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Im Taifun

Joseph Conrad: Im Taifun - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJoseph Conrad
booktitleIm Taifun / Amy Foster
titleIm Taifun
publisher
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume24. Jahrgang. Band 24
year1908
translatorElise Eckert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
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Zweites Kapitel.

Kapitän Mac Whirr beobachtete das stetige Fallen des Barometers und dachte: »Das bedeutet schlechtes Wetter.« Das war genau, was er dachte. Er hatte schon mit mäßig schlechtem Wetter Bekanntschaft gemacht, das heißt mit solchem, das dem Seemann nur mäßiges Unbehagen verursacht. Wäre ihm von einer unbestreitbaren Autorität verkündigt worden, daß das Ende der Welt durch eine atmosphärische Katastrophe herbeigeführt werden würde, so würde diese Mitteilung bei ihm einfach die Vorstellung von schlechtem Wetter, wie er es aus seiner Erfahrung kannte, und von nichts andrem erweckt haben, denn eine Sündflut hatte er noch nicht erlebt, und der Glaube schließt nicht notwendig das Verständnis ein. Die Weisheit seines Landes hatte durch einen Parlamentsbeschluß festgesetzt, daß er, um zur Führung eines Schiffes tauglich erachtet zu werden, einige einfache Fragen über Zirkularstürme, wie Orkane, Cyklone und Taifune, zu beantworten imstande sein müsse, und er hatte sie jedenfalls beantwortet, da ihm das Kommando der »Nan-Shan« zur Zeit der Taifune in den chinesischen Meeren übertragen war. Wenn er sie aber auch beantwortet hatte, so war ihm doch nichts davon im Gedächtnis geblieben. Indessen fühlte er sich höchst unbehaglich infolge der drückenden Hitze. Er ging auf die Kommandobrücke hinaus, fand aber auch hier nicht die gewünschte Erquickung. Die Luft schien zum Schneiden dick. Er schnappte wie ein Fisch und begann sich entschieden unwohl zu fühlen.

Die »Nan-Shan« pflügte eine rasch verschwindende Furche in die See, deren schimmernde Fläche einem ungeheuren, wellenförmig gehobenen Stück grauer Seide glich. Die bleiche, strahlenlose Sonne verbreitete glühende Hitze und ein eigentümlich unbestimmtes Licht. Die Chinesen lagen erschöpft auf den Decks herum. Mit ihren schmalen, blutlosen, gelben Gesichtern sahen sie aus wie Leberleidende. Zwei von ihnen fielen dem Kapitän besonders auf; sie lagen unterhalb der Brücke ausgestreckt auf dem Rücken, und sobald sie die Augen schlossen, konnte man sie für tot halten. Etwas weiter nach vorn zankten sich drei andre aufs heftigste; ein großer, halbnackter Bursche mit herkulischen Schultern hing wie gelähmt über einer Winde; wieder ein andrer saß mit hinaufgezogenen Knieen da, ließ den Kopf seitwärts hängen wie ein müdes Weib und flocht seinen Zopf mit dem Ausdruck unendlicher Mattigkeit, die sich in jeder Linie seines Körpers und in jeder Bewegung seiner Finger kundgab. Mit Mühe arbeitete sich der Rauch aus dem Schornstein, und anstatt sich zu verziehen, hing er wie eine unheilschwangere Wolke über dem Schiffe, einen schwefeligen Dunst verbreitend und einen Regen von Ruß herabsendend.

»Was zum Teufel machen Sie da, Jukes?« fragte Kapitän Mac Whirr.

Diese ungewöhnliche Form der Anrede – wenn auch mehr gemurmelt als gesprochen – ließ den ersten Steuermann auffahren, als wenn ihm jemand einen Stoß unter die fünfte Rippe versetzt hätte. Er hatte sich eine niedrige Bank auf die Brücke bringen lassen und saß dort, das Ende eines Strickes um die Füße gewunden, ein Stück Segeltuch auf den Knieen ausgebreitet, in der Hand eine Segelnadel, die er eifrig handhabte. Mit dem Ausdruck der Unschuld und Aufrichtigkeit eines Kindes, blickte er überrascht zu seinem Kapitän auf.

»Ich wollte nur Stricke an einige von den Säcken nähen, die wir auf der letzten Fahrt zum Kohlenaufwinden gemacht haben,« erwiderte er gelassen.

»Wo sind denn die alten hingekommen?«

»Sie sind zerrissen, Herr Kapitän; nicht mehr zu gebrauchen.«

Kapitän Mac Whirr starrte seinen ersten Steuermann eine Weile unentschlossen an und gab sodann der düsteren Überzeugung Ausdruck, daß gewiß mehr als die Hälfte der alten Säcke über Bord gefallen sei, »wenn man nur die Wahrheit wüßte«, worauf er sich ans andre Ende der Brücke zurückzog. Der durch solch ungerechtfertigten Vorwurf gereizte Jukes zerbrach beim zweiten Stich die Nadel, ließ seine Arbeit fallen und erhob sich, heftig, wenn auch in unterdrücktem Tone über die Hitze fluchend.

Die Schraube schlug. Die drei Chinesen auf dem Vorderdeck hatten mit einem Male zu streiten aufgehört und der, welcher vorhin seinen Zopf geflochten, hatte die Arme um seine Beine geschlungen und starrte mit niedergeschlagener Miene über seine Kniee weg. Das fahle Sonnenlicht warf schwache, bleiche Schatten. Die See ging mit jedem Augenblick höher und ungestümer und das Schiff schlingerte stark.

»Möchte nur wissen, wo diese scheußliche Dünung herkommt.«

»Von Nordosten,« knurrte der Mann des Buchstabens, Mac Whirr, von der entgegengesetzten Seite der Brücke herüber. »Es liegt schlechtes Wetter in der Luft. Gehen Sie einmal hinein und sehen sich das Wetterglas an.«

Als Jukes aus dem Kartenhause zurückkam, war der Ausdruck seines Gesichtes sehr nachdenklich, ja sorgenvoll. Er griff nach dem Brückengeländer und sah starr nach vorn.

Die Temperatur im Maschinenraume war auf 117 Grad gestiegen. Aus dem Oberlicht und durch die Luke des Heizraumes drang der Ton wilder, erregter Stimmen herauf, gemischt mit dem Dröhnen und Klirren von Metall, wie wenn Männer mit eisernen Gliedern und ehernen Kehlen da unten in Streit geraten wären. Der zweite Ingenieur schalt die Heizer, weil sie das Feuer nicht lebhaft genug unterhalten hatten. Er war ein Mann wie ein Grobschmied und allgemein gefürchtet; heute aber hielten ihm seine Untergebenen rücksichtslosen Widerpart. Mit der Wut der Verzweiflung schlugen sie vor seinen Augen die Ofentüren zu. Plötzlich verstummte der Lärm unten, und dem Heizraume entstieg der zweite Ingenieur, mit Ruß bedeckt und triefend naß wie ein aus dem Wasser gezogener Schornsteinfeger. Sobald sein Kopf über den Rand der Luke hervorsah, fing er an, Jukes zu schelten, daß er die Ventilatoren des Heizraumes nicht in Ordnung halte, worauf Jukes auf der Brücke mit den Händen besänftigende, erklärende Gebärden machte, die ihm bedeuten sollten, es sei kein Wind da und deshalb nichts zu machen; er solle nur selbst Nachsehen. Aber der andre wollte keine Vernunft annehmen. Wütend blitzten die Zähne in seinem geschwärzten Gesichte. Es komme ihm bei seiner Seele nicht darauf an, schrie er, denen da unten die Köpfe zusammenzustoßen, er wolle aber nur fragen, ob denn die verdammten Matrosen glaubten, er könne einfach dadurch Dampf in dem gottverlassenen Kessel erhalten, daß er die elenden Heizer herumstoße. Nein, beim heiligen Georg! Man brauche dazu auch einigen Luftzug! Verflucht sollten die Matrosen sein, wenn sie ihn nicht schaffen könnten! Und dazu sein Chef, der seit heute mittag wie besessen vor den Dampfmessern hin und her laufe und sich wie ein Verrückter gebärde! Wozu denn Jukes meine, daß man ihn da hinaufgestellt habe, wenn er nicht einmal einen seiner heruntergekommenen, nichtsnutzigen Deckkrüppel dazu bringen könne, die Ventilatoren gegen den Wind zu drehen.

Die Beziehungen zwischen dem »Maschinenraum« und dem »Deck« der »Nan-Shan« waren, wie bekannt, brüderlicher Natur; deshalb beugte sich Jukes herunter und ersuchte den andern, sich nicht wie ein dummer Esel zu benehmen; der Kapitän befinde sich auf der andern Seite der Brücke. Der zweite Ingenieur hinwiederum erklärte in respektwidrigem Tone, er kümmere sich keinen Pfifferling darum, wer auf der andern Seite der Brücke sei, worauf Jukes, wie der Blitz von vornehmer Mißbilligung zu leidenschaftlicher Erregung übergehend, ihn in wenig schmeichelhaften Ausdrücken ersuchte, heraufzukommen und so viel Wind zu fangen, als ein Esel wie er finden könne. Der Ingenieur stieg vollends hinauf und stürzte sich auf den Backbordventilator, als wolle er ihn auf der Stelle ausreißen und über Bord werfen. Allein mit Aufbietung aller Kraft vermochte er die Kappe nur eben einige Zoll weit herumzudrehen, und schien von dieser Anstrengung völlig erschöpft. Er lehnte sich mit dem Rücken an das Steuerhaus. Jukes ging zu ihm hin. »Großer Gott!« rief der Ingenieur mit tonloser Stimme, hob die Augen erst zum Himmel auf und ließ dann seinen gläsernen Blick zum Horizont herabgleiten, der, bis zu einem Winkel von 40 Grad in die Höhe kippend, eine Weile in schräger Richtung zu hängen schien und dann langsam wieder herunter kam. »Himmel! Puh! Was ist das?«

Jukes spreizte seine langen Beine wie die zwei Enden eines Zirkels und nahm eine überlegene Miene an. »Diesmal kriegen wir's tüchtig,« sagte er. »Das Barometer fällt immerzu. Und dabei fangen Sie solch einen Skandal an, Harry.«

Das Wort »Barometer« schien den Zorn des Ingenieurs aufs neue zu entflammen. Wer sich denn um sein verfluchtes Barometer kümmere? Der Dampf sei die Hauptsache, und er könne ihn nicht mehr aufbringen; er führe ein Leben, schlimmer als der elendeste Hund, bei den in Ohnmacht fallenden Heizern drunten und dem verrückt gewordenen Chef dazu; seinetwegen könne die ganze Geschichte zum Teufel gehen, so bald sie wolle. Er schien im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen zu wollen. Plötzlich aber raffte er sich zusammen, murmelte dumpf: »Ich will sie in Ohnmacht fallen lehren«, und stürzte davon. Ehe er jedoch in der Luke verschwand, hielt er an und ballte die Faust gegen das unnatürliche Tageslicht, worauf er mit lautem Ho! Ho! in der dunklen Tiefe versank.

Als Jukes sich umwandte, fiel sein Blick auf den runden Rücken und die großen roten Ohren des Kapitäns, der zu ihm herüber gekommen war. Ohne seinen ersten Steuermann anzusehen, sagte er: »Das ist ein jähzorniger Mensch, dieser zweite Ingenieur.«

»Aber sonst ein ganz tüchtiger Kerl,« knurrte Jukes. »Sie können nicht genug Dampf aufbringen,« fügte er rasch hinzu, und griff hastig nach der Reling, um sich gegen den Anprall einer heranrollenden See aufrecht zu halten. Der Kapitän, der nicht vorbereitet war, taumelte zur Seite, vermochte sich aber durch einen energischen Ruck mit Hilfe einer Sonnendeckstütze wieder aufzurichten.

»Ein gottloser Mensch,« begann er aufs neue. »Wenn er so fortmacht, werde ich mich bei nächster Gelegenheit seiner entledigen müssen.«

»Es ist die Hitze,« sagte Jukes. »Das Wetter ist gräßlich; es könnte einen Heiligen zum Fluchen bringen. Sogar hier oben ist es mir, als ob mein Kopf mit einer wollenen Bettdecke umwickelt wäre.«

Kapitän Mac Whirr blickte auf. »Wollen Sie sagen, Herr Jukes, daß Sie schon einmal den Kopf mit einer wollenen Bettdecke umwickelt gehabt haben? Wozu geschah das?«

»Das ist nur so eine Redensart,« antwortete Jukes betreten.

»Sonderbare Redensarten das! Was soll das heißen: Heilige, die fluchen! Ich wollte wirklich. Sie redeten nicht so toll daher. Was für eine Art von Heiliger wäre das, der fluchen würde? So wenig ein Heiliger wie Sie, sollte ich meinen. Und was eine wollene Bettdecke damit zu tun hat – oder auch die Hitze ... Mich bringt die Hitze nicht zum Fluchen – oder? Es ist die böse Laune, der Zorn. Das ist's. Und was soll es nützen, daß Sie so daherreden?«

Auf solche Weise ereiferte sich Kapitän Mac Whirr gegen den Gebrauch bildlicher Redeweise und schloß dann mit den ingrimmig herausgestoßenen Worten: »Verdammt! Ich werde ihn aus dem Schiff hinausfeuern, wenn er nicht auf seiner Hut ist.«

Und der unverbesserliche Jukes dachte: »Du meine Güte! Es muß ihm jemand eine neue Innenseite eingesetzt haben. Ich kenne ihn nicht wieder, 's ist natürlich das Wetter; was denn sonst? Es könnte einen Engel zänkisch machen, geschweige einen Heiligen.«

Alle Chinesen auf Deck schienen in den letzten Zügen zu liegen.

Der Durchmesser der untergehenden Sonne war kleiner als sonst, und ihre Glut zeigte ein strahlenloses, erlöschendes Braun, als ob seit dem Morgen Millionen von Jahrhunderten vergangen wären und sie ihrem Ende nahe gebracht hätten. Im Norden wurde eine dicke Wolkenschicht von düsterer, olivengrüner Farbe sichtbar, die regungslos tief am Horizont über dem Meere lag und dem Schiff den Weg zu versperren schien. Mühsam, ruckweise arbeitete es sich darauf zu, wie ein zu Tode gehetztes Geschöpf. Das kupferfarbene Zwielicht verschwand allmählich und die Dunkelheit brachte einen Schwarm großer, unsteter Sterne zum Vorschein. Sie flackerten unruhig hin und her, als ob sie angeblasen würden, und schienen der Erde viel näher zu sein als sonst.

Um acht Uhr begab sich Jukes nach dem Kartenhaus, um den nach jeder Wache üblichen Eintrag ins Loggbuch zu machen. Er schrieb die Zahl der zurückgelegten Meilen, den Lauf des Schiffes sorgfältig aus dem Konzeptbuch ab; über die mit »Wind« bezeichnete Spalte kritzelte er von oben bis unten das Wort »still« für die acht Stunden seit dem Mittag. Das fortwährende gleichmäßige Schlingern des Schiffes reizte ihn förmlich. Das schwere Tintenfaß glitt immer aufs neue wieder von ihm weg, so daß man hätte glauben können, es sei von einem bösen Geiste des Widerspruchs besessen, der es mit Absicht der Feder ausweichen ließ. Nachdem er in den für »Bemerkungen« freigelassenen weiten Raum »Hitze sehr drückend« geschrieben hatte, steckte er den Federhalter wie eine Pfeife in den Mund und wischte sein Gesicht sorgfältig ab.

»Schiff schlingert stark – hoher Seegang,« fing er wieder an zu schreiben, und bemerkte für sich: »Stark ist eigentlich nicht das rechte Wort.« Dann schrieb er: »Sonnenuntergang drohend, mit einer tiefstehenden Wolkenbank im Norden und Osten. Himmel oben hell.«

Den Federhalter im Munde, die Arme fest auf die Tischplatte gestemmt, blickte er durch die offene Tür und sah in dem Rahmen ihrer Teakholzpfosten alle Sterne am nächtlich dunklen Himmel in die Höhe fliegen. Das ganze Heer ergriff die Flucht und verschwand; was zurück blieb, war eine schwarze, von weißen Flecken unterbrochene Fläche, denn das Meer war so schwarz wie der Himmel und weithin mit Schaum gesprenkelt. Die Sterne, die mit der Hebung der See geflohen waren, kamen mit dem Rückschwung des Schiffes zurück und fielen herunter, nicht wie feurige Punkte, sondern zu kleinen Scheiben vergrößert, die in hellem, feuchten Schimmer funkelten.

Einen Augenblick beobachtete Jukes die fliegenden Sterne, dann schrieb er: »Acht Uhr abends. Die See geht immer höher. Schiff arbeitet schwer. Sturzseen. Kulis für die Nacht eingeschlossen. Barometer fällt immer noch.« Er hielt inne und dachte: »Wer weiß, ob schließlich etwas Besonderes daraus wird.« Dann schloß er seine Einträge, indem er mit fester Hand schrieb: »Alle Anzeichen eines bevorstehenden Taifuns.«

Als er das Kartenhaus verließ, mußte er auf die Seite treten, um Kapitän Mac Whirr vorbeizulassen, der die Schwelle überschritt, ohne ein Wort zu sagen oder ein Zeichen zu machen.

»Schließen Sie die Tür, Herr Jukes!« rief er von innen.

Jukes wandte sich zurück und gehorchte, spöttisch murmelnd: »Er fürchtet wahrscheinlich, sich zu erkälten.« Er hatte die Wache unten, aber er dürstete nach Aussprache mit seinesgleichen. In munterem Tone bemerkte er zum zweiten Steuermann: »Na, schließlich sieht's doch nicht gar so schlimm aus – was?«

Der zweite Steuermann ging auf der Brücke aus und ab, trippelte den einen Augenblick mit kleinen Schritten hinunter und kletterte im nächsten mit Mühe das abschüssige Deck wieder hinauf. Als er Jukes' Stimme hörte, blieb er stehen und sah ihn an, erwiderte aber kein Wort. »Hallo, das ist eine schwere!« rief Jukes und bückte sich, um der Bewegung des Schiffes zu begegnen, bis seine herabhängende Hand die Planken berührte. Diesmal ließ der zweite Steuermann ein unfreundliches Grunzen vernehmen. Er war ein ältliches, kümmerlich aussehendes Männlein mit schlechten Zähnen und bartlosem Gesicht. Man hatte ihn in der Eile in Schanghai angemustert, damals, als der zweite Steuermann, den man von Hause mitgebracht, dem Schiffe einen dreistündigen Aufenthalt verursacht hatte, indem er es fertig brachte (Kapitän Mac Whirr konnte nie verstehen, wie), über Bord in ein leeres Kohlenschiff zu fallen, so daß man ihn wegen einer Gehirnerschütterung und eines oder zwei gebrochener Glieder ans Land und ins Spital hatte schicken müssen. Jukes ließ sich durch das abweisende Grunzen nicht entmutigen. »Bei den Chinesen da unten mag's lustig zugehen,« fing er wieder an. »'s ist nur ein Glück für sie, daß das alte Mädchen den leichtesten Gang von allen Schiffen hat, die ich kenne. Da! – Die war schon nicht mehr so schlimm!«

»Warten Sie nur!« knurrte der zweite Steuermann.

Mit seiner scharfen, an der Spitze geröteten Nase und seinen dünnen, zusammengekniffenen Lippen sah er immer aus, als ob er innerlich wütend sei, und in seiner Rede war er kurz bis zur Unhöflichkeit. Alle seine dienstfreie Zeit verbrachte er in seiner Koje, wo er sich hinter der geschlossenen Tür so still verhielt, daß man vermutete, er schlafe ein, so bald er darin verschwunden; allein der Mann, der hineinging, um ihn zu seiner Wache auf Deck zu holen, fand ihn ein wie das andre Mal mit weit offenen Augen auf seiner Schlafbank flach auf dem Rücken liegend und mit mürrischem Ausdruck von seinem schmutzigen Kopfkissen in die Höhe starrend. Er schrieb nie einen Brief und schien nie auf Nachricht von irgend woher zu warten; ein einziges Mal hatte man ihn West-Hartlepool erwähnen hören, wo er nach seiner Meinung durch die ungeheuerlichen Rechnungen eines Logierhauses übers Ohr gehauen worden war. Er war einer von denen, die man aus Not da oder dort in einem Hafen aufliest. Sie haben gerade genügende Kenntnisse, sind völlig mittellos und machen, ohne Anzeichen irgend eines besonderen Lasters an sich zu haben, den Eindruck bankrotter Existenzen. Sie kommen im Augenblick der Not an Bord, haben keine Anhänglichkeit an irgend ein Schiff, leben in ihrer eigenen Atmosphäre unter ihren Schiffsgenossen, denen sie fremd bleiben, und lieben es, zu unpassender Zeit wieder davonzugehen. In irgend einem gottverlassenen Hafen, wo andre sich fürchten würden, ausgesetzt zu werden, verlassen sie das Schiff, ohne erst Abschied zu nehmen, und gehen an Land in Gesellschaft einer schäbigen, wie ein Schatzkasten verschnürten Seekiste, und mit einer Miene, als schüttelten sie den Staub des Schiffes von ihren Füßen.

»Warten Sie nur!« wiederholte der Mann und balancierte in großen Schwingungen, während er Jukes den Rücken zukehrte.

»Wollen Sie damit sagen, daß es diesmal schlimm werden kann?« fragte Jukes mit knabenhaftem Interesse.

»Sagen? ... Ich sage gar nichts. Mich fangen Sie nicht,« fuhr ihn der kleine zweite Steuermann mit einer Mischung von Stolz, Verachtung und Schlauheit an, als wäre Jukes' Frage eine klug entdeckte Falle. »O nein! Keiner soll mich zum Narren machen,« murmelte er.

Jukes sagte sich in diesem Augenblick, dieser zweite Steuermann sei ein gemeiner kleiner Kerl, und wünschte von Herzen, der arme Jack Allen möchte lieber nicht in das Kohlenschiff gestürzt sein.

Das ferne dunkle Etwas in gerader Richtung vor dem Schiff war wie eine jenseits der gestirnten Erdennacht liegende andre Nacht – die sternenlose, schweigende Nacht der Unermeßlichkeiten jenseits des geschaffenen Weltalls.

»Was auch da vor uns liegen mag,« sagte Jukes, »wir dampfen gerade darauf los.«

» Sie haben's gesagt,« bemerkte der zweite Steuermann heftig, während er Jukes immer noch den Rücken kehrte. » Sie haben's gesagt, wohlgemerkt – nicht ich.«

»Ach, gehen Sie nach Jericho,« rief Jukes ärgerlich.

Der andre ließ ein triumphierendes, kurzes Kichern hören. »Sie haben's gesagt,« wiederholte er.

»Nun und was weiter?«

»Ich hab's schon mehr als einmal erlebt, daß wirklich tüchtige Leute es mit ihrem Kapitän verdorben haben, die verdammt viel weniger gesagt haben,« antwortete der zweite Steuermann ganz aufgeregt, und setzte hinzu: »O nein, mich fangen Sie nicht.«

»Ihnen scheint verteufelt viel daran gelegen zu sein, sich nicht in Ungelegenheiten zu bringen,« sagte Jukes, über solche Albernheit ernstlich aufgebracht. »Ich würde mich nicht fürchten, zu sagen, was ich denke.«

»Ja wohl, zu mir! Das ist keine große Kunst. Ich bin niemand; das weiß ich wohl.«

Nach einer Pause verhältnismäßiger Ruhe begann das Schiff aufs neue und immer heftiger zu schlingern, so daß Jukes vorerst genug zu tun hatte, sich im Gleichgewicht zu halten, und keine Zeit fand, den Mund zu öffnen. Sobald aber die Heftigkeit der Bewegung etwas nachgelassen hatte, sagte er: »Das ist des Guten etwas zu viel. Ob irgend etwas kommt oder nicht, jedenfalls sollte das Schiff gegen die Dünung gebracht werden. Der Alte ist eben hineingegangen. Hol' mich der Henker, wenn ich nicht mit ihm rede!«

Als Jukes aber die Tür des Kartenhauses öffnete, erblickte er seinen Kapitän in einem Buche lesend. Kapitän Mac Whirr hatte sich nicht hingelegt; er stand aufrecht und hielt sich mit der einen Hand an der Ecke des Büchergestells fest, während er sich mit der andern einen dicken Band offen vors Gesicht hielt. Die Lampe wurde hin und her geschwungen; die lose stehenden Bücher auf dem Brett fielen von einer Seite auf die andre; das lange Barometer bewegte sich ruckweise in Halbkreisschwingungen; die Tischplatte änderte jeden Augenblick ihre Richtung. Mitten in all dieser Unruhe, diesem Aufruhr stand Mac Whirr unbeweglich. Jetzt erhob er seine Augen etwas über den oberen Rand des Buches und fragte: »Was gibt's?«

»Die See geht immer höher, Herr Kapitän.«

»Das hab' ich hier innen auch gemerkt,« murmelte der Kapitän. »Irgend etwas passiert?«

Jukes, den der tiefe Ernst der Augen, die ihn über das Buch weg ansahen, bestürzt machte, lächelte verlegen. »Das Schiff rollt wie ein alter Wagenkasten,« bemerkte er blöde.

»Ja – schlimm – sehr schlimm. – Was wünschen Sie?«

Bei dieser Frage verlor Jukes den Boden unter den Füßen, und wie ein Mann, der nach einem Strohhalm greift, antwortete er: »Ich dachte an unsre Passagiere.«

»Passagiere?« fragte der Kapitän verwundert. »Was für Passagiere denn?«

»Nun, die Chinesen, Herr Kapitän,« erklärte Jukes, dem die Unterhaltung immer peinlicher wurde.

»Die Chinesen! Warum reden Sie nicht deutlich? Konnte mir nicht denken, was Sie meinten. Hab' noch nie eine Herde Kulis Passagiere nennen hören. Passagiere – wahrhaftig! Was fällt Ihnen ein?«

Und der Kapitän schloß das Buch über seinem Zeigefinger, ließ seinen Arm sinken und sah ganz verblüfft drein. »Warum denken Sie an die Chinesen, Herr Jukes?« fragte er.

Jukes faßte sich ein Herz. Mit dem Mute der Verzweiflung sagte er: »Die Decks sind voll Wasser, Herr Kapitän. Ich dachte, man sollte das Schiff wenden, für eine Weile nur, bis die See sich etwas beruhigt hat – was jedenfalls sehr bald geschehen wird; nach Osten steuern – ich hab' noch nie ein Schiff so stark schlingern sehen.«

Er blieb unter der Tür stehen, und Kapitän Mac Whirr, dem das Festhalten an dem Bücherbrett nicht mehr angemessen erschien, entschloß sich kurz, es fahren zu lassen, und fiel schwer aufs Sofa nieder.

»Nach Osten?« fragte er, indem er sich bemühte, sich aufzusetzen. »Das wäre mehr als vier Punkte von seinem Kurs ab.«

»Ja, Herr Kapitän, fünfzig Grad ... Würde das Vorderteil gerade weit genug herum bringen, um diesem Seegang zu begegnen ...«

Kapitän Mac Whirr saß jetzt aufrecht. Er hatte das Buch nicht aus der Hand gelegt und seine Stelle darin nicht verloren. »Nach Osten?« wiederholte er, mit steigender Verwunderung. »Nach ... wohin meinen Sie, daß wir fahren? Sie wollen, daß ich ein mir anvertrautes Schiff vier Punkte weit von seinem Kurs wenden soll, um – es den Chinesen gemütlicher zu machen. Nun, ich hab' schon von mehr als genug Dummheiten gehört, die in der Welt geschehen sind – aber so was Dummes ... Wenn ich Sie nicht kennte, Jukes, so würde ich glauben. Sie sprächen im Rausche. Vier Punkte weit abdrehen ... und was dann? Vier weitere Punkte nach der andern Richtung wahrscheinlich, um wieder auf den rechten Kurs zurückzukommen. Wie kommen Sie darauf, ich könnte einen Dampfer steuern, als ob er ein Segelschiff wäre?«

»Ein Glück, daß er keines ist,« warf Jukes bitter ein, »es wäre sonst heute nachmittag vollends alles über Bord gegangen.«

»Ja, und Sie hätten nichts dabei machen können, als zusehen,« sagte der Kapitän mit ziemlicher Lebhaftigkeit. »Vollkommen windstill, nicht wahr?«

»Ja, Herr Kapitän. Aber es muß etwas Außergewöhnliches im Anzuge sein – ganz gewiß.«

»Kann sein. Ich glaube. Sie meinen, ich sollte dem schlechten Wetter aus dem Wege gehen,« sagte Kapitän Mac Whirr so einfach und ruhig als möglich, während sein Blick fest auf das Wachstuch gerichtet war, das den Boden bedeckte, so daß er weder die Niedergeschlagenheit seines ersten Steuermanns, noch das Gemisch von Ärger und achtungsvollem Staunen in dessen Gesicht bemerkte.

»Da ist nun dieses Buch,« fuhr er bedächtig fort, und schlug sich mit dem geschlossenen Bande auf den Schenkel. »Ich habe eben das Kapitel über die Stürme gelesen.«

Das war richtig. Er hatte das Kapitel über die Stürme gelesen. Als er ins Kartenhaus eingetreten war, hatte er nicht die Absicht gehabt, das Buch zur Hand zu nehmen. Irgend ein Einfluß in der Luft – derselbe vielleicht, der den Steward veranlaßt hatte, ungeheißen die Wasserstiefel und das Ölzeug des Kapitäns ins Kartenhaus heraufzubringen – mußte seine Hand an das Bücherbrett geführt haben, und ohne sich Zeit zu nehmen, niederzusitzen, hatte er sich mit aller Anstrengung in die fachmännische Terminologie hineingearbeitet. Er verlor sich förmlich in den weitschweifigen Erörterungen über fortschreitende Halbkreise, links- und rechtsseitige Quadranten, Fahrtkurven, wahrscheinliche Lage des Mittelpunktes, Windwechsel und Barometerstand. Er suchte, alle diese Dinge in bestimmte Beziehung zu sich selbst zu bringen, und geriet schließlich in eine förmliche Wut über eine solche Masse von Regeln und Ratschlägen, die nur auf Theorieen und Vermutungen beruhten und keinen Schimmer von Gewißheit hatten.

»'s ist eine verdammte Geschichte, Jukes,« sagte er. »Wenn einer alles das glaubte, was in dem Buche steht, so müßte er seine meiste Zeit damit zubringen, auf dem Meere hin und her zu fahren, um dem Wetter auszuweichen.«

Wieder schlug er sich mit dem Buche auf das Bein, und Jukes öffnete den Mund, sagte aber kein Wort.

»Dem Wetter ausweichen! Verstehen Sie das, Herr Jukes? 's ist verrückt!« stieß der Kapitän hervor, während seine Blicke den Fußboden zu durchbohren schienen. »Man sollte meinen, ein altes Weib habe das Zeug geschrieben. Ich versteh's einfach nicht. Wenn ich mich danach richten wollte, so müßte ich sofort den Kurs ändern, der Teufel weiß wohin, um schließlich von Norden her nach Futschou hinunter zu kommen, wenn der Sturm vorbei ist, der jetzt auf uns zukommt. Von Norden her! Hören Sie, Jukes? Das macht dreihundert Meilen extra, und eine schöne Kohlenrechnung würde das geben. Dazu könnte ich mich nicht entschließen, wenn auch jedes Wort in dem Buche wahr wäre wie das Evangelium. Erwarten Sie nicht von mir ...«

Jukes verharrte in schweigender Verwunderung ob solcher Lebhaftigkeit und Beredsamkeit.

»Aber in Wahrheit weiß ja kein Mensch, ob der Kerl überhaupt recht hat. Wie kann man sagen, welcher Art ein Sturm ist, ehe er noch da ist? Da heißt es zum Beispiel, daß der Mittelpunkt dieser Dinger acht Striche vom Winde abpeilt; aber wir haben gar keinen Wind, so tief auch das Barometer steht. Wo bleibt da sein Mittelpunkt?«

»Wir werden den Wind sofort bekommen,« murmelte Jukes.

»So lassen Sie ihn kommen,« sagte Kapitän Mac Whirr mit würdevoller Entrüstung. »Ich habe Ihnen das nur gesagt, Herr Jukes, damit Sie sehen, daß man sich nicht an die Bücher halten kann. All diese Regeln, wie man den Stürmen ausweichen und die Winde des Himmels überlisten soll, erscheinen mir, bei Licht betrachtet, als die größte Tollheit.« Er erhob den Blick, bemerkte, daß Jukes ihn halb ungläubig ansah, und versuchte, seine Meinung deutlicher zu machen. »Ungefähr ebenso verrückt wie Ihre sonderbare Idee, ich solle den Kurs des Schiffes auf ich weiß nicht wie lange ändern, um es den Chinesen behaglicher zu machen, während alles, was wir zu tun haben, darin besteht, sie nach Futschou zu bringen, und zwar bis Freitag vormittag. Wenn mich das Wetter aufhält, so kann ich's nicht ändern; Ihr Loggbuch gibt darüber Rechenschaft. Wenn ich nun aber einen Umweg machte und zwei Tage später einliefe und man mich fragte: ›Wo sind Sie so lange geblieben, Kapitän?‹ was könnte ich da antworten? ›Bin dem schlechten Wetter ausgewichen,‹ würd' ich sagen. ›Das muß verdammt schlechtes Wetter gewesen sein,‹ würde man antworten. ›Weiß nicht,‹ müßt' ich sagen, ›ich hab' nichts davon gesehen, bin ihm vollständig aus dem Weg gegangen.‹ Sehen Sie, Jukes? Ich hab' den ganzen Nachmittag über die Sache nachgedacht.« Wieder sah er Jukes mit seinen blicklosen, blöden Augen an. Kein Mensch hatte ihn je so viel auf einmal sprechen hören. Jukes kam sich vor, als sei er ausersehen, ein Wunder zu schauen. Grenzenloses Erstaunen sprach aus seinen Blicken, während sich in seinen Zügen ungläubige Verwunderung malte.

»Ein Sturm ist ein Sturm, Herr Jukes,« fing der Kapitän von neuem an, »und ein tüchtiges Dampfschiff muß ihm standhalten. Es geht viel schlechtes Wetter in der Welt um, und das Beste ist, sich hindurchzuschlagen ohne das, was Kapitän Wilson ›Sturmstrategie‹ nennt. Neulich hörte ich ihn in einer Wirtschaft am Lande zu einem Haufen von Schiffskapitänen sprechen, die sich an einem Tisch neben dem meinigen zusammengefunden hatten. Was er sagte, schien mir der größte Unsinn zu sein. Er erzählte ihnen, wie er um einen furchtbaren Sturm herum manövriert habe, so daß er stets wenigstens fünfzig Meilen davon entfernt geblieben sei. Ein feines Stück Kopfarbeit nannte er das. Wie er wissen konnte, daß in einer Entfernung von fünfzig Meilen ein furchtbarer Sturm herrschte, geht über meinen Horizont. Es war, als ob man einem Irrsinnigen zuhörte. Ich hätte gedacht, Kapitän Wilson wäre alt genug, um gescheiter zu sein.«

Kapitän Mac Whirr schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Sie haben die Wache unten, Jukes?«

Diese Frage brachte Jukes wieder zu sich.

»Ja, Herr Kapitän,« antwortete er rasch.

»Geben Sie Befehl, daß man mich ruft, so bald sich die geringste Veränderung zeigt,« sagte der Kapitän. Er langte nach oben, um das Buch wegzustellen. Dann zog er die Beine aufs Sofa. »Machen Sie die Tür zu, daß sie nicht auffliegen kann, bitte! Ich kann's nicht ausstehen, wenn eine Tür schlägt. Die Hälfte aller Schlösser auf dem Schiff taugt nichts.«

Kapitän Mac Whirr schloß die Augen. Er wollte ausruhen. Er war müde und empfand jenes Gefühl geistiger Leere, wie es sich nach einer erschöpfenden Auseinandersetzung einzustellen pflegt, durch die man einer in Jahren stillen Nachdenkens gereiften Überzeugung Ausdruck verliehen hat. Ohne es selbst zu wissen, hatte er in der Tat sein Glaubensbekenntnis abgelegt, unter dessen Eindruck Jukes auf der andern Seite der Tür lange Zeit, sich den Kopf krauend, stehen blieb. – – Kapitän Mac Whirr öffnete die Augen. Er glaubte geschlafen zu haben. Was war das für ein Lärm? Wind? Warum hatte man ihn nicht gerufen? Die Lampe wurde kräftig hin und her geworfen, das Barometer schwang sich im Kreise, die Tischplatte wechselte fortwährend die Richtung; ein Paar alter Wasserstiefel mit zusammengedrückten Spitzen glitten an dem Sofa vorbei. Augenblicklich streckte der Kapitän die Hand aus und fing den einen davon ein.

Jetzt erschien Jukes' Gesicht in der nur wenig geöffneten Tür; nur sein Gesicht, stark gerötet, mit weit offenen Augen. Die Lampe flammte auf, ein Stück Papier flog in die Höhe, ein Luftstrom umhüllte den Kapitän. Während er sich anschickte, den einen Stiefel anzuziehen, richtete er den Blick fragend auf Jukes' erhitztes, aufgeregtes Gesicht.

»Erst vor fünf Minuten fing es an,« schrie dieser, »ganz plötzlich.«

Er zog seinen Kopf zurück und schlug die Tür zu. Ein Schauer von klatschend aufschlagenden Tropfen fuhr über die geschlossene Tür hin, wie wenn ein Eimer voll geschmolzenen Bleis gegen das Haus geworfen würde. Jetzt konnte man über dem dumpfen Lärm draußen ein Pfeifen vernehmen. Das wohlverwahrte Kartenhaus war plötzlich so voll Zugluft wie ein offener Schuppen. Kapitän Mac Whirr fing den andern Stiefel ein, der eben auf dem Fußboden an ihm vorbeigaloppieren wollte. Die Schuhe, die er weggeworfen hatte, tanzten von einem Ende des Raumes zum andern, sich überkugelnd wie spielende junge Hunde. Sobald er aufrecht in seinen Stiefeln stand, stieß er ingrimmig nach ihnen, doch ohne Erfolg.

Er warf sich in die Stellung eines weitauslegenden Fechters, um seinen Ölrock zu ergreifen, und schwankte dann im ganzen Zimmer umher, während er sich in ihn hineinarbeitete. Mit ernster Miene, die Beine weit auseinander gespreizt, den Hals emporgestreckt, machte er sich daran, mit unbeholfenen, leicht zitternden Fingern die Bänder seines Südwesters sorgfältig unter dem Kinn festzubinden. Seine Bewegungen glichen genau denen einer Frau, die vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzt. Dabei lauschte er angestrengt, als erwarte er jeden Augenblick, in dem Aufruhr, der sein Schiff umringte, seinen Namen rufen zu hören. Das Getöse wurde immer stärker, während er sich bereit machte, hinauszugehen und dem Kommenden, was es auch sein mochte, die Stirne zu bieten. Das Heulen des Windes, das krachende Brechen der Wogen vermischte sich mit jenem andauernden dumpfen Dröhnen in der Luft, das wie der Laut einer ungeheuern, weit entfernten Trommel klingt, die zum Angriff des Sturmes geschlagen wird.

Einen Augenblick blieb Kapitän Mac Whirr im Lichte der Lampe stehen – in seiner Kampfesrüstung eine unförmliche, plumpe Gestalt, das Gesicht gerötet und mit gespanntem Ausdruck.

»Das bedeutet etwas,« murmelte er.

Sobald er versuchte, die Tür zu öffnen, bemächtigte sich der Sturm ihrer. Der Kapitän hielt den Griff fest, wurde über die Schwelle gezogen und fand sich sofort im Handgemenge mit dem Sturme, der ihm nicht erlauben wollte, die Tür zu schließen. Im letzten Augenblick fuhr ein Windstoß hinein und löschte die Lampe aus.

Tiefes Dunkel lagerte vor dem Schiffe über einer Menge von weißleuchtenden Stellen. Über Steuerbord sah man einige mattglänzende Sterne über einer ungeheuren Wüste gebrochener Wogen, bald mehr bald weniger deutlich, wie durch einen wilden Wirbel von Rauch.

Auf der Brücke bemerkte der Kapitän eine Ansammlung von Männern in eifriger Bewegung. Im Lichte der Steuerhausfenster, das ihre Köpfe und Rücken unsicher beleuchtete, sah er sie angestrengt arbeiten. Plötzlich verdunkelte sich die eine Scheibe, dann die andre. Er hörte das Sprechen der ins Dunkel versunkenen Gruppen in Bruchstücken – gleichsam in Fetzen, die der Wind an seinem Ohr vorbei fegte. Jetzt erschien Jukes an seiner Seite, mit gesenktem Haupte schreiend: »Wache – Steuerhausläden vorgelegt – Furcht – Glas – eingeblasen werden.«

In vorwurfsvollem Tone hörte Jukes seinen Gebieter sagen: »Sagte – sollten – rufen.«

Er versuchte, eine Erklärung zu geben, während der Sturm gegen seine Lippen drückte.

»Schwacher Wind – blieb – Brücke – plötzlich – Nordost – dachte – sicher selbst hören.«

Sie hatten den Schutz des Wettertuches erreicht und vermochten sich nun mit erhobener Stimme, wie Streitende, zu unterhalten.

»Ich rief die Matrosen zusammen und ließ sie alle Ventilatoren zumachen. Nur gut, daß ich auf Deck geblieben war. Ich glaubte nicht, daß Sie eingeschlafen wären, und so ... Wie sagten Sie, Herr Kapitän? Was?«

»Nichts,« schrie Kapitän Mac Whirr. »Ich sagte – schon gut.«

»Beim Himmel! Diesmal kriegen wir's ordentlich,« brüllte Jukes.

»Sie haben den Kurs nicht verändert?« fragte der Kapitän mit erhobener Stimme.

»Nein, Herr Kapitän, gewiß nicht. Der Wind kommt direkt von vorn. Und hier kommt ...«

Ein tiefes Hinabtauchen des Schiffes – ein Stoß, als ob es mit dem Kinn auf etwas Festes aufgestoßen wäre, dann ein Augenblick der Ruhe, worauf der Wind ihnen einen kräftigen Schauer von Flugwasser ins Gesicht trieb.

»Wir wollen es halten, so lang wir können,« rief Kapitän Mac Whirr.

Ehe sich Jukes das Salzwasser aus den Augen gestrichen hatte, waren alle Sterne verschwunden.

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