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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 55
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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50.

Berlin, den 6. November 1886.

Es geht bunt zu um mich her und wird immer bunter werden. In den letzten vier Wochen hatte ich zwei Direktoriums-, eine Gesamtausschuß- und drei Sonderabteilungssitzungen, war in Magdeburg, Dresden und Meißen, hatte aus Zeitmangel von hier aus eine Versammlung in Frankfurt zu leiten, alles der kommenden Ausstellung zulieb. Dabei handelt es sich immer nur um vorbereitende Schritte und Maßregeln, die in dem verwickelten Leben, in das wir nach allen Seiten hin eingreifen müssen, eine Arbeit erfordern, von der sich niemand einen Begriff machen kann, der nicht selbst mitten drin steht. Einen solchen Dir zu verschaffen, wäre grausam, denn Du würdest Dich bei dem Versuch herzlich langweilen. Das ist der Dorn auch in meinem Fleisch. Die meisten dieser Arbeiten sind an sich nichts weniger als interessant und verschwinden, nachdem sie gemacht sind, von der sichtbaren Erdoberfläche wie die vorjährige Pflugfurche. Man sorgt und quält sich und glaubt schließlich selbst, nichts getan zu haben. Von den andern will ich gar nicht sprechen, die mit behaglich gefalteten Händen danebenstehen und warten, ob aus der Sache etwas wird, und wenn etwas geworden ist, feierlich an die Spitze treten, um die Festlichkeiten zu leiten.

Ich bemerke, daß ich einen widerwärtigen Brief schreibe. Gewöhne Dich an diesen Stil für die nächsten neun Monate, und mache Dir nichts daraus. Es tut mir gut, denn ich darf sonst nirgends zeigen, ohne der Sache zu schaden, wie mir wirklich zumut ist. Und daß mir's so zumut ist, beweist ja nur, daß ich etwas in die Hand genommen habe, das nicht jeder Lump anrühren würde. Freilich habe ich meinen Preis dafür zu bezahlen. Ist dies anders zu erwarten?

Die Lage erschwert sich dadurch, daß der Sekretär, den ich bei meiner Übersiedelung von Bonn anstellte, seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Ein kranker Mann, hinter dem ein verfehltes Leben liegt, gibt er sich sichtlich alle Mühe; aber es ist schon zu weit mit ihm gekommen, so daß er unter dem geringsten Druck zusammenbricht. So fällt auch von dieser Seite eine Menge Arbeit auf mich zurück, die füglich auf andern Schultern ruhen sollte. Es wird mit jedem Tage klarer, daß es eine Unmöglichkeit ist, die Leitung der Frankfurter Ausstellung und zugleich das Amt eines Ehrengeschäftsführers mit allen Arbeiten eines »Wirklichen« zu bewältigen. Dazu liegt mir unser Schatzmeister, der noch am meisten von diesem Treiben sieht, fast täglich in den Ohren: ein herzensguter, herzkranker Mann, der sich seit Jahrzehnten dem Vereinsleben geopfert hat und nicht ohne Bitterkeit dem Ende entgegensieht. »Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir!« ist der Kehrreim seiner Mahnungen. »So kann es nicht fortgehen. Sie müssen aus dieser Geschichte heraus!«

Gut. Daß es so nicht mehr lange fortgehen kann, fühle ich, auch wenn ich es nicht sehen wollte. Aber »heraus aus der Geschichte«, den Karren stehen lassen, das ist natürlich eine einfache Unmöglichkeit, und so suchen wir seit etlichen Tagen wieder emsig nach einem Generalsekretär, wie vor einem Jahr um dieselbe Zeit. Leute gibt es zu Tausenden, die nichts zu tun haben. Wo ist aber ein Mann zu finden, wie ich ihn brauche? Zweimal dürfen wir nicht fehlgreifen, wenn nicht die ganze Sache samt mir zusammenbrechen soll. –

Wie sich das hübsch traf! Auch ich kann nicht Tag und Nacht Ausstellungsanmeldescheine komponieren und Rinderställe skizzieren. So kam ich dazu, in den letzten Wochen Zolas jüngstes Buch »Lœuvre« zu lesen, in welchem ein Künstler, der fast ein Genie geworden wäre, an seiner Arbeit verblutet. Wie Gedanken zur fixen Idee, die Anspannung des ganzen Wesens zur Krankheit wird, ist geschildert, wie es nur dieser große, unlösbare Meister schildern kann, und dabei gibt er zwischen den Zeilen ein erschütterndes Bild, wie wenig glücklich ihn sein eignes erfolgreiches Schaffen macht. Sieht man nicht das gleiche bei fast allen, die einen neuen Weg einschlagen, bei Dichtern und Denkern, Erfindern und Weltbeglückern? Nur wenige schlagen sich unzerschlagen durch die Disteln und Dornen, die ihnen den Pfad verlegen.

Ich weiß, Du willst nichts von Zola wissen. Natürlich. In deutschen Übersetzungen ist er völlig ungenießbar. Den Geist aber, der aus dieser erschreckenden Form spricht und der die ernstest denkenden Menschen anzieht, ahnst Du richtig genug. Es ist das unerbittliche Abstreifen der konventionellen Lüge, in der unser Leben dahingleitet, das rücksichtslose Erkennen der Hoffnungslosigkeit unsrer Zeit ohne Glauben, geschildert, ohne Phrase, ohne Moralisieren, durch Dinge und Menschen, wie sie sind. Von Spannung und Genuß im Leihbibliothekensinn ist keine Rede. Drei Viertel seiner Sachen sind wahrhaft langweilig. Aber kennst Du die Geschichte von Berlioz, der bei einem Adagio von Beethoven schluchzend in einem Konzert saß? »Lieber Herr,« sagte sein Nachbar besorgt. »Sie sind unwohl. Darf ich Sie hinausführen?« »Parbleu!« fuhr Berlioz auf, »glauben Sie, ich sei hierhergekommen, um mich zu amüsieren?« – Glaubst Du, ich lese Zola zu demselben Zweck?

Wir sind alle Kinder unsrer Zeit; dem ist nicht zu entgehen. Sie zu erkennen, ihr ins Gesicht zu sehen, ist Menschenpflicht. Zola hat da und dort den Schleier abgerissen, und wir sehen entsetzt, schwarz auf weiß, was wir täglich in Wirklichkeit sehen könnten, wenn wir wollten. Wahrhaft wunderbar ist dabei die Art seines unbeabsichtigten Predigens: wie Laster und Verirrungen ihre Strafe in sich selbst finden, naturgemäß, ohne ein Eingreifen von außen oder oben. Dazu gehört ein sittlicher Instinkt, wie ihn kein zweiter Schriftsteller dieser Tage besitzt.

Als Romane, als Kunstwerke sind seine Sachen meist unter aller Kritik unsrer ästhetischen Schulmeister. Wer heißt sie kritisieren?

Über gottlose und gottgläubige Zeiten, über das Jahrhundert Darwins und das des Dreißigjährigen Kriegs ein andermal. Wo ist Licht in diesem Dunkel, wenn nicht da und dort ein spärliches Flämmchen in einem Einzelleben flimmert und erlischt?

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