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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Die Zugbrücke vor dem Luginsland wurde willig vor dem kaiserlichen Schultheißen niedergelassen. Er hätte Frau Christine von diesem Ritt abgehalten und ihn allein unternommen, doch lehrte ihn die Erfahrung, daß Ernst Ortlieb geneigter war, auf sie als auf ihn zu hören. – Aber sie kamen zu spät; denn kurz vor Sonnenuntergang hatte Herr Ernst den Besuch des Reichsforstmeisters Waldstromer benützt, um ihm das Bittschreiben zur Ablieferung an den Protonotar, durch den es dem Kaiser überreicht werden sollte, anzuvertrauen. Auch bereute er diesen Entschluß mit nichten und bestand auf der Meinung, daß es seine Pflicht als Vater und Nürnberger »Ehrbarer« sei, die Unbill, die ein fremder Ritter seinem Kinde und Hause angethan, nicht ungestraft hingehen zu lassen.

Frau Christine bot zwar alles, was ihr an Beredsamkeit innewohnte, auf, um ihn für ihre Meinung zu bestimmen, und ihr Hausherr stand ihr wacker zur Seite; doch erreichten sie nichts, als die Einwilligung des Gefangenen, falls das Schreiben noch nicht an den Kaiser gelangt sei, den Protonotar zu veranlassen, mit seiner Abgabe zu warten, bis er ihn darum ersuche.

201 Dies Zugeständnis hatte Herr Ernst gemacht, nachdem der Schultheiß ihm vorgehalten, daß der Ritter Schorlin einer tiefen Erschütterung der Seele anheimgefallen und bald darauf unvorbereitet ausgesandt worden sei, um die Siebenburgs zu züchtigen. Er habe darum keine Zeit gefunden, mit ihm, dem Vater, zu reden. Bestünde er auf dem Vorsatze, ins Kloster zu gehen, verfehlte die Bittschrift ohnehin ihren Zweck. Zeige es sich, daß er nur ein frevles Spiel mit Eva treibe, werde es Zeit sein, den Kaiser aufzurufen, ihn zu bestrafen. Uebrigens wisse er von dem Maier von Silenen, daß es dem Ritter bitterer Ernst sei mit dem Entschlusse, der Welt zu entsagen.

Das Schultheißenpaar hatte übrigens den späten Ritt nicht vergebens unternommen; denn als es den Luginsland verlassen, begegnete ihm schon bei St. Sebald der Protonotar. Er hatte den Brief empfangen, doch ihn seinem hohen Herrn noch nicht übergeben, und versprach, ihn einstweilen zurückzubehalten.

Froh dieses Erfolges, begleitete der Schultheiß Frau Christine, die Els aufsuchen wollte, in den Eysvogelhof.

Aus dem geräumigen Soler scholl ihnen ein vielstimmiges Gespräch und Gelächter entgegen. Drei Bettelmönche mit übervollen Beuteln drängten sich an ihnen vorüber und zwei andere standen noch neben den Knechten und Mägden, die dort beim Schein der Laternen zusammengekommen waren. Den Barfüßlern hatten sie die Säcke, dem eigenen Seelenheil zu Gefallen, mit den Vorräten des Hauses gefüllt; sie selbst sprachen schwatzend und schon halb berauscht den Weinkrügen zu, die der Kellermeister willig füllte, um dafür süßen Lohn von den 202 jungen Mägden zu ernten, die sich eifrig genug um die Gunst des wohlbeleibten Junggesellen bemühten, dem das Haar erst leicht ergraute.

Als sie des Schultheißen ansichtig wurden, fuhren sie auf. Der oberste Aufwärter suchte einen großen Krug, der, wie die Form verriet, aus Sizilien stammte und edlen Syrakusaner enthielt, wenn auch vergeblich, seinen Blicken zu entziehen. Den großen Schinken und den Braten, denen sie schon zuzusprechen begonnen, nahmen zwei Mägde flugs unter die Schürze.

Mit einem wehmütigen Lächeln schaute Herr Berthold auf das Treiben der herrenlosen Dienstboten, dann lüftete er die Kappe, verneigte sich mit tiefster Ehrerbietung vor den gestörten Zechern und sagte höflich: »Daß es den Herrschaften wohl bekomme.«

Da schauten die Ueberraschten einander verlegen an. Nur der Kellermeister faßte sich bald, trat mit der Küferkappe in der Hand auf den Schultheißen zu und sagte unterwürfig, er und seine Genossen befänden sich in einer schlimmen Lage. Es fehle der Herr im Hause. Keiner wisse, von wem er Befehle in Empfang zu nehmen habe. Vom ehrbaren Rate wäre den meisten der Dienst gekündigt, doch wisse niemand, wann er das Haus zu verlassen und an wen er sich wegen des Lohnes zu wenden habe.

Da that ihm der Schultheiß zu wissen, Herr Wolff Eysvogel habe hier zu gebieten, und so lange er abwesend sei, seine Verlobte, die Jungfrau Els Ortliebin. Morgen werde ein Herr vom Rate die Ansprüche eines jeden prüfen, den Lohn auszahlen und im Einvernehmen mit Frau Rosalinde Eysvogelin und der Jungfrau Els das übrige bestimmen.

203 Der Kellermeister hatte indes dem edlen Syrakusaner schon wacker zugesprochen. Die feisten Wangen glühten ihm, und bei der letzten Bestimmung des Schultheißen lachte er leise auf: »Gilt es, auf das Zusammengehen derer da oben zu warten, dann ist unseres Bleibens hier, bis die Pegnitz thalaufwärts fließt. – Hört nur, edler Herr, wie es mit ihrer Eintracht beschaffen.«

In der That klang der schrille, gereizte Ton einer hohen Frauenstimme, in die sich eine tiefere mischte, die Herrn Berthold wohl vertraut war, in den Soler herunter. Mit dem Einvernehmen der Frauen des Hauses dort oben sah es allerdings übel genug aus; die Frechheit der gewissenlosen Dienstboten konnte Herr Berthold indes nicht ungerügt lassen, und er entgegnete darum gelassen: »Recht hast Du, Mann. Einer kommt bei diesem ruchlosen Treiben schneller zum Ziele als viele, und der eine, der hier befiehlt, will ich darum sein, kraft meines Amtes. Du verläßt morgen dies Haus und den Dienst.«

Als aber der Kellermeister auffuhr und mit der tiefen Trinkerstimme hervorstieß, nur Spitzbuben setze man in Nürnberg gleich nach der Kündigung auf die Straße, schnitt ihm der Schultheiß mit ernster Würde das Wort ab, indem er bemerkte, er möge sich hüten, daß er die Frage, was dem Kellermeister gebühre, der das ihm anvertraute edle Gut, wie es hier geschehen sei, vergeude, nicht vor die Schöffen bringe.

Damit wies er auf die Stelle, wo der Syrakusaner Krug, den er wohl bemerkt hatte, nur halb versteckt war, und diese Drohung brachte den Kellermeister, dessen Gewissen ihm sehr viel mehr vorwarf, als der Schultheiß wissen konnte, schnell zum Schweigen.

204 Droben war es indes noch immer nicht stille geworden. Frau Christine hatte Els aus einer Vorratskammer befreit, in die die alte Gräfin, nachdem sie ihre Tochter verführt, an diesem böswilligen und dazu kindischen Streiche teilzunehmen, sie gelockt und dann eingeschlossen hatte. Jetzt war es zu einer ernsten Auseinandersetzung zwischen den Frauen gekommen, die erst durch die Dazwischenkunft des Schultheißen zum Abschluß gelangte. Vielleicht hätte er dies weniger schnell zu stande gebracht, wäre der Medicus Otto nicht eben als willkommener Beistand erschienen.

Frau Rosalinde bat reuevoll um Vergebung, ihrer Mutter wurde das untere Stockwerk von neuem verboten, ja ihr, falls sie sich dennoch in der Nähe des Krankenzimmers zeige, mit sofortiger Entfernung aus dem Hause gedroht.

Diese Strenge war nötig, um es Els möglich zu machen, ihren schweren Posten zu behaupten.

Hinter ihr lag ein Tag voll widriger Quälereien und schmählicher Demütigungen. Die alte Gräfin hatte Verwandte ihres Hauses, zwei alte unverheiratete Stiftsdamen, aufgerufen, ihr bei ihren Angriffen gegen den Eindringling Beistand zu leisten, und vielleicht waren sie es gewesen, die zu der Einschließung der Pflegerin Herrn Kaspars geraten, der sie das Recht absprachen, sich immer noch die Braut des jungen Hausherrn zu nennen.

Frau Christine war zu rechter Zeit erschienen; denn Els hatte schon der Mut zu sinken begonnen. Nichts und gar nichts war ihr aber auch begegnet, woran sie ihn hätte aufrichten können.

Da Biberli die Freiheit verloren, hörte sie von Wolff 205 nur wenig, und sein leidender Vater, um dessentwillen sie hier weilte, schien sie ungern zu sehen. Anfänglich hatte er weder zu reden noch sich umzuschauen versucht; während sie ihm aber heute morgen eine Erfrischung an die trockenen Lippen führte, hatte er ihr mit dem einen Auge, dessen Lid noch beweglich war, einen Blick zugeworfen, dessen feindselige Härte ihr immer noch nachging.

Selbst der Priester, der ihn mehrmals aufgesucht hatte, war ihr keineswegs freundlich begegnet. Er gehörte den Dominikanern an und war der Beichtvater der alten Gräfin und Frau Rosalindes. Diese mußten sie schwer bei ihm verleumdet haben, und da ihm die Orden des heiligen Franz, zu denen auch der der Klarissinnen gehörte, ein Dorn im Auge waren, trug er ihr nach, daß sie sich als Nichte der Aebtissin Kunigunde zu ihr und ihrem Kloster hielt und das Eysvogelsche Haus für die Franziskaner zu gewinnen drohte.

Bevor das Schultheißenpaar die Nichte verließ, befahl Herr Berthold den Knechten und Mägden, sich in gesonderten Reihen aufzustellen, bezeichnete ihnen dann in Gegenwart des Arztes Els als die Gebieterin, der sie zu gehorchen hätten, und ersuchte sie, diejenigen anzugeben, die sie im Dienste zu behalten wünschte. Die anderen sollten morgen auf dem Rathause für die plötzliche Entlassung entschädigt werden.

Schwerer hatte Els noch nie von ihren Verwandten Abschied genommen. Nur daß der Medicus Otto noch einige Zeit bei ihr blieb und sich bald darauf auch Konrad Teufel zu ihm gesellte, erleichterte ihr einigermaßen das Festhalten an ihrer schweren Pflicht.

Auf dem Wege nach Schweinau hatten die alten 206 Ehegenossen so viel mit einander zu reden, als wären sie nach langer Trennung wieder zusammengetroffen. Sie waren auf die Frage zurückgekommen, wie die Wartung der wunden Missethäter auf Eva wirken möchte, und beide hofften, Cordulas Nähe und Zuspruch würde ihr die Widerstandskraft stärken.

Aber was war das?

Als sie sich dem Schlößlein näherten, gewahrten sie schon von der Straße aus in der von Windlichtern erhellten Laube die Gräfin. Sie saß auf dem Sorgenstuhl Frau Christines; von Eva aber war nichts zu sehen. Hatte ihr die Kraft versagt und wurde ihre Heimkehr hier von Cordula erwartet, nachdem sie die schwächere Freundin zur Ruhe gebracht? Und wie kam Boemund Altrosen, der ihr gegenüber an einem der Pfeiler lehnte, die das Deckengewölbe der Laube trugen, hieher? Die Pfinzings kannten ihn von Kind an; denn sein Vater war in der Jugend ein lieber Freund und Waffenbruder des Schultheißen gewesen, und während Boemund als heranwachsender Knabe des Unterrichtes der Benediktiner im Sankt Egidienkloster genoß, war er dem in der Schlacht gefallenen Sohne des Pfinzingschen Paares ein lieber Genosse gewesen und hatte bei seinen Eltern freundliche Aufnahme gefunden.

Wie zärtlich besorgt der Ritter Cordula in das bleiche Antlitz schaute! Der blühenden, widerstandskräftigen Jägerin und kühnen Reiterin mußte etwas zugestoßen sein, und Herr Berthold wie seine Gemahlin fürchteten, daß es Eva betreffe.

Das junge Paar in der Laube nahm jetzt die Nahenden wahr, und Cordula erhob sich und winkte ihnen mit 207 dem Tuche entgegen. Doch wie langsam sie aufstand, wie matt das lebhafte Mädchen die Hand bewegte!

So schnell es anging, half der Schultheiß der Gattin aus dem Sattel, und besorgt eilten dann beide der Laube entgegen. Frau Christine hielt sich dabei nicht auf dem gebogenen Wege, sondern schritt, obgleich sie sonst streng darauf hielt, daß niemand den Rasen zertrete, über ihn hin, um schneller ans Ziel zu gelangen. Bevor sie indes die Frage stellen konnte, zu der es sie drängte, rief Cordula ihr wehmütig entgegen: »Seid mir gegrüßt und geht nicht zu hart mit mir ins Gericht. Wer sich erhöhet, der wird erniedrigt werden, sagt die Schrift, und ferner heißt es, daß die ersten die letzten und die letzten die ersten sein würden; ich aber bin auf den Boden zu sitzen gekommen, während Eva den Thron behauptet. In die hinterste Reihe der letzten gehör' ich, und sie geht der ersten voran.«

»Gebt uns lieber gleich die Lösung des Rätsels,« bat Frau Christine.

Da trat der Ritter Altrosen vor, reichte dem alten Freunde die Hand und ergriff für Cordula das Wort: »Ihr war es zu viel des Greuels und der Schrecken, während die Jungfrau Ortliebin stand hielt.«

»Eva blieb im Siechenhause zurück,« fügte die Gräfin kleinlaut hinzu, »weil eine sterbende Frau sie nicht fortlassen wollte; ich aber – der Ritter hat recht – konnte es nicht länger ertragen.«

Da warf Frau Christine dem Gatten einen siegesfrohen Blick zu; als sie aber die bleichen Wangen Cordulas wahrnahm, rief sie: »Armes Kind! Und da war niemand hier, um es . . . Einen Augenblick, Gräfin!«

208 Damit warf sie die Reitgerte und die Handschuhe von sich und wollte an den Kredenztisch und den Arzneikasten eilen, um einen kräftigenden Trunk zu mischen; Cordula aber hielt sie zurück und sagte: »Die Schaffnerin sorgte schon für die nötige Erfrischung. Ich bitte nur, die Rosse vorführen zu lassen, weil der Vater sich sonst ängstigt. Eure Heimkehr, edle Frau, mußte ich schon abwarten, weil ich . . . Nun ja . . . Rühmlich war meine Flucht aus dem Siechenhause gewiß nicht, und sie einzugestehen ist kein besonderes Vergnügen . . . Aber für noch elender, als ich mich wirklich zeigte, braucht Ihr mich doch nicht zu halten, und so blieb ich denn, um Euch selbst zu berichten . . .«

»Daß es ein ander Ding ist,« fiel ihr Ritter Boemund ins Wort, »frommer Holzknechte, Wildhüter, Fischer und Köhler zu warten, die, wenn sie wund und krank sind, zu der gnädigen Herrin wie zu einer rettenden Botin des Himmels aufschauen, als sich unter das wüste Gesindel da drüben zu mischen. Die blutigen Striemen, die die Rute des Henkers dem Verbrecher in den Rücken gräbt, stimmen ihn nicht milder, die Verstümmelung, auf die er flucht, und die Schmach, mit der man ein lasterhaftes Weib . . .«

»Höret auf,« unterbrach ihn hier Cordula, und das Blut wich ihr von neuem aus den Lippen und von den Wangen. »Laßt diese Bilder ruhen, deren Anblick mir die Seele vergiftet. Es war zu gräßlich, zu furchtbar. Und wie das Weib mit dem roten Bande am Hals – die Spur des Strickes, womit es den Stein getragen – sich auf das andere stürzte, dem man ein Auge geblendet, – und wie sie am Boden mit einander rangen, sich kratzten, bissen, das Haar ausrauften –«

209 Hier brach das weichherzige Mädchen in ein lautes Schluchzen aus und schlug die Hände vor das zuckende Antlitz.

Da zog Frau Christine sie mitleidig ans Herz, drückte das Haupt der Mutterlosen an ihre Brust und ließ sie sich dort ausweinen, während der Schultheiß Ritter Boemund frug: »Und Eva Ortliebin wohnte auch diesem wüsten Schauspiele bei, und das zarte junge Pflänzlein ertrug es?«

Bejahend nickte Altrosen mit dem Kopfe und fügte dann, als trete ihm ein Erinnerungsbild frisch vor die Seele, lebhaft hinzu: »Bei all dem Greuel schaute sie wohl manchmal ängstlich drein, sonst aber – wie soll ich nur sagen – sonst aber still und zufrieden.«

»Zufrieden,« wiederholte der Schultheiß nachdenklich. Dann richtete er plötzlich den kurzen breiten Körper straff in die Höhe, schlug die kleine, fleischige Hand in eine Brustfalte am Wamse des Ritters und rief: »Wollt Ihr hören, Boemund, was das schwerste Rätsel ist, das der Herrgott uns Männern zu raten aufgibt? Es ist – daß Ihr's wißt – die Seele des Weibes.«

»Ja,« versetzte Altrosen kurz, und dies bestimmte Wort klang wie ein Seufzer.

Sein dunkles Auge blieb dabei auf Cordula ruhen, die das Haupt immer noch an die Brust Frau Christines schmiegte.

Dann schob er die Binde zurecht, die ihm seit dem Brande die Stirn und das schwarze Haupthaar umwand, und fuhr in erläuterndem Tone fort: »Graf Montfort schickte mich, als es dämmerte, her, um die Tochter heim zu geleiten. Von Eurem Schlößlein aus ward ich in 210 das Siechenhaus gesandt, und da fand ich sie unter den gräßlichen Weibern. Sie hatte redlich gegen Abscheu und Ekel gekämpft; doch als ich dazu kam, begann ihr die Widerstandskraft schon zu erlahmen. Zum Glück war die Sänfte zur Hand; denn sie fühlte, daß die Füße sie kaum heimtragen würden. Auch für die Jungfrau Ortliebin ließ ich den Tragstuhl rüsten, doch ich gedachte ja schon der Sterbenden, die sie zurückhielt. Als handelte es sich um eine leichte Pflicht, bat sie die Gräfin, ihr Urlaub zu erteilen, und hielt an dem elenden Strohlager stand.

Eben hatte das tief erschütterte Mädchen sich wieder den Armen der Matrone entzogen und bat den Ritter, ihren Roland satteln zu lassen. Aber Frau Christine hielt Altrosen zurück und bat Cordula, sich für die nächtliche Heimkehr ihr zu liebe statt des Rosses ihrer Sänfte zu bedienen.

»Wenn Euch ein Gefallen damit geschieht,« lächelte die Gräfin dankbar. »Ich käme aber auch auf dem Schecken nach Hause.«

»Wer zweifelt daran?« frug die Matrone. »Gib ihr den Arm, Mann. Die Träger sind zur Hand, und Ihr, Boemund, holt sie schnell ein auf Eurem Rappen.«

»Mir wird der Spaziergang durch die laue Juniusnacht wohlthun,« versicherte dieser.

Bald darauf bewegte sich die Sänfte, die Cordula trug, und der mehrere Fackelträger zu Fuß und zu Roß den Weg erleuchteten, der Stadt entgegen.

Bei Sankt Linhard wagte Boemund Altrosen, der neben ihr herging, die Frage: »So darf ich hoffen, Gräfin? Ich darf es wirklich?«

Da nickte sie ihm herzlich zu und entgegnete leise: 211 »Ihr dürft; doch erst gilt es prüfen, ob die Minneblume, die Euch aus meiner Schwäche entgegenblüht, auch die echte. Ich glaube, sie ist es.«

Da zog er ihre Hand glückselig an die Lippen; doch der Ruf eines der Fackelträger: »Graf Montfort mit seinen Leuten!« trieb ihn von der Sänfte zurück. Bald darauf begrüßte Cordula den Vater, der seinem Kleinod besorgt entgegengeritten war.

 

 

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