Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Cronau >

Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170417
projectid4714fdd4
Schließen

Navigation:

Durch die Prairien von Kansas.

Cow-boys. (Nach Frénzeny.)

Aus den Wildnissen der Felsengebirge kehrte ich nach Cañon City zurück. »Was giebt's zu sehen in Cañon City?« fragte ich den Hotelbesitzer, in dessen Hause ich abgestiegen war.

»Oh, tausende von interessanten Dingen!« entgegnete er, und flink sprang er davon, um den › Annual Record‹ herbeizuholen, in welchem eine lange Liste der › Advantages, natural and otherwise‹ zusammengestellt war.

Da standen aufgeführt: ›Sodaquellen; Eisenquellen; warme Sodabäder; weite Straßen; ausgezeichnete Stadtlage; immense Wasserkraft; unerschöpfliche Kohlenfelder; großartige Wasserwerke; vorzügliche Bausteine; Lehmgruben; Eisenminen; Micaminen; Bleiminen; Silberminen; Ölquellen; Bewässerungsgräben; ein Überfluß an Schattenbäumen; Pfirsiche; Pflaumen; Birnen; Äpfel; Wallnüsse; Weintrauben; Gemüse; Korn; Blumen; Bienen; ein 15,000 Dollars-Schulhaus; ein 20,000 Dollars-Rathhaus; Masonictempel; ein Bürgermeistereiamt; niedrige Steuern; gesprengte Straßen; sieben Kirchen; ein Theater; Zahnärzte erster Klasse; zwei Zeitungen; renommirte Ärzte; gute Lehrer; Ziegel- und Steingebäude; beste Gesellschaftskreise; Schutz vor kalten Winden; kolossale Waarenlager; Eisenbahn- Verbindungen; gute Landgüter; Viehhürden; ausgezeichnete Hotels; Militärschule und – Kindergarten.‹

Da in diesem langen, schön geordneten Verzeichnisse leider nichts vorhanden war, was ich mir näher anzusehen gewünscht hätte, so schüttelte ich bald den Staub der Cañon City von meinen Füßen, bestieg die Eisenbahn und reiste nach Pueblo, woselbst die Denver & Rio Grande-Eisenbahn mit der die Prairien von Kansas quer durchschneidenden Atchison, Topeka & Santa Fé-Bahn zusammentrifft.

Der mit stattlichen Gebäuden versehene Bahnhof hat seit kurzem eine Curiosität aufzuweisen, eine einem Rothholzstamme entnommene mächtige Platte, die mit einem Geländer umgeben, auf der einen Seite folgende Inschrift trägt:

 

The old Monarch.«

Alt 366.

Wurde am 25. Juni 1885 im South Pueblo gefällt und war in ganz Colorado als die älteste Landmarke bekannt. Während des Pikes Peak Excitement haben viele müde Ansiedler unter den Zweigen dieses Baumes Zuflucht gefunden. Im Jahre 1850 wurden in der Nähe dieses Baumes 36 Personen von Indianern massacrirt. 14 Personen sind zu verschiedenen Zeiten an den Zweigen dieses Baumes aufgeknüpft worden und unter ihm wurde die erste weiße Frau begraben, die in Colorado gestorben ist. Kit Carson, Buffalo Bill und viele andere berühmte Trapper und Indianer haben häufig ihr Lager im Schatten dieses Baumes aufgeschlagen. Beachte die Anzeigen auf der Rückseite der Platte.

 

Wie der findige Yankee das Interessante mit dem Nützlichen zu verbinden weiß, so ist die Rückseite dieser interessanten Reliquie als Plakattafel verwendet worden und dient zur Bekanntmachung von allerhand Mittheilungen, worunter Quacksalbereien den Hauptrang einnehmen. –

Und nun entführte mich der Zauberer Dampf dem Bannkreise der hinter mir versinkenden Gebirgsherrlichkeit, immer verschwommener wurde das blaue Gezack der Felsengebirge, immer mehr erschienen seine leuchtenden Schneefelder gleich fernen Wolkengebilden, endlich herrschte nichts rings um mich her, als Himmel und Land, die unermeßliche Prairie.

In ihrer Ausdehnung und Monotonie einem Ocean gleich, dehnt sich dieselbe breit und wellenlos vom Fuße der Felsengebirge viele hunderte Meilen weit bis zum Missouri und dem Mississippi, jeglicher Erhebungen entbehrend und nur von sandigen, nicht schiffbaren Strömen durchschnitten.

»Hier locken keine Trümmer
Versunkener Pracht
Den forschenden Blick
Zurück in das Dunkel der Vorzeit.
Aus dieser öden Unendlichkeit
Ragt kein Denkmal empor,
Von vergangener Größe zu zeugen.
Nie von blumenbekränzten Altären stieg
Hier Weihrauch empor;
Kein säulengetragenes Heiligthum
Versammelte Menschen zur Andacht.
Kein Saitenspiel rief zu fröhlichem Tanz
Jünglinge und Mädchen in's Freie.
Die Tage schwanden, wie Wellen des Meers,
Bald stürmisch wild, bald ruhig hin,
Doch stets ohne bleibende Spuren,
Ohne Merkmal von Gestern und Heute ...«

So zeichnet der Sänger des Mirza Schaffy die Prairie, deren goldbrauner Schimmer verkündete, daß das Ende des Herbstes hereingebrochen sei.

Diese nach Osten hin sanft abfallenden Ebenen, auf denen kein lebendes Wesen sichtbar wurde, wimmelten einst von thierischem Leben, und noch jetzt verrathen unzählige, das Land nach allen Richtungen hin kreuzende, tief ausgetretene Pfade die Plätze, wo dereinst Tausende und aber Tausende von Büffeln zogen. War doch Kansas der Büffelstaat par excellence, und als solcher auch auf den alten Landkarten durch das Bild eines Büffels bezeichnet, gleichwie Utah durch einen Bären, Nebraska durch eine Antilope, Iowa durch einen Biber charakterisirt waren. Büffel gab es vor dreißig, vierzig Jahren noch in so unglaublicher Menge, daß dieselben durch die Massenhaftigkeit ihrer Heerden manchmal den ersten Pacificeisenbahnen lästig fielen und die Züge zu stundenlangem Warten zwangen, bis der letzte der riesigen Wiederkäuer vorübergezogen war.

Diese gewaltigen Heerden sind dahin, die Zerstörungswuth des Amerikaners hat sie hinweggefegt, gleichwie heute die Urwälder unter den Beilen geldgieriger Spekulanten dahinsinken. ›Rasch erwerben,‹ so lautet ja die Devise, ›nach uns die Sündfluth!‹

Ist es doch leider ein eigenthümlicher Zug im Charakter des Amerikaners, sich mit aller Energie der Gegenwart hinzugeben, ohne der Zukunft zu gedenken, auszubeuten, ohne Rücksicht auf später nothwendig werdenden Ersatz zu nehmen.

Wäre es nicht die höchste Zeit, daß strenge Gesetze zum Schutze des Baumwuchses und Wildes erlassen würden? Geht es weiter wie bisher, so ist die Zeit nicht mehr ferne, wo in Amerikas Wäldern und Steppen kein Wild mehr wandelt, und die kommende Generation sich von Hirschen, Büffeln und Bären als wie von sagenhaften Thieren der Vorzeit erzählt. Nimmt doch in gleicher Weise der Fischreichthum in den Flüssen und Seen erschreckend ab, trotz der mannigfachen Versuche, durch künstliche Brut den Ausfall zu ersetzen. Massenhaft werden die Fische vernichtet, vergiftet und sogar durch Anwendung von Explosivstoffen getödtet. An Vorschlägen zur Einschränkung dieser amerikanischen Vernichtungswuth hat es freilich nicht gefehlt, doch dieselbe sträubt sich gegen die Fesseln des Gesetzes und weiß dem Erlasse solcher fast stets mit Erfolg entgegen zu wirken.

Dem Eisenbahnreisenden kommen seit Jahren schon keine Büffel mehr zu Gesichte, selten, daß einmal ein Rudel flüchtiger Antilopen am Horizonte auftaucht, um bald wieder zu verschwinden. Nur die Dörfer der an Fleisch und Fell werthlosen Prairiehunde bringen einige Abwechselung in das ewige Einerlei der Landschaft, und der Reisende beobachtet gerne die kleinen Nager, die auf den Hinterfüßen sitzend, hochaufgerichtet auf ihren Erdhügeln hocken und neugierig dem vorüberbrausenden Dampfungeheuer nachblicken. In diesen Dörfern, die mitunter Tausende von Höhlen enthalten und, sich aneinander reihend, oft einen Flächenraum von vielen Quadratmeilen bedecken, herrscht unausgesetzt das regste Leben. Da sieht man die Thiere von Höhle zu Höhle gehen, als ob sie einander Besuche abstatteten; zuweilen hocken einige in Haufen beisammen, als wie in wichtiger Berathschlagung begriffen, dort sind andere beschäftigt, die kleinem Hügel vor den Höhlenöffnungen zu fegen oder das zarte, zwischen den einzelnen Hügeln sprießende Krausgras abzuweiden, das ihnen die nöthige Nahrung bietet. Fällt aber ein Schuß oder kommt ein Besucher den Hügeln zu nahe, so eilt die ganze Gesellschaft in die Erdlöcher hinab und läßt sich nicht wieder sehen, bis die drohende Gefahr verschwunden ist.

Bekannt ist die seltsame Erscheinung, daß diese Prairiehunde in kameradschaftlichster Beziehung zu zwei Thieren stehen, die in ihren Erdlöchern bisweilen ein Unterkommen suchen, und zwar sind dies die Erdeule und die Klapperschlange.

Diese Thatsache ist um so auffallender, als Erdeulen und Schlangen die schlimmsten Feinde anderer Nager sind. Da sitzen die kleinen graubraunen, weißgesprenkelten Eulen über dem Eingange, mit ernsthaften Gesichtern dreinschauend, als ob sie ihn zu bewachen hätten. Die Schlange hingegen sonnt sich in den Gassen des Dorfes, kriecht bei Nacht mit in die Höhlen hinein und lohnt wahrscheinlich ihren freundlichen Wirthen die Gastfreundschaft, indem sie es sich zur Aufgabe macht, dieselben von einer allzu zahlreichen Nachkommenschaft zu befreien.

Auf den ehemaligen Weideplätzen der Büffel grasen jetzt zahlreiche Viehheerden, die von einzelnen größeren Viehzüchtern oder auch von ganzen Gesellschaften hier gehalten werden. Nur Wenige haben einen Begriff von den ungeheueren Viehheerden, die in Kansas, Nebraska, Wyoming, Colorado und Neu Mexiko weiden. Bereits im Jahre 1876 repräsentirten die in Kansas umherziehenden Heerden einen Werth von 16 Millionen Dollars, derselbe stieg aber bis zum Jahre 1882 auf 43 Millionen. Man schätzte zur Zeit meiner Reise die Zahl der Rinder auf zwei Millionen, die der Schafe aus eine gleiche Kopfzahl. Vor Kurzem haben über freie Zeit verfügende Statistiker sogar ausgerechnet, daß, im Falle sämmtliche Viehheerden von Kansas in einem geschlossenen Zuge zu je fünf Rindern in einer Reihe quer durch die Staaten Missouri, Illinois, Indiana, Ohio und Pennsylvanien nach New York transportirt werden sollten, die Spitze dieses Zuges bereits die Harlem River Brücke bei New York passiren würde, bevor das Ende desselben den Missouri bei Atchinson überschritten hätte.

Die Viehzucht wird in verschiedener Weise betrieben. Die eine besteht darin, daß man die Heerden frei und ohne Aufsicht umherziehen läßt. Selbst im Winter bleiben die Thiere draußen ohne alles Obdach und nur einmal im Hochsommer werden dieselben von berittenen Cow-boys, den Knechten der verschiedenen Heerdenbesitzer, an gewissen vorher bestimmten Punkten zusammengetrieben. Da die Heerden sich über weite Strecken verbreiten, so nimmt die Inscenirung eines solchen › Round-up‹ mitunter Wochen in Anspruch. Ein jedes, während des Sommers geborene, stets der Kuh folgende junge Rind wird nun mit dem Zeichen gebrannt, welches die Mutter des Thieres trägt, die bereits früher von ihrem Eigenthümer gezeichnet wurde. Ein jeder Heerdenbesitzer hat nämlich ein eigenes Zeichen, den sogenannten › Brand‹, welches wie eine Geschäftsmarke gerichtlich eingetragen und gegen Mißbrauch geschützt ist. Diese Zeichen ermöglichen es nun den Heerdenbesitzern, die ihnen gehörigen Thiere aus der großen Masse auszusondern und so den Bestand ihrer Heerden zu erkennen.

Brandzeichen zum Markieren des Viehes.

Diese › loose herding‹ genannte Methode der Viehzucht hat den Vortheil, daß die Besitzer so gut wie keine Ausgaben für Bewachung der Heerden haben, dagegen hat sie aber auch den Nachtheil, daß den Heerden mitunter durch wilde Thiere und noch mehr von Viehräubern großer Schaden zugefügt wird, welch' letztere es in meisterlicher Weise verstehen, die Brandmarken des Viehes mittelst eines Glüheisens so umzuändern, daß dasselbe sogar von dem rechtmäßigen Eigenthümer nicht mehr mit Bestimmtheit erkannt wird.

Verfallen nun auch die Viehdiebe im Entdeckungsfalle sofort dem Lynchgesetze, so ist der Abgang aber immer noch so groß, daß in neuerer Zeit die meisten Heerdenbesitzer zu dem › close herding‹ übergegangen sind, wo die Thiere unter beständiger Bewachung von Cow-boys innerhalb bestimmter, durch Stacheldraht eingefriedigten Gebiete weiden. Diese eingefriedigten Gebiete sind manchmal sehr groß, hat man doch einzelne derselben, die einen Flächenraum bis zu 250,000 Acres einnehmen. Erfordert dieses Verfahren auch ein bedeutendes Kapital, da die Einzäunung eines solchen Weidelandes auf etwa 160 Dollars pro englische Meile zu stehen kommt, so ist der Verlust an Vieh dagegen fast Null.

Gar mancher Heerdenbesitzer ist durch diese Viehzüchterei im Großen zum Millionär geworden, dieselbe ist aber auch mit Risico verbunden, denn mitunter ereignet es sich, daß ein besonders strenger Winter eintritt und Heerden von hunderttausend Köpfen erfrieren. Da diese Verluste in Folge der Kälte ungeheuere sind, so wird man wohl, namentlich nach den bitteren Erfahrungen der letzten Jahre, damit beginnen müssen, sich besser auf den Winter vorzubereiten und Schutzmaßregeln zu ergreifen. Die Viehzüchter streben in der Regel nach einem allzugroßen Viehbestand und sind, je größer derselbe ist, um so weniger in der Lage, demselben gegen vernichtende Winterstürme ein schützendes Obdach zu gewähren. Alles zielt zu sehr auf schnelle Bereicherung und verfehlt mitunter gerade dadurch dieses Ziel.

Haben wir die Cow-boys, die Viehhirten, schon mehrfach im Genusse ihrer Freiheit geschildert, so wollen wir dieselben nun auch bei ihrer Arbeit betrachten, die rauh und mühsam ist. Sie befinden sich fortwährend im Sattel, müssen mit einer sehr einfachen Kost und einer noch einfacheren Lagerstätte vorlieb nehmen.

Ein ehemaliger deutscher Offizier, den die Stürme des Lebens hierher verschlagen haben und welcher nun die wenig beneidenswerthe Stellung eines Cow-boys einnimmt, schilderte in einem Briefe das Leben folgendermaßen: »Zehn Mann haben 80 bis 100 Pferde und einen Wagen nebst Koch zur Verfügung, ziehen so im Lande umher, treiben die Kühe zusammen und ›branden‹ sie. Man steht gewöhnlich um 3 oder 4 Uhr Morgens auf, und nachdem man sein Frühstück eingenommen, reitet man Meilen und Meilen weit in die Prairie hinaus und treibt alle Kühe und Kälber, die einem in die Quere kommen, zusammen. Um 9 Uhr ist diese Arbeit gewöhnlich beendet, und hat man dann schon einige Meilen zurückgelegt, denn hier wird nur im Galopp geritten. Um 9 Uhr nimmt man einen neuen Gaul und sucht seine Kühe aus den Zusammengetriebenen heraus, was bis zum Mittag dauert. Nach eingenommenem Mittagessen, welches eine halbe Stunde in Anspruch nimmt und bei dem Tag für Tag Rindfleisch servirt wird, nimmt man ein frisches Pferd und brandet die Kälber. Jedes Kalb wird gefangen, zu Boden geworfen und dann mit einem glühenden Eisen gebrandet. Ich kann Ihnen sagen, es ist dies eine heillos schwere Arbeit. Es ist kein Spaß, ein Kalb von 100 oder 200 Pfund Gewicht zu fangen, niederzuwerfen und festzuhalten, bis ihm das glühende Eisen aufgedrückt worden ist. Ist diese Arbeit gegen 4 Uhr beendet, so nimmt man ein neues Pferd und begiebt sich wieder einige Meilen weiter. Endlich kommt der Abend, und Alle haben Ruhe, nur nicht der Cow-boy. Von 8 Uhr ab beginnt das Wachereiten. Man hat jede Nacht zwei Stunden zu reiten und ist dies äußerst ermüdend. Ich bin manchmal zum Umfallen müde und habe schon oft auf dem Pferde geschlafen, sobald wir einmal stillhielten. Dazu kommt, daß man nie im Schatten ist; den ganzen Tag ist man der Sonne ausgesetzt. Bäume bekommt man nie zu sehen, nur Gras und Kühe und Klapperschlangen. Man trinkt hier ein Wasser, in dem ich mir früher nicht die Hände gewaschen hätte. Aber man trinkt es und mag es noch so schmutzig sein, wenn man sich nur die Zunge netzen kann. Man legt sich auf die Erde nieder und trinkt wie ein Hund. Ich konnte das Wasser in der ersten Zeit nicht trinken, denn der Schmutz knirschte einem im Munde, jedoch Noth bricht Eisen; jetzt trinke ich Alles. Um sich abzukühlen, setzt man sich in den Schatten seines eigenen Pferdes, wenn man Gelegenheit hat, oder liegt unterm Wagen. Die Leute sind entsetzlich roh. Vor kurzem schlugen sich zwei und einer schoß den anderen auf der Stelle todt. Zwei andere prügelten sich, so daß einer wie todt liegen blieb. Ich bin freundlich, ruhig und bestimmt gegen alle und komme gut aus.

In einer kleinen Stadt in der Nähe haben die Cow-boys eine Schlägerei gehabt, 8 Menschen sind getödtet. Es geht hier bunt her, Sie können es mir glauben, man muß sich zusammennehmen, um durchzukommen. Man hat hier brillante Betten, meines besteht aus drei Pferdedecken, diese legt man auf die Erde und deckt sich damit zu, › no matter‹ was für Wetter. Man sieht, mit Blut von Kälbern bedeckt, im wahren Sinne des Wortes wie ein Schwein aus, man verliert alles Interesse an der Außenwelt, wird gleichgiltig und abgestumpft gegen Alles.

Ich fange noch einen neuen Bogen an, obgleich mich die Fliegen etc. so beißen, daß es kaum zum Aushalten ist. Man muß auch auf der Ranch mit der ganzen Gesellschaft zusammen in einem Zimmer schlafen und essen; ich schlafe jedoch lieber draußen im Freien, als mit den Leuten zusammen, die nur alle 4-6 Wochen einmal ihre Hemden wechseln. Sie können sich das Odeur denken. So lange man im Freien ist, hält man es schon aus. Ich bin schon auf dem Punkte gewesen, alles über den Haufen zu werfen und irgend etwas anderes anzufangen, denn es ist ein zu anstrengendes Leben. Ein alter Cow-boy, der 13 Jahre im Geschäft ist, sagte mir, er hätte sich gewundert, daß ich es aushielte, und so wundern sich alle.

Doch nun Adieu, ich bin müde und lege mich auf den Fußboden zu den Flöhen, von denen es hier wimmelt, die einzige anständige Gesellschaft; sie sind wenigstens stumm und spucken einem nicht auf die Stiefel.«

Die bei einem › Round-up‹ für den Markt ausgewählten Thiere werden von den Cow-boys nach der nächsten Bahnstation getrieben und dort nach den großen Städten des Ostens versandt.

Einer der bedeutendsten dieser Verladeplätze ist Dodge City, die Hauptstadt des Ford Kreises.

Von jeher ist der Zusammenfluß an Viehzüchtern, Viehhändlern, Cow-boys und Fuhrleuten hierselbst ein kolossaler gewesen, denn von hier aus gingen in ganzen Karawanen Frachtwagen mit Gegenständen der verschiedensten Art nach dem Indianer-Territorium, nach Colorado, Neu Mexiko, Arizona und Texas, ferner war der Ort ein Hauptstapelplatz für den Handel mit Fellen, Hörnern und Knochen. Die Zahl der Bewohner der Stadt wechselte stets zwischen zweihundert bis dreitausend Köpfen, denn die Mehrzahl waren Durchzügler. Diese wenigen Bewohner aber führten ein solches Sodom- und Gomorrhaleben, daß Dodge City als der wildeste Platz des fernen Westens weithin berüchtigt wurde.

Tagaus, tagein trieben sich hier die Bullwhackers, die Fuhrleute umher, um in Gesellschaft von Cow-boys und Dirnen des gemeinsten Schlages ihr mühsam verdientes Geld zu vergeuden. Fast jedes Haus war ein Wirthshaus, Spielsaal oder Bordell, überall klirrten die Gläser und rollten die Goldstücke, dazwischen ertönten die rohen Redensarten und gräulichen Flüche der wüsten Gesellen.

In neuerer Zeit ist der Zustand in Dodge City ein besserer geworden, dank dem Eingreifen eines Vigilanz Comités, das sich aus den besser gesinnten Elementen des Ortes bildete. Daß die Anhänger dieses geheimen Vehmebundes aber ihr Leben voll und ganz in die Schanze schlagen mußten, beweist der Umstand, daß seit Gründung des Ortes im August 1872 bis Herbst 1883 über dreißig Bürger hier erschossen wurden, welche geregelte Zustände schaffen wollten.

Daß das rohe Leben hierselbst immer noch zeitweise zum Durchbruch kommt, das bewiesen die ersten zehn Tage des Mai 1883, wo allerlei Gesindel eine solche Schreckensherrschaft in der Stadt ausübte, daß die friedliebenderen Bürger an den Gouverneur des Staates Kansas das Ersuchen richteten, den Kriegszustand über die Stadt zu verhängen. Die Desperados aber sandten zu jedem einlaufenden Zuge einen Haufen Bewaffnete hinaus, um jede Einmischung von auswärts zu verhindern. Den Zeitungskorrespondenten wurde anbefohlen, keine Telegramme abzuschicken; einem zur Hülfe herbeigerufenen Advokaten wurden Gewehre vor den Kopf gehalten und das Betreten der Stadt verwehrt.

Dieselbe bestand zur Zeit meiner Durchreise noch aus einer langen Reihe von elenden Bretterbuden, zumeist Hotels und Saloons. In den Seitenstraßen waren noch genug jener verhängten Fenster zu sehen, die durch darangeklebte Aufschriften wie ›Inez‹, ›Maude‹, ›Rositta‹, ›Jane‹ verriethen, daß innerhalb des Raumes die Trägerinnen der jeweiligen Namen als Priesterinnen der Venus fungirten.

Kaum unter einem Volke grassirt die Neigung heimliches Gericht zu halten, so sehr als wie bei dem amerikanischen, wo die ›Regulatoren‹ oder ›Vigilanz Comités‹ in jeder neubesiedelten Gegend eine immer wiederkehrende Erscheinung sind. Diese ›Regulatoren‹ gehen vor allen Dingen darauf aus, die bestehenden Zustände zu verbessern, vornehmlich da, wo die Gesetzlosigkeit überhand nimmt und die Rechtspflege der Situation nicht gewachsen ist.

Namentlich schreiten dieselben da zu einem sehr summarischen Verfahren, wo man eine Beeinflussung der Richter zu Gunsten der Verbrecher vermuthet, die befürchten läßt, daß die Delinquenten straflos ausgehen möchten. Da rottet sich dann die Menge, welche befürchtet, daß der Verbrecher der verdienten Strafe entrinnen möchte, zusammen, zieht vor das Gefängniß, überwältigt die Wächter, schlägt die Thüren ein und erschießt die Gefangenen.

Vielfach werden diese Vehmgenossen in dem Bestreben, die Moral zu verbessern, in sehr kurzer Zeit zu Fanatikern und begehen im Namen der Gerechtigkeit und der Moral scheußliche Gewaltthaten. Es wird keineswegs immer untersucht, ob die Verdächtigen auch wirklich die Schuldigen sind, haben sich die Vehmrichter in den Kopf gesetzt, daß der oder jener der Thäter des Verbrechens sei, so genügt dies, um sich der Person des Betreffenden zu bemächtigen und denselben je nach Laune zu hängen oder zu erschießen. So geschieht es nicht selten, daß Personen dem Lynchgerichte verfallen, die, wie sich hinterher herausstellt, des ihnen vorgeworfenen Verbrechens vollkommen unschuldig waren.

Zur Zeit meiner Reise ereignete sich in Colorado der Fall, daß ein deutscher Professor, der Studien halber die Felsengebirge durchzog und arglos von zwei des Weges kommenden Pferdedieben ein kurz zuvor gestohlenes Maulthier käuflich erstanden hatte, von den Verfolgern der Gauner erreicht und trotz seines Ausweises als der vermeintliche Pferdedieb erbarmungslos aufgeknüpft wurde.

Von einem ähnlichen Falle, der sich im Februar des Jahres 1888 ereignete, schreibt der › Chicago Herald‹ folgendes:

 

»Die kleine Stadt Helena ist in Bewegung. Gestern früh traf eine Bande von Lynchern hier ein und begab sich augenblicklich nach der Wohnung von Mrs. Williams, um ihr mitzutheilen, daß ihr Mann heute Nacht aus Versehen gelyncht worden sei. Nachdem sie derselben ihr Bedauern ausgesprochen, begab sich die Truppe auf's Neue an die Verfolgung des wirklichen Übelthäters. Der Jammer der unglücklichen Frau spottet jeder Beschreibung; man fürchtet für ihren Verstand.«

 

Manche dieser geheimen Organisationen, wie z. B. die neuerdings weitverbreiteten ›Weißkappen‹ geberden sich als Tugendwächter und Sittenrichter; sie haben es vorzugsweise darauf abgesehen, die Heiligkeit des Familienlebens zu schützen und Trunkenheit und andere Laster zu bestrafen. In welcher Weise diese Tugendrichter mit ihren Opfern mitunter verfahren, geht aus einer Begebenheit hervor, die sich im August des Jahres 1889 in Dyersville in Iowa ereignete. Daselbst hielt ein Mann, der Frau und Kinder hatte, eine Maitresse, wurde aber auf Ersuchen seiner Frau von einer Anzahl Männer in dem Hause dieser Maitresse aufgesucht.

Vergeblich suchte der Überfallene zu flüchten, er wurde eingefangen und nach einer Anstreicher-Werkstätte geschleppt; dort wurde er entkleidet, von oben bis unten roth und grün bemalt und mit Terpentin bespritzt. Dann wurde er im Schlamm herumgerollt und durch die Straßen gezogen, bis er beinahe todt war. Als man ihn endlich laufen ließ, wurde er von seinen Freunden schleunigst aus der Stadt gebracht.

In den südlicheren Staaten ereignet es sich zuweilen, daß eine Negerin, die Gelüste hat, sich mit einem Weißen ehelich zu verbinden, vor der Hochzeit eine › White-washing‹ erhält, d. h. überfallen und mit Pinsel und Tünche bearbeitet wird, um also ihres weißen Bräutigams zum wenigsten äußerlich ebenbürtig zu sein.

Diese Arten der Bestrafung erinnern an das früher beliebte, jetzt aber nur noch selten zur Anwendung kommende ›Theeren und Federn‹, ein Verfahren, welches nicht nur als äußerst schimpflich galt, sondern für den also Traktirten auch mit den größten körperlichen Schmerzen verbunden war. Der Strafverfallene wurde nämlich über und über mit Theer bestrichen und sodann in einem Haufen Federn umhergewälzt, bis daß er einem Riesenvogel täuschend ähnlich sah. Diesen Aufputz wieder zu entfernen, kostete dem Gefederten unendliche Mühe, zumal schon der dicke Theerbelag, der die Thätigkeit der Hautporen vollständig unterdrückte, einen Zustand furchtbarer Beängstigung verursachte. Auch überzog der Theer die feinen Haare, die den Körper bedecken, so fest, daß die kleinste Änderung der Stellung das Gefühl verursachte, als ob ein jedes Haar einzeln ausgerissen würde. Nicht minder schmerzhaft war die mittelst Öls, Besen und Bürsten zu bewirkende Entfernung des Theeres, was geraume Zeit in Anspruch nahm und, wenn auch mit größter Behutsamkeit durchgeführt, den Körper in einem Zustande der Blutrünstigkeit zurückließ, der erst nach Wochen eine völlig schmerzlose freie Bewegung der Glieder wieder gestattete.

Eines der Mittel, durch welches die friedliebenden Elemente des Staates eine Besserung in den Zuständen herbeizuführen suchten, war die am 1. Mai 1881 erfolgte Einführung des Temperenzgesetzes, durch welches die Herstellung und der Verkauf von spirituösen Getränken irgend welcher Art innerhalb des ganzen Staates unter Androhung schwerer Strafen auf's Strengste verboten wurde. Darnach dürfen Bier, Wein und Branntwein nur auf Grund ärztlicher Verordnungen verabreicht werden. Wie aber in Amerika fast ein jedes Gesetz nur gemacht zu werden scheint, um umgangen zu werden, so wußte man auch diesem Temperenzgesetze vielfach ein Schnippchen zu schlagen. War im westlichen Kansas dasselbe von Anfang an ein todter Buchstabe, so fanden sich im Osten des Staates gleichfalls überall Häuser, in denen der Geheimverkauf von Getränken flott betrieben wurde, und ersannen namentlich die bisherigen Wirthe mitunter drollige Wege, um ihren Kunden doch noch den ersehnten Trunk zu spenden. Ganz einfach wurde das Getränk, welches als ›Bier‹ auszuschenken verboten war, unter den Namen ›deutscher Thee‹, ›braune Sauce‹ oder ›Meerschaum‹ verkauft; anstatt aus Gläsern wurde es aus Kaffeetassen getrunken oder mit dem Löffel aus Suppentellern gegessen. Die Wirthe promovirten über Nacht zu Ärzten, die in liberalster Weise den Patienten, welche bei ihnen vorsprachen, genau die Quantitäten von Spirituosen verordneten, deren sie je nach der mehr oder minder großen Gefährlichkeit des Falles bedürftig waren. Andere sperrten mit großer Ostentation ihr Ausschankslokal, versahen aber insgeheim jeden Stammgast mit einem eine Hinterthüre des Lokales öffnenden Schlüssel. In Des Moines traten die Wirthe in findiger Weise mit ihren Gästen sogar zu Aktienvereinen zusammen, derart, daß es jedem Mitglied der betreffenden Gesellschaft möglich war, eine Aktie im Werthe von einem Viertel Dollar zu kaufen und diese Aktie sofort in Bier herauszunehmen. Der Wirth hatte dann keineswegs das Bier verkauft und dem Buchstaben des Gesetzes war völlig Genüge gethan.

In zweiter Linie ist Kansas für den Fremdling interessant durch den Umstand, daß die Frauenemancipation hierselbst schon so weit vorgeschritten ist, daß die Frauen nicht nur an dem Stimmrechte theilnehmen, sondern auch zu öffentlichen Ämtern wählbar sind. Bereits in mehreren Orten des Staates kam es vor, daß bei den öffentlichen Wahlen das Ergebniß derselben zu Gunsten der Frauen ausfiel. So fungirte in Roßville Frau Mills als Bürgermeister, Frau Bruns als Polizeirichter, und vier andere Frauen als Stadträthe. In Cottonwood Falls, wie auch in Baldwin und Oskaloosa, waren sogar sämmtliche Beamten- und Stadtrathsposten in den Händen der Frauen. Desgleichen hatten die Bürger der Stadt Argonia einen weiblichen Bürgermeister, und hier ereignete sich das wohl noch nie Dagewesene, daß die Bewohner der Stadt eines Morgens durch die Kunde überrascht wurden, ihr Bürgermeister sei in die Wochen gekommen und habe über Nacht einem kräftigen Jungen das Leben geschenkt. – In Oskaloosa wirthschafteten übrigens die Frauen so ehrlich und sparsam, daß sie nach Ablauf des ersten Termins mit 40 Stimmen Mehrheit wieder gewählt wurden.

Buffalo Bill

In Dodge City hatte ich Gelegenheit, eine in New York angeknüpfte Bekanntschaft zu erneuern, und zwar mit dem Hon. W. F. Cody, alias › Buffalo Bill‹.

Der Name dieses Mannes, der die ganze wildbewegte Entwickelungsperiode des fernen Westens mit durchlebte, ist als der eines besonders kühnen Trappers, Kundschafters und Depeschenreiters über alle Welt bekannt geworden, ist er doch einer jener Heroen der Prairien, deren Namen mit der Geschichte des Westens so enge verknüpft sind, daß eine solche keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben dürfte, wären nicht die Thaten eines › Kit Carson‹, › Old Jim Bridger‹, › Buffalo Bill‹, › California Joe‹, › Wild Bill‹ und › Texas Jack‹ in derselben erwähnt.

Buffalo Bill ist wohl die schönste Erscheinung unter diesen durch Wind und Wetter gestählten Männern. Über sechs Fuß hoch, das Haupt von wallenden, bis auf die Schultern reichenden Locken umgeben, würde er auch in der unscheinbarsten Kleidung stets alle Blicke auf sich lenken, hier aber, wo ich ihn wieder in seinem Prairiecostüm sah, von Kopf bis Fuß in reich bestickte Ledergewänder gekleidet, das scharf geschnittene, männliche Gesicht mit den blitzenden Adleraugen durch einen mächtigen Sombrero beschattet, während die nervige Rechte die treue und zuverlässige Büchse umspannte, bildete er eine Erscheinung, die man nicht wieder vergißt.

Die Schilderung der Episoden seiner stürmischen Vergangenheit würde Bände füllen, war er doch stets einer der Ersten, der sein Leben kühn in die Schanze schlug, wenn es während der Kämpfe der amerikanischen Armee mit den verschiedensten Indianerstämmen galt, irgend eine schwierige Aufgabe zu lösen. Eine lange Reihe von Jahren fungirte Buffalo Bill als › Scout‹, als einer jener Kundschafter, von deren Geschicklichkeit das Gelingen der militärischen Expeditionen wesentlich abhing. Von welcher Wichtigkeit ein solcher Posten war, geht aus einem Ausspruche des Obersten Dodge hervor, der in seinem Werke › Dreißig Jahre unter den Indianern‹ schreibt:

 

»Unter zehn als Kundschafter angestellten Männern sind in der Regel neun unbrauchbar; unter fünfzig derselben wird vielleicht einer anzutreffen sein, dessen Dienste von Werth sind, aber unter all den Hunderten, ja Tausenden von Scouts, die von der Regierung seit dem großen Bürgerkriege angestellt wurden, waren so wenige wirklich hervorragende Kundschafter, daß man dieselben an den Fingern aufzählen kann. Die Posten, welche durch solche Männer ausgefüllt werden, sind so wichtige und verantwortliche, daß die Offiziere, denen das Glück zu Theil ward, solche hervorragende Scouts zu besitzen, mit vollem Recht die Verdienste derselben in ihren Berichten hervorgehoben und gewürdigt haben. General Fremont's Berichte machten den Namen Kit Carson's weithin bekannt. General Custer verlieh dem Namen des California Joe Unsterblichkeit. Custer, Meritt und Carr machten Buffalo Bill zu einer Berühmtheit der Prairien.«

Buffalo Bill.

Vornehmlich waren es die Prairien von Kansas und Nebraska, welche Buffalo Bill in seiner Eigenschaft als Scout, als Führer und Kundschafter unzählige Male und unter den größten Gefahren durchstreifte. So ist noch heute eine Episode aus seinem Leben als › Cody's famous Ride‹ in Kansas nicht vergessen. Dieser berühmte Ritt wurde im Frühling des Jahres 1868 ausgeführt, wo die verbündeten Comanchen und Kiowas heftige Angriffe auf die Ansiedelungen der Weißen unternahmen. Buffalo Bill war als Scout dem in Fort Larned stationirten Capitän Parker zugetheilt und geleitete eines Tages von diesem Punkte aus eine kleinere Truppenabtheilung nach dem 30 Meilen entfernten Fort Sarah. Auf dem Rückwege nach Fort Larned sah er sich plötzlich von 40 indianischen Kriegern umringt, gefangen genommen und vor den berüchtigten Häuptling Satanta geführt. Buffalo Bill wußte, daß diesem Häuptlinge kurz zuvor von dem General Hazen als Entschädigung für gewisse Dienste eine große Heerde Viehes zugesichert worden war, und daß der Häuptling das Eintreffen derselben mit Ungeduld erwartete. Kaltblütig versicherte nun Cody dem Häuptling, von dem General ausgesandt zu sein, ihn zu suchen und ihm die Heerde, der er eine Strecke vorausgeritten sei, zuzuführen. Diese Nachricht veranlaßte den Häuptling, dem Gefangenen die Waffen und sein Pferd zurückzugeben, damit er die Heerde ungesäumt herbeischaffen möge. Obwohl jede Begleitung ausschlagend, wurde Buffalo Bill aber sehr zu seinem Mißbehagen von einem Dutzend wohlbewaffneter Rothhäute begleitet, und nun kam es darauf an, sich von diesen zu befreien. Hierzu fand sich nach einigen Stunden Gelegenheit, als die ganze Truppe durch eine Bodeneinsenkung ritt. Buffalo Bill blieb einige Schritte zurück und gab plötzlich seinem Thiere die Sporen. Bereits nach wenigen Minuten war seine Flucht aber entdeckt und nun eröffnten die sich überlistet sehenden Indianer eine Jagd, als sei aller Whisky und alle Vorräthe des ›Großen Vaters‹ als Preis für den Scalp des Flüchtlings aus gesetzt.

Doch so begierig die Indianer waren, diesen Scalp zu erlangen, so redlich war der Eigenthümer desselben bemüht, ihn zu erhalten. So erreichten Flüchtling und Verfolger die Pawnee Gabel des Arkansasflusses, und hier hatte der Erstere das Glück, auf dem jenseitigen Ufer mit zwei Leuten des nur noch vier Meilen entfernten Fort Larned zusammenzutreffen. In aller Eile wurde eine Erklärung gegeben und sofort bereiteten sich die drei Männer zur Vertheidigung vor. Kaum hatten die Verfolger den Strom gekreuzt, als auch schon die Büchsen knallten und zwei der Indianer todt zu Boden stürzten, was den Rückzug der anderen zur Folge hatte. Weiter unangefochten kehrten nun die drei Männer nach Fort Larned zurück.

Am nächsten Tage bereits erschienen über 800 wohlberittene und wohlbewaffnete indianische Krieger vor dem Fort und begannen, nachdem mehrere Versuche, dasselbe zu erstürmen, zurückgeschlagen worden waren, dasselbe regelrecht zu belagern. Einer solchen Belagerung aber war das Fort auf die Dauer nicht gewachsen, und so erschien es dem Commandanten desselben gerathen, aus dem 65 Meilen entfernten Fort Hays Hülfe herbeizuziehen. Da aber keiner der in Fort Larned anwesenden Scouts zu bewegen war, eine Botschaft dorthin durch die von Indianern wimmelnde Gegend zu überbringen, die Situation immer kritischer wurde, so entschloß sich Buffalo Bill dazu, die Beförderung der Depesche zu übernehmen, und verließ, wohlbewaffnet und gut beritten, das Fort in stockdunkler Nacht, die Richtung nach Fort Hays einschlagend. Die fast handgreifliche Dunkelheit gewährte ihm einestheils Sicherheit, anderentheils aber war die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß er geradeswegs in ein indianisches Lager hineinreiten könne, und dieser Fall ereignete sich wirklich am Walnut Creek, doch gelang es dem kühnen Reiter, der Gefahr und den nachsetzenden Indianern glücklich zu entrinnen. Er erreichte seinen Bestimmungsort bei Tagesanbruch, und konnte sich seines ihm gewordenen Auftrages sofort entledigen. Der hier commandirende General Sheridan befand sich in derselben Lage wie der Befehlshaber des Fort Larned, da es ihm nicht möglich war, einen der hier zahlreichen Scouts zu bewegen, eine Botschaft nach dem 95 Meilen südwestlich gelegenen Fort Dodge zu bringen, obwohl als Belohnung hierfür ein Preis von 500 Dollars ausgesetzt wurde. Buffalo Bill erbot sich, auch diese Sendung zu übernehmen, vorausgesetzt, daß ihm hierzu das beste im Fort vorhandene Pferd zur Verfügung gestellt werde. Dieses Ansuchen ward mit Freuden bewilligt, und so verließ er bereits um 4 Uhr desselben Tages die Militärstation, um den gefahrvollen Weg einzuschlagen, auf dem wenige Tage zuvor mehrere Depeschenreiter, sowie einige Ansiedler ermordet worden waren. Wohlbehalten erreichte er im Morgengrauen einen an der Saw Log-Furt gelegenen Militärposten, wechselte hierselbst sein Roß und überreichte bereits gegen 10 Uhr Vormittags dem Befehlshaber in Fort Dodge die wichtigen Schriftstücke. Zur Bewältigung der 95 englische Meilen weiten Entfernung hatte der Scout nur 18 Stunden benöthigt.

Vor den befehligenden Offizier geführt, bemerkte derselbe: »Ich freue mich, Sie so wohlbehalten hier zu sehen, ist es doch fast ein Wunder, daß Sie durchkamen, ohne daß Ihr Körper so durchlöchert wurde, wie eine Pfefferbüchse. Die Indianer schwärmen auf fünfzig Meilen in der Runde umher, und es kommt nahezu einem Selbstmorde gleich, sich jetzt außerhalb des Fortes zu begeben. Seit mehreren Tagen wünsche ich einen Boten nach Fort Larned zu senden, doch ist die Reise so gefährlich, daß Keiner dieselbe unternehmen will.«

» Well, Major,« erwiderte Cody, »ich hoffe, die Reise wird mir gelingen. Ich bin bereit dieselbe zu unternehmen, zumal es mein Wunsch ist, nach Larned zurückzukehren.«

Trotz der Bedenken des Offiziers, Buffalo Bill sei in Folge der bereits erledigten Ritte zu sehr erschöpft, schlug derselbe, nachdem er nur wenige Stunden Schlafes genossen hatte, um 5 Uhr Nachmittags den Rückweg nach dem 65 Meilen entfernten Larned ein. In der Hälfte des Weges, am Coon Creek beging der Scout die Unvorsichtigkeit, sein Maulthier zu verlassen, um einen Trunk Wassers zu nehmen. Durch irgend etwas wurde das Thier erschreckt und rannte unaufhaltsam davon, den nach Fort Larned hinführenden › Trail‹ einschlagend. Dem nachfolgenden Scout gelang es trotz aller Versuche nicht, das Thier wieder zu erlangen, und versetzte ihn dies so in Zorn, daß er nahe dem Forte das Thier durch einen wohlgezielten Büchsenschuß tödtete.

Den Sattel und das Reitzeug auf den eigenen Schultern tragend, kam so Buffalo Bill in Fort Larned an, welches inzwischen durch General Hazen entsetzt worden war.

In Fort Larned war mittlerweile die Beförderung einer neuen Depesche an den Oberbefehlshaber, General Sheridan, nothwendig geworden, aber wiederum war Keiner zur Überbringung derselben zu bewegen. Und abermals erbot sich Buffalo Bill zur Erfüllung der Mission, und gelangte, wiederum die Nacht benutzend, am folgenden Morgen glücklich nach Fort Hays, wo General Sheridan höchlichst erstaunt war, ihn so bald wiederzusehen. Und in der That waren diese andauernden Ritte Buffalo Bill's eine Reiterleistung, wie sie kaum ein zweiter Mann unter ähnlichen Verhältnissen auszuführen vermöchte, hatte er doch insgesammt 355 englische Meilen in 58 Stunden Rittes zurückgelegt, einschließlich eines Weges von 35 Meilen, den der Botschafter gezwungener Weise zu Fuße hatte zurücklegen müssen.

Vergegenwärtigt man sich, daß alle diese Entfernungen bei Nacht zurückgelegt wurden, durch ein von blutdürstigen Wilden wimmelndes Land, wo keine Brücken die Bäche und Ströme kreuzten, wo keine Wege und Straßen vorhanden waren, so erscheint die Leistung des kühnen Reiters fast unglaublich. General Sheridan war durch dieselbe so überrascht, daß er Buffalo Bill zum Obersten der Scouts ernannte.

Welch ein gewaltiger Nimrod dieser Scout zugleich war, ergiebt sich aus der Thatsache, daß er im Jahre 1867 von der Kansas-Pacific-Eisenbahn-Gesellschaft engagirt war, die an dem Bahnbau betheiligten Leute mit Wildpret zu versorgen. Während dieses 18 Monate währenden Engagements erlegte Buffalo Bill nicht weniger als 4280 Büffel.

Seinen Beinamen ›Buffalo Bill‹ hat er folgendem Vorgange zu verdanken. Einst traf er inmitten der Prairien mit einer Militär-Expedition zusammen, welcher etwa 70 Pawnee-Indianer als Kundschafter beigegeben waren. Im weiteren Verlaufe der Reise stieß man auf eine Büffelheerde, die von den Indianern umzingelt wurde. Fünfundzwanzig Büffel fielen denselben zur Beute. Als man bald darauf einer zweiten Heerde begegnete, bat Cody den commandirenden General, ihm zu erlauben, die Heerde allein zu attaquiren, um den Indianern zu zeigen, wie man Büffel schießen müsse. Sehr gegen den Willen der Rothhäute, die befürchteten, der weiße Schwätzer würde die Thiere nur verscheuchen, wurde dieser Wunsch bewilligt und Mr. Cody ritt in gewohnter Weise allein in die Heerde hinein; die Zügel seines gut dressirten Pferdes mit den Zähnen, das Gewehr aber bald im rechten, bald im linken Arm haltend und immer seines Zieles, auch im schärfsten Galopp und bei den kühnsten Wendungen, sicher, erlegte er allein achtundvierzig Büffel.

Die Indianer waren überrascht und erstaunt, sich in dieser Weise von einem einzelnen Manne, noch dazu einem Weißen, in ihrer eigenen Kunst übertroffen zu sehen, und von da an hieß Cody ›Buffalo Bill‹. Die Indianer nannten ihn aber noch lieber ›Langhaar‹, seines wallenden Haares wegen, das sie während mancherlei Kriegszügen vergeblich zu erlangen strebten.

Ein solches Rencontre ereignete sich am 17. Juli 1876, kurz nach dem tragischen Untergange des Generals Custer. (Vergl. S. 99).

Buffalo Bill war als Scout dem General Merritt beigegeben. Eines Tages kam eine größere Indianertruppe in Sicht, welche auch sofort den Kampf aufnahm. Während des Scharmützels bemerkte der Häuptling ›die gelbe Hand‹ in den Reihen der Feinde den berühmten Scout, sprengte vor und rief: »Ich kenne Dich, Pahe-haska (der indianische Name für ›Langhaar‹), Du großer Häuptling, Du viele Indianer tödten; ich großer Häuptling, ich tödten viel Bleichgesichter; komm jetzt und kämpfe mit mir!«

Buffalo Bill war nicht der Mann, eine derartige Herausforderung abzuschlagen und rief: »Ich kämpfe mit Dir; Indianer und Weiße mögen zurückbleiben und sehen, wie der rothe Häuptling und ›Langhaar‹ mit Büchsen fechten.«

Und nun ritten Beide in voller Carriere auf einander los, in einer Entfernung von dreißig Schritten ihre Büchsen entladend. Des Indianers Pferd brach todt zusammen, im selben Augenblicke stürzte auch das Pferd des Scout, der aber wie der Blitz auf seine Füße sprang und mit einem zweiten wohlgezielten Schusse seinen Feind erlegte. Im Nu war er über dem Sterbenden, stieß ihm sein Messer in die Brust, entledigte angesichts der Feinde den Todten seines prachtvollen Federschmuckes sowie seines Scalpes, schwenkte Beides in der Luft und rief triumphirend aus: »Der erste Scalp für Custer!«

Aber beinahe hätte diese That dem Kühnen sein eigenes Leben gekostet, denn nun brachen von allen Seiten die Rothhäute herein, begierig, den Tod ihres Häuptlings zu rächen. Nur dem Ansturme der gleichfalls vorreitenden amerikanischen Soldaten hatte es Buffalo Bill zu danken, daß er nicht dem gleichen Schicksal, scalpirt zu werden, verfiel.

Eine weitere Episode aus Buffalo Bill's Leben kennzeichnet auch die ungewöhnliche Kaltblütigkeit, mit der er Gefahren begegnete.

In einem der so rasch entstehenden Goldgräber-Dörfer rannte eines Tages ein Betrunkener wie ein Wahnsinniger umher, auf alle ihm Begegnenden mit seinem Revolver schießend; der Mann war als schlechtes, verrufenes und Händel suchendes Subject bekannt, so daß Alles in die Häuser und Hütten flüchtete. Zufällig begegnete ihm auch Buffalo Bill; der Betrunkene legte an, zielte – in demselben Momente winkte Buffalo Bill wie abwehrend mit der Hand und rief, als ob er zu Jemanden hinter dem Manne spräche: »Schieße nicht! Er macht nur Scherz.« Der Betrunkene sah sich rasch um, fiel aber in dem nächsten Momente, von einer Kugel aus Buffalo Bill's Revolver getroffen, todt zu Boden. So rettete der Scout durch seine Geistesgegenwart nicht nur sein eigenes Leben, sondern vielleicht auch das mancher Anderen.

Wie sehr ihm das wilde Treiben auf den Prairien zur zweiten Natur geworden, ergiebt sich aus Buffalo Bill's fernerem Leben. Als das Wild zu schwinden begann und die Weißen in immer größeren Schaaren in die ehemaligen Jagdgründe eindrangen, schuf Cody sich ein eigenes Reich, in dem er Alleinherrscher war: er unternahm es, die wilden Scenen des Lebens auf den Prairien den Bewohnern des Ostens und den Bewohnern Europas in großartigen, die Wirklichkeit fast erreichenden Schaustellungen vorzuführen.

Diese Schaustellungen, an denen sich Hunderte von echten Vollblutindianern, eine kleine Armee von Cow-boys, Trappern und Scharfschützen betheiligen, wurden den Europäern im Jahre 1888 zuerst in London und einigen anderen Großstädten Englands vorgeführt, dann bildeten sie während der Weltausstellung zu Paris im Jahre 1889 eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten. Aufregende Wettrennen und Überfälle wechselten mit indianischen Tänzen, mit erstaunlichen Schießübungen, Reiterkunststückchen und dergleichen ab, auch ward eine Büffeljagd inscenirt, während welcher eine ganze von Indianern und Trappern verfolgte Büffelheerde die Arena durchstürmte. Diese aufregenden Schaustellungen haben die Bewunderung vieler Tausende von Zuschauern gefunden, denen so Gelegenheit geboten wurde, den ›wilden Westen‹ in seinen bewegten Scenen in der bequemsten und gefahrlosesten Weise durch eigenen Augenschein kennen zu lernen. –

Der nächstgelegene der Beachtung werthe Punkt, welcher sogar auf historisches Interesse Anspruch erheben kann, ist der Pawnee Rock, ein an vierzig Fuß hoher, einzeln stehender Felsen, der sich wie ein Wartthurm über die Prairie erhebt.

Seit Jahrhunderten bildete die Gegend ringsum den Kampfplatz zwischen den Stämmen des Indianer-Territoriums und den Horden, die ihre Jagd- und Raubzüge von Dakota und Nebraska bis hierher ausdehnten. Vornehmlich waren es die Pawnees und die Sioux, die hier ihre erbitterten Fehden gegen einander ausfochten. Mit schrecklicher Regelmäßigkeit überfielen die Rothhäute auch hier die langen Wagenzüge, die von Kansas kamen und, dem alten Santa Fé Trail folgend, nach Neu Mexiko und Colorado zogen. Diese Zusammenstöße zwischen den beutegierigen Wilden und den wohlbewaffneten Händlern waren meist überaus blutig und endeten häufig mit dem völligen Untergange der einen oder der anderen Partei.

Aus jenen stürmischen Tagen stammen noch unzählige Inschriften und Namenszüge, die tief in den Felsen eingegraben sind und die Seiten desselben über und über bedecken. Wir finden darunter die Namen mancher berühmten Trapper, mancher weithin bekannten Pioniere der Wissenschaft und mancher Offiziere der amerikanischen Armee, die sich später als tapfere Heerführer vor dem Feinde auszeichneten. So z. B. den von Robert Lee, von Albert Sidney Johnson, sowie den des Großfürsten Alexis von Rußland, welch letzterer hier dereinst ein Lager aufschlug, als er unter Führung von Buffalo Bill einen Jagdzug durch die Prairien westlich des Missouri unternahm.

Jetzt schläft Schweigen und Vergessenheit über dem zerklüfteten Felsen, reiche Saaten entsprießen dem mit Blut gedüngten Boden, und die Steinbrocken, die im Laufe der Zeiten von der alten Landmarke hernieder brachen, dienen nicht mehr der Rothhaut zum Hinterhalte, sondern werden von den Ansiedlern zur Fundamentirung ihrer Wohnhäuser verwendet.

Unser Zug fuhr nun, das Arkansas Thal bei Halstead verlassend, in nordöstlicher Richtung und trat in einen Landstrich ein, in welchem zahlreiche Colonien der Mennoniten gelegen sind. Diese Einwanderung der Mennoniten nahm ihren Anfang in den Jahren 1873, 74 und 75, als in Rußland die allgemeine Wehrpflicht auch auf die Jünger Mennon's ausgedehnt werden sollte. Um nun mit ihren Glaubenssatzungen nicht in Conflikt zu gerathen, die den Mennoniten bekanntlich das Tragen von Waffen verbieten, verließen sie zu Hunderten und Tausenden ihre heimischen Fluren und zogen nach der Neuen Welt. So kamen während der genannten Jahre allein 15,000 Personen nach Kansas, woselbst sie sich in den Countys Marion, Harwey, McPherson, Butler, Reno und Barton niederließen und eine Reihe von schönen Dörfern und Ansiedlungen gründeten, die sich schon durch ihre Namen als echte Mennoniten-Kolonien verrathen. Da sind die Niederlassungen Blumenfeld, Gnadenthal, Hoffnungsthal, Gnadenau, Rosenort, Bruderthal, daneben Ortschaften, deren Namen die immerfort andauernde Anhänglichkeit an die alte Heimath bekunden: Germania, Alexanderfeld u. s. w.

Diese Einwanderung der Mennoniten, die hauptsächlich aus den süd- und deutschrussischen Provinzen kamen, war die werthvollste, die dem Staate Kansas zu Theil wurde, waren die Jünger Mennon's doch keineswegs Schiffbrüchige, die in der Neuen Welt ihre zerschellte Existenz wieder aufrichten wollten, sondern vielmehr fertige Ackerbauer; die über einen soliden Reichthum verfügten und durch die sofortige bare Bezahlung ihrer bedeutenden Landerwerbungen die Landagenten in Erstaunen setzten.

Und was haben diese fleißigen, mit aller Bedächtigkeit und Genauigkeit vorgehenden Harder's, Claßen's, Sudermann's, Krause's, Reimer's oder wie sie sich sonst nennen mögen, aus der einförmigen Gegend gemacht! Überall erheben sich freundliche und geräumige Wohnstätten, bald einzeln liegend, bald zu kleineren und größeren Dörfern zusammengesiedelt. Obst- und Blumengärten umgeben die schmucken Gebäude, auf den Wiesen gewahren wir einen vortrefflichen Viehbestand, weithin dehnen sich wohlbestellte Felder, kurz, diese Kolonien machen keineswegs den Eindruck noch junger Ansiedlungen, sondern sie tragen schon den Stempel einer älteren Kultur.

Manchmal haben freilich die Ackerbauer hierselbst mit furchtbarer Dürre oder mit den noch entsetzlicheren Heuschrecken zu kämpfen, welch letztere in Zeitperioden von fünf bis sechs Jahren einmal das Land in so ungeheueren Massen überfluthen, daß in wenigen Tagen meilenweite Strecken zu kahlen Einöden umgewandelt werden.

Diese kolossalen Heuschreckenschwärme kommen hauptsächlich von den ausgedehnten Sagebusch-Ebenen am Fuße der Felsengebirge her und verbreiten sich in dichten Wolken über Kansas, Nebraska und die benachbarten Staaten, mit schrecklichem Appetite Alles vertilgend, was nur irgendwie vegetabilischen Ursprungs ist. Weder Mais, noch Flachs, noch Kartoffeln, noch Gartengemüse, noch Belaubung bleiben verschont.

Diese kleinen Bestien sind erst zur eigentlichen Landplage geworden, seitdem die Eisenbahnen weiter gen Westen führen und es so zahllosen Jägern ermöglichten, einen Vernichtungskrieg gegen die Prairiehühner und anderes Geflügel zu eröffnen. Diese Insektenfresser hatten dem Vordringen der Heuschrecken gen Osten bisher erfolgreich Einhalt gethan, als nun mit den Prairiehühnern diese Barriere fiel, gab es nichts mehr, was die Heuschreckenschwärme hätte verhindern können, sich über das ganze Land auszubreiten.

Wie aber durch die mehr und mehr zunehmende Bewaldung der Gegend mit der Zeit auch die dürren Sommer verschwinden werden, so wird man wohl auch Mittel und Wege finden, die Heuschreckenschwärme erfolgreich zu bekämpfen.

Den russischen Mennoniten folgten im Laufe der Jahre auch zahlreiche Glaubensgenossen aus Ostpreußen nach, aus der Gegend der Marienburger Weichsel- und Nogat-Niederung, die gleichfalls über reichliche Geldmittel verfügten, welche es ihnen ermöglichten, ihre neuen Heimstätten sofort mit einem Komfort auszustatten, wie er sonst nicht bei frisch Eingewanderten zu finden ist. Diese preußischen Mennonitenkolonien sind vornehmlich im Umkreise der Stadt Newton gelegen und sah ich einzelne Gehöfte mit so eleganten, von parkartigen Anlagen umgebenen Wohnhäusern, daß unwillkürlich der Wunsch sie zu besitzen, rege wurde.

Unter sich halten die Mennoniten fest zusammen, außer einer eigenen Zeitung unterhalten sie auch eine eigene Hochschule, deren Besuch übrigens auch Nichtmennoniten gestattet ist.

So geben die Anhänger Mennon's, welche dafür bekannt sind, niemals einen Prozeß zu haben, die vortrefflichsten Bürger des Staates ab, die wegen ihrer Betriebsamkeit, Sparsamkeit und Geschicklichkeit im Verwerthen ihrer Produkte allgemein geschätzt und zum Vorbild genommen werden.

Je weiter ich nun nach Osten kam, desto häufiger wurden die Städtchen und Ortschaften. Da kamen Peabody, Horners, Florence, Elmdale, Elinor, Plymouth, Emporia, Reading, Burlingame, Scranton, Topeka, Meriden, Valley Falls, Atchison und Lawrence, welch letztere Stadt wegen der dortselbst beschlossenen Einführung der Temperenzgesetze sowie des Frauen-Stimmrechtes für den Staat Kansas den Beinamen › Historic City‹ sich erworben hat.

Mehrere dieser Städte stammen noch aus jener Zeit, wo das östliche Kansas der Schauplatz wildesten Spekulationsfiebers war, wo die Städtegründung zu einer solchen Manie geworden, daß der Abgeordnete Wrage im Kongresse allen Ernstes den Vorschlag unterbreitete, man möge auch einige Landstrecken in Kansas für die Zwecke des Ackerbaues reserviren, bevor das 80,000 Quadratmeilen große Territorium ganz in ›Städte‹ und ›Bauplätze‹ getheilt sei.

Den ersten Anstoß zu diesem Spekulationsfieber, welches kaum irgendwo so exotische Blüthen trieb, als in Kansas, gaben die Eisenbahnen. In Europa pflegt man Eisenbahnen nur in den bevölkertsten, kultivirtesten Gegenden zu bauen, wo ein ansehnlicher Verkehr die Deckung der Kosten des Baues mit Sicherheit erwarten läßt. Man macht Krümmungen und Umwege, um nicht einige Städte und Dörfer zu umgehen, denn je mehr Menschen am Wege, desto sicherer ist die Aussicht auf das Geschäft. Gerade umgekehrt liegt die Sache in Amerika. Man führt daselbst Bahnen nach Länderstrecken, wohin zur Zeit des Baues vielleicht kaum ein weißer Mensch vorgedrungen ist.

Die Bahn wird gebaut, um Bevölkerung in menschenleere Gegenden zu schaffen, die Bahn ist nichts als eine Spekulation.

Der Charakter dieser Spekulation wird sofort klar, wenn man Einblick in den ganzen Apparat einer großen westlichen Eisenbahn nimmt. Die Regierung der Vereinigten Staaten unterstützt solche Gesellschaften, welche es unternehmen wollen, in ein unbesiedeltes Terrain eine Eisenbahn zu bauen, dadurch, daß sie derselben einen gewöhnlich 25 englische Meilen breiten Streifen Landes zu beiden Seiten der projectirten Bahnlinie gratis zur Verfügung stellt, welches Land, in Parzellen getheilt, von der Bahngesellschaft an Einwanderer verkauft werden kann. Das ganze Interesse der Gesellschaft ist nun dahin gerichtet, diese Ländereien möglichst schnell an den Mann zu bringen, denn je mehr Land sie verkauft, desto eher wird das Anlagekapital des Bahnbaues gedeckt, desto eher ist Aussicht auf Gewinn durch Verkehr an Personen und Frachten. Natürlich wendet die Eisenbahnkompagnie alle möglichen Mittel an, um in ihrem eigenen Lebensinteresse das Land so schnell wie möglich zu bevölkern, überall werden für den Verkauf der Ländereien eigene Büreaus errichtet, die von den ›Landagenten‹, den ›Landcommissären‹ verwaltet werden, von deren mehr oder minder großen Geschicklichkeit im Heranziehen guter Farmer und Ackerbauer die schnelle Besiedelung des Landes ganz wesentlich abhängt.

Diese Landagenten müßten keine Amerikaner sein, wenn sie zur Erreichung ihrer Ziele sich nicht aller möglichen Mittel, und namentlich der Allgewalt der Reklame bedienten.

Sie thun das vielmehr in einem geradezu erstaunlichem Maße. Große Annoncen stehen in den Zeitungen, Annoncen über die Fruchtbarkeit des Landes, Annoncen über etwaige Mineralschätze unter dem Boden, Annoncen über die Vortheile, die sich dem Einwanderer bieten, und Annoncen über Städte, die gegründet werden sollen.

Diese Annoncen sowie Plakate, Karten und Pamphlete werden zu Millionen verbreitet und in denselben werden mitunter öde Strecken im fernen Westen, wo alle Vegetation in Folge alljährlich eintretender, lang anhaltender Dürre fast regelmäßig zerstört wird, als die besten und fruchtbarsten Weizenfelder der Erde angepriesen.

Neu Babylon auf dem Papier.

Will man nicht schmählich enttäuscht werden, so darf man auch den amerikanischen Eisenbahnkarten nicht allzuviel Vertrauen schenken, denn das Landkartenfabriziren mit möglichster Berücksichtigung der eigenen Interessen ist den amerikanischen Eisenbahndirektionen in hohem Grade geläufig. Viele Gesellschaften produziren Karten, aus welchen ihre Linien als die einzigen nach jener Richtung oder jener Stadt führenden Verbindungen angezeigt sind. Konkurrenzbahnen, die nach demselben Orte führen, werden einfach ignorirt, weggelassen, oder etwaige Krümmungen derselben so stark übertrieben, daß den Uneingeweihten sofort jede Lust vergeht, eine derartige Schneckenbahn zu benützen; die eigene Linie hingegen ist in schnurgeradester Richtung eingetragen. Alle Städtchen und Dörfchen, die an der Bahn liegen, werden mit großen Ringen gezeichnet, die Namen in Fettdruck gegeben, so daß der Unbefangene die Vermuthung erlangen muß, mindestens auf einige ihm bisher merkwürdiger Weise unbekannt gebliebene Weltstädte zu stoßen.

Diese ›Weltstädte‹ sind eingehender Schilderung werth. Hier nennt sich z. B. eine solche ›London‹ oder ›Rom‹, andere rühmen sich des gleichen Namens wie die Kultursitze des grauen Alterthums: Babylon, Palmyra, Memphis, Theben, Karthago, Syrakus, Ninive. Und nicht selten wird den Auswanderungslustigen in diesen Orten eine schön gebundene Broschüre überreicht, welche unter anderem einen wundervollen Plan der Stadt ›Neu Babylon‹ enthält. Gar herrlich nehmen sich auf dem Papiere die Parks, das Opernhaus, die Kirchen, die Universitäten, die Börse, der Centralbahnhof aus, und die Agenten wissen mit diesen schön lithographirten Plänen und kraft ihrer Beredsamkeit gar manchen vertrauensseligen Gimpel auf den Leim zu locken, gar manchem Emigranten ein Grundstück in Neu Babylon aufzuschwatzen. Erhalten die Emigranten doch daselbst eine Heimath für wenige Dollars. Eine Heimath! Fürwahr, ein trautes Wort in den Ohren eines Einwanderers, der sein Geburtsland verließ, um anderweit sein Glück zu suchen.

Neu Babylon in Wirklichkeit.

Folgte er diesen süßen, verlockenden Tönen, dann fand er häufig an Stelle der angeblichen Weltstadt ein paar elende Bretterbaracken, von einem Gesindel bewohnt, aus dessen Nähe zu kommen bald das ganze Bestreben des Geprellten wurde.

So war es in manchen Staaten des Westens, in Dakota, Nebraska, Wyoming, in Colorado, Texas und vor allem in Kansas, und so wird es mit allen Länderstrecken gehen, die heute noch im Besitze der Indianer sind oder noch der Besiedelung warten.

In Kansas ist gegenwärtig das ›Städtegründen‹, nicht mehr so leicht, wie vor zehn, fünfzehn Jahren und so sind die Spekulanten dem allgemeinen Zug nach dem Westen gefolgt und haben zur Zeit Südcalifornien zum Schauplatze ihrer Thätigkeit gemacht. In welcher raffinirten Weise daselbst noch heutzutage »gegründet« und ge-» boomed« wird, ist aus einem ergötzlichen Artikel »Globus« 1888, No. 23. zu ersehen, der den seit langen Jahren in Californien ansässigen Theodor Kirchhofs zum Verfasser hat.

»Unter den Neuankömmlingen in Süd Californien« so schreibt derselbe, »befindet sich auch eine erkleckliche Anzahl von Yankee Nabobs, welche sich das Vergnügen nicht versagen, in diesem gelobten Lande so nebenbei einen ehrlichen Dollar einzuheimsen, und diese nebst der großen seßhaften Klasse der alten Einwohner betreiben den › Boom‹ als Geschäft. Mit Kleinigkeiten geben sich jene nicht ab, und auch die Einheimischen sind gelehrige Schüler der Yankees geworden. Ein großer Theil des Landes, bis zur mexikanischen Grenze, ist in städtische Grundstücke ›ausgelegt‹ worden. Wer ein Stück Land in romantischer Lage besitzt, der läßt dies womöglich als Stadt vermessen, da ein in städtische Grundstücke zertheilter Acker mit Leichtigkeit 4000-10,000 und noch mehr Dollars erzielt, wogegen dasselbe Land, für Farmer und Obstzüchter an den Markt gebracht, nur einige hundert und höchstens tausend Dollars den Acker einbringen würde. Daß auf diese Weise zahlreiche Orangenhaine, Weinberge und halbtropische Anpflanzungen verwildern und in Grundstücke umgewandelt wurden, die vorläufig Niemand bewohnt – wodurch der landwirthschaftlichen Entwickelung des Landes ein großer Schaden zugefügt wird – ist eine der schlimmsten Folgen jener Landspekulationen. In Südcalifornien ist heute eigentlich alles feil – vom Palast bis zur Hütte, von einer meilengroßen ›Ranch‹ bis zu einer bescheidenen Baustelle. Wer genug zahlt, der kann sogar einen Kirchthurm kaufen!

Da hat z. B. so ein schlauer Yankee ein Stück wüstes Land, zwanzig oder auch hundert englische Meilen von Los Angeles, spottbillig erworben. Die Lage ist selbstverständlich die herrlichste in der Welt, das Klima kann nirgends sonstwo auf diesem Planeten an Schönheit übertroffen werden! Der nächste Ort ist vielleicht zehn Meilen entfernt, Ansiedler giebt's vorläufig fast gar keine in der Nähe, aber eine Eisenbahn führt in geringer Entfernung vorüber, und ein Bewässerungsgraben ist leicht vom Gebirge hinzuleiten, um das öde Land der Kultur zugänglich zu machen. Der Yankee läßt sein Besitzthum als Stadt vermessen, der er einen wohlklingenden Namen, z. B. Aurora giebt. Ein Park und Bauplätze, die der Stadt von ihrem großmüthigen Gründer geschenkt werden und dazu bestimmt sind, ein Gerichtshaus, Kirchen und Schulen aufzunehmen, sind in bester Lage der Stadt ausgewählt. An verschiedenen Embryo-Straßen mit schön klingenden Namen werden fünf hübsche Häuser erbaut, einige Hundert Orangenbäume oder Fächerpalmen werden angepflanzt, ein artesischer Brunnen wird gebohrt, um das Wachsthum der Bäume zu fördern, und schließlich läßt der unternehmende Städtegründer einen schönen, farbigen Stadtplan in Tausenden von Abzügen vertheilen.

Wochenlang liest man jetzt in jeder Tageszeitung mit fetter Schrift folgende meistens eine ganze Seite einnehmende Anzeige:

 

 

Achtung! Achtung! Achtung!

 
Aurora!   Aurora!
  Arbeiter! Farmer! Kaufleute! Rentiers!  
Am 1. April wird die neugegründete Stadt
Aurora
öffentlich versteigert werden.
 
 

Die Stadt der Zukunft! Das vorzüglichste Klima der Welt! Balsamische Lüfte! Kein Nebel, kein Fieber! Unglaublich fruchtbarer Boden! Wasser in Hülle und Fülle! Ein artesischer Brunnen, ein Factum! Die Eisenbahn führt an der Stadt vorüber!

Ein Paradies auf Erden!

Die Scenerie – hochromantisch – erhaben – großartig!

No Saloons!!! (»keine Trinkstuben!«)

Nur nüchterne, arbeitsame Menschen sollen in Aurora wohnen!

Jetzt ist die Zeit da, um für eure Kinder zu sorgen. Wer Lots (Bauplätze) an der Hauptstraße kauft, der wird sein Geld in wenigen Monaten vervierfachen!!

Fünf wunderschöne Villen, die der Gründer von Aurora bereits in der Stadt erbauen ließ, werden gleich nach der Auktion verschenkt werden!!! Die Käufer von Grundstücken in Aurora sollen jene Villen unter sich ausloosen.

Die Eisenbahnfahrt von Los Angeles nach Aurora kostet – hin und her! – nur 25 Cents! – Wer ein Lot kauft, dem wird das Fahrgeld zurückerstattet! – Für Free Lunch (freie Beköstigung) wird ausreichend gesorgt sein! – Eine Musikbande begleitet den Excursionszug!!!

 

 

Vierzehn Tage lang sieht man nun jeden Tag mehrere mit Fahnen und Blumen geschmückte große vierspännige Wagen langsam durch die Straßen von Los Angeles fahren. Eine abenteuerlich herausgeputzte Musikbande wirbelt eine dröhnende Janitscharenmusik vom Wagen herunter, um welchen ringsum breite weiße Tücher gespannt sind, auf denen mit großen Lettern geschrieben steht:

 

 

Aurora! Aurora!

 
 

Am 1. April Auktion der neuen Stadt Aurora!

Free Lunch!!     No Saloons!!

Rundreisebillet nur 25 Cents!

 
Aurora!   Aurora!

 

Nach dieser großartigen Reklame werden nun am 1. April unfehlbar einige Tausend Kauflustige in der Nähe der Zukunftsstadt versammelt sein, wo die öde Gegend durch die Menschenmenge bereits ein heiteres Bild zur Schau trägt. Jeder von den Anwesenden hofft eine Villa zu gewinnen und wagt gern ein paar Hundert Dollars, selbst wenn er von dem Humbug überzeugt ist. Die freie Beköstigung und die Musik sorgen für die nöthige Begeisterung. Nachdem der Städtegründer eine prächtige Rede vom Stapel gelassen hat, läßt er seine sämmtlichen Grundstücke in Aurora versteigern, die ohne Mühe Käufer finden. Schließlich werden die fünf Prämienhäuser ehrlich verlost. Die ganze Gesellschaft fährt wieder nach Los Angeles zurück, mit Ausnahme der fünf Glücklichen wüthend darüber, daß Fortuna ihnen keine Villa bescheret hat, und Südcalifornien ist um etliche Tausend Grundbesitzer reicher geworden. Was schließlich aus Aurora wird, bleibt dem Yankee ziemlich gleichgültig. Die erste Anzahlung der üblichen 10 Procent von der Kaufsumme seitens der Grundeigenthumskäufer war für ihn schon ein ausgezeichnetes Geschäft. Wird etwas aus der Stadt, was immerhin möglich ist, so ist er ein gemachter Mann. Wahrscheinlich ist aber, daß Aurora nie mehr als fünf Häuser zählen wird.«

Das östliche Kansas hat diese echte Gründerperiode jetzt längst überstanden, geordnete Zustände haben überall Platz gegriffen, und nach allen Richtungen der Windrose hin durchschneiden zahlreiche Eisenbahnen die hochkultivirte Gegend, die man ihrer Fruchtbarkeit halber den Golden Belt, den ›Goldenen Gürtel‹ benannte.

Proben der Erzeugnisse dieser fruchtbaren Landschaft sind in fast allen Büreaus der Eisenbahnstationen zu sehen: türkischer Weizen von 8-14 Fuß Höhe; süße Kartoffeln und Äpfel in der Größe eines Kinderkopfes, centnerschwere Kürbisse und Pfirsiche, wie sie selbst in den berühmten Pfirsichplantagen zwischen dem Delaware und der Chesapeake Bai kaum zu finden sind.

Nur dreißig Jahre sind es her, seitdem Horace Greeley, der berühmte Redakteur der ›New York Tribune‹, als er genau diese Gegenden bereiste, in sein Tagebuch folgende, den damaligen Zustand aufs Trefflichste charakterisirende Notizen eintrug:

» May 23. 1857. Leavenworth; room-bells and baths make their last appearance.

May 24. 1857. Topeka; beefsteak and washbowls, other than tin, last visible. Barber ditto.

May 26. 1857. Manhattan; potatoes and eggs last recognised among the blessings that ›brighten as they take their flight‹.

May 27. 1857. Junction City; last visitation of a bootblack, with dissolving view of a broad bedroom. Chairs bid us good-bye.

May 28. 1857. Pipe Creek; benches for seats at meals have disappeared, giving place to bags and boxes. We write our letters in the express wagon that has borne us by day and must supply us lodgings at night.«

Heute würde Horace Greeley diese Gegenden gar nicht wiedererkennen, denn dieselben sind voll des Fertigen und Werdenden; voll von blühenden Städten und Dörfern, in denen alle Segnungen der Civilisation längst ihren Einzug gehalten haben.

Die wichtigste der Städte ist Topeka, die ›Capitale‹ des Staates Kansas, und hier erhebt sich das mit einem Kostenaufwand von über 1 Million Dollars aus weißem Marmor ausgeführte Capitol, ein stolzer Bau, der das berühmte Capitol zu Washington nachahmt. Außerdem befinden sich hier zwei Hochschulen, eine bedeutende Bibliothek, sowie hervorragende andere öffentliche Gebäude. Ausgedehnte Gebäulichkeiten haben auch die Chicago, Rock Island & Pacific Eisenbahn, sowie die Atchison, Topeka & Santa Fé Bahn hierselbst errichtet.

Trotz seiner Wichtigkeit als Sitz der Regierung ist Topeka aber nicht die bedeutendste Stadt von Kansas, denn das weiter östlich gelegene Leavenworth wie auch das südlich von Newton gelegene Wichita sind ihr an Einwohnerzahl überlegen, außerdem bestreben sich Dutzende von anderen Orten, mit ihren Schwesterstädten gleichen Schritt zu halten oder dieselben zu überflügeln.

Dieses Streben und Aufblühen ist allüberall ersichtlich, und in der That dürfte es Demjenigen, der die Geschichte des modernen amerikanischen Aufschwunges von Land und Leuten studirt, schwer fallen, in dieser Geschichte ein glänzenderes Capitel zu finden, als das der Entwickelung von Kansas. Und wohl auf diese gesegneten Landschaften sind jene herrlichen Dichterworte Bodenstedt's anzuwenden, mit welchen wir unsere Rundfahrt durch den wilden Westen beschließen wollen:

Wie ein uralt unbeschriebenes Blatt,
Im Buche der Schöpfung vergessen.
Liegt das neugefundene Wüstenland.
Und schon beginnt die Geschichte
Das Blatt zu beschreiben mit Riesenschrift,
Von Wundern des Aufschwungs erzählend.

Wo der Pflug den gesegneten Boden,
Die salzharte Kruste durchbrechend, erschließt,
Da wogt bald ein goldenes Ährenmeer,
Und der Mais wächst zur Höhe von Bäumen.
Auf üppigen Weiden grasen –
Im frischen Grün halb versinkend –
Zahllose Heerden.
Aus allen Ländern der alten Welt
Strömen Siedler herbei.
Die Schätze der Neuen zu heben
In der fruchtreichen Wüste des Westens.
Wo seit ungezählten Jahrtausenden
Die Natur ihren Reichthum
Barg vor den Wilden,
Die ihn mit Füßen traten,
Und ihn sorgsam aufsparte
Zu mühsamer Arbeit Belohnung ...

 << Kapitel 18 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.