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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Als Biberli der Herzliebsten, die ihm Evas Brieflein überbracht, vorhin Lebewohl gesagt hatte, war er mit ihr überein gekommen, sie noch einmal in einer, oder wenn der Dienst ihn länger aufhielt, in zwei Stunden an der Hausthür zu treffen; ihr aber hatte, nachdem der treue und standhafte Freund sie verlassen, das Herz immer banger geschlagen; denn das Unrecht, das sie begangen, indem sie die Vermittlerin zwischen der jungen Tochter ihrer Dienstherrschaft und einem fremden Ritter gespielt hatte, war in der That schwer verzeihlich.

Statt, wie sie vorgehabt hatte, in der Küche oder im Soler auf die Rückkehr des Liebsten zu warten, war sie darum zu dem Gnadenbilde am Thore des St. Klarenklosters gegangen, vor dem sie schon oft, besonders wenn das Heimweh nach den Schweizer Bergen ihr gar zu hart zugesetzt hatte, Beruhigung gefunden. Auch diesmal war es ihr gnädig gewesen; denn nachdem sie recht andächtig gebetet und der Mutter Gottes sowie der heiligen Klara je eine Kerze gelobt hatte, war es ihr gewesen, als lächle das Bild ihr zu und verheiße ihr damit, sie straflos zu lassen.

134 Bei ihrer Rückkehr war der Ritter eben dem nachtwandelnden Mädchen in das Haus nachgeschritten und Biberli dem Herrn bis an die Treppe gefolgt. Dort hatte Kätterle den Herzliebsten getroffen. Als sie aber erfuhr, was hier im Werke sei, war sie heftig aufgebraust und hatte, entrüstet über die schmähliche Deutung, die der Diener dem Hinaustreten Evas auf die Straße gab, und entsetzt über die Gefahr, in die der Ritter sie alle zu stürzen drohte, der Geduld und Unterwürfigkeit vergessen, mit denen sie dem treuen und standhaften Biberli zu begegnen gewohnt war. Kaum aber hatte sie, ernst gewillt, die junge Herrin vor der Verfolgung des allzu kühnen Ritters zu schützen, dem Diener rasch und unwillig geboten, sich seines schnöden Verdachtes zu schämen, weil Eva nie und nimmer um eines Ritters willen, sondern, wie schon oft in hellen Mondnächten, nachtwandelnd aus der Kammer auf die Treppe und ins Freie getreten sei, als sie von dem Angstschrei der jungen Herrin aufgerufen worden war, ihr Beistand zu leisten.

Verdrossen hatte Biberli ihr nachgeschaut und dabei die tolle Verliebtheit, die seinen Schutzbefohlenen um den Verstand brachte, und mit der er sich selbst, ihn und vielleicht auch das unschuldige Kätterle, dessen wackeres Eintreten für die Herrin ihm übrigens besonders wohlgefiel, in Schaden zu stürzen drohte, derb genug verwünscht . . .

Als der alte Endres erschienen war, hatte er sich hinter eine Schutzwand von über einander gehäuften Ballen verborgen und sich nicht geregt, bis es wieder still geworden war im Soler.

Zu seinem Erstaunen hatte er den Herrn sodann neben der Hausthür gefunden; doch wurde seine Frage, 135 die allerdings von leisem Spott nicht ganz frei war, ob der Ritter die Wiederkehr der mondsüchtigen Herzliebsten abwarte, so barsch zurückgewiesen, daß er es für gut fand, sich einstweilen still zu verhalten.

Hatte Heinz Schorlin auch schon erkannt, einer der Besinnung unmächtigen Nachtwandlerin gefolgt zu sein, so war er doch noch nicht fähig, ruhig auf das Geschehene zurück und besonnen in die Zukunft zu schauen.

Eins nur wußte er: die Furcht, das holdselige Geschöpf, dessen von Licht umflossenes Bild ihm immer noch wie eine Erscheinung aus einer höheren, schöneren Welt vor Augen stand, sei eine Unwürdige, die sich mit der Miene engelhafter Unschuld über Zucht und Sitte hinwegschwang, war vergebens gewesen. Ihr angsterfüllter Schrei, das Entsetzen ihn vor sich zu sehen, und der Hilferuf, der ja auch ihre Schwester herbeigeführt und die Dienstboten aus dem Schlafe geweckt hatte, gaben ihm das Recht, sie so hoch zu halten wie je, und diese Ueberzeugung fachte das Gefühl der Glückseligkeit, das die Minne in ihm erweckt und das sein thörichtes Mißtrauen schon zu ersticken begonnen, zu so hellem Aufflammen an, daß er sich fest entschlossen fühlte, Eva, koste es was es wolle, zu der Seinen zu machen.

Nachdem er zu diesem Vorsatze gelangt war, begann er ruhiger zu erwägen. Was fragte er nach der Freiheit und dem schnellen Aufsteigen auf der betretenen Bahn, wenn nur sein späteres Leben von ihrer Minne, von ihrem Besitze verschönt ward.

Wurde ihm auferlegt, in der üblichen Form um sie zu werben, so wollte er es thun . . . Ein wie anmutiges und dazu willensstarkes Geschöpf war auch das andere E, das ihm in der Sorge um die Schwester mit so ernster, entschiedener Würde den Weg gekreuzt hatte. Es war die Braut Wolff Eysvogels, und diesen jungen Mann, den er schnell schätzen gelernt hatte, seinen »Schwager« zu nennen, schien ihm erfreulich.

Wenn der Vater ihm die Tochter aber jetzt noch versagte, dann wollte er Nürnberg hinter sich lassen und an den Rhein reiten. Dort weilte Hartmann, der Sohn Kaiser Rudolfs, den er wie einen jüngeren Bruder liebte. Den Achtzehnjährigen hatte er, Heinz, im Lanzenstechen und im Schwertkampf unterrichtet, und Hartmann ihm gestern noch sagen lassen, es sei schön am Rhein, aber ohne ihn habe er nur die halbe Lust auch am Besten. Er sei ihm notwendig. Das Einreiten der neuen Rosse für den Kaiser und die junge böhmische Königstochter könnten hundert andere Ritter und Knappen besorgen, wenn auch ein wenig schlechter.

Hartmann würde ihn verstehen und den kaiserlichen Vater veranlassen, ihm bei seiner Werbung zu helfen. Der warmherzige Jüngling konnte ihn nicht traurig sehen, und ohne Eva gab es für ihn keine Freude, kein Glück mehr.

Der leise Ruf seines Namens erweckte ihn aus diesem Sinnen und Träumen.

Kätterle war mit Eva in das Schlafgemach gegangen, und die ältere Schwester ihnen dahin gefolgt. Zärtlich hatte sie die Weinende an sich gezogen, ihr die feuchten Augen geküßt und mit bewegter Stimme, in die sich doch ein gut Teil liebenswürdiger Schalkheit mischte, zugeraunt: »Der Wolf, der uns da ins Haus drang, scheint mir doch nicht ganz so harmlos wie der meine, 137 den es mir ja recht leidlich zu zähmen gelang. Geh jetzt zur Mutter, Liebling, ich komme gleich wieder.«

»Was willst Du thun?« frug Eva ängstlich, im Bann des Unerhörten, das sie erlebt, immer noch ihrer selbst nicht mächtig.

»Mich im Hause umschauen,« versetzte die Schwester und winkte Kätterle, mit ihr zu kommen.

Auf der Flur forschte sie die Magd mit strenger Entschiedenheit aus, und zitternd und unter Thränen bekannte das Mädchen, Eva habe die Bitte des Ritters Schorlin, ihm ihre Farbe zu nennen, mit einem Brieflein beantwortet und was die tief beunruhigte Herrin sonst noch schnell von ihr zu erfahren verlangte.

Nach einem bedrohlichen: »Ueber Dein unerhörtes Betragen reden wir später,« eilte Els sodann die Treppe hinunter und fand im Soler denjenigen, dem sie die Lust zu verderben gedachte, dem unschuldigen Kinde weiter nachzustellen, als dessen Beschützerin sie sich fühlte. Aber obgleich sie dem Ritter ihren Unwillen mit aller Strenge zu erkennen gab, bat er sie mit so großer Ehrerbietung und in so ziemlicher Weise um Gehör, daß sie ihn in freundlicherem Tone sich auszusprechen ersuchte. Kaum aber hatte er zu berichten begonnen, wie Eva ihm aus dem Tanz das Herz mit der reinsten Minne gesättigt, als das Pferdegetrappel, das sich dem Hause mehr und mehr genähert hatte, plötzlich zum Stillstand gelangte, und Biberli, der auf den Vorplatz getreten war, herbeigeeilt kam und warnend ausrief: »Die Montforts!«

Im nämlichen Augenblick rissen zwei Knechte die Flügel des Thores aus einander, Fackelschein vermischte sich auf dem Vorhofe mit dem Lichte des Mondes, und 138 schon im nächsten Augenblicke drang eine stattliche Anzahl von Rittern und Herren in den Soler.

Biberli hatte recht gesehen. Die Montforts waren heimgekehrt, statt auf der Kadolzburg zu übernachten, und Els wie der Schweizer fanden weder Zeit, noch fühlten sie sich gewillt, sich zu verbergen.

Den Eindringlingen schritten Knechte voran, deren Fackeln den langen und hohen Lagerraum hell beleuchteten. Els war es, als stehe das Herz ihr still, und sie fühlte, wie sich ihr die Wangen entfärbten.

Hier blickte ihr das gebräunte Weidmanns- und Trinkergesicht des Grafen von Montfort, dort das wohlgebildete, offene Antlitz des jungen Burggrafen Eitelfritz von Zollern, das die bei dem nächtlichen Ritt aufgezogene Kapuze des Johannitermantels umrahmte, da das blasse und edle des stillen, als Lanzenbrecher und Schwertkämpfer weit berühmten Ritters Boemund Altrosen, dort drüben das narbige, von einem Wald wirren, braunen Haares umstarrte Kriegergesicht des Grafen Kaspar Schlick, und hier das wasserblaue Augenpaar des Ritters Seitz Siebenburg, des Gatten ihrer künftigen Schwägerin Isabella entgegen.

In lebhaftem Gespräch, lachend und zufrieden, den tollen nächtlichen Ritt, den Cordula von Montfort vorgeschlagen, und der sie auf dunklen Waldwegen, die das Mondlicht nur flüchtig streifte, oft aber auch querfeldein, über Gräben und durch Bäche geführt hatte, ohne Unfall an Mensch und Tier zurückgelegt zu haben, waren sie eingetreten.

Jetzt drängte sich alles um die Gräfin; Seitz Siebenburg aber trat ihr mit so beflissenem Eifer näher, daß die 139 Enden seines ungeheuren Schnurrbartes die Federn auf ihrem Baret streiften, und Boemund Altrosen, der dem kühnen Mädchen eben noch mit dem warmen Entzücken echter Minne in das gerötete Antlitz geschaut hatte, ihm einen drohenden Blick zuwarf.

Auch Els war »der Schnurrbart«, wie man ihren künftigen Schwager nannte, weil er durch den mächtigen Schmuck der Oberlippe unter den anderen bartlosen Rittern auffiel, in der Seele zuwider. Sie wußte, daß er ihr dies Gefühl zurückgab und nichts unterlassen hatte, um die Eltern Eysvogel gegen Wolffs Verlöbnis mit ihr aufzubringen. Jetzt war er einer der ersten, der sie bemerkte, und nachdem er der Gräfin und dann auch denen, die ihm am nächsten standen, sie wußte nicht was, mit einem häßlichen Lächeln zugeflüstert hatte, blickte er so schadenfroh auf sie hin, daß sie leicht erraten konnte, zu welcher Deutung ihres nächtlichen Beisammenseins mit dem Schweizer er seine Begleiter zu bestimmen versuchte.

Da flammten die Wangen ihr unwillig auf, und blitzschnell vergegenwärtigte sie sich auch, welch ein Gefallen dieser leichtfertigen Schar, zu deren bestem Zeitvertreib es gehörte, sich an den Fehltritten des Nächsten zu ergötzen, geschehen würde, wenn der Ritter, der sie in diese mißliche Lage geführt oder sie selbst bekannte, daß nicht sie, sondern die fromme Eva Heinz hierher geführt habe. Welch eine Genugthuung für diese leichtlebige Schar, wenn sie einer Jungfrau, von der die Frau Burggräfin von Zollern gestern dem Schultheißen Pfinzing, ihrem Oheim und seiner Hausfrau gesagt hatte, die Reinheit und Frömmigkeit selbst hätten sich Evas wunderholdes Antlitz zum Spiegel erwählt, dergleichen nachreden durfte! 140 Und wenn Heinz Schorlin nun, um sie, Els, vor üblem Leumund zu schützen, bekannte, daß sie nur hier stehe, um ihr seinen kecken Einbruch in ein ehrbares Haus zu verweisen?

Das mußte verhütet werden, und Heinz schien sie zu verstehen; denn nachdem ihr Auge dem seinen begegnet war, hatte sein ratloser Frageblick ihr gesagt, daß er es ihr überlasse, einen Ausweg aus dieser Fährnis zu finden.

Auch die fröhliche Gesellschaft, die jetzt erkannte, daß sie die nächtliche Zusammenkunft eines Liebespaares störte, war nicht sogleich mit sich einig, wie sie sich hier zu verhalten habe, und unversehens machte, während eines das andere fragend anschaute, peinliches Schweigen ihrer lauten Fröhlichkeit ein Ende.

Doch die verlegene Stille sollte nicht lange dauern, und was sie unterbrach, schien Els das Schlimmste in Aussicht zu stellen; war es doch ein helles, übermütiges Auflachen, das aus dem Munde derselben Cordula Montfort kam, der Els eben als der einzigen ihres Geschlechtes, die hier war, ratlos und mit einem um Hilfe flehenden Blick in die Augen geschaut hatte.

War Evas Abneigung gegen die Gräfin berechtigt, und stand sie im Begriff, ihre mißliche Lage schadenfroh zu benutzen, um sie zu verhöhnen?

Waren die beiden gestern auf dem Tanze an einander geraten, und nahm Cordula jetzt die Gelegenheit wahr, durch die Demütigung der älteren die jüngere Schwester zu strafen?

Uebrigens klang ihr Lachen nichts weniger als hämisch, sondern vielmehr recht frisch und natürlich. Die reinste Heiterkeit schaute ihr aus den guten, grauen Augen, 141 während sie so derb und fröhlich in die Hände klatschte, daß die Falkenkettlein an den Stulpen ihrer Reithandschuhe zusammenrasselten.

Und was war das?

So aufmunternd heiter und vertraulich blickte keiner einen andern an, dem er weh zu thun wünschte, wie Cordula jetzt Els und Heinz Schorlin, der neben ihr stand. Höchst befremdlich erschien anfangs den beiden Ueberraschten freilich, was sie den Anwesenden mit so lautem Frohlocken zurief, als gelte es sich eines Sieges zu rühmen; doch daß es nicht böse gemeint war, fühlten sie von Anfang an. Bald erkannten sie aber auch die wahre Meinung des Berichtes der Gräfin, und Els schämte sich, von ihr, deren Verteidigerin sie doch immer gewesen war, etwas Böses befürchtet zu haben.

»Gelungen, Herr Ritter, köstlich gelungen!« lautete der erste Satz, den sie Heinz zurief.

Dann wandte sie sich an Els und frug sie nicht weniger lebhaft: »Und Ihr, meine schöne Jungfrau und vielgestrenge Hausgenossin, wer gewann nun die Wette? Bleibt Ihr immer noch der Meinung, es sei ein nicht auszudenkender Gedanke, daß die sittige Tochter eines turnier- und wappenfähigen ehrbaren Geschlechterhauses von Nürnberg sich um Mitternacht mit einem jungen Ritter ein Stelldichein gebe?« Dann wandte sie sich an ihre Begleiter und fuhr in erklärendem, doch immer gleich übermütigem Tone fort: »Das köstliche Braunhaar, das sie jetzt so bescheiden mit dem Kopftüchlein bedeckt, und gar den Ring des Herrn Bräutigam wollte sie verwetten. Mein eigen sollte es sein, wenn es mir glückte, ihr solche schmähliche Unthat vor Augen zu führen. Ich aber war, 142 als die Wette zu stande kam, mit einer geringeren Buße zufrieden; doch nun ich gewann, Jungfrau Ortliebin, müßt Ihr sie zahlen!«

Erstaunt folgten die Anwesenden der niemand verständlichen Rede; die Gräfin aber nickte denen, die ihr am nächsten standen, schalkhaft zu und fuhr fort:

»Wie befremdet ihr dreinschaut! Es könnte mich reizen, eure Neugier, ihr edlen Herren, weniger schnell zu befriedigen, doch nach einem so schönen Vergnügen wie Ihr uns botet, Herr Burggraf, ist man barmherzig. So sollt ihr denn hören, wie ich, klug wie die Schlangen, diesen hochgemuten Ritter« – und dabei streichelte sie Heinz Schorlin den Arm mit der Reitpeitsche – »und auch Euch, Jungfrau Ortliebin, die ich deswegen um Vergebung bitte, arglistig zwang, mir die Wette gewinnen zu helfen. Nichts für ungut, meine edlen Herren! Diese Wette eben war es, die mich nötigte, euch alle so früh von der Kadolzburg und ihren Reizen fortzuziehen, und euch zu bewegen, mir auf dem wilden Ritt durch die Mondnacht zu folgen. Nehmt jetzt den Dank einer Dame mit erkenntlichem Herzen; denn euer Gehorsam half mir die Wette gewinnen. Seht dort meinen schönen, an allen Tugenden reichen, gehorsamen Ritter Heinz Schorlin. Ihm gebot ich bei meinem Zorne, mich um Mitternacht beim Eingang in unser Quartier, das heißt im Soler des Ortliebhofes zu erwarten, und dieser sittsamen Jungfrau und glückseligen Verlobten – möge sie es mir Tollkopf verzeihen! – spiegelte ich vor, es ängstige mich und sei meinem schüchternen Zartsinn peinlich, mich bei der Heimkehr in später Nacht so ganz allein unter lauter Herren in das Haus, das uns gastlich aufnimmt und das 143 Schlafgemach zu begeben, während ich doch den Sultan und seine Mamluken nicht fürchte, wenn ich mit dieser hier in der Hand« – und dabei wies sie auf die Reitpeitsche – »und mit meinem lieben Herrn Vater mir zur Seite, auf den eigenen Füßen stehe, die nicht so gar klein sind, aber wohl beschuht und standfest. Und weil man ja andere gern nach dem eigenen Maße mißt, glaubte mir die sittig schüchterne Jungfrau, und die arme Cordula, die allerdings nur ihre Zofen und keine rechte weibliche Beschützerin mit hieher nahm, und die darum auch in der That darauf verzichten mußte, bei der Heimkehr von einer Achtung gebietenden Frau empfangen zu werden, wandte sich nicht vergeblich an das barmherzige Gemüt ihrer schönen Hausgenossin. Fürsorglich versprach sie mir, beim Nahen der Rosse in den Soler zu steigen, um das heimkehrende, von lauter Luchsen, Wildkatzen, Füchsen und Wölfen umlauerte Lamm zu empfangen und es in die sicheren Hürden – wenn man dies stattliche Haus so nennen darf – zu ziehen. – Beide aber, der Ritter Heinz Schorlin wie die Jungfrau Elisabeth Ortliebin hielten Wort und trafen hier – höchlich überrascht sollt' ich meinen, da sie meines Wissens einander noch nie vorher begegneten – zu meinem Empfang und damit auch zu einer Begegnung zusammen, die ich, – wie laut sie dem auch widersprechen mögen – ein nächtliches Stelldichein nenne. Meine Wette aber, schönes Kind, ist gewonnen, und Ihr werdet mir morgen das köstlich geschnitzte Elfenbeinkästlein ausliefern, wonach mir der Sinn stand, während ich mein Armband behalte.«

Hier schwieg sie, ohne der heiteren Drohungen, der Rufe des Erstaunens und des Gelächters ihres Gefolges zu achten.

144 Während aber ihr Vater sich auf den starken Leib schlug und in hellem Entzücken einmal über das andere ausrief: »Ein Ausbund von einem Weibsbild!« und Seitz Siebenburg ihr in bitterer Enttäuschung zuraunte: »Die vierzehn heiligen Nothelfer können von Euch lernen, was der Rettung unwert und wohl auch schon an ihr verzagte, aus der Klemme zu ziehen,« bemühte sie sich, der jungen Hausgenossin, die sie lieb gewonnen hatte und von der sie sicher zu wissen meinte, daß sie nur ein grausames Ungefähr mit Heinz Schorlin, der doch vielleicht um ihretwillen gekommen war, hier zusammengeführt haben könnte, Zeit zu größerer Sammlung zu verschaffen, und fuhr darum ruhiger fort: »Jetzt aber, Jungfrau Ortliebin, will ich mich ernstlich Eures Schutzes und Geleites durch das finstere Haus bedienen, und dabei sollt Ihr mir berichten, wie Euch Ritter Schorlin empfing, und was während des Wartens in Gutem und Bösem zwischen euch vorging.«

Da faßte sich Els und sagte laut genug, um von den Anwesenden verstanden zu werden: »Auf Euch, Gräfin Cordula, führte uns die Rede, und der Ritter meinte . . .«

»Ich nahm mir heraus,« fiel Heinz der neuen Verbündeten ins Wort, »Euch, Gräfin, nachzusagen, daß Ihr es zwar wohl verstündet, einem armen Ritter ein Licht über die eigene Einfalt aufzustecken, daß aber unter keinem Mieder in der Schweiz, in Schwaben und Franken ein freundlicheres Herz als das Eure pocht.«

Da schlug ihm Cordula mit der Peitsche leicht über die Schulter und lachte: »Wer erlaubt Euch, auf einem so weiten Landstriche den Weibsbildern unter die Mieder 145 zu schauen, Ihr Taugenichts, Ihr! Wäre ich an Stelle der Jungfrau dort gewesen, ich hätte Euch wegen des nächtlichen Einfalls in ein ehrbares Haus . . .«

»O teure Gräfin,« unterbrach sie hier Heinz, und was er sagte, trug so deutlich den Stempel der Wahrhaftigkeit und des wirklich Erlebten, daß auch der Ritter Siebenburg stutzig wurde, »wenn ich auch stets geneigt bin, Euch dankbar zu sein, – für den Empfang, der mir allhier von dieser Jungfrau zu teil ward, kann ich mich selbst gegen die huldreichste Wohlthäterin nicht zur Erkenntlichkeit bequemen. Denn, bei meinem Heiligen, wie ein schlimmer Dieb und Einbrecher ward ich von ihr des Hauses verwiesen.«

»Recht so,« rief die Gräfin. »Ich hätt' es Euch noch schärfer gegeben! Nur wär' Euch manches scharfe Wort erspart geblieben, wenn Ihr gleich bekannt hättet, daß ich es bin, die Euch hieher rief. Morgen hab' ich mit Euch zu reden, und – nicht wahr, Jungfrau Els – Ihr laßt ihn den Verlust der Wette nicht büßen und übt das Hausrecht in milderer Weise?«

Dabei schaute sie der andern mit einem so vielsagenden Blick ins Auge, daß Els fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, und der Drang, diesem trügerischen Spiel ein Ende zu machen, sich mit schwer zu bewältigender Macht in ihr regte. Nur der Gedanke an Eva schloß ihr die Lippen.

 

 

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