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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Eva Ortlieb war nach dem Tanze in der Sänfte nach Hause getragen worden. Ein glückseliges Lächeln hatte ihr dabei die frischen jungen Lippen umspielt.

Es blieb ihr auch treu, als sie in ihrem Gemach die Schwester noch am Spinnrocken fand. Sie hatte die leidende Mutter erst verlassen, nachdem sie die Augen geschlossen, und wartete nun auf Eva, um zu hören, ob dies Fest sich nicht doch weniger unerfreulich für sie gestaltet, als sie gefürchtet, und um ihr, da sie die Gürtelmagd zur Ruhe geschickt hatte, beim Auskleiden zu helfen.

Ein Blick auf die Schwester lehrte sie, daß sie den Festsaal, den sie mit so großem Widerwillen betreten, vielleicht mit noch größerem verlassen; Eva aber, die in der Sänfte entschlossen gewesen war, keinem auf Erden zu bekennen, was ihr das Herz so mächtig bewegte, konnte, als Els sie so liebreich befragte und ihr mit mütterlicher Sorgfalt die Binde vom Baret zu lösen begann, dem mächtigen Drange nicht widerstehen, sie in die Arme zu schließen und mit warmem Ungestüm zu küssen.

Jene ließ es verwundert geschehen; denn wenn die 60 beiden Jungfrauen sich auch innig genug liebten, gaben sie es einander doch, wie die meisten Schwestern, nur selten durch handgreifliche Zärtlichkeitsbeweise zu erkennen. Erst als Eva sie wieder losließ, frug Els in heiterem Erstaunen: »So herrlich also ist es gewesen, mein Mädchen?«

»O. so herrlich!« versicherte Eva mit erhobenen Händen und suchte dabei mit einem strahlenden Blicke die Augen der Schwester.

Doch schon kam ihr in den Sinn, wie wenig es sich für sie schicke, sich zu solcher Lust an einem weltlichen Vergnügen rückhaltlos zu bekennen. Beschämt senkte sie darum den Blick und fuhr in jenem Tone des Mitleids mit sich selbst, der den Ihren nicht fremd an ihr war, leise fort: »Freilich, – so groß der Kaiser auch ist, und wie gnädig er und die Frau Burggräfin sich mir auch erwiesen, anfangs – und nicht nur ein Viertelstündchen, sondern recht lange – konnt' ich zu keiner rechten Freude gelangen. Was sag' ich! Unbeschreiblich beklommen und verlassen kam ich mir vor unter all den fremden, eitlen, prunkenden Menschen. Wie dem Schiffbrüchigen, sag' ich Dir, war mir zu Mute, den die Welle ans Land spült und der da von lauter Leuten umringt wird, deren Sprache ihm fremd ist.«

»Aber halb Nürnberg war ja auf dem Feste,« unterbrach sie die Schwester. »Da hast Du es, Liebling! Wer sich abschließt wie Du und sich auf einen hohen Baum setzt, um hübsch allein zu sein, der bleibt auch verlassen; denn wer wäre ihm wohl gut genug, um sich ihm zu liebe im Klettern zu üben. Aber es scheint ja, als wäre Dir später dennoch diese und jene . . .«

61 »O,« fiel ihr Eva abwehrend ins Wort, »wenn Du denkst, eine Deiner Freundinnen hätte mir mehr vergönnt als einen flüchtigen Gruß, so irrst Du. Nicht einmal die Bärbel, die Ann und Metz kümmerten sich sonderlich um Deine Schwester. Zu der Ursel Vorchtelin hielten sie sich, und sie wie ihr Bruder Ulrich thaten natürlich, als trüg' ich eine Tarnkappe und wäre unsichtbar geworden. Da wurde mir denn so bang, ich kann's nicht sagen, – und da – nun ja, Elsle – da fühlte ich zum erstenmale so recht deutlich, was ich an Dir habe. Wie zuwider ich Dir auch manchmal bin, trotz all Deiner Güte und Sorge, wie unhold ich Dir auch oft begegne – heute hab' ich recht gefühlt, daß wir doch zusammen gehören wie die beiden Augen, und daß ich ohne Dich nur etwas Halbes bin oder doch sicher nichts Rechtes. Und da wir doch einmal in Bildern reden: wie einem jungen Baume, dem man die Stütze fortnahm, war mir zu Mute, und sehnlicher kann Dich auch Dein Wolff nimmer herbeigewünscht haben. Der Vater fand wenig Zeit für mich. – Sobald er mich im polnischen Tanz mit dahinschreiten sah, folgte er dem Ohm Schultheiß in die Trinkstube. Erst als er kam, um mich nach Hause zu führen, sah ich ihn wieder. Der Frau Nützelin hatte er ans Herz gelegt, mich im Auge zu behalten, – doch ihre Kathrin wurde unpaß, wie ich beim Fortgehen hörte, und schon während des ersten Tanzes ist sie mit ihr verschwunden. So schwankte ich denn elendiglich hin und her, bis er, bis der Heinz Schorlin kam und sich meiner annahm.«

»Er? Der Ritter Schorlin?« frug Els überrascht, und ihr hübsches, offenes Gesicht gewann einen ängstlich gespannten Ausdruck. »Der wilde Schweizer, von dem 62 Gräfin Cordula noch gestern sagte, er sei der Hecht im dumpfen Karpfenteiche des Hofes und der einzige, für den es sich lohne, im Beichtstuhl eine Buße auf sich zu nehmen?«

»Die Montfort!« rief Eva verächtlich. »Wenn sie mich anspricht, sage ich Dir, bleib' ich ihr billig die Antwort schuldig. Das Blut steigt mir noch in die Wangen, wenn ich der Freiheit gedenke . . .«

»Laß sie gehen,« bat die Schwester in begütigendem Tone. »Als mutterloses Kind ist sie erwachsen und darum anders als wir. Was indes den Heinz Schorlin angeht, so ist er sicherlich ein weidlicher Ritter; aber Du, mein unschuldig Lämmlein, ein Wolf ist er dennoch!«

»Ein Wolf?« frug Eva und öffnete die großen Augen so weit, als sei ihnen etwas Schreckliches begegnet. Doch bald lachte sie leise auf und fuhr gelassen fort: »Aber ein frommer Wolf ist er, der demütig von seiner Art läßt, wenn die rechte Hand ihn nur streichelt. Wie Du mich ansiehst! Nicht an Deinen lieben Wolff, den Du ja leidlich gut zähmtest, an den Wolf von Gubbio denk' ich, der so viel Schaden angerichtet hatte und zu dem der heilige Franz dann hinausging. ›Bruder Wolf,‹ redete er ihn an und erinnerte ihn, daß sie ja beide der Güte des nämlichen himmlischen Vaters das Leben verdankten. Das schien das Tier zu begreifen; denn es nickte ihm zu. Und nun schloß der Heilige einen Vertrag mit dem Wolfe, und der reichte ihm an Eidesstatt die Pfote und hielt, was er versprochen; denn er folgte dem heiligen Franz in die Stadt und that niemand mehr Schaden. Die Bürger von Gubbio aber fütterten das fromme Tier, und als es starb, beklagten sie es redlich. – Wenn Du aber 63 wissen willst, von wem ich diese erbauliche Geschichte vernahm, die wahr ist und mit nichten erfunden, ja, die einer hier in Nürnberg bezeugen kann, der sie mit ansah, so sei Dir vermeldet, daß es der schlimme Wolf selbst war, nicht der von Gubbio, sondern der aus der Schweiz. Ein alter Minoritenpater, den er mitleidig auf sein Roß nahm, er ist der Zeuge, von dem ich sprach. In der Herberge gab der Mönch ihm zu hören, was er mit eigenen Augen geschaut. Schiltst Du noch auf das reißende Tier, das wie der barmherzige Samariter handelt und sich nichts Schöneres weiß, als von meinem lieben Heiligen zu hören oder zu reden?«

»Und das im Rathaussaal, auf dem Feste, beim Tanz?« frug Els und schlug, als handle es sich um etwas Unerhörtes, in die Hände.

Da nickte Eva ihr strahlend vor Glückseligkeit zu, und helle Freude klang Els aus ihrer frischen Stimme entgegen, als sie ihr zurief: »Das war es ja eben, was das Fest so herrlich verschönte. Der Tanz! O ja, es schreitet und schwebt sich ja beim Takt der Musika leicht genug dahin, wenn man von solchem Ritter geführt wird, und doch war er lange nicht das Schönste. Bei der Pause – wie im Nu war sie verflogen, und doch währte sie eine gute Weile – da erst kamen wir recht ins Gespräch.«

»In einem der Nebengemächer?« frug Els, und das frische Rot schwand ihr von den Wangen.

»Wo denkst Du hin?« entgegnete Eva verletzt. »Was sich ziemt, ist mir, denk' ich, nicht weniger gut bewußt, als jeder andern. Deine Gräfin Cordula gab freilich nicht eben das rühmlichste Beispiel. Von einer 64 ganzen Schar von Rittern – und Dein künftiger Schwager Siebenburg that es den anderen zuvor – ließ sie sich im Nebengemache umlagern. Wir – Heinz Schorlin und ich – vor aller Augen weilten wir unweit der Tafel des Kaisers im großen Saale. Da wandte sich dann das Gespräch von dem alten Minoriten aus wie von selbst auf den heiligen Stifter seines Ordens, und bei ihm blieb es auch stehen. Und wenn ein tapferer Ritter jemals frommen Sinnes war, so ist es Heinz Schorlin. ›Wer in Kampf und Schlacht geht und baut nicht auf den Höchsten im Himmel und seinen Heiligen,‹ sagte er, ›dem fehlen am Mute die Flügel und das festeste Wehrstück an der Rüstung.‹«

»Im Tanzsaal!« klang es wiederum erstaunt von den Lippen der Schwester.

»Wo denn sonst?« frug Eva unwillig. »Ich bin ihm ja dort zum ersten- und letztenmale begegnet. Wovon redet ihr anderen denn bei solchem Feste, wenn Dich das schon verwundert? Beim heiligen Franz allein sind wir übrigens keineswegs geblieben. Wir sprachen auch von dem künftigen Kreuzzug. Und, o, ganz ebenso gern wie ich – Du darfst es glauben – hätte auch er noch stundenlang von dergleichen mit mir geredet. Uebrigens wußte er auch schon mancherlei von unserem Heiligen; aber gerade das, was ihn so besonders groß und liebenswert macht und dazu so mächtig, daß er sich alles nachzog, was er für wert hielt, daß es ihm folge, das hatte er sich nicht deutlich gemacht, das war erst mir vergönnt, Heinz vor die Seele zu führen. O, und sein Witz ist so schnell wie sein Schwert, und sein Herz so offen für das Hohe und Heilige, wie es in fester Treue schlägt 65 für seinen Kaiser und Herrn. Wenn wir einander wieder begegnen, dann gewinn' ich ihn für das weiße Kreuz auf dem schwarzen Mantel und für den Kampf gegen die Feinde des Glaubens.«

»Aber Mädchen,« unterbrach sie hier die Schwester, immer noch im Bann der gleichen Ueberraschung: »Solche Reden beim fröhlichen Spiel der Stadtpfeiferbande.«

»Ueberall,« fiel ihr Eva jetzt gewichtig ins Wort, »wo drei Christen beisammen sind, und wären es auch Laien, sagt Tertullian, – da ist eine Kirche. Um über Dinge zu reden, die jedem das Höchste und Liebste sein sollten, braucht man nicht in das Gotteshaus zu gehen, – und Heinz Schorlin – ich weiß es von ihm selbst – ist der nämlichen Meinung; denn er bekannte mir frei, daß er die wenigen Stunden nie und nimmer vergessen würde, die wir mit einander genossen.«

»So, so,« machte die Schwester bedenklich. »Aber, ob er diese Wonnen nicht mehr dem Tanze verdankt als den erbaulichen Gesprächen . . .«

»Sicher und gewiß nicht!« beteuerte Eva mit großer Bestimmtheit. »Auch das kann ich beweisen; denn zuletzt und nachdem er mancherlei von der heiligen Klara vernommen, das weibliche Gegenbild des Franciscus, gelobte er, sie zu seiner Patronin zu machen. Oder meinst Du, daß ein Ritter den Heiligen wechselt wie das Wams und den Harnisch, ohne daß ihn etwas Großes und Mächtiges dazu antreibt? Das aber . . . Hältst Du es für denkbar, die eitle Lust des Tanzes habe ihn zu etwas so Wichtigem veranlaßt?«

»Gewiß nicht. Dazu bewog ihn sicherlich nichts als der unwiderstehliche Eifer meiner frommen Schwester,« 66 lächelte Els und fuhr fort, ihr das aschblonde Haar zu strählen. »Mit Zungen hat sie im Tanzsaal geredet wie die Apostel zu Pfingsten, und so ward denn von unserer ›kleinen Heiligen‹ das erste Wunder verrichtet: die Bekehrung eines gottlosen Ritters beim Raien und Schwenken.«

»Nenn es so, wenn Du willst,« versetzte Eva und warf die roten Lippen verächtlich auf, als fühlte sie sich über den kläglichen Spott aus solchem Munde erhaben. »Wie weh Du mir thust, Els! Das ganze Haar reißt Du mir noch vom Kopfe!«

Die so Gescholtene hatte den Kamm mit aller Behutsamkeit geführt, doch die starke Fülle des leicht gewellten langen Blondhaares hatte ihm manches Hindernis entgegengestellt, und Eva schien heute besonders empfindlich. Els meinte auch zu wissen, warum und ließ die ungerechte Beschuldigung über sich ergehen. Sie kannte die Schwester, und während sie ihr die Zöpfe um das Haupt wand und ihren Staat, wie sonst die Gürtelmagd, teils an den Haken hängte, teils vorsichtig in die Truhe legte, frug sie sie mancherlei über das Tanzfest, wurde aber nur recht einsilbiger Antworten gewürdigt.

Endlich kniete Els vor dem Betpulte nieder. Eva that vor dem ihren das gleiche und ließ das Haupt so lange auf den gefalteten Händen ruhen, daß die geduldige ältere Schwester das »Amen« nicht abwarten konnte.

Um die Andacht Evas nicht zu stören, hauchte sie ihr nur einen leisen Kuß auf den Scheitel und zog dann die Vorhänge an den Fenstern, die statt mit Glas mit geöltem Pergament verschlossen waren, peinlich sorgsam zusammen.

67 Die Erregung der Schwester erfüllte sie mit Besorgnis. Sie wußte auch, wie mächtig das helle Mondlicht bisweilen, wenn Eva schlief, auf sie wirkte. Erst nachdem sie noch einen Blick auf das fest verhängte Fenster geworfen, bestieg sie das Lager. Da blieb sie lange offenen Auges liegen und überdachte den Bericht der Schwester. Dabei erkannte sie immer klarer, daß die Minne jetzt auch an das Herz des Kindes dort vor dem Betstuhle gepocht. Den Ritter Schorlin, den wilden Schmetterling, verlangte es, auch an dieser unberührten, süßen Blume zu naschen, um sie dann wohl zu verlassen wie so manche vor ihr. Liebe und Besorgnis machten sie, deren Urteil sonst milder war als das der Schwester, zu einer strengen und unvorsichtigen Richterin; denn sie nahm mit aller Sicherheit an, daß der Schweizer, dem in Wirklichkeit nichts ferner lag als schnöde Gleißnerei, daß der Mann, den sie vorhin einen Wolf genannt hatte, das Schaffell umgethan habe, um ihr liebes Lamm leichter zu erbeuten. Aber sie stand auf der Wacht und hielt sich bereit, ihm das Spiel zu verderben.

Ob Eva sich wirklich keine Rechenschaft gab von der neuen Empfindung, die sie so schnell und mächtig ergriffen? Wiegte sie sich in der Täuschung, nur das Heil der Seele des frommen jungen Ritters liege ihr am Herzen?

Ja, es konnte so sein, und das kluge Mädchen, das sich aufmerksam genug in seiner kleinen Welt umgeschaut hatte, sagte sich, daß es Oel ins Feuer gießen heiße, Eva mit der Niederlage zu necken, die sie, die »kleine Heilige«, im Kampfe gegen die Forderungen der Welt und des weiblichen Herzens erlitten. Um sich ihrer Demütigung zu freuen, war die Schwester ihr ohnehin zu teuer. Mit 68 keinem Worte, nahm Els sich vor, wollte sie des Schweizers gedenken, wenn sie nicht ausdrücklich dazu veranlaßt wurde.

Oftmals währte Evas Gebet vor dem Schlafengehen recht lange; heute aber schien es kein Ende finden zu wollen.

»Sie ruft die heilige Klara nicht mehr allein für sich selbst an, sondern auch noch mit für einen andern,« dachte sich Els. »Bei mir geht es schneller. Ein Heinz Schorlin bedarf freilich längerer Fürbitten als meine Eva, mein Wolff und die arme fromme Mutter. Aber stören will ich sie doch nicht.«

Damit änderte sie, leise vor sich hin seufzend, die Lage, doch blieb sie aufgerichtet in den weißen Kissen sitzen, um sich nicht vom Schlafe überwältigen zu lassen. Aber der Kampf war hart, und oft sanken ihr die Lider, und das Haupt fiel ihr auf die Brust.

Schon dämmerte draußen das Frühlicht, als sich die Betende endlich erhob und das Lager bestieg. Eine Weile ließ die andere sie ruhig liegen. Dann erhob sie sich und löschte die Lampe aus, die Eva auszulöschen vergessen. Das gewahrte diese, wandte das Antlitz der Schwester zu und rief leise: »Daß Du wieder aufstehen mußtest, mein armes Elsle! Gib mir doch noch den Gutenachtkuß.«

»Gern, Herzchen!« versetzte die andere. »Aber es wäre eigentlich schon Zeit, sich ›Guten Morgen‹ zu sagen.«

»Und Du hast so lange gewacht!« entgegnete Eva mitleidig, schlang dankbar die Arme um den Hals der Schwester, küßte sie zärtlich und schmiegte dann die heiße Wange an die ihre.

69 Da frug Els aufrichtig besorgt: »Was ist das? Hast Du Dir weh gethan, Kind? Du weinst ja!«

»Nein, nein,« lautete die Antwort. »Ich bin nur . . . es kam mir nur in den Sinn, daß ich mich geputzt, mit eitlem Tand geschmückt, obgleich ich doch weiß, wie viele Arme in Not und Elend darben und wie viel wohlgefälliger dem Auge des Herrn der Klarissinnen graues Gewand ist. Kaum lassen konnte ich mich vor übermütiger Glückseligkeit, und doch hätte es mir besser geziemt, die Schmerzen des teuren Gekreuzigten mit zu erdulden.«

»Aber, Kind!« suchte Els die Schwester zu beschwichtigen. »Wie oft hörte ich doch von Dir und von der Muhme Aebtissin, niemand sei so heiteren Gemütes gewesen und habe die Fröhlichkeit bei Mensch und Tier so gern gesehen wie Dein heiliger Franz.«

»Er, er!« stöhnte Eva. »Er, der das Höchste erreichte, dem die Stimme des Herrn kund ward, wohin er auch lauschte. Er, dessen geliebte Braut die Armut, der Schmuck und Putz und was der Reichtum erwirbt, so tief verachtete wie die irdische Minne! Er, der die Liebe der für den Höchsten glühenden Seele so mächtig im Liede feierte, wie kein Troubadour es vermöchte . . . O, wie heiß er zu lieben verstand, zu lieben, was doch nicht von dieser Welt ist.«

Da drängte es Els, zu fragen, was Eva denn von dem heißen Feuer der Minne wisse. Doch sie hielt an sich, verdunkelte mit dem beweglichen Vorhang, der zu beiden Seiten von dem Dache niederhing, das sich wie ein Baldachin über das Doppellager spannte, das Bett so gut es anging, und sagte: »Sei verständig, Mädchen, 70 und laß jetzt von solchen Gedanken! Wie laut die Vöglein schon zwitschern! Wenn der Vater allein bei der Frühsuppe bleibt, kann es leicht ein Unwetter geben, und ein Stündchen schlief' ich wohl auch noch recht gern. Und Du! Vom Tanz wird man müde. Mach die Augen nur zu und schlafe so lang Du nur magst. Beim Ankleiden bin ich leis wie ein Mäuschen.«

Dabei wandte sie sich von der Schwester ab und wehrte dem Schlafe nicht länger, der ihr bald genug die müden Augen zuschloß.

 

 

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