage des gefährlichen Schlicksandes, durch welchen die Loire berüchtigt ist, und ich wäre wohl eines jämmerlichen Todes gestorben, wenn ich mich nicht nach vollständiger Füllung der Luftkammern meines Anzuges wieder hätte frei machen können. Kleinere Abenteuer, wie z. B. das Hinabschießen über Stromschnellen und Wasserfälle, rechne ich nicht.«

»Und welche war die längste Ihrer Reisen?«

»Den Ohio und unteren Mississippi hinab. Ich begann dieselbe am 6. Februar 1879 in Oil City, Pennsylvanien. Wir hatten drei Grad Kälte. So schwamm ich den Alleghany abwärts bis Pittsburg, von da bis gen Cairo und dann den Mississippi hinab bis zu seiner Mündung in den Mexicanischen Meerbusen. Die zurückgelegte Strecke beträgt 2342 englische Meilen, und brauchte ich zur Bewältigung derselben achtzig Tage. Für die ersten drei Wochen ging diese Reise beständig zwischen mächtigen Eisfeldern dahin, während ich am unteren Mississippi durch die Sonnengluth schrecklich zu leiden hatte. Schnee, Hagel, Sturm und Regen bildeten die abwechselungsreichen Beigaben.«

Während dieses Zwiegespräches waren wir den Thürmen von Dubuque näher gekommen und wir gewahrten auf den Levees des Flusses, an Bord und in den Masten der hier ankernden Schiffe, sowie aus den Dächern der Häuser eine unabsehbare Menschenmenge, die der Ankunft des großen Schwimmers beiwohnen wollte. Seit Jahren, so behaupteten die Zeitungen der Stadt, seien nicht solche Menschenmassen hier versammelt gewesen. Nur mit Mühe gelang es, den unter dem Hurrah der Menge landenden Boyton zu dem bereit stehenden Wagen zu bringen und diesen im Schritt durch die vollgedrängten Straßen zu bringen. Endlich, nach hartem Kämpfen sahen wir uns in den Gemächern des stattlichen Julianhauses untergebracht. Da der Zudrang der Besucher zu unseren Räumen aber gar kein Ende fand, so unternahm ich mit einem der Zeitungsredakteure eine Rundfahrt durch die Stadt und ihre Umgebung, wobei mein Begleiter sorgsam darauf bedacht war, allen nur irgend möglichen Stoff, der nur einiges Interesse für die Leser seines Blattes hätte bieten können, aus mir herauszupressen, was Alles ich dann bereits am Abende fertig gedruckt vor mir liegen sah.

Dubuque ist eine der größten und ältesten Städte Iowas und entlehnt seinen Namen von einem französischen Trapper, welcher im Jahre 1788 hier ein Blockhaus errichtete und die jetzt sehr bedeutenden Bleigruben in der Nähe der Stadt eröffnete. Wenige Meilen unterhalb der Stadt auf einer felsigen Anhöhe befindet sich die Grabstätte dieses frühen Pioniers der Cultur. Als wir am folgenden Nachmittage die Stadt verließen, fuhren wir an dieser Grabstätte vorüber. Mr. Rowan, der Bürgermeister der Stadt, sowie der Chefredakteur der › Dubuque Times‹, welche beide Herren in meinem Boote Platz genommen hatten, gaben uns das Geleite. Ein regelrechtes Picknick entwickelte sich während dieser köstlichen Fahrt, während welcher die untergehende Sonne wie der aufsteigende Mond das schönste Schauspiel boten. Gegen Mitternacht stiegen silberne Nebel empor, es wurde feucht und kühl, und herzlich froh waren unsere an warme Nester gewöhnten Begleiter, als wir Bellevue erreichten und sie hier in behagliche Betten schlüpfen konnten. Wir hingegen setzten unsere Fahrt die ganze Nacht hindurch fort, nur einmal in der Morgenfrühe an einer Insel landend, um unsere vom Thau durchdrungenen Kleider zu trocknen.

Der 8. Juni brachte eine wahrhaft erdrückende Hitze; wie ein Meer von geschmolzenem Blei lag der Himmel über uns und auf's Äußerste erschöpft durch die einundzwanzigstündige Fahrt langten wir gegen zwei Uhr Nachmittags an dem Punkte an, wo die betriebsamen Orte Fulton, Lyons und Clinton nahe beisammen liegen. Wir stiegen im Central-Hotel des letzteren Ortes ab, furchtbar hungrig, konnten aber doch nichts zu essen erhalten, da uns der ewig verbindlich lächelnde Hotelbesitzer, eine echte Oberkellnerseele, die betrübsame Mittheilung machte, daß die Zeit des Mittagsmahles verstrichen sei und wir bis zum Abend zu warten hätten, womit unserem Wolfshunger aber wenig gedient war. – Während Boyton fluchend sich in's Bett verfügte, lenkte ich meine Schritte nach einem deutschen Restaurant und lachte vor einer trefflichen Mahlzeit der häßlichen Einrichtung der amerikanischen Gasthäuser, die für hungrige Reisende so unzweckmäßig als möglich ist, da außerhalb der für die Mahlzeiten festgesetzten Stunden nichts verabreicht wird. Als ich gegen 6 Uhr in's Hotel zurückkehrte, fand ich Boyton vor seinem Abendbrode sitzend, fluchend wie ein Türke, und sich abmühend, einen kleinen braungebrannten Lederlappen, der ein Beefsteak vorstellen sollte, zwischen seinen gesunden Zähnen zu verarbeiten, was ihm aber gänzlich mißlang. Endlich, müde der grausigen Arbeit, sprang er fluchend in's Bett zurück und suchte sein Elend zu verschlafen. –

Ich erhielt bald darauf Besuch von einem merkwürdigen Manne, einem 62 Jahre alten Ansiedler, der mir ein Exemplar seiner – Gedichte überreichte. Merkwürdige Gedichte! Eine curiose Mischung von spiritistischen Ideen und freien, edlen Weltanschauungen, dreiviertheils verrückten Sinnesäußerungen und wunderschönen Gedanken, welch letztere unbestreitbar verriethen, daß das Hirn, dem solche Ideen entsprossen, nur vom besten Wollen beseelt sein konnte.

Mit der Lektüre dieser Gedichte vertrieb ich mir folgenden Tags die langen Morgenstunden, deren Stille nur ab und zu durch einen kräftigen Fluch des neben mir schwimmenden, immer noch hungrigen Boyton unterbrochen wurde, der einen ganzen sodomitischen Schwefelregen auf das Haupt des Hotelbesitzers in Clinton herabflehte. –

Nach zehnstündiger Fahrt tauchten endlich die Thürme der Stadt Davenport an unserem Gesichtskreise empor und bald sahen wir uns von einem Dampfer und einer ganzen Flotte von Regatta-Booten eingeholt und dem lieblich auf der rechten Uferbank einen schönbewaldeten Bergzug sich hinanschiebenden Städtchen entgegengeführt.

Die Davenporter Bevölkerung darf stolz sein auf ihr reizendes Städtchen, welches durch eine Eisenbahnbrücke mit Rock Island, einem früher vielgenannten Fort, und ferner mit der auf dem linken Stromufer gelegenen Stadt Rock Island verbunden ist. Von der damals 22,000 Seelen starken Einwohnerschaft der Stadt Davenport waren mehr denn 9000 Deutsche, die es in trefflichster Weise verstehen, ihre Arbeit auch mit fröhlichen Festen zu würzen. Man darf nur eine Nummer des › Demokrat‹ durchblättern, um in Verlegenheit zu sein, ob man einer Einladung zu einem Turnerfeste oder zum Vogelschießen, zum fröhlichen Balle, zum Ringreiten, Hahnenköpfen oder Sacklaufen Folge leisten soll. Dabei entwickeln diese keineswegs sybaritisch lebenden Menschen einen Unternehmungsgeist, der hinlänglich beweist, daß sie die Bedächtigkeit ihrer Nation längst abgestreift haben und echte unternehmende Unionsbürger geworden sind. Als z. B. im Jahre 1880 ein Zwist zwischen dem deutschen Theaterpersonale und dem Eigenthümer des Musentempels, einem Amerikaner, stattfand, machten die Deutschen Davenports kurz entschlossen sich daran, selbst ein Theater zu erbauen, und kaum waren – sechs Wochen verstrichen, als ein schmuckes, 1100 Menschen fassendes Gebäude vollständig fertig stand, so daß am Eröffnungstage Jungdeutschland nicht allein das 25jährige ununterbrochene Bestehen seiner Theatergesellschaft, sondern auch seines Turnvereines auf eigenem Grund und Boden in gehobenster Stimmung begehen konnte.

Nachmittags 5 Uhr machten wir uns bereit, dem schönen Davenport Valet zu sagen. Trotz eines immer näher kommenden Gewitters harrte eine ungeheure Volksmenge am Ufer, welche uns mit Hurrahgeschrei empfing. Zugleich aber gab auch der düstere Wolkenhimmel seinen Salut; rothglühende Blitze fuhren hernieder, denen unmittelbar darauf der Donner folgte. Man suchte uns zur Aufschiebung der Reise zu bewegen; doch wir wollten pünktlich sein, nahmen Abschied von der Menge, und heidi! ging's in's nasse Element hinein. Kaum aber hatten wir die Mitte des unheimlich dreinschauenden Stromes erreicht, als sich ein heftiger Sturm erhob und der Regen in Strömen herniedersauste. Die Menge am Ufer zerstob im Nu; wir hatten all unsere Kraft aufzubieten, um unser Boot gegen die höher und höher gehenden Wellen zu halten. Die Flaggenstangen bogen sich wie Rohre, die Flaggen knatterten in dem rasenden Sturme, der selbst den unaufhörlich herniederschießenden Blitzen Flügel zu leihen schien. In wenigen Minuten sahen wir nichts mehr von der Stadt; Thürme, Brücken und Häuser, Alles verschwand in der niedersausenden Regenmasse, welche die Aussicht auf die allernächste Umgebung beschränkte. – Mit Müh und Noth erreichten wir nach langem Kämpfen ein dichtes Röhricht, an welchem die Wuth der Wogen sich wenigstens etwas brach. Nach einstündigem Rasen legte sich endlich das Unwetter, die Wolkenbänke verloren sich allgemach im Westen, hin und wieder traten einzelne, von der niedergehenden Sonne beleuchtete Landschaftspartieen hervor und eine halbe Stunde später hatten wir einen prächtigen Himmel, vor dessen grünblauen Tinten herrlich bestrahlte Wolken dahinzogen, gegen deren Glanz die rauschenden Wälder in finsteren Conturen abstachen. Nach harter Arbeit holten wir Boyton, der unbeirrt von Wind und Wetter sich von den Wellen hatte weiter tragen lassen, wieder ein und legten gemeinschaftlich mehrere Meilen zurück. Da ich während der Nacht den Neger ablösen wollte, so bereitete ich mir gegen Dunkelwerden auf einer in unserem Boote stehenden Kiste ein dürftiges Lager, schob meinen Ranzen als Kissen unter den Kopf und fand trotz der durchnäßten Kleidung für einige Stunden Ruhe. – Geweckt wurde ich durch einen fürchterlichen Donnerschlag und als ich auffuhr, erblickte ich den ganzen Himmel mit finsteren Wolken umzogen. Ich schlug vor, daß wir den Vorübergang des drohenden Wetters am Lande abwarten möchten und fügte mich nur ungern der Versicherung des Capitäns, welcher meinte, wir würden wohl unbehelligt davonkommen. Doch meine Befürchtungen waren nur zu begründet gewesen, denn noch waren wir keine 10 Minuten lang weiter gefahren, als sich ein Unwetter erhob, welches jeder Beschreibung spottet. Boyton schilderte dasselbe später einem Berichterstatter wie folgt:

»Wir befanden uns in der Mitte des Stromes, als sich die Luft in schwarze Dunkelheit zu wandeln begann. Zugleich hörten wir ein Geräusch im Osten, das, stärker und stärker werdend, dem Summen ungeheurer Bienenschwärme vergleichbar war. Mein Begleiter wußte nicht, was dieses Geräusch bedeutete, der Neger aber und ich wußten es nur zu wohl. »Großer Gott«, schrie der Schwarze, im Vordertheil des Bootes niederkauernd, »es ist ein Cyclon«. In Eile gab ich meinem Kameraden die obere Hälfte eines meiner Schwimmanzüge und war er kaum mit dem Ueberziehen desselben fertig geworden, als die Wolken über uns barsten mit einem Knall, lauter denn ein Nationalsalut. Das Wasser schoß nieder in Strömen, der Sturm steigerte sich zum Orkane, die Luft erglühte durch die unaufhörlich niederschießenden Blitze, das Land längs der Ufer war überfluthet im Nu, der Strom voller losgerissenen Weiden und Bäume. – Der Sturm trieb uns dem westlichen Ufer zu und ich erwartete jeden Augenblick, daß das Boot zerschellt werde. »Rudert, rudert«, schrie ich den Insassen zu und diese ruderten mit aller Macht, um in der Mitte des Stromes zu bleiben, aber das Boot ward dennoch dem wüst durcheinander schießenden Gewirr von Bäumen und Uferstücken zugetrieben und seine Insassen waren in höchster Gefahr. Hätte der Sturm noch einige Minuten länger gedauert, so denke ich, daß Beide rettungslos ertrunken seien; der Sturm aber legte sich so plötzlich, wie er gekommen, und die Gefahr war vorüber.« – –

So der Bericht Boyton's.

Wir waren naß bis auf die Haut, unser Boot zum Sinken voll Wasser, und trieben wir es darum in das dichte Weidengestrüpp einer Insel, die hoch überschwemmt war. Hier überstanden wir den Rest des Unwetters, schöpften unser Boot aus und fuhren dann die ganze Nacht unter dem Scheine der Blitze den angewachsenen Strom hinab, herzlich froh, als endlich der Morgen graute. Unser Proviant war durch die Wasserfluth theils weggeschwemmt, theils zu einem ungenießbaren Brei umgewandelt worden, und so that uns die gastliche Aufnahme, die wir spät Nachmittags nach zwanzigstündigem Fahren und Fasten in dem Örtchen Keithsburg fanden, doppelt wohl. –

Während der am folgenden Morgen fortgesetzten Fahrt sahen wir Hunderte von Schildkröten, welche sich auf den aus dem Wasser ragenden Baumstämmen und Holzstücken sonnten, sofort aber verschwanden, wenn das geringste Geräusch unsere Annäherung verrieth. Die erste, welche die nahende Gefahr gewahrte, verließ ihren Sitz und alarmirte durch ihren Fall in's Wasser die übrigen Thiere. Ein, zwei Secunden lang folgte nun überall ein Plumpsen und Kopfüberstürzen, dann war nicht eine Schildkröte mehr zu sehen, wo vorher Hunderte gewesen.

Weniger eilig hatten es die grünlich-braunen, dunkelfarbigen oder grau gestreiften Wasserschlangen, die, um dürre Zweige geringelt, nur dann den scheußlichen dreieckigen abgeplatteten Kopf erhoben, wenn ein Frosch oder ein graues Eichhörnchen ihre Ruhe störte. Reich vertreten war auch die Vogelwelt. In den Lüften schwangen sich weißköpfige Adler, Habichte und Falken von mächtiger Spannweite, während im seichten Wasser die Reiher auf Beute lauerten. Aus tiefem Walde klang das Hacken der Spechte, das Gurren der wilden Tauben, von den Wassertümpeln her der vielartigen Enten und Gänse Geschnatter.

Die Insecten, die ich während meiner Reise beobachtete, correspondirten so ziemlich mit den in Deutschland heimischen Arten, nur schienen mir diese Arten mannigfaltiger zu sein. Da war unser deutscher Admiral, der Citronfalter und die sogenannte goldene Acht; neben dem unscheinbaren Weißling flatterten schweren Flügelschlages prächtige sammetschwarze Trauermantel und vielfarbige Segler, die Aristokraten des Schmetterlingvolkes.

Thierleben am Mississippi.

Über den Boden huschten die auch bei uns häufigen Laufkäfer, auch sah ich einen Pillendreher, der eine wohlgeformte, mehrere Millimeter im Durchmesser haltende Kugel vor sich her schob. Fremd waren mir nur die › Locusts‹, eine Cicadenart, die wir einmal in solch ungeheueren Massen in dem Laubwerke eines kleinen Waldes fanden, daß der Zusammenklang der schrillen Stimmen dieser Milliarden von Thieren fast unser Reden übertönte. Diese Cicade, zolllang, mit kurzem dicken Leibe, rothbraunen Flügeldecken und ungeheuren rothen Augen, entwickelt eine solche Gefräßigkeit, daß die gleiche Begabung unseres Charlie, die ich immer mit stillem Grausen bewundert und als Höhepunkt aller irdischen Leistungen auf dem Gebiete der Freßkunst angesehen hatte, doch nicht annähernd in demselben Verhältnisse mit der Gier dieses Insectes stand. Und in der That, betrachtet man die mächtigen Freßwerkzeuge dieser, meist in zahllosen Schaaren erscheinenden kleinen Gesellen, so wird es begreiflich, wie die ganze Belaubung der Obstgärten, der Waldbäume und der Strauchgewächse sozusagen über Nacht verschwinden kann.

Numerisch am reichsten vertreten von allem Gethier war aber unstreitig die Klasse der Netzflügler, die zumeist von ihrer Existenz auf die unverschämteste Weise Kunde zu geben pflegten. Die Moskitos vereinen die Findigkeit der deutschen Postbeamten mit der Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit der Nihilisten. Die kleinste Blöße des menschlichen Körpers wird ausgespürt, und sind zehn der blutgierigen Insecten an ein und demselben Platze geblieben, so sind tausend andere bereit, dieselbe Stelle einzunehmen. Ihr unglückliches Opfer, des ewigen Sichselbstohrfeigens endlich müde, hält zuletzt verzweifelt still und die satanischen Insecten bleiben Sieger. Wie oft, wie oft gedachte ich melancholischen Herzens des aus mittelalterlichen Tagen stammenden Spruches, den ich einst an einer Wand der Wartburg angeschrieben fand:

» Die vliege, wenn der summer hiz,
Ist der kühnste vogel, den ich wiz;
Dem Loewen wollt ich vrieden geben,
Liezen mich die vliegen leben.

Zur massenhaften Erzeugung dieser kleinen Ungeheuer ist allerdings auch nichts so geeignet, als der sumpfige Boden der zahllosen Flußinseln, die zum großen Theile bei hohem Wasserstande überschwemmt werden, so daß die Bäume bis an die Aeste im Wasser stehen. Tritt die Fluth zurück, so bilden sich zahllose Tümpel und Lachen; der ganze Boden ist schlüpfrig und sumpfig, für menschliche Niederlassungen vollständig untauglich; höchst selten findet man eine halbverfallene Jägerhütte.

An einer solchen Insel landeten wir gegen Mittag und machten Jagd auf die zahlreichen Wasserschlangen, die theils zu widerlichen Knäueln zusammengeballt auf den sandigen Uferbänken umherlagen, theils in dem Laubwerke sich ringelten oder im Wasser ihrer aus Fischen und anderen Reptilien bestehenden Beute nachjagten. Unter dem Namen Mocassin-Schlange dem Volke bekannt, werden sie stets in großer Zahl in der Nachbarschaft der Flüsse und Sümpfe gefunden und bewegen sie sich vornehmlich gerne in dem das Wasser überhangenden Zweigwerk aus welchem sie sofort in's Wasser gleiten, wenn ein verdächtiges Geräusch sie alarmirt. Menschen gegenüber ist die Mocassin-Schlange die Angreifende, sie richtet sich in die Höhe, öffnet das Maul für ein oder zwei Secunden und schnellt sich dann heftig vorwärts. Das Gift wirkt innerhalb weniger Minuten tödtlich.

Nachdem wir mehrere dieser scheußlichen Reptilien vom Leben zum Tode befördert hatten, kehrten wir zu unserem Boote zurück, und hatten uns kaum eingeschifft, als aus der Ferne fünf Boote des Ruderklubs der Stadt Burlington heranschossen, um uns einzuholen. Nachdem die eleganten, buntbewimpelten Fahrzeuge ein hübsches Manöver ausgeführt hatten, wurden wir in die Mitte genommen und der in ein reizendes Thal eingebetteten Stadt Burlington zugeführt. Von allen Höhen, aus allen Villen wehende Tücher; Dampfer, Uferstrand, Dächer und Thürme waren bedeckt mit einer schaulustigen Menge, durch die wir nur mit Müh und Noth uns einen Weg zu unserem Quartiere bahnen konnten. Gleich darauf fuhr ich in Gesellschaft eines liebenswürdigen Landsmannes über sämmtliche, die Stadt umschließenden Hügel und probirte dann in der Nähe des in den Liebeshistorien der Burlingtonianer eine bedeutsame Rolle spielenden Prospect-Parkes eine Flasche des hierselbst gezogenen Weines, an dessen Geschmack man sich aber, wie an Leipziger Gose oder Lichtenhainer Bier, gewöhnen muß, um ihn lieb gewinnen zu können. Besser mundete mir der Blick von den Höhen hinab auf den majestätischen Strom, der namentlich zur Zeit der Hochfluthen, im Frühling, ein schier unfaßbares Bild gewähren muß. Dreißig englische Meilen weit ist dann der Fluß, eine endlose Wasserfläche mit tausenden von größeren und kleineren waldbewachsenen Inseln.

Von der etwa 21,000 Seelen starken Bevölkerung Burlingtons sind etwa ein Drittel Deutsche, und findet man unter ihnen die hervorragendsten Bürger der Stadt. Welches Ansehens sich das Deutschthum hier erfreut, möge der Umstand beweisen, daß unter den neun Stadträthen allein fünf Deutsche waren.

Von Burlington aus gelangten wir über Dallas und Madison, in deren Nähe der etwa drei Meilen breite Strom zahlreiche Sandbänke und niedrige Inseln bildet, nach der ehemaligen Mormonenstadt Nauvoo, die im Jahre 1840 unter der Führung des Propheten Joë Smith gegründet, acht Jahre später aber in Folge der entstandenen Streitigkeiten mit der Regierung nach vorheriger Niederbrennung des prachtvollen Tempels von den ›Heiligen der letzten Tage‹ wieder aufgegeben und mit Utah, der bekannten späteren Niederlassung am Salzsee, vertauscht ward. Die berüchtigten Stromschnellen von Keokuk machten uns, dank dem hohen Wasserstande, nichts zu schaffen. Wir kamen glücklich hinüber und passirten demnächst Alexandria, einen unbedeutenden Ort, in dessen Umgebung die gesammte Städtegeographie des classischen Alterthums sich ein modernes Stelldichein gegeben zu haben scheint. Unweit von Alexandria liegen nämlich Arbela und Gaugamela, etwas entfernter Karthago und ähnliche archäologisch interessante Ortschaften. Charakteristisch für diese an's Komische streifende Vorliebe der Amerikaner für historische Reminiscenzen ist der Lebenslauf eines bekannten amerikanischen Politikers. Der Mann war nämlich von einer aus Ninive stammenden Mutter in Karthago geboren, genoß in Rom seine Erziehung, lebte dann in Athen, heirathete in Syrakus eine Jungfrau aus Sparta, starb in Troja und liegt in Memphis begraben. Gott Pluto hab' ihn selig!

In das Reich des Pluto wären wir übrigens auf unserer Weiterreise nahezu selbst hinabgestiegen. Das war jenseits des Ortes Hannibal.

Schon begann die Sonne zu sinken, als wir plötzlich ein dumpfes Rauschen vernahmen und zugleich eine lange Reihe von schweren, in das Flußbett gerammten Pfählen vor uns sahen. Wir waren, ohne es zu bemerken, in einen Seitenarm des Mississippi gerathen, der hier einen etwa zehn Fuß hohen Wasserfall bildet. Hier hieß es nun entweder zurück oder hinüber, und rief ich dem in seinem Schwimmanzuge weit sicherern Boyton zu, die Passage zuerst zu versuchen. Von der Fluth hinabgerissen, schoß dieser auch in jähem Sturze die sausenden Wasser hinab, und gleich hinterher das Boot, welches der Neger zu nahe an den Fall gebracht hatte und nun nicht mehr zurückhalten konnte. Aschgrau im Gesichte klammerte sich der arme Schwarze mit Händen und Füßen fest und schrie zum Gotterbarmen. Die Ruder waren ihm entfallen und trieben im Strome dahin, wie ein Pfeil flog das Boot dem Wasserschwalle entgegen, hinunter ging's in jähem Sturze, die Wogen schlugen über ihm zusammen und schon glaubte ich, daß wir verloren seien, als das Boot plötzlich wild aufbäumte, und in schnellem Treiben dem Wirrsale entrann. Die Ueberfahrt war gelungen, doch hatten wir eine Menge Wasser im Boote und der Neger war, wie Boyton wenigstens behauptete, vor Schreck so weiß wie eine Wand geworden. Nachdem wir das Wasser ausgeschöpft und die Ruder aufgefischt hatten, setzten wir die Fahrt fort und langten gegen Mitternacht, von den Moskitos fürchterlich zerstochen, und gerade vor Niedergang eines äußerst schweren Gewitters in Louisanna an, wo wir den nächsten Morgen, da es fort und fort regnete, damit verbrachten, uns alter Briefschulden zu entledigen. 14 Tage lang hatte er's getragen, länger trug er's nicht, der Capitän nämlich, dessen Seele sich nunmehr in einem langathmigen, zwölf Seiten starken Liebesbriefe an die Schöne von La Crosse erging, welche sein Ruder mit einem Bande geziert hatte.

Mit dem Leuchten seiner Augen drang auch die Sonne durch die Wolkenschleier und kurz nach Mittag machten wir uns auf, um die Nacht hindurch bis Alton zu fahren. Je mehr wir nun dem Süden zueilten, desto üppiger, wilder und großartiger wurde die landschaftliche Scenerie. An den Uferborden reckten ungeheuere Bäume ihre zackigen Äste aus dem undurchdringlichen Gestrüpp von Blätterwerk und Schlingpflanzen hervor; wilder Wein schwang sich in erstaunlicher Fülle an den Stämmen hinauf und sandte dann von den Wipfeln aus seine Ranken in weiten Bogen wieder zum Erdboden hernieder. Hier und dort ragten wie Wartthürme die nackten, abgestorbenen Greise des Waldes über das unendliche Meer buntfarbiger Baumwipfel empor, Ausgucke für Schaaren von Habichten, Bussarden, Reihern und Aasgeiern. –

Und nirgend war ein menschliches Wesen, nirgend ein Anzeichen, als habe ein Mensch je zuvor diese dichten Wälder betreten.

Wunderbar waren die Abende. Um diese Zeit flammte das ganze Firmament in kupferfarbener Gluth und wie ein weites Meer voll glühenden Metalles erschien die ohne Wellenschlag, ohne jede sichtbare Bewegung dem Süden zutreibende Wasserwüste, umgrenzt allein durch zwei lange, schwarze Uferlinien, deren Ende hinter den tiefdunklen Silhouetten einiger großen Inseln verschwand.

Der ganzen Region des Mississippi sind diese Schauspiele außergewöhnlich großartiger Sonnenuntergänge eigen, und kann ich mich nicht erinnern, irgendwo, hüben oder drüben, diese an und für sich wundersamen Scenen in annähernd gleicher Pracht gesehen zu haben. Der majestätische Strom giebt die flammenden Farben des Firmamentes in all ihrer Gluth zurück, wir schwimmen dahin in einem Farbentraum, dem keine Kunst, keine Schilderung gerecht zu werden vermag. – –

Fliegend schnell kam die Dämmerung. Während im Westen noch gluthrothe Wolken zogen, lagerte im Osten schon bleischweres Dunkel, aus dem bald da, bald dort ein Stern aufleuchtete. – Und dann kam die Nacht, und aus den schwarzen, gespenstigen Massen am Ufer, in denen kein menschliches Auge mehr etwas erkennen konnte, scholl der Eule dämonisches Lachen und des Ochsenfrosches seltsames Blasen, während allenthalben roth, grün, gelb und blau phosphorescirende Funken aufleuchteten, um sofort wieder zu verschwinden.

Wir fuhren die ganze Nacht, schweigend; erst als der Thau sich senkte, landeten wir an einem felsigen Ufer, wo hohe Sandsteingebilde steil gegen den Strom hin abfielen. Bald loderte an dem abenteuerlichen Plätzchen ein hohes Feuer empor, unter dessen Wärme wir uns dem Schlafe ergaben, aus dem wir erst durch das Schnauben eines aufwärts keuchenden Dampfers geweckt wurden.

Der zwanzigste Tag unserer Reise ward infernalisch heiß und brachte nicht weniger als fünf Gewitter, von denen das dritte von einem Sturme begleitet war, daß wir wohl unrettbar verloren gewesen wären, hätten wir auch nur eine Minute später den Strand einer Insel erreicht. Während der Orkan mit einer Wuth ohne Gleichen dahinraste, schwere Bäume und mannsdicke Äste wie dünnes Rohr zersplitterte, Alles rings umher krachte, Blitz und Donner unaufhörlich einander folgten, standen wir alle drei bis zum Halse im Wasser, um unser Boot zu schützen, das von den wüthend anstürmenden Wellen gegen die Bäume geschlagen zu werden drohte. Dazu schoß ein fürchterlicher Regen aus den zerrissenen Wolken hernieder. Nach einstündigem Harren war auch das überstanden und wir schwammen an der Mündung des Illinois und an den seltsamen Kalksteinformationen vorüber, die sich von hier bis Alton das ganze Flußufer entlang ziehen und von welchen einige indianische Malereien tragen. –

Bei Sonnenuntergang zeigte der Himmel eine so unheimliche Färbung, wie ich es nie vorher gesehen. Das ganze Firmament glich einem Höllenpfuhle und von Norden her kam wieder ein Gewitter, dessen schaurig beleuchtete Wolkenmassen sich gleich einer geschlossenen Reihe von Tod und Verderben bringenden Armeekörpern zusammenballten, bevor sie sich anschickten, den Strom zu überschreiten. So furchtbar war der Anblick, daß unser armer Neger in Rückerinnerung der vielen schon überstandenen Strapazen allen Muth verlor und zu weinen anfing. Ich jagte ihn von den Rudern fort und trieb das Boot in ein dichtes Weidengestrüpp, um hier den Sturm zu bestehen; doch ging diesmal derselbe glücklicherweise an uns vorüber. Die Wolkenberge zogen nach Süden, und bis zum späten Abend sahen wir denselben grelle Blitze enteilen, von denen eine ganze Zahl nicht einen zickzackähnlichen Lauf, sondern den Charakter einer kurzen, sehr heftigen Explosion hatten, und also zu den zumeist nur in heißeren Gegenden vorkommenden Kugelblitzen zählten.

Wir befanden uns in einer Periode von fürchterlichen Stürmen und Gewittern; Cyclone und Tornados durchrasten das Land, und die Zeitungen waren mit Berichten gefüllt über entsetzliche Verluste an Gut und Menschenleben.

Diese Stürme treten im Mississippithale alljährlich auf und haben namentlich in den letzten Jahren eine so verheerende Kraft entfaltet, daß sich der Bewohner der gefährdeten Regionen bei jedem Anzeichen drohender Witterung ein Schrecken bemächtigt.

Nachdem wir am 19. Juni wiederum ein heftiges Gewitter erlebt hatten, sahen wir uns um 2 Uhr Mittags dem fraglos interessantesten Punkte der ganzen Reise gegenüber: der 18 Meilen oberhalb St. Louis sich vollziehenden Vereinigung des Missouri mit dem Mississippi.

Welch eine Mesalliance! Der stolze grüngoldige Flußgott verbindet sich mit einer abscheulich schmutzigen Plebejerin! Freiwillig nicht; heimtückisch wird er überfallen und überwunden. Wie ein Riese sträubt sich der Mississippi gegen die Umarmung seiner gewaltigen Gegnerin; wild brausend quirlen die verschiedenfarbigen Fluthen durcheinander, hier wirbelt noch eine der krystallklaren Mississippiwellen empor, als strebe sie Licht und Freiheit wieder zu gewinnen. Aber schon im nächsten Momente wird sie von jener gelben undurchsichtigen Lehmfluth verschlungen, die der Amerikaner mit dem treffenden Namen › big muddy‹, ›der große Schlamm‹ bezeichnet hat.

Die Mündung des Missouri in den Mississippi.

Die Benennung der nunmehr vereinten Wasserläufe mit dem Namen ›Mississippi‹ ist unstreitig ein geographischer Irrthum. Der Charakter des schönen Stromes, der bisher diesen Namen führte, ist mit einem Schlage verschwunden, er ist untergegangen in den Fluthen des Missouri, welcher von nun an der ungeheueren, gen Süden strömenden Wasserfläche wie auch den Uferlandschaften sein eigenartiges Gepräge verleiht. Wir schwimmen nicht mehr auf den Wellen des vornehmen, stolzen Mississippi mit seinen lieblichen Ufern und reinlichen Sandbänken, sondern schießen auf einer wüthenden, kochenden Strömung dahin, die angefüllt ist mit ewig wandernden Schlammbänken, die von zerrissenen Ufern umgrenzt wird, deren unternagte Erdmassen fortwährend dumpfen Falles in die wirbelnde Fluth hinabstürzen. Also in Wahrheit mündet der Mississippi in den Missouri! Nicht allein, daß der Lauf des Letzteren um einige hundert Meilen länger ist, sondern er führt auch eine bei weitem größere Wassermasse herzu und ist demnach als der Hauptquellarm des Stromsystems zu betrachten.

Die hier klar gelegte geographische Unrichtigkeit fand ihren Ursprung in dem Umstande, daß man den Missouri weit später entdeckte, als den oberen, mittleren und unteren Lauf des Mississippi. Wäre das gewaltige Stromsystem des Missouri früher bekannt geworden, so würde man wohl zweifellos diesen als Hauptstrom angenommen haben.

Interessant ist hier noch ein zweiter Punkt.

Der majestätischen Länge des Mississippi entspricht eigentlich nicht sein Wachsthum in die Breite, die für die letzten 2000 englische Meilen beinahe dieselbe bleibt. Während sie bei Davenport schon über eine halbe Meile beträgt, ist sie trotz des Zuflusses der ungeheueren Wassermassen des Missouri bei St. Louis nicht wesentlich vergrößert, auch machen die mächtigen südlichen Nebenflüsse keinen merklichen Unterschied in der anscheinenden Größe des Stromes. Nahe der Mündung sogar wird er enger und enger. – Dagegen ist aber das Wachsthum der Tiefe staunenerregend. Bei St. Louis sind Tiefen von 80 bis 100 Fuß, bei Vicksburg von 120, bei New Orleans von 138 bis 180 Fuß, ja an einigen Stellen will man Tiefen bis zu 225 Fuß gefunden haben.

Will man erst recht ein klares Bild von der Größe des Mississippi und seiner Bedeutung für den Handelsverkehr und die sich in seinem Gebiete entwickelnde Industrie gewinnen, so müssen wir Zahlen zu Hülfe nehmen und zunächst bemerken, daß das Mississippi-Flußsystem 1,238,642 englische Quadratmeilen oder 41 Procent des ohne Alaska 3,025,502 Quadratmeilen großen Areales der gesammten Vereinigten Staaten umfaßt. Der schiffbaren Nebenflüsse des Mississippi sind circa 45 und erstrecken sich dieselben über 16,000 Meilen vom Golf von Mexiko im Süden bis nach den nordöstlichen großen Seen und den Alleghany-Gebirgen.

Die Bevölkerung innerhalb dieses Flußsystems beträgt 43 Procent der Gesammtbevölkerung der Vereinigten Staaten, welche sich jetzt auf weit über 60 Mill. Einwohner beläuft. Das Mississippi-Flußthal bildet das geographische Centrum der Republik; auch der Schwerpunkt der Gesammtbevölkerung ruht in diesem Thale, welches wohl das größte in der geographischen Welt ist und das große afrikanische Congo-Thal überragt. Die gesammte Agrikulturproduktion in diesem Mississippi-Thale beziffert sich auf 1520 Millionen Dollars; die Milch-, Fleisch- und Gartenproduktion beträgt 370 Millionen Dollars; die Manufakturprodukte sind auf 1762 Millionen Dollars angegeben; die Produkte in den Bergwerksminen betragen 176 Millionen Dollars; genug, die Gesammtsumme der Produktion im Mississippi-Thale beziffert sich jährlich auf nahezu 4000 Millionen Dollars.

Der Ausfluß dieses großen Flußsystems in den Golf von Mexiko ist ein natürlicher Fingerzeig auf den Transporthandel zu Wasser mit Mexiko, Central- und Süd-Amerika. Wenn dieses Mississippi-Flußthal, welches viele Millionen noch unbesiedelten Ackerlandes umfaßt, einmal unter voller Cultur sich befindet, wenn ferner die beide Oceane verbindenden Panama-, Nicaragua- und Tehuantepec- Kanäle vollendet sind, so daß die Schifffahrt des großen Mississippi-Flußthales beide Oceane, Central- und Süd-Amerika wie Indien, China, Japan etc. erreichen kann, dann wird sich erfüllen, was Gladstone prophetisch über die Vereinigten Staaten erklärt: »Die Vereinigten Staaten sind es allein, welche in der Zukunft das Handelsprimat uns Engländern entreißen werden. Im großen Haushalte der Welt werden die Vereinigten Staaten das Haupthandwerkszeug bilden, und ihre Dienste werden die praktischsten und die nützlichsten sein.« –

Von der mächtigen Strömung der vereinten Wasserläufe des Missouri und des Mississippi getragen, eilten wir nun in beschleunigtem Tempo der Metropole der mittleren Staaten der Union, St. Louis, entgegen. Unabsehbare Häuserlinien, von zahlreichen Thürmen überragt, tauchten endlich am Horizonte auf und nahmen immer deutlichere Umrisse an; auch die mehr und mehr sich häufenden riesengroßen Ankündigungen von allerhand wohlthätigen Patentmedizinen und sonstigen Quacksalbereien verkündeten nach amerikanischer Weise die große Stadt.

Je mehr wir uns St. Louis näherten, desto rascher wuchs die Flotille von Fahrzeugen aller Art an, welche Capitän Boyton und unserem im Schmucke aller Flaggen prangenden Boote das Geleit gab, desto dichter drängte sich die Menge, welche die Ufer belebte. Und als wir, eingeholt von mehreren Dampfern, der gewaltigen Steinbrücke zusteuerten, welche, ein Wunderwerk modernen Geistes, hier in drei mächtigen Bogen den Strom überspannt – Herr des Lebens, welche Menschenmassen! Schwarz überlagert waren Uferböschung, Brücke, Werfte, Dampfer und Häuser, und überall ein Hüteschwenken und Hurrahrufen, als solle ein neuer Messias bewillkommnet werden.

Angesichts dieser Menge, deren Zahl von den Zeitungen auf über 40,000 Menschen angegeben wurde, kamen nun die Vertreter der gesammten Presse von St. Louis auf einem besonderen Dampfer uns entgegen und übernahmen mit ihrem Boote die Führerschaft der Flotte von Fahrzeugen aller Art, in deren Mitte Capitän Boyton, seine Cigarre rauchend, schwamm. Das Schauspiel, welches sich nun entwickelte, war echt amerikanisch. Ohne Unterlaß tönten als Begrüßung die gellenden Signallaute unzähliger an den Ufern liegender Dampfer; vom Deck des führenden Steamers krachten fortwährend Kanonenschläge, während Boyton, unablässig schwimmend, ein wahres Schnellfeuer von Raketen eröffnete. Mir ward des gräulichen Spectakels endlich zu viel und begab ich mich an Bord des Dampfers, um im Kreise der Herren Collegen von der Feder mich an einem Trunke Bieres zu laben. Wir hatten unterdeß den mittleren Bogen der Riesenbrücke passirt und landeten, von der ungeheueren Menschenmenge schier erdrückt, am Fuße der Poplar-Straße, von wo wir uns nach dem Lindell-Hotel begaben.

Wir beschlossen, in St. Louis zwei Tage der Erholung zu widmen und benutzte ich diese Zeit, um mich kopfüber in das bewegte Treiben der Großstadt zu stürzen. St. Louis hat ein wahrhaft rapides Wachsthum zu verzeichnen. Im Anfang dieses Jahrhunderts noch keine zweitausend Einwohner zählend, hat es deren jetzt über 350,000 und auf Meilen und Meilen zieht sich die Metropole des Westens längs des Mississippi dahin, denselben überall umgürtend mit kolossalen Waarenhäusern, Magazinen und ausgedehnten Fabriketablissements. Ganze Dampfergeschwader und zahllose Frachtschiffe bilden die Verkehrsmittel auf der gewaltigen Wasserstraße, während auf festem Lande zahlreiche Eisenbahnen nach allen Richtungen der Windrose dahineilen. Wie jede andere amerikanische Großstadt, so hat auch St. Louis eine Unzahl von Kirchen, prächtigen Schulen, Bibliotheken und Parks, seine himmelanstrebenden Eisengebäude, kostbaren Sandsteinpaläste, sein halbes Hundert täglicher und periodischer Zeitungen, seine Wasserleitungen und Feuerlöschanstalten.

Als ich in den Nachmittagstunden des Tages unserer Ankunft in St. Louis in Gesellschaft eines Landsmannes durch die Straßen flanirte, führte der Weg an einer Negerkirche vorbei, in welche wir eintraten, da es schon längst mein Wunsch gewesen war, eine solche zu besuchen. Das Gebäude, welches diesem Zwecke diente, sah ziemlich verwahrlost und heruntergekommen aus, und der Eindruck wurde nicht besser, als wir uns mit Müh und Noth die sehr wackelige Treppe hinaufgearbeitet hatten. Der als Betsaal dienende Raum war schrecklich öde; außer zwei großen Kerzenhaltern sah man nirgend einen künstlerischen Schmuck oder eine Verzierung. Die Mehrzahl der Andächtigen bestand aus Frauen aller Hautschattirungen der schwarzen und Mischlingsrace. So reich die Abstufungen der Hautfarbe aber auch waren, die Musterkarte der Costüme war noch reicher, – recht knalliges Gelb und Roth schienen die beliebtesten Farben zu sein. Schönheiten konnte ich unter den papageienbunten › ladies‹ nicht entdecken, dagegen aber machte sich ein ganz eigenartiger Geruch, ein Seelenduft bemerkbar, der selbst Professor Jäger vielleicht etwas gar zu bestimmt gewesen wäre.

Der Negerpastor verstand sein Geschäft, ohne Frage, – nur mußte ich mir den mit einem schoflen schwarzen Gesellschaftsanzuge bekleideten langen hageren Gesellen unwillkürlich in einem Costüme von Pantherfellen und Straußenfedern und inmitten eines großen Kreises gleichbekleideter, speertragender Krieger denken, dieselben zum wüthenden Kampfe gegen einen feindlichen Nachbarstamm anfeuernd. Ein schwarzer Napoleon steckte in diesem armseligen Fracke; so überzeugend, so unwiderstehlich wußte der Kämpfer für das Reich Gottes zu reden, so gewaltig war sein Mienen- und Gebärdenspiel, daß die Zuhörer alles ringsumher vergaßen und nicht allein den eifrigsten Antheil an dem Vortrage nahmen, sondern auch durch laute Zurufe ihre Beifallsäußerungen kund gaben.

» Yes!«, » indeed!«, » that's it!« so scholl es bunt durcheinander, von Männern, Weibern und Kindern. –

Und was war der Inhalt der Rede? Der Pastor wollte Geld für eine neu zu erbauende Kirche, und als Thema für seine Rede hatte er den Bibelabschnitt gewählt, in welchem geschildert ist, wie die Kinder Israels, als es den Bau eines Tempels galt, sich all ihres Goldes und ihrer Kleinodien, ja ihrer Gewänder entledigt hätten, was zu thun der schwarze Seelenhirt seinen schwarzen Schafen nun auch empfahl.

Wie aber die Kinder der Welt von Tag zu Tag verderbter, selbstsüchtiger und der Aufopferung immer weniger fähig werden, so hatte man auch hier die Rede › splendid‹ gefunden und den eifrigsten Antheil an derselben genommen, als aber die Sache schließlich zum Klappen kam und die Aufforderung erging, die Scherflein auf den Altar niederzulegen, da erschienen nur Wenige zu diesem Acte, und keine einzige der anwesenden Schönen machte sich bereit, ihren Schmuck oder gar ihre Gewänder für die gute Sache hinzugeben.

Der Erfolg einer Negerpredigt.

Interessant war noch der Schluß der Andachtsübung. Nachdem die Verse eines kirchlichen Liedes in allen möglichen und unmöglichen Tonarten gesungen worden waren, fiel Alles nieder zum Gebete, aber trotz dieser ernsten Scene konnte ich mich beim Anblicke einzelner Gruppen doch eines stillen Lächelns nicht erwehren: hier lagen einige ladies, bunt wie Fasanen, und schnitten Gesichter gleich melancholischen Hühnern, dort hing ein alter Kirchenvater so über die Brüstung seines Stuhles herüber, daß es den Eindruck machte, als habe Jemand einen leeren Frack über die Lehne gehängt.

Vor uns aber hatte sich ein würdiger Negervater, dessen Kopf ein riesiger, von grauen Locken umgebener schwarzer Mondschein war, angesichts dessen ich Freiligrath's vielfach angefochtenen Vers aus dem Mohrenfürsten

»So tritt aus schimmernder Wolken Thor
Der Mond, der verfinsterte, dunkle hervor«

zum ersten und einzigsten Male verwirklicht und bewahrheitet sah, in seiner Inbrunst unter die Bank verkrochen und stieß hier Jammerlaute aus, die mir anderswo den festen Glauben beigebracht hätten, daß der Erzeuger derselben von fürchterlichen Kolikanfällen heimgesucht sein müsse.

Ist, zum Leidwesen aller Amerikaner, die allzugroße Nähe des Negers im Sommer keineswegs angenehm, so wird dieselbe geradezu fatal, wenn er in religiöse Ekstase geräth, und da die Beschaffenheit der Atmosphäre mit dem Fortschritte der wirklich prächtigen Rede sich stufenweise verschlechtert hatte, so nahmen wir alsbald Stock und Hut, um an die frische Luft zu kommen. –

Ich würde mich der Undankbarkeit bezichten müssen, wollte ich nicht des schönen Abends gedenken, den mir die Mitglieder des deutschen Künstlervereins zu St. Louis bereiteten. Die Mitglieder dieser Gesellschaft, echte Pioniere der Kunst, hatten ein so schönes und reichhaltiges Programm an musikalischen und deklamatorischen Vorträgen zusammengestellt, daß mir die Stunden in dieser westlichsten Kunstoase der Neuen Welt wie im Fluge verrannen. Eine bleibende Erinnerung an diesen genußreichen Abend wurde mir noch durch die Ernennung zum Ehrenmitgliede des Vereins zu Theil.

Am Mittwoch, dem 22. Juni Nachmittags erfolgte unsere Weiterreise unter ähnlicher enthusiastischer Theilnahme des Publikums wie bei unserer Ankunft. Boyton kroch wieder in sein Gummigewand, ich in meine Matrosenbluse, dann ging es per Wagen zum Mississippiufer hinab. Da wir eingeladen waren, an der Brauerei der berühmten Firma Anhäuser anzulegen, so fuhren Charlie und ich in dem Boote voraus und dort wurde nun das letztere mit einer ganzen Kiste des von der Firma gebrauten famosen Exportbieres beladen. Nachdem wir die Ankunft Boyton's abgewartet, ging es weiter, an großartigen Schmelzhütten und Gießereien vorüber, die gewaltige Rauchwolken und Feuergarben zum abendlichen Himmel emporsandten und in dem abendlichen Dunkel unheimlich wie Vulkans Werkstätten aussahen. Reißend schnell brach die Nacht herein und bald konnten wir die allenthalben am Ufer stehenden Menschen nicht mehr erkennen. Allgemach verschwanden auch die letzten Zeichen, welche an die hinter uns liegende Stadt gemahnten, ab und zu pustete noch ein Dampfer mit seinen Feueraugen an uns vorüber, dann ward Alles still. Die Wasser wogten stromab, wallten auf und nieder und am nächtlichen Himmel begannen die Sterne ihren ewigen Lauf, – wir aber trieben dahin auf der von endlosen Wäldern umschlossenen Wasserwüste. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch und lauschten dem Treiben der riesigen Katzenfische, die manchmal gleich urweltlichen Ungeheuern halben Leibes über die Oberfläche des Wassers emportauchten und schnaubend dahinfuhren. Von Müdigkeit übermannt, kamen wir im Morgengrauen an die in der Nähe des Ortes Kaskaskia gelegene gleichnamige Schlucht, in welche wir einbogen, um eine Krümmung des Hauptstromes abzuschneiden. Die Wasser, die sich durch diesen engen Canal zwängen, trugen uns mit einer wahrhaft reißenden Schnelligkeit dahin, so daß wir die etwa 7-8 englische Meilen betragende Länge des Canals in kaum ¾ Stunden zurücklegten. Der Tag verging ohne sonderliche Abenteuer, wir berührten einige kleinere Ortschaften, die sich schon durch die Namen ›Wittenberg‹ und ›Hamburg‹ als deutsche Niederlassungen zu erkennen gaben. Nachmittags passirten wir an einigen inmitten des Stromes stehenden seltsam geformten Felsbildungen vorüber, dem sogenannten ›Großen Thurme‹, dem ›Teufelsbackofen‹, dem ›Teufels-Theetisch‹ und anderen ähnlich grotesken Formationen mehr.

Da wir, um recht bald unser Ziel, die Ohiomündung, zu erreichen, beschlossen hatten, die zweihundert Meilen betragende Entfernung zwischen St. Louis und diesem Punkte ohne jeden Aufenthalt zurückzulegen, so fuhren wir auch die folgende Nacht hindurch, ohne Ruhe gehalten zu haben. Durch die Anstrengung der Reise einestheils, anderntheils auch durch die Menge des genossenen Bieres übermannt, fiel Charlie aber während der ihm zufallenden zweiten Nachtwache in Schlaf, verlor beide Ruder und so trieben wir, da am Tage zuvor das Steuer des Bootes unbrauchbar geworden war, gänzlich hülflos auf dem wild rauschenden, von › snags‹, Wirbeln und Untiefen erfüllten Flusse dahin, fürwahr, keine sonderlich beneidenswerthe Lage in der stockdunklen Nacht. Unser Ruf nach Boyton blieb ungehört; gleichfalls eingeschlafen, war er, sein Doppelruder im Arm haltend, an der anderen Seite einer großen Insel vorbeigetrieben und befand sich weit entfernt von uns. Die Situation ward immer kritischer, manchmal hörten wir, wie das Wasser ganz in unserer Nähe gleich einem rauschenden Mühlbache um irgend einen uns unerkennbaren Gegenstand dahinwirbelte, ein andermal wie es sich tosend an einem Baumstamme brach, dessen Wurzeln in dem schlammigen Grunde fest verankert waren. Endlich war es mir gelungen, den Doppelboden unseres Bootes aufzureißen und zimmerte ich nun aus den Brettern desselben mit Hülfe meines Faschinenmessers ein paar Nothruder, welche auch glücklicherweise bis zum Endpunkte unserer Reise Stand hielten. Boyton kam gegen Morgen, immer noch schlafend auf dem Wasser dahintreibend, wieder in Sicht.

Während unserer weiteren Fahrt erschien mir der untere Mississippi nun keineswegs so uninteressant, als er den in Dampfbooten flüchtig dahinziehenden Reisenden erscheinen mag, und deren Schilderungen der ›Vater der Ströme‹ zwar den Ruf des majestätischsten, aber zugleich auch des langweiligsten Wasserlaufes der Erde verdankt. Um das Interessante des Flusses beobachten zu können, ist es allerdings in erster Linie erforderlich, nach Willkür sich vorwärts bewegen oder rasten zu können, wozu der auf den Raum des Dampfers beschränkte und an diesen gebundene Reisende keine Gelegenheit findet.

Von hohem Interesse schon sind die unzähligen Stromwindungen, hier › bends‹ genannt. Der ruhelose, mächtige Strom unterliegt allenthalben beständigem Wechsel; bald fließt er, durch keine Insel getheilt, breit wie ein Meer dahin, bald theilt er sich in verschiedene Arme, von denen der bedeutendste in eigener Laune einen meilenlangen Bogen beschreibt, während die schmäleren unbeirrt gen Süden eilen, um dann mit ihrem reumüthig zurückkehrenden, stärkeren Bruder wieder zusammenzutreffen. Im nächsten Frühjahr, beim Eintritt der Hochfluth, wendet sich die Hauptmasse des Stromes vielleicht gerade einem der engeren Canäle zu, thürmt, denselben gewaltsam erweiternd, vor dem Ein- und Ausgange des bisherigen Hauptarmes mächtige Sandbänke auf, die immer höher und höher werden und schließlich die Stromfläche übersteigen. Weiden entsprießen dem neuen Ufer, mit ihrem festen Wurzelwerk in kurzer Zeit den Sand zu einer festen Masse verbindend. So wird das alte Strombett verschlossen, ein See ist gebildet, der keine Verbindung mehr mit dem Flusse besitzt und dem Volke nur als › Old River‹ bekannt ist. Höchst interessant ist noch der Umstand, daß infolge dieser Neigung des Mississippi zum Durchschneiden der Halbinseln der Stromlauf innerhalb des letzten Jahrhunderts wesentlich kürzer geworden ist. Im Jahre 1722 verkürzte sich der Strom dadurch um 33 Meilen, daß er die Kurve bei Port Hudson in Louisiana durchbrach. Auf dieselbe Weise wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts der Strom um weitere 30 Meilen verkürzt, indem der › Raccourci Cut-off‹ geschnitten wurde. In welch' großartigem Maßstabe diese Veränderungen des Stromlaufes und die Verlegung des Bettes vor sich geht, kann man aus der einfachen Thatsache ersehen, daß die Länge des Stromes zwischen Cairo und New Orleans, die im Jahre 1721 noch 1173 Meilen betrug, heute nur noch 942 Meilen beträgt. Demnach verkürzte sich der Fluß innerhalb der letzten 160 Jahre um 231 Meilen!

Derartige ehemalige Strombetten, jetzt zumeist halbmond- oder S-förmig gestaltete Lagunen, Sümpfe und Seen leuchten überall durch die Baumgruppen, sie liegen bis auf 50 Meilen vom gegenwärtigen Stromlauf entfernt, von der Hochfluth her auch zahllose kleinere Tümpel und trostlose, fieberhauchende Sümpfe, die nur von widrigen Reptilien und den auf dieselben Jagd machenden Pelikanen und Stelzvögeln belebt sind.

Die menschliche Bewohnerschaft dieser Striche ist vorwiegend dunkel, und diese dunkle Farbe tritt immer stärker hervor, je weiter wir nach Süden gelangen. In Cairo schon machen die Neger den Hauptbestandtheil der Bevölkerung aus und die Hütten, welche von diesen krausköpfigen Gentlemen bewohnt werden, haben gerade so viele Löcher, wie die armseligen Fetzen, mit denen die Stammesgenossen ›Onkel Tom's‹ Toilette gemacht haben.

Am 24. Juni, früh 11 Uhr, waren wir nach einer Fahrt von fünfundzwanzig Tagen und fünf Nächten am Ziele unserer Reise, der Mündung des Ohio, wohlbehalten angelangt. Von diesem Punkte aus hatte Boyton schon früher, im Jahre 1879, den unteren Lauf des Mississippi bis zum mexicanischen Meerbusen genau in derselben Weise bereist, wie diesmal den oberen Theil des Stromes in meiner Gesellschaft. Ich drückte dem wackeren Capitän herzlich die Hand und gratulirte ihm zu der glücklichen Beendigung seines außergewöhnliche Ausdauer und Energie bekundenden strapaziösen Unternehmens, das er durch seine letzte einundvierzigstündige Tour, während welcher er, ohne das Wasser nur einen Augenblick zu verlassen, zweihundert Meilen zurückgelegt, so schön gekrönt hatte. Hell klangen die Gläser aneinander, und in echtem deutschen Gerstensafte tranken wir uns zu auf ein lebenslängliches Gedenken unserer nunmehr beendeten, gemeinschaftlichen Mississippifahrt.

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