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Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170417
projectid4714fdd4
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Durch Oregon und Washington.

Das Goldene Thor bei San Francisco.

Ich hatte auf dem nach Oregon bestimmten Küstendampfer › the Queen of the Pacific‹ Passage genommen, um auch den äußersten Nordwesten der Union kennen zu lernen.

Ruhig, fast feierlich durchschnitt der seinen stolzen Namen vollauf verdienende Prachtdampfer der › Oregon and Navigation Company‹, welcher seine erste Fahrt unternahm, die schäumenden Wogen, nicht als habe er eine fast überreiche Ladung genommen, sondern als trage er eine Feder. Die Ausstattung des Schiffes war in der That eine glänzende, die Wandungen des Salons waren mit Schnitzereien in Eichen- und Lorbeerholz bedeckt, namentlich der obere Salon, in welchem sich tagsüber die Passagiere aufzuhalten pflegten, bildete mit seinen reichen Schnitzereien, den mit bunten Glasmalereien versehenen Schiebefenstern ein überaus reizendes Schaustück moderner Ausstattungskunst, welches aber noch durch die bekanntlich keinem amerikanischen Dampfer fehlenden › Bridal-rooms‹ übertroffen wurde. Carminrothe Sammtvorhänge verbargen die schwellenden Lager, gepreßte Goldtapeten gleißten im Widerschein der ein rosiges Licht verbreitenden Ampeln, und farbenprächtige orientalische Teppiche machten jeden Fußtritt verklingen.

Kann es wundern, daß diese zur Wirklichkeit gewordenen Künstlerphantasien schon lange vor der Abfahrt des Dampfers durch junge Ehepärchen mit Beschlag belegt worden waren, um in diesen Räumen jene mitunter an Abenteuern und Gefährnissen reiche gemeinsame Fahrt anzutreten, die man die Ehe nennt?

Und nun glitt der Dampfer durch das Goldene Thor hinein in den Großen Ocean. Hinter uns breitete sich die mächtige Stadt mit ihren reichen Prachtgebäuden über den gelbfarbigen, auf- und abschwingenden Hügeln, die mit ihren weit vorgelagerten Sanddünen, mit den stellenweise hervortretenden braunen Basaltabstürzen stets wechselnde Scenerien boten. Zur Rechten endigte das Festland in wildzerklüftete, senkrecht abfallende, mehrere hundert Fuß hohe Klippen, von deren Plateau ein Leuchtthurm herübergrüßte. Zur Linken dräuten die Feuerschlünde des Fort Point; inmitten der weltberühmten Straße aber erhob sich die mit Festungswerken versehene Felseninsel Alcatraz aus den schimmernden Fluthen. Fern im Hintergrunde der weiten San Francisco Bai aber schoben sich die Höhenzüge der Contra Costa empor, überragt von der 28 Meilen entfernten blauen Doppelkuppe des an 4000 Fuß hohen Monte Diablo.

Daß das Goldene Thor darum so genannt worden wäre, weil es den Thorweg zu dem an unermeßlichen Schätzen reichen Eldorado bildete, dürfte wahrscheinlich erscheinen. Die Bezeichnung ist aber weit älteren Ursprunges, denn lange Jahre bevor das gleißende Metall in Californien entdeckt wurde, hatten die Spanier der schönen Meeresstraße diesen Namen verliehen, weil der Goldglanz der sinkenden Sonne allabendlich die Meeresstraße in der That als eine goldene, zum Ocean führende Pforte erscheinen ließ.

Den ersten Tag der Reise behielten wir die Küste Californiens, einen festgeschlossenen, von Gebirgen überragten Klippenwall ohne irgend eine Einbuchtung, in Sicht, erst am folgenden Morgen fanden wir uns auf dem grenzenlosen, unermeßlichen Rücken des Stillen Oceans. Während der größte Theil der Reisegesellschaft, darunter vor allem die neugebackenen Ehemänner, in ihren Kabinen ächzten und stöhnten und dem grausamen Neptun Opfer brachten, lehnte ich behaglich an der Bugbrüstung des Schiffes und sah den Zügen von Enten und Tauchern zu, welche beständig vor dem nahenden Fahrzeug aufstrichen, um sich außerhalb seines Bereiches wieder niederzulassen. Auch einige Walfische rauschten in regelmäßigen Pausen empor, um Luft zu schöpfen und springbrunnenartige Wasserstrahlen aus den Nasenlöchern zu blasen. Am dritten Tage unserer Meerfahrt tauchte die Küste von Oregon empor. Dunkle, mit Nadelholz bedeckte Höhen fielen steil gegen die bleifarbene Fluth ab, über sie hinweg glitt der Blick bis zu den fernen Kuppen der Inlandgebirge.

Und nun öffnete sich da, wo die 5000 Fuß hohen, in ihrer Form an einen mexikanischen Sattel erinnernden und darum auch so genannten Saddle Mountains sich erheben, ein zwölf Meilen weites Thor, die Mündung des Columbia, der hier mit seinem Eintritte in's Meer eine sehr gefürchtete, äußerst schwierig zu passirende Barre bildet, auf welcher schon manches Schiff elend zu Grunde gegangen ist. Meilenweit vermochten wir die schäumenden Wogenberge zu verfolgen, welche durch den Zusammenstoß des gewaltigen Columbia mit den Wellen des Oceans hervorgerufen werden und donnernd übereinanderstürzen. Nach harter mehrstündiger Arbeit gelangte die › Queen of the Pacific‹ endlich in die kaum eine Schiffslänge breite Fahrstraße und erreichte nun bald Astoria, einen Ort, der seine Gründung bis in das erste Decennium unseres Jahrhunderts zurückdatirt. Astoria kann sich sonach eines längeren Bestehens rühmen, als San Francisco und die meisten anderen größeren Städte westlich vom Mississippi. Und in der That ist die Geschichte Astorias und Oregons mit so vielen goldenen Fäden der Romantik durchwoben, daß es sich verlohnen dürfte, in Kürze einen Blick auf dieselbe zu werfen. Schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts, im Jahre 1547 drang eine spanische, von Cortez ausgerüstete Expedition bis zum 43. Breitengrade, also über die Südgrenze des heutigen Oregon hinaus, vor; 1579 segelte der berühmte Freibeuter Drake noch drei Grad nördlicher, ihm folgte 200 Jahre später der große Weltumsegler Cook, der im Jahre 1778 der ganzen Küste von Oregon und Washington entlang segelte; 1792 folgte Vancouver; im selben Jahre entdeckte der Amerikaner Robert Gray die Mündung eines mächtigen Stromes, den er nach dem Namen seines Fahrzeuges Columbia taufte. Nun wurde das einsame Land im fernen Nordwesten der klassische Boden für Abenteurer, es wurde zum Zankapfel dreier Reiche, für Spanien, England und die nordamerikanische Union, die sich alle auf das Eigenthumsrecht stützten, das dem Entdecker gebührt. Aus diesem Kampfe ging die letztere Macht als Siegerin hervor, Spanien entsagte im Jahre 1819, England jedoch erst im Jahre 1846 seinen Ansprüchen auf Oregon und damit endete der lange Streit um seinen Besitz. Die letzten, zwischen den Vereinigten Staaten und England bestehenden Grenzstreitigkeiten, die sich hauptsächlich um das Gebiet der den Eingang zum Puget Sunde bildenden Straße San Juan de Fuca drehten, wurden erst im Jahre 1872, und zwar durch den Ausspruch des zum Schiedsrichter erwählten Deutschen Kaisers Wilhelm I. zum Austrag gebracht.

Von hohem Interesse in dieser Geschichte der Wirren ist die im Jahre 1810 erfolgte Gründung von Astoria, welche das Werk des in New York ansässigen deutschen Großkaufherrn Astor's war. Leider ging das kühn angelegte Unternehmen aber infolge der Ränke der mächtigen Hudsonbai-Compagnie zu Grunde, ewig unvergessen wird aber die romantische Geschichte dieser Gründung sein, welche kein Geringerer als Washington Irving in seinem klassisch schönen Werke ›Astoria‹ geschildert hat. Heute ist das theilweise auf Pfählen dem Wasser entlang gebaute Astoria ein Städtchen von etwa 2500 Einwohnern und bietet außer seinen Lachspräservefabriken, die ihm neben der Zollabfertigungsstelle allein einige Wichtigkeit geben, nichts Bemerkenswerthes.

Gleich oberhalb des Ortes erweitert sich der Columbia, so daß er fast das Ansehen eines Landsees hat. Prächtige Wälder, zumeist von der herrlichen Douglastanne gebildet, reichen von den Höhen hernieder bis hart an den grünen Strom, welcher selbst für größere Seeschiffe 100 Meilen weit hinauf schiffbar ist. Und diese Schiffbarkeit erstreckt sich auch auf die unteren 10 Meilen eines Nebenflusses des Columbia, des Willamette Rivers, an dessen Ufer, eine gewiß seltsame Erscheinung, sich nun der bedeutendste – Seehafen von Oregon, die Stadt Portland, befindet. In dieser, damals 20,000 Einwohner zählenden Handelsmetropole des fernen Nordwestens langten wir um Mitternacht an, zu spät, um noch das Schiff verlassen zu können. In dieser Nacht ereignete sich an Bord, und zwar in der zweitnächst von der meinigen gelegenen Kabine, ein Mord, welcher aber erst einige Tage später entdeckt wurde, als die › Queen of the Pacific‹ sich vom Werfte losmachte, um die Rückreise nach Californien anzutreten. Ein starker Fall in's Wasser erregte die Aufmerksamkeit der Mannschaft, und fand sich bei näherem Zusehen, daß der Leichnam eines Mannes mit durchschnittenem Halse in den Fluthen schwamm, welcher als Passagier die Fahrt von San Francisco mitgemacht hatte. Die Nachforschungen ergaben, daß der Todte zweifelsohne in seiner Kabine ermordet und sein Leichnam durch das enge Kabinenfenster gezwängt worden war, wo er aber zwischen Werft und Schiff bis zum Abgange des letzteren eingeklemmt blieb. Der Mörder wurde leider nicht entdeckt, ebenso blieben die Ursachen zu der That unentschleiert.

Meine Empfehlungen führten mich zunächst zu dem General-Landagenten der Nordpacificbahn, in dessen Gesellschaft ich eine Rundfahrt über die stattlichen, waldumkränzten Höhen vollführte, welche die Stadt im Halbkreise umschließen. Entzückend war der Blick von dem Balcon einer auf einem bewaldeten Plateau gelegenen Villa auf die betriebsame Stadt, die sich so luxuriös ausdehnte, als zähle sie eine mindestens dreimal größere Zahl von Bewohnern. Wo eben den Städten Amerikas genügender Raum zur Verfügung steht, da wird bei der Anlage der Straßen und freien Plätze mit demselben nicht gespart, Alles wird vielmehr gleich auf das Maß der zukünftigen Großstadt zugeschnitten und so stößt man nirgends auf jene bedrückende Enge, welche vielen Großstädten der alten Welt zu eigen ist. Freilich sind auch die Bedingungen ganz andere, unter welchen die Städtegründungen der beiden Welten vor sich gingen. Als in Europa die Menschen begannen, feste Plätze zu errichten, da galt es, sich eng an einander zu schließen, um die streitbaren Kräfte nicht über weithin sich erstreckende Wälle und Mauern zu zersplittern. Diesen eng zusammengezogenen Umwallungen hatten sich die Häuserreihen, die Straßenbreiten anzupassen, die sich nun, aus dem Mittelalter überkommend, nicht ohne enormen Aufwand an Kosten und Mühen verrücken lassen. Kranken zahlreiche Städte der alten Welt an den Übelständen der ursprünglichen Stadtanlagen noch heute, so waren die verhältnißmäßig jungen Städte Amerikas von vornherein in der überaus glücklichen Lage, sich frei und ungehindert entfalten zu können.

So breit und behäbig dehnte sich auch Portland vor meinen Blicken aus, eine wahre Musterstadt, inmitten von mit Früchten beladenen Obstbäumen ruhend. Im Mittelgrunde des Panoramas wand sich der mit Werften und Waarenhäusern umgürtete Willamette River, dessen überaus fruchtbares Thal mit rapider Schnelligkeit der völligen Besiedelung entgegengeht. Das Thal erstreckt sich über hundert und fünfzig Meilen aufwärts bis zu den Calapooya Bergen, welche es von dem nicht minder schönen Umpquathale scheiden.

Fern im Osten aber ragte der schneebedeckte 11,225 Fuß hohe Gipfel des Mount Hood empor, weiter zur Linken die starren Züge der Cascaden Gebirge mit ihren stolzen Erhebungen, den Mounts St. Helens, Adams und Rainier, welche sämmtlich zwischen der Höhe des St. Gotthardt und Mont Blanc wechseln.

Die Mehrzahl dieser Berggiganten, die nicht mit Unrecht die leuchtenden Juwelen der Cascadenkette genannt werden, vermochte ich am nächsten Tage aus größerer Nähe zu beobachten, wo ich mich aufmachte, quer durch den nordwestlichsten Gebietstheil der Union, durch das Territorium Washington zu reisen und den schönen Pugetsund zu besuchen.

Auf dem Dampfer › Mountain Queen‹ fuhr ich zunächst den Willamettestrom hinab bis nach Kalama, bestieg daselbst die nordwärts führende Zweigbahn der Nordpacificbahn und gelangte nachmittags nach Tacoma. Die ganze Fahrt führte zumeist durch Urwälder, die vielfach nur von wenigen Jägern und Fallenstellern betreten sind. Hier war wirkliches Waldheiligthum, so hoch, so hehr erschienen die herrlichen Bäume, unter denen die stattliche Douglastanne die Königin ist. Da waren ferner Balsam- und Zitterpappeln, Erlen, sowie die verschiedensten Eichen. Durch ihr herbstlich angehauchtes, broncegoldiges Laub drängten sich scharlachfarbene Sumachsträucher und die blutigrothen Blätter des wilden Weines, die ersten Boten des nahenden Indianersommers.

Leben und Tod ist in diesen erhabenen Wäldern seltsam gemischt. Die gewaltigste Vegetation erwächst mitten aus dem Grauen der Verwüstung. Bald muß der Jäger über einen umgestürzten Baumstamm klettern, der den Weg versperrt, bald unter einem anderen hinwegkriechen, den ein Baumstumpf oder ein Felsblock nicht hat bis auf die Erde fallen lassen; weiter findet man ungeheuere Mengen morscher Baumriesen, die vor Zeiten durch einen Sturm oder durch die Last des Schnees gebrochen, jetzt mit Moos bedeckt, verfaulen. Oft sinken wir in einen Stamm, auf welchen wir den Fuß setzen wollen, tief ein; das Moos, welches ihn umkleidet, hat kein Holz mehr unter sich. Und mitten aus dieser Verwüstung ragen, bald frisch und kräftig, bald mit erstorbenen Gipfeln, aber noch grünenden Ästen, die riesigen Tannen und Cedern zum Himmel empor, während Farrenkräuter, Blattpflanzen und Moose den Boden überwuchern.

Wo durch einen Windbruch eine Lichtung entstanden ist, wo ein tosender Strom das Dickicht durchbricht, da eröffnet sich mitunter ein Fernblick über endlose, unermeßliche Urwaldfülle, welche Berg und Thal, Ebene und Seeufer bekleidet und den Fuß jener scharfzackigen, schneebedeckten Gebirgsketten umhüllt, welche stolz und majestätisch den schweigenden Wald überragen. Da zieht entlang der Küste des Großen Oceans die schöne Olympic Range, weiter landeinwärts blinken die herrlichen Cascadengebirge, eine Fortsetzung der californischen Sierra Nevada. Und auf dem Kamme dieser Alpenkette stehen, als einzelne herrliche Marksteine, die domartigen Kuppen der Mounts Shasta, Hood, St. Helens, Adams, Jefferson, Rainier und Baker, sämmtlich erloschene Vulcane, deren gewaltige, sich gleichmäßig verjüngenden Seiten mit starrem Eise bepanzert sind.

Zu Füßen des 12,360 Fuß hohen Mount Rainier ist die Reservation der Puyallup Indianer gelegen, über welch' letztere ich von einigen seit Ende der vierziger Jahre hier ansässigen Bewohner Tacomas nur Lobenswerthes erfuhr. Die Männer bewähren sich als Ackerbauer, Holzfäller, Fischer und Tagelöhner und sind im Ganzen weitaus beliebter, als die unvermeidlichen Angehörigen des himmlischen Reiches, denen wir, wie überall entlang der pacifischen Küste, so auch hier begegnen.

Die Puyallup Indianer waren dereinst, wie die gleichfalls am Puget Sunde hausenden Makah-, Quillehute-, Nisqually-, Lummi-, Swinomish-, Squaxin-, Skokomish-, Etakmur- und Quinault-Indianer echte Seefahrer, die sich mit ihren Fahrzeugen kühn auf das Meer hinauswagten. In ihren gut gebauten Booten, welche oft fünfzig und mehr Krieger zu fassen vermochten, legten sie weite Reisen zurück, um Tauschhandel mit entfernteren Stämmen zu treiben. Ihr Muschelgeld bildete früher auf einem ausgedehnten Gebiete die allgemein anerkannte Währung, und ihnen verdankt auch der berühmte Handelsjargon, das › Chinook‹, seine Entstehung, an dessen Ausbildung später auch Europäer Theil nahmen.

Das Muschelgeld dieser Indianer bestand in kleinen, einen bis anderthalb Zoll langen, röhrenförmigen Muscheln, die leicht gebogen und innen hohl waren, spitz zuliefen und eine weiße Färbung hatten. Dieselben steckten mit dem dünneren Ende im Meeresboden und sie wurden mittelst einer langen Stange hervorgeholt, an deren Ende sich ein viereckiges Brett befand. Aus diesem Brette ragten viele knöcherne Stifte hervor, welche, wenn das Brett niedergedrückt wurde, in die Öffnungen der aufrecht stehenden Muscheln eindrangen, so daß die Muscheln an die Oberfläche gezogen werden konnten. Der Werth der einzelnen Muscheln richtete sich nach ihrer Länge und nahm in einem bestimmten Verhältniß zu, so daß, wenn vierzig aneinander gereihte Muscheln ein Längenmaaß von einem Klafter erreichten, deren Werth dem eines Biberfelles gleich kam. Wurde dieses Längenmaaß aber schon durch neununddreißig Muscheln erreicht, so steigerte sich der Werth auf zwei Biberfelle; bei achtunddreißig Muscheln auf drei Felle und so fort, so daß immer jede Muschel, die weniger war, als die festgesetzte Maaßbestimmung, wieder ein Biberfell mehr bedingte. Dieses Muschelgeld war bei fast allen Indianerstämmen bis zum Mississippi im Umlauf, und noch heutzutage fertigen die Indianerinnen sich aus demselben Halsbänder und Ohrgehänge.

Im Verkehre mit Weißen gebrauchen noch heute die Indianer jenen bereits erwähnten aus verdorbenem Englisch, Französisch und indianischen Wörtern zusammengebrauten Jargon, der ziemlich leicht zu erlernen ist und sich zu einer wirklichen Handelssprache in Oregon, Washington und den Küstengebieten von Britisch-Columbia aufgeschwungen hat. Lehr- und Wörterbücher dieser seltsamen Sprache sind überall im Nordwesten zu haben.

Eine Gruppe der südwestlich von Tacoma wohnenden Nisqually Indianer lagerte am Ufer des Sundes, zu Füßen eines mächtigen Sandsteinabhanges. Zum Theil kauerten die rothen Gestalten um ein mit Treibholz und Schiffstrümmern genährtes Feuer, Andere schaukelten in den äußerst zierlichen schlanken Booten und so bot sich hier ein interessantes Genrebild, welches an Reiz der Beleuchtung gewann, als die Sonne langsam herniedersank und die ganze Landschaft mit ihren weichen Lichtfluthen übergoß. Später hüllten sich die Niederungen in leichte blaue Nebel und wurden in der Dämmerung immer verschwommener, nur noch der schneeige Gipfel des von den Indianern ›Tacoma‹ genannten Mount Rainier glühte in rosigem Lichte, welches immer mehr verblaßte und sich in ein kaltes, grünliches Weiß verwandelte, welches dem ganzen Gebirge etwas ungemein Geisterhaftes verlieh.

Unter den Nisquallys, die um das flackernde Lagerfeuer saßen und ihre Netze flickten, befand sich auch ein alter Märchenerzähler, der mit wohlklingender Stimme, seine Worte durch ausdrucksvolle Geberden begleitend, allerhand Sagen erzählte, darunter vielleicht auch jene von der schönen Ballar, welche unter diesem Volke bewahrt wird. Eine rothhäutige Schönheit hat sie einst einem Bleichgesichte erzählt.

»Vor vielen, vielen Jahren, in jener glücklichen Zeit, wo unsere Vorfahren die stolzen Gebieter dieser Küste und dieses Meeres waren, lebte drüben auf dem Festlande ein reicher und mächtiger Häuptling des Nisqually Stammes, der eine Tochter, Ballar, besaß.

Viele junge Krieger warben um die Liebe dieser schönsten aller Indianerinnen. Sie kamen und erzählten ihr, daß sie stark wie der graue Bär und furchtlos wie der Adler wären; sie legten ihr Kleider aus den zartesten Biberfellen zu Füßen, geschmückt mit farbigen Quarzsteinen, sowie Armbänder aus seltenen Muscheln, Thiergestalten aus Holz geschnitzt, und manche Trophäe, die sie auf der Jagd und der Fischerei erbeutet hatten. Gegen alle ihre Bewerber war Ballar freundlich und gütig, – mehr nicht. So war sie aber auch gegen Jedermann.

Ohne zu wissen, wie schön, lieblich und begehrenswerth sie war, lebte Ballar ihre Tage in dem Wigwam ihres Vaters froh und sorglos dahin. Manchmal bat ihr Vater: »Wähle doch endlich!« – denn es war ihm darum zu thun, einen der tapfersten der jungen Krieger des Stammes in seine Familie aufzunehmen, um dadurch seine Macht zu stärken. Sie aber wehrte diese Bitte stets ab, weil es so schön sei, die Jugend zu genießen. Die alten Frauen des Stammes begannen schließlich die Köpfe zu schütteln und meinten, ihr Herz sei keiner Liebe fähig. Der Medizinmann aber, der tiefer in die Herzen der Menschen blicken konnte, beschwichtigte mit den Worten: »Der Tag wird heraufleuchten, wo auch ihr Herz entflammen wird, – Einer wird endlich kommen, der sie als Weib in seinen Wigwam führt!»

Und dieser Eine kam auch endlich, wie es der Medizinmann geweissagt, – aber er gehörte nicht zu den Nisquallys, auch entstammte er nicht aus einem befreundeten Volke der Nachbarschaft. Ein Fremder war es, den ein Schiff aus einem fernen Lande hierher getragen hatte. Ein freundlicher Willkomm ward ihm zu Theil, man führte ihn zu dem Häuptling, der ihn überrascht anblickte, gleich dem ganzen Stamme. Denn das war ein Mann, wie er noch nie an dieser Küste gesehen worden war, – so ganz anders war er wie die Krieger dieses Landes. Schlank und hoch wie eine Tanne war er gewachsen, blau wie das Meer im Sonnenlichte strahlten seine Augen, volltönend war seine Stimme und stolz wie der Häuptling eines mächtigen Volkes war seine Haltung. Mit wallenden Federn war sein Haupt geschmückt, und so glänzend war seine Rüstung, daß sie schier die Augen blendete. Stand er abends vor dem Lagerfeuer und erzählte den Kriegern, die sich im Kreise gelagert, von seltsamen Abenteuern in dem fernen Lande, aus dem er gekommen, dann entwickelte er eine so feurige Rednergabe, die er durch ausdrucksvolle Geberden unterstützte, daß er seine ernsten Zuhörer zu lauten Beifallsbezeugungen hinriß. Aber nicht allein die Krieger entzückte er durch seine Erscheinung, sondern auch des Häuptlings Tochter. In ihrem Herzen regte sich ein Gefühl, das sie bis dahin nicht gekannt hatte, – nur in seiner Gegenwart fühlte sie sich glücklich. Konnte sie ihn nicht schauen, nicht seinen Worten lauschen, dann wurde sie von innerer Unruhe gepeinigt. Einen Zauber übte er auf sie aus, dem sie sich willenlos gefangen gab. Bald wich sie ihm nicht mehr von der Seite: ging er in den Wald, um zu jagen, dann folgte sie ihm; setzte er sich an den Strand, um dem Spiele der Wellen zuzuschauen, dann ließ sie sich bei ihm nieder und bat ihn, immer und immer wieder von dem fernen Lande zu erzählen, wo Alles, Alles so ganz anders war wie an dieser Küste. Sonniger, schöner, heiterer war es dort, und die Menschen lebten von mehr Pracht und Herrlichkeit umgeben. Sie fühlte es täglich klarer, daß sie sterben würde, wenn sie sich von ihm trennen müßte. Und als er eines Tages Ballar, wie er schon oft gethan, mit einem Boote nach einer Insel fuhr, und sie auf jenem grünen Plane Blumen zu einem Kranze suchten, mußte sie ihm gestehen, daß er die Sonne ihres Lebens sei. Er hatte geworben wie ein Mann, – sie hatte sich ihm hingegeben wie ein liebendes Mädchen. Von nun an gehörten sie zusammen, – für immer und ewig, wie sie sich schwuren.

Eines Morgens saß Ballar am Strande, während ihr Geliebter in der Nähe ruhelos auf- und abging. Plötzlich vermißte ihr scharfes Ohr seine Tritte, und als sie sich nach ihm umsah, wurde sie von unsagbarem Schrecken erfaßt. Denn dort ging er – auf den Wellen! Er blickte nicht zurück, er zögerte nicht, als ob er unentschlossen sei, wohin er sich wenden solle. Sicheren Schrittes nahm er die Richtung nach der Insel, und die Wellen trugen ihn, gehorsam seinem Winke. Ein Nebel kam ihm von der Insel entgegengezogen und umschleierte ihn dichter und dichter, bis er ihren Blicken vollständig entschwand. Als sich ihr starrer Schrecken gelöst, rief sie laut seinen Namen, indem sie händeringend am Strande auf- und ablief und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Doch es kam keine Antwort und kein Zeichen von ihm. Sein Geheimniß kannte nur das Meer, das schweigsame Meer. Bis in die finstere Nacht hinein blieb Ballar jammernd am Strande und wartete vergeblich auf seine Wiederkehr. Von nun an setzte sie sich jeden Morgen an dieselbe Stelle am Strande und schaute starr und unverwandt nach der Richtung, in der er verschwunden war. Und wenn die Sonne in dem Weltmeer untertauchte, und ihre Sklavinnen zum Aufbruch drängten, dann erhob sie sich seufzend mit den Worten: »Vielleicht kommt er morgen!« So hoffte und harrte sie, obgleich ihr Vater mahnte, sie solle vergessen, was unwiederbringlich verloren sei, und ihre Freundinnen durch Erinnerungen an die glückliche Jugendzeit ihren Geist zu erheitern suchten.

Als der nächste Frühling in's Land kam, fühlte sie sich durch einen mächtigen Zauber nach der Insel hingezogen. Dort war sie weniger einsam, denn ihr entschwundener Geliebter schien ihr näher. Seine Stimme klang ihr in das Ohr und die glücklichen Stunden, die sie mit ihm verlebt, zogen noch einmal an ihrem Auge vorüber. Während sie, im Banne dieser Einbildungen, an der Bucht saß, griff sie mit der Hand tief in den Sand und ließ ihn langsam durch ihre braunen Finger sickern. Während er fiel, formte er sich in kleine zierliche Füße, Arme, Fische, Hasen, Vögel, bis schließlich der ganze Strand dicht bestreut war mit diesen Figuren, die nach und nach zu den schönen Kieselsteinen verhärteten, welche wir nun suchen, um sie als Schmuck und Zierath zu verwenden.

Als Ballar eines Tages wieder mit ihrem Boot nach der Insel schiffen wollte, wurde mitten im Kanal die Reise in geheimnißvoller Weise zum Stillstand gebracht. Vergeblich bemühten sich die Sklavinnen vom Fleck zu kommen, mit dem Aufgebot aller Kräfte zogen sie an den Rudern, aber nicht um eines Fingers Breite brachten sie das Boot vorwärts: so bewegungslos lag es auf dem Wasser, wie eine gestrandete Muschel auf dem Sande der Bucht. Als Ballar aber in die Wellen blickte, um das Hinderniß zu erforschen, da – leuchtete ihr das lächelnde Gesicht ihres Geliebten entgegen. So nah war es an der Oberfläche des Wassers, daß sie glaubte, es ergreifen zu können. In wilder Freude breitete Ballar ihre Arme aus und rief: »Komm herauf zu mir, komm, daß ich Dich umarmen kann.« Doch diesen Wunsch konnte er nicht erfüllen. Er dürfe nicht mehr zur Erde zurückkehren, drunten im Wasser sei seine Wohnung für immerdar. Schmeichelnd wiederholte sie drei oder vier Mal ihre Bitte. Doch er blieb standhaft, wie er sagte, weil er standhaft bleiben müsse, trotz seiner heißen Liebe zu ihr. Dann schilderte er ihr das wundervolle Krystallhaus, das er in der Tiefe bewohne, wie es da so traulich sei, und kein böser Mensch seinen Frieden störe. Das Meer sänge ihm einen ewigen Sang und lege ihm wundervolle Schätze zu Füßen. Zu seinem vollen Glücke fehle nur sie, – komm herab, mein holdes Bräutchen!

Wie er so mit seiner volltönenden Stimme von den Wundern in der Tiefe erzählte, wurde ihr Herz von Wonne erfüllt. Doch als er sie bat, mit ihm hinabzusteigen in das geheimnißvolle Meer, schauderte sie zurück. Als er aber immer inniger bat, da erwies sich die Liebe doch mächtiger als die Furcht. Sie gedachte der vielen bitteren Stunden der Trennung, und wie sie sich bewußt geworden sei, daß es ohne ihn keinen Sonnenstrahl des Glücks für sie gebe. Noch einen Augenblick schwankte sie. Dann wandte sie sich zu ihren Sklavinnen, und befahl ihnen, zurückzurudern und ihrem Vater zu sagen, in fünf Tagen kehre sie zu ihm zurück. »In fünf Tagen, hört Ihr's?« Und das Wasser schloß sich schmeichelnd über dem Liebespaar. Wohl beugten sich die Sklavinnen über das Boot und suchten mit ihren Blicken das Meer bis auf den Grund zu durchdringen, aber keine Spur entdeckten sie von den Entschwundenen. Laut jammernd ruderten sie nach dem Lande zurück, und sagten dem Häuptling, wie ihnen befohlen worden war. Niemals wurde ein solches Wehklagen gehört, denn an eine Wiederkehr glaubte Niemand. Der Stamm veranstaltete eine Todtenfeier mit all den wilden Ceremonien, die dort noch bis vor einem halben Menschenalter üblich waren. Tagelang sollte die Feier dauern, alle Krieger wurden aufgeboten, um den Trauergesang anzustimmen, und die Frauen mußten sich um das Wigwam des Häuptlings setzen, die Hände ringen, das Haar zerraufen und gellende Klagerufe ausstoßen. Am fünften Tage aber wurde die wilde Klage in wilde Freude verkehrt, denn – die Todtgeglaubte kehrte zurück, wie sie versprochen hatte; das Meer gab sie frei, aber nur bedingungsweise. Ballar mußte fortan ihr Leben in ein oberirdisches und unterseeisches theilen. Fünf Tage durfte sie in dem Wigwam ihres Vaters wohnen, dann mußte sie wieder hinuntertauchen in die geheimnißvolle Wohnung ihres Geliebten, um dort ebenfalls fünf Tage zu verweilen. In diesem regelmäßigen Wechsel schwanden die Jahre dahin, ohne daß sie alterte, geistig oder körperlich. Ein Zauber bewahrte ihre jugendliche Frische, an ihr nur prallte die Macht des Alters und des Todes ab, während ihre einstigen Gespielinnen verwelkten und in das Grab sanken, wie die Grashalme im Spätherbst. Als das letzte Glied des Stammes, das zu gleicher Zeit mit ihr Kind gewesen war, aus den Reihen der Lebenden gerissen wurde, fand sie keine Freude mehr daran, auf der Erde zu weilen, und zog sich daher vollständig in ihr unterseeisches Krystallhaus zurück. Doch vergaß Ballar nicht den Stamm, dem sie entsprossen war. Ihre Treue und Anhänglichkeit bekundete sie dadurch, daß sie vor jedem Sturme aus dem Wasser auftauchte in einer Gestalt, die nur halb menschlich war, und die seefahrenden Nisquallys warnte. Nicht immer sah man sie von grauem Nebel umschleiert – das war ihr Sturmsignal –, sondern auch an ruhigen, sonnigen Tagen stieg sie manchmal aus der schimmernden Fluth, für einen Augenblick nur, dann verschwand sie unter dem kräuselnden Wasser. Das galt als die traurige Prophezeihung, daß einer aus ihrem Stamm den Tod durch Ertrinken finden würde.

Ballar ist nun seit vielen Jahren nicht mehr gesehen worden, eigentlich nicht mehr, seitdem die Bleichgesichter an dieser Küste erschienen sind.«

Erinnert diese Sage nicht an Proserpina und ihr getheiltes Leben: die eine Hälfte des Jahres bei der Mutter auf der Erde, die andere Hälfte in dem Schattenreiche des Königs der Unterwelt? Proserpina und Ballar, sind sich diese Sagen nicht ähnlich wie Schwestern, trotzdem die Eine unter dem lachenden Himmel Siciliens, die Andere in den dunklen Fichtenwäldern am fernen Pugetsunde geboren wurde? –

Während ich noch in Betrachtung der bunten, aufmerksam lauschenden Gruppe versunken stand, und den Indianerkindern zuschaute, die an dem sandigen Strande prächtige braune, grüne, rothe und gelbe Kieselsteine suchten, kam von fernher ein kleiner Dampfer über den Sund, die glitzernden Wellen desselben schnell zertheilend. Es war der Dampfer Geo. Starr, an dessen Bord ich mich nun begab, um eine Fahrt über den Sund zu unternehmen und nach Victoria, der Hauptstadt der Vancouver Insel, zu kommen.

Als ich in der Frühe des folgenden Morgens auf Deck trat, fand ich mich von einer völlig fremden Landschaft umgeben, da der Dampfer die monderhellte Nacht benutzt hatte, um noch eine Strecke seiner Rundfahrt zurückzulegen. Soeben bogen wir in eine schöne Bucht, an welcher die kleine, ringsum von Dampfsägemühlen umgebene Ansiedlung Port Ludlow gelegen war. Ringsum breitete sich der blitzende Wasserspiegel, still wie ein Bergsee und die unabsehbaren Tannen- und Fichtenwälder wiederspiegelnd, mit welchen die Ufer umgürtet waren. Die dominirenden Punkte der im Westen emporragenden nackten Olympic Mountains nannten sich der Constance Pic und der 8100 Fuß hohe Olympus, während im Osten der bereits innerhalb der britischen Besitzungen gelegene Mount Baker wie ein gewaltiger Monarch die niedere Bergwelt der Cascade Range beherrschte.

Dutzendweise liegen an den Scheeren des Puget Sundes, an den zahlreichen Flüssen des Binnenlandes derartige Waldstädte in allen Stadien der Entwickelung, von der eben erst entstehenden Ansiedlung an bis zu der ausgewachsenen Stadt. Und eine jede derselben wiegt sich in den seligsten Zukunftsträumen, eine jede glaubt dazu berufen zu sein, ein zweites San Francisco, eine Weltstadt zu werden.

Diese Windelkapitalen des Nordwestens basiren ihre Hoffnungen auf den schier überwältigenden Holzreichthum der Wälder, die sich, einem unendlichen Waldparadies vergleichbar, meilenweit in's Binnenland erstrecken, Thäler und Höhen bekleiden und namentlich entlang der Flußläufe in einer Massenhaftigkeit auftreten, daß die Ansiedler erst einen harten Kampf zu fechten haben, um für ihre Blockhäuser und Bretterhütten Raum zu gewinnen. Diese Wälder liefern für die zahlreichen Sägemühlen unermeßliche Quantitäten von Bauholz, und die schlanken Schiffsmasten tragen den Ruf der Washingtoner Tannen bis in die fernsten Weltgegenden.

Auch im Übrigen hat die Natur das ferne Washington mit so reichen Schätzen bedacht, daß man dem jungen, im Jahre 1889 zum Staate erhobenen Lande eine glänzende Zukunft voraussagen darf.

Stellenweise sind unermeßliche Kohlenfelder entdeckt worden, mit deren Ausbeutung man eben erst begonnen hat; einen ganz bedeutenden Umfang nimmt auch die Hopfenkultur an, welche besonders im Puyallup Thale mit größtem Erfolge betrieben wird. Der Puget Sund wimmelt von Fischen aller Art, und die Fischindustrie, besonders die Lachsfängerei und Verpackerei, giebt Tausenden von Menschen einen lohnenden Verdienst. Der Ackerbau ist vorläufig noch unbedeutend, da jedes Stück kultivirbaren Landes erst dem Walde abgerungen werden muß. Doch wird sich dies mit der Zeit sicherlich ändern, da zugleich das Klima, ein mildes Seeklima, die Kultur aller Arten von Getreide und Früchten, welche in der gemäßigten Zone gedeihen, sehr begünstigt. Schon jetzt findet man hier die prachtvollsten Beeren aller Art, Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren u. s. w., ferner die wohlschmeckendsten Äpfel und Birnen; die Pflaumen, welche man sonst fast nirgends in Amerika findet, erlangen hier eine Größe und einen Wohlgeschmack, wie ich sie nirgendwo bei diesem Steinobste gefunden. Für den Jäger und Angler ist das Land einstweilen noch ein wahres Paradies, denn Wild und Fische aller Art giebt es in Hülle und Fülle. Der Sund und die zahlreichen Buchten desselben bilden die herrlichsten und sichersten Häfen der Welt und bieten mit ihren vielen Schiffen schon jetzt ein Schauspiel, welches nicht verfehlen kann, anregend und ermuthigend zu wirken. Zieht man alle diese Umstände und Verhältnisse in Betracht, so kann man nicht daran zweifeln, daß diesem Theile der Vereinigten Staaten eine große und gesegnete Zukunft bevorsteht.

Eine im Urwalde entstehende Stadt.

In den nächsten Stunden unserer Fahrt legten wir noch an den gleichfalls bedeutende Sägemühlen beschäftigenden Orten Port Gamble und Townsend an und bogen bald darauf in die breite Straße San Juan de Fuca ein. Mächtiger kamen uns hier die Meereswellen entgegen, welche sich durch diese Straße weit hinein in's Festland drängen und den herrlichen, mit seinen Buchten und Scheeren an norwegische Landschaften erinnernden Sund geschaffen haben. Und nun zeigten sich, von Nadelwäldern umgeben, die blanken Häuser der freundlichen Stadt Victoria, die zu Ehren des gerade anwesenden derzeitigen Viceherrschers der britischen Besitzungen Nordamerikas, des Marquis von Lorne, im schönsten Festschmucke prangte. Von allen hier ankernden Schiffen, von allen Gebäuden wehten die rothen Banner des stolzen Albion, selbst die hier ansässigen Chinesen hatten das Möglichste aufgeboten, um ihr Quartier zu schmücken und darzuthun, daß auch sie gute Unterthanen der Königin Victoria seien.

»Der Orient grüßt den Occident!« so lautete die Inschrift einer hohen, eine ganze Straßenkreuzung überdeckenden Pagode, welche über und über mit kostbaren chinesischen Broncen, Papier- und Glaslaternen, illuminirten Schiffen, bildlichen Darstellungen und beschriebenen Papierstreifen decorirt war und namentlich zur Abendzeit, als alle Laternen ihr farbiges Licht verbreiteten, einen ebenso phantastischen als malerischen Anblick gewährte. Und überall flatterten die dreieckigen Wimpel, die das Wappenthier des himmlischen Reiches, den Drachen, in reichster Goldstickerei auf gelbem oder grünem Grunde zeigten.

Ganz in der Nähe dieser Pagode war ein chinesisches Theater gelegen, und verlockt durch die seltsamen quiekenden und kreischenden Töne, welche aus demselben hervordrangen, erlegte ich das Eintrittsgeld.

Zu Ende des durch Gasflammen erleuchteten Zuschauerraumes befand sich eine erhöhte Bühne, auf welcher allezeit außer den darstellenden ›Künstlern‹ auch nicht zu dem Bühnenpersonal gehörige Personen zwanglos verkehrten. In der Mitte dieser Bühne waren ein rothbehangener Tisch sowie einige Stühle aufgestellt. Hinter diesem, chinesischen Anforderungen nach, vollständigen Bühnenapparate befand sich ein Ausschnitt in der Wand, durch welchen man Einblick in einen hinter der Bühne befindlichen Raum hatte, woselbst das Orchester Platz genommen hatte. Einer der Musikanten bearbeitete eine kleine Geige, den Metallsaiten derselben so durchdringende quietschende Töne entlockend, daß die schneidenden Klänge alle anderen Instrumente übertönten. Ein Zweiter schlug mit langen Stäbchen auf verschiedenartig dicke, harte Holzplättchen, dadurch einen kaum minder vernehmbaren Lärm erzeugend. Erwähne ich noch eine Art schriller Rohrflöten, sowie der sehr häufig und mit Energie gebrauchten Pottdeckeln, so wäre der Schilderung dieses Orchesters Genüge geschehen. Der wüste Spektakel desselben steigerte sich bis zum Äußersten, sobald irgend eine neue wichtige Person die weltbedeutenden Bretter betrat, oder sobald der Beginn eines Dialoges oder irgend ein großer Affekt eines Schauspielers angedeutet werden sollten.

Von der Handlung des Stückes vermochte ich so gut wie nichts zu verstehen, auch konnte ich von dem Vorhandensein einer solchen trotz einstündigen Verweilens nichts entdecken. Das ganze Stück schien mehr aus Deklamationen zu bestehen, die Hauptrolle lag zweifelsohne in Händen eines alten weißbärtigen Priesters, dessen seidenes, reich mit Goldstickereien versehenes Costüm einen prächtigen Anblick darbot. Außerdem traten ein junger Nobelmann, zwei Frauen sowie ein Matrose auf. Die die Frauenrollen darstellenden Schauspieler – es treten auf den chinesischen Bühnen nur Männer auf – waren außerordentlich gut geschminkt, trugen prächtige Haarfrisuren mit Schildpatt- und Elfenbeinschmuck und sahen in ihren reichen Gewändern ganz mädchenhaft aus. Vornehmlich verstanden sie es, sich in gezierten Windungen zu wiegen und zu schmiegen, zu schwenzeln und scherwenzeln, und sprachen dazu in einem äußerst herzerweichenden Falsett.

Ich hatte bereits eine volle Stunde dem unerträglichen Gefiedel und Gequieke geduldig zugehört, als der Theaterbesitzer erschien und mich in gebrochenem Englisch höflich fragte, ob ich nicht auch den Raum ›hinter den Coulissen‹ in Augenschein nehmen wolle. Ich begab mich daher aus dem Zuschauerraum in die Garderobe, woselbst das noch nicht zur Mitwirkung gekommene Theaterpersonal versammelt war und in seiner bizarren Maskirung einen höchst malerischen Anblick darbot. Da waren Krieger, die durch allerhand Mittel sich ein furchtbares Ansehen verliehen hatten; bejahrte Mandarinen mit wehenden Bärten; einige jener Possenreißer, die zu den beliebtesten Figuren des chinesischen Theaters gehören, und andere in kostbare Gewänder und Rüstungen gekleidete Persönlichkeiten mehr.

Ich nahm die Gelegenheit wahr, um den Besitzer des Theaters zu befragen, welche Handlung das Stück zum Gegenstande habe, und wie lange noch das Spiel dauern werde. Ich erfuhr darauf, daß es eins jener hundert Dramen der Yuen Chin pe Chong, der Mongolendynastie (1260-1341) sei, in welchen die Geschichte der Kriege der Tartaren mit den Anhängern der Mingdynastie weitläufig behandelt wird. Diese Dramen sind in Serien getheilt, deren jede einen Zeitraum von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren umfaßt, und deren Aufführung oft ganze Monate in Anspruch nimmt. So lange konnte ich nun auf den Ausgang des Stückes nicht warten, und ich trat, da ich ohnedies des Spektakels genug hatte, schleunigst den Rückweg an, um mich in einem chinesischen Restaurant an Thee und süßem Kuchen einigermaßen zu erquicken. Unter den zahlreichen bezopften Gästen gingen kleine Bogen von Hand zu Hand, chinesische Lotterielisten, aus denen die Nummern der Gewinne durch rothe, aber nicht deckende Klexe markirt waren. Diese Listen fand ich auch allerwärts an die halbblinden oder mit Papier überklebten Scheiben der Häuser des Chinesenquartiers angeklebt, woraus ich schließe, daß die Söhne des himmlischen Reiches leidenschaftliche Spieler sein müssen.

Der Abendspaziergang durch dies Quartier war nicht ohne Interesse, da zumeist ein Einblick in das verschiedenartige häusliche Thun und Treiben der Mongolen möglich war. Hier war ein äußerst würdig dreinschauender Doktor, der eine gewaltige Hornbrille mit runden Gläsern auf der Nase trug, dabei, für einen seiner Patienten Pillen zu drehen, dort war ein Kaufherr beschäftigt, mit Hülfe des Zählbrettes, Tuschpinsel und Papier die Ergebnisse des Tages zu berechnen, wiederum kam ich an einer Barbierstube vorüber, wo einige Angehörige des Reiches der Mitte sich gegenseitig die Köpfe rasirten, oder mit unglaublichem Zeitaufwande und noch unglaublicherer Geduld die Ohren reinigen, die Finger und Zehen recken ließen. Aus einem anderen der kleinen Häuschen tönte das Pochen und Hämmern eines Goldschmiedes, der noch zu später Nachtstunde sich bemühte, bei unsicherem Öllicht das Bildniß des Drachen auf der Oberfläche eines Ringes hervorzubringen. In den großen Läden einiger Kaufherren nebenan war man damit beschäftigt, große Massen von Opium mittelst eiserner Stäbchen und Spachtel in kleine Büchschen zu füllen und so kaufgerecht zu machen.

In den Straßen von Victoria giebt es aber noch mehr des Interessanten zu sehen, denn Victoria ist der größte Sammelpunkt und Handelsplatz der Westküste für die Rothhäute, denn hier hat nicht nur die berühmte Hudson Bay Compagnie ihre westlichste Hauptniederlassung, sondern hier rüstet sie auch ihre Händler aus, welche, mit Tauschwaaren versehen, die ganze Westküste entlang bis nach Alaska, und die Ströme hinauf bis tief in's Innere vordringen, um ihre Waaren gegen die Felle der von den Indianern erlegten Land- und Seethiere einzutauschen. Vielfach kommen die Indianer auch direkt auf ihren Booten nach Victoria, um die Ergebnisse der Jagd in Tabak, Pulver und Blei, Wolldecken und allerhand Tand umzusetzen, oder sich als Fischer bei den großen Fischconserven-Fabriken, oder als Matrosen auf einem Walfischfänger zu verdingen.

Allezeit begegnet man darum in den Straßen von Victoria kleineren oder größeren Indianertruppen, die theils aus dem Binnenlande der Insel selbst kommen, theils aber auch in ihren Booten von den übrigen Inseln des Königin Charlotten-Archipels oder dem Festlande herüberrudern. Mitunter sieht man hierselbst auch noch Angehörige jener Stämme, unter denen die Verunstaltung der Schädel früher allgemein üblich gewesen, so sah ich eine ältere Indianerin, deren Kopf kegelförmig in die Höhe getrieben war. Diese Verunstaltungen pflegte man an den Kindern bald nach der Geburt vorzubereiten, entweder in der Weise, daß man das Kind in einen Trog legte, an welchem durch Stricke ein Stück Baumrinde mit einem Polster befestigt war, das quer über die Stirne hinweg festgeschnürt wurde, oder auf die Art, daß man das Kind auf einem Brette befestigte, an welchem ein anderes schräg stehendes so angebracht war, daß es die Stirne niederdrückte. Auf diese Weise wurden sowohl Kegel- oder Zuckerhut- und auch Plattköpfe erzielt. Die erstere Art wurde namentlich bei den Mädchen der Nordwestindianer viel geübt, von der letzteren hat ein zwischen dem Fraser River und dem oberen Columbia lebender Stamm die Bezeichnung › Flat-heads‹, ›Flachköpfe‹ erhalten.

Den an der Küste und auf den Inseln ansässigen Indianern, die nicht in Zelten, sondern in festen Holzhäusern wohnen, ist ferner eine Vorliebe für allerhand phantastische Malereien und Sculpturen eigen, mit denen sie die Außenseiten der Wohnstätten, der Boote, der Begräbnißstellen und der Hausgeräthe zu schmücken suchen. Eine geradezu wuchernde Ornamentik umschlingt Alles, was aus den Händen dieser Leute hervorgeht: Hüte, Decken, Kleidungsstücke, Schalen, Matten und dergl. mehr sind mit barocken, halb menschlichen, halb thierischen Figuren ausgestattet, insbesondere sind die sogenannten ›Hauswappenpfähle‹ mitunter großartige Leistungen primitiver symbolisirender Kunst. Diese, aus einem einzigen Baumstamme geschnitzten Pfähle sind mitunter bis 90 Fuß hoch, reich geschnitzt und bunt bemalt, und bringen die Eigenthümlichkeiten der Sculptur des Nordwestens wohl am glänzendsten zur Geltung.

Hatte bei diesen Indianern jemand den Entschluß gefaßt, einen derartigen Hauswappenpfahl zu errichten, so betheiligte sich nach Jacobsen an der Ausführung desselben fast die ganze Dorfgenossenschaft. Der Geschickteste erhielt die Oberaufsicht über die ganze Arbeit, welche mitunter einen Zeitraum von einem Jahre in Anspruch nahm.

Dieser Meister wählte zunächst unter den Riesen des Waldes denjenigen Baum aus, der ihm für den gedachten Zweck geeignet erschien. Man benutzte aber nicht eine ganze Ceder, sondern nur das Stammende bis zur Höhe von 90 oder 100 Fuß, wovon das untere Ende von etwa 10 Fuß unbearbeitet blieb, da es in die Erde zu stehen kam. Hierauf wurde die Außenfläche des Baumes durch Querstriche in einzelne Abtheilungen getheilt und der ›Oberkünstler‹ vertheilte die Ornamentirung dieser Abschnitte an diejenigen Künstler im Dorfe, welche vom Erbauer des Pfahles eingeladen waren, sich an der Arbeit zu betheiligen. Nach dem Plane des Meisters wurde Jedem angegeben, welche Figur er herzustellen habe, und nun entstanden jene bizarren Compositionen von übereinander kauernden, halb menschlichen, halb thierischen Figuren, welche die Clanzeichen der Familien, also die Wappen derselben, darstellen sollten. War der Pfahl endlich fertig und aufgerichtet, so wurden alle Stammesgenossen zu einem großen Feste geladen und alle Diejenigen, welche sich um das Zustandekommen des Kunstwerkes verdient gemacht hatten, wurden mit wollenen Decken belohnt, so daß auf diese Weise die Herstellung und Errichtung eines Pfahles dem Eigenthümer meist zwischen 600-1000 Wolldecken, d. h. die Ersparnisse vieler Jahre kosteten.

Außerdem verfertigten diese Indianer kunstvoll geschnitzte Masken aus Holz, die während der kriegerischen und mythologischen Tänze getragen wurden und die verschiedensten Thierköpfe imitiren oder außerordentlich groteske Masken darstellen. Derartige Tanzmasken werden noch vielfach im Besitze der Indianer vorgefunden und von den Weißen als Curiositäten gerne gekauft.

Auf einer kleinen Insel in der Nähe der Stadt ist ein alter Begräbnißplatz dieser Indianer gelegen, den ich besuchte. Die daselbst untergebrachten Leichen waren in Decken gehüllt und dann in buntbemalte Kisten verpackt, über denen sich wiederum noch ein auf Pfählen ruhendes hölzernes Haus mit spitzem Dache schützend erhob. Die Leichen selbst waren zumeist schon verwest, von irgend welchen Beigaben fand ich keine Spur, doch mögen etwa vorhanden gewesene auch wohl von anderen neugierigen Bleichgesichtern entführt worden sein.

Der Tag war während dieses Streifzuges dahingegangen, und da ich genug gesehen, begab ich mich wieder an Bord des Dampfers, der mich hierher gebracht, schlief daselbst prächtig und wurde erst wach, als das Schiff an dem Werfte von Port Townsend anlegte. Die schöne Aussicht aber war verschwunden; durch mächtige Waldbrände, die wir in der Ferne wüthen sahen, war die ganze Atmosphäre so mit Rauch geschwängert, daß alle Hügel wie mit einem gelbbraunen Nebel verschleiert lagen. Erst als wir nachmittags aus dieser Region heraustraten, vermochten wir wieder die Kämme der ferneren Gebirge zu unterscheiden, und noch einmal so grün erschienen uns die endlosen bis hart an den Uferrand tretenden Fichtenwälder, noch einmal so schön der blitzende Spiegel des Sundes. Schneeweiße Möven schossen eilfertig dahin; Delphine tummelten sich in ausgelassener Lust vor dem Bug unseres Schiffes, und riesige, wie wunderbare Glasgebilde aussehende, tellerförmige Quallen mit langen Ruderfüßen tauchten bis zur Oberfläche des Wassers empor, als wollten auch sie die erquickende Wärme des Tagesgestirnes genießen. Und gegen Abend kam auch Mount Rainier wieder in Sicht, wunderbar erglühend im Scheine der sinkenden Sonne, im Verein mit den schimmernden Wassern, den dunklen, schweigenden Wäldern ein Bild von so eigenartiger, übernatürlicher Schönheit bietend, daß ich mir gestehen mußte, wohl kaum jemals dergleichen gesehen zu haben. Einige Boote zogen vorüber, mit buntgekleideten Indianern gefüllt, die ihre Ruder fast unhörbar vor sich in's Wasser tauchten. Sie kamen vom Fischfange zurück und lenkten den Kiel ihrer leichten Fahrzeuge nun der Heimath zu, welche zu Füßen des gleich einem glühenden Krystalle am Himmel stehenden Tacoma lag.

So seltsam, so eigen erschien mir Alles, und unwiderstehlich überkam mich die Empfindung, daß ich in der Fremde, fern, fern der Heimath war. – –

Von meinem Ausfluge nach dem Pugetsund kehrte ich zunächst nach Portland zurück und nahm Quartier im Clarendon-Hotel daselbst. Aus meiner nächtlichen Ruhe erweckte mich gegen 3 Uhr ein starker rother Schein, der von außen durch die Fenster drang. Als ich aufsprang, sah ich die Hinterwand eines gegenüberliegenden Holzgebäudes in vollen Flammen stehen, die mit rapider Schnelligkeit um sich griffen. Schleunigst packte ich meine Sachen zusammen, denn die Hitze in meinem Zimmer wurde bald eine intensive und die Scheiben der Fenster begannen zu springen. Auf der Straße fanden sich die Bewohner des Hotels, alle mit Bündeln und Gepäckstücken versehen, beisammen und beobachteten den Fortschritt der Flammen. Dieselben verbreiteten sich bald über den ganzen Block, so daß die ziemlich spät heranrasselnde Feuerwehr sich darauf beschränken mußte, die feurige Lohe von den Nachbargebäuden abzuhalten. Eins nach dem anderen der ausgetrockneten Holzhäuser sank zusammen, ohne daß die Insassen derselben mehr als das nackte Leben zu retten vermocht hätten. In einer Stunde war Alles vorbei und das ganze Häuserquadrat nur noch ein einziger rauchender Trümmerhaufen. Da unser Hotel außer einigen zersprungenen Scheiben keinen Schaden gelitten hatte, so kehrten wir in unsere Zimmer zurück, um weiter zu schlafen.

Nachdem ich noch einige Stunden geruht, fuhr ich gegen 9 Uhr auf einem Flußdampfer den Willamette hinab, um auch den oberen Columbia zu besuchen. Um uns lag lachender Sonnenschein, der gar bald die leichten Morgennebel zertheilte und die weißen Kuppen der Cascadengebirge leuchtend hervortreten ließ. Nahe der Mündung des Willamette überflog der Blick die ganze Reihe der schneeigen Gipfel; weit im Nordosten ragte, einem aufsteigenden Gewitterwölkchen vergleichbar, Mount Rainier empor, im Mittelpunkte des Bildes erglänzte der Mount St. Helens, und den herrlichen Schlußstein des Gemäldes bildete der wolkenumzogene Mount Hood, der mit unserem Näherkommen immer gigantischere, immer königlichere Formen annahm.

Und nun schwammen wir auf dem gewaltigen Columbia dahin, der hier, ebenso breit wie der obere Mississippi, ringsum von prächtigen hochragenden Nadelholzwäldern umgeben war. Zur Hochwasserzeit soll der herrliche Strom um 20 bis 30 Fuß anschwellen und dann den Anblick einer ungemein großartigen, ausgedehnten Wasserfläche darbieten. Das Idyllische weicht hier bescheiden zurück, und nur die titanenhaften Formen treten mit imponirender Gewalt in den Vordergrund. Es ist echt amerikanisch, das Land der Riesenbäume, der Riesenschluchten, der Riesenwasserfälle und der Riesenströme.

Gegen Mittag erreichten wir die schon ziemlich alte Militärstation Fort Vancouver, eine Stunde später kamen wir an eine Stelle, wo die Ufer enger zusammentraten und sich beiderseits in steilen Klippen emporschoben. Dunkle Basaltfelsen ragten drohend aus dem silbernen Wasserspiegel, zur Linken erhob sich jetzt eine furchtbare, 200 Fuß hohe Felsmauer, die das nagende Wasser der Brandung zu schlanken Pfeilern und Säulen gedrechselt hat. Wie eine Nadel ragt am äußersten Ende dieser Wand Cap Horn empor, das Wahrzeichen des mittleren Columbiastromes. Kleine Bächlein rauschen durch grüne Farrenkräuter herunter, um in plätschernden Cascaden im Columbia zu versinken. Nicht minder malerisch sind die dem Staate Oregon angehörigen Ufer. Bizarr gestaltete und vielfach zerklüftete Basaltwände fallen steil gegen den Fluß ab, von ihren tannenbekränzten Höhen stürzen leuchtende Wasserfälle, darunter der Multnomah Fall, der von einer 800 Fuß hohen Felskante herniederwallt, um als feiner Sprühregen über dem Nadelwalde zu zergehen.

Je weiter wir in dem Stromthale aufwärts drangen, um so romantischer wurde die Scenerie, um so zerrissener und gigantischer die Uferberge. Vor allem ist da der Castle Rock zu erwähnen, ein 800 Fuß hoher Kegel mit regelmäßig geordneten, aufsteigenden Basaltsäulen, die dem völlig isolirt dastehenden Felsklotze das Aussehen eines finsteren Bollwerkes verleihen. Wenig oberhalb dieses auf seinem Scheitel mit herrlichen Douglastannen bewachsenen Kegels liegen mächtige Felsblöcke inmitten des Stromes, über sie hin rauschen die Wasser in schäumendem Gischte. Nach indianischer Sage befand sich vor undenklichen Zeiten hier an Stelle dieser ›Kascaden‹ eine natürliche Brücke, welche den ganzen Strom überspannte. Dieselbe diente dem mächtigen Berggeiste des Mount Hood als Steg, wenn er seine Gefährtin, die rosige Göttin des Mount St. Helens, besuchen wollte. Da traten einst Zerwürfnisse unter den Beiden ein; sie erhitzten sich, spieen Rauch, Flammen und Asche gegen einander; gewaltige Steine wurden hinüber und herüber geschleudert, so daß der Boden bebte, die Brücke unter fürchterlichem Donnergetöse einstürzte und das Bett des Stromes mit ihren Trümmern füllte. Gott und Göttin haben sich seit jener Zeit nie wieder vertragen und stehen noch jetzt stumm grollend einander gegenüber.

Entkleidet man diese Sage ihres mythologischen Gewandes, so ist die Möglichkeit vorhanden, daß derselben naturhistorische Thatsachen zu Grunde liegen, will man doch gesehen haben, daß von den Gipfeln beider Vulkane leichte Rauchsäulen aufgestiegen seien.

Wir verließen unterhalb der unpassirbaren Kascaden den Dampfer, um nun die am linken Stromufer weiterführende Eisenbahn zu benutzen.

Enger und enger wurde das Stromthal, und die trotzigen Basaltwände fielen, bastionenartige Vorsprünge bildend, in senkrechter Steilheit in das grünblaue Wasser ab, mitunter ganz wunderbar ausgewaschene Formationen darbietend. An einigen Stellen hatten sich ganze Reihen von hart nebeneinander liegenden Nischen gebildet, welche manchmal so enge waren, daß kaum ein indianisches Kanoe in demselben hätte Platz finden können. Wunderbar malerische Bilder glitten vor meinen Augen vorüber, als die sinkende Sonne die Berge mit rosigen Tinten übergoß und der Columbia all diese Pracht wiederspiegelte.

Allmählich verblaßten die Farben; das Feuer der Abendsonne wich einem kalten Licht, unter dessen Schein die weiten Sandflächen, welche wir ab und zu durchschnitten, wie Schneegefilde aussahen. Das Licht des Vollmondes beleuchtete die ganze Landschaft und verlieh derselben einen eigenthümlich gespenstigen Anblick. Von fernher scholl das Rauschen des Flusses, einmal auch drangen die melancholischen Weisen eines Indianerliedes herüber. Nur selten werden die Zelthütten dieser Naturkinder am Ufer des Stromes gesehen; die anstürmende Civilisation hat sie hinweggefegt, in Gegenden verschlagen, die einstweilen noch zu entlegen sind, um der berechnenden Gier der Bleichgesichter als wünschenswerth zu erscheinen. –

Gegen 8 Uhr lief der Zug in der Ortschaft Dalles ein. Wie überall auf den Bahnhöfen der westlichen Städtchen und Ansiedelungen, so drängten sich auch hier Massen dunkler Gestalten, mitunter zweifelhaften Charakters; weiße Lungerer, Neger, Chinesen und Halbindianer, welche, die Hände in den Taschen, tabakkauend und fleißig spuckend, dem Treiben der Ankömmlinge zuschauten. An fünf, sechs Stellen tönten, von kräftigen Händen gerührt und geschwungen, Tamtam und Glocken, als Signal für die Hungernden, daß ebensoviele Wirthe bereit seien, gegen Erlegung von 4 bits (1 Dollar) ein mehr oder weniger preiswürdiges Mahl zu verabreichen.

Nachdem ich im › Cosmopolitan House‹ den Anforderungen meines Magens Genüge geleistet, kehrte ich in mein Coupee zurück und passirte im Laufe der Nacht die zwischen Dalles und der Mündung des Snake Rivers gelegene Wüstenei. Im Morgengrauen, während dessen ich einen hellleuchtenden Kometen mit mächtigem Schweife am Himmel entdeckte, erreichte ich Ainsworth, woselbst der ganze Zug auf einer Fähre über den Fluß gesetzt wurde. Ainsworth, eine ehemalige Railroadtown, hat sein Dasein nur dem Durchzug der Fremden, Goldgräber, Cow-boys und dergl. zu verdanken und wimmelt von zweifelhaften Charakteren und Frauenzimmern.

Hier beginnt nun die Bahn jene Hochebene quer zu durchschneiden, welche auf den Karten als das ›große Plateau des Columbia‹ oder auch als das des Spokane verzeichnet steht und welches sich bis an die Grenze von Idaho erstreckt. Für manche Meile folgt die Bahn alten Strombetten, die vor undenklichen Zeiten den Columbia oder andere große Ströme in sich gefaßt haben mögen, jetzt aber, völlig wasserlos, nur den Anblick düsterer Basaltmauern bieten. Zu Füßen dieser dunklen Gesteinsmassen standen verdorrte, gelbe Büffelgräser und unansehnliche Salbeibüsche, welche in keiner Weise dazu beitrugen, das Aussehen der öden Landschaft einladender zu machen.

Erst in der Gegend von Sprague scheint der Boden ein besserer zu werden, und waren die Erzeugnisse desselben in dem Bahnhofsgebäude zur Schau gestellt. Nachdem ich diese ›Sehenswürdigkeiten‹ genügend gewürdigt hatte, flanirte ich eine Weile in der Nähe des Zuges auf und ab, als ein Reiter gemächlich dahergetrabt kam, welcher sofort mein ganzes Interesse in Anspruch nahm.

Der Kleidung nach, welche aus einem schwarzen Anzuge, Schaftstiefeln und Filzhut bestand, hätte ich versucht sein mögen, den Reiter für einen biederen Landprediger zu halten, zumal das breite, bartlose Gesicht etwas ungemein Würdiges hatte und einem Portrait des berühmten, unlängst verstorbenen New Yorker Predigers Henry Ward Beecher treffend ähnlich sah.

Wie ich aber bald erfuhr, war dieser vermeintliche Landpastor Niemand anders als der seiner kriegerischen Thaten wegen einst sehr gefürchtete Indianerhäuptling Moses, von dem man erzählte, daß er höchst eigenhändig zum Mindesten einem halben Hundert roth- und weißhäutiger Menschenkinder zur Reise in's Jenseits verholfen habe. Jetzt ist ›Chief Moses‹ einer der reichsten Leute der Gegend und soll Werthe im Betrage von 100,000 Dollars zu eigen haben. Er war von zwei gleichfalls berittenen Adjutanten begleitet, welche der Winke ihres Herrn stets gewärtig schienen.

Fünfundzwanzig Meilen von Sprague entfernt liegt Cheney, woselbst in dem Eisenbahndepot wiederum eine Sammlung von außergewöhnlichen Feldfrüchten, Knollengewächsen und dergl. zur Schau gestellt war. Ob eine Anzahl gleichfalls besonders stattlicher, armdicken Klapperschlangen, die in Spiritus aufbewahrt wurden, ebenfalls als Ermunterung zur Einwanderung dienen sollten, vermochte ich nicht zu erfahren.

Sechs Meilen westlich des 1000 Bewohner zählenden Städtchens liegt der Clear Lake, von wo die Cheneyiten auf billigste Weise ihre aus wilden Gänsen und Enten bestehenden Sonntagsbraten beziehen. Mr. Clarke, der launige Redakteur des › West Shore‹, erzählte mir, wie er einst diesen See einem alten Jagdliebhaber empfohlen habe als einen Platz, von dessen Ergiebigkeit er gewiß befriedigt sein werde. Wenige Tage darauf sei er mit diesem alten Knaben auf's Neue zusammengetroffen und habe derselbe, obwohl der Clear Lake nur kleine Fische in sich birgt, steif und fest behauptet, vier Pfund schwere Karpfen aus dem See geholt zu haben. »Um dem Manne gerecht zu werden,« erzählte Mr. Clarke, »stellten wir ihm einen Mann vor, welcher eine Forelle im Gewichte von sogar 14 Pfund im See gefangen habe, er aber übertrumpfte uns mit der Bemerkung, daß er einen Fisch im Gewichte von 14 Pfund und 18 Unzen gefangen, welches Prachtexemplar er einem Freunde verehrt habe. » We don't believe, that man has a friend in the world,« sprudelte Mr. Clarke hervor, noch jetzt über den unverbesserlichen Lügenbruder in höchste moralische Entrüstung gerathend.

In der Nähe von Cheney liegt aber noch ein zweiter Wundersee, der › Medical Lake‹, welcher die herrlichen Eigenschaften besitzen soll, alle Krankheiten der Welt zu heilen, Armuth und Dummheit ausgenommen. Die Entdeckung dieser Heilquelle wird einem Schafhirten zugeschrieben, welcher so von Rheumatismus befallen war, daß er nahezu so › crooked‹ wurde, wie ein Bankcassirer aus New Jersey. Eines Tages kam es ihm an, in dem Wasser des Sees zu baden, und seine getreue, von Krätze und Läusen sehr geplagte Heerde folgte ihm. Der Schäfer verlor infolge dieses Bades seinen Rheumatismus und die Schafe wurden gleichfalls ihre häßlichen Plagegeister los. Nun munkelte man davon, daß sich demnächst eine Actiengesellschaft zur Ausbeutung dieser großartigen Wunderquelle bilden werde.

Auf einer reelleren Basis dürften Gründungen stehen, die sich damit befassen möchten, die Kräfte der bei Spokane gelegenen Fälle des Spokaneflusses zu industriellen Zwecken dienstbar zu machen. Dieser Nebenfluß des Columbia bildet hier vier Arme und sechs Inseln, zwischen denen die Stromschnellen mit einem Gesammtgefälle von 156 Fuß hinbrausen. Man hält die hier vorhandene Wasserkraft aus drei Gründen als die für Mühlenanlagen geeignetste des ganzen Continentes, einmal, weil die Wassermassen jahraus, jahrein gleichmäßige sind, dann, weil sie niemals zufrieren und ferner, weil die aus Basalt bestehenden Ufer niemals unterwaschen werden können.

Hierauf basirt sich zweifelsohne eine glänzende Zukunft für das auf einer Kiesebene gelegene Städtchen, welches sich nach dem Illam-spokani ›Sohn der Sonne‹ sich nennenden Häuptling der Spokane Indianer nennt. Schon jetzt hatte sich eine betriebsame Sägemühle auf den Klippen des Stromes angenistet, und ist noch Raum für mindestens fünfundzwanzig andere Mühlen vorhanden. Daß die Zeit nach meinem Besuche für Spokane eine Zeit glänzender Entwickelung gewesen ist, entnehme ich den Berichten über eine schreckliche Feuersbrunst, durch welche die aufblühende Stadt in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1889 heimgesucht wurde. Vierzig Häuserviertel des Geschäftstheiles fielen den Flammen zum Opfer, desgleichen der Bahnhof der Nord-Pacificbahn und alle öffentlichen Gebäude. Die ersten Anschläge gaben den Schaden auf über 15 Millionen Dollars an. Vom malerischen Standpunkte aus bieten die Stromschnellen kein Gesammtbild, und erst nach der Vereinigung der verschiedenen Arme bildet sich ein 63 Fuß hoher Fall, der wild und tosend über die zerklüfteten Basaltmauern herabgebraust kommt.

Auf dem rechten Ufer des Flusses, wo ein Arm desselben ein mächtiges, kesselförmiges Becken in die Felswand gewaschen hat, waren einige Indianer beschäftigt, ihre Pferde zu schwemmen.

Während ich zeichnete, nahten sich von der mit Basaltmauern durchzogenen Prairie drei Rothhäute, welche gegen vierzig bis fünfzig Pferde vor sich her trieben. Vorauf ritt auf einem Schimmel ein Häuptling, eine prächtige, zur Beleibtheit neigende Gestalt mit einem wunderbar energisch geschnittenen Gesichte. Kühn war die Nase gebogen, der Mund wohl geformt, unter der mächtigen Stirn glühten ein Paar funkelnde Augen. Um das glattgekämmte Haar war das Fell einer Fischotter turbanartig geschlungen, und in diesem Kopfputz waren einige Adlerfedern befestigt worden. Ein buntes Hemde, rothe Beinkleider, bestickte Mocassins, sowie eine weiß, grün, gelb und roth gestreifte Wolldecke vervollständigten das Kostüm des Indianers, dessen Bewaffnung außer Bogen, Pfeilen und Scalpirmesser aus einem vortrefflichen Karabiner bestand.

Die beiden anderen Ankömmlinge waren ein jüngerer Indianer mit einer noch bunteren Wolldecke, sowie eine junge Frau mit selten wohlgeschnittenem Gesicht, die ein rothes Tuch gleichfalls turbanartig um den Kopf geschlungen hatte. Ganz in meiner Nähe machte die kleine Truppe Halt. Die Frau begann, zwischen einigen zusammengestellten Steinblöcken ein Feuer zu bilden, der Jüngling trieb die Thiere zur Tränke, während der Häuptling sich mit seiner Toilette beschäftigte. Nachdem er sorgfältigst Gesicht und Oberkörper gewaschen, dann vermittelst einer Pincette unter Zuhülfenahme eines Handspiegels die Keime der Bart- und Augenbrauenhaare entfernt hatte, bemalte er das Gesicht mit rothbrauner Farbe.

Derweil ich zusah, und die kunstreichen Ornamente der Satteldecken, der Gurte und Köcherhalter bewunderte, kamen aus der Ferne vier andere zu der Truppe gehörige Indianer angesprengt, zuerst stark dem oberen Stromarm zuhaltend. Erst als die Indianerin eine Decke ergriff und dieselbe über ihrem Kopfe hin und her schwenkte, änderten die Rothhäute ihre Richtung und kamen in vollem Galopp auf das Lager zu, einen nichts weniger als friedlichen und Vertrauen erweckenden Anblick gewährend. Der vordere der wilden Gesellen, durchweg Halbindianer, hatte als Kopfschmuck ein mit den langen Mähnenhaaren eines Büffels besetztes Band so um die Stirne gelegt, daß die einzelnen vom Winde gehobenen Haare wie Flammen nach allen Seiten emporflogen und dem ohnehin häßlichen Gesichte ein wahrhaft teuflisches Aussehen verliehen. Der Aufputz dieser gleichfalls mit Karabinern und Patronengürteln versehenen Indianer war nicht minder farbig als der ihrer Genossen.

Mit dem Häuptlinge hatte ich bereits die üblichen Grüße gewechselt und that dies nun auch mit den übrigen Mitgliedern der Bande, welche unter einem breitästigen Fichtenbaume ihr Lager herrichteten. Wie ich von einem der ein gebrochenes Englisch radebrechenden Halbindianer erfuhr, gehörte die Truppe dem mächtigen Stamme der Schwarzfüße an und kam aus der Quellgegend des Missoulaflusses. Einer der Halbindianer zog aus den Falten seiner Wolldecke, welche er wie einen Weiberrock um die Hüften geschlungen hatte, eine mit Branntwein gefüllte Flasche, die er von einem Soldaten erhandelt haben wollte und nun mir zum Trinken anbot.

Da ich wußte, welch ein gefährlicher, unzurechnungsfähiger Geselle ein betrunkener Indianer ist, so brach ich bald auf, um nach dem auf dem jenseitigen Ufer gelegenen Städtchen zurückzukehren. Als ich am nächsten Morgen mich auf's Neue auf das andere Stromufer begab, um namentlich den ein unverfälschtes Bild aus den besseren indianischen Tagen darstellenden Häuptling zu zeichnen, fand ich auf der Lagerstätte nur noch einige glimmende Überreste des Lagerfeuers, die Truppe selbst war wieder davongezogen, wer weiß wohin. Da in der Nähe einige, freilich recht zerlumpte Wigwams einer kleinen Bande von Spokane-Indianern lagen, so begann ich eines derselben zu zeichnen, und hatte großes Vergnügen, als die in dem Zelte hausenden Rothhäute, welche mich nicht weiter beobachtet hatten, das getreue Ebenbild ihres Wigwams in meiner Zeichnenmappe erblickten. Die Wilden standen für einen Moment starr vor Verwunderung, Augen und Mund weit geöffnet. Keinen Blick von dem Bilde wegwendend, riefen sie ihre Kameraden herbei, damit dieselben ebenfalls das vermeintliche Wunder schauen möchten. Das Staunen war unterhaltend. Einige sprachen von Hexerei und examinirten auf's Sorgfältigste die Rückseite des Papiers, noch mehr darüber erstaunend, als sie erkannten, daß die plastisch wirkende Zeichnung tatsächlich nicht plastisch, sondern auf einem ganz dünnen Blatte Papier enthalten war. Kurz, die Sache war ein Räthsel, dessen Mysterien ich nun zu entschleiern begann, indem ich die Umrisse eines zweiten Zeltes auf's Papier warf, worauf sich endlich die Rothhäute, nachdem sie den Fortgang und die Beendigung der Zeichnung mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt hatten, befriedigt und augenscheinlich höchlich amüsirt wieder in ihre Zelte zurückzogen, um dort über den sonderbaren ›Zauberer‹ weiter zu plaudern.

Nachdem ich tagsüber einen größeren Ausflug den Fluß entlang unternommen hatte, der früher ein Lieblingsaufenthalt der hier dem Fischfange obliegenden Urbewohner war, kehrte ich in den Abendstunden in das Städtchen zurück, gerade als die Geschäftsleute begannen, ihre Kramläden zu schließen. Hie und da kam noch eine Indianerin auf flinkem Pony angetrabt, um vor Thorschluß noch einen Sack Mehl oder ein Stück Kattun einzuhandeln. Dort eilte ein bezopfter Sohn des Reiches der Mitte dahin, ein mächtiges Bündel auf dem Rücken, um irgend einen auf Freiersfüßen gehenden Junggesellen mit frischer Wäsche zu versorgen. Auf den Side-walks, den auf jeder Seite der Straße den Häusern entlang laufenden hölzernen Fußsteigen, lungerte das unnütze Volk des Örtchens, die sogenannten Loafers, während vor den Hotels die Fremdlinge in Erwartung des Supper's mit einander um die Wette gähnten.

Mein Schlafgemach, eins der besten Zimmer des Hotels, für welches ich einen Dollar pro Nacht bezahlte, war ein Bretterverschlag, der mit drei Nägeln, einem Talglicht und einer sehr wackeligen Bettstelle möblirt war. Die noch ganz frischen Tannenbretter dieses Verschlages waren zusammengetrocknet, so daß von oben durch die horizontalen Fugen der Sternenhimmel hereinlugte, während durch die verticalen Fugen der Wände der Nachtwind ungestört seinen Eintritt nahm. Gleich, als wolle die Natur selbst ihr Mitleid über die traurige Verfassung eines derartigen Bauwerkes äußern, waren den Brettern allerorten dicke, harzige Thränen entquollen, die in schmalen Bächlein sich bis auf den Boden dieses primitiven Vogelbauers ergossen.

Auf den dringenden Wunsch des Hotelbesitzers fertigte ich demselben vor meiner Abreise noch eine Zeichnung seines Wunderbaues, da es in seinem Sinne lag, denselben als effectvolles Kopfstück auf die Rechnungsformulare und Reklamekarten des Hotels drucken zu lassen. Da ein Photograph in dem Örtchen fehlte, auch noch keine lithographische Anstalt eröffnet worden war, so gedachte der spekulative Yankee meine Zeichnung nach San Francisco zu senden, damit sie dort in würdiger Weise reproduzirt werde.

Nachdem die Zeichnung zur höchsten Zufriedenheit des Wirthes ausgefallen und auch thatsächlich glänzend honorirt worden war, kamen auf die Kunde davon auch die vier anderen Hotelbesitzer des Örtchens herbei, um mich gleichfalls zu bewegen, ihre Karawansereien abzubilden. Doch ich verzichtete auf diese Ehre, eilte zur Eisenbahn und reagirte auch nicht auf die dringenden Bitten eines mitfahrenden Hotelbesitzers aus Sprague, der mich 25 Meilen weit zurückschleppen wollte, nur damit ich sein Hotel zeichnen möge. Zweifelsohne würde ein eine derartige Beschäftigung liebender Künstler in diesen Gegenden die glänzendsten Geschäfte machen.

Von Spokane kehrte ich nach den Dalles zurück, um daselbst einige Studien zu machen. Um 5 Uhr in der Morgenfrühe langte ich daselbst an und wanderte nun eine Stunde weit stromauf, bis ich einen Punkt erreicht hatte, von wo ich ein charakteristisches Bild der wüsten Landschaft gewinnen konnte. Ringsum ein Gewirr von finsteren Basalt- und Lavamauern, die Risse und Ebenen ausgefüllt mit weißgelbem Dünensand, den der Wind in parallel laufenden Wellenlinien aufgeschichtet hatte. Es fehlte völlig der grüne Pflanzenwuchs, dagegen waren die fernen, von Meisterhand gezeichneten Berglehnen in die wunderbarsten Nüancen der Luftperspektive getaucht, die im Gegensätze zu den trotzigen, dunkelfarbigen Klippenmassen des Vordergrundes von um so höherem Reize waren.

Fahlgelbes, moosiges Grün bekleidete die Plateaus dieser Berglehnen, hie und da ragten zu meinen Füßen einige silberweiße, hochgelbe oder schwarze Büschel empor, vergeblich gegen die immer näher rückende, sandige Umarmung kämpfend. Und durch diese großartige Wildniß, durch diese phantastischen Lavafelder, durch diese cyclopischen Basaltmauern wälzte der Columbiastrom seine grünen Fluthen, dem gewaltigen Schneehaupte des Mount Hood entgegen, der mit seinem leuchtenden Gipfel über die fernen Berge hinweg in dies Gebiet unheimlicher Großartigkeit und feierlicher Stille herniederschaute.

Mount Hood und die Dalles des Columbia.

An einigen Stellen treten die den Strom umstarrenden Basaltmauern so enge zusammen, daß nur steinwurfbreite, dafür aber um so tiefer in die Erde hinunterklaffende Spalten verbleiben, durch welche die gewaltigen, davor aufgestauten Wassermassen sich hindurchzwängen müssen. Mit schrecklicher Heftigkeit brausen die eingeschlossenen Fluthen in diese Dalles, ›Rinnsteine‹ genannten Spalten hinab, furchtbare Strudel und Wirbel erzeugend, welche die größten Baumstämme hinunterschlingen, um sie nach einer Weile mit Gewalt wieder auszuspeien.

Als in diesen Gegenden noch keine Bahn existirte und man auf den Stromverkehr angewiesen war, befand sich hier eine sogenannte ›Portage‹, die Boote wurden ausgeladen und sammt der Ladung bis zu einem weniger gefährlichen Punkte geschleppt, von wo aus die unterbrochene Fahrt fortgesetzt wurde. Nur wenige kühne und erfahrene Schiffer versuchten es, die Dalles zu passiren und zwar in den Augenblicken, wo die schrecklichen Wirbel sich gefüllt hatten und auszuwerfen begannen. Dann wurden die Ruder ausgelegt und mit Blitzesschnelle die gefährliche Pforte passirt; trotz aller Geistesgegenwart der Führer wurden aber bei dem geringsten Versehen mitunter die Boote in den Wirbeln mit schrecklicher Geschwindigkeit im Kreise herumgedreht, so daß es unmöglich war, dieselben zu lenken, worauf dann der Abgrund das Boot mitsammt der unglücklichen Mannschaft verschlang.

Auf einem der weit in den Strom tretenden nachtschwarzen Vorgebirge ließ ich mich nieder und war bald in meine Arbeit vertieft, als mich plötzlich ein heftiges Schnauben in meiner Nähe emporschreckte. Mein erster Gedanke war, als ich auffuhr, einen Grizzly Bären vor mir zu sehen, doch war das mich umgebende Geklipp öde und leer; erst ein zweites, noch heftigeres Schnauben ließ mich den Urheber desselben entdecken, einen mächtigen Seelöwen, welcher, ganze Schaaren von Fischen vor sich hertreibend, dicht unter meinem Standpunkte bis hart an's Ufer geschwommen kam, dann köpflings untertauchte und auf und nieder schwamm. Eine ganze Weile folgte ich den schönen, geschmeidigen Bewegungen des prächtigen Thieres, welches endlich, bald da, bald dort in der schnellen Strömung auftauchend, meinen Blicken entschwand.

Da die Seelöwen echte Meeresbewohner sind, so erschien mir der Umstand, daß sich ein Exemplar dieser Thiere volle 200 englische Meilen stromauf in's Binnenland verirrte, doppelt bemerkenswerth.

Nachdem ich meine Skizze beendet hatte, wanderte ich weiter stromauf bis zu der Mündung des in den Columbia sich ergießenden Des Chutes River's, welcher einen Engpaß in die Basaltmauern geschnitten hat, der in seinem oberen Verlaufe stellenweise tausend Fuß tief ist.

Nahe der Mündung dieses Flusses entdeckte ich an einer mächtigen Sanddüne einen Punkt, wo vor Zeiten augenscheinlich ein rother Urbewohner des Landes seine Werkstätte aufgeschlagen hatte, um Pfeilspitzen aus dem massenhaft umherliegenden Feuerstein anzufertigen. Ich fand einige zweifelsohne während der Bearbeitung zersprungene Spitzen, desgleichen auch mehrere wohlerhaltene, ferner die Bruchstücke eines Gefäßes, sowie einen kleinen zum Mahlen des Getreides dienenden Stein.

Als die Sonne sich zum Sinken neigte, trat ich den Rückweg an, zahlreiche in dem feinen Triebsande deutlich markirte Spuren der in dieser Gegend äußerst häufigen Klapperschlangen kreuzend. Da eine dieser Spuren die Richtung meines Weges hatte, so folgte ich der Bahn der Schlange, die kaum fünfzig Schritte weiter sich langsam und träge über die Sandfläche schleppte. Der Gedanke, das scheußliche braungelbe Reptil zu tödten, kam sofort, und ich ergriff einige Steine, um ein Bombardement auf den armdicken Wurm zu eröffnen. Der erste Stein schlug dicht vor der Schlange nieder, die sich sofort zu einem Knäuel zusammenzog, mit der inmitten desselben emporragenden Klapper ihr rasselndes Warnsignal gab, und den häßlichen abgeplatteten Kopf emporhob, um zum Sprunge bereit zu sein. Ein zweiter, besser gezielter Wurf traf die Schlange in die Mitte des Körpers und vereitelte den beabsichtigten Angriff, worauf sie nun, heftig zischend und pfauchend, und dazwischen eifrig klappernd, nach den rechts und links um sie niederfallenden Steinen fuhr, bis endlich ein schwererer Block sie fest auf den Boden niederhielt. Nun konnte ich mich dem Reptil unbedenklich nähern und eingehender den widerlichen Kopf mit den bleiernen, eigenthümlich fascinirenden Augen und der unablässig hervorschießenden gespaltenen Zunge beobachten. Endlich hatte ich genug gesehen, zermalmte den Kopf der über drei Fuß messenden Schlange und schnitt die elf Ringe aufweisende Klapper ab, um dieselbe als Erinnerung an die Wüste des Columbia mit mir zu nehmen. –

Von Dalles City kehrte ich zunächst nach Portland zurück, um von dort aus die 26 Meilen entfernte Indianerschule zu Forest Grove zu besuchen. Unter der Leitung eines Capitän Wilkinson stehend, liefert dieselbe den unwiderstehlichsten Beweis, daß das rechtzeitig aus seiner wilden Umgebung entfernte Indianerkind zum Mindesten ebenso gesittungs- und bildungsfähig ist, wie Kinder irgend einer anderen Rasse. Höchlichst befriedigt von meinem Ausfluge, kehrte ich nach Portland zurück, um Abends 10 Uhr die inzwischen wieder eingetroffene › Queen of the Pacific‹ zur Rückfahrt nach San Francisco zu besteigen.

Für die Gebiete des Nordwestens brach jetzt die herbstliche Regenzeit herein, eine Periode, wo tagaus, tagein fast ohne Unterbrechung kleine Wolkenbrüche herniederströmen, infolgedeß man den Bewohnern des Willamette- und unteren Columbiathales den Spottnamen › Webfeet‹ (›Schwimmfüßler‹) gegeben hat. Weiße Nebel krochen durch die hochragenden Tannenwälder; Mount Hood, der amerikanische Fusi yama, hatte sich in Wolken gehüllt, und unablässig rieselte feiner, durchdringender Regen hernieder. Da der Dampfer im Willametteflusse auf eine Sandbank gerathen war und erst nach mehrstündiger Arbeit wieder frei wurde, kamen wir erst abends nach Astoria, lagen hier die Nacht über und gingen am folgenden Morgen in See, die Barre des Columbia ziemlich leicht passirend. Am zweiten Tage unserer in Folge heftiger Stürme ziemlich ungünstigen Meerfahrt trafen wir auf den Dampfer Empire, welcher sein Ruder gebrochen hatte und uns um Beistand ersuchte. Der Dampfer mußte in Schlepptau genommen werden, und verloren wir dadurch, zumal das Tau ein halbes Dutzend Mal riß, mehrere Tage, so daß wir erst eine volle Woche nach unserer Abfahrt von Portland in das Goldene Thor der San Francisco-Bai wieder einliefen.

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