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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Der stumme Wanderer in der Höhe hatte gehofft, sich da unten an einem ganz andern Anblick zu weiden als an der Zusammenkunft zweier Männer. Für eine solche hätte es weder seines reinsten, vollsten Lichtes, noch einer blühenden Linde bedurft.

Jetzt nahm er wahr, wie der junge Nürnberger dem Schweizer nachschaute und wie dabei die mannhaften Züge Wolffs den Ausdruck so tiefer Unruhe und Seelenpein annahmen, daß er ihm leid that. Nicht einmal zu dem Fenster der schönen Braut blickte der junge Mann wie sonst in die Höhe; – nur nach der Stelle schaute er hin, wo der neue Bekannte sich mit einem andern unterredete, oder sorgenvoll zu Boden.

Es war Wolff, da er des Ritters Schorlin gedachte, als habe das Schicksal ihm den Schweizer in den Weg geführt, damit er den Stich der Dornen doppelt schmerzlich empfände, mit denen sein Lebensweg besät war. Dem jungen Ritter reichte es die Rose ohne den Stachel. Was focht ihn wohl an? Die Gegenwart warf ihm das Schönste in den Schoß, und wenn er in die Zukunft 112 schaute, gewahrte der Ritter dort gewiß nichts als fröhlich sprießendes Hoffnungsgrün.

Und dies Glückskind hatte den Wunsch geäußert, mir ihm zu tauschen! Der Gedanke aber, daß auch viele andere gewiß gern an seine Stelle getreten wären, quälte Wolffs redliches Herz, als hätte er selbst die Täuschung dieser Kurzsichtigen verschuldet.

Wenn er von der Kraft und Gesundheit, dem wohlgebildeten Körper, der adeligen Geburt, dem Glauben an die Minne der Geliebten absah, – wie viel das sei, vergaß er zu dieser Stunde – fand er nichts an sich, was ihm wert erschienen wäre, darnach zu trachten.

Selbst der spiegelblanken Redlichkeit durfte er sich nicht mehr mit der nämlichen schönen Sicherheit freuen, wie vor seinem Verlöbnis.

Ja, er war der Tochter des alten wackeren Berthold Vorchtel gut gewesen wie einer Schwester. Er hatte selbst gern geglaubt, daß Ursula seine Hausfrau zu werden bestimmt sei, doch es war zwischen ihnen weder von Liebe noch von einer künftigen Ehe je die Rede gewesen. Er hatte sich frei gefühlt und sich so fühlen dürfen, als die Minne für Els Ortliebin ihn so schnell und mächtig ergriff.

Dennoch begegnete ihm Ursula und ihr ältester Bruder, als hätte er schnöden Verrat an der Jungfrau geübt. Darüber half ihm indes das reine Gewissen immer noch leichter hinweg, als über das andere, was er an dem langersehnten Tage erfuhr, an dem der Vater ihn zum Teilhaber seines alten Handelshauses erhob und ihm Einblick in den Stand des Vermögens und den Lauf der Geschäfte gewährte.

113 Da hatte er erfahren, wie große Verluste die letzte Zeit dem Hause gebracht und in wie traurigem Mißverhältnis der große Glanz, mit dem Vater und Mutter, und ihnen voran die gräfliche Großmutter, den Schein des alten fürstlichen Reichtums aufrecht erhielten, zu den Abschlüssen der letzten Jahre stand.

Wenn er sich eben noch vor dem leichtfertigen jungen Ritter gerühmt, dem Spiele abgesagt zu haben, so hatte er nur die halbe Wahrheit gesagt; denn war ihm auch seit der Lehrzeit in Venedig und später auch zu Mailand kein Würfel mehr in die Hand gekommen, hatte er sich doch gezwungen gesehen, einer Reihe von Unternehmungen des Vaters zuzustimmen, bei denen es sich um ganz andere Einsätze handelte, als beim Spiele der Ritter und Herren im Grünen Schild oder im Lagerzelte.

Dennoch war er willens, das Schicksal eines geliebten Wesens an das seine zu knüpfen; ja Els wäre schon jetzt, trotz des Widerstandes der Seinen, unzertrennlich mit ihm verbunden gewesen, hätte ihm nicht ein Fehlschlag nach dem andern den Mut, ihr die Hand zu reichen, gebrochen. Endlich war es ihm ratsam erschienen, den Abschluß der letzten großen Unternehmung, der nahe bevorstand, abzuwarten. Manches, was die letzten Jahre verschuldet, konnte er wieder gut machen. Gestaltete er sich günstig, dann war ihm der schwerste Stein von der Seele gewälzt; im entgegengesetzten Falle mußte das alte Haus ins Wanken geraten. Aber selbst sein Fall wäre ihm leichter erträglich gewesen, als diese grausame Ungewißheit, zu der das peinigende Mißgefühl sich gesellte, die Verantwortlichkeit für Dinge mit zu tragen, die er nicht verschuldet und die es ihm dazu ganz klar zu überschauen 114 versagt war. Fühlte er doch mit voller Gewißheit, daß der Vater ihm mancherlei, und vielleicht das Schlimmste, verbarg. So war es ihm denn oft, als wandle er im Dunkeln über eine morsche Brücke. O, wenn es doch sie zu stützen und sie dann neu aufzurichten gelänge! War es aber bestimmt, daß sie zusammenbrach, dann mochte es bald geschehen! Er fühlte die Kraft in sich, ein neues Heim für sich und seine Els zu erbauen. Fiel es auch klein und bescheiden aus, sollte es doch auf festem Grund errichtet werden und sicher darin zu wohnen gestatten.

Was wußte der junge, fröhliche Gesell, der um Eva warb, von solchen Sorgen! Ihn hatte die Schickung auf die Sonnenseite des Lebens gestellt, wo alles gedieh, ihn, Wolff, auf die Schattenseite, wo Gras und Blumen verkamen.

Dem Ruhme wohnt eine Zaubermacht inne, der sich die junge Seele schwer entzieht, und der Name Heinz Schorlin war in der That ehrenvoll und in aller Munde. Mit ihm verband sich die Vorstellung von dem leichten Sinn, mit dem der Erfolg wie ein treuer Genoß Hand in Hand geht, von verdientem und unverdientem Glück, von Frauenhuld und wacker ausgefochtenen Händeln auch mit den Höchsten und Stärksten.

Wie Sonnenschein, der das Widerstreben zerschmilzt, ging es von Heinz aus. Wolff hatte es an sich selbst erfahren. Allen Ernstes war er willens gewesen, den übermütigen Eindringling seinen starken Arm fühlen zu lassen; seit er aber wußte, wer der Schweizer sei, war ihm sein Thun und Wesen in einem neuen Lichte erschienen. Seine Keckheit hatte das Ansehen von Selbstbewußtsein gewonnen, dem es nicht an Berechtigung fehlte, 115 – und als der weidliche Ritter so offenen Herzens wie der jüngere zu einem älteren, verständigeren Bruder mit ihm geredet, da war es ihm gewesen, als wäre ihm, dem Vereinsamten, der sich in der letzten Zeit, ganz von der Sorge um den Lauf des Geschäftes hingenommen, von den Lustbarkeiten, Gelagen und Aufzügen der Altersgenossen fern hielt, etwas besonders Freundliches begegnet. Wie weich und herzlich hatte es geklungen, als Heinz des »Mütterleins« daheim gedacht.

Er, Wolff, hätte dagegen nur mit leiser Bitterkeit der schwachen Frau zu gedenken vermocht, der er das Leben verdankte, die zu lieben ihm Kindespflicht und ein ernster Wille geboten, und die es ihm doch so schwer machte, ihrer anders als in Besorgnis oder gar mit stiller Mißbilligung zu gedenken.

Vielleicht war das Höchste, was der Schweizer vor ihm voraus hatte, die Art und Weise, mit der es ihn von den Seinen daheim zu reden drängte. Wie hätte es einem Wolff Eysvogel auch nur in den Sinn kommen können, die steife, hochgewachsene Frau, die das willenlose Echo ihrer verschwenderischen, hochmütigen gräflichen Mutter war, und die ihm schon beim Morgengruß in Federschmuck und Brokat entgegen rauschte, sein »lieb Mütterlein« zu nennen?

Wem so warme Herzenstöne von den Lippen flossen, wie dem Ritter Heinz, wenn er derer daheim gedachte, der konnte nicht schlecht sein, von dem war nicht zu befürchten, daß er mit einem reinen, unschuldsvollen Geschöpfe wie Eva nur ein frevles Spiel trieb, wie leichtfertig es ihm auch sonst zu reden gefiel.

Auf welchem Wege es Heinz hatte gelingen können, 116 dies fromme, den Tändeleien der Altersgenossinnen abholde Kind so schnell zu gewinnen, erschien ihm unfaßbar; heute aber fehlte es ihm an Zeit, es zu erforschen.

Er mußte fort, denn der Boden brannte ihm längst unter den Füßen. Erst vor wenigen Stunden war der Landfrieden in Kraft getreten, und die großen Wagenzüge aus Italien, von denen er gestern seiner Braut erzählte, ließen immer noch auf sich warten. Was sie von der Marcusstadt an Gewürzen und Gütern der Levante, aus Mailand an Sammet, Seide und feinen Florentiner Tuchen brachten, das stellte an Wert ein großes Vermögen dar. War es zeitig zur Hand, so deckte der Gewinn einen großen Teil des Verlustes der letzten beiden Jahre, und das Haus stand wieder fest.

Kam es zum Schlimmsten, wie würden die Seinen sich in Entbehrung, vielleicht in Dürftigkeit fügen? Die Zornausbrüche der Großmutter fürchtete er weniger; doch die Mutter, die schwache, wie ein Kind von der ihren abhängige Mutter! Er liebte sie dennoch; tief innerlich fühlte er es angesichts der schweren Demütigung, die ihr drohte. Auch seine Schwester Isabella war ihm teuer, trotz ihres Gemahls, des zügellosen Ritters Siebenburg, in dessen Händen das Geld fortschmolz, das die Kasse des Hauses ihm zahlte, und den dennoch ein Berg von Schulden bedrückte.

Daheim hatte Wolff befohlen, sein Roß bereit zu halten. Er war willens gewesen, seiner Els nur einen Gruß zuzuwinken und dann den Wagen nach Neumarkt, mußte es sein bis nach Ingolstadt, entgegen zu reiten.

Noch ein Wort des Abschiedes an den neuen Bekannten, der doch wohl bestimmt war, sein Schwager zu 117 werden, – und dann . . . Aber da trat Heinz schon auf ihn zu, und auf Wolffs leise Frage: »Und die Farbe Eurer Dame?« versetzte jener fröhlich, indem er auf die Brustöffnung seines Wamses wies: »Ich trage den Boten, der sie mir zu künden verheißt, hier auf dem Herzen. Im Dunkeln war er stumm; doch das helle Mondlicht dort drüben löst ihm die Zunge, wenn anders die Schrift hier von der des Gebetbuches nicht gar zu weit abweicht.«

Damit zog er Evas Briefröllchen hervor, näherte sich damit einer hell beleuchteten Stelle, wies auf das Band, womit es verschlossen war, und rief: »Sie bediente sich zum Binden doch wohl keiner andern als der eigenen Farbe. Blau, das köstliche, reine Blau ihrer Augen! Ich dacht' es! Vergißmeinnichtblau! Die allerschönste der Farben. Ihr müßt meiner Ungeduld vergeben!«

Damit wollte er zu lesen beginnen; Wolff aber hielt ihn zurück, indem er auf den Ortliebhof und zwei angetrunkene Soldknechte wies, die singend und schwankend aus der Schenke »Zum durstigen Reisigen« auf der andern Seite der Straße kamen. Dann bot er Heinz die Hand zum Abschied und frug leise, indem er auf die aus dem Dunkel hervortretende Gestalt Biberlis wies, wer der Liebesbote sei, der ihn so trefflich bediene.

»Mein Schatten,« antwortete der Ritter. »Ich löste ihn mir von den Fersen und ließ ihn dort stehen. Aber nichts für ungut, Herr Wolff Eysvogel; Ihr lernt den wunderlichen Heiligen schon kennen, wenn es Euch wie mir daran liegt, daß wir einander nicht nur auf eisernen Ketten, sondern im Guten recht oft wieder begegnen.«

»Nichts sollte mich herzlicher freuen,« entgegnete der 118 andere. »Doch wie in aller Welt konnte es geschehen, daß diese wohl behütete Veste sich Euch nach so kurzer Gegenwehr . . .«

»Heinz Schorlin reitet schnell,« fiel ihm der Schweizer ins Wort; Wolff aber rief: »Auch meiner wartet ein rascher Ritt, – wenn auch von anderer Art. Kehr' ich heim, so bleibt Euch ungeschenkt, mir zu vertrauen, wie Ihr Euch meine Schwägerin Eva, unsere ›kleine Heilige‹, gewannet. Die beiden schönen Ortlieb-E sind wie ein Ding in den Augen der Leute, – und so werden auch wir oft neben einander genannt werden und gut thun, brüderlich zusammen zu halten. An mir soll's nicht fehlen. Auf Wiedersehen, will's Gott in und nicht wieder vor dem Hause unserer Damen.«

Damit nahm er die Hand des Ritters so fest in die seine, als wollte er ihn zwingen, ihren Druck noch lange nachzuempfinden, und eilte dann dem Frauenthore entgegen.

Kurze Zeit schaute Heinz Schorlin ihm sinnend nach. Dann winkte er Biberli, und obgleich es nur recht kurzer Zeit bedurfte, ihn an die Seite des Herrn zu führen, genügte sie doch, um den verwegenen, von heißer Sehnsucht gequälten jungen Liebenden auf einen neuen Anschlag zu bringen.

»Schau dort hin, Biber!« rief er dem Diener zu. »Das Weihbecken am Thürpfosten, das Wappen mitten auf der Oberschwelle, die Helmzier, die wohl auch meine Last trägt . . . Bis auf das Fenstersims reicht die Hand, und halt' ich es erst, gilt es nur einen wackern Sprung, und, heidi! ich bin oben.«

»Unser heiliger Patron sei uns gnädig!« rief der Diener entsetzt. »Hinauf könnet Ihr freilich so gut, wie 119 Ihr mit gleichen Füßen über zwei Hengste fortsetzt; aber beim Herunterkommen ging' es gewiß ein gut Stück tiefer, als es Euch lieb wär'. Ins Loch, wie sie den Kerker hier nennen, und dazu wohl auch, wenn auch erst später, geradewegs in die glühende Hölle; denn Ihr hättet Euch gegen eine fromme, an allen Tugenden reiche Jungfrau, die Euch ihrer Minne wert hielt, sündlich vergangen. Und was mehr bedeutet: Es sind der E zwei. Sie teilen das Gemach mit einander, und das Haus steckt voller Knechte und Mägde.«

»Schulmeister,« schalt der Ritter verdrießlich.

»Das war der Biberli freilich einmal,« entgegnete der Diener, »und der Frau Mutter daheim zu liebe wollt' ich, ich wär' es noch, und Ihr, Herr Heinz, hättet mir als ein gehorsamer Schütze zu folgen. Daß ich ihren heiligen Namen nur gar selten gegen Euch ausspiele, muß Euch bewußt sein; hier aber thu' ich es dennoch, – und wenn Ihr sie im Herzen tragt und wollt Euch nicht zum verderblichen Habicht machen an dem arglosen Täublein da oben, so kehrt dieser Stätte den Rücken, an der wir schon zu lange verweilten.«

Aber diese wohlgemeinte Warnung schien die Aufmerksamkeit dessen, für den sie bestimmt war, nur oberflächlich gefesselt zu haben; denn plötzlich riß er mit einem frohen »Da ist sie!« die Kappe vom Haupte und grüßte mit ihr zum Fenster hinauf.

Schon nach wenigen Augenblicken setzte er sie indes mit einer unwilligen Handbewegung wieder an die alte Stelle zurück und sagte verdrießlich: »Verschwunden! Weil sie Deiner ansichtig wurde, wagte sie nicht einmal, mir einen Gruß zu vergönnen.«

120 »Dafür,« atmete der Diener auf, »laßt uns dem grundgütigen Himmel danken und loben, und da ja unser Herr und Heiland Knechtesgestalt annahm, ist für den armen Biberli die einer Vogelscheuche, als welche er sich eben trefflich bewährte, immer noch viel zu schön und zu vornehm.«

Dabei ging er dem Ritter voran und sagte, indem er auf die Schenke »Zum durstigen Reisigen« neben dem Frauenturm wies: »Ein grüner Busch an der Thür. Das deutet, wenn der Wirt kein Schelm ist, auf frischen Anstich. Ob mir nun die Zunge am Gaumen klebt wegen der Angst vor Eurem allzu schnellen Mute, oder ob es hier herum wirklich so grausam schwül ist?«

»Jedenfalls,« unterbrach ihn Heinz, »wird uns beiden ein Becher Wein nicht schaden; denn ich spüre jetzt selbst, wie drückend die Luft ward. Außerdem ist es hell in der Schenke, und wer weiß, was das Brieflein mir kündet.«

Damit schritten Sie an der Mündung der St. Klarengasse vorbei auf den grünen Busch zu, der an einer Stange weit in die Straße hineinwies.

In der Schenke saßen hier Kriegsknechte der Stadt, dort Reisige des Kaisers und fürstlicher Herren, die zum Reichstage gekommen waren, beim Weine. An der Decke hingen zwei gekreuzte Dreiecke von Eisen, die zusammen einen sechsstrahligen Stern bildeten. Die heruntergebrannten Talgkerzen, die er trug, spendeten im Bunde mit einigen Kienspänen in den Ecken dem langgestreckten Raume nur spärliches Licht.

In einer Nische, zu der sich die Hinterwand in der Mitte vertiefte, fanden Herr und Diener an einem leeren Tische, abgesondert von den übrigen Gästen, Platz.

121 Ohne sich um das Zetern und Fluchen, den rauhen Gesang und das wüste Geschrei, das Dröhnen der Fäuste auf eichenen Tischplatten, das wilde Gelächter trunkener Reisiger, das Kichern und Kreischen der Schenkmädchen und das Schelten und befehlshaberische Rufen des Wirtes zu kümmern, bestätigten sie einander, daß der grüne Busch nicht gelogen; denn der gute Wein kam in der That aus einem frisch angestochenen, eben erst dem Keller enthobenen Fäßlein. Da aber die Nische nur von dem Oellämpchen unter dem mit Blumen, mit Gold- und Silberflittern ausgeputzten Gnadenbilde an der kleinen Hinterwand beleuchtet wurde, bestellte Biberli bei dem müden Schenkmädchen helleres Licht.

Als die Dirne sich entfernte, seufzte er tief auf und sagte: »O, Herr, wenn Ihr wüßtet! Selbst jetzt noch, da wir wieder unter Menschen weilen und der Wein mich erfrischte, ist es mir, als nagten mir Ratten an der Seele. Das Gewissen, Herr, das Gewissen!«

»Im Rosengarten der Frau Minne,« versetzte Heinz munter, »ließest auch Du sonst die Elf gerade sein, alter Biber. Uebrigens soll man auch mir nächstens ein T und ein St in das Wams sticken; denn – Wo das Licht nur so lange bleibt? Noch ein Becher, der Brief, und mit erfrischter Kraft geht es wieder hinüber.«

»Um Gott!« fiel ihm Biberli wieder ins Wort. »Sprecht, ja denkt nicht einmal aus, was Ihr da wieder Verwegenes im Schilde führt! Ist es nicht schon wie ein Wunder, daß keiner von den vielen Ortliebschen und Montfortschen Dienstboten Euch in den Weg trat? Ein zweites am nämlichen Abend darf doch auch ein Sonntagskind, das Ihr, Herr, ja seid, kaum erwarten. Tritt es 122 aber nicht ein, und Ihr kehrt unter das Fenster drüben zurück, dann werdet Ihr erkannt und vielleicht sogar ergriffen, und dann . . . O Herr, bedenkt das. Dann belastet Euch zeitlebens der Vorwurf, einer Jungfrau, die Ihr selbst als holdselig erkanntet, als fromm und rein, Schande gebracht zu haben und bitteres Herzleid. – Und auch mir, der Euch treulich dient im Auftrag der Frau Mutter, sowie der armen Magd, die mir zu Gefallen für Euch eintrat bei ihrer Herrin, geht es an Hals und Kragen, wenn man Euch beim Einsteigen ins Fenster oder bei einer ähnlichen Unthat ergreift; denn in dieser Stadt sind sie gar schnell bei der Hand mit dem Pranger, dem Stein um den Hals, der Folter und der Zunge aus dem Munde, wo sie einen bei Zwischenträgerei im Minnedienst ertappen.«

»Sonst, Alter,« bemerkte Heinz mit leisem Vorwurf, »verstand es sich ja für uns beide von selbst, auch wenn wir bei dergleichen das Unsicherste wagten, uns sicher nicht erwischen zu lassen. Doch auch mir lastet, ehrlich gestanden, ich weiß nicht was auf der Seele. Ganz wirr und sonderbar ist mir zu Mute. Lieber wollte ich ja dem Gnadenbilde dort die Krone vom Haupte reißen, als dieser süßen Unschuld etwas anzuthun, wofür sie mir nicht zu danken vermöchte.«

Hier stockte er; denn das Schenkmädchen brachte einen Doppelleuchter, an dem zwei dünne Unschlittkerzen brannten.

Ungesäumt entfaltete Heinz nun das Röllchen.

Wie fein waren die Schriftzüge, die es bedeckten! Mit eigener Hand hatte die Herzliebste sie dem Papier anvertraut, und da der Ritter sie überschaute, wogte ihm das Blut heiß durch die Adern. Es war ihm, als halte 123 er ein Stück ihres eigenen Wesens in der Hand, und einer schnellen Regung gehorsam, küßte er den Brief.

Dann begann er sich eifrig in die Schrift zu versenken, doch eine so feine, seltsam geformte hatte er noch nicht gesehen.

Schon die Entzifferung der ersten Zeilen, in denen sie ihn zwar einen frommen Ritter nannte, ihm aber auch erklärte, daß seine Keckheit ihr zum Aergernis gereiche, bereitete ihm schwere Mühe, und manchmal mußte Biberli helfen.

Ob sie ihn auch mit den Lippen so unhold zurückgewiesen hätte, wie mit dem Schreibrohr? War es möglich, daß sie ihm wegen einer Forderung, die sich doch jeder Liebende an seine Dame zu stellen vermaß, die Gunst entzog, die ihn so glücklich machte? O ja; denn die Unschuld ist von zartem Stoff und empfindlich. So hatte sie ihn abweisen müssen! Im stillen freute es ihn, sie die holde Sittsamkeit, die ihn so tief entzückt hatte, auch jetzt bewähren zu sehen. Er mußte Gewißheit über den weiteren Inhalt des Briefes haben, und der Schulmeister war zur Hand und konnte sie ihm sogleich verschaffen.

Freilich bereiteten die schnell hingeworfenen Sätze auch Biberli einige Schwierigkeiten; nachdem er aber den ganzen Brief überflogen, rief er mit selbstzufriedenem Schmunzeln: »Was ich voraussah! Auf den ersten Blick sollte man denken, das fromme Jungfräulein hätte nicht seinesgleichen; faßt man es aber näher ins Auge, sieht es den anderen schönen Fräulein dennoch so ähnlich wie ein Ei dem andern. Mit gutem Recht und aus weislicher Vorsicht verbittet sie sich das Verweilen des 124 sehnsüchtigen Ritters unter ihrem Fenster; für ein artiges Stelldichein an einem sicheren Plätzchen ließe sich dagegen schon etwas wagen. Das ist weise für so junge Jahre und dazu menschlich und weiblich. Ich weiß nicht, warum Ihr deswegen die Stirn so gar kraus zieht. Seit die erste Eva aus einer krummen Rippe hervorging, ist all ihren Töchtern der krumme Weg der genehmste. Aber hört nur zuerst, was sie schreibt!«

Damit begann er, ohne des finsteren Ansehens seines Herrn zu achten, die Vorlesung des Schreibens.

Gespannten Ohres lauschte Heinz, und nachdem er vernommen, daß die Geliebte nicht allein, sondern nur unter dem Schutz einer Freundin und ihrer Heiligen mit ihm zusammen zu treffen begehre, als er sie zwar ihre Farbe nennen, sie aber dabei die Erwartung aussprechen hörte, er werde als frommer Ritter zur Ehre der gnadenreichen Jungfrau für sie streiten, heiterte sich sein Antlitz wieder auf.

Während Biberlis spöttischer Bemerkungen war es ihm gewesen, als hätte ein Sturmwind ihr reines Bild in den Staub geworfen. Nun er aber wußte, was sie von ihm verlangte, begab es sich wie von selbst auf den alten Platz zurück, und aufatmend fühlte er, daß er sich der Empfindungen nicht zu schämen brauche, die dies wunderbare junge Geschöpf in ihm erweckte. Wie eine vertraute Schwester dem älteren Bruder hatte sie ihm das fromme Herz geöffnet, und was er da zu sehen bekommen, war etwas ganz Besonderes, waren Dinge gewesen, die auch ihm von Kind an heilig erschienen. Da er im Tanzsaale Abschied von ihr genommen, war es ihm gewesen, als hätte der Himmel diesen seinen Liebling nur der Erde 125 geliehen, und als müßten sich unter ihrem Brokatgewande Engelsflügel verbergen. Durfte es ihn wundern, wenn sich die reine Frömmigkeit, die ihr ganzes Wesen erfüllte, auch in ihrem Schreiben aussprach, wenn sie ihn nicht zu eitlem Minnespiel, sondern zu einem Bündnis der Seelen, zu gemeinsamem Kampf für das Höchste und Heiligste einlud? Dergleichen war einem Biberli unverständlich; er aber durfte trotz ihres Briefes, ja mit um seinetwillen, immer noch sehnsüchtig wünschen, sie dem Mütterlein daheim zuzuführen und sie von der verehrten Frau segnen zu sehen.

Zum andern- und zum drittenmal ließ er sich ihren Brief vorlesen. Als Biberli aber schloß und der Schreiberin in kurz hingeworfenen Sätzen mit neuen Zweifeln gedachte, schnitt ihm Heinz unwillig das Wort ab: »Wonach das fromme Herz einer reinen Jungfrau sich sehnt, das hat – merk es Dir! – nichts mit der teuflischen Lust an heimlichem Minnespiel zu schaffen, wonach andere trachten. Sündlich war mein Verlangen, zu ihr zu dringen, und es wurde hart genug bestraft; denn bei Deinem rohen Spott war mir zu Mute, als hättest Du mir das Haus über dem Kopfe angezündet. Daraus aber erkenne ich gerade, an einer wie unantastbar heiligen Stätte ihr Bild hier drinnen Platz fand. Dir freilich ist es versagt. dem hohen, dem Himmel zugewandten Verlangen einer reinen Seele zu folgen . . .«

»O Herr,« unterbrach ihn hier der Diener mit abwehrend erhobenen Händen, »wer war es denn, der Euch anflehte, diese holdselige Tochter eines sittsamen Hauses, die die Kinderschuhe kaum auszog, nicht mit gleichem Maße wie die anderen zu messen? Wer beschwor Euch, 126 ihres guten Leumunds zu schonen? Und wenn Ihr denkt, der Stoff, aus dem der Herrenknecht gemacht ist, sei zu grob, um zu verstehen, was ein so feines Seelchen bewegt und sich wünscht, so thut ihr dem Biberli unrecht; denn bei meinem Heiligen, wenn es mir auch die Pflicht gebot, mich mit Zweifeln und Bedenken zwischen Euch und eine Leidenschaft zu drängen, aus der doch schwerlich etwas erwächst, was der Frau Mutter zur Freude gereicht, so warf sich doch auch mir die Frage auf, warum es in dieser Zeit eine fromme Jungfrau nicht reizen sollte, ihre Bekehrungskunst an einem ihr gewärtigen weidlichen Ritter zu versuchen? Strömen doch, seit der heilige Franz von Assisi in Welschland aufstand, barfüßige Mönche und graue Nonnen, die es jenen nachthun: Franziskaner und Klarissinnen, hier ein wie das Wasser in den Mühlgang, wenn die Schleuse sich aufthut. Wie auferbaut lauschten doch auch wir dem alten Minoritenbruder, den wir am Wege aufgelesen hatten, in der Herberge, wo wir sonst nur Lust hatten an Trunk, Spiel, Geschrei und Gesang. Von meinem Mädchen weiß ich ja ohnehin, mit wie ausbündiger Frömmigkeit die Jungfrau Eva der heiligen Klara ergeben.«

»Die jetzt auch meine Patronin ist und bleiben wird, alter Biber,« unterbrach ihn Heinz froh bewegt, legte dem Diener dankbar und beruhigt die Hand auf die Schulter und setzte, während er sich erhob und der Schenkin winkte, heiter hinzu: »Der Stoff, Alter, aus dem Du gemacht bist, steht hinter keinem andern zurück. Nur der Schulmeister in Dir spielt Dir dann und wann einen Streich. Wärst Du von vornherein mit der wahren Meinung hervorgetreten, der Wein hätte uns beiden besser gemundet. 127 Mag Eva doch das Bekehrungswerk an mir versuchen! Was steht mir, außer der Minne meiner Dame, denn jetzt schon höher als unser heiliger Glaube? Für ihn und gegen seine Feinde ins Feld zu reiten, das muß eine Lust sein!«

Damit zahlte er die Zeche und trat mit dem Diener ins Freie.

Der Mond ergoß jetzt sein silbernes Licht voll und hell über die stille Straße, die Linde vor dem Ortliebhofe und seinen hohen Giebel. Nur ein Gemach in dem großen schlummernden Hause war noch beleuchtet; das der Schwestern mit seinem Erker.

Heinz schaute, ohne des neuen Einspruchs Biberlis zu achten, aufwärts und bat dabei Eva im stillen um Vergebung, sie auch nur einen Augenblick verkannt zu haben. Andächtig heftete er den Blick an das offene Fenster, hinter dem sich ein Vorhang bewegte. War es der Hauch der Nacht, der ihn kaum merklich hob und senkte, war ihr liebes Selbst hinter ihm verborgen?

Da fühlte er plötzlich die Hand des Dieners an seinem Arme, und als er seinem entsetzten Blicke folgte, schauderte ihm selbst ein kalter Frost durch die Adern; denn aus der halb geöffneten schweren Hausthür trat eine weiß gekleidete Gestalt mit geisterfahl feierlichem unhörbaren Schritt auf den Vorplatz und ihm entgegen.

War das ein ruheloser Geist, der zur mitternächtlichen Stunde, die nahe sein mußte, der Gruft entstiegen?

Blitzschnell flog ihm durch den Sinn, daß Eva ihm von der kranken Mutter geredet. War sie gestorben? Trat ihre wandelnde Seele ihm entgegen, um ihn von 128 der Schwelle des Hauses zu verscheuchen, das ihr gefährdetes Kind barg?

Aber nein!

Vor der Thür war die Gestalt stehen geblieben, und jetzt hob sie das Haupt und schaute mit weit geöffneten Augen zum Mond in die Höhe, und – er täuschte sich nicht – es war kein Nachtgespenst, es war die, der sein Herz entgegenschlug, es war Eva.

So himmlisch schön wie sie in dem weißen, langen Nachtgewand, über das sich die Wellen des vollen, langen, aschblonden Haares ergossen, war ihm noch kein menschliches Wesen erschienen. Das Entsetzen, das ihn erfaßt, wich dem heißesten Verlangen. Mit der Hand auf dem hoch schlagenden Herzen folgte er jeder ihrer Bewegungen. Wohl trieb und drängte es ihn, ihr entgegen zu treten, doch es war, als lähme ein übermächtiger Bann ihm die Thatkraft. Eher hätt' er gewagt, ein schönes Gnadenbild in die Arme zu schließen, als diese Verkörperung der reinen, hilflosen, holdseligen Unschuld.

Jetzt trat sie selber ihm näher; ihm aber war es, als sei sein Wille gebrochen, und in banger Scheu wich er einen Schritt und dann noch einen zurück, bis die Kette ihn aufhielt.

Da blieb sie stehen und streckte winkend den weißen Arm nach ihm aus.

Dann wandte sie sich wieder dem Hause zu, und er folgte ihr, weil er mußte, weil ihr Wink ihn wie mit magnetischer Kraft ihr nachzog.

Jetzt trat sie in den matt erleuchteten Soler, und dort war es ihm abermals, als fordere ihre erhobene Hand ihn auf, ihr zu folgen. Jetzt – der stürmische Schlag 129 des Herzens hemmte ihm dabei den Atem – setzte sie den kleinen weißen Fuß auf die erste Stufe der Treppe, jetzt stieg sie aufwärts ihm voran und immer voran bis zum ersten Absatz der Stiege. Hier blieb sie stehen und wandte das Antlitz dem offenen Fenster zu, durch das die Strahlen des Mondes in das Treppenhaus strömten und ihr Haupt, ihre Gestalt und alles ringsum mit sanftem Lichte umwoben.

Heinz folgte ihr von Stufe zu Stufe, und es war ihm, als tose ihm ein brausendes Meer vor dem Ohre, als tanzten ihm flimmernde Funken vor den sehnsüchtig spähenden Augen.

Wie er sie liebte! Wie gewaltig die Sehnsucht war, die ihn ihr nachzog! Und dennoch war eine andere Empfindung mit noch mächtigerer Kraft in ihm lebendig: Schmerz, redlicher, ihm tief in die Seele schneidender Schmerz, daß sie ihm hatte winken können, daß es ihm gestattet war, ihr zu folgen, daß sie ihm gewährte, was er nie gewagt hätte von ihr zu fordern. Ja, als auch er den Fuß auf die erste Stufe setzte, war es ihm, als stürzte der Tempel, der sein Heiligstes umschloß, dröhnend und krachend zusammen, und eine innere Stimme rief ihm ein lautes: »Fort, fort von hier!« zu. »Für das Reinste und Höchste,« fuhr sie fort ihn zu mahnen, »willst Du hier umtauschen, was Dich morgen schon mit Kummer und Abscheu erfüllt. Dein Bestes und Heiligstes gibst Du hin, um zu ernten, was sich Dir auf allen Wegen an die Brust wirft. Fort, fort Du armer Betrogener, bevor es zu spät ist.«

Aber wenn er auch gewußt hätte, daß es die Teufelin Venus selbst sei, die dort in Evas Gestalt vor ihm 130 herzog, der Zauber ihrer unsagbaren Schönheit hätte ihn dennoch gezwungen, ihr zu folgen, und wenn auch der Hörselberg, der Tod, die Hölle das Ziel war.

Am zweiten Treppenabsatz blieb sie abermals stehen und lehnte sich dort an einen Pfeiler. Wiederum wandte sie sich dem offenen Fenster entgegen, und als sie die Arme hochhob und sie dem Monde entgegenstreckte, in dessen silbernem Glanz sie wie Marmor glänzten, als Heinz wahrnahm, wie ihre Lippen sich regten, und als der eigene Name ihm von ihnen entgegenklang, da war es um seine Fassung geschehen.

»Eva!« rief er ihr mit leidenschaftlicher Inbrunst entgegen und streckte den Arm aus, um sie zu umfangen; doch bevor er sie noch berührte, entrang sich ihrer Brust ein verzweiflungsvoll weher, von den Wänden des Treppenhauses laut widerhallender Schrei.

Der Klang ihres eigenen Namens hatte die Fäden zerrissen, mit denen sie von der geheimnisvollen Gewalt des Mondlichtes vom Lager, in das Haus, ins Freie und wieder auf die Treppe zurückgezogen worden war.

Der Schlaf samt dem Traume, der sie mit ihm umfangen, wichen von ihr, und schaudernd erkannte sie, wo sie war, sah sie den Ritter vor sich, ward ihr bewußt, daß sie im Nachtgewand, mit aufgelöstem Haar, in bloßen Füßen die Kammer verlassen, und außer sich vor Entsetzen über die unwiderstehliche Gewalt, mit der eine geheimnisvolle Macht sie zwang, gegen den eigenen Willen ihr zu folgen, tief verwundet von der schmerzlichen Empfindung, so weit über die Grenzen der jungfräulichen Züchtigkeit hinausgeführt worden zu sein, verletzt und empört von der Kühnheit des Mannes vor ihr, der es 131 gewagt hatte, ihr nach in das elterliche Haus zu dringen, erhob sie wiederum die Stimme, und diesmal geschah es, um diejenige herbei zu rufen, bei der sie in jeder Lage des Lebens Hilfe zu suchen und zu finden gewohnt war.

»Els, Els!« scholl es die Stiege hinauf, und schon im nächsten Augenblick kam die Gerufene, die bereits den ersten Aufschrei Evas vernommen, die wenigen Stufen, die sie von der Schwester trennten, heruntergeeilt, um ihr Beistand zu leisten.

Ein Blick auf das zitternde Mädchen im Nachtgewand und auf das Mondlicht, das es noch immer umglänzte, lehrte Els, was Eva auf die Treppe gezogen.

Der Ritter mußte sich in das Haus geschlichen und sie hier angetroffen haben. Sie wußte, wer er war, und bevor Heinz noch Zeit gefunden, sich zu sammeln, rief sie der Schwester, die sie, wie Schutz suchend, mit den Armen umschlang, beruhigend zu: »Hinauf, Kind, in die Kammer! Führe sie, Kätterle; ich komme sogleich.«

Während Eva dann am Arme der Gürtelmagd mit zitternden Knieen die Treppe hinanstieg, wandte Els sich an den Schweizer und sagte ernst und entschieden: »Wenn Ihr wert seid Eures Wappens, Herr Ritter, so entrinnt Ihr jetzt nicht feig aus diesem Hause, über dessen Schwelle Ihr Euch mit unrühmlicher Kühnheit schlichet, sondern harret meiner, bis ich wieder zurück bin. Lange sollt Ihr nicht warten. Um Euch selbst und eine andere vor übler Mißdeutung zu bewahren, müßt Ihr mir drunten das Ohr leihen.«

Da nickte ihr Heinz, als stehe er noch immer unter dem Banne des Erlebten, stumm, doch beistimmend zu. Bevor er aber den Gang in den Soler antrat, kam 132 Martsche, die alte Haushälterin, und Endres, der betagte oberste Aufläder, wie sie dem Lager entstiegen waren, jene mit einem Weiberrocke über den Schultern, dieser in eine Pferdedecke gehüllt, ihm entgegengeeilt.

Beide hatte der Aufschrei Evas geweckt; Els aber legte ihnen Stillschweigen gegen jedermann auf und berichtete kurz und schnell, nachdem sie ihnen geboten, sich wieder zur Ruhe zu begeben, daß Eva beim Nachtwandeln diesmal die Straße betreten habe und von dem Ritter dort zurückgeführt worden sei. Endlich rief sie Heinz noch ein kurzes: »Auf sogleich!« zu und begab sich dann zu der Schwester.

 

 

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