Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Conrad >

Im Taifun

Joseph Conrad: Im Taifun - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJoseph Conrad
booktitleIm Taifun / Amy Foster
titleIm Taifun
publisher
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume24. Jahrgang. Band 24
year1908
translatorElise Eckert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectiddceec1dd
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Er wartete auf Antwort. Vor seinen Augen arbeiteten die Maschinen in langsamem, gemächlichem Gange, der, sobald er in tolles Jagen überging, auf Herrn Routs Ruf: »Passen Sie auf, Beale!« auf der Stelle gänzlich unterbrochen wurde. Mitten in einer Umdrehung verharrten sie in verständnisvoller Zurückhaltung; eine schwere Kurbel blieb auf der Kante stehen, als sei auch sie sich der Gefahr und Verantwortung bewußt. Ein »So, jetzt!« aus dem Munde des Chefs, und mit einem Laute, wie wenn jemand durch die Zähne hindurch ausatmet, vollendeten sie die unterbrochene Umdrehung und begannen eine neue. In ihren Bewegungen waren scharfsinnige Klugheit und Bedächtigkeit mit ungeheurer Kraft gepaart. Das war ihre Sache – ein halb verlorenes, vor Schrecken tolles Schiff sanft und geduldig durch die wütenden Wogen zu bringen – unter den Augen seines grimmigsten Feindes, des Sturmes. Dann und wann ließ Herr Rout das Kinn auf die Brust sinken und beobachtete die Maschinen mit zusammengezogenen Brauen wie in tiefem Nachdenken.

Die Stimme, die den Sturm aus Jukes' Ohr verdrängte, sprach jetzt: »Nehmen Sie die Matrosen mit sich ...« und schwieg dann plötzlich.

»Was soll ich denn mit ihnen machen, Herr Kapitän?« Ein scharfer, gebieterischer Klang ertönte. Die drei Augenpaare flogen zu der Telegraphenscheibe empor und sahen den Zeiger von »Volldampf« auf »Halt« springen, wie von einem unsichtbaren, wilden Dämon hingerissen. Und die drei Männer im Maschinenraume hatten das deutliche Gefühl, als sei dem Schiff eine drohende Gefahr entgegengetreten, als ziehe es sich in sich selbst zurück, um sich zu einem verzweifelten Sprunge zu sammeln.

»Halt!« schrie Herr Rout.

Niemand – selbst nicht Kapitän Mac Whirr, der allein auf Deck eine weiße Schaumlinie bemerkt hatte in einer Höhe, daß er seinen Augen nicht trauen zu können meinte – niemand sollte je erfahren, wie groß die steile Höhe jener See gewesen, wie abgrundtief die Höhlung, die der Sturm hinter der laufenden Wasserwand her ausgebohrt hatte. Sie stürzte sich in eilendem Laufe auf die Nan-Shan, die ihrerseits nach einer kleinen Pause, als gürte sie ihre Lenden, ihren Bug erhob und aufsprang. Die Flammen aller Lampen sanken tief herab – eine erlosch ganz – der Maschinenraum verdunkelte sich. Mit einem erschütternden Krachen und einem rasenden Lärm ergossen sich Ströme von Wasser aufs Deck, als ob das Schiff unter einen Wasserfall geraten wäre.

Bestürzt, betäubt sahen sich die drei da unten an.

»Bei Gott, die muß von einem Ende bis zum andern gefegt haben!« schrie Jukes.

Gerade hinunter tauchte das Schiff, als wolle es hinter dem Rande der Erde verschwinden. Der Maschinenraum wankte bedrohlich, wie das Innere eines Turmes bei einem Erdbeben. Aus dem Heizraum drang ein fürchterlicher Lärm von fallenden eisernen Gegenständen. Das Schiff hing so lange in der Tiefe, daß Beale Zeit hatte, sich auf Hände und Kniee niederzulassen und zu kriechen anzufangen, als ob er auf allen Vieren zu fliehen beabsichtige. Herr Rout wandte langsam den Kopf – sein Gesicht war starr, seine Augen hohl; sein Unterkiefer hing herab. Jukes hatte die Augen geschlossen, sein Gesicht war totenbleich und ausdruckslos wie das Gesicht eines Blinden.

Endlich erhob sich die Nan-Shan – mühsam und schwerfällig, als ob sie mit ihrem Kiele eine Bergeslast heben müsse.

Herr Rout schloß den Mund, Jukes blinzelte und der kleine Beale erhob sich hastig.

»Noch eine solche See, und sie ist verloren!« rief der Chef. Er und Jukes sahen sich an, und derselbe Gedanke packte sie. Der Kapitän! Es mußte ja alles über Bord geschwemmt worden sein – das Steuerrad fort – das Schiff ein Wrack! Es konnte nicht anders sein!

»Schnell! Fliegen Sie!« rief Herr Rout heiser, mit großen Augen Jukes anstarrend, der ihm mit einem unentschlossenen Blick antwortete.

Doch der Klang des Telegraphengongs beruhigte sie im nächsten Augenblick. Wie der Blitz fuhr der schwarze Zeiger von »Halt!« auf »Volldampf!«

»Schnell, Beale!« rief Herr Rout.

Leise zischte der Dampf. Die Kolbenstangen glitten ein und aus. Jukes legte sein Ohr ans Sprachrohr. Die Stimme oben war schon für ihn bereit. Sie sagte: »Lesen Sie all das Geld auf. Beeilen Sie sich jetzt. Ich brauche Sie hier oben.« Das war alles. »Herr Kapitän!« rief Jukes hinauf. Keine Antwort.

Er wankte weg wie ein Besiegter vom Schlachtfelde. Auf irgend eine Weise hatte er einen Schnitt über der linken Augenbraue bekommen, der bis auf den Knochen ging. Er hatte nichts davon gemerkt. Das Chinesische Meer hatte in Massen, die groß genug waren, ihm den Hals zu brechen, die Wunde gereinigt, gewaschen und gesalzen. Sie blutete nicht, sie klaffte nur breit und rot und gab ihm in Verbindung mit seinem verwirrten Haare und seiner unordentlichen Kleidung das Aussehen eines im Kampfe übel zugerichteten Mannes.

Mit einem kläglichen Lächeln wendete er sich an Herrn Rout: »Ich soll die Dollars auflesen.«

»Was?« fragte dieser wild. »Auflesen? ... Da soll ...« Dann sagte er, an allen Muskeln bebend, in nervösem Tone: »Gehen Sie jetzt, um Gottes willen! Ihr Deckleute macht mich noch verrückt. Der zweite Steuermann hat den Alten angefallen – wissen Sie es nicht? Ihr geratet außer Rand und Band, weil ihr nichts zu tun habt.«

Bei diesen Worten fühlte es Jukes heiß in sich aufwallen. Nichts zu tun ... wahrhaftig ... Voll heftigen Zornes gegen den Chef schickte er sich an, den Weg zurückzugehen, den er gekommen war. Im Heizraume arbeitete der dicke Mann von der Ersatzmaschine mit seiner Schaufel stumm weiter, als sei ihm die Zunge aus dem Munde geschnitten worden. Der zweite Ingenieur dagegen gebärdete sich wie ein furchtloser Irrsinniger, dem die Fähigkeit erhalten geblieben war, das Feuer unter einem Dampfkessel zu schüren.

»Hallo, Sie wandernder Steuermann! Können Sie mir nicht ein paar von Ihren Schlammschluckern herunterschicken, daß sie mir ein wenig von der Asche da hinaufwinden? Ich ersticke sonst noch drunter. Zum Teufel auch! Hallo! He! Wie heißt's in den Schiffsartikeln? ›Matrosen und Heizer sollen einander beistehen‹. He! Hören Sie nicht?«

Jukes kletterte wie rasend die eiserne Treppe hinauf. Der andre aber sah ihm nach und brüllte: »Können Sie nicht reden? Was haben Sie überhaupt hier herumzukriechen? Worauf machen Sie eigentlich Jagd?«

Jukes war wütend. Als er unter die Leute im Backbordgange trat, war es ihm, als könnte er ihnen allen die Hälse brechen, sobald sie das leiseste Zeichen von Widerstreben sehen ließen. Schon der Gedanke daran brachte ihn außer sich. Er durfte sich nicht widersetzen – sie sollten's auch nicht.

Das Ungestüm, mit dem er unter sie fuhr, riß sie mit fort. Sein wiederholtes Kommen und Gehen hatte sie aus ihrer dumpfen Ruhe aufgerüttelt, die Wildheit und Raschheit seiner Bewegungen sie erschreckt und aufgeregt; und der Umstand, daß sie ihn nicht sehen, nur hören und fühlen konnten, verlieh seinem Auftreten den Charakter des Schauerlichen; sie hatten das Gefühl, daß es sich bei seinem Vorgehen um Tod und Leben handle, und daß deshalb jedes Zögern ausgeschlossen sei. Auf sein erstes Wort hörte er sie gehorsam in die Kohlenkammer hinunterspringen.

Sie waren sich nicht klar darüber, was geschehen sollte. Einer fragte den andern: »Was ist? Was gibt's?« Der Bootsmann versuchte, es ihnen zu erklären. Zu ihrer Überraschung hörten sie den Lärm einer großen Rauferei, während die heftigen Schläge der Wogen, in der dunklen Tiefe furchtbar widerhallend, sie die Gefahr, in der sie schwebten, nicht aus den Augen verlieren ließen. Als der Bootsmann die Tür öffnete, war es, als ob ein Wirbel des Orkans sich durch die eisernen Wände des Schiffes gestohlen und all diese Körper in einen wilden Tanz versetzt habe: gellendes Geheul und Getümmel, ingrimmiges Murren, abgerissenes Schreien und das Stampfen vieler Füße – alles das mischte sich mit dem Donnern der Wogen.

Einen Augenblick blieben die Leute wie erstarrt unter der Tür stehen. Jukes drängte sich gewaltsam zwischen ihnen durch. Ohne ein Wort zu sagen, stürzte er sich hinein. Wieder saß ein Haufe Kulis auf der Lukentreppe in dem selbstmörderischen Bemühen, die verlattete Luke zu durchbrechen, und wieder fielen sie herunter und begruben ihn unter sich wie einen Mann, der von einem Erdrutsch überrascht wird. In großer Aufregung schrie der Bootsmann: »Kommt! Rettet den Steuermann! Er wird totgetreten! Schnell! Schnell!«

Sie stürzten hinein. Ihre Füße traten auf Rücken, Finger, Füße und Gesichter, verwickelten sich in Haufen von abgerissenen Gewändern, stießen auf krachende Holztrümmer; aber ehe sie des Gefährdeten habhaft werden konnten, hatte dieser sich erhoben und stand nun bis an die Hüfte von einer Menge krallenartig nach ihm ausgestreckter Fäuste umgeben.

Sobald er den Augen seiner Begleiter entschwunden war, waren alle Knöpfe seiner Jacke abgerissen, diese selbst am Rücken bis hinauf zum Kragen aufgeschlitzt und seine Weste aufgerissen worden. Ein neues Rollen des Schiffes ließ die Hauptmasse der Chinesen seitwärts gleiten in einem dunklen, hilflosen Klumpen, aus dem da und dort beim trüben Scheine der Lampen ein Augenpaar in wildem Glanze hervorblitzte.

»Laßt mich in Ruhe!« schrie Jukes. »Ich brauche niemand. Treibt sie vorwärts! Gebt acht, wenn das Schiff wieder stampft! Vorwärts mit ihnen! Treibt sie gegen die Schotting! Keilt sie ein!«

Das Hereinbrechen der Matrosen ins Zwischendeck hatte wie ein Guß kalten Wassers in einen siedenden Kessel gewirkt. Die Wogen des Aufruhrs fingen an sich zu legen.

Die große Masse der Chinesen war so fest ineinander verschlungen, daß die Seeleute, die sich bei den Händen gefaßt hatten, sie mit einem gewaltigen Schub vor sich hertreiben konnten, zumal da das Schiff ihnen mit einem tiefen Stampfen zu Hilfe kam. Hinter ihrem Rücken taumelten kleine Gruppen und einzelne Gestalten von einer Seite auf die andere.

Der Bootsmann verrichtete Wundertaten an Kraft. Die langen Arme weit ausgebreitet, mit jeder seiner großen Tatzen eine Eisenstange umklammernd, hielt er sieben zu einem Knäuel verschlungene Chinesen auf, die wie ein Rollstein daherkamen. Seine Gelenke krachten; ein lautes »Ha!« aus seinem Munde – und sie flogen auseinander. Der Zimmermann aber zeichnete sich durch Klugheit aus: ohne irgend jemand ein Wort zu sagen, ging er in den Backbordgang zurück und holte mehrere Bündel Ketten und Stricke, die er dort gesehen hatte. Damit wurden Schlingerlinien gezogen.

In der Tat fand kein Widerstand statt. Der Kampf, wie er auch begonnen haben mochte, hatte sich in einen Aufruhr wilder Panik verwandelt. Wenn die Kulis sich aufgemacht hatten, um ihre zerstreuten Dollars wieder zu gewinnen, so kämpfte jetzt jeder um ein Stückchen Boden, auf dem er stehen konnte. Einer packte den andern an der Gurgel, nur um nicht umhergeschleudert zu werden. Wer irgendwo einen Halt gefunden hatte, stieß und trat nach den andern, die nach seinen Beinen griffen und sich daran festhielten, bis ein Stoß sie zusammen aufs Deck fliegen ließ.

Die Ankunft der weißen Teufel war kein geringer Schrecken. Waren sie gekommen, um zu morden? Doch die aus dem Haufen gerissenen Individuen wurden sehr zahm unter den Händen der Seeleute: einige, die an den Beinen beiseite gezogen wurden, lagen regungslos, wie Tote, mit offenen, stieren Augen. Da und dort fiel ein Kuli auf die Kniee, als wolle er um Erbarmen flehen; einige, die im Übermaß der Furcht sich zu wehren suchten, erhielten einen Schlag zwischen die Augen und ergaben sich, während die Verwundeten sich der rauhen Behandlung willenlos unterwarfen, ohne einen Laut der Klage, nur verstohlen mit den Augen blinzelnd. Da und dort sah man blutüberströmte Gesichter; die geschorenen Köpfe zeigten wunde Stellen, und es fehlte nicht an Beulen, Quetschungen und klaffenden Wunden. Das zerbrochene Porzellan aus den Kisten war zum größten Teil die Ursache der letzteren. Da und dort verband sich ein Chinese mit ungeflochtenem Zopf wilden Blickes die blutende Sohle.

Man hatte sie dicht aneinander gereiht, nachdem man sie mit rauher Gewalt zur Ruhe gebracht und sie zur Beruhigung ihrer Aufregung mit einigen Püffen und Stößen traktiert hatte. Nun richtete man aufmunternde Worte an sie, die ihnen jedoch nur Unheil zu verkünden schienen. Totenbleich und aufs höchste erschöpft saßen sie in Reihen auf dem Boden. Der Zimmermann und zwei Matrosen bewegten sich geschäftig hin und her, zogen die Stricke und Ketten straff und hakten und knoteten sie fest. Der Bootsmann, der mit einem Bein und einem Arm eine Eisenstange umschlang, hatte eine Lampe gegen seine Brust gepreßt und gab sich alle Mühe, sie anzuzünden, wobei er beständig knurrte und brummte wie ein geschäftiger Gorilla. Die Gestalten der Seeleute bückten sich da und dort, wie wenn sie Ähren lesen wollten, und alles, was sie fanden, flog in die Kohlenkammer: Kleider, Holzsplitter, Porzellanscherben; auch die in den Jackentaschen der Seeleute aufgesammelten Dollars wurden dort in Sicherheit gebracht. Dann und wann wankte ein Matrose mit einem Arm voll Plunder nach der Tür, und traurige, schiefe Augen folgten seinen Bewegungen.

Mit jedem Rollen des Schiffes neigten sich die langen Reihen der Chinesen vorwärts, und so oft es jäh hinabschoß, stießen die kahlen Köpfe die ganze Linie entlang zusammen.

Wenn das Getöse der über das Deck hinrollenden Seen für einen Augenblick schwächer wurde, so schien es Jukes, dessen Glieder noch unter der Nachwirkung seiner Anstrengungen zitterten, als habe er in seinem tollen Kampfe da unten den Sturm besiegt, als sei eine Stille eingetreten, eine Stille, in der man die Wogen mit donnerähnlichem Getöse an die Seiten des Schiffes schlagen hören konnte.

Das Zwischendeck war vollständig geräumt worden – alles Strandgut beseitigt, wie sich die Seeleute ausdrückten. Aufrecht, je nach den Bewegungen des Schiffes sich hin und her wiegend, standen diese den Reihen der gesenkten Häupter und gebeugten Schultern der Chinesen gegenüber. Da und dort rang ein Kuli nach Atem. Wo das Licht von oben hinfiel, konnte Jukes die hervorstehenden Rippen des einen, das gelbe, furchtsame Gesicht des andern sehen; auch manchem starr und trüb auf sein Gesicht gerichteten Augenpaare begegnete sein Blick. Es wunderte ihn, daß es keine Toten gegeben hatte; allerdings schienen die meisten der Chinesen in den letzten Zügen zu liegen, und er hielt sie für bedauernswerter, als wenn sie tot gewesen wären.

Plötzlich begann einer der Kulis zu sprechen. Auf seinem hageren, verzerrten Gesichte kam und ging das Licht; er warf den Kopf zurück wie ein bellender Hund. Aus der Kohlenkammer hörte man das Klirren einiger auf den Boden gefallener Dollarstücke. Der Kuli streckte den Arm aus, riß den Mund weit auf, und die unverständlichen, dem Schrei eines Uhus vergleichbaren Kehllaute, die keiner menschlichen Sprache anzugehören schienen, gingen Jukes auf die Nerven – es war, als hätte ein Tier zu reden versucht. Noch zwei andre Kulis stießen, wie es Jukes schien, Verwünschungen aus, indes die übrigen murrten und stöhnten. Eilig befahl Jukes den Matrosen, das Zwischendeck zu verlassen. Er selbst ging zuletzt hinaus, rückwärts aus der Tür tretend, während das Murren lauter und lauter wurde und viele Hände sich nach ihm wie nach einem Übeltäter ausstreckten. Der Bootsmann schob den Riegel vor und bemerkte im Tone ängstlicher Verwunderung: »Scheint, als habe der Sturm sich gelegt, Herr.«

Die Matrosen waren froh, wieder in den Backbordgang zurückzukommen. Insgeheim dachte jeder von ihnen, er könne im letzten Augenblick noch aufs Deck hinausstürzen – und das war immerhin ein Trost. Der Gedanke, unter Deck ertrinken zu müssen, hat etwas unsagbar Grauenhaftes. Jetzt, wo sie mit den Chinesen fertig waren, wurden sich die Leute der gefährlichen Lage des Schiffes aufs neue bewußt.

Als Jukes auf Deck hinaustrat, fand er sich sofort bis zum Halse hinauf von rauschendem Wasser umgeben. Er erreichte die Brücke und entdeckte, daß er imstande war, undeutliche Formen zu unterscheiden, als ob sein Gesicht unnatürlich scharf geworden wäre. Er sah die schwachen Umrisse des Schiffes. Sie riefen ihm nicht den gewohnten Anblick der Nan-Shan zurück, sondern etwas andres – einen alten abgetakelten Dampfer, den er vor Jahren an einer schlammigen Uferbank hatte verrotten sehen. Die Nan-Shan erinnerte ihn an dieses Wrack.

Es war vollkommen windstill – außer der schwachen Strömung, die das Schlingern des Schiffes hervorrief, spürte man keinen Hauch. Der Rauch, den der Schornstein auswarf, senkte sich aufs Deck herab. Jukes atmete ihn ein, indem er vorwärts ging. Er vernahm das regelmäßige Pochen der Maschinen und andre, einzelne Laute, die den allgemeinen großen Aufruhr überlebt zu haben schienen: das Anschlagen zertrümmerter Einrichtungsgegenstände, das Umherrollen irgend eines Gegenstandes auf der Brücke. Er unterschied die vierschrötige Gestalt seines Kapitäns, der sich an dem halb abgebrochenen Brückengeländer festhielt – regungslos und gebeugt, als wäre er in den Planken festgewurzelt. Die unerwartete auffallende Windstille übte einen bedrückenden Einfluß auf Jukes aus.

»Wir haben es ausgeführt, Herr Kapitän,« keuchte er.

»Das hab' ich mir gedacht,« sagte Kapitän Mac Whirr.

»So?« murmelte Jukes gereizt.

»Der Wind hat sich ganz plötzlich gelegt,« fuhr der Kapitän fort.

Da brach Jukes los: »Wenn Sie glauben, daß es ein leichtes Stück –«

Aber sein Kapitän hielt sich an der Reling fest und gab nicht acht auf das, was er sagte.

»Nach den Büchern ist das Schlimmste noch nicht vorüber.«

»Wenn die meisten von ihnen nicht in Folge der Seekrankheit und der Angst halb tot gewesen wären, so hätte keiner von uns das Zwischendeck lebendig verlassen,« sagte Jukes.

»Man mußte an ihnen tun, was recht ist,« murmelte Kapitän Mac Whirr verständnislos. »Alles kann man nicht in den Büchern finden.«

»Wahrhaftig, ich glaube, sie hätten sich noch zuletzt gegen uns erhoben, wenn ich die Leute nicht schnell genug hinausbeordert hätte,« fuhr Jukes mit Wärme fort.

Nach dem Flüstertone ihres vorherigen Schreiens erschien ihnen ihr gewöhnlicher Gesprächston in der verwunderlichen Stille der Luft auffällig laut. Es kam ihnen vor, als sprächen sie in einem dunklen Gewölbe mit lautem Widerhall. Durch eine zackige Öffnung des Wolkendomes fiel das Licht einiger weniger Sterne auf das unruhig auf- und niederwogende schwarze Meer. Hie und da stürzte die Spitze eines Wasserkegels auf das Schiff nieder und mischte sich mit den Schaumwellen auf dem überschwemmten Deck. Schwerfällig wälzte sich die Nan-Shan in der Tiefe einer kreisförmigen Zisterne von Wolken, die in tollem Tanze um ihren unbewegten Mittelpunkt jagten und das Schiff wie ein lückenloser düsterer Wall umgeben. Drinnen hob sich die See, wie von innerer Unruhe gestachelt, in spitzigen Kegeln, die aneinander anrannten und heftig an die Seiten des Schiffes schlugen; und leise Seufzerlaute – die ungestillte Klage des Sturmes – kamen von jenseit der Grenze der unheimlichen Windstille. Kapitän Mac Whirr schwieg, und Jukes' aufmerksames Ohr vernahm plötzlich das schwache, langgezogene Brüllen einer ungeheuren Woge, die unsichtbar in der tiefen Finsternis dahinrollte, die die schauerliche Grenze seines Gesichtskreises bildete.

»Natürlich dachten sie,« fing Jukes in spöttischem Tone wieder an, »wir wollten die Gelegenheit benützen, sie auszuplündern. Natürlich! Ich sollte ja das Geld auflesen! Leichter gesagt als getan. Sie konnten unmöglich wissen, was wir im Sinn hatten. Wir stürzten hinein – gerade mitten unter sie. Mußten sie überrumpeln.«

»Sie haben Ihren Auftrag ausgeführt – das ist alles, worauf es ankommt,« murmelte der Kapitän, ohne einen Blick auf Jukes zu versuchen. »Man mußte tun, was recht ist.«

»Das dicke Ende wird noch nachkommen, wenn dies erst vorüber ist,« erwiderte Jukes gereizt. »Lassen Sie sie sich nur erst ein wenig erholen, dann werden Sie schon sehen! Sie werden uns an die Gurgel fliegen. Vergessen Sie nicht, Herr Kapitän, daß die Nan-Shan kein britisches Schiff mehr ist! Das wissen diese Hunde gut genug. Die verfluchte siamesische Flagge.«

»Wir sind aber doch an Bord,« warf der Kapitän ein.

»Die Geschichte ist noch nicht vorüber,« sagte Jukes mit der Miene eines Propheten, indem er taumelte und sich eilig wieder fest anklammerte. »Die Nan-Shan ist ein Wrack,« fügte er in kläglichem Tone hinzu.

»Noch nicht vorüber,« stimmte der Kapitän halblaut bei. »Geben Sie einen Augenblick acht.«

»Gehen Sie weg, Herr Kapitän?« fragte Jukes erschrocken, als ob sich der Sturm in dem Augenblick auf ihn stürzen müßte, wo er mit dem Schiff allein gelassen würde.

Sein Blick ruhte auf ihm, wie es einsam und halb vernichtet inmitten der drohenden Wasserberge kämpfte, die von dem Lichte ferner Welten matt beleuchtet wurden. Langsam bewegte es sich, seine überschüssige Triebkraft in einer weißen Dampfwolke ausatmend – die tiefen Töne, die dieses Ausatmen begleiteten, glichen dem herausfordernden Kriegsrufe eines beseelten Seegeschöpfes, das ungeduldig nach der Wiederaufnahme des Kampfes verlangte. Plötzlich verstummten die Töne. Ein leiser Klagelaut erfüllte die stille Luft. Über Jukes' Haupte schienen einige Sterne in den düstern Abgrund der schwarzen Dunstgebilde hinab und ließen diese nur um so finsterer und drohender erscheinen. Auch die Sterne schienen das Schiff aufmerksam zu betrachten, als sähen sie es zum letzten Male, und ihr schimmernder Kranz glich einem Diadem auf einer umwölkten Stirne.

Kapitän Mac Whirr war ins Kartenhaus getreten. Es war kein Licht darin, allein er fühlte die Unordnung des Raumes, wo er sonst in Ordnung zu leben gewohnt war. Sein Lehnstuhl war umgestürzt. Die Bücher waren auf den Boden heruntergefallen; unter seinem Tritte zerbrach ein Stück Glas. Er suchte nach den Zündhölzern und fand eine Schachtel auf einem von einem hohen Rande umgebenen Brett. Er strich eines an und, die Augenwinkel zusammenziehend, hielt er die kleine Flamme gegen das Barometer, dessen glitzerndes Glas und Metall ihm beständig zunickte.

Es stand sehr tief – unglaublich tief, so tief, daß Kapitän Mac Whirr stöhnte. Das Zündholz erlosch, und er beeilte sich, mit seinen unbeholfenen, steifen Fingern ein anderes herauszuziehen. Wieder flackerte eine kleine Flamme vor dem Barometer auf. Des Kapitäns Augen sahen scharf darauf, als ob sie ein kaum sichtbares Zeichen entdecken müßten. Mit seinem ernsten Gesichte glich er einem gestiefelten, mißgestalteten Heiden, der seinem Götzenbild Weihrauch opfert. Er hatte sich nicht geirrt. Es war der niedrigste Barometerstand, den er je in seinem Leben gesehen hatte.

Kapitän Mac Whirr pfiff leise. Er achtete nicht die kleine Flamme in seiner Hand, die zu einem blauen Funken zusammensank, seine Finger verbrannte und erlosch. Vielleicht war etwas an dem Ding in Unordnung geraten!

Über dem Sofa war ein Aneroidbarometer angeschraubt. Der Kapitän wandte sich dahin, zündete wieder ein Streichholz an und sah das weiße Antlitz des andern Instrumentes von der Gweling auf sich herabblicken, bedeutsam, mit nicht anzuzweifelnder Bestimmtheit – mit der unbeteiligten Gleichgültigkeit der Materie, die dem Menschen ein untrügliches Urteil ermöglicht. Jetzt war kein Zweifel mehr. »Pah!« machte Kapitän Mac Whirr und warf das Zündholz auf den Boden.

Das Schlimmste sollte also noch kommen – und wenn die Bücher recht hatten, so war dies Schlimmste sehr schlimm. Die Erfahrungen der letzten sechs Stunden hatten seine Begriffe von schlechtem Wetter bedeutend erweitert. »Es wird furchtbar sein,« sagte er sich. Er hatte bei dem Lichte der Zündhölzer außer den Barometern nichts mit Absicht angesehen, und doch hatte er bemerkt, daß seine Wasserflasche und die zwei Gläser aus ihrem Ständer herausgeschleudert worden waren, was ihm eine deutlichere Vorstellung von dem zu geben schien, was das Schiff durchgemacht hatte. »Ich hätt's nicht geglaubt,« dachte er. Auch sein Tisch war abgeräumt worden; seine Lineale, seine Bleistifte, das Tintenfaß – all die Dinge, die ihre bestimmten, sicheren Plätze hatten – sie waren fort, als hätte eine boshafte Hand sie, eines nach dem andern, herausgerissen und auf den nassen Boden geworfen. Der Sturm war in die geordnete Einrichtung seiner stillen Klause hineingebrochen. Das war noch nie geschehen, und die Bestürzung darüber raubte ihm beinahe die Fassung. Und doch sollte das Schlimmste erst noch kommen! Er war nur froh, daß die Unruhe im Zwischendeck rechtzeitig entdeckt worden war. Wenn das Schiff schließlich doch zu Grunde gehen sollte, so sank es wenigstens nicht mit einem Haufen sich auf Tod und Leben bekämpfender Menschen an Bord. Das wäre scheußlich gewesen. Es war dies eine echt menschliche Empfindung, ein unbestimmtes Bewußtsein von dem, was sich ziemt und nicht ziemt.

Diese augenblicklichen Erwägungen hatten, der Natur des Mannes entsprechend, den Charakter des Langsamen, Schwerfälligen. Er streckte die Hand aus, um die Zündholzschachtel in ihre Ecke auf dem Brett zurückzustellen. Es waren immer Zündhölzer hier – auf seinen besonderen Befehl. Längst schon hatte er dem Steward seine diesbezügliche Anordnung eingeschärft. »Eine Schachtel ... gerade hierher, sehen Sie? Nicht so sehr voll ... wo ich sie mit der Hand erreichen kann, Steward. Könnte einmal ganz schnell Licht brauchen. An Bord eines Schiffes kann man nie wissen, was man schnell braucht. Also vergessen Sie es nicht in Zukunft!« Er seinerseits hatte die Schachtel jederzeit sorgfältig an ihren Ort zurückgestellt. Er tat es auch jetzt, aber ehe er die Hand zurückzog, kam ihm der Gedanke, daß er vielleicht nie wieder Gelegenheit haben würde, diese Schachtel zu benützen. Die Lebhaftigkeit dieses Gedankens erschreckte ihn, und für einen Bruchteil einer Sekunde schlossen sich seine Finger um den kleinen Gegenstand, als wäre er ein Symbol all jener kleinen Gewohnheiten, die uns an dies mühselige Dasein fesseln. Er ließ ihn endlich los, warf sich aufs Sofa und lauschte nach den ersten Tönen des wiederkehrenden Sturmes.

Noch war nichts zu vernehmen als das Rauschen des Wassers, das schwere Aufschlagen, die dumpfen Stöße der unruhigen Wogen, die sein Schiff von allen Seiten umringten. Ach, es würde nie mehr imstande sein, seine Decks vom Wasser zu befreien! Die Stille der Luft hatte etwas Beängstigendes und Aufregendes – es war dem Kapitän, als hinge ein Schwert an einem Haar über seinem Haupte. Durch diese unheimliche Pause erschütterte der Sturm die Schutzwehr, die dieser Mann um sein Herz gezogen hatte, entsiegelte er seine Lippen. In der Einsamkeit und tiefen Dunkelheit der Kabine sprach er, als rede er zu einem andern, einem in seiner Brust erwachten Wesen: »Ich möchte sie nicht gern verlieren.«

Da saß er, ungesehen, losgelöst gleichsam von der See, von seinem Schiffe, vereinsamt und wie entrückt dem gewöhnlichen Kreise seines Daseins, das für solchen Luxus, wie Selbstgespräche, absolut keinen Raum bot. Seine Handflächen auf den Knieen, atmete er gesenkten Hauptes schwer, einem ungewohnten Gefühl von Ermattung nachgebend, das er in seiner Unerfahrenheit nicht als die Folge seelischer Anspannung zu erkennen vermochte.

Von seinem Sitze aus konnte er mit der Hand die Tür eines Waschtischschrankes erreichen. Dort mußte ein Handtuch sein. Da war es auch. Gut ... Er nahm es heraus, wischte sich das Gesicht ab und fing dann an, seinen nassen Kopf abzureiben. Mit großer Energie manipulierte er in der Dunkelheit und blieb dann regungslos mit dem Handtuch auf den Knieen sitzen. Es war so still in dem Raume, daß niemand vermutet hätte, es sitze jemand darin. Dann wurde ein Murmeln hörbar: »Sie kann es doch noch überstehen.«

Als Kapitän Mac Whirr aufs Deck hinaustrat – was in Hast geschah, als sei er sich plötzlich bewußt geworden, zu lange weggeblieben zu sein – hatte die Windstille schon länger als eine Viertelstunde angehalten – lange genug, um auch seiner Phantasie unerträglich zu erscheinen. Jukes, der regungslos auf dem vorderen Teile der Brücke stand, öffnete sofort den Mund, doch seine Stimme klang ausdruckslos und gezwungen, als ob er mit fest zusammengebissenen Zähnen spräche, und schien sich nach allen Seiten hin in die Finsternis zu verlieren und erst von der See her lauter zurückzukommen.

»Ich mußte Hackett ablösen lassen,« berichtete er. »Er fing an zu schreien, er sei am Ende. Drinnen liegt er mit einem Gesicht wie der Tod. Zuerst konnte ich niemand dazu bewegen, den armen Teufel abzulösen. Der Bootsmann ist zu weniger als nichts zu gebrauchen; ich hab's ja immer gesagt. Ich dachte schon, ich müsse selbst gehen und einen beim Kragen herausholen.«

»Ah, so,« murmelte der Kapitän, der aufmerksam beobachtend neben Jukes stand.

»Der zweite Steuermann ist auch drinnen und hält sich den Kopf. Ist er verwundet, Herr Kapitän?«

»Nein – verrückt,« antwortete Kapitän Mac Whirr kurz.

»Es sieht aber aus, als habe er einen Schlag bekommen.«

»Ich war genötigt, ihm eins zu versetzen,« erklärte der Kapitän.

Jukes seufzte ungeduldig.

»Es wird sehr plötzlich kommen,« bemerkte jetzt der Kapitän, »und von dort drüben, denke ich. Doch das weiß Gott allein. Diese Bücher können nichts als einem den Kopf verdrehen und einen ängstigen. Schlimm genug wird's werden, soviel ist sicher. Wenn es uns nur gelingt, zur rechten Zeit gegen den Sturm zu drehen.«

Eine Minute verging. Einige Sterne funkelten unruhig und verschwanden dann vollständig.

»Sie haben sie in leidlicher Sicherheit verlassen?« fragte der Kapitän plötzlich, als sei ihm das Schweigen unerträglich.

»Meinen Sie die Kulis, Herr Kapitän? Ich habe Rückenpaarden über das ganze Zwischendeck gezogen.«

»So? Ein guter Gedanke, Jukes.«

»Ich dachte nicht, ... daß Ihnen ... etwas daran liege ... zu hören« – das Schlingern des Schiffes zerschnitt seine Rede, als ob ihn jemand herumgedreht hätte, während er sprach – »wie ich mit der – verdammten Geschichte – fertig geworden bin. Schließlich ist aber doch wohl alles wurst.«

»Mußten an ihnen tun, was recht ist, wenn es auch nur Chinesen sind. Das Schiff ist noch nicht verloren. Sie haben ihr Leben gerade so lieb wie wir das unsere. Schlimm genug, während eines Sturmes da unten eingeschlossen zu sein –«

»Das dachte ich gerade, als Sie mich hinunterschickten,« unterbrach ihn Jukes mürrisch.

»– auch ohne in Stücke gehauen zu werden,« fuhr Kapitän Mac Whirr mit steigender Heftigkeit fort. »Könnte so etwas auf meinem Schiff nicht dulden, selbst wenn ich wüßte, daß es nur noch fünf Minuten zu leben haben würde. Könnte es nicht dulden, Herr Jukes.«

Ein hohl klingender Lärm, wie von einem in einer Felsenkluft widerhallenden Geschrei, näherte sich dem Schiff und verlor sich wieder. Der letzte Stern flackerte unruhig und dehnte sich aus, als wolle er sich wieder in den feurigen Nebel seines Ursprungs auflösen. Dann erlosch er. Dicke Finsternis bedeckte das Schiff.

»Jetzt also!« murmelte Kapitän Mac Whirr. »Herr Jukes!«

»Hier, Herr Kapitän!«

Die beiden Männer konnten sich nicht mehr deutlich sehen.

»Wir müssen der Nan-Shan vertrauen, daß sie hindurchgeht und auf der andern Seite wieder herauskommt. Das ist klar und einfach, und Kapitän Wilsons Sturmstrategie hat nichts damit zu tun.«

»Nein, Herr Kapitän!«

»Sie wird nun wieder stundenlang herumgeworfen und -gepeitscht werden,« murmelte der Kapitän. »Die See findet jetzt nicht mehr viel auf Deck zu holen außer Ihnen oder mir.«

»Uns beide, Herr Kapitän.«

»Immer der alte Unglücksrabe, Jukes,« erwiderte ihm der Kapitän, »obwohl es Tatsache ist, daß der zweite Steuermann nichts taugt. Hören Sie mich, Herr Jukes? Sie würden also allein bleiben, wenn ...« Kapitän Mac Whirr unterbrach sich. Jukes blickte nach allen Seiten umher und schwieg.

»Lassen Sie sich durch nichts aus der Fassung bringen,« fuhr der Kapitän hastig murmelnd fort. »Halten Sie direkt auf den Sturm zu. Die Leute mögen sagen, was sie wollen, aber die schwersten Seen laufen mit dem Wind. Gerad drauf los – immer drauf los – das ist der Weg, um durchzukommen. Mehr kann niemand tun. Halten Sie sich den Kopf kühl!«

»Ja, Herr Kapitän,« sagte Jukes, und sein Herz klopfte rascher.

Gleich darauf sprach der Kapitän in den Maschinenraum hinunter und erhielt Antwort. Wie es wohl kam? Jukes empfand ein Wachsen seines Selbstvertrauens, eine Stärkung seiner Zuversicht. Diese Empfindung war ihm von außen gekommen, wie ein warmer Hauch hatte es ihn angeweht; er glaubte sich allen Ansprüchen gewachsen. Aus der Dunkelheit drang das ferne Grollen des Sturmes an sein Ohr. Es vermochte nicht, ihn zu ängstigen, so wenig ein Mann in einem Panzerhemd die Spitze des Speeres fürchtet.

Ohne Unterbrechung kämpfte die Nan-Shan gegen die schwarzen Wasserberge – sie kämpfte um ihr Leben. Sie erdröhnte in ihren Tiefen und sandte eine weiße Dampfwolke in die Nacht hinaus, und Jukes' Gedanken flogen wie ein Vogel durch den Maschinenraum, wo Herr Rout – der Treffliche – treue Wache hielt. Als das Dröhnen aufhörte, schien es Jukes, als sei eine allgemeine Pause eingetreten – eine tödliche Stille, in der Kapitän Mac Whirrs Stimme überraschend, ja erschreckend klang.

»Was ist das? Ein Windstoß?« – die Stimme sprach viel lauter, als Jukes sie je gehört – »Am Bug. Das ist recht. Nun kann sie doch noch durchkommen.«

Der Sturm rückte rasch näher. Man unterschied zunächst ein schläfrig erwachendes Klagen und weiterhin das Anschwellen eines vielfachen Getöses, das, immer stärker werdend, näher und näher kam. Es war, als würden viele Trommeln gerührt oder als hörte man den Lärm eines anmarschierenden Heeres. Jukes konnte seinen Kapitän nicht mehr sehen – die Finsternis häufte sich förmlich auf das Schiff.

Kapitän Mac Whirr versuchte mit ungewöhnlicher Hast den obersten Knopf seines Ölrockes zuzumachen. Der Sturm, der die Macht hat, Meere aufzuwühlen, Schiffe zu versenken, Bäume zu entwurzeln, starke Mauern umzustürzen und die Vögel in der Luft zu Boden zu schmettern, war auf seinem Wege auf diesen schweigsamen Mann gestoßen und hatte ihm mit Aufbietung all seiner Kraft einige wenige Worte ausgepreßt. Ehe sich der Sturm mit erneuter Gewalt auf die Nan-Shan stürzte, entrangen sich dem Munde des Kapitäns Mac Whirr die im Tone der Betrübnis gesprochenen Worte: »Ich möchte sie nicht gern verlieren.«

Dieser Schmerz wurde ihm erspart.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.