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Im Siegeskranze

Wilhelm Raabe: Im Siegeskranze - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleIm Siegeskranze
authorWilhelm Raabe
year1994
publisherSteidl Verlag
addressGöttingen
isbn3-88243-322-1
titleIm Siegeskranze
pages5-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1866
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Wilhelm Raabe

Im Siegeskranze

Ja, mein liebes Kind, ich wundere mich wahrlich oft selber darob, daß der Himmel über einer alten Frau noch so blau sein kann und daß das Lachen immer noch gern mit ihren lahmen Füßen Schritt hält und nicht längst weiter gesprungen ist, dem jüngeren Volk nach und zu, was ihm viele Leute gewiß nicht verdenken würden. Aber es ist so, trotzdem es wohl recht hätte, anders zu sein, und weil wir grad dabei sind, so will ich die gute Stunde benutzen, um dir einmal ein wenig von dem zu erzählen, was alles der Mensch erfahren und ertragen kann, ohne in der Hand des Schicksals zu vergehen wie ein Flöckchen Werg auf einem Kohlenbecken. Man hat wohl Gelegenheit gehabt, etwas zu erleben, wenn man im Jahre achtzehnhundertundeins geboren wurde und seine Tage bis in diesen unruhvollen und angsthaften Frühling des Jahres sechsundsechzig fortspinnen durfte; und was die Eltern und Großvater und Großmutter anbetrifft, so ist das, als ob man hinabsieht in eine große dunkle Tiefe und sieht Lichter in dem Dunkel und Gestalten und hört allerlei Töne, daß einem ein Sehnen und ein Grauen um das Vergangene zu gleicher Zeit ankommt.

Sieh, hier sitzen wir auf der Bank vor deines Vaters Hause, und du bist nun auch schon ein großes Mädchen geworden, und wer weiß, ob du nicht bald eine Braut sein wirst; das Plätzchen ist gut, und in den Wind werd ich auch nicht reden, du wirst's schon verstehen, wie ich's meine. Da drüben raucht des Nachbars Schornstein, und dort guckt seine weiße, dumme Zipfelmütze über die Hecke, der Nachbarin nichtswürdiger blauer Unterrock dorten auf der Leine gehört gleichfalls zu unserer Aussicht, und wir kennen alle Kinderstimmen um uns her. Ja, rings um uns her liegt das deutsche Land im Frühlinge, und du und ich, dein Vater und deine Mutter wissen es gar nicht anders, als daß wir immer und ewig dazu gehört haben, daß wir zu dem Boden, den wir betreten, gehören, gleichwie das Gras und der Baum, und daß wir daraus emporwuchsen wie der Weizenhalm, der wohl im Wind sich neigt und schwankt hierhin und dahin, aber nimmer seinen Fuß hervorziehen kann und mag.

Nun merke auf, mein Kind; es ist doch nicht ganz so, wie wir meinen, und wenn ich nicht eine alte dumme Frau wäre, möcht ich wohl zu manchem ein recht kluges Wörtlein darüber reden können. Es wird aber wohl grad so recht sein, daß die Menschen sich einbilden, sie seien mit ihren Zuständen immer in der Art dagewesen, wie sie am heutigen Tage vorhanden sind. Ist übrigens am End auch ein übel Ding, wenn einem das Leben nicht paßt und anwuchs wie der Schnecke ihr Schneckenhaus.

Was nun unsere Familie betrifft, so hat es damit folgendermaßen seine Bewandtnis. Als zu Ende des vorigen Jahrhunderts da drüben im Franzosenlande die große Revolution angegangen ist, ist es über die einen gekommen wie eine schnelle Wassersnot von einem Wolkenbruch und über die andern gleich einem Feuer, welches bei Nacht ausbricht. Und weil mit einem Male alles anders wurde und das Unterste zu oben kam, so haben sich viele, viele Menschen nicht darein finden können, haben sich nicht zu raten und zu helfen gewußt und sind in ein großes Unglück gefallen. Da ist alle Ruhe und Stille, alle Reinlichkeit und Zierlichkeit des Lebens plötzlich in Unruhe, Angst, Gefahr, Wüstenei und Verwirrung verkehrt worden, und Hunderttausende haben alles, was sie nicht auf den Schultern und unter dem Arm forttragen konnten, hinter sich gelassen und haben sich auf die Flucht begeben mit ihren Angehörigen oder auch wohl allein. Wenn die Flut heranschießt oder das Feuer aufgeht über Nacht, so verlieren die einen den Kopf, die andern das Herz und wieder andere beides, und es sind immer wenige, die beides zusammen behalten. Also ist's mit den Menschen in ihrer Schwachheit beschaffen, und also wird's auch fürs erste mit ihnen bleiben.

In jenen Zeiten nun kam mit den Fliehenden ein französischer Mann aus Frankreich über den Rheinstrom und führte mit sich eine Frau, ein klein Töchterchen und eine Magd und war noch glücklich vor Tausenden zu nennen, denn er brachte auch einen geringen Teil seines Vermögens mit. In seiner Heimat war er ein sehr reicher Mann gewesen, doch das ist heut alles einerlei; aber was anderes ist wohl in unserm Haus im Gedächtnis zu behalten, nämlich sein Kind ist meine Mutter und deine Urgroßmutter geworden. Ich hab sie aber nicht gekannt, denn sie ist mit ihrer Mutter, meiner Großmutter, nach ihrem Herzenswunsch in ein und derselben Stunde gestorben und in ein und dasselbe Grab gelegt worden; das ist mir alles wie ein ganz nebeliger Tag, oder als ob man durch ein dichtbeschlagenes Fenster auf die Straße hinaussieht, und für dich, mein Kind, hat es wohl gar keinen Sinn, keinen Klang und keine Farbe. Es haben mir alte Leute, die jetzt auch schon dreißig oder vierzig Jahre tot sind, von diesen Voreltern erzählt; allein auch die haben wenig mehr sagen können; es hat ja der Einfältigste so viel für sich selbst zu bedenken, daß er wenig Gedächtnis für andere übrigbehält.

Meine Mutter soll sehr schön gewesen sein, als sie zu einer Jungfrau herangewachsen war, zierlich und fein und nicht gar groß; sie hat jedoch in dem fremden Land, welches jetzt längst unser Mutterland ist, ein einsam Leben führen müssen, recht wie eine Nonne; denn ihr Herr Vater, dein Ururgroßvater, hat niemandem mehr in der Welt getraut. Er hat im Gegenteil eine hohe Mauer um sein Haus und seinen Garten gezogen und ist gar nicht so lustig und flink gewesen, wie du und ich uns heute die Franzosen vorstellen, sondern ein gar stattlicher und recht finsterer und langsamer Mann, der den Mund selten aufgetan und noch seltener den Leuten ein Kompliment gemacht hat. Was meine französische Mutter angeht, so hat sich denn das zu seiner Zeit doch gefunden – sie ist aus ihrem Versteck herausgezogen worden, grad so wie das auch heut noch geschehen mag, und auch davon will ich dir erzählen.

An deines Ururgroßvaters hohe Gartenmauer hat ein Haus gestoßen, das hat ein einzig Stüblein gehabt, von welchem aus man den Garten des Nachbars überschauen konnte. In dem Hause hat mein Vater gewohnt, und der war schon ein Witwer und hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, und war der Arzt im Städtchen und ein guter Mann, aber auch still für sich hin und wenig freudig und nicht mehr recht voll Zuversicht in sein Leben. Zu dem, nämlich meinem Vater, ist einmal, und das war im Jahr achtzehnhundert, ein junger Mensch aus der Stadt, auch ein Mediziner, jedoch vorerst nur ein Herr Studiosus, gekommen, und hat ihn mit vieler Verlegenheit und großem Erröten himmelhoch gebeten, er möge ihm doch jenes Stübchen vermieten, von welchem ich dir eben gesprochen habe. Hat gesagt, er wolle nur gestehen, daß er auf Universitäten nicht so fleißig und sedat gewesen sei, als seine Verwandtschaft von ihm erwartet habe, daß er aber nun aus großer Furcht und Angst vor dem Examen in sich gegangen sei und still und zurückgezogen in dem besagten Stüblein sitzen wolle und arbeiten, daß ihm der Kopf brenne. Das hat meinem Vater natürlicherweise merkwürdig gut gefallen, und er hat dem jungen Herrn bestens zu seinem Vorsatz gratuliert; aber seine Gewohnheit ist ihm ebenso lieb gewesen, wie sie allen andern Menschen ist, und seine Stube hat er nicht gern hergegeben, denn er hat viele Bücher und sonst allerlei Sachen darin aufgestellt gehabt und oftmals, wenn die Kinder drunten im Haus ihm zu laut wurden oder sonst das Bedürfnis und die Stimmung ihn trieb, sich dahin zurückgezogen wie in einen Schlupfwinkel, aus welchem ihn nur die höchste Not hervorpochen durfte. So hat er also dem Herrn Studio angeboten, er wolle ihm mit Freuden ein noch viel stilleres Gemach mit der Aussicht auf den Hof, oder vielmehr gar keiner Aussicht zu seinem Gebrauch anweisen, und zwar ganz umsonst, das andere aber könne er nicht ablassen, denn es sei ihm selber zu seiner Bequemlichkeit unentbehrlich. Da ist mein junger Mann erst noch viel röter und dann ganz bleich geworden und hat sehr gestottert und noch viel flehentlicher gebeten, ihm seinen Willen zu tun; aber gestanden hat er nicht, weshalb er sein Herz so auf dieses Zimmer gerichtet habe. Ich weiß es jedoch von einer alten Tante, die hat mir anvertraut, es sei das junge französische Mädchen, deine Urgroßmutter, schuld daran gewesen, solche habe er auf dem Kirchweg dann und wann zu Gesicht gekriegt und sie gar lieb gewonnen. Die alte Tante aus der Blasiengasse wußte die Umstände ganz genau, wie er sich vergeblich abgemüht habe, ihr nahe zu kommen, und wie alle seine Listen und Anschläge zu nichts halfen, wie er um das Haus und den Garten schlich und wie man gewissermaßen sehr fälschlich sage, daß die Liebe blind sei. Die alte Tante wußte ganz genau, daß die Liebe des Studiosen nicht blind gewesen sei, und hielt dafür, daß in Anbetracht der Verhältnisse der Anschlag mit dem Stübchen nicht der schlechteste gewesen sei; denn von da aus hätte er die schöne Jungfrau in ihrem Garten belauschen können, ohne jemand um die Erlaubnis bitten zu müssen, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn er seinen Willen bekommen hätte! Er bekam ihn aber nicht; denn da er seinen Mund nicht zur rechten Zeit auftat, so hat mein Vater seine Bequemlichkeit nicht einer fremden Grille opfern wollen, und ich habe am allerwenigsten das Recht, zu sagen, daß es schade drum war.

Mit grollendem Herzen ist der junge Doktor fortgegangen und hat sich anderswo in den Winkel gesetzt; mein Vater aber hat sein Recht und Reich behauptet, ist über seinen Büchern sitzen geblieben und hat nach seiner Art in seiner Kunst und Wissenschaft weiter studieren wollen, nachdem er den betrüblich abziehenden armen Jungen insgeheim einen Narren geheißen hat. Mit dem Studieren ist's aber eine eigene Sache gewesen, und der Herr Vater hat an diesem Tage nicht in gewohnter Weise weiterkommen können. Er ist, wie gesagt, ein recht nachdenklicher, nachgrübelnder Mann gewesen, den man wohl auf manche Dinge recht mit der Nase stoßen mußte, der aber auch, wenn ihm einmal etwas im Sinne lag, schwer wieder davon losgekommen ist, der im Notfall jeden Stein auf seinem Wege dreimal umwendete und einer Wolke am Himmel vom Anfang bis zum Niedergang nachsehen konnte. Dazu war nun die Gelegenheit vorhanden, und der Herr Vater hat allgemach den Kopf immer stärker geschüttelt und hat sich denselben Kopf immer mehr zerbrochen um die Frage, was wohl den jungen Freund zu solchem Gebaren getrieben haben möchte. Da hat er alle vier Wände, den Fußboden und die Decke tiefsinnig beobachtet; aber nirgends stand die Auflösung des Rätsels angeschrieben. Nun ist er mit den Händen auf dem Rücken hin und her gegangen von einem Bücherbrett zum andern und hat wiederum keine Aufklärung gefunden. Er hat lange den Ofen angesehen, ohne daß es ihm etwas half, und weder die ausgestopfte Gabelweihe, noch was sonst an der Wand zum Aufputz diente, erleuchtete ihn mehr. Natürlich hat er das Richtige erst ganz zuletzt und durch Zufall entdeckt, und dann hat er den Kopf noch mehr geschüttelt. Es ist gewesen wie immer, wenn man etwas sucht: entweder liegt das Ding einem vor der Nase, oder es liegt ganz unten im Kasten.

Ganz zuletzt trat mein Herr Vater an das Fenster, und nachdem er eine halbe Stunde lang nach den ziehenden Wolken emporgestarrt hatte, sah er endlich auch in den Garten des französischen Nachbars hinunter.

Da hatte er's, und nun ist es ihm merkwürdig ergangen! –

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