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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Das Pfinzingsche Schlößchen in Schweinau war weder geräumig noch prächtig, nirgends aber hielt Frau Christine sich lieber auf.

Die Hitze des Sommers fand keinen Eingang durch die drei Mann starken Mauern des alten Bauwerkes. In der Frühe und am Abend weilte man gern in der Laube, einem nach vorn geöffneten Raume, der sich an der Langseite des Schlosses hinzog und in dem es sich, auch wenn es regnete, Luft schöpfen ließ. Sie schaute in das Würzgärtlein, das der Matrone besonders wert war; denn es kamen darin Rosen, Lilien, Nelken und andere Blumen zur Blüte, und ein Teil der Beete wurde, nachdem der Gärtner, unter dessen Obhut der Gemüsegarten hinter dem Hause stand, sie umgegraben, von ihr selbst bepflanzt und gepflegt.

Die Stunde zwischen dem Aufgang der Sonne und der Messe war dieser Arbeit, bei der Eva ihr helfen sollte, gewidmet, und es hätte dabei mancherlei für sie zu lernen gegeben; denn die Muhme zog hier verschiedene heilkräftige Pflanzen. Den Samen oder die Knollen hatte sie zum Teil aus fremden Ländern bezogen. Die Kräfte einer jeden waren ihr wohl bekannt. In Schweinau gab 184 es auch Gelegenheit genug, sie zu verwerten, und die Hospitalpfleger der Stadt, der Medicus Otto und andere Heilkünstler, sowie viele Ritterfrauen aus der Umgebung, die im Kreise ihrer Bauern und Hörigen den Arzt vertraten, wandten sich gleichfalls an Frau Christine, wenn sie für ihre Kranken gewisse Wurzeln, Blätter, Beeren und Samen bedurften. Auch Mönche und Nonnen aus den Klöstern weit und breit sprachen sie niemals vergebens um solche an.

So ruhig wie Eva es bis dahin geliebt, verlief das Leben in dem Schweinauer Schlößchen allerdings mit nichten.

Als sie die Einladung annahm, hatte sie gewußt, daß, wenn sie jede Thätigkeit der Muhme hätte teilen müssen, kein stilles halbes Stündchen für sie übrig geblieben wäre; aber sie war nicht zum erstenmale hier und hatte erfahren, daß Frau Christine ihr volle Freiheit ließ und sie zu nichts gebrauchte, wozu sie sich nicht freiwillig anbot.

Wenn sie sah, wie die Matrone nach der Messe und dem Frühmahl, das der Gatte noch, bevor er zur Stadt ritt, mit ihr teilte, die alten Kreuzfahrerwitwen in dem kleinen Stifte hinter dem Gemüsegarten besuchte und bei den Beghinen Umschau und Ordnung hielt, frug sie sich oft, woher die Frau, die der Siebenzig näher stand als der Sechzig, die Kraft zu alledem und was ihm folgte, nehme. Denn da gab es zunächst in der Küche zu sorgen, daß die Hauptmahlzeit nach dem Vespergeläut dem Hausherrn das immer gleich gern gehörte »unübertrefflich« abgewinne. Nachdem sie dann im Waschhause, auf der Bleiche, bei den Linnenschränken, im Keller, auf dem 185 Boden und sogar in den Ställen und bei den Bienenstöcken nach dem Rechten gesehen und aus der Hand der Zofe als wohlgekleidete Edelfrau hervorgegangen war, empfing sie Besuch auf Besuch. Da kamen Freunde und Freundinnen von den Nürnberger Geschlechtern, Mönche und Nonnen mit verschiedenen Anliegen für ihre Klöster und Armen, geistliche und weltliche Herren und Frauen aus der Stadt und vom Lande, und darunter auch oft genug die vornehmsten Besucher des Reichstags; denn das burggräfliche Paar zählte sie zu ihren Freunden, und der Burggraf Friedrich gedachte ihrer gern, wenn man ihn nach den Nürnberger Frauen fragte, als derjenigen, der an Tüchtigkeit, Klugheit und Herzensgüte keine andere voranstand.

Er und seine würdige Gemahlin suchten sie auch bisweilen bei derjenigen Thätigkeit auf, der sie den Löwenpart ihrer Zeit und Kraft widmete: die Beaufsichtigung des Siechenhauses auf der Schweinau.

Oft freilich ließ sie Tage vergehen, ohne den Fuß dorthin zu setzen; ging aber nicht alles wie es sollte und war bei schweren Fällen ihr Beistand erwünscht oder notwendig, verweilte sie daselbst wohl auch bis tief in die Nacht oder bis zum nächsten Morgen.

Auch die höchsten Besucher wurden dann mit dem Bescheid heimgesandt, Frau Christine könne nicht fort von den Kranken.

Nur das burggräfliche Paar durfte ihr in das Siechenhaus folgen, und es hatte sich das Recht, dort ein Wort mitzusprechen, wohl erworben, weil es zu seinen freigebigsten Unterstützern gehörte und drei seiner Söhne das Johanniterkreuz trugen und dort oft wochenlang, wie 186 es die Ordenspflicht befahl, als Krankenpfleger die Hände rührten.

Auch Frauen kam das Recht zu, im Siechenhause die Wunden ausheilen zu lassen, die ihnen die Rute oder das Eisen des Henkers geschlagen.

Eigentlich sollte jeder Leidende nur drei Tage lang dort verpflegt werden; Frau Christine trug aber Sorge, daß niemand, dem dies hätte verhängnisvoll werden können, auf die Straße gesetzt wurde. – Den Mehraufwand mußte der ehrbare Rat wohl oder übel bestreiten. Der Schultheiß hatte für diese Uebergriffe manche Lanze zu brechen, fand aber immer eine stattliche Mehrheit für die gute Sache des Siechenhauses und seiner Gattin. Häufte sich die Zahl derer, die einer längeren Pflege bedurften, so schonte sie auch keineswegs den eigenen, stattlichen Besitz.

Das Siechenhaus und die Hoffnung, sich darin hilfreich erweisen zu dürfen, hatte Eva mit nach Schweinau geführt. Die Erlebnisse der letzten Tage waren wie ein Sturmwind in den Frieden ihrer jungen Seele gebraust. Fest Gefügtes hatte er zu Boden gerissen und glimmende Funken zur Flamme angefacht. Seit der stillen Selbstschau im Gemache des Stadtschreibers wußte sie, was ihr fehlte und was ihr aus sich selbst zu machen oblag. Das Band, das sie mit ihrer Heiligen und dem Heiland tief innerlich vereinte, hielt immer noch stand; wußte sie doch, was derjenige, von dem auch die Sendung der heiligen Klara ausging, was Franz von Assisi den Seinen, denen es wie ihr erging, vorschrieb.

In treuer Arbeit für ihre Brüder und Schwestern sollten sie den Frieden der beunruhigten Seele 187 zurückzuerlangen trachten, und welche Arbeit stand ihr, der schwachen Jungfrau, besser an, als die Linderung des Schmerzes unglücklicher Nächster. Je schwerer die Pflichten waren, die ihr im Dienste der Liebe auferlegt wurden, um so besser. In der Hoffnung, das echte, willensstarke Weib aus sich selbst zu machen, als das die sterbende Mutter ihr schwaches Kind mit den Augen des Geistes gesehen, wollte sie ans Werk gehen; etwas Schwereres aber, als die Aufgaben, die es hier zu erfüllen gab, konnte sie sich nicht denken. Das war die echte, heiße Glut des Schmiedefeuers, dem die Verstorbene ihre Läuterung und Umbildung anzuvertrauen gewünscht. Nicht aus dem Weg gehen, entgegeneilen wollte sie ihr. Während der Geliebte das Schwert schwang, war es auch an ihr zu kämpfen. Von Biberli hatte sie gehört, daß Heinz das Schwerste auf sich zu nehmen gewünscht. Das war etwas Großes, und ihre leicht begeisterte, auf das Hohe gerichtete Seele erfüllte sich mit dem gleichen Verlangen. Begierig, wie sie sich bewähren würden, prüfte sie die jungen Schultern und schaute nach der Last aus, die sie ihnen aufzuerlegen gedachte.

Als die Muhme sie vor einem Jahre zum erstenmale in das Siechenhaus geführt hatte, war sie wie vernichtet in das Schlößchen zurückgekehrt. Nicht von fern hatte sie geahnt, daß es solchen Jammer auf Erden, solche Schmerzen unter den Nächsten, solche Verworfenheit unter denen gebe, die des gleichen Geschlechtes mit ihr waren. Was bedeutete das, was Els der sanften, still duldenden Mutter geleistet hatte, oder was sie für den alten Herrn Kaspar, der in einem weichen Bett – es war ihr als etwas Seltenes gezeigt worden – von Ebenholz und 188 Elfenbein ruhte, noch thun sollte, gegen die Wartung dieser aus schweren Wunden blutenden, ruchlosen Galgenvögel und verkommenen siechen Weibsbilder. Wenn aber der eigene Sohn Gottes unter den grausamsten Schmerzen für die sündige Menschheit das Leben gelassen, wie durfte sie, das schwache, irregehende, verlästerte Mädchen, an dem nichts ganz gut war als der leidenschaftliche Wille zum Guten, sich scheuen, den Beklagenswertesten unter den Nächsten Hilfe zu leisten? Hier im Siechenhause zu Schweinau lag die schwere Last, die sie sich aufzuerlegen begehrte.

Auch um das Band fest zu erhalten, das sie mit dem Heiland vereint hatte, wollte sie es thun. Seines eigenen Wortes, was einer dem geringsten thue unter seinen Brüdern, das habe er ihm gethan, mußte sie hier fortwährend gedenken. Eine Braut Jesu Christi zu werden und schon hier im tiefsten Innern eng mit ihm verbunden der Stunde entgegenzuharren, in der er ihr die göttlichen Arme öffnen würde, war ihr wie das schönste Lebenslos erschienen. Jetzt hatte sie sich in der Welt einem anderen angelobt, und doch wollte sie auch von ihrem Heiland nicht lassen. Zeigen wollte sie ihm, daß, wenn sie sich auch nicht von der irdischen Minne lossagen konnte und wollte, ihr Herz doch auch für ihn, den himmlischen Geliebten, mit aller Zärtlichkeit schlage. Und er, der die Liebe selbst war, konnte er ihr wohl zürnen, wenn er sah, wie sie, ohne doch hoffen zu dürfen, daß der Geliebte den Weg zu ihr zurückfinden würde, unverbrüchlich fest hielt an ihrer Minne, obgleich niemand als er und sein himmlischer Vater Zeugen ihres stummen Verlöbnisses gewesen?

189 Heinz gehörte sie an, und er – sie wußte es – ihr. Wenn auch später, nachdem alle Welt ihre Unschuld erkannt, die Mauern zweier Klöster sie schieden, blieben ihre Seelen dennoch untrennbar verbunden. Gab es hienieden kein Wiedersehen für sie beide, würde im Jenseits der Heiland sie selbst um so gewisser zusammenführen, je gehorsamer sie sein göttliches Gebot zu erfüllen getrachtet. Wie es Heinz verlangte, in der Nachfolge Christi sein Kreuz auf sich zu nehmen, so wollte auch sie sich damit belasten. Am Strohlager der verwundeten Verbrecher war es zu finden. Die Erfüllung jeder schweren Pflicht, der sie sich da willig unterzog, erschien ihr wie eine Stufe, die sie dem Heiland näher brachte und sie zugleich der Vereinigung mit dem Geliebten, wenn auch erst in einer andern Welt, entgegenführte.

Die erste Bitte, die sie auf dem Wege zur Messe in der Frühe des ersten Tages ihres Aufenthalts in Schweinau an die Muhme richtete, suchte ihr darum die Erlaubnis abzugewinnen, im Siechenhause die Hände rühren zu dürfen.

Sie fand Gewährung; doch erst, nachdem die erfahrene, rasch entschlossene Frau das Auge voll zögernder Besorgnis auf ihrem schönen Antlitz und ihrer herrlichen, jugendlich biegsamen Gestalt hatte ruhen lassen. Der Gedanke, daß es schade sei für so viel holdselige, makellos reine, jungfräuliche Anmut, in den Dienst dieser Verworfenen gestellt zu werden, hatte sie schon bestimmt, ihr ein entschiedenes »Nein!« entgegenzurufen; doch sie sprach es nicht aus; ja, tiefes Schamrot färbte ihr die Wangen, als ihr Blick auf das Bild des Gekreuzigten fiel, das sich neben der Straße, die zum Kirchlein des 190 Dorfes führte, erhob; denn wen hatte er, der Höchste der Hohen, zu sich berufen und wert seiner besonderen Gnade und des Himmelreichs gehalten? Die Einfältigen waren es gewesen, die Kinder, die Ehebrecherin, die Sünder und Zöllner, die Verachteten und Armen. Nein, nein, es würde das liebliche Kind so wenig schänden, sich den Elenden dort drüben hilfreich zu erweisen, wie die seltenste Pflanze, die sie in ihrem Würzgärtlein hegte, wenn sie sie benutzte, um die Leiden eines widerwärtigen Bösewichts zu heilen.

Und dann!

Mit wie tiefem Abscheu hatte sie sich anfänglich selbst in das Siechenhaus begeben, und wie voll bewußt des eigenen, so unendlich viel höheren Wertes war sie aus der Mitte dieser Verworfenen ins Freie getreten.

Aber wie hatte dies Gefühl, das ihr das Haupt gehoben, sich allmälich geändert.

Erst bei näherer Bekanntschaft mit den Armen und Verachteten war ihr das Wesen und Walten Christi recht verständlich geworden; denn wie viele Züge schlichter, opferwilliger Hilfsbereitschaft, wie rührende Genügsamkeit und dankbare Freude am Kleinsten, wie kindlich frommen Sinn und wie demütige Ergebenheit auch in unerträglichem Leid hatten diese Unglücklichen ihr gezeigt. Ja, wenn sie dem Lebenslaufe vieler ihrer Pfleglinge gefolgt war und erfahren hatte, wie sie in die Hand des Henkers und auf die Schweinau gelangt, hatte sie sich gefragt, ob die meisten, die zu ihrem Lebenskreise gehörten, unter den gleichen Umständen nicht weit schneller den Weg dorthin gefunden, und ob sie das über sie Verhängte auch nur halb so geduldig, so frei von Bitterkeit und 191 Auflehnung gegen den Ratschluß des Höchsten ertragen hätten. In manchem, der ihr anfänglich wie eine widrige Giftpflanze erschienen war, hatte sie wohlthätige Säfte entdeckt; wo sie sich gescheut hatte, so viel Unreinheit anzurühren, waren ihr aus dem Schlamm Veilchen und Lilien entgegengeblüht. Statt erhobenen Hauptes hatte sie dem Siechenhause oft beschämt den Rücken gekehrt. Von dem stolzen Vorrechte ihres Standes, Geringere zu verachten, machte sie längst keinen Gebrauch mehr; und war sie auch bisweilen versucht gewesen, es dennoch zu üben, hatten dies weit öfter an Geist und Herz niedrig stehende Mitglieder ihres eigenen Standes, als die leidenden Nächsten im Siechenhause veranlaßt.

Für sich selbst war sie sehr bescheiden geworden; warum sollte sie bei Eva den zur Ruhe gegangenen Hochmut zu neuem Leben erwecken?

Viel innere Not und Seelenpein war über das arme Kind gekommen, das ihr gestern, als sie es in ihrem Schlafkämmerlein zur Ruhe gebracht, das ganze Herz erschlossen hatte. Wie gering es sich fühlte, wie demütig die kleine Heilige jetzt war, die noch jüngst sich nur zu schnell und gern über andere und über sich selbst erhoben. Ihr gerade würde es gut thun, zu den Allerniedrigsten herabzusteigen und an ihrem Elend das eigene, bessere Los zu messen. Sie, die sich beraubt fühlte, im Siechenhause konnte sie überall die Gebende sein, und feinfühlig empfand sie auch nach, was Eva sonst noch zu ihren Pfleglingen hinzog.

Frau Christine war eine gottesfürchtige, ihrer Kirche anhängliche Matrone, doch schon in der Jugend weit entfernt von frommer Schwärmerei gewesen. Aber die 192 Aebtissin Kunigunde, ihre um weniges jüngere Schwester, hatte vor ihren Augen den Seelenkampf ausgefochten, der sie endlich als schön erblühte, viel umworbene Jungfrau in das Kloster geführt. Keine als ihre ruhigere, verschwiegene Schwester Christine hatte sie an ihrem inneren Ringen teilnehmen lassen, und diese sah nun, wie sich in der jungen Nichte erneute, was Kunigunde vor so vielen Jahren durchlebt. So schwer es ihr damals gefallen war, die spätere Aebtissin zu verstehen, so leicht ward es ihr jetzt, nachdem sie manchen ähnlichen Kampf bei anderen beobachtet hatte, jeder Regung in der Seele Evas zu folgen.

In einer langjährigen, an Liebe reichen Ehe, in der die gegenseitige Hochachtung sich von Jahr zu Jahr gesteigert hatte, war das Schultheißenpaar dahin gelangt, wichtigen Fragen gegenüber der gleichen Meinung zu sein; als aber Herr Berthold von der Stadt heimkehrte und, während Eva sich schon im Siechenhause aufhielt, der Gattin beim Mahle, das sie allein mit ihm teilte, bedenklich erklärte, nach seiner Ueberzeugung hätte sie dem Verlangen der Nichte den äußersten Widerstand entgegensetzen sollen, und er hoffe nur, daß ihre Nachgiebigkeit keine verhängnisvollen Folgen für das leicht erregbare, tief empfindende Kind nach sich ziehen werde, geschah das Ungewöhnliche, daß Frau Christine, ohne wie sonst vermittelnd einzulenken, auf ihrer Ueberzeugung bestand.

So geschah es, daß der Schultheiß diesmal um das Schläfchen kam, das er sonst der Mahlzeit folgen ließ, und dennoch, trotz des besten Willens, nachzugeben, der Hausfrau den Gefallen nicht thun konnte, sich überzeugen zu lassen. Trotzdem forderte er die Gattin nicht auf, zurückzunehmen, was sie einmal bewilligt.

193 Mochte Eva denn fortfahren, das Siechenhaus zu besuchen.

Die Pflegerin, eine Frau von würdiger Gesinnung und starker Willenskraft, stand ihr, was auch kommen mochte, treu zur Seite. Frau Christine hatte das Mädchen unter ihren besonderen Schutz gestellt, und die Beghine Hildegard, die edelgeborene Witwe eines Ritters, der in Italien für Kaiser Friedrich das Leben gelassen, sie mit besonderer Wärme aufgenommen, weil sie eine Tochter besessen, die ihr der Tod in Evas Jahren entrissen.

Trotzdem wollte sich der Schultheiß nicht beruhigen lassen. Erst als von der Laube aus, wo der Nachtisch noch auf der Tafel stand, Cordula hoch zu Roß sichtbar wurde, brach er die Begründung seiner vielen Bedenken ab und ging der Gräfin entgegen.

Seinem geraden Verstand und seiner ruhigen Gefühlsweise war das meiste unverständlich geblieben, was Frau Christine ihm von dem Seelenleben ihrer Schwester und Nichte berichtet. Er kannte die schrecklichen Eindrücke, denen sich selbst ein Mann unter dem Gesindel im Siechenhause nicht entziehen konnte, und hatte sich des Vergleiches bedient, was Eva da zugemutet werde, heiße ein schwaches Kind mit Pfeffer stärken.

Als Gräfin Cordula sich an der Hand des alten Herrn von ihrem mutigen Schecken aus dem Sattel schwang, dachte er: »Wenn diese da sich statt des seinen Evakindes unseres wunden Schelmenvolkes annähme, das ließ' ich gelten! Mit dem Gottseibeiuns selbst bindet sie an, während mein Patchen mit ihren Engeln im Himmel tändelt.«

In der Laube erklärte Cordula, warum sie nicht 194 früher gekommen; doch berichtete sie damit dem alten Paare nichts Neues.

Als sie heute morgen Ernst Ortlieb im Luginsland aufgesucht hatte, war er schon aufs Rathaus geführt worden. Es hatte keiner besonderen Verhandlung bedurft, da er sein eigener Ankläger war und viele giltige Zeugen bestätigten, daß er aufs schwerste gereizt, ja, wie sein Fürsprecher es darstellte, im Stande der Notwehr den Schneider verwundet.

Ernst Ortlieb sogleich der Haft zu entlassen, ging indes nicht an, weil der Vertreter des Schneiders ein weit höheres Wehrgeld verlangte, als das Rugamt ihm zubilligen wollte. Die Wunde des Meisters war nicht lebensgefährlich, doch untersagte sie ihm noch, das Lager zu verlassen und in eigener Person vor den Richtern zu erscheinen. Die Kerzenhändlerin pflegte ihn in seinem eigenen Hause und reizte ihn zu Forderungen auf, deren unsinnige Höhe die Heiterkeit der Richter erweckte. Als Meister Seubolt auch noch nach einem langwierigen Hinundher an ihnen festhielt, rieten die Schöffen vom Rate und der Pfänder, aus denen das Rugamt sich zusammensetzte, Herrn Ernst, das Urteil vertagen zu lassen und die Behauptung des Schneiders, seine Sache gehöre vor das Blutgericht, bei dem die gesamten Schöffen des Rates unter Vorsitz des Schultheißen das Urteil sprachen, als begründet anzuerkennen. Mit Rücksicht auf die Bürgerschaft und das unwillig erregte Schneidergewerk erschien es geraten, jeden Schein der Parteilichkeit zu vermeiden; doch mußte der Selbstankläger sich dann freilich die Haft 195 weiter gefallen lassen, bis man den Spruch gefällt. Diese Verzögerung war indes von geringem Belang; denn der Schultheiß hatte dem Schwager versprochen, seine Angelegenheit sollte schon morgen verhandelt und zum Abschluß gebracht werden.

Das alles, und daß Biberli, der Diener des Ritters Schorlin, nochmals einem peinlichen Verhör unterzogen und auf der Folter härter als billig mitgenommen worden sei, hatte Herr Berthold, voller Bewunderung vor der seltenen Festigkeit des wackeren Gesellen, der Gattin schon gleich nach der Heimkehr berichtet.

Was die Gräfin anging, so hatte sie, nachdem der Vater ihrer Freundinnen auf den Luginsland zurückgeführt worden war – wenige Stunden war es her – ihn guter Dinge gefunden.

Der Burggraf von Zollern war zwar nicht wie viele Ehrbare und Herren in eigener Person gekommen, er hatte aber seinen Sohn Eitelfritz zu ihm geschickt, um sich nach seinem Ergehen zu erkundigen, und der Gefangene war eben mit dem Bittschreiben beschäftigt gewesen, das er morgen durch Meister Gottfried von Passau, den Protonotar Kaiser Rudolfs, an den Herrscher gelangen lassen wollte. Daß es auch die Anklage enthielt, der Ritter Heinz Schorlin sei nächtlicherweile in sein Haus gedrungen, hatte er Cordula erhobenen Hauptes bestätigt. Ihre Bitte, von dieser Klage abzusehen, hatte er sie nicht einmal zu Ende bringen lassen. »Und nun,« schloß die Gräfin betrübt, »lege ich euch, die ihr dem Mädchen hold seid, ans Herz, zu bedenken, in wie beklagenswerter Weise durch diese Thorheit des eigenen Vaters Evas Name in den Mund des gesamten Hofes 196 kommen wird, und was die Lästermäuler in der ganzen Stadt auf solche Klage hin dem armen Kinde anhängen werden!«

Da seufzte Frau Christine schwer auf und erhob sich; ihr Gatte aber, der ihr ansah, was sie im Sinne trug, hielt sie mit der Bemerkung zurück, ein Gang würde für heute vergebens sein; denn da gehe die Sonne schon unter, und mit Eintritt der Dunkelheit werde der Luginsland verschlossen.

Diese Bemerkung veranlaßte die Matrone, auf den verlassenen Sitz zurückzukehren; doch hatte sie kaum den Sorgenstuhl wieder berührt, als sie sich von neuem erhob und dem Aufwärter gebot, die große Braune satteln zu lassen. Sie begebe sich diesmal zu Pferde in die Stadt; die Sänftenträger gingen zu langsam.

Dann wandte sie sich dem Gatten zu und sagte heiter: »Danke für die Entschuldigung, Mann, die Du mir vor mir selbst gabst; in diesem Fall kann ich sie aber nicht brauchen. Mein thörichter Bruder darf die Anklage, die seine Tochter bloßstellt, auf keinen Fall erheben, und käm' ich zu spät, es wäre ein Unglück. Wofür wär' ich denn die Hausfrau des kaiserlichen Schultheißen, wenn man für mich eine Nürnberger Zugbrücke nicht auch noch nach Sonnenuntergang niederlassen wollte? Ging das Schreiben schon ab, wird es mit Meister Gottlieb zu reden gelten. Es sollte ja erst morgen abgesandt werden; aber nichts schaffen wir uns lieber schnell vom Halse, als die mißlichen Dinge, vor denen uns selbst ein wenig graut. Gib mir ein Zeichen an den Thorwart mit, Pfinzing, und Ihr, Gräfin, beurlaubt mich; seid Ihr es doch selbst, die mich fortschickt.«

197 Während die Gürtelmagd ihr das Kopftuch und den Ueberwurf umlegte und der Schultheiß dem Aufwärter leise den Befehl erteilte, auch sein Roß bereit zu halten, forderte Frau Christine Cordula auf, Eva aus dem Siechenhause abzuholen, wenn sie keinen Ekel vor wunden Leuten der geringsten Art empfinde.

Da lachte die Gräfin hell auf und sagte: »In den Hütten unserer Waldläufer, Fröner und Fischer sieht es noch sauberer aus als in den Erdhöhlen der Köhler und Steinbrecher in den Montfortschen Forsten und Bergen. Nach Sandelholz und Rosenöl duftet es weder in den einen, noch in den anderen, und der Axthieb, der einem unserer Holzfäller ins Fleisch dringt, bietet den nämlichen Anblick wie die Wunden, die eure Galgenvögel mit auf die Schweinau bringen. Und – daß Ihr's wißt – ich bin der Arzt in Montfort, und wenn es nicht ans Ende geht, und der Kaplan begleitet mich mit dem Allerheiligsten, mach' ich mich mit dem Knechte, der Zofe oder dem Pagen, die mir den Arzneikasten nachführen, oft genug allein auf den Weg. Seit ich groß bin, versorge ich unsere Kranken, und wie viele Brüche, Wunden, Schäden und Fieber ich schon heilte oder zum Schlimmern führen sah, das läßt sich schon längst nicht mehr zählen. Die Neugeborenen in unseren Dörfern und Weilern hielt ich fast alle über die Taufe. Die Mütter, die ich pflege, wollen's nicht anders. Es gibt darum auch so viele Cordulas auf Montfortschem Boden wie Mädchen, und in mancher Hütte hat's ihrer zwei oder drei. Bei dem Fischer Michel gibt's eine Cordula, eine Cordel und eine Dulla. Worauf es besonders ankommt: an die schlimmsten Wunden bin ich gewöhnt, wie weh das Herz mir 198 auch oft thut bei ihrem Anblick. Das Verbinden versteh' ich wie ein Bader, und, thut es not, auch das Messer zu führen.«

»So dacht' ich mir Euch!« rief der Schultheiß erfreut. »Gebt dem zarten Evakinde, wenn der Mut ihm sinkt, ein Beispiel, oder – was noch besser wäre: nehmt Ihr wahr, daß ihr das grause Wesen zu scharf gegen den Strich geht, so redet ihr zu, die Finger von einem Werke zu lassen, das stärkere Hände und ein weniger empfindliches Seelchen erfordert. Aber da sind schon die Rosse. – Ich will auch noch in die Stadt, Christel, und es trifft sich gut, daß ich nicht allein in die Nacht hinaus muß.«

»So sagte der Mann, der dem Ertrinkenden nachsprang: ›Es trifft sich gut so, weil ich eben ein Bad nehmen wollte‹,« lachte Frau Christine, ließ sich aber die Begleitung des alten Gefährten willig gefallen und näherte sich erst dem Rosse, nachdem der Schultheiß den Sattelgurt und das Zaumzeug mit peinlicher Sorgfalt geprüft.

Bevor sie den Fuß in den Bügel setzte, gebot sie der alten Schaffnerin, die Gräfin Montfort in das Siechenhaus einzuführen und auch sie der besonderen Sorgfalt Schwester Hildegards zu empfehlen. Bei der Heimkehr aus der Stadt verhieß sie, Cordula und Eva abzuholen; doch sollten sie, wenn einer oder der andern die Kraft versagte, nicht auf sie warten. Sie habe ohnehin Sorge getragen, daß im Siechenhause eine Sänfte für ihre Nichte bereit stehe. Für die Gräfin sei eine zweite zur Hand.

»Das heiße ich Vorsicht,« lachte der Schultheiß. »Tragt nur Sorge, teure Gräfin, daß unsere kleine Heilige 199 sich nicht zu Schweres zumutet. Ihr frommes Herz treibt das Köpflein auch gegen die Wand, wenn es darauf ankommt, und wie die edlen maurischen Rosse rennt sie sich eher zu Tode, als daß sie stehen bleibt. Solch ein zartes Geschöpf ist einer Laute vergleichbar. Soll es höher und immer höher gehen mit dem Tone, so reißt die Saite, und das wollen wir verhüten. – Bei Euch, junge Heldin –«

»Hat es damit keine Gefahr,« versicherte Cordula heiter. »Das Instrument hier ist mit metallenen Saiten bezogen. Sie klingen weder sanft noch schön, doch sind sie haltbar.«

»Von guter, fester Art, wie ich es liebe,« versicherte der Schultheiß. Dann half er der Hausfrau das Roß besteigen, gab ihr selbst die Zügel in die Linke, sah nochmals nach dem Sattelgurt, ordnete den Fall ihres Kleides und schwang sich endlich trotz der schweren Körperlast behend genug auf den starken Hengst. Dann trabte er den Fackelträgern nach mit Frau Christine der Stadt entgegen.

 

 

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