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Im wilden Westen

Rudolf Cronau: Im wilden Westen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRudolf Cronau
titleIm wilden Westen
publisherVerlag von Oskar Löbbecke
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170417
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Im Wunderlande des Yellowstone.

Geysirformationen im Yellowstone-Park. Grotto Geysir.

Zur Zeit meiner Reise, im Sommer des Jahres 1882, hatte die Nordpacificbahn in Billings ihren westlichsten Endpunkt. Da es aber in meiner Absicht lag, den Yellowstone-Park zu besuchen, jenes im Nordwesten des Territoriums Wyoming gelegene Wunderland, welches kaum ein Decennium zuvor erst entdeckt worden war, so hatte ich von Billings aus zunächst eine 170 englische Meilen messende Stagefahrt zu überstehen, bevor ich an die nördliche Grenze dieses Wunderreiches gelangen konnte.

Es war diese Fahrt durch die sonnendurchglühten Steppen Montana's auf Schritt und Tritt eine so beschwerliche, aufreibende und anstrengende, daß drei an derartige Unternehmungen nicht gewöhnte Amerikaner, die gleichfalls die Absicht hegten, das westliche Wunderland zu bereisen, mehrmals ernstlich daran dachten, die Weiterreise abzubrechen und zurückzukehren.

Und in der That war die ganze Fahrt ein Martyrium: der Wagen war sclavenschiffartig vollgepfropft mit Gepäckstücken und abgerissenen, nach Whiskey duftenden Goldgräbern, deren grauenhafte Flüche von Meterlänge die einzige Unterhaltung abgaben.

Der Fahrweg war von der unglaublichsten Beschaffenheit und verdankten wir demselben braun- und blaugestoßene Glieder; die 24 Hufe unseres Sechsgespannes aber schleuderten solche Wetterwolken feinen Staubes empor, daß in kürzester Zeit die Nasen und Ohren sämmtlicher Reisenden durch fingerdicke Schmutzlagen dicht verklebt waren. Daneben hatten wir uns an ein ununterbrochenes Staubschlucken zu gewöhnen, neben welchem die der Schlange des alten Testamentes zu Theil gewordene Verwünschung: »Du sollst Erde fressen dein Leben lang«, wie ein Kinderspiel erscheint.

Zwei Tage und zwei Nächte währte diese schreckliche Fahrt, welche, wie einer der Mitreisenden treffend bemerkte, nur in der Erinnerung, gewissermaßen im Lichte einer überstandenen Heroenthat, erträglich erscheint, aber auch das nur dann, wenn man sich sicher fühlt, nie wieder einer erneuten Vollbringung derselben ausgesetzt zu sein.

Wie ein fernes Nebelbild, so ragten endlich, endlich die Rocky Mountains, die Felsengebirge, über die dürren Steppen empor, und ließ der bloße Klang des Namens, der Anblick der leuchtenden Schneefelder uns unser Elend leichter ertragen. Und nach einer weiteren halbtägigen Fahrt, da wuchsen die Felskolosse mächtig und immer mächtiger um uns empor, die ungeheueren Ketten der Snow- und Crazy Mountains reckten ihre zackigen, schneeüberlagerten Joche in das tiefe Himmelsblau hinein; eine Wildheit großartigsten Styles bildete den Prolog zu dem gewaltigen Dithyrambus jener Naturschönheiten und Natureinzigkeiten, welche inmitten dieser Gigantenleiber in wolkenentrückter Höhe liegen.

In Bozeman, einem 4000 Fuß hoch gelegenen, aufstrebenden Bergnestchen, hatte die schreckliche Stagefahrt ein Ende, und Jedermann, der das Verlangen hatte, etwa noch weiter zu wollen, mußte nun daran denken, für sein weiteres Fortkommen selber zu sorgen.

Mit den drei Amerikanern kam ich nun überein, unsere Ausrüstung gemeinschaftlich zu treffen, da dann ein Jeder in den Genuß von mancherlei Bequemlichkeiten kommen werde, die man sich als einzelner Reisender nothgedrungen hätte versagen müssen. Zunächst mietheten wir uns sechs jener kleinen, aber ausdauernden › Cayuses‹, die eine Kreuzung des Mustang und des amerikanischen Pferdes sind. Ferner erstanden wir einen wetterfesten und ziemlich bequemen viersitzigen Reisewagen, desgleichen warben wir einen als Rosselenker und Führer zugleich ausgezeichneten Halbindianer an, Namens Growl, und einen zweiten Mann, der außer der Sorge für unser Gepäck leider auch die Functionen eines Koches übernahm. Und nun erfolgte der Einkauf von hundert verschiedenen Dingen, die zu unserer Proviantirung und sonstigen Ausrüstung erforderlich waren, als zwei Säcke Mehl, zwei Schinken, einige Dutzend Würste, unzählige Büchsen mit conservirtem Fleisch und Obst, zwanzig Pfund Zucker, zehn Pfund Salz, ein Fäßchen Whiskey u. s. w. u. s. w. Dazu kamen ein Leinwandzelt, verschiedene Büffelfelle, wollene Decken, Koch- und Eßgeschirre, Kessel, Pfannen, Jagd- und Fischereigeräthe, Munition, Ferngläser, Karten und anderes mehr.

Nachdem alle diese Dinge in dem Wagenkasten und unter den Sitzbänken verstaut waren, ging es nun in die lockende Bergwelt hinein, über halsbrecherische Wege und Straßen, wo wir gar bald die Sicherheit unseres Rosselenkers, sowie die fast menschlich-selbstbewußte Zuverlässigkeit, mit der die Pferde jeder Intention ihres unfehlbaren Herrn in unfehlbarster Weise entsprachen, in ihrem ganzen tröstenden Umfange schätzen lernten.

Fünfundsiebenzig Meilen hatten wir von Bozeman aus zurückzulegen, bevor wir nur an die Nordgrenze des Yellowstone-Parkes gelangen konnten, eine Entfernung, zu deren Bewältigung wir zwei volle Tage gebrauchten.

Unsere erste Lagerstelle wurde am Rande eines kleinen Bergstromes aufgeschlagen, angesichts der Sheep Mountains, die neugierig über das Weidengestrüpp herüber grüßten. Die Pferde wurden festgepflöckt, ein mächtiges Feuer gebildet, und nun ergötzten wir nur uns an den Reizen des ungewohnten, durch allerhand lustige Jagdgeschichten gewürzten Lagerlebens. Da zahlreiche Pferdediebe und anderes verdächtiges Gesindel die Gegend unsicher machten, so etablirten wir aus Vorsichtsmaßregeln eine regelrechte Nachtwache, so daß in dreistündigem Wechsel je ein Mitglied der Gesellschaft für die Sicherheit des Lagers einzustehen hatte.

In der Mittagsstunde des zweiten Tages campirten wir auf der Uferbank des Yellowstoneflusses, dem 10,629 Fuß hohen Emigrant Peak gegenüber, dessen charakteristisch geschnittener Gipfel schon den Auswanderern früherer Zeit als Landmarke diente. Nachdem wir inmitten dieser großartigen Landschaft unser Mahl eingenommen, kamen wir dann, immer den wunderbar klarfluthigen, grünblauen Fluß entlang reisend, in ein herrliches weites Thal, welches nach Osten hin von einer langen Palissadenwand umgürtet war, über welche schön geformte, mächtige Gebirgsriesen ihre Häupter hinausreckten. Nach Westen hin erhoben sich aus der braun und gelb gefärbten Prairie seltsame barocke Felsformationen, bald an verfallene Burgruinen, bald an dämonische Gestalten erinnernd. Einen geradezu großartigen Charakter nahm die Landschaft an, als wir den Kamm eines äußerst steilen Höhenzuges überschritten, dessen Klippen in furchtbarer Zerrissenheit gegen den tief unten wirbelnden Strom abfielen. In goldgelber Pracht dehnten sich die von grünen Baumgruppen bestandenen Berghalden und Niederungen, die zu den finsteren grauschwarzen und braunrothen Klippen und dem zwischendurch rollenden grünblauen Strom einen wundersamen Gegensatz bildeten, welcher durch die aus weiter Ferne herüberleuchtenden, von rosigem Abendscheine angehauchten Züge des Hochgebirges noch erhöht wurde.

In dem von finsteren Bergmassen umschlossenen Thalgrunde bezogen wir unser Lager, nur wenige Minuten von dem ›Cañon‹, der Schlucht des Yellowstoneflusses entfernt, in welche ich hinabstieg, um zu fischen. Hier umgab mich die wildeste Scenerie; wie toll rauschte das grüne Schneewasser über die zackigen Felstrümmer und Klippen herab, an dem scharfkantigen Gestein zu Schaum zerstiebend.

Wohl nirgendwo werden die Mühen des Fischers reichlicher belohnt als hier, und so lag in überraschend kurzer Zeit eine ganze Reihe der köstlichsten Forellen am Ufer, zappelnd und sich bestrebend, das nasse Element wiederzugewinnen.

Vertieft in meine Beschäftigung, gewahrte ich nicht das Kommen eines Mannes, welcher, bis an die Zähne bewaffnet, unhörbar näher gekommen war und sich neben meinen Kleidern niedergelassen hatte. Das Brausen des Wildwassers, das gerade hier einen riesigen Wirbel bildete, hatte den fast unhörbaren Fußtritt des mit indianischen Mocassins Bekleideten übertönt. Erst als mich zufällig umwandte, gewahrte ich die wild und abenteuerlich aufgeputzte Erscheinung des riesenhaften Trappers, der gleichfalls eine Schnur ausgesucht schöner Forellen sich so um den Hals gehängt hatte, wie man in Deutschland wohl ein Geburtstagskind mit einer Schnur Brezeln schmückt.

Da ich die Absichten des sonderbaren Gesellen nicht kannte, zog ich flugs vom Leder, doch bot er mir den üblichen indianischen Gruß und schlug sich dann, ohne weiter etwas zu sagen, seitwärts in die Büsche. Mit dem Vorsatze, künftig achtsamer zu sein, kehrte ich in der Dämmerung beutebeladen zum Lager zurück.

In aller Frühe des nächsten Morgens wurden wir durch drei schnell aufeinanderfolgende Schüsse geweckt, deren scharfer Knall von dem Echo der steilen Berge in langanhaltendem Rollen hundertfach wiedergegeben wurde. Als ich aufsprang, sah ich denselben Gesellen, mit dem ich am Abend ein so unvermuthetes Zusammentreffen gehabt, in geringer Entfernung sitzen, und auf's Neue auf einen mächtigen Bären anlegend, der in der Stille der Nacht von seinen hochgelegenen Jagdrevieren heruntergestiegen war und unserem Lager einen Besuch abgestattet hatte.

Schwer verwundet und fürchterlich brummend, rannte Meister Petz geradeswegs durch unser Lagerfeuer, warf Kessel und Töpfe bei Seite, brachte unsere glücklicherweise fest gepflöckten Pferde zum Scheuen und stürmte einem nahen Felsgeröll zu, hinter dessen kolossalen Blöcken er bald verschwand, scharf verfolgt von dem Trapper, der, seine Winchesterbüchse schwingend, unter lautem Halloh hinterdrein stürmte.

Alles war das Werk eines Augenblickes gewesen, und bevor wir noch zu unseren Waffen gelangen konnten, war es wieder still um uns her.

Nachdem wir eine Weile vergebens der Rückkunft des Trappers geharrt, brachen wir auf und stiegen die Höhen hinan, durch deren Klüfte der Yellowstonefluß donnernd herabgeströmt kommt.

Bald führte der Saumpfad in unmittelbarster Nähe gähnender Abgründe vorüber oder über abschüssige Grate, die auf den ersten Blick kaum einem Fußgänger Raum zu bieten schienen; bald wieder kletterten wir unter drohend überhängenden Felsen dahin, deren Massen jeden Augenblick auf uns herniederzustürzen drohten. Bisweilen entrollten sich wunderbare Scenerien vor unseren Blicken, so namentlich, als wir in den Thalgrund herniederstiegen, über welchem der durch seine zinnoberrothe Färbung weithin leuchtende Cinnabar Mountain und der 11,500 Fuß hohe Electric Peak die Wacht hielten. An der einen Seite des ersteren der beiden Gebirgskolosse ragten zwei vom Gipfel des Berges bis auf die Thalsohle hinabführende, parallel nebeneinander laufende 200 Fuß hohe Grate empor, durch einen fünfzig Fuß weiten Zwischenraum von einander getrennt. › Devil's Slides‹ ist diese riesenhafte Schurre benannt, die allerdings wohl den Eindruck erwecken könnte, als habe hier der Teufel eine echt kanadische Toboggenpartie veranstaltet.

Nunmehr waren wir an der Grenze des Yellowstone-Parkes angelangt, der, nach Norden und Westen mit schmalen Streifen nach Montana und Idaho übergreifend, die nordwestliche Ecke des Territoriums Wyoming einnimmt und in Gestalt eines Rechtecks einen Complex von 3575 englischen Quadratmeilen umschließt.

Sechs- bis achttausend Fuß über dem Meeresspiegel gelegen, überragt von 10-11,000 Fuß hohen, schneegekrönten Zacken und Firnen, nur im Sommer zugänglich, ist das Land den Feuerherden, den Gluthen des Erdinnern doch auf's Innigste verwandt, denn hier ist der Herrschersitz jener plutonischen Gewalten, deren entsetzlichen Sprache die Menschheit seit jeher mit Grauen gelauscht.

Unter all den großartigen Naturwundern des nordamerikanischen Continentes nimmt der Yellowstone-Park unzweifelhaft die erste Stelle ein, und ihn meint man, wenn von dem Wunderlande der Neuen Welt die Rede ist. Noch vor anderthalb Jahrzehnten waren seine Geheimnisse unentschleiert, sie lagen vergraben inmitten der großartigen Alpenketten, die wie schützende Wälle die Märchenwelt des Yellowstone umschließen. Zwar hatte schon im Beginn dieses Jahrhunderts der Trapper Colter, welcher der denkwürdigen Expedition der Capitäne Lewis und Clarke angehörte, Gerüchte über heiße Quellen, himmelanstürmende Springfluthen und Seen voll brennenden Peches verbreitet, jedoch ohne Glauben zu finden. Seine Erzählungen trugen ihm vielmehr den Ruf eines unverbesserlichen Lügners ein, und Colter starb, ohne daß ihm eine Rechtfertigung zu Theil geworden wäre. Erst sechzig Jahre später erhielten die Erzählungen Colters greifbarere Gestalt. Man hörte seltsame Gerüchte verbreiten, daß im Quellgebiete des Yellowstoneflusses ein geheimnißvolles Hochthal liege, mit dampfenden Seen, brennenden Ebenen, versteinerten Wäldern, mächtigen Wasserfällen und siedenden Springquellen. Die Büsche trügen daselbst Früchte aus nußgroßen Edelsteinen, und sogar Landthiere und Vögel fänden sich dort in einer Weise versteinert, als ob sie lebendig seien. Ein großer Theil dieser Nachrichten wurde durch die beiden Goldsucher Cook und Folsom, welche im Jahre 1869 in das Wunderland vordrangen, bestätigt und hierdurch wurde die öffentliche Aufmerksamkeit so sehr erregt, daß der mit der Vermessung des neuorganisirten Territoriums Montana beauftragte General Washburne im Jahre 1870 eine Erforschungsexpedition dahin ausrüstete. Was dieselbe dort sah und fand, übertraf die weitestgehenden Erwartungen, und nunmehr verfügte die Bundesregierung die Entsendung einer großartigen Expedition behufs endgültiger Feststellung der wichtigen Entdeckung. Im Sommer des Jahres 1871 ging dieselbe unter Leitung des Geologen Professor F. W. Hayden von Statten und hatte zur Folge, daß auf Haydens Anregung noch im Winter desselben Jahres im Congresse der Vereinigten Staaten ein Antrag zur Berathung kam, wonach das am Yellowstone und dem mittleren Quellflusse des Missouri, dem Madison, liegende Gebiet zwischen 44º und 45º nördlicher Breite und 110º und 111º westlicher Länge als nationaler Park, zu Vergnügungs- und Gesundheitszwecken dem Volke der Vereinigten Staaten gewidmet und für alle Zeiten von aller Besiedelung und Ausnutzung ausgeschlossen sein möge.

Der Antrag erhielt am 2. März 1872 Gesetzeskraft, und sind durch diesen Beschluß nicht nur die Wälder des Parkes vor Verwüstung durch Spekulanten geschützt, sondern es darf auch Niemand in gewinnsüchtiger Absicht den Besuch dieser Wunderwelt besteuern, oder Jagd und Fischerei in den Revieren ausüben.

Wenn das Gesetz den Nationalpark also in wirksamer Weise vor Privatspekulation schützte, so hatte es aber auch den Nachtheil, daß derselbe für eine Reihe von Jahren nur für solche Bevorzugte zugänglich blieb, welche über genügende Mittel und Zeit verfügen konnten, welche eine derartige, an Beschwerden überaus reiche Reise mit sich brachte. Jeder Reisende mußte sich Pferde, Zelte, Wagen und Proviant selber beschaffen, denn ein Unterkommen irgend welcher Art war in dem dem Königreich Sachsen an Größe nahekommenden, fast absolut menschenleeren Gebiete nicht vorhanden.

Partie von den Mammoth Hot Springs im Yellowstone Park.
Nach der Natur aufgenommen von Rudolf Cronau.

Nur an den Mammoth Hot Springs, wo wir am Nachmittage des zweiten Tages unserer Abreise von Bozeman anlangten, erhob sich ein elendes Blockhaus, das seiner kläglichen Beschaffenheit zum Hohne Bridal room, ›das Brautgemach‹, getauft worden war. Diese Zustände haben sich seit dem Jahre 1883 wesentlich verändert. Von dem Orte Livingstone in Montana führt ein Zweig der Nordpacificbahn bis an die Grenze des Parkes, innerhalb welches an den besuchtesten Punkten mehrere äußerst comfortabel eingerichtete Hotels zur Bequemlichkeit der Reisenden errichtet worden sind.

Dieser armseligen Leistung von Menschenhänden gegenüber erhob sich jener phantastische Wunderbau der Natur, den die ersten Erforscher des Yellowstone-Parkes The White Mountain Hot Springs benannten, welche Bezeichnung aber heute dem kürzeren Mammoth Hot Springs gewichen ist.

Die ›Brautkammer‹, das erste Blockhaus im Yellowstone-Park.

Drei Meilen lang, eine halbe Meile breit, einem plötzlich zu Stein gewordenen Wasserfalle gleich, so schieben sich die gewaltigen, blendend weißen Formationen dieser heißen Quellen zwischen hohen bewaldeten Bergrücken dahin, die ganze Thalschlucht erfüllend und einen wundersamen Gegensatz zu den dunklen Fichtenwäldern ringsum bildend.

Wie von der Hand titanischer Künstler gebildet, so bauen sich in schneeiger Weiße Tausende von Becken, Schaalen und Wannen terrassenartig bis zur Höhe von 200 Fuß über einander empor, und alle diese Schaalen sind mit krystallhellen, lichtblau gefärbten Fluthen gefüllt, welche direkt aus dem Erdinnern emporkochen, von dem Plateau des Berges in wundervollen Kaskaden in die tiefer gelegenen Wannen hinabrinnen und dort, wo sie abfließen, Alles in einen wahren Reichthum buntester Tinten hüllen. Es entwickelt sich hier ein Farbenleben, welches die ganze Scala vom grellsten Gelb bis zum tiefsten Braun, vom zartesten Rosa bis zum feurigsten Carmin, vom hellsten Grün bis zum stumpfen Ton der Veroneser Erde durchläuft und seine coloristischen Glorien bald in muschelförmigen Randzeichnungen, bald in breiten Bändern, bald in Zacken und Spitzen verbreitet.

Es sind diese flammend rothen oder grellgelben Rinnsale nicht etwa durchweg mineralische Niederschläge des Wassers, wie man auf den ersten Blick vermeinen möchte, und wie von den meisten Reisenden angegeben wird, sondern dieselben sind zumeist Gebilde der Pflanzenwelt: Heißwasseralgen, deren Werden und Wachsen erst da beginnt, wo die brühheiße Temperatur des Schwefelwassers allem anderen Leben längst den Tod gegeben hat. Diese Pflanzenwunder erscheinen bald in Gestalt pilz- oder fingerähnlicher Auswüchse, bald sehen sie dem Netzmagen eines Rindes täuschend ähnlich, bald vermeint man ein überaus feines Spitzengewebe zu erblicken, dessen Fäden allen Bewegungen des herniederrinnenden Wassers sich anschmiegen.

Die wirklichen Niederschläge des Wassers ergehen sich in anderen, nicht minder wunderbaren Phantastereien, in Formen, die das koloristische Schönheitsmärchen auch noch zu einem vollendet plastischen gestalten.

Das Zierlichste, Graziöseste und Holdeste findet sich hier beisammen, bald scheinen die schneeigweißen Ablagerungen dem feinblätterigen Moose gleich, bald glauben wir die Stalaktiten der Tropfsteinhöhlen, bald wieder die reizenden plastischen Gebilde eines Korallenriffes zu erblicken. Wo eine Quelle aus dem Erdinnern hervorbricht, da haben die aus aufgelöstem kohlensauren Kalk bestehenden Niederschläge meist rundliche oder ovale Becken gebildet, deren Durchmesser zwischen 2 bis 40 Fuß wechselt. Diese Becken springen bald halbkreisförmig vor, bald weichen sie zurück, bald berühren sie sich oder sind durch kleine Ränder von einander geschieden. Inmitten des Beckens befindet sich das lichtblaue oder grüne Wasser meist in wallender, aufkochender Bewegung; der Überfluß rinnt, allerlei tropfsteinähnliche Gebilde schaffend, in die tiefergelegenen halbkreisförmigen Wannen hinab, die nicht durch eigene Quellen gespeist werden. Hat das Wasser an der Ausbruchöffnung eine Temperatur von 190-200º Fahrenheit, so sinkt seine Wärme in den tieferen Becken bis auf wenige Grad, so daß wir, als uns das Gelüste ankam, in diesen natürlichen Wannen ein Bad zu nehmen, nach Belieben die Jedem zusagende Temperatur auswählen konnten.

Auf der unteren Terrasse des ganzen Wunderbaues sind noch zwei Geysir zu erblicken, die sich jetzt nicht mehr in Thätigkeit befinden. Der Sinterkegel des einen ist ›des Teufels Daumen‹ benannt, der andere hingegen, eine gewaltige, 47 Fuß hohe, an ihrer Basis 20 Fuß dicke, nach obenhin sich zuspitzende Säule, deren Aufbau aus überhängenden Schalen von festem Kalktuff auf's Deutlichste zeigt, daß sie ihren Ursprung einer ehemaligen Quelle verdankt, ist die ›Freiheitsmütze‹ (Liberty Cap) getauft worden (vergl. Vignette Seite 163). Dort, wo der ganze Wunderbau der Mammoth Hot Springs mit dem obersten Plateau sich an die hinter ihr stehende Bergwand anlehnt, sind die Bäume überall da zerstört, wo das heiße Geysirwasser hinfließen konnte.

Die Blätter und kleineren Äste sind abgefallen, die Stämme haben eine weiße Farbe und zum Theil ein weiches gallertartiges Äußeres erhalten. Viele der Bäume standen noch aufrecht, manche dagegen waren umgestürzt und so von dem kieselhaltigen heißen Quellwasser imprägnirt, daß das weichgewordene Holz mit Papierbrei zu vergleichen war. Dieser Brei erhärtet später wieder, die ursprüngliche Struktur des Holzes genau beibehaltend, und so vollzieht sich hier vor unseren Augen die Verkieselung vollständiger Bäume, über welches Räthsel die Männer der Wissenschaft bisher die mannigfachsten, aber niemals völlig befriedigenden Hypothesen aufgestellt hatten. Vergl. Dr. Otto Kuntze: ›Über Geysirs und nebenan entstehende verkieselte Bäume.‹ ›Ausland‹. Jahrgang 1880.

Zwei Tage verbrachten wir mit dem Studium dieser Wunderwelt, dann stiegen wir die äußerst steilen Höhen hinan, um zunächst nach dem Norris Geysir Basin zu gelangen. Nach anstrengendem Marsche kamen wir an einigen Naturmerkwürdigkeiten vorüber, welche man hier, in diesem Reiche der Wunderverschwendung, nur mit einem erwähnenden Worte abthun darf. So an dem in smaragdner Wald- und Wieseneinsamkeit gebetteten Bibersee mit seinen kunstreich angelegten, schnurgeraden Biberdämmen, so an der 150-200 Fuß hohen Riesenklippe, die vollständig aus tiefschwarzem, purpurfarbigem und olivgrünem Naturglase, aus Obsidian besteht und die, im Sonnenlichte glitzernd und funkelnd, einen prachtvollen Anblick gewährte. Von den abgesprengten Trümmern dieses zweifellos durch eine große vulkanische Eruption entstandenen Glasberges verfertigten die Urbewohner dieser Gegend dereinst ihre Speer- und Pfeilspitzen, während die Bleichgesichter die scharfkantigen, leicht splitternden Abfälle zur Aufschüttung eines Weges verwendeten. Unstreitig zählt dieser Glasberg, der für die ersten hundert Fuß aus äußerst selten vorkommenden, regelmäßig fünfseitigen Säulen sich zusammensetzt, über welchen dann eine fast ebenso hohe, horizontal geschichtete Masse desselben Gesteines ruht, zu den größten geologischen Wundern des Nationalparkes.

Gegen Abend gelangten wir an das Norris Geysir Basin, eine ausgedehnte sandige Hochebene, die zwischen nadelholzbewachsenen Hügeln liegend, an das ausgetrocknete Bette eines ehemaligen Flusses erinnerte. Mächtige Wolken heißen Wasserdampfes hingen über der Gegend, überall standen größere und kleinere Wassertümpel und strichen schmale Wasserläufe dahin. Beim Näherkommen entdeckten wir eine ganze Anzahl von kochenden Quellen, desgleichen auch einige kleinere Geysir in voller Thätigkeit. Inmitten der Sandfläche warf der Constant Geysir in Zwischenräumen von je 30 Sekunden hohe Säulen kochenden Wassers empor, nahebei befand sich eine gähnende Krateröffnung, aus welcher kolossale Dampfmassen hervorgestoßen wurden, die ein Getöse verursachten, als hätten ein Dutzend Dampfboote auf einmal ihre Ventile geöffnet. Der ganze Boden erbebte unter den Stößen einer unsichtbaren infernalischen Maschinerie, der ausgestoßene Qualm war so überhitzt, daß der für einen Moment hineingehaltene Lauf meiner Flinte so heiß ward, daß ich denselben nicht zu berühren vermochte.

Etwas weiter lag der Minute Man, ein Geysir in Miniaturformat, der jede Minute einen 4 Zoll im Durchmesser haltenden, 25 bis 30 Fuß hohen Wasserstrahl für die Dauer von 10 Sekunden emporschnellte. In seiner Nähe breitete sich der Emerald Pool aus, ein kreisrundes, 50 Fuß im Durchmesser haltendes Becken, dessen Wasser von einer so wunderbaren Klarheit war, daß die weißen, korallenartigen Gebilde, mit denen die Wände des Beckens bekleidet waren, in all' ihrer Schönheit noch in der Tiefe von 20 Fuß auf's Deutlichste sichtbar waren. Von solchen Feenwässern träumten wohl die Märchendichter, indem sie sich diese wunderbaren Fluthen als den Wohnsitz lieblicher Nymphen dachten. Eine solche Bevölkerung war hier freilich ausgeschlossen, da die emeraldgrünen Wasser eine so hohe Temperatur hatten, daß hineingehaltene Eier innerhalb vier Minuten gekocht waren. Ein ähnliches fast noch schöneres Feenwasser war der Peerless; höchst eigenartig erschienen uns ferner mehrere kleine Schlammvulkane, welche weiße und gelblichgraue, in ihrer Consistenz an Ölfarbe erinnernde Schlammmassen zehn Fuß hoch emporwarfen. Einer dieser Paint pots, der eine 20 Fuß im Durchmesser haltende Fläche bedeckte, war mit so heftig kochenden Schlammmassen erfüllt, als strebe eine ganze Legion kleiner Dämonen die Freiheit zu gewinnen.

Die ganze Oberfläche der weiten Ebene war mit größeren und kleineren Öffnungen siebartig durchlöchert, an tausend Stellen kochten und sprudelten schwefelhaltige Wassermassen, überall stampfte, donnerte und dröhnte es unter dem Boden, als seien unzählige mächtige Maschinen da unten thätig, überall stiegen schwefelige Dämpfe empor und überall waren die trockener gelegenen Löcher und Höhlungen mit den prachtvollsten Schwefelkrystallen inkrustirt.

Wir campirten die Nacht hindurch auf einer in der Nähe gelegenen Bergwiese, doch oft wurden wir durch das infernalische Getöse eines plötzlich zum Ausbruch gekommenen Geysirs aus unserem Schlafe aufgeschreckt, so namentlich, als im Morgengrauen der prächtige Monarch Geysir 125 Fuß hohe, aus drei großen Öffnungen zugleich hervorschießende Wasserstrahlen in die Lüfte warf.

In den ersten Morgenstunden war es bitter kalt, das Wasser in den mitgeführten Geschirren war mit einer fingerdicken Eiskruste überzogen, ein krasser Gegensatz zu der tagsüber waltenden Hitze. Wir befanden uns hier mehr denn 7000 Fuß hoch über dem Spiegel des Meeres, auf einem Hochplateau, das in weitem Kranze von hohen Schneegebirgen umgürtet war. Dieses Hochplateau wird von mancherlei niedrigeren Gebirgszügen durchsetzt, Hunderte von reißenden Strömen haben tiefe Schluchten, sogenannte ›Cañons‹ hineingeschnitten, und so hatten wir während unseres Vorwärtsdringens auf der nur für Felsengebirgspferde gangbaren Wildstraße das Menschenmöglichste im Übersteigen steiler Grate, im Durchkreuzen brückenloser Ströme, im ungenirten Passiren von Abgründen zu leisten.

Für all diese Mühseligkeiten wurden wir aber durch den überraschendsten Wechsel der Scenerie belohnt. Das Wildeste gab fast unmittelbar dem Lieblichsten Raum, die ursprünglichste Wildniß wechselte mitunter so plötzlich mit einer entzückenden Naturidylle, daß man sich auf einer Traumfahrt zu befinden vermeinte.

Längere Zeit folgten wir so dem Laufe des Gibbonflusses, der aber vollkommen unsichtbar für uns blieb, da er sich 2000 Fuß tief unter uns durch ein von ihm selbst gegrabenes Cañon wälzte. Gegen Mittag senkte sich der Weg in diese furchtbare Steilschlucht hinab und wir geriethen an eine Stelle, wo inmitten des eisigen Bergstromes dampfende und brodelnde Quellen hervorbrachen, die ihre heißen Wasser mit dem des Stromes vermischten. Da das Wildwasser mit Forellen belebt war, so wurden flugs die Angeln in Bereitschaft gesetzt, und nach wenigen Minuten schon konnten wir die früher von uns ungläubig belachte Erzählung von den im kalten Schneewasser gefangenen Forellen, die nur mit einer kurzen Wendung der Angel in dem gleich daneben befindlichen heißen Wasser gesotten werden könnten, selbst zur Wahrheit machen.

Nur wenige Schritte von dem Platze entfernt, wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, um das Mittagsmahl zu halten, brach ein kleiner Geysir aus dem Berghange hervor, ein unablässig pulsirender Springquell, der seine im Lichte der Sonne wie Diamanten aufsprühenden Wassertropfen 20 bis 25 Fuß hoch spritzte. Diese funkelnden und leuchtenden Garben fielen direkt in ein wunderbar schönes, fast kreisrundes Becken, dessen gelbe, braune und weißen Ränder einen herrlichen Contrast zu dem zart grünblauen, beständig brodelnden Wasserspiegel bildeten. Aus diesem Becken rannen die Wasser in den 50 Fuß tiefer dahinrauschenden Strom. Nichts kann schöner, lieblicher sein, als diese entzückende Idylle, von welcher zu scheiden uns unendlich schwer wurde.

Und weiter führte der Weg durch die Tiefe des Cañons, zweimal hatten wir den durch hinabgestürztes Steingeröll eingeengten Fluß zu überschreiten, dann ging es wieder bergauf, bergab durch schönbestandenes Waldgelände. Zwei Uhr Nachmittags gelangten wir dann an die Stelle, wo der Gibbonfluß einen äußerst malerischen Fall bildete. Mit aller Vorsicht arbeiteten wir uns hier von der Höhe des Berges einen äußerst steilen Abhang hinab bis zu dem Punkte, wo die Steilschlucht in furchtbarer Jähe vor uns klaffte und einen Blick in die Tiefe gewährte. An überhängende Bäume geklammert und so zwischen Himmel und Erde hängend, vertieften wir uns in den Anblick des 50 Fuß unter uns rauschenden Stromes, der, zu Schaum zerpeitscht, in prachtvollen Cascaden über eine 160 Fuß hohe Klippenwand hinab in die tiefe, schauerliche Felsengasse stürzte. Großartig, wild und eigenartig war die Scenerie, wie sie geeigneter kein Romanschriftsteller als Schauplatz einer schauerlichen Indianergeschichte hätte finden mögen.

Im Begriffe, uns mit großer Mühe wieder den steilen Abhang hinaufzuarbeiten, wäre ich nahezu durch einen von einem meiner Gefährten leichtsinnigerweise losgelösten Steinblock mit in den Abgrund gerissen worden, hätte ich nicht durch eine schnelle Wendung mich außerhalb des Bereiches des in mächtigen Sätzen hinabstürmenden Felsens gebracht. Haarscharf flog der Klotz an mir vorüber und donnerte in den finsteren Abgrund hinunter, eine ganze Lawine kleineren Gerölles nach sich ziehend.

Nach mehreren Stunden kamen wir nun in das Thal des südlichsten der drei Quellflüsse des Missouri, des Madison- oder Feuerlochflusses, über dessen finsteren Fichtenwäldern allenthalben mächtige Wolken Wasserdampfes hingen, die das ganze Firmament überströmen zu wollen schienen.

Der von den Indianern überkommene Name des ›Feuerlochflusses‹ ist, wenn auch weniger schön, aber so bezeichnend für den Strom, daß die weißen Erforscher des Yellowstonegebietes nichts Besseres thun konnten, als die von den Urbewohnern gewählte Benennung beizubehalten, denn die ganze weite Landschaft ist in der That ein einziger, unterminirter Feuerherd, dessen Decke von zahllosen Öffnungen durchbrochen ist, die direkt zu den Gluthen des Erdinnern hinführen mögen.

Da die Dunkelheit schon zu weit vorgeschritten war, um am Abende noch eine Inspicirung dieses wundersamen Gebietes vornehmen zu können, so errichteten wir am Ufer des Feuerlochflusses unser Zelt, und ritten nach wohlverbrachter Nacht in das sogenannte ›mittlere Geysirbecken‹, woselbst es nach Peale's trefflichem Berichte an 700 heiße Quellen und thätige Geysir geben soll. Mindestens ebensoviele sind erloschen oder hauchen schweflige Dämpfe aus, welche die kraterähnlichen Spalten mit hochgelben Krystallen schmücken. Weit und breit ist der Boden mit leuchtend weißem Kieselsinter bekleidet, und würde das ausgedehnte Terrain einer Schneelandschaft täuschend ähnlich sehen, wenn nicht von allen Seiten dampfende Bäche von den Hügeln herabgeeilt kämen.

Ein auf der linken Seite des Flusses sanft ansteigendes Sinterplateau erregte durch die Massen der sich dort erhebenden Dämpfe zunächst unsere Aufmerksamkeit, und wir fanden auf dem Rücken dieses flachen Hügels mehrere wunderbare Seen und Geysir, von denen der eine ›des Satans halber Acker‹ ( Devil's Half Acre) benannt worden ist. Dichte Dampfwolken fuhren aus dem uns entgegengähnenden, an 250 Fuß im Durchmesser haltenden Schlunde, gleich als sollten die Geheimnisse der Tiefe vor unseren Augen verhüllt werden. Wenn ein Windstoß die heißen Qualmmassen zerriß und verjagte, so sahen wir, wie nahe dem Mittelpunkte des 25 Fuß tiefen, von zerrissenen, theilweise überhängenden Kraterwänden gebildeten Schlundes mächtige Dampfblasen mit dumpfem Poltern sich aus der Tiefe erhoben und in Wolken verwandelten. Dann trat wieder eine sekundenlange Pause ein, während welcher die aufgeregten Wasser sich glätteten, bis wiederum eine womöglich noch größere Dampfkugel seine Tiefen aufwühlte. Dieses Schauspiel wiederholte sich in immer kürzeren Zwischenräumen, bis endlich der See in ein wildes Wogen gerieth. Und nun erreichten die aufkochenden Wasser den Rand des Höllenschlundes, gewaltige, schäumende Wellen fuhren zischend hin und her und leckten auf das Plateau hinauf, um wieder in den Hexenkessel zurückzufallen.

Und nun mit einem Male hoben sich zu unserem Entsetzen die gesammten Wasser in einer geschlossenen Masse empor, um in mächtigen Strahlen bis zu einer Höhe von 300 Fuß emporzusteigen. Kopfgroße Steine wurden mit emporgerissen und ungeheuere Dampfwolken bis in unermeßliche Höhen emporgetrieben.

Erbleichend waren wir aus der unmittelbaren Nähe des Höllenpfuhles geflohen und standen nun, vor Grauen erstarrt, das entsetzliche Schauspiel zu beobachten. Allenthalben fuhren riesige Strahlen kochenden Wassers umher, bald verhüllt von den weißen Dampfmassen, bald wie triumphirend in kolossaler Stärke aus denselben hervorbrechend. Und nun mischte sich das Prasseln des herniederstürzenden Wassers mit dem donnernden Getöse in der Tiefe; die Luft war mit einem Gebrüll und Sausen erfüllt, daß es unmöglich war, das eigene Wort zu vernehmen; gewaltige Entladungen, gleich dem Donner der schwersten Geschütze, machten den Boden erbeben und gemahnten uns daran, daß wir hier der Laune furchtbarer Elemente anheimgegeben waren, deren wehrlose Opfer wir in der nächsten Minute sein konnten. –

Allmählich senkte sich die kolossale Wassersäule, der Lärm ließ nach, der Donner ward schwächer – und ebenso plötzlich, wie sie sich erhoben, verschwand die Wassermasse in dem Schlunde, der nun fast trocken dalag.

Nur die Dampfwolken in der Höhe, und das fortgesetzte Rollen in der Tiefe gaben noch Kunde von dem furchtbar großartigen Ausbruche, der soeben stattgefunden hatte. Aber auch der nahe Fluß legte Zeugniß dafür ab, denn durch die heißen Wassermassen, welche die 30 Fuß hohe Uferbank hinabstürzten, war derselbe um 6-8 Zoll gestiegen und in einen Strom von 300 Fuß Breite umgewandelt worden. Das ganze ursprüngliche Gebirgswasser war von den vulkanischen Fluthen auf die rechte Stromseite hinübergedrückt worden und floß hier dunkelkalt dahin, während der Strom zur Linken beständig dampfte und zischte. Eine volle englische Meile weit vermochten wir den Kampf der beiden so entgegengesetzten Fluthen zu verfolgen.

Dieser ›halbe Acker Beelzebubs‹, auch wohl Excelsior Geysir genannt, neben welchem das einst so gepriesene Naturmirakel Islands zu vollster Unbedeutendheit zurücksinkt, war in den ersten Jahren nach der Entdeckung des Yellowstone-Parkes noch völlig unbekannt. Professor Hayden und seine Expedition wußten noch nichts davon. Erst Oberst Norris entdeckte diesen Geysir im Jahre 1878. Auf sechs Meilen Entfernung hörte er das fürchterliche Getöse und sah die den Himmel überströmende Dampfsäule. Sein Roß zu voller Carriere anspornend, eilte der Oberst herbei, und kam gerade noch zeitig genug, um das Ende des Ausbruches anstaunen zu können. Von da blieb der Geysir in Thätigkeit bis zu Ende des Jahres 1882. Kurz nach unserem Besuche stellte er seine Thätigkeit für mehrere Jahre ein, um erst im Jahre 1888 wieder in Action zu treten.

In unmittelbarer Nähe dieses unheimlichsten Phänomens des ganzen Nationalparkes breitete sich ein anderes Naturwunder aus, so sonnig, so märchenhaft, so farbenprächtig und zauberschön, daß es kaum irgendwo auf Erden seines gleichen haben dürfte.

Von aufsteigenden Dämpfen leicht bewegt, wallte und wogte ein 250 Fuß im Durchmesser haltender See, gefüllt mit durchsichtigem Schwefelwasser, in einem selbstgeschaffenen, von niedrigen Rändern umgebenen Becken. Dem gigantischen, mit azurblauer Fluth gefüllten Kelche einer Zaunwinde gleich fiel die Mitte dieses Sees in die unergründliche Tiefe hinab. Das herrliche Blau dieses Kelches, im Mittelpunkte des Sees fast schwarzblau erscheinend, spielte nach den seichteren Rändern hin in den wundersamsten Tönen, je nachdem die Wasser ihre mineralischen Beimischungen ausgeschieden oder die Heißwasseralgen ihre wunderbaren Gebilde aufgebaut hatten. Da war eine Farbenvision, wie sie noch kein Künstler erträumte, wie sie kein Künstler jemals malen wird, so lange dies wunderbare Smaragdgrün, diese herrliche, dem Rheinwein ähnliche Goldfarbe auf seiner Palette fehlen. Spielte der Wind in diesem Feensee, so flossen die Farben alle zusammen und glitzerten in unsagbarer Pracht; Milliarden von goldgrünen Wellchen woben ihr Spiel, ihr zitterndes Farbenleben selbst den Dampfschleiern mittheilend, die allenthalben diesem mit schneeweißen, saturnrothen und braunen Gürteln umlagerten Zaubersee entstiegen.

Wo bleibt gegenüber diesem Farbentraum der Glanz der Falterschwingen, die Pracht des Regenbogens? –

Nachdem wir uns an dem Anblick dieser endlich gefundenen Wunderblume der Romantik sattsam ergötzt, uns endlich losgerissen hatten, traten wir in das obere Geysirbecken ein, wo die Granden der Geysirwelt sich beisammen finden.

Da braust und brodelt und zischt und sprudelt es allüberall, da donnert und dröhnt die Erde von aufsteigenden und niederfallenden Wassermassen ohne Unterlaß; da ziehen irrenden Gespenstern gleich die der Unterwelt entstiegenen Wolken brühheißen Dampfes durch das dunkle Grün der Nadelwälder; – wir stehen einem Elementendrama gegenüber, dessen vernichtende Gewalten von einer im eigenen Dämonismus berauschten Natur ausgespielt werden.

Schon auf dem Wege zu diesem Geysirbecken stießen wir auf die mannigfachsten Naturwunder, auf Dutzende jener märchenhaften Trichter, die mit azurner Fluth angefüllt, uns in schwarzblaue Tiefen, in die Abgründe der Erde herniederblicken ließen, auf Dutzende jener Schmutzspeier, die in allen Stadien, von Handgröße bis zum ausgewachsenen Geysir vorhanden waren. Ferner sahen wir Miniaturmodelle von Vulkanen, wie man sie sich nicht schöner denken kann.

Diese sogenannten Paint Pots oder ›Farbentöpfe‹ lagen auf dem bewaldeten Plateau eines Hügels, inmitten eines ovalen, vertieften Kessels. Unterirdische heiße Wasser haben sich hier durch die Thonlager Bahn gebrochen, um allenthalben als buntfarbige Schlammvulkane emporzubrodeln.

Am oberen Ende dieser, einer riesigen Kalkgrube ähnlichen Einsenkung kochte ein zäher Brei der schneeig weißesten Porzellanerde, während die am unteren Ende brodelnden Massen durch Zusätze von Eisen und Kupfer zart rosaroth gefärbt waren. Überall hatten sich kleine, drei bis vier Fuß hohe Krater gebildet, welche in kurzen Pausen ganze Ladungen mißfarbigen Schlammes auswarfen, die beim Niederfallen regelmäßige Kreise bildeten, welche so lange ihre Gestalt beibehielten, bis ein neuer Ausbruch erfolgte.

Den Feuerlochfluß entlang reitend, stießen wir zunächst auf den Grotto Geysir, welcher seinen Namen der 20 Fuß hohen, 40 Fuß im Durchmesser haltenden grottenähnlichen Gestalt seines Kraters verdankt. (Vergl. Illustration S. 163.) Die Wandungen dieses hochinteressanten Aufbaues sind mit so großen Öffnungen durchlöchert, daß ein Mann bequem hindurchkriechen kann. Es sind die Mündungen der in's Erdinnere hinabführenden Geysirröhren. Im Innern des Kraters, aus dem sich ein merkwürdiger, keulenförmig gestalteter Steinblock erhebt, braust und kollert es unheimlich, und von Zeit zu Zeit werden sechs Fuß dicke Wassersäulen aus den Nischen hervorgestoßen, welche den ganzen Aufbau in eine glitzernde Wolke von Dampf- und Wasserstrahlen hüllen.

Neben diesem Geysir lagen mehrere große Tümpel voll stark kochenden Wassers, ferner sind der Riverside-, der Comet- und der Fan- oder Fächer-Geysir in unmittelbarer Nähe.

Weiter gelangten wir an den Giant Geysir, dessen Krater, an der einen Seite heruntergebrochen, einem hohlen, 12 Fuß hohen Riesenzahne vergleichbar ist. Unter grollendem Getöse stieß derselbe mächtige Qualmwolken aus, und wir konnten bemerken, daß das etwa 40 Fuß unter der Kratermündung stehende Wasser sehr stark kochte, manchmal zwanzig Fuß in die Höhe geschleudert wurde und kolossale Blasen warf, während aus einer dicht neben dem Krater mündenden Seitenröhre, einem wirklichen Sicherheitsventile, unablässig mächtige heiße Wasserstrahlen emporstiegen.

Der Kraterkegel des Giant Geysirs.

Einen der circa alle 6-10 Tage wiederkehrenden Ausbrüche dieses Geysirs glaubten wir nicht abwarten zu dürfen und wandten uns dem weithin leuchtenden, ruinenartig aufgebauten Castle Geysir zu, welcher allem Anscheine nach in früheren Jahrhunderten einer der hervorragendsten, wenn nicht der größte der zahlreichen Geysir des Yellowstone-Parkes gewesen ist. Beträgt doch die volle Höhe seines mit wunderschönen blumenkohlartigen Gebilden ausgekleideten Kraterberges volle 40 Fuß, wovon 20 allein auf den Kieselkrater selbst kommen. Das Wasser dieses Geysirs ist in beständigem Pulsiren begriffen und wird alle 2 bis 3 Minuten 30 Fuß hoch geschleudert. Zeigt sich der Geysir aber in seiner vollen Glorie, was alle 12-14 Stunden geschieht, so werden die Fluthen über 100 Fuß hoch emporgejagt; hat sich dann die Säule gesenkt, so entweichen der Krateröffnung immense Massen Dampfes, welche ein meilenweit hörbares Getöse verursachen. (Vergl. Illustration S. 180.)

Nur wenige Schritte von dem auf einer 100 Fuß langen Terrasse sich erhebenden Geysir entfernt liegt einer jener mit wundervoll blauem Wasser gefüllten Trichter, der ›schöne Brunnen‹ genannt, der von einem schneeweißen, 6 Zoll hohen Rande umschlossen ist. Die Durchsichtigkeit dieser Zauberquelle, deren überfließendes Wasser den umliegenden Boden mit den farbigsten Niederschlägen schmückt, ist mit Worten nicht zu schildern. Eine glänzende, blecherne Conservenbüchse, die auf dem Grunde dieses Zauberbeckens lag, erschien wie ein riesiges funkelndes Juwel inmitten der blauen Fluth.

Unser Führer machte uns nun darauf aufmerksam, daß der Bee-hive oder ›Bienenkorb-Geysir‹, so genannt nach der bienenkorbähnlichen Gestalt seines Kraters, einen Ausbruch vorbereite. Und als wir uns in die Nähe dieses typischsten aller Geysir begaben, fanden wir die ovale, 24 zu 36 Zoll große Öffnung des 3 Fuß hohen, an der Basis 4 Fuß dicken Kegels mit heftig kochendem Wasser gefüllt, dessen Blasen manchmal 10, 15 Fuß hoch über den Kraterrand hinausfuhren.

Ein kleinerer, dicht neben dem Hauptgeysir befindlicher Springteufel, der sich bislang wie wahnsinnig geberdet hatte, stellte nunmehr seine Arbeit ein, das sicherste Anzeichen, daß der ›Bienenkorb-Geysir‹ eine Eruption haben werde.

Einen Augenblick war tiefe Stille; dann erhob sich unter unseren Füßen ein dumpfes anhaltendes Rollen, dem Wühlen, Stampfen und Stoßen einer im Erdinnern befindlichen gigantischen Maschinerie vergleichbar. Der Boden begann zu zittern und zu beben; einen Augenblick noch – und unter furchtbarem Getöse und dämonischem Geheul ward ein mächtiger Wasserstrahl hervorgestoßen, welcher brausend, zischend und sprühend dem Himmel entgegenstürmte, einem Titanen gleich, dem es in den Sinn gekommen, den Herrschersitz des Olympiers zu zertrümmern.

Der Castle Geysir und der ›schöne Brunnen‹ im Yellowstone-Park. (Im Hintergrunde links der Old Faithful Geysir.)

Zweihundert und zwanzig Fuß hoch wurden die Wasser dieses Fluthenvulkans emporgejagt, eine einzige, 2 Fuß im Durchmesser haltende Säule, umwogt von ganzen Gebirgen heißen Qualmes, über dessen Wölkchen die Sonne eilfertig des Regenbogens vielfarbige Zauberbrücke schlug.

Volle acht Minuten dauerte diese Eruption, ohne daß die Wassermenge geringer geworden oder eine weniger majestätische Gestalt angenommen hätte; dann sank die großartige, unvergeßliche Erscheinung in sich zusammen und es ward wieder grabesstill umher.

Von der Waldesecke drüben aber grüßte ein neues, 160 Fuß sich aufthürmendes Springfluthenspiel, der Old Faithful, der ›alte Getreue‹, so benannt von der ersten Erforschungsexpedition, weil die Eruptionen dieses Geysirs so äußerst regelmäßig, alle 62 Minuten wiederkehren.

Woher diese Pünktlichkeit in der Thätigkeit der Mehrzahl dieser Geysir, woher doch das Unabhängige der einzelnen zu einander, wer will das sagen? Giebt es kleinere Springteufelchen, die jede Minute einer winzigen Zimmerfontäne gleich emporsteigen, so hat von den größeren Geysirn der eine jede 15 Minuten, der andere jede Stunde, der dritte jeden Tag, der vierte jede Woche, und wieder andere in Pausen von zwei Wochen eine Eruption. Nicht weniger als 440 Thermen, darunter 47 Geysir verzeichnet die Karte Hayden's im oberen Geysirbecken. Damit ist aber der Reichthum an derartigen Naturwundern im Yellowstone-Park noch keineswegs erschöpft, denn auch in den Gebieten am Shoshone- und Heart-See sind zahlreiche Springquellen, Solfataren und Schlammvulkane entdeckt worden. Bis jetzt sind im Yellowstone-Park circa 3000 heiße Quellen und 71 Geysir bekannt, eine Zahl, die sich möglicherweise noch vergrößern wird, da noch weite Strecken dieses Wunderlandes gänzlich unerforscht geblieben sind.

Bemerkenswerth sind im oberen Geysirbecken noch die Krater der Giantess, des Grand-, des Lion- und des Splendid Geysir, welche alle in bestimmten Zwischenräumen große Wassermassen ausstoßen. Die Giantess oder ›Riesin‹ wirft alle 13½ Stunden für 20-60 Minuten lang eine 90 Fuß hohe und 25 Fuß dicke Säule aus, von der sich dann fünf andere Schüsse abzweigen, die leicht aufeinander gestützt, bis zu einer Höhe von 500 Fuß emporreichen sollen.

Fragen wir nach der Ursache der periodischen Geysir-Ausbrüche, so tritt uns sofort die Vermuthung entgegen, daß unterirdische Hitze und hierdurch bewirkte Dampfbildung dabei die Hauptrolle spielen. Die direkte Ursache der immensen Hitze des Wassers glaubt Bunsen der Zersetzung von Mineralien, wie Schwefel, Eisen und Kupfer zuschreiben zu müssen, welche in dem Yellowstone-Gebiet reichlich vorhanden sind. Diese mit Chemikalien erfüllten Schichten sind nun von Wasseradern durchbohrt, die sich bis durch die obere Felsenschicht der Erde drängen und allerhand Zerklüftungen, Spalten und Höhlungen geschaffen haben. Die Eruptionen entstehen nun wohl folgendermaßen: Das in den Höhlungen befindliche Wasser, welches unter großem Druck und großer Hitze eingeschlossen ist, wird durch die gewaltige Expansionskraft des in der Tiefe in Dampf verwandelten, überhitzten Wassers höher und höher getrieben und schließlich mit unwiderstehlicher Gewalt aus dem Krater ausgestoßen. Die verschiedenartige Gestaltung der inneren Höhlungen, Klüfte und Röhren, in welchen sich ja auch die Dampfmassen verschiedenartig ansammeln müssen, mögen die Ursache der unter sich so verschiedenen Arten von Eruptionen sein.

Das Wasser der Geysir ist zumeist farblos und ohne Geruch, besitzt aber einen schwach alkalischen Geschmack und erregt beim Waschen die Empfindung, als ob Seife darin gelöst sei. Namentlich ist dies bei dem Old Faithful und dem Laundress-Geysir der Fall, und beide müssen zuweilen regelrechte Waschdienste verrichten, wobei sich allerdings mitunter herausstellt, daß sie nicht ganz zuverlässig sind, und nicht Alles das herausgeben, was in ihre Krater hineingeworfen wurde. Leinene Gegenstände, wie Taschentücher, Hemden und dergleichen werden stets in höchst sauberem Zustande wieder ausgespieen, wollene Stoffe hingegen werden, wie einer unserer Leute, der ein Paar wollene Unterbeinkleider der ›Wäscherin‹ übergeben hatte, zu seinem Leidwesen erfahren mußte, so wenig respectirlich behandelt, daß sie zumeist vollständig zu kleinen Fetzen zerrissen wieder an's Tageslicht kommen. Die Reinheit dieser Fetzen ließ in dem hier angezogenen Falle aber gleichfalls nichts zu wünschen übrig. Der Laundress-Geysir führt auch den Namen Chinaman und zwar von einer lustigen Episode, die sich einst hier abspielte. Ein einer Reisegesellschaft als vielfältig verwendbares Faktotum angehöriger Chinese wanderte eines Tages nach dem Kessel der Laundress, ein mächtiges Bündel von Kleidungsstücken auf dem Rücken, welche der Reinigung bedurften. Dort angekommen warf er die gehörig eingeseiften Kleidungsstücke in den kochenden Pfuhl. Einer solchen Ladung aber ungewohnt, erging sich die ›Wäscherin‹ in einer plötzlichen Eruption und spie nicht nur vierzig Fuß hohe Wassersäulen aus, sondern schleuderte auch das ganze Kleiderbündel heraus, so daß der arme Chinese im Nu außer mit heißem Wasser auch mit einem Berge von Hemden, Unterjacken, Hosen, Kragen und Strümpfen bedeckt wurde. Jämmerlich verbrüht, kroch der Sohn des himmlischen Reiches unter diesem Wirrsal hervor, kläglich ausrufend: » Chinaman heapee no likee Melican man spling!«

Seit jenem Ereigniß führt die Quelle auch den Namen Chinaman's Geysir.

Eine interessante Erscheinung ist es übrigens, daß manche Geysir hineingeworfener Seife gegenüber sich äußerst empfindlich zeigen und sofort in eine Eruption ausbrechen. Diese Empfindlichkeit wurde von Führern oftmals benutzt, um Reisenden das Schauspiel der Eruption auch solcher Geysir zu zeigen, die gerade nicht in Thätigkeit waren. Infolge dieses ›Einseifens‹ wurden nun die Eruptionen gewaltsam erzwungen, führten aber eine solche Unregelmäßigkeit, ja theilweise einen vollständigen Stillstand in der Thätigkeit einzelner Geysir herbei, daß sich die Regierung veranlaßt sah, das beliebte › Soaping‹ der Geysir auf's Strengste zu verbieten. Zuwiderhandelnde werden von den den Park überwachenden Soldaten unnachsichtlich wieder aus dem Parkbezirke hinausgeschafft.

Nach wohlverbrachter Nacht im oberen Geysirbecken, während welcher wir manchmal das Brüllen und Pfeifen des ›alten Getreuen‹ vernahmen, brachen wir auf, um die eine Tagereise entfernt gelegenen Fälle und das Cañon, die Steilschlucht des Yellowstoneflusses zu sehen. Lange Zeit führte der Weg durch einen vom Feuer zerstörten Nadelholzwald, der in seiner Öde und Nacktheit einen ungemein gespenstigen Eindruck machte. Später traten wir auf eine baumlose Prairie hinaus und stießen gegen 2 Uhr Nachmittags auf einen 150 Fuß hohen Schwefelberg, an dessen Fuße sich wiederum eine ganze Teufelsküche von siedenden und brodelnden Quellen befand.

Wenige Meilen weiter erblickten wir den Yellowstone, der langsam und ohne Wellenschlag durch eine idyllische Landschaft zog und nicht im Entferntesten verrieth, wie wild er in Bälde dahinbrausen und welche großartigen Schauspiele er dem Wanderer darbieten werde. Je länger wir dem Stromlaufe folgten, desto unruhiger geberdeten sich die grünen Fluthen. Bald stand ihnen ein mächtiger Felsblock im Wege, bald waren sie so in die Enge geklemmt, daß ihre Weiterreise ein Ding der Unmöglichkeit schien.

Zu Schaum zerpeitscht, stürmten sie endlich dahin, eine Reihe grimmiger Strudel, eine Orgie siedender Fluthwirbel, die zügellos dahinkochten. Und nun, wo dieser Hexensabbath am wildesten toste, that es sich jählings auf, das enge Klippenbett, und hundert und vierzig Fuß warfen die Wasser sich hinab in einen grausigen Riesenspalt, dessen finstere Wände von der Wucht der riesigen Wassermassen erbebten. Eingeengt, eingepreßt, eine einzige, ununterbrochene Stromschnelle bildend, stürzten die grünen Fluthen in diesem Kerker dahin, in ewigem wüthenden Kampfe mit dem rothbraunen Urgestein, das ihnen unerschütterlich und fest die harte Stirne bietet.

Wieder schlug dumpfer Donner an unser Ohr, aber mächtiger und gewaltiger, als vorhin. War es der Sturmwind, welcher über die Höhen sauste und ungestüm die Kronen der dunklen Fichten durchwühlte? War es der Strom, der um seine Freiheit rang und in rasender Eile durch die Felsengassen schoß, die ihn zu erdrücken, zu erwürgen schienen?

Immer mächtiger und mächtiger wurde das Toben, immer unheimlicher hallte das Brausen, schon ward es Licht in der sich fichtenüberhangenen Schlucht, schon tanzten die erregten Fluthen freier, da plötzlich that sich auf's Neue die Tiefe auf – es klaffte die Unterwelt, um den Strom zu verschlingen.

Wie durch Zauberkraft war er unseren Blicken entrückt, nur das furchtbare Rollen seiner Gewässer schallte wie aus unendlicher Tiefe zu uns herauf und mächtige Wolken Wasserstaubes wirbelten empor, wo die Fluthen herniederprallten.

Noch war uns der Blick in die Tiefe selbst entzogen, doch als wir um die nächste Felsenecke bogen, wichen wir von Entsetzen und Grauen erfaßt vor dem Höllenschlunde zurück, der uns zu Füßen klaffte. Es war, als habe sich die Erde bis zu ihrem Mittelpunkte gespaltet, als sei sie durch Riesengewalten jählings auseinander gerissen worden, um den Einblick in das Innere zu gestatten.

Unser Strom, da schoß er viele hundert Fuß unter uns dahin, zu einem dünnen Silberfaden zusammengeschmolzen, kaum drang das Rauschen seiner Gewässer zu uns empor, kaum vermochten wir die gewaltigen Felsblöcke, die sein Bette verengten, zu unterscheiden.

Eintausend und achthundert Fuß tief ist die einem Stück von Dante's Inferno gleichende Felsengasse, deren furchtbar schroffe Seiten verwittert und zerwaschen erschienen und die unglaublichsten Formationen zeigten. Oft fielen die Klippen senkrecht ab oder boten sich in wilden, zerklüfteten Abstufungen dar, die bald Thürmen und Nadeln, bald ungeheueren Ruinen und Cyklopenbauten glichen. Hie und da, wo mächtige Adern von Eisenoxyd die Felsen durchzogen, erschienen die blendend weißen oder gelblichen Gesteinsmassen wie mit Blut besudelt, an anderen Punkten, wo heiße Quellen aus dem Erdinnern hervorbrachen, hatten sich Schwefel und übelriechende gelblichgrüne Flüssigkeiten abgesetzt.

Den diabolischen Charakter des Bildes vervollständigend, schossen schwarze, trotzige Basaltsäulen mit abenteuerlichen Zacken, Spitzen und Nadeln durch die gelb, orange und roth leuchtenden Wandungen dieser Unterwelt, in die hinabzusteigen nur Der sich vermessen könnte, der mit Gemsensehnen, mit unbeirrbarem Kopfe, mit eisernen Muskeln ausgestattet wäre.

Mit Recht durften die ersten Erforscher dieses Gebietes versichern, daß keine Sprache, keine Schilderung der Größe und Schönheit dieses Cañons gerecht zu werden vermöge, reichen ja doch selbst die Mittel des Künstlers nicht aus, diese diabolische Welt getreulich zu veranschaulichen.

Wohl ist das Grand Cañon des Colorado an Länge und Tiefe der Steilschlucht des Yellowstone überlegen, wohl kennt man noch andere Engpäße und Klüfte, die ebenso grausig, furchtbar und zerrissen sind, aber keine derselben verbindet so viel Größe und so viel Mannigfaltigkeit, keine hat neben eisigen Hochgebirgsfluthen auch seine kochend heißen Quellen und zischenden Geysir, keine einen solchen Zauber eigenartigster Formen und wunderbarster Farbentinten aufzuweisen, als das weltberühmte Cañon des Yellowstone.

Mehrere Meilen wanderte ich allein entlang der furchtbaren Kluft, an deren Rande ein schmaler Indianerpfad dahinleitete. Bald senkte sich derselbe in liebliche Thalgründe, bald verlor er sich in den verschwiegenen Wald, um dann plötzlich wieder an den Rand des Cañons zu führen und immer wieder und wieder dem Auge des Wanderers neue und große Wunder zu bieten.

So kam ich an einen Punkt, wo mächtige Felsen aus der Tiefe wuchsen, der Blick ungehindert die weite Kluft durchflog, weit hinaus über die Stelle, wo der Yellowstonefluß seinen Absturz in die Tiefe nimmt. Hier verweilte ich mehrere Stunden, in den großartigen Anblick versunken. Ringsum herrschte das Schweigen des Todes, nur der Wind strich leise durch die Nadelwälder, deren Rauschen sich mit dem zeitweise herüberdringenden Donner des fernen Wasserfalles vermischte. Unter mir beschrieben einige Adler ihre weiten Kreise, sonst war nichts Lebendes zu sehen in dieser überwältigenden, einsamen, majestätischen Wildniß.

Voll von den Eindrücken dieses Bildes schieden wir vom Yellowstone-Park. Ohne den in weltentrückter Hochgebirgseinsamkeit gelegenen, vielbuchtigen und krystallklaren Yellowstone-See zu berühren, besuchten wir nur noch einen kleinen Wiesensee, den Henry Lake, der nach Westen hin einen kleinen Wasserlauf nach dem Snake- und Columbia-River und mit diesem zum Großen Ocean, nach Osten hin einen anderen Bach nach dem Missouri und mit diesem zum Atlantischen Ocean entsendet.

Mit einigen, den Wellen übergebenen Blättern vermochten wir so unsere Grüße den salzigen Fluthen zweier Weltmeere zu entbieten.

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