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Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Im Herzen der Felsengebirge.

Groteske Steinbildungen im Monument Park.

In zahllosen Windungen und Kurven führte die Bahn die östlichen Ausläufer der Felsengebirge, die Raton Mountains hinan, um in einer Höhe von 6688 Fuß über dem Meeresspiegel in den über 2000 Fuß langen Tunnel des Raton Passes und damit zugleich in Colorado, den ›Centennialstaat‹, einzutreten.

Dieser stolze Beinamen wurde Colorado verliehen, als am 1. August des Jahres 1876 der nordamerikanische Staatenbund die Feier seines hundertjährigen Bestehens beging, und dabei beschlossen wurde, zum Andenken an diesen hundertsten Geburtstag eines der Territorien zum Staate zu erheben. Die Wahl, welche getroffen wurde, hätte keine glücklichere sein können, denn der Stern des neuen Staates erstrahlt heute in einem Lichte, dessen Glanz den manches älteren Gliedes der Union verdunkelt. Und in der That, die allgütige Mutter Natur hat mit verschwenderischer Hand ihre schönsten Gaben über diesen Staat ausgestreut, Colorado ist reich an edlen Metallen, reich an Wäldern, reich an Wasser, reich an Heerden und reich an den herrlichsten Scenerien, die das Land für alle Zeiten zum Zielpunkte wanderfroher Pilgerschaaren machen werden.

Ist doch Colorado der Staat, wo die Felsengebirge ihre schönsten Scenerien entfalten, wo wie leuchtende Marksteine die höchsten Gipfel derselben sich erheben.

Da ragten zur Linken die schönen Pyramiden der zerklüfteten Spanish Peaks, die höchsten mit ewigem Schnee bedeckten Kuppen der Sangre de Cristo Range, dieses großartigen Ausläufers der Felsengebirge. Der östliche der beiden Gipfel, die den spanischen Eroberern als Landmarke dienten, erreicht eine Höhe von 12,720 Fuß, der westliche eine Höhe von 13,620 Fuß.

Und je weiter wir in dieser ›amerikanischen Schweiz‹ nordwärts gelangten, desto massiger, grandioser ballten sich die Gebirgszüge zusammen, desto höher erhoben sich ihre zackigen Rücken. Da ragte in stolzer Majestät der 14,336 Fuß hohe Pikes Peak in die Lüfte und weiter nordwärts der Long's Peak mit seinem fast gleich hohen Gipfel.

Mächtige Wolken, Überbleibsel von Gewitterstürmen, schmiegten sich an die Brust dieser Bergriesen, von deren Spitzen lange Schneefelder wie flüssiges Silber in die tiefen Klüfte und Schluchten hinabflossen.

Beinahe senkrecht stiegen die Massen aus der Erde heraus, aus der grünen, wallenden Prairie, auf Hunderte von Meilen den westlichen Horizont verschließend. Und in welcher Klarheit lagen die Gebirge vor uns! Da erhob sich im Nordwesten ein gewaltiger Gipfel, augenscheinlich kaum zwei Stunden Weges entfernt. Und doch versichert man uns, daß die Entfernung bis zum Fuße dieses Berges achtzig Meilen betrage. Es ist die außerordentliche Reinheit der Luft, welche die fernsten Gegenstände in fast handgreiflicher Deutlichkeit erscheinen läßt und fast beständig den Reisenden in der Abschätzung der Distancen irre leitet.

Man erzählt sich in Denver von einem jungen Engländer, der früh Morgens aufbrach, um einen Spaziergang nach dem augenscheinlich ganz nahe gelegenen Long's Peak zu unternehmen. Gegen Nachmittag gedachte er von seinem Ausfluge zurück zu sein. Ein Bewohner der Stadt, der seinen Scherz mit dem Fremdling haben wollte, begleitete ihn, und Beide marschierten tapfer auf den in vollster Klarheit vor ihnen liegenden Berggiganten los. Stunden auf Stunden vergingen, ohne daß sie demselben wesentlich näher gekommen, und als der Engländer endlich ungeduldig seinen Begleiter fragte, wie weit er noch bis zum Fuße des Berges habe und die Entfernung auf – siebzig englische Meilen angegeben wurde, drehte er schleunigst um, sein Vorhaben auf eine spätere Gelegenheit verschiebend.

Auf dem Rückwege nach Denver kam der Fremdling mit seinem immer noch lachenden Begleiter an einen Graben, der zum Bewässern der Felder angelegt war. Zur Verwunderung seines Gefährten begann der Sohn Albions sich hier zu entkleiden, und über den Zweck dieses Thuns befragt, entgegnete er: »Nun, man sagt mir, daß es bis zu dem Berge dort siebzig Meilen weit sei, daraus schließe ich nun, daß dieses Wasser, welches mir ein Graben zu sein scheint, in Wirklichkeit ein Fluß von siebzig Schritt Breite ist.« –

Ich machte zunächst in Colorado Springs, einem östlich der Bergkette gelegenen freundlichen Städtchen, Halt, um von hier aus in die wilden Gebirgslandschaften einzudringen.

Im Angesichte des Städtchens, in jede Straße desselben hineinlugend, lag der mächtige Pikes Peak, noch manche Meile von dem Orte entfernt, seinen breiten, schneeüberlagerten Rücken aber in einer Deutlichkeit darbietend, daß man alle Schründe, alle Spalten desselben in vollster Schärfe beobachten konnte.

Eine schmalspurige Eisenbahn brachte mich in aller Frühe des nächsten Morgens nach Manitou, dem Spaa des Centennialstaates, denn hier sprudeln eine ganze Anzahl von heilkräftigen Mineralquellen hervor, die den Grund zu dem Aufblühen des inmitten romantischster Gebirgslandschaft gelegenen Ortes gelegt haben. Hübsche Villen und geräumige Hotels lagen zu beiden Seiten des den Ort durcheilenden eisigen Wildbaches, den ich überschritt, um den Weg nach dem mehrere Meilen entfernt gelegenen Garden of the Gods, dem ›Garten der Götter‹, einzuschlagen. Bald führte der Weg durch schöne Wiesengründe, bald durch Nadelwälder, bald durch schluchtartige Gänge, immer aber traten mir schon jene absonderlichen Sandsteingebilde entgegen, bei deren Anblick man, wie ein anderer Besucher dieser Gegend mit Recht versichert, die Empfindung nicht los wird, daß die Natur eigentlich doch nicht dazu da sei, gerade solche Späße zu machen. Und als ich endlich den Götterhain betreten hatte, da sah ich mich ringsum von einem Gewirr von riesigen, steinernen Pilzen umgeben, von gewaltigen, hochragenden Sandsteinklippen, die alle in den absonderlichsten Farben prangten. Als hätten sich hier die seltsamsten Felsgebilde der Welt zu einem riesigen Karneval zusammengefunden, so ragen überall die grotesken Formationen, da ein paar mächtige Thürme, von denen der eine ›Montezuma's Cathedrale‹, der andere der ›Thurm von Babel‹ getauft wurde. Allenthalben stehen Obelisken und Gebilde, die an den berühmten Thurm von Pisa erinnern oder auf ihrem Haupte eine mächtige, überall weit vorspringende Steinplatte balanciren. Wer Muße hat, mag aus den Profilen der zernagten Felsen Hunderte von Figuren herausklügeln: Portraits, Thiergestalten, burleske Scenen und dergleichen mehr.

Blick auf den Pikes Peak vom Garten der Götter aus.

Wer dagegen ein großartiges Bild zu sehen wünscht, der darf sich nur zu dem Punkte begeben, wo zwei scharfgeschnittene, zwischen drei- bis vierhundert Fuß hohe Klippen plötzlich aus der Erde schießen und wie zwei gewaltige Coulissen einander gegenübertreten. Genau in der Mitte des diese beiden hochrothen Wände trennenden Zwischenraumes ragt ein dritter, etwa fünfzig Fuß hoher Block aus dem Boden empor, der Pförtner dieses weiten Thorweges. Das ist der berühmte, durch zahlreiche Abbildungen bekannte ›Thorweg zum Garten der Götter‹. Durch denselben fliegt der Blick zu den Vorbergen der Rocky Mountains und hinauf zu dem Pikes Peak, der in majestätischer Größe auf diese absonderliche Welt herniederschaut.

Und in welchen Farben prangt die Landschaft!

Ziegelrothe Felswände, daneben weiße, crêmefarbige, graue und braune Steinpfeiler auf einem herbstlich gelben Rasenteppich. Dunkelgrüne Kiefern, goldgelbe Ahorn- und blutrothe Sumachbüsche neigen sich da und dort über das Gestein; in der Ferne leuchten die röthlichen, mit mächtigen Schneefeldern bedeckten Berge, und über all dieser Farbenfreudigkeit spannt sich der unermeßliche kornblumenblaue Himmel!

Nachdem ich in dieser großartigen Einsamkeit einige Studien gemalt hatte, denen späterhin in Europa vielfach der Vorwurf der Übertreibung gemacht wurde, obwohl sie das Farbendelirium der Wirklichkeit bei Weitem nicht erreichen, durchwanderte ich auch den an phantastischen Gebilden fast noch reicheren Monument Park, sowie das Williams Cañon mit seinen bisweilen korallenrothen Felswänden. In ersterem erheben sich unzählige von 6-50 Fuß hohen Säulen, Urnen, Pilzen, Obelisken und schlanken, meist nach allen Seiten freistehenden Pfeilern, die zumeist von einer breiteren Basis nach aufwärts spitz zulaufen und oben mit einer allseitig hervorstehenden härteren Steinplatte bedeckt sind. Die Masse, aus der die Pfeiler gebildet sind, besteht aus einem Conglomerat von Fragmenten der verschiedensten Gesteinsarten, wie Quarz, Gneis, Hornblende, Feldspath, Feuer-, Eisen- und Sandstein, die alle durch eine aus Thon, Clay und Gyps bestehende crêmefarbige Masse zusammengekittet wurden. Die dunkler gefärbten Steinplatten bestehen aus rothem, braunem oder grauem Sandstein.

Das Dasein dieser Erdpfeiler, die sich in ähnlicher Gestalt übrigens auch an einigen Punkten Europas finden, so z. B. am Ritten bei Bozen, läßt auf das ursprüngliche Vorhandensein von Gletschermoränen während der Eiszeit schließen, welche aus einem Gemisch der verschiedensten Steinarten bestanden, die durch schlammige Massen zusammengehalten wurden. In dieses Material gruben später einige Bäche schmale, tiefe Kanäle ein, welche von dem von obenher kommenden Regenwasser erweitert wurden. Einzelne größere und härtere Blöcke, die auf der Oberfläche der Moräne lagen oder im Laufe der Denudation allmählich aus der umhüllenden Masse heraustraten, bildeten nun für die ihnen unmittelbar zur Unterlage dienenden Theile der Moräne ein schützendes Dach, während die ganze Umgebung im Laufe der Zeiten hinweggewaschen wurde.

Es hält nicht schwer, aus diesen thurmhohen Säulen mit den darüber lagernden barettartigen Steinplatten die absonderlichsten Gestaltungen herauszuklügeln, so hat man einer größeren zusammenstehenden Gruppe den Namen ›die holländische Hochzeit‹ beigelegt. Bei einiger Anstrengung der Phantasie und bei einigem guten Willen mag man denn auch hier einige versteinerte Jesuiten und Mönche mit breitkrämpigen Hüten, den Hohenpriester im langen Talar an der Spitze, erkennen, die von einem Dutzend Männern und Weibern umstanden sind. Ein anderes dieser Gebilde hat genau die Form eines Schmiede-Amboß; ferner ist eine Stelle vorhanden, wo monumentartige Formationen so massenhaft stehen, daß man sich auf einem Friedhofe zu befinden vermeint. Hiernach hat der Monument Park auch seinen Namen erhalten; nach der namentlich im ›Garten der Götter‹ an glühendes Eisen erinnernden hochrothen Färbung des Gesteins aber wurde der ganze Staat Colorado ›der Hochrothe‹ getauft.

Diese rothe Färbung ist namentlich auch dem Williams Cañon zu eigen, einer an landschaftlichen Reizen fast überreichen 15 englische Meilen langen Schlucht, die zum Theil so enge ist, daß man von einem Wagen aus nach beiden Seiten hin die Felswände berühren kann. Dieses Cañon, welches ich am folgenden Tage besuchte, ist in solchen Zickzacklinien in die Felsen eingeschnitten, daß man sich beständig in einer Sackgasse zu befinden meint. Die fast 6-800 Fuß hohen lothrechten Wände prangen in den merkwürdigsten bleigrauen, indischgelben, gelbbraunen, saturn- und korallenrothen Farbentönen und lösen sich nach oben in ein malerisches Gewirr von Bastionen, Thürmen, Minarets und Façaden auf, die seltsam phantastisch gegen den blauen Himmel abstehen. Überall eröffnen sich gewaltige Risse und Löcher, die wie Schlupfwinkel für räuberisches Gesindel und Gethier aussehen, am Ende des Cañons ist eine interessante Höhle gelegen, deren labyrinthartig verzweigten Gänge und Säle allerhand Tropfsteingebilde zeigen.

Am Eingang dieser Höhle traf ich mit einem jungen Engländer zusammen, der sich geologischer Forschungen halber in Colorado aufhielt. Nach mehrstündigem Verweilen in dem Cañon traten wir gemeinschaftlich den Rückweg nach Manitou an.

Gleich am Ausgange des Cañons bemerkte mein Gefährte ein hübsches kleines Thierchen in der Größe einer Hauskatze, das sich in dem Gestrüpp zu schaffen machte und uns mit freundlichen Augen anblickte. Lange schneeweiße und tiefschwarze Haare bedeckten den Körper und den ungewöhnlich langen und buschigen Schwanz.

Im Hirn des Engländers reifte sofort der Plan, das muntere Thierchen einzufangen und mit nach Hause zu nehmen, und er setzte schleunigst seine langen Beine in Bewegung, um das langsam davontrabende Geschöpfchen einzuholen. Schon glaubte er sich seiner Beute gewiß, als das Thierchen seine buschige Standarte plötzlich einzog, wieder emporschnellte und den Verfolger mit einer wahrhaft pestilenzialischen Flüssigkeit überspritzte. Ein Dunst zum Ersticken verbreitete sich sofort – schrecklich, schauderhaft –, und ohne daß Jemand uns den Namen des Thierchens genannt hätte, wußten wir Beide sogleich, daß wir mit einem Stinkthier zusammengerathen waren.

Der Engländer dachte nicht weiter an das Einfangen des freundlichen Thieres, sondern ergriff nur noch einen Stein, um denselben mit grimmigem Fluche dem unseligen Vieh nachzuschleudern, das sich aber bereits außerhalb Wurfweite begeben hatte und, von einem Felsblocke herniederschauend, neugierig den Erfolg seiner Vertheidigung beobachtete. Augenscheinlich voll und ganz mit derselben zufrieden, reckte es nochmals drohend seinen buschigen Schweif und war dann mit einem Satze im Gestrüppe verschwunden, den Angreifer fluchend und tobend zurücklassend.

Wie willkommen mir die Gesellschaft des Sohnes Albions vor dem Attentate gewesen war, ebenso schnell suchte ich mich jetzt von demselben auf gute Manier loszumachen, denn der fürchterliche Gestank seiner von oben bis unten benetzten Kleider war nicht zu beschreiben.

Helfen konnte ich nicht, und so schlug ich mich nach kurzem Gruße seitwärts in's Gebüsche, den festen Vorsatz fassend, nie mit einem Stinkthier anzubinden, auch wenn dasselbe noch so freundlich mit seinen Augen blinzle.

Seines absonderlichen Vertheidigungsmittels halber ist die Stinkkatze von Menschen und Thieren gleich gefürchtet, und während es für erstere keine Möglichkeit giebt, den entsetzlichen Geruch aus den mit dem Safte des Thieres besudelten Kleidern zu entfernen, und ihnen sonach nichts Anderes übrig bleibt, als dieselben sofort zu beseitigen, so gehen auch alle Thiere der Stinkkatze scheu aus dem Wege.

Ludloff schreibt, daß Hunde, welche von einem Stinkthier bespritzt wurden, sich wochenlang förmlich lebensüberdrüssig zeigten, und daß ein derartiges Rencontre das denkbar Schlimmste ist, was Hunden zustoßen kann. Denn nur die Zeit, lange Monate, der Haarwechsel, befreien sie wieder von dem Ungemach.

Wie penetrant der Geruch der Absonderung der Stinkthiere ist, hatte ich mehrfach Gelegenheit auf amerikanischen Eisenbahnen zu beobachten, woselbst der Geruch einer in der Nähe des Schienenweges sich aufhaltenden Stinkkatze sofort sämmtliche Wagen des vorübersausenden Eisenbahnzuges durchdrang. Hat sich ein solches Thier in die Anpflanzung eines Ansiedlers verlaufen, so hütet sich derselbe wohlweislich, mit demselben anzubinden, denn nur ein sofort tödtender Schuß könnte verhindern, daß ihm der Aufenthalt in seinem Garten auf Wochen verleidet würde.

Spät Abends kehrte ich nach Manitou zurück. Die Kurgäste, welche zur Zeit meines Aufbruches in der Morgenfrühe wohl noch in ihren Betten oder Badewannen gelegen hatten, promenirten jetzt in den schönen Anlagen umher, nahmen an den improvisirten Tänzchen in den Sälen und Colonnaden theil oder beriethen über die Ausflüge, welche sie in den nächsten Tagen zu unternehmen gedachten. Vom Pikes Peak kam eine kleine Karawane Bergsteiger hernieder, per Wagen kehrten andere fröhliche Gesellschaften aus dem wunderschönen Cheyenne Cañon, von dem großartigen Utepaß, dem herrlichen Regenbogenfall oder von Glen Eyrie zurück.

Manitou ist eben der Ausgangspunkt, von wo die interessantesten und lohnendsten Ausflüge nach jeder Richtung hin unternommen werden können, und fast kein Besucher, der den Ort für einige Zeit zum Aufenthalte nimmt, wird es unterlassen, sich einem jener geduldigen Maulesel anzuvertrauen, deren Loos es ist, neugierige Touristen bis auf den Gipfel des Pikes Peak zu schleppen, auf dessen Plateau sich seit längerer Zeit eine Wetterstation befindet, von wo dreimal täglich die Wetterberichte nach der tausende Meilen entfernten Bundeshauptstadt Washington hinüberblitzen.

Da die Aussicht von dem mit einer Unmasse von großen Steinen erfüllten Plateau des Berges aber keineswegs im Verhältniß zu der mit dem Aufstieg verbundenen Mühe stehen soll, so nahm ich von dieser immerhin kostspieligen Bergbesteigung Abstand, um mich lohnenderen Partien zuzuwenden.

Ich fuhr zunächst nach Colorado Springs zurück und am nächsten Tage über Pueblo nach Cañon City, um das hier sich eröffnende großartige Cañon des Arkansas zu besuchen. Die dasselbe seiner ganzen Länge nach durchschneidende Eisenbahn ist die berühmte Denver & Rio Grande Railway, welche sich recht eigentlich die Erschließung der Bergwelt von Colorado zum Programm gesetzt hat. Es geschah dies allerdings weniger, um der Touristenwelt die vielen Wunder der Felsengebirge leichter zugänglich zu machen, sondern mehr, um Verbindungen mit solchen Plätzen zu erlangen, welche durch ihren Reichthum an Mineralien den Bau einer so kostspieligen Eisenbahn rentabel machten. Die Denver & Rio Grande-Bahn ist in der That eine echte Hochgebirgsbahn, die in der Großartigkeit ihrer Anlage wohl kaum hinter den technischen Wunderleistungen der berühmten südamerikanischen Anden- wie der europäischen Alpenbahnen zurücksteht, führt sie doch unter Überwindung der größten Schwierigkeiten zu Höhen empor, die bisher von keiner anderen Bahn erreicht wurden. So steigt sie z. B. im Sangre de Christo Gebirge 9339 Fuß empor, im Marshal Paß erklimmt sie eine Höhe von 10,760, im Fremont Paß sogar eine Höhe von 11,540 Fuß. Wo nur irgend die reichen Schatzkammern der Erde durch die Spitzaxt der Goldsucher eröffnet wurden, dahin führten auch bald die schmalspurigen Geleise dieser Schwalbenbahn, für die es keine noch so großen Schwierigkeiten giebt, die nicht durch die trefflichen Ingenieure dieser Gesellschaft überwunden würden.

Im Canon des Arkansas.
Nach der Natur aufegenommen von Rudolf Cronau.

Eine der glänzendsten Leistungen dieser Ingenieure war es, als es galt, das weltberühmte Cañon des Arkansas zu durchschneiden, welches neben dem Grand Cañon des Colorado und dem Cañon des Yellowstone wohl die großartigste und wildeste Steilschlucht des ganzen Erdballes ist. Bis vor wenigen Jahren war dieselbe unzugänglich im vollsten Sinne des Wortes; nur selten einmal, wenn ein besonders strenger Winter den diese Schlucht durchbrausenden Strom in Fesseln geschlagen hatte, wagte es der eine oder andere Abenteurer, diesen halsbrecherischen eisigen Pfad zu benutzen, um in die geheimnißvolle Nacht des Cañons vorzudringen. Zurückgekehrt, wußte er dann nicht genug zu erzählen von den großartigen Wundern, die sich ihm gezeigt, er berichtete von himmelhohen Felswänden, die sich zu erdrückender Enge zusammenschoben, und von furchtbaren Klüften, die kein Mensch zu erklimmen vermöge.

Da wurden im Jahre 1877 die ungemein reichen Silberlager von Leadville entdeckt, und nun beeilten sich die Eisenbahnen, nach der neu entstandenen ›Stadt der Wolken‹ emporzudringen. Nur zwei Wege waren zur Erreichung der 10,139 Fuß hoch gelegenen Minenstadt möglich, der eine von Denver durch den sogenannten South Park, der andere den Arkansas hinauf, durch das furchtbare Cañon. Die Denver & Rio Grande Gesellschaft wählte den letzteren. Fuß für Fuß mußte aber der Boden erkämpft und den harten Felsen abgerungen werden, ganze Wände wurden gesprengt; an langen Seilen befestigt, hingen die Arbeiter an den senkrechten Klippen, unter sich den tosenden Strom, über sich die Felsmassen, die jeden Augenblick auf sie niederzustürzen drohten.

Endlich war das Riesenwerk beendet, die entlegene Minenstadt wurde erreicht, und nun rollen tagaus, tagein die mit werthvollen Erzen beladenen Wagen von den Höhen der Gebirge herab durch diese furchtbare Schlucht, die zuvor stellenweise nicht genügenden Raum für den Fuß eines Menschen bot.

Eine Fahrt durch dieses Cañon gehört zu dem Großartigsten, was Colorado dem Reisenden zu bieten vermag. Man wählt als Ausgangspunkt am besten den Ort Cañon City, um während der langsameren Bergfahrt die fesselnde, beständig wechselnde Scenerie besser genießen zu können, was um so eher möglich ist, als die Bahngesellschaft die Einrichtung getroffen hat, jedem Zuge einen offenen Aussichtswagen beizufügen.

Diese Fahrt durch die Steilschlucht bot so viel des Großartigen, Erdrückenden, daß ich zu dem Entschlusse kam, mich am Ende des Cañons aussetzen zu lassen, um die soeben befahrene Strecke am folgenden Tage noch einmal, und zwar zu Fuße zurückzulegen, um so die mächtigen Eindrücke nochmals auf mich wirken zu lassen.

Unweit des westlichen Beginnes des Cañons war ein Blockhaus gelegen, auf meinen Wunsch hielt daselbst der Zug und ich stieg ab, um meinen Vorsatz auszuführen. Da bereits der Abend hereingebrochen war, so galt es zunächst ein Nachtquartier zu suchen, und ward mir ein solches auch von dem Eigenthümer des Blockhauses in bereitwilligster Weise gewährt. Der Mann war das echte Urbild eines jener wetterfesten Culturpioniere, die es lieben, ein an Abenteuern reiches Dasein zu führen, unbekümmert darum, ob Tage voller Ungemach kommen oder ob die Sonne des Glückes lacht. Welch eine Vergangenheit hatte dieser Mensch hinter sich! Jahrelang hatte er als Pilot den Missouri von der Mündung bis hinauf zu seinen Fällen befahren, hatte mancherlei Kämpfe mit den Krähen-, Schwarzfuß- und Siouxindianern bestanden, war mit einer Erforschungsexpedition nach Arizona und bis zum Cañon des Colorado vorgedrungen, und war nach der Auflösung dieser Expedition in Denver hängen geblieben und zwar zu der Zeit, als diese jetzt blühende Großstadt noch in ihren Windeln lag. Er war einer der Ersten, welche die Rocky Mountains nach Edelmetall durchforschten und hatte öfters Reichthümer besessen, um sie in einer einzigen Nacht wieder im Spiele zu verlieren. Während seiner Fahrten auf dem Missouri hatte er eine Siouxindianerin zum Weibe genommen, welche ihm getreulich auf allen seinen Irrfahrten folgte und nun auch dies einsame Blockhaus mit ihm theilte.

Stundenlang saßen wir am flackernden Herdfeuer, und ich ließ mir von meinem Wirthe Scenen seines eigenen Lebens erzählen und von der Frau über einige Eigenthümlichkeiten ihres Stammes Aufschluß geben.

Spät Abends, gerade als wir uns zur Ruhe begeben wollten, ward noch an die Thüre des Blockhauses gepocht und auf das laute »Wer da?« meines Wirthes antwortete eine Stimme draußen: »Masterson!«

Die Thüre wurde geöffnet und herein trat ein mit meinen Wirthen augenscheinlich wohlbefreundeter Mann meines Alters, von kräftiger untersetzter Statur. Das Gesicht, aus dem ein Paar sanft dreinblickende Augen schauten, ward von einem mächtigen Sombrero beschattet, eine dunkelblaue Jacke in mexikanischem Schnitt umschloß den Oberkörper, während die mit Fransen besetzten Lederhosen in hohen Stiefeln steckten. Eine vorzügliche Büchse sowie ein Paar mit Silber beschlagene Revolver ließen den echten Gebirgsjäger erkennen.

Derselbe begehrte gleichfalls ein Nachtquartier, und hatte ich, da ein weiteres Lager in dem Blockhause nicht mehr vorhanden war, das mir eingeräumte Bette mit Masterson zu theilen.

In aller Morgenfrühe erhob ich mich, um an einem nahen Bache die Morgenwäsche vorzunehmen. Die schwere Holzthüre aufstoßend, schob ich zugleich ein dickes Knäuel bei Seite, das sich schnell entwirrte, einen rasselnden Ton hören ließ und nach meinen Füßen fuhr. Wie der Blitz sprang ich zurück, ohne daß die Klapperschlange, welche ihre nächtliche Ruhe auf der Thürschwelle gehalten hatte, mich verwundet hätte. Schnell ergriff ich eine in der Ecke lehnende Sense und hieb das scheußliche Reptil mitten auseinander. Ein Schuß aus der Büchse meines inzwischen gleichfalls lebendig gewordenen Wirthes zerschmetterte der Schlange den Kopf, und so waren wir des gefährlichen Besuchers glücklich entledigt. Daß sich solche nicht allzu selten einstellen, bewies mir die Sammlung von Schwanzklappern, welche mein Wirth sämmtlich von in der unmittelbaren Nähe des Blockhauses erlegten Klapperschlangen als Trophäen genommen hatte. Eine dieser Klappern zählte nicht weniger denn 17 Glieder.

Durch den Schuß war auch mein Schlafgenosse, Masterson, erweckt worden und nachdem derselbe sich angekleidet und ein Stück gebratenes Fleisch in den Rucksack geschoben hatte, griff er nach seiner Büchse und schlug sich nach kurzem Dank und Gruß seitwärts in die Berge hinein.

Derweil wir bei unserem frugalen Frühstücke saßen, erwähnte mein Wirth ganz beiläufig, daß Masterson vor kurzem erst 27 Jahre alt geworden, aber doch schon 26 Männer getödtet habe. Vor Überraschung wäre mir, wie man zu sagen pflegt, nahezu die Butter vom Brode gefallen, und halb instinctiv griff ich an meinen Hals, um mich zu vergewissern, ob derselbe auch wirklich noch mit dem Körper zusammenhänge. Als ich mich davon überzeugt, suchte ich eifrig mehr über Masterson zu erfahren. Das, was mir mein Wirth zu erzählen vermochte, war allerdings geeignet, die Erinnerung an meinen Bettgenossen, einen sechsundzwanzigfachen Mörder, für alle Zeit in meinem Gedächtniß zu befestigen.

»Er heißt,« so hub mein Wirth an, »H. B. Masterson und ist aus Dodge City in Kansas herübergekommen. Er gilt als ein gesetzliebender Bürger und hat seine Leute stets nur im Interesse von Ruhe und Ordnung niedergeschossen. Bei einer Gelegenheit hat er innerhalb weniger Minuten sieben Männer zusammengeknallt.«

Auf mein Ersuchen, die Einzelheiten dieses Vorfalles zu erzählen, fuhr der Alte fort: »Masterson befand sich in einem Grenzorte unten an der texanischen Grenze, als ihm die Nachricht gebracht wurde, daß in einer gegenüberliegenden Kneipe sieben Strolche soeben seinen Bruder erschossen hätten. Einen Navy Revolver in jeder Hand (denn er schießt auch über's Kreuz mit beiden Händen vortrefflich), eilte Masterson rasch hinüber, um den Tod seines Bruders an den Mördern zu rächen. Die Strolche wurden von Schrecken ergriffen, als sie ihn nahen sahen, und hatten nichts Eiligeres zu thun, als die Thüre zu verschließen. Aber mit beiden Füßen dagegen springend, war es dem heranstürmenden Rächer im Augenblick gelungen, die Thür aufzusprengen, und in das Zimmer dringend, feuerte er rechts und links um sich. Vier der Mörder sanken sofort todt zu Boden, den drei anderen gelang es, aus dem Zimmer zu entkommen. Sie eilten nach ihren Pferden, um aus der Stadt zu fliehen, aber Masterson war ihnen dicht auf den Fersen, und schoß mit seinem nie fehlenden Revolver einen nach dem andern nieder.«

»Vor einigen Jahren,« fuhr der Erzähler fort, »waren zwei Halbblut-Mexikaner, Vater und Sohn, der Schrecken der in der Umgegend gelegenen Minenlager. Sie waren die besten Schützen in der ganzen Gegend und wußten sich gegenseitig so zu decken, daß sie vollständig unüberwindlich waren. Sobald der Eine alle Kammern seiner Revolver entleert hatte, eröffnete der Andere das Feuer, unter dessen Schutz der Erste seine Waffe von neuem lud. Die beiden Strolche hatten schon eine Menge Bergleute ermordet und ausgeplündert, und dieserhalb war auf ihre Köpfe eine Belohnung von 500 Dollars ausgeschrieben. Masterson faßte den Entschluß, sich die Belohnung zu verdienen und die beiden Mexikaner zu tödten.

Die beiden Räuber bewohnten eine Hütte, die auf einer kleinen Lichtung im unzugänglichsten Theile des Gebirges stand. Hier spürte Masterson seine Opfer auf, und er kroch eines Morgens, vor Tagesanbruch, die Repetirbüchse in der Hand, bis an den Rand der Lichtung. Hinter einem Busche versteckt, legte er sich mit der Brust auf einen mitgebrachten Sack, sein Pferd hatte er, etwa eine Meile von der Stelle entfernt, im Thale angebunden. Bald nachdem die Sonne aufgegangen war, wurde die Thür der Hütte geöffnet und der mit zottigem Haar bedeckte Kopf des alten Mexikaners wurde sichtbar. Mit scharfem Blick im Kreise umherschauend, ob sich an dem Rande der Lichtung nicht irgendwo etwas Verdächtiges zeige, zog der Alte den Kopf langsam wieder zurück. Nach wenigen Minuten wurde die Thür weit geöffnet und heraus traten Vater und Sohn, einer hinter dem anderen, bis an die Zähne bewaffnet. Beide trugen einen mit Revolvern gefüllten Gürtel um den Leib und eine Büchse in der Hand. Der Alte trug außerdem einen Wassereimer. Mindestens 30 Minuten verstrichen, die Masterson wie eben so viele Stunden vorkamen, ehe der rechte Augenblick zum Feuern gekommen war. Vater und Sohn standen im Gespräch vor der Thür der Hütte, in die keiner der Beiden zurückkehren durfte, wenn Masterson bei seinem gefährlichen Unternehmen nicht selbst zu Grunde gehen wollte. Endlich schritt der Alte mit dem Eimer in der Hand einer etwa 100 Fuß entfernten Quelle zu, während der Sohn vor der Thüre der Hütte zurückblieb. Ersterer hatte etwa die Hälfte des Weges durchmessen, als Masterson feuerte; der jüngere der beiden Strolche machte einen Luftsprung und fiel todt zu Boden. Der Alte wendete sich sofort um und eilte der Hütte zu, vor deren Thür auch ihn die Kugel des Verborgenen erreichte. Den beiden Todten schnitt Masterson die Köpfe ab und holte sich die auf dieselben gesetzte Belohnung.«

Noch Mancherlei erzählte mein Wirth über die eigenthümlichen Gebräuche in den Minengegenden, und wie wenig Werth daselbst auf ein Menschenleben gelegt werde, dann trat ich, nachdem ich gleichfalls einigen Proviant zu mir gesteckt und mich verabschiedet hatte, dem Arkansas folgend meine einsame Wanderung durch das Cañon desselben an.

Das Blockhaus lag inmitten eines Felsenkessels, der ringsum von hohen Gebirgswänden umschlossen wurde. Aber schon nach wenigen Minuten meiner Wanderung begannen die Felsen um mich her zu wachsen und nahmen immer finsterere, drohendere Formen an. Zugleich rückten sie enger und enger zusammen, so daß das Bahnbette und der Fluß allein die Sohle dieser Schlucht ausfüllten. Überall trat mir das Bild der Rauhheit, Starrheit und Wildheit entgegen. Überall lagen riesige Felsblöcke im Strombette verstreut und um sie her wirbelten in tollem Tanze die thalwärts eilenden Fluthen.

Und nun ging es mitten hinein in die grausigen Eingeweide der Felsen, die Schlucht wurde zum Schlunde, in dem die wärmenden Strahlen der Sonne alle Macht verloren hatten. Feucht und kühl war es hier zwischen diesen braunrothen, zerrissenen Wänden, die Zermalmung drohend naherückten. Mir war, als befände ich mich in einem ungeheueren Grabgewölbe, aus dem es keinen Ausweg mehr gebe.

Kein Vogel zwitscherte hier sein lustig Lied, kein Insect durchzog summend die Luft, wuchs doch auch kein Blümlein in dieser halbdunklen Felsengasse.

Und weiter und weiter ging die Reise. An die Stelle des Lichtes trat ein geheimnißvolles Dunkel, die Atmosphäre wurde dumpfer und schwüler, die Angst der Seele mächtiger und größer. Um mich herrschte ein grausiges Schweigen, ein Schweigen wie das eines Todtenkellers. Nur die Wellen des bleifarbenen Flusses klatschten bisweilen an das nackte Gestein, das einzige Geräusch inmitten dieser schauderhaften Einsamkeit, inmitten dieses entsetzlichen Alleinseins.

So haben' sich die alten Griechen den Weg zur Unterwelt, die Juden zur Gehenna gedacht, jenem Reiche der Abgeschiedenen, aus dem keine Wiederkehr möglich ist.

Nach längerer Wanderung gelangte ich an die sogenannte › Royal Gorge‹, die Königsschlucht, eine Stelle, wo die Felswände nur noch einen schmalen Spalt frei lassen. Hier herrscht mystische Dämmerung, denn nie dringt ein freundlicher Sonnenstrahl hinab in diesen engen Spalt, dessen nachtschwarze Wände von feuchtem, graugrünem Moosgespinnste überzogen sind. Wer vermöchte die Höhe der lothrecht emporschießenden Felswände zu ermessen, die tausende Fuß über uns in zackige Klippen und Nadeln enden.

An dieser unheimlichen Stelle war kein Raum für das Bahnbette, hatte doch der Fluß Mühe, sich hier durchzuzwängen. Da gab es kein Auffüllen, kein Absprengen, hier schien der die Felsengasse durchtosende Strom die bisherige Alleinherrschaft behaupten zu wollen. Aber die muthigen Ingenieure setzten ihm kühn den Fuß auf den Nacken und befestigten an den Wänden über ihm eine Schwebebrücke so eigener Art, daß man getrost behaupten kann, dieselbe habe, auch abgesehen von der unvergleichlichen Örtlichkeit, kaum ein Gegenstück in der Welt. Wird doch die ganze Brücke nicht von Querbalken getragen, die von Felswand zu Felswand hinüberreichen, sondern sie hängt vielmehr von mächtigen eisernen Querspreizen herunter, die dachartig einander stützen. Gar Mancher der hier Vorübereilenden mag jählings erbleichen, wenn er das Keuchen und Stöhnen der Locomotive vernimmt, das starke Knarren und Zittern der Brücke und das Schwanken der Wagen verspürt. Über ihm hängen nachtschwarze Felsenmassen, unter ihm schäumt und rast der Fluß, – nur ein Stein braucht herniederzufallen, nur eine Schraube der Brücke sich zu lösen – und Alles wäre vorüber.

Hoch auf athmet die Brust, wenn diese gefährliche Passage überwunden, die Lichtstrahlen wieder voll und breit hereinfluthen und hoch, hoch über uns ein Stückchen des blauen Himmels zu gewähren ist. –

Ich hatte die etwa 200 Fuß lange Schwebebrücke bereits zum größten Theile passirt, als ich plötzlich durch einen schneidend grellen Pfiff hinter mir aus der staunenden Bewunderung herausgerissen wurde. Kaum hatte ich noch Zeit, mit einem schnellen Satze das Geleise zu verlassen und mich an das eiserne Geländer der Brücke zu klammern, als auch der Zug, dessen Getöse von dem Rauschen der Fluthen übertönt worden war, um die Felswand angejagt kam und über die Brücke donnerte, thalwärts zu. Hart schwankten die Wagen an mir vorüber, der durch dieselben hervorgerufene scharfe Luftzug benahm mir fast den Athem, um mich hörte ich ein tausendfaches Sausen, Donnern und Brausen, als solle die Welt zusammenstürzen, die Brücke begann zu dröhnen und zu schwanken, dann war der wie ein Phantom an mir vorüberschießende Zug hinter der nächsten Felswand verschwunden.

Froh, der Gefahr glücklich entronnen zu sein, setzte ich mich, nachdem ich die Brücke vollends überschritten hatte, auf einen Haufen riesiger Felstrümmer, um eine in die gegenüberliegende Wand hereingerissene tiefe Kluft zu zeichnen, welche bis auf den Gipfel der Berge zu führen schien, ein wüstes Gewirr von herabgestürzten Trümmern und thurmhohen senkrechten Wänden, für jeden menschlichen Fuß unpassirbar. Und doch mußte wohl etwas Lebendes in dieser Schlucht existiren, denn ich beobachtete einen Adler, der eine Zeit lang in unermeßlicher Höhe seine stolzen Kreise zog und dann plötzlich jählings herniederfuhr, um in der grausigen Kluft meinen Blicken zu entschwinden.

Nachdem ich die Zeichnung vollendet hatte, setzte ich meine Wanderung durch das Cañon fort, welches sich, hundertfache Krümmungen beschreibend, bald für einen Augenblick erweiterte, um gleich darauf wieder engere Klüfte zu bilden. Manchmal erhoben sich vor mir himmelhohe, überaus majestätische Wände, die das ganze Cañon zu verschließen und weiterem Vordringen ein Halt zu gebieten schienen. Aber dicht vor dieser Wand beschrieb der eiserne Pfad eine scharfe Wendung, um hart unter der schroffen Wand vorüberzuführen und in einen anderen Theil des Cañons einzutreten.

Gegen die elfte Morgenstunde traf ich auf zwei wohlausgerüstete Trapper, die von Cañon City her gekommen waren und sich gerade anschickten, an einer der wenigen zum Anstiege geeigneten Stellen emporzuklimmen, um auf die in dem oberen Felsengewirr vorkommenden Bergschafe Jagd zu machen. Ein kleines Rudel dieser äußerst scheuen und überaus schwer zu erbeutenden Thiere war hoch oben sichtbar. Mit Hülfe meines Fernglases vermochte ich die als Wache postirten, auf den äußersten Graten stehenden Böcke deutlich zu erkennen. Die Farbe derselben war grau, der Körper dem eines Elks ähnlich. Die dicken, schweren, an zwei Fuß langen Hörner beschrieben einen Cirkel, so daß die Spitzen unterhalb der Augen vorsprangen. Über die Natur dieser Thiere wie auch der noch weit selteneren Bergziegen ist wenig Zuverlässiges bekannt, da kaum ein Forscher dieselben jemals an ihren gefährlichen Zufluchtsorten beobachtet hat, die Trapper hingegen die absonderlichsten Fabeln über diese Thiere verbreitet haben.

Da es mein Wunsch war, auch einen Blick von obenher in das Cañon zu gewinnen, so folgte ich den beiden voranklimmenden Trappern auf ihrem halsbrecherischen Pfade, bis wir etwa eine Höhe von tausend Fuß erreicht hatten. Da hier der Aufstieg immer beschwerlicher wurde, meine von dem scharfkantigen Gestein zerschnittenen Hände, Kniee und Füße zu bluten begannen, die Vorsprünge immer steiler und zerklüfteter wurden, so nahm ich von der weiteren Ersteigung der Cañonwand Abstand. Die Trapper hingegen setzten ihr gefahrvolles Unternehmen fort und waren bald in dem Felsengewirr meinen Blicken entschwunden.

Während des Klimmens hatte ich mich nicht ein einziges Mal umgewendet, da ich mein ganzes Augenmerk darauf zu richten hatte, aus den nachgiebigen Gesteinsbrocken festen Fuß zu halten und den von den voranklimmenden Jägern losgelösten Felstrümmern auszuweichen. Als ich mich jetzt auf meinem sicheren Standpunkte umwandte, ward ich durch den überwältigenden Eindruck der unter mir liegenden Schlucht doppelt überrascht. Ringsum starrten unendlich hohe Felsen empor, die sich hoch, hoch über nur in tausende von thurmartigen Spitzen und Nadeln, Zinnen und Vorsprüngen auflösten, welche durch die Sonne mit einem die Augen blendenden Farbenglanze übergossen wurden. Tief unter mir aber schoben sich die Wände enge zusammen und durch die grausige Enge stürzten brausend und schäumend die Wasser des Arkansas.

Der Abstieg war noch schwieriger als der Anstieg. Ganze Lawinen des Trümmerschuttes rasselten zu Thal, doch gelangte ich endlich nach harter Arbeit wohlbehalten wieder an den Ausgangspunkt zurück.

Und weiter ging es durch die enge Felsengasse, die immerfort das Gefühl in mir erweckte, daß ich mich in Wirklichkeit inmitten der ›Felsengebirge‹ befinde, und daß wohl schwerlich ein treffenderer Name für diese Regionen hätte ersonnen werden können.

Endlich am späten Nachmittage öffnete sich die Schlucht. Die Felsen traten zeitweise zurück, bildeten kleine Kessel und wurden niedriger. Ruhiger strömte der Fluß dahin, und bald hörte ich auch wieder Menschenstimmen erklingen.

Es waren Bahnarbeiter, die eine große, gelbbraune Tarantel beobachteten, die langsam, mit bedächtigen Schritten an einer Felswand emporkroch. Wie in allen felsigen Gegenden des westlichen Nordamerika, so kommen diese überaus häßlichen Insecten auch in dem Cañon des Arkansas häufig vor und bauen ihre seltsamen, aus zermürbtem Gestein und Lehm zusammengeklebten Nester unter größeren Steinbrocken oder in den Spalten derselben auf. Diese walzenförmigen Nester sind zwischen fünf bis acht Zoll lang und durch eine an starken Fäden hängende Fallthür fest verschließbar. Der Biß der taubeneigroßen, mit acht fingerlangen Beinen versehenen Spinne ist sehr gefürchtet; so erzählten mir hier die Leute, daß einem ihrer Kameraden während der Arbeit eine solche Spinne zufällig auf den Kopf gefallen sei. Der Arbeiter wurde von dem Insect in die Kopfhaut gebissen und verfiel, trotzdem die Wunde sofort mit Branntwein gewaschen worden, total in Blödsinn. Fast noch gefürchteter sind hierselbst die zahlreichen Tausendfüße, die in allen Größen bis zu zehn Zoll Länge Vorkommen sollen. Auch an schwarzen Scorpionen ist kein Mangel, und berichteten mir die Männer, daß sie schon mehrfach derartige angenehme Schlafgenossen frühmorgens unter ihren Wolldecken gefunden hätten.

Spät Abends und todtmüde langte ich in Cañon City an.

Nachdem ich die schaurige Bergwildniß in dieser Weise durchkreuzt hatte, suchte ich mir zunächst einen Einblick in das Minenleben Colorados zu verschaffen. Kein Ort ist geeigneter dazu als Leadville, die höchste Stadt Nordamerikas, der höchste Ort, zu dem eine Eisenbahn hinaufführt, der höchste Ort, wo – eine deutsche, Zeitung erscheint.

Partie im Cañon des Arkansas.

Alljährlich, wenn der Schnee der Gebirge zu schwinden beginnt und die Hochpässe frei werden, dann verlassen die Goldsucher ihre Winterquartiere, um in den hohen Regionen der Felsengebirge auf's Neue nach den Lagerstätten werthvoller Erze zu suchen. Wochen und Monate vergehen in absolutester Einsamkeit, bald schlagen die Mineure hier, bald dort, wo die Anzeichen günstig scheinen, an einem weltentlegenen Orte ihre Zelte auf, um mit Spitzaxt und Schaufel die Erde zu durchwühlen und nach edlen Metallen zu spüren.

Eine solche Gesellschaft von Goldsuchern hatte bereits im Jahre 1859 den Ort besucht, wo heute die ›Stadt der Wolken‹ sich erhebt, hatte daselbst mit Erfolg in dem sogenannten ›California Gulch‹ Gold gewaschen und war nach Erschöpfung dieses Metalles wieder davongezogen, ohne anderer Schätze zu achten, die sie mit Füßen traten. Auf dem Boden der Pfannen, in denen das Gold ausgewaschen wurde, sammelte sich zum Verdrusse der Wäscher eine eigenthümliche schwarze Masse, welche die Scheidung des Goldes erschwerte. Ohne diese Masse aber genauer zu untersuchen, ward dieselbe nebst dem zurückbleibenden Schlamme achtlos bei Seite geworfen.

Erst im Jahre 1877, nachdem die ursprünglichen Goldlager längst verlassen waren, kam es einem modernen Schätzeheber in den Sinn, diesen schwarzen, schweren Sand eingehender zu prüfen, er brachte eine Probe desselben zum Schmelzen und zog daraus – blankes Silber. Dies führte zur Entdeckung der Blei- und Silbergruben, durch deren außerordentlichen Reichthum das bis dahin aus zweihundert elenden Blockhäusern bestehende Örtchen im Nu zu einer solchen Berühmtheit gelangte, daß es zum Ziel aller Glücksjäger des Westens wurde. Ganze Karawanen von Goldgräbern sammelten sich in Leadville, und über Nacht schoß hier eine Stadt aus dem Boden, die das echte Urbild eines westlichen Minenplatzes mit all den Rauh- und Rohheiten eines solchen war. Ja, zeitweise war die ›Stadt der Wolken‹ in Folge des daselbst obwaltenden zügellosen Lebens gerade so berüchtigt, als die Silbergruben es berühmt gemacht hatten. Die verwegensten › Rowdies‹ strömten hier zusammen und kaum irgendwo war es einem anständigen Menschen weniger möglich, sich vor Brutalitäten zu schützen, als hier. Es genügte fast, daß ein Mensch ein reines weißes Hemde trug, um dasselbe sofort zur Zielscheibe einiger Revolver zu machen.

Diese rauhe Zeit war aber nichtsdestoweniger die eigentliche Blüthezeit von Leadville; die Bevölkerung wuchs auf 20,000 Köpfe, und es herrschte ein Leben und Treiben in den Straßen, wie es in dreimal größeren Städten nur bei außerordentlichen Gelegenheiten angetroffen wird. Schmelz- und Stampfwerke entstanden, Gas- und Wasserleitungen wurden angelegt, electrisches Licht erleuchtete alle Straßen, kurz die ›Stadt der Wolken‹ hat mit ihren Opernhäusern, Theatern, Hotels, Banken, Kirchen und Schulen all die Bequemlichkeiten und Vorzüge einer Großstadt. Von der Gesammtausbeute Colorados an Edelmetallen, die sich im Jahre 1880 auf 24-25 Millionen Dollars belief, entfielen auf Leadville 15,025,153 Dollars allein.

Im weiteren Umkreise von Leadville sind unzählige anderer › Camps‹ und Minenplätze, von welchen manche schon durch ihre hochklingenden Namen sich als solche verrathen, wie Golden City, Silverton, Silvercliff u. s. w. Wenn man die Namen einzelner dieser › Claims‹ liest, so wandelt einen ordentlich die Lust an, den Gedankengang des Entdeckers in dem Augenblicke zu verfolgen, als ihm der Zufall vielleicht ein fürstliches Vermögen in den Schooß warf. Da ist z. B. der patriotische Bergmann, der sein eben entdecktes, wenn auch noch fragliches Glück je nach seiner Nationalität mit dem Namen eines hervorragenden Patrioten, Staatsmannes oder Generals tauft; der Naturfreund legt der von ihm entdeckten Mine den Namen irgend einer Naturerscheinung bei, wie › Morning star‹, › Lone star‹, › Evening sun‹; der frühere Student bevorzugt classische Namen wie › Pluto‹, › Apollo‹, › Merkur‹ oder › Eureka‹; der religiöse Mexikaner vergißt seine Heiligen nicht, denen er seine Entdeckungen unter dem Namen von ›San Augustin‹, ›San Rafael‹ widmet; unverhofftes Glück spricht aus den Namen › Peerless‹, › Non plus ultra‹, › Excelsior‹, › Bonanza‹, wohingegen der ganz prosaische matter-of-fact-Bergmann seine Benennungen von vielleicht zufällig am Orte der Entdeckung vorgefundenen Objecten nimmt, so daß seine ›Claims‹ als ›rostiges Messer‹, ›alter Stiefel‹, ›zinnerne Kanne‹ oder ›todter Esel‹ der Welt bekannt werden.

Das Leben solcher Entdecker ist ein überaus mühseliges und oft gefahrvolles. Allein oder in kleiner Gesellschaft, meist mit einem treulich ausharrenden Esel oder einem struppigen Pony, durchziehen die › Prospectors‹ die entlegensten Orte, wo vorher kein Fuß eines Weißen gestanden hat. Da wühlen sie nun, waschen und graben, und füllen die Taschen und Rucksäcke mit Proben, um dieselben in dem nächsten, vielleicht hundert Meilen entfernten Örtchen vom › Assayer‹, dem Erzprobirer, untersuchen zu lassen, denn der Werth des Erzes wird darnach berechnet, wie viel Unzen Silber in der Tonne (2000 Pfund) Erz enthalten sind. Hat die Untersuchung ein günstiges Resultat ergeben, so gräbt der Entdecker an der Stelle seines Fundes einen Schacht oder bohrt einen Tunnel, um die gefundene Ader bloßzulegen. Oder aber er tritt seine Anrechte gegen entsprechende Summen an eine Gesellschaft ab, welche dann eine regelrechte bergmännische Ausbeutung des Platzes vornimmt. Der Entdecker hingegen hat in den meisten Fällen seinen Gewinn in kurzer Zeit im Faro-, Keno- oder Pokerspiel verloren und er kehrt in die Einöden zurück, um die ungewisse Jagd nach dem Glück auf's Neue zu beginnen. Comstock, der Entdecker jener berühmten Ader, die seinen Namen trägt und die schon über eine Milliarde abgeworfen hat, nahm sich im Elend selbst das Leben.

Vornehmlich sind diese › Prospectors‹ in den zum Theil noch wenig bekannten Wildnissen des westlichen Colorado zu finden, in den zerklüfteten Hochgebirgen der San Juan-, Elk-, Book-, Uintah- und Uncompahgre Mountains. Für Tage und Wochen mögen sie daselbst wandern, ohne Menschen zu erblicken, möglich, daß ab und zu das lang anhaltende Rollen eines Büchsenschusses an ihr Ohr schlägt, den ein einsamer Trapper auf ein Stück flüchtigen Wildes abgegeben.

Der Berg des Heiligen Kreuzes.

Hier, inmitten dieser Einsamkeit, ragen die höchsten Gipfel der Felsengebirge empor, Hunderte von Peaks, die dem Mont Blanc an Höhe vollkommen gleichstehen oder denselben noch überragen, darunter der 14,176 Fuß hohe ›Berg des heiligen Kreuzes‹, ein Granitkoloß, an dessen Ostabhange zwei über tausend Fuß lange, mit ewigem Schnee gefüllten Spalten jenes berühmte Wahrzeichen bilden, welches in West-Colorado auf Meilen und Meilen hin sichtbar ist.

Touristen verirren sich nur selten in dies noch unwirthliche Gebiet, müßten sich dieselben doch zu einem derartigen, Monate in Anspruch nehmenden Streifzuge vollständig ausrüsten und ein Lagerleben führen, dessen Beschwerlichkeiten gerade nicht Jedermann einen Reiz abzugewinnen vermag. Diese Touristenwelt beschränkt sich mehr auf die leichter zugänglichen ›Parks‹, welche neben ihren herrlichen Waldungen und ausgedehnten Wiesenflächen zugleich auch die prächtigsten Hochgebirgslandschaften bieten und also eine charakteristische Eigenthümlichkeit des Staates Colorado sind. Unter diesen ›Parks‹ darf man keineswegs abgeschlossene, wohlgepflegte Haine in dem Sinne verstehen, den wir mit dem Worte ›Park‹ verbinden, hier bezeichnet man damit vielmehr weite, ringsum von 12-14,000 Fuß hohen Gebirgsketten eingeschlossene Gebiete, welche in sich jedoch keineswegs eben zu sein pflegen, sondern selbst wieder von weniger hohen Bergzügen nach allen Richtungen hin durchschnitten sind. Durch ihre enorme Ausdehnung zeichnen sich vor allem der South-, Middle-, North- und San Luis Park aus, von denen der erstere, zwischen 8-9000 Fuß über dem Meeresspiegel gelegen, allein nicht weniger als 60 englische Meilen in der Länge, 30 in der Breite mißt und ein Gebiet von 2200 englischen Quadratmeilen umfaßt. Von noch größerem Umfange ist der San Luis Park, umfaßt derselbe doch ein Gebiet von nahezu 18,000 engl. Quadratmeilen, also zweimal so groß als der Staat New Hampshire. 35 Ströme bewässern diesen Riesenpark, in den man die ganze Schweiz versenken könnte.

Namentlich der diesen Park im Nordwesten und Norden abschließende Gebirgswall ist voll der malerischsten und wildesten Scenerien. Da ragen einige der gewaltigsten Höhen der Felsengebirge, der Mount Quandary (14,269'), der Mount Lincoln (14,297'), der Grays Peak (14,341') sowie der Longs Peak (14,271'), dessen Gipfel weit über die Prairien des östlichen Colorado leuchtet.

In diese majestätische Hochgebirgseinsamkeit gebettet liegen einige wundervolle Seen, der seines wunderbar grünen Wassers halber berühmte Green Lake, sowie die 11,995 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen Chicago Seen, in deren Fluthen sich der benachbarte Mount Rosalie wiederspiegelt.

Auch einige Steilschluchten hat dieser Theil des Gebirges aufzuweisen, so vornehmlich die Cañons des Boulder- und des Clear Creeks, die beide an Großartigkeit und Wildheit der Scenerien nur wenig hinter dem Cañon des Arkansas zurückstehen.

Angesichts all dieser Hochgebirgsherrlichkeit liegt nun Denver, › the Queen City of the Plains‹, ein Ort, von welchem Richardson, der Colorado im Jahre 1859 bereiste, nichts weiter zu berichten wußte, als daß derselbe ein überaus desolates und verlorenes Aussehen habe, und daß das Erscheinen eines Frauenhutes in den Straßen dieses Ortes sofort die ganze Bevölkerung in Aufregung versetzt habe. Gab es doch damals nur fünf Frauen in der ganzen Goldregion, und die Bevölkerung Denvers bestand ausschließlich aus Goldgräbern, Trappern und Händlern, die zumeist nichts wie wollene Hemden, lederne Beinkleider, Mokassins und riesige Schlapphüte trugen, und mit Messern und Revolvern wohlversehen waren.

Jetzt ist Denver eine echte amerikanische Großstadt, die wohl ihre 100,000 Einwohner zählen mag und in ihrem Aufblühen ein charakteristisches Bild von dem Reichthum des jungen Staates, von dem urplötzlichen Emporschießen der westlichen Städtewesen darbietet. Erheben sich doch heute über sechzig Kirchen, an dreißig Schulen, mehrere Theater, ein Dutzend große Banken, über dreißig große Hotels, großartige Brauereien, Fabriken, Staatsgebäude und zahlreiche prunkende Kaufläden auf dem Grunde, welcher vor dreißig Jahren noch von den Indianern occupirt wurde. An Stelle der rauchgebräunten Wigwams derselben dehnen sich jetzt die luxuriös eingerichteten Residenzen der Reichgewordenen, deren es hier eine ganze Menge giebt. Rühmte sich doch Denver bereits im Jahre 1880, der Wohnsitz von 6 Millionären, 20 Halbmillionären und von über 200 Personen zu sein, die je über eine Viertelmillion Dollars zu verfügen hatten. Ungezählte Reichthümer sammeln sich hier, die Ackerbauer, Viehzüchter, Minenbesitzer, Händler und Spekulanten aus weitem Umkreise strömen hier zusammen; Goldgräber und Trapper setzen hier die Ergebnisse ihrer monatelangen Streifzüge in klingende Münze um, und unzählige Touristen beleben die Straßen und Hotels der Stadt, welcher man um so mehr eine große Zukunft voraussagen darf, als es für Jeden, der in irgend einem Theile Colorados etwas zu erledigen hat, geradezu eine nicht zu umgehende Nothwendigkeit ist, Denver, die Hauptstadt dieses Staates, zu berühren.

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