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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Ermutigt und hoffnungsvoll bestieg Eva wieder den Zelter und ließ das behende Tier vor der Stadt so scharf ausgreifen daß der alte Roßknecht auf seinem wohlgenährten Braunen weit hinter ihr zurückblieb. Aber sie hatte doch infolge des Umkleidens, des Wartens und der vielen Fragen, die ihr von der Frau Burggräfin vorgelegt worden waren, so langer Zeit bedurft, daß die Pappeln schon ziemlich lange Schatten warfen, als sie vor dem Siechenhause abstieg.

Schwester Hildegard empfing sie mit einer Befangenheit, die ihr sonst nicht eigen, die Eva aber erklärlich fand, als jene ihr mitteilte, der sterbende Pater Benedictus habe ungeduldig nach ihr verlangt. Der Witwe gehe es wohl, und Biberli werde ihrer kaum bedürfen; denn eine schwäbische Rittersfrau, bei der er früher in Dienst gestanden, hätte sich mit ihrer jungen Tochter an seinem Lager niedergelassen, und ihr Besuch schiene ihn zu erfreuen.

Ueberrascht warf Eva hin, sie sei der Meinung gewesen, der Genesende habe keinem andern gedient als den Schorlins, doch war sie in zu großer Eile, um sich 266 weitere Fragen zu gestatten und betrat die Kammer, in der Biberli ruhte.

Ihr Antlitz war von dem schnellen Ritte gerötet, das volle aschblonde Haar, das ihr sonst aufgelöst über den Rücken wallte, hatte sie, bevor sie in den Sattel stieg, flüchtig zusammengeflochten, doch waren die langen starken Zöpfe unterwegs aufgegangen und umflossen ihr nun das Haupt und die biegsame Gestalt.

Schon von der Schwelle aus begrüßte sie den Kranken, für den sie so viel that und wagte, mit heiterer Miene; bevor sie aber seinem Lager nahe trat, verneigte sie sich sittig vor der hohen Matrone, die Biberli Gesellschaft leistete, und nickte ihrer Tochter, deren hübsches offenes Gesicht ihr wohl gefiel, ein freundliches Willkommen zu. Nachdem die Schwäbinnen ihren Gruß herzlich erwidert, entschuldigte sie sich kurz, da eine ernste Pflicht sie abrufe, ihrem Verlangen, bei ihnen zu bleiben, noch nicht nachgeben zu können.

Endlich warf sie dem Diener einige rasche Fragen zu, die sein Befinden betrafen, küßte die kleine Walpurga, die sich an sie gedrängt hatte, trug ihr auf, der Mutter zu sagen, sie würde später auch nach ihr sehen, und trat in die Nebenkammer.

»Nun?« frug Biberli die Besucherinnen, nachdem die Thür sich hinter ihr geschlossen, in gespannter Erwartung.

»O, wie sie schön ist!« lautete die lebhafte Antwort der jungen Schwäbin; der älteren aber klang tiefe, innere Bewegung aus der Stimme, als sie versetzte: »Wie abgeneigt war ich doch der Verbindung meines Sohnes mit der Tochter eines städtischen Geschlechtes; ja ich trug im Sinne, mich mit dem ganzen mütterlichen Einfluß 267 zwischen Heinz und die Nürnbergerin zu stellen; doch Du sagtest nicht zu viel, Freund, und was Dein Lob begann, hat jetzt Evas eigene Erscheinung vollendet. Sie sei mir als Tochter willkommen. Etwas Holdseligeres sah ich kaum jemals. Daß sie fromm und barmherzig und dabei hellen Geistes und von entschlossener Thatkraft, ließ sich auch unschwer erkennen, trotz der wenigen Augenblicke, die sie für uns ermüßigen konnte. Wenn der Himmel unserem Heinz wirklich vergönnte, sich das Herz dieses seltenen Wesens zu gewinnen . . .«

»Das gehört ihm schon jetzt mit jeder Faser und Zaser,« fiel ihr Biberli ins Wort. »Der Hund – verzeiht, edle Frau – liegt anderwärts begraben. Ob er, ob Heinz, sich bewegen läßt, von dem Klostergedanken zu lassen, – das ist die Frage!«

Damit seufzte er leise auf, indem er Frau Wendula Schorlin, die Mutter des Ritters Heinz – denn das war die ältere Schwäbin – in das immer noch schöne, willensstarke und doch gütige Antlitz schaute.

»Daran dürfen wir nicht zweifeln,« entgegnete die Matrone mit fester Bestimmtheit. »Als letzter seines alten Stammes ist er verpflichtet, für seine Fortdauer zu sorgen, nicht nur für das eigene Heil. Ein gehorsamer Sohn war er immer.«

»Doch,« erwiderte der Diener bedenklich. »›Fort mit denen, die uns das Leben gaben!‹ lautete, wenn ich sie recht verstand, die Mahnung des Pater Benedictus dort in der Kammer. ›Fort mit Herren- und Frauendienst!‹ rief er unserem Ritter zu. ›Fort mit allem, was der eigenen himmlischen Seligkeit im Wege steht!‹ Und,« fügte Biberli hinzu, »das hat der heilige Franz nicht erst ersonnen. Unser 268 Herr und Heiland befahl ja auch schon den Jüngern, Vater und Mutter zu verlassen und ihm nachzufolgen.«

»Wer wird ihn hindern«, versetzte Frau Wendula lebhaft, »auf den Pfaden Jesu Christi zu wandeln? Doch wenn er auch seinen Fußstapfen folgt, soll und kann er es thun als Sproß eines edlen Hauses, als Ritter und als der tapfere Krieger und treue Diener seines Kaisers, der er ist, als guter Sohn und, will's Gott, als Gatte und Vater. Meines Segens ist er gewiß, wenn er als Kämpfer für seinen heiligen Glauben das Schwert führt. Da zwei meiner Töchter den Schleier nahmen, ließ ich es ergebenen Herzens geschehen. Sie mögen für den Bruder und uns die himmlische Seligkeit erbeten. Meinem einzigen Sohne, dem letzten Schorlin, kann und werde ich nicht gestatten, der Welt zu entsagen, in der er Aufgaben zu lösen hat, die Gott der Herr ihm durch seine Geburt stellte.«

»Und wie könnte Heinz von diesem Engel lassen,« rief Maria, der neben der Mutter der Bruder das liebste war auf Erden, »wenn er wirklich ihrer Minne gewiß ist!«

Sie selbst hatte das Herz der Liebe noch nicht geöffnet. Mit dem alten Haupt ihres Hauses in Wald und Flur umher zu schweifen, der Mutter behilflich zu sein in der Wirtschaft und im Dorf der armen Kranken zu warten, war bisher die Freude und Pflicht ihres Lebens gewesen. Heiter, oft auch mit einem Liede auf den Lippen, hatte sie sorglos einen Tag dem andern folgen sehen, bis die ehrwürdige Schorlinburg belagert und gebrochen und der alte Ritter Ramsweg, ihr lieber Oheim, bei der Verteidigung der seiner Obhut anvertrauten Veste gefallen war.

Da hatte man die Mutter und sie nach Constanz 269 ins Kloster geführt. Beide waren dort in voller Freiheit als willkommene Gäste der Nonnen geblieben, bis der reitende Eilbote Frau Wendula ein Schreiben des Ritters Maier von Silenen, ihres Vetters, aus Nürnberg überbracht hatte, das ihr meldete, Heinz gedenke, wie die Schwestern, der Welt zu entsagen.

Da war Frau Schorlin ungesäumt aufgebrochen und mit der Tochter besorgten Herzens, so schnell es anging, nach Nürnberg geritten.

Vor wenigen Stunden hatten sie es erreicht und bei dem Vetter von Silenen Quartier gefunden. Von ihm war Frau Wendula mitgeteilt worden, was das Mutterherz zu wissen begehrte. Biberlis Schicksal hatte sie nach kurzer Rast in das Siechenhaus geführt, und welche Herzensstärkung war es für den treuen Mann gewesen, die edle Frau wiederzusehen, von der ihm sein Herr anvertraut worden war und in deren Hause man ihm das T und St auf den langen Rock und den Kogel gestickt.

Frau Wendula waren diese Buchstaben wohl im Gedächtnis geblieben, und als sie ihrer gedacht, hatte er erwidert, seit er leidlich zur Wahrheit gemacht, was das T und St den Leuten von seiner Person vermeldeten, und wozu diese Lettern ihn selbst hätten antreiben sollen, bedürfe er ihrer nicht mehr.

Dann war er still geworden und hatte der Herrin endlich als Frucht seines Nachdenkens zu wissen gethan, etwas Seltenes gebe es dennoch an seiner geringen Person, weil er die Tugenden ernstlich zu üben getrachtet, mit deren Besitz er sich breit gemacht vor den Leuten. In den Gasthäusern mit den prunkenden Schildern habe er sonst den schlechtesten Wein gefunden, und als die gnädigen 270 Töchter Frau Wendulas ihm jene Lettern in das Tuch gestickt hätten, sei, was er den Gästen eingeschenkt, auch noch von recht übler Beschaffenheit gewesen. Auf dem Siechenlager hätte er seiner Neigung zum Nachdenken keinen Zwang anthun brauchen, und dabei sei ihm bewußt geworden, daß es keine Tugend gebe, die sich besitzen lasse wie ein Haus oder Roß, sondern daß eine jede fortwährend neu erworben werden müsse, und zwar oft unter Mühen und Schmerzen. Eins aber stünde jetzt mit aller Sicherheit bei ihm fest, und zwar, daß seine Lieblingstugenden wirklich die schönsten von allen wären, schon weil – eines gelte für alle – der Mensch sich nie glücklicher fühle, als wenn es ihm gelungen sei, unverbrüchlich Treue zu halten und seine Standhaftigkeit zu bewähren. Auch habe er von der Jungfrau Eva erfahren, daß der Erlöser selbst denen, die treu blieben bis in den Tod, die Krone des ewigen Lebens verheiße. In dieser Zuversicht sehe er den Bütteln entgegen, die ihn vielleicht schon recht bald zum zweitenmale in das freudloseste aller Gemächer – er meine die Nürnberger Folterkammer – führen würden.

Dann hatte er den Frauen erzählt, was er von der Minne wußte, die Heinz und Eva verband. Die vier G's, auf die er seinen Herrn bei der Brautschau zu achten empfohlen: Geschlecht, Gestalt, Gut und Geld, halte er nicht mehr für den rechten Prüfstein. Während er hier müßig gelegen, habe er vielmehr gefunden, daß sie mit vier T's vertauscht werden sollten: Tugend, Treue, Thatkraft und Trost für Auge und Herz. Das Alles finde sich bei Eva vereint, und auch gegen das Geschlecht, dem sie entstamme, sei nichts zu sagen.

271 Darauf hatte er ein so hochgestimmtes Loblied auf seine teure Pflegerin und Erretterin gesungen, daß Frau Wendula ihm mehr als einmal lächelnd ins Wort gefallen war und ihn beschuldigt hatte, das erkenntliche Herz führe ihn diesmal zu solcher Uebertreibung, daß die Jungfrau, der er damit zu dienen gedenke, es ihm kaum Dank wissen möchte.

Doch Evas persönliches Erscheinen hatte weder die erfahrene Mutter, noch die leicht zu gewinnende Tochter enttäuscht, ja, als Maria Schorlin der Jungfrau, die sie schon anzog, weil sie einen schweren Kampf im Dienste der Minne auszufechten hatte, die sie aber mit ganz besonderer Macht an sich fesselte, weil ihr Heinz es war, den sie liebte, durch die halb geöffnete Thür der Kammer des Minoriten nachschaute, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, glaubte sie, kein Mensch auf Erden vermöge dem Zauber zu widerstehen, der von Eva ausging.

Mit dem Finger am Munde winkte sie der Mutter, und auch sie konnte nicht fortschauen von dem wunderbaren Geschöpfe, das sie bald Tochter zu nennen hoffte, als sie Eva mit gen Himmel gerichtetem Blick am Lager des Greises stehen sah und ihm, seinem Wunsche gehorsam, wie sie schon mehrmals gethan, das Lied von der Sonne, den herrlichsten Gesang des heiligen Franz, halb zusprechen, halb mit gedämpfter Stimme zusingen hörte.

Es geschah in der italienischen Sprache, in der dies Lied dem Heiligen von Assisi aus dem an Liebe zu Gott und der gesamten Kreatur so überreichen Dichterherzen geflossen; denn sie hatte im Kloster der Klarissinnen, unter denen sich mehrere Italienerinnen befanden, die aus ihrer und der Heimat des Ordens und seines 272 Stifters aus Italien nach Deutschland versetzt worden waren, italienisch sprechen gelernt.

Frau Wendula und ihre Tochter vermochten dem Liede gleichfalls zu folgen; denn die Mutter war in ihrer von Minnesang umklungenen Jugend, die auch sie und den verstorbenen Gemahl in den ersten Jahren ihrer Ehe mit dem Kaiser Friedrich über die Alpen geführt, der schönen Sprache des Heiligen von Assisi mächtig geworden und hatte sie die Tochter verstehen gelehrt.

Die großen Augen aufwärts gerichtet, begann Eva, als Frau Schorlin der Thüre näher trat, eben mit der zweiten Strophe:

»Gepriesen sei Gott mein Herr mit allen deinen Geschöpfen,
Vornehmlich mit unsrer edlen Schwester der Sonne,
Die den Tag wirkt und uns leuchtet durch ihr Licht,
Und sie ist schön und strahlend mit großem Glanze,
Von dir, o Herr, trägt sie das Sinnbild.

Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder den Mond und die Sterne,Mit Karl von Hase weichen auch wir hier von der Schlosserschen Uebersetzung ab. Der männliche deutsche Mond muß für uns ein Bruder sein und keine Schwester. Unsere Auffassung des per in dem Verse »Laudato sia mio Signore per suor luna e per le stelle« ist auch die der Auffassung des Heilgen angemessenere. Durch (per) den Mond soll der Herr gepriesen werden, nicht um willen (per) des Mondes.
Die du hast am Himmel gebildet so schön und helle.

Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder den Wind
Und durch die Luft und durch den Nebel,
Durch heitere und durch jegliche Witterung,
Durch welche du allen Geschöpfen Erhaltung schenkst.

Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder das Wasser,
Das sehr nütz ist und demütig und köstlich und keusch. 273

Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder das Feuer,
Durch das du die Nacht erhellst,
Und es ist schön und freudig und stark und gewaltig.

Gepriesen sei mein Herr durch unsere Mutter, die Erde,
Die uns ernährt und trägt
Und mannigfaltige Früchte erzeugt
Und bunte Blumen und Kräuter.

Gepriesen sei mein Herr durch die, welche verzeihn
Aus Liebe zu dir, und Elend ertragen und Trübsal. –
Selig, die da bestehn werden im Frieden;
Denn von dir, o Höchster, sollen sie gekrönt werden.

Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder den leiblichen Tod,
Dem kein lebender Mensch entrinnen mag;
Wehe dem, der in einer Todsünde stirbt!
Selig die, welche ruhn in deinem heiligen Willen;
Denn der zweite Tod kann ihnen nichts anthun.

Preiset und benedeiet meinen Herrn und danket ihm,
Und dienet ihm in großer Demut!«

Wie hatte derjenige Gott geliebt, der in allem, was der Höchste erzeugt, teure Geschwister sah, die er liebte und mit denen er verkehrte wie mit dem Bruder und der Schwester. Was die Liebe des himmlischen Vaters immer geschaffen: Sonne, Mond und Sterne, Wind, Wasser und Feuer, die Erde und ihre freundlichen Kinder, die bunten Blumen und Kräuter, er läßt sie, jedes für sich und alle gemeinsam, wie einen gewaltigen Chor das Lob Gottes verkünden. Selbst der Tod stimmt mit ein in den Hymnus, und all diese Söhne und Töchter desselben erhabenen Vaters rufen dem Menschen das allmächtige, gütige Walten des Herrn ins Gedächtnis. Sie helfen ihm die Herrlichkeit Gottes erkennen, füllen ihm das Herz 274 mit Dank und rufen ihn auf, seine Hoheit und Größe zu preisen. In dem Tode, den der Dichter gleichfalls seinen Bruder nennt, sieht er keinen grausamen Mörder, weil auch er dem Höchsten entstammt. Und: »Welcher Bruder,« fragt der Heilige, »könnte den Bruder sicherer von Weh und Schmerz erlösen?« Wer sich als Kind Gottes fühlt wie der liebreiche Mann von Assisi, der gestattet dem Tode dankbar, ihn der Vereinigung mit dem Vater entgegenzuführen.

Pater Benedictus war entzückt der herrlichen Dichtung gefolgt. Bei den Versen:

»Selig die, welche ruhn in deinem heiligen Willen,
Denn der zweite Tod kann ihnen nichts anthun,«

neigte er leise das Haupt, als sei er gewiß, daß auch das Ende seines Erdenwallens ihm nichts bedeute als der Anfang eines neuen glückseligen Lebens; nachdem aber Eva mit dem Befehle geschlossen, dem Herrn in großer Demut zu dienen, wandte sich sein Blick zaudernd, und als sei er seiner selbst nicht gewiß, zu Boden.

Bald aber erhob er ihn wieder und ließ ihn auf dem Mädchen ruhen. Er schien die Frage zu enthalten, ob dies herrliche Lied nicht auch seine Pflegerin demjenigen nachziehe, der es gesungen, ob sie immer noch, trotz seiner, in trauriger Verblendung auf der Weigerung bestehe, sich den Klarissinnen zuzugesellen, die der heilige Sänger auch zu den Seinen zählte. Doch er fühlte sich zu schwach, ihr auch jetzt, wie er schon oft gethan, ins Gewissen zu reden und den Entgegnungen stand zu halten, mit denen dies hochbegabte, eigenartige Geschöpf ihn bei jedem Gespräche, das seine wachsende Schwäche ihm noch mit ihr 275 zu führen erlaubt, bedrängt und bisweilen auch zum Schweigen gebracht hatte.

Freilich kämpften sie mit ungleichen Waffen; denn ihm lähmten Schmerz und Siechtum den scharfen Geist und die beredte, oft von schwerer Atemnot gehemmte Zunge, die ihm beide noch im Verkehr mit Heinz Schorlin so willig gehorcht, – sie kämpfte mit dem köstlichsten Sehnsuchtsziele der Jugend vor Augen, frisch und gesund an Leib und Seele, mitten im Kampf gegen Ungewißheit und Leid sich der rüstigen Vollkraft bewußt, wie gefeit durch den Talisman des letzten Geheißes von den Lippen der sterbenden Mutter, für ihr Teuerstes und Liebstes.

In einem langen, den höchsten Zielen gewidmeten Leben hatte Benedictus genug gekämpft. Schon sah er den »Bruder Tod« auf der Schwelle, und in Frieden wollte er dahingehen und den Lohn für so viel Streit, Schmerz und Entsagung ernten. Der Herr selbst hatte ihm die Waffen zerbrochen. Der Minorit Aegidius, sein Freund und Altersgenosse, sollte bei Eva, Pater Ignatius, der beredteste unter den Ordensbrüdern in Nürnberg, bei Heinz Schorlin das Werk fortsetzen, das er, Benedictus, begonnen. Jenen hatte er dem Ritter nachsenden lassen und erfahren, daß Ignatius sich zu Heinz gesellt habe. Hatte er selbst auch aus der Schlachtreihe treten müssen, war er doch sicher, daß seine Stelle nicht leer blieb.

Das Lied hatte ihn in die rechte Stimmung versetzt, Abschied von den Brüdern zu nehmen, deren Ankunft Schwester Hildegard soeben gemeldet.

Seit gestern sah er den Heiland fortwährend vor dem inneren Auge. Bald meinte er zu gewahren, daß er ihm 276 winke, bald daß er ihm die Arme entgegenbreite, bald auch war es ihm, als vernehme er seine Stimme oder die des heiligen Franz, und als lüden ihn beide in ihre Nähe.

Heute – der Arzt hatte es bekannt, und er fühlte es selbst an der fieberheißen Stirn, an dem stockenden Herzschlag und dem Frost in den kalten, vielleicht jetzt schon erstorbenen Füßen – durfte er erwarten, den Staub der Welt zu verlassen und sie, nach denen er sich sehnte, in reinerem Lichte von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Nur von den Brüdern umgeben, die den gleichen Kampf mit ihm kämpften, durch nichts an die Welt gemahnt, wie im Vorhofe des Himmels, wollte er das Ende erwarten.

Eva, das schöne und dazu widerspenstige Weib, gehörte zu den letzten, die er, während er den Schritt in die andere Welt that, gern in seiner Nähe gesehen hätte.

Das Reden ward ihm sauer. Eine kurze Mahnung, der irdischen Liebe abzusagen, um der himmlischen teilhaftig zu werden, deren reiche Wonnen er heute noch zu kosten hoffe, war der Abschiedsgruß, den er Eva gönnte. Als sie ihm die Hand zu küssen wünschte, entzog er sie ihr so schnell, wie seine Schwäche es zuließ.

Da trat sie von ihm zurück, und Pater Aegidius führte die Ordensbrüder aus Nürnberg in das Gemach.

Inzwischen war es dunkel geworden, die Beghine Paulina brachte einen Doppelleuchter mit brennenden Kerzen. Eva nahm ihn ihr aus der Hand und stellte ihn so auf, daß das Licht ihren Pflegbefohlenen nicht blende; er aber nahm sie wahr und gebot ihr, indem er mit 277 gefurchter Stirn auf die Thür hinwies, das Gemach zu verlassen.

Willig leistete sie Gehorsam.

Als sie an den Brüdern vorbeigeschritten war, blieb sie indes, bevor sie in den Hausflur trat, auf der Schwelle stehen und blickte dem Greise noch einmal in die edlen, bleichen Züge, die das Kerzenlicht streifte.

So hatte sie ihn noch nie gesehen.

Strahlend vor Freude schaute er den Brüdern entgegen, die ihm beim Aufbruch den Wandersegen mit auf den Weg geben wollten. Dann richtete er das dunkle Auge wie verklärt und als danke er dem Himmel für so viel Gnade, nach oben; die anderen Minoriten aber ließen sich neben dem Lager auf das Knie nieder und beteten mit ihm.

Wie liebreich der Greis einem jeden ins Antlitz schaute!

Mit solchem Blick hatte er sie niemals beglückt.

Die Pflege keines andern war auch nur von fern so schwer und oft so schmerzlich wie die seine gewesen.

Anfänglich hatte er sich ihr geradezu feindlich erwiesen und Schwester Hildegard sogar um eine andere Wärterin gebeten. Doch es war keine passende Stellvertreterin für Eva zu finden gewesen. Da hatte er dringend gewünscht, nach Nürnberg zu den Franziskanern übergeführt zu werden; das aber war nicht angegangen, weil es sein Ende beschleunigt hätte. – So mußte er denn bleiben, und Eva fühlte, daß es nicht zuletzt ihre Anwesenheit sei, die ihm den Aufenthalt im Siechenhause verleidete.

Weil ihm aber das alte Auge den Dienst versagte, und er es liebte, sich aus dem Evangelienbuche, das er bei sich führte, oder aus manchen früheren Aufzeichnungen 278 von seiner eigenen Hand, die auch einige der Dichtungen des heiligen Franz enthielten, vorlesen zu lassen, und niemand anders im Hause fähig gewesen wäre, ihm diesen Dienst zu leisten, verlangte er endlich ausdrücklich, sie als Pflegerin zu behalten.

Seine wunden Füße und die von harten Geißelungen stammenden tiefen Narben am Rücken, die sich neu geöffnet hatten, nach der Vorschrift des Arztes zu salben und zu verbinden, war um so schwerer, mit je deutlicherem Widerwillen er sich von ihr berühren ließ, weil sie – er hatte es ihr selbst bekannt – weil sie ein Weib war. Leicht hatte sie es gewiß nicht gehabt, wach zu bleiben und ihm ein freundliches Gesicht zu zeigen, wenn er sie, der der Tag so schwere Arbeit brachte, nach Mitternacht geweckt und genötigt hatte, ihm bis zum Grauen des Morgens vorzulesen. Am schwersten erträglich waren Eva die bitteren Worte erschienen, mit denen er sie kränkte, und die besonders scharf und feindselig klangen, wenn er ihr vorwarf, zwischen Heinz Schorlin und das ewige Heil getreten zu sein, nach dem der Ritter schon so eifrig getrachtet. Wie ein Künstler dem Frevler, der eins seiner Meisterwerke zerstörte, schien er ihr zu grollen.

Oft verriet auch ein hingeworfenes Wort, daß er es dem Himmel verarge, ihn verhindert zu haben, den Kampf um die Seele Heinz Schorlins, den er doch in seinem Namen begonnen, zum Siege zu führen. Freilich war solchem Murren stets tiefe Reue gefolgt. In jeder Stimmung aber blieb er bestrebt, Eva zu bewegen, der Welt zu entsagen.

Wenn sie dann bekannte, was sie davon zurückhielt, suchte er sie zuerst mit Gegengründen zu widerlegen; 279 gewöhnlich aber versagte ihm nur zu bald die Kraft, den Gedankenaustausch fortzusetzen. Dann beschränkte er sich darauf, ihren widerspenstigen Geist und ihren weltlichen Sinn mit harten Worten zu tadeln und sie mit der Strafe des Himmels zu bedrohen.

Einmal, nachdem sie ihm, wie vorhin, das Lied von der Sonne vorgetragen, hatte er sie gefragt, ob sie auch fühle, daß nur der Friede des Klosters die Möglichkeit gewähre, die Größe und Liebe des Höchsten so warm und voll zu empfinden, wie dieser erhabene Gesang es zu thun befehle.

Da hatte sie Mut gefaßt und ihn des Gegenteils versichert. Sie sei nur ein einfältiges Mädchen, doch sie, die ja oft ein Gast ihrer Muhme, der Aebtissin, gewesen, empfinde die Größe und Herrlichkeit Gottes so viel tiefer in der Welt und bei der Erfüllung gerade der schwersten Pflichten, die das Leben ihr auferlegte, als bei den Klarissinnen, wie Wald und Feld größer wären als das Gärtlein des Klosters.

Da war der Greis aufgefahren, hatte sie eine verblendete Thörin gescholten und sie gefragt, ob sie nicht wisse, daß die Welt endlich und begrenzt, was aber das Kloster umschließe, ewig sei und ohne Grenzen.

Ein anderesmal hatte er ihr mit solcher Härte weh gethan, daß es ihr unmöglich gewesen war, den Thränen zu wehren. Kaum aber hatte er dies bemerkt, als er seine Strenge bereute. Nichts als Liebe sollte ihm dicht vor der Vereinigung mit demjenigen, den er eben noch die Liebe selbst genannt hatte, das Herz bewegen, und mit dringlich zärtlichen Bitten war er darum in Eva gedrungen, ihm zu vergeben, wenn er sie mit dem Tadel, 280 der ja auch ein Liebeswerk sei, gekränkt hätte. Bis ans Ende jenes Tages war er ihr dann mit herzlicher, beinah demütiger Güte begegnet.

Das alles kam Eva in den Sinn, während sie den greisen Pflegling verließ.

Er stand an der Schwelle des Jenseits, und es fiel ihr leicht, seiner freundlich zu gedenken, so tief er sie auch oftmals verwundet. Ja, das Herz hob sich ihr in dankbarer Freude, weil sie so geduldig bei ihm ausgeharrt und sich durch nichts von der schweren Pflicht hatte abwenden lassen, die sie mit der Pflege des ihr abholden Greises auf sich genommen.

Auch in die Kammer Biberlis war Licht gebracht worden. Als Eva sie mit glühenden Wangen betrat, fand sie die Schwäbinnen noch immer am Lager des Dieners. Die Thür, die ins Gemach des sterbenden Greises führte, war längst wieder geschlossen, doch drang der Gesang frommer Litaneien in das Nebenzimmer.

Frau Schorlin sah ihr teilnahmsvoll an, wie tief sie bewegt war, und forderte sie auf, sich an ihrer Seite niederzulassen. Maria räumte ihr diensteifrig ihren bescheidenen Sessel ein; Eva aber weigerte sich, ihn zu benutzen, weil sie bald in die Stadt zurückreiten müsse. Dabei griff sie sich an die brennende Stirn und seufzte auf: »Jetzt, jetzt, – nach solcher Stunde, zu Hofe!«

Da drang Frau Wendula in sie, sich nur noch kurze Zeit Erholung zu gönnen, und das geschah mit so gütiger mütterlicher Sorge, daß sie nachgab.

Die Mitteilung der Matrone, auch sie sei aufgefordert worden, beim Empfang heute abend in der kaiserlichen Burg zu erscheinen, veranlaßte Eva zu der dringenden 281 Bitte, um ihretwillen dieser Ladung zu folgen, und die Schwäbin versprach, falls sich kein Hindernis einstellte, ihr den Willen zu thun. Jedenfalls wollten sie den Ritt in die Stadt gemeinsam unternehmen.

Biberlis erstaunte Frage, was Eva auf die Veste führe, beantwortete sie ausweichend und war froh, als der Gesang in der Nebenkammer die Schwäbin veranlaßte, sie zu fragen, ob es wahr sei, daß der Herr ihres genesenden Freundes dort auf dem Lager, der sich dem mönchischen Leben zu widmen gedenke, dem Orden des Minoriten, den sie eben verlassen, beizutreten und ein Bettelmönch zu werden gedenke. Als Eva dies bejahte, bemerkte die Matrone, nur selten hätten sich Brüder dieser Brüderschaft auf ihre Burg verirrt; Biberli aber versicherte, es wären stille, fromme Leute, die, zufrieden mit dem Erbettelten, predigten und andere geistliche Obliegenheiten verrichteten. Sie ergänzten sich mehr aus dem Volke als aus den vornehmen Ständen. Viele gesellten sich indes zu ihnen, um, arbeitsscheu und von der Gabenfreude anderer genährt, ein müßiges Leben zu führen.

Dagegen erhob Eva lebhaften Einspruch. Wahre Frömmigkeit, behauptete sie, sei in den Orden des heiligen Franz am sichersten zu finden. Dann pries sie die Person ihres Stifters mit warmer Begeisterung und versicherte, der Heilige von Assisi hätte im Gegenteil die Seinen zur Arbeit angehalten. Einer seiner Lieblingsjünger war zum Beispiel bereit gewesen, die Nüsse von dem morschen Aste eines Nußbaumes, auf den niemand sich wagte, zu schütteln, wenn man ihm die Hälfte der Ernte überließe. Das sei ihm bewilligt worden; er aber hätte seine braune, weite Kutte zum Sacke 282 gemacht, sie mit Nüssen gefüllt und diese an die Armen verteilt.

Das gefiel der Mutter und Tochter; als jene aber bemerkte, Arbeit dieser Art scheine ihr zu leicht für einen jungen, edlen und kraftvollen Ritter, stimmte Eva ihr bei, doch fügte sie hinzu, der Heilige verlange freilich auch eine Thätigkeit, bei der die Hände zwar müßig blieben, doch der Seele auch des Stärksten gar Schweres zugemutet würde; Franz selber habe das Beispiel gegeben, dies heitern Sinnes und gern zu verrichten.

Während sie diese Auskunft erteilte, erhob Eva sich wieder; denn Schwester Hildegard hatte gemeldet, daß ihr Zelter und die Rosse der fremden Gäste vorgeführt worden wären.

Endlich verhieß Eva, gemeinsam mit den »Schwäbinnen« in den Sattel zu steigen, sagte Biberli, der ihr befremdet, doch mit der stillen Vermutung, dieser Gang zum Kaiser gelte ihm, nachblickte, Lebewohl und trat dann in den Hausflur, wo Schwester Hildegard ihr mitteilte, Pater Benedictus sei soeben verschieden.

Der Gesang der Mönche an seinem Sterbelager dauerte fort; Bruder Aegidius, der Freund und Altersgenosse des Verschiedenen, hatte sich indes von den anderen getrennt und trat Eva entgegen.

Tief ergriffen und mit mühsam unterdrücktem Schluchzen that er ihr kund, die Sehnsucht des heiligen Greises habe sich erfüllt, und sein Heiland ihn zu sich gerufen. So zu sterben wiege das viele reichlich auf, dem er hienieden in einem langen Leben so willig entsagt. Wenn Eva seinem Tode beigewohnt hätte, wäre sie gewahr geworden, wie zutreffend das Wort, daß das Leben des 283 Mönches bitter, sein Tod aber süß sei. So zu enden, würde nur denen beschieden, die die Welt hinter sich geworfen. Das möge sie noch einmal bedenken, bevor sie der ewigen Glückseligkeit entsage, nach der sie früher so frommen Sinnes getrachtet.

Da hatte Eva nur versichert, wie leid auch ihr der Hingang seines Freundes thue. Während sie dann aber in das Dunkel hinaustrat, dachte sie bei sich: Gewiß ist der fromme Bruder eines schönen und seligen Todes gestorben; doch wie sanft und wie sicher der Gnade ihres Erlösers schlummerte auch die Mutter hinüber, die doch zeitlebens und auch noch auf dem Sterbebette mitten in der Welt weilte. Und dann! Während Pater Benedictus die Augen schloß, was anderes lag ihm wohl am Herzen als das eigene ewige Heil; die Mutter aber vergaß sich selbst und dachte nur an andere, an uns, die sie liebte, während der Heiland sie zu sich rief. Schon brachen ihr die Augen und stockte ihr die Zunge, als sie mir noch das Wort zurief, das mich bis hieher wie ein Wegweiser führte. Heiß brennt das Schmiedefeuer des Lebens, aber wenn die Vorsätze, die ich im Walde faßte, nachdem ich die Blumen für sie gepflückt und als ich Heinz auf den Knieen sah im Gebete, nicht ganz vergebens blieben und aus dem launenhaften, selbstsüchtigen Kinde ein Weib ward, das auch anderen etwas sein kann, so dank' ich es ihm.

Wenn Heinz jetzt kommt und noch meiner begehrt, getrost darf ich ihm, denk' ich, dann sagen: »Da bin ich! Beide haben wir nach der himmlischen Liebe gerungen und ihre herrliche Schönheit erkannt. Glückt es uns später Hand in Hand sie in die irdische zu verflechten, warum sollte es dem Heiland nicht genehm sein? 284 Trägt mir Heinz aber seine Minne entgegen, so will ich sie als ›Schwester Minne‹ begrüßen und sie soll mich wahrlich nicht mit leiserer Stimme aufrufen, den Vater, dem sie entstammt und der sie mir vergönnte, zu preisen als Sonne, Mond und Sterne, als Feuer und Wasser.«

Damit trat sie hinaus, und nachdem sie erfahren, daß das Schultheißenpaar noch nicht zurück sei, trabte sie mit den Schwäbinnen der Stadt entgegen.

Um nicht ganz Nürnberg durchschneiden zu müssen, führte Eva die Fremden um die Festungswerke herum. Ihr Ziel war beinahe das gleiche, und sie wählten das Tiergärtnerthor, das im Nordwesten der Stadt unter dem Burgberge gelegen war, um in sie einzureiten, während der Weg nach Schweinau sonst durch das Spitalthor führte.

Unterwegs ließ Frau Wendula sich viel von Eva erzählen. Sie mußte ihr den Vater schildern und die verstorbene Mutter; ihre Tochter Maria verlangte dagegen am meisten von ihrer Schwester Els zu vernehmen, die ja, wie sie von Biberli gehört, das zweite schöne E war.

Eva redete gern von den Ihren, doch sie verhielt sich kleinlaut und sprach nur, wenn sie gefragt wurde; denn der Tod des Minoriten hatte sie ergriffen, und das Herz schlug ihr bang, wenn sie des Augenblicks gedachte, an dem sie unter die Höflinge und dem Kaiser entgegentreten sollte.

War nun ihr Gang vergebens gewesen?

Wenn der arme Biberli dennoch seine standhafte Treue mit dem Leben bezahlen sollte!

Wie weh das ihr thun und wie schwer es seinem Herrn die Seele belasten würde, mit dem Eintreten für ihn gesäumt zu haben!

285 Erst als Frau Schorlin sie frug, bekannte Eva, was sie bedrückte und mit wie großer Angst sie das Wagnis erfüllte, das sie, ganz auf sich gestellt, unternahm.

Vor dem Tiergärtnerthore mußten sie warten; denn es war eben einem Frachtwagenzuge aufgethan worden.

Während Eva mit der Burg vor Augen auf der Landstraße hielt, seufzte sie beklommenen Herzens auf: »Was Kaiser Rudolf dem Gemahl der hohen Schwester, dem mächtigen Herrn Burggrafen, dem er so Großes verdankt, versagte, wie wird er es mir, einer geringen Magd, bewilligen? O, wenn er mich nun hart anläßt und mich an das Spinnrad verweist!«

Da fühlte sie, wie der Arm der würdigen Frau, die an ihrer Seite hielt, sich ihr um die Schulter legte und hörte sie sagen: »Nur getrost, mein liebes Mädchen. Der Segen einer Frau, die es gut mit Dir meint wie mit der leiblichen Tochter, geht mit Dir, und auch kein Kaiser weist Dich unhold zurück, Du liebreizendes, vielgetreues, barmherziges Kind.«

Wie wenn die teure Frau, die der Tod ihr entrissen, ihr Mut zugesprochen hätte, ging Eva bei diesen Worten der wohlmeinenden Fremden das Herz auf, und aus der innersten Tiefe der Brust rang sich ihr der Ruf: »O, wie ich Euch danke!«

Dann drängte sie den gelenken Zelter noch dichter an das Roß der Matrone, um ihr die Linke zu küssen, mit der sie die Zügel hielt; Frau Wendula aber duldete es nicht, sondern zog sie zu sich heran und rief: »Deine Lippen, Du Liebe«, und als ihr roter Mund sich mit dem der gütigen Dame vereinte, wurde ihr so wohl, als besiegelte dieser Kuß eine alte treue Freundschaft.

286 Damit aber sollte es noch nicht genug sein; denn auch die junge Schwäbin verlangte, ihr zu zeigen, wie lieb sie sie gewonnen und bat sich auch einen Kuß aus.

Ohne es zu ahnen, hatte Eva mitten auf dem Wege zu einem beängstigenden Wagnis die Bestätigung erhalten, daß diejenigen, die dem Geliebten die Teuersten waren, sie als neues Mitglied ihres Hauses von ganzem Herzen willkommen hießen.

Jenseits des Thores mußte Eva sich von den Schwäbinnen trennen.

Frau Wendula sagte ihr mit einem innigen »auf Wiedersehen!« Lebewohl und verhieß ihr bestimmt, beim Empfang auf der Burg zu erscheinen.

Da atmete Eva erleichtert auf.

Daß gerade diese Frau, zu der sie schnell so tiefes Zutrauen gefaßt, ihrem schweren Wagnis beiwohnen sollte, erschien ihr wie ein gutes Vorzeichen für das Gelingen. Wie ein Heerführer, der mit wenigen Fähnlein ins Feld zieht und zu dem die Streitmacht eines sicheren Freundes unerwartet stößt, war ihr zu Mute.

 

 

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