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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Der Diener des Ritters Schorlin stand in vertrautem Verkehr mit vielen Bediensteten des Kaiserhauses, und ein Furier führte ihn auf den Altan der Stadtpfeifer, von wo aus sich der große Rathaussaal übersehen ließ. Da saß der Kaiser bei Tafel, und ihm zur Seite auf einem kleineren Thronsessel seine Schwester, die Frau Burggräfin von Zollern. Nur die Größten und Vornehmsten, die der Reichstag nach Nürnberg gezogen, samt ihren Damen, teilten das Mahl, das die Stadt ihnen auftrug.

Aber dort – ziemlich weit von ihnen entfernt, indes doch noch auf dem für die Speisenden durch eine schwarzgelbe Seidenschnur abgeschlossenen Raume, getrennt von dem glänzenden Gewimmel der übrigen Gäste, gewahrte er – er wollte den eigenen Augen nicht trauen – den Ritter Heinz Schorlin, seinen Herrn, und neben ihm ein junges Weibsbild von wunderbar holdseligem Liebreiz.

Seit länger als drei Jahren hatte er Eva Ortliebin nicht gesehen, und doch wußte er, daß sie es war und keine andere. Aber wie das flinke, eckige Ding mit den 30 hageren Aermlein sich herausgewachsen hatte! An prächtigen, dem Auge wohlgefälligen Weibsbildern von jedem Alter und von jeder Gestalt mangelte es hier im Saale gewiß nicht. Manche mochte sich auch wohl einer glänzenderen, vornehmeren Schönheit rühmen; an herzbestrickender Anmut konnte sich sicherlich keine mit derjenigen messen, auf die Kätterle für seinen Herrn ein Auge geworfen. Sie hatte ja nur bescheidentlich darauf hinzudeuten begonnen; aber das schon war verdrießlich; denn es dünkte Biberli, als habe sie den Teufel damit an die Wand gemalt, und er wollte nicht, daß er komme.

Mit einem leisen, seiner Ehrbarkeit übel anstehenden Fluche schickte er sich an, den Altan zu verlassen; doch wie mit geheimnisvoller Gewalt fesselte ihn, was es da unten zu sehen gab, wenn es ihn auch mit immer neuem Verdruß erfüllte.

Besonders wenn ihm das wundervolle Ebenmaß der kraftvollen und doch nicht übermäßig großen Gestalt Heinz Schorlins, sein köstlich gewelltes Haar und die vornehme Leichtigkeit, mit der er das prächtige, links saphirblaue, rechts weiße mit Silberfalken bestickte Sammetgewand trug, ins Auge fielen, oder wenn er gewahrte, wie huldreich ihm die Größten und Höchsten nach dem Mahle begegneten, meinte er einen bitteren Geschmack im Munde zu verspüren. Wahrlich nicht aus Neid, sondern weil der Gedanke ihm ins Herz schnitt, dies herrliche, schon in jungen Jahren ruhmreiche Glückskind, das er liebte, sollte sich an die Tochter eines städtischen Kaufherrn verlieren, wenn dessen bunten Kram, den er vorhin kennen gelernt hatte, auch ein adelig Wappenschild zierte.

Aber Heinz Schorlin hatte schon manche Vornehmere 31 an sich gezogen, um ihrer bald genug überdrüssig zu werden! – Auch diesmal hätte Biberli gelassen auf seinen Leichtsinn gebaut, wäre der nichtswürdige Wunsch Kätterles nur unausgesprochen geblieben, – hätte Heinz nur so keck und übermütig mit der Ortliebin verkehrt, wie es mit anderen Damen sonst seine Art war. Doch einen wie bescheidenen, schier andächtigen Glanz gewann sein Blick, wenn er der Kaufmannstochter in die großen blauen Augen schaute. Und wie sie die aufschlug! Das mußte ja den härtesten Weiberhasser behexen!

Und dem treuen, standhaften Biberli ballten sich die Fäuste, und einmal kam ihm sogar der Gedanke, »Feuer« in den Tanzsaal hinunter zu rufen, um alles, was sich da freute, umwarb und umwerben ließ, aus einander zu treiben.

Aber die da unten gewahrten nichts von ihm und seinem Zorne, und am wenigsten wohl sein Herr und die Jungfrau, die sich so ungern hierher begeben.

Daheim hatte Eva in der That alles daran gesetzt, um dem Rathause fern bleiben zu dürfen. Herr Ernst Ortlieb, ihr Vater, war indes unerbittlich geblieben. Dem kleinen Manne mit dem bartlosen Gesicht und den eingefallenen Wangen hatte das Kinn sogar schon zu zittern begonnen, und das pflegte der Vorbote eines Ausbruchs des Jähzorns zu sein, der ihn bisweilen mit solcher Macht übermannte, daß er Dinge beging, die er später bereute.

Und er war diesmal gezwungen gewesen, das Widerstreben seines eigenwilligen Kindes unter keiner Bedingung zu dulden; hatte Kaiser Rudolf doch den »Ehrbaren« vom Rate ans Herz gelegt, ihm selbst und seiner 32 Schwiegertochter, der Herzogin Agnes, die er bei ihrem kurzen Besuch wohl zu unterhalten wünschte, zu Gefallen, die schönen Hausfrauen und Töchter bei dem Fest auf dem Rathause nicht fehlen zu lassen.

Die sieche Gattin des Herrn Ortlieb konnte der Els, ihrer älteren Tochter und treuen Pflegerin, in dieser Zeit nicht entbehren. Da hatte er denn von Eva Gehorsam verlangt und sie gezwungen, von ihrem Widerstande gegen den Besuch des Festes zu lassen; ihr aber war vor der lauten weltlichen Lust bange gewesen, ja es hatte sie vor ihr gegraut.

Schon als sie noch zu den Klarissinnen in die Schule ging, hatte sie sich oft gefragt, ob es für sie nicht das Schönste sein würde, wie Muhme Kunigunde, die Aebtissin des St. Klaraklosters, sich dem Heiland anzugeloben und auf vergängliche Freuden zu verzichten, um sich die Seligkeit des Himmels zu sichern. Die dauerte ewig und konnte schon hienieden beginnen bei einem stillen Leben ganz in und mit Gott, bei einem hingebenden Sichhineindenken in das ganz von Liebe gesättigte Wesen des Heilands und auch in die großen Schmerzen, die er aus Liebe auf sich genommen. O, auch das Leiden und Bluten mit dem Höchsten war reich an geheimnisvollen Wonnen; ja, mit dem seligen Nachgefühl, das jene Stunden der frommen Ekstase in ihr zurückließ, konnte keine irdische Freude sich messen.

Manchmal hatte sie sich auch lange mit geschlossenen Augen in das Himmelreich hineingeträumt und, selbst ein Engel, unter Engeln zu weilen vermeint. Wie oft hatte sie sich gefragt, ob weltliche Minne größere Lust bringen könnte als solch ein seliges Träumen oder als die Wanderungen 33 durch den Garten und den Reichsforst, bei denen ihr die Aebtissin vom heiligen Franz von Assisi erzählte, dem auch ihr Orden den Ursprung verdankte, dem besten und warmherzigsten unter den Nachfolgern Christi, von dem der Papst selbst gesagt, daß er noch diejenigen erhöre, die Gott nicht erhören wollte. Da war außerdem kein Kraut, keine Blume, keine Tierstimme im Walde, die die Muhme Kunigunde nicht gekannt hätte. Und aus allem, was dort das Ohr vernahm und das Auge schaute, waren ihr wie dem heiligen Franz Stimmen entgegengeklungen, die für die Güte und Größe des Höchsten Zeugnis ablegten. Mit jeder Kreatur Gottes fühlte die Aebtissin sich schwesterlich verbunden und lehrte auch Eva sie ans Herz ziehen und, wie einer, der sich dem Kinde hold erweist, die Liebe der Mutter erwirbt, durch die Liebe zu seinen Geschöpfen die des Schöpfers zu gewinnen.

Die anderen hatten sie gut tadeln, weil sie sich von den Freundinnen und Vergnügungen der Schwester zurückzog. Ihnen waren eben die Wonnen der Einsamkeit fremd geblieben, die sie die Muhme und ihr Heiliger kennen gelehrt.

Oft demütig, öfter noch, wenn das schnelle Blut sie fortriß, heftig aufbrausend und unter Thränen hatte sie Störungen und Verweise hingenommen, dabei aber stets im stillen gedacht, auch ihre Zeit werde kommen, auch ihr werde es vergönnt sein, ganz allein, Eins mit ihrem Gotte und Heiland, die Wonnen der Seligkeit zu genießen.

Sie liebte die kranke Mutter, sie hing an dem Vater, so oft auch sein jähes Aufbrausen sie erschreckte;. aber es wäre ihr dennoch köstlich erschienen, es den Heiligen nachthun und alle Bande zerschneiden zu dürfen, die sie mit 34 der Welt und ihren hemmenden Anforderungen verknüpften. Sehnsüchtig wartete sie schon längst des Tages, an dem es ihr gestattet sein sollte, die Aebtissin zu bitten, ihr Einlaß in das Kloster zu gewähren, dessen Pforten weit für sie offen standen, schon weil ihre Eltern, neben den Brüdern Ebner, die es gestiftet, das meiste für seine Erhaltung thaten.

Aber sie hatte sich Geduld auferlegen müssen; denn Els, ihre ältere Schwester, folgte wohl bald ihrem Wolff, und dann war es an ihr, der siechen Mutter zu warten. Das gebot ihr das Herz, und die Aebtissin hatte gesagt: »Laß sie an Deiner Hand in die Seligkeit eingehen, bevor Du bei uns beginnst, mit ganzer Kraft für die eigene Seligkeit zu sorgen. Auch damit kommst Du auf einer schönen Reihe von Stufen Deinem erhabenen Ziele näher.«

Aber Eva hätte lieber jetzt schon fern von der Welt dem Höchsten die Hand gereicht zum unverbrüchlichen Bündnis.

Was Wunder, daß es ihr, mit solchem Ziele vor Augen, tief widerstrebte, in das bunte Treiben eines lärmenden Tanzfestes zu treten.

Mit ernstlichem Widerwillen hatte sie sich von Kätterle und der Schwester schmücken lassen und die Sänfte bestiegen, die sie auf das Rathaus führen sollte.

Wohl war ihr das eigene Bild, das der Spiegel ihr zeigte, reizend genug erschienen, wohl hatte das laute Entzücken der Dienstboten und der anderen, die ihren Staat bewunderten, ihr gut gethan; gleich darauf aber war ihr die Eitelkeit dieser Regung bewußt geworden, und während sie sich in der Sänfte dem Rathause näherte, 35 hatte sie ihre Heilige um Beistand angefleht, sie zu überwinden.

Redlich bestrebt, dieser Verirrung Herr zu werden, war sie bald nach dem Kaiser und seiner jungen Schwiegertochter in den Tanzsaal getreten; dort aber hatten sie von dem Altane der Stadtpfeifer und Spielleute her, längst bevor Biberli ihn erstieg, dieselben Fanfaren mit empfangen, die die hohen Gäste der Stadt begrüßten und in die sich die Trompetenstöße der Herolde mischten. Da war ihr von tausend Kerzen an Kronleuchtern und Kandelabern ein tageshelles Leuchten entgegengeglänzt, und verwirrt von all dem Schall und den Lichtwellen, die auf sie einwogten, war sie dem Vater näher getreten, und hatte sich, seines Schutzes bedürftig, an ihn geschmiegt. Vor allem fehlte ihr die Schwester, mit der sie herangewachsen, die ihr zum andern Ich geworden, und deren sie am meisten bedurfte, wenn sie aus ihrem stillen Innenleben heraus in die Welt trat.

Erst war sie gesenkten Blickes stehen geblieben; bald aber hatte sie das Auge unter all dem Federgewoge und Edelsteingefunkel, unter all der Sammet- und Seidenpracht, dem Goldglanz und Perlenschimmer herumschweifen lassen.

Bisweilen war in der Kirche nicht viel weniger Glänzendes zu sehen gewesen, und auch ohne den Hinweis der Schwester hatte sie darnach ausgeschaut; aber wie so ganz anders war es geschehen! Da hatte sie sich der eigenen bescheidenen Kleidung gefreut und sich gesagt, daß ihre Schlichtheit dem Höchsten und ihrem Heiligen genehmer sei als der eitle Prunk der anderen, denen sie es so leicht hätte nach- oder sogar zuvorthun können. Hier aber 36 drängte sich ihr die bange Frage auf, wie sie sich unter den anderen ausnehmen möge.

Sie wußte ja, daß die BrokatsuckenieLanges Frauengewand, das mit einem Halsausschnitt an der Brust fest anlag und von den Hüften an weiter wurde., die der Vater für sie aus Mailand verschrieben, köstlich, daß das Meergrün auf der rechten wohl zu dem Weiß auf der linken Seite stand, daß die in Silber gestickten Ranken und Maiblumen, die über dem Ganzen ausgestreut zu sein schienen, sich gar luftig und leicht ausnahmen; aber dabei wollte die Empfindung sie nicht verlassen, alles, was sie trug, sei in Unordnung geraten, – hier müßte sich etwas verschoben, dort etwas Schaden gelitten haben. – Els, die auf alles acht hatte, was ihr äußeres Wesen anging, war nicht da, um es zurecht zu rücken, und sie fühlte sich ernstlich unwohl in diesem weltlichen Glanze und Treiben.

So verlassen wie unter all diesen ihr meist fremden Herren und Frauen hatte sie sich nimmer gefühlt, trotz der Nähe des Vaters.

Ja, die Schwester!

Hätte sie ihre Els nur herbeizaubern können, sie, die mit den anderen Jungfrauen ihres Alters und Standes, von denen hier wenige fehlten, auf Du und Du stand, – dann wäre wohl manche gekommen, um sich an sie zu schließen; sie aber stand mit keiner in traulichem Verkehr, und wenn auch manche sie begrüßte, hielt doch keine bei ihr aus. Jede besaß hier Freundinnen, die ihr so viel näher standen. Die junge Gräfin Montfort, ihre Alters- und Hausgenossin, trat auch nur flüchtig an sie heran. 37 Doch das war ihr genehm; denn Cordulas freies Wesen widerstand ihr.

Viele, die ihrer Els lieb waren, scharten sich um Ursula Vorchtelin, die Tochter des reichsten Mannes der Stadt, und sie ging den Ortliebs geflissentlich aus dem Wege; denn bevor Wolff Eysvogel sich um Els bewarb, waren er und Ursula für einander bestimmt gewesen.

Eben gelobte sich Eva im stillen, dies erste Tanzfest sollte auch das letzte sein, als der kaiserliche Schultheiß, Herr Berthold Pfinzing, ihr Firmpate, kam, um sie dem Kaiser vorzuführen, der Herrn Ernst Ortlieb, dessen Sohn auf dem Marchfelde im Kampfe für ihn gefallen, und sein Töchterlein zu sehen begehrte. Seine »kleine Heilige«, fügte der Schultheiß hinzu, nehme sich übrigens bei der Musik der Stadtpfeifer nicht minder holdselig aus als beim Orgelklange im Betstuhl.

Da war Eva das Blut aus den Wangen gewichen, und wenn sie die Schwester noch vor wenigen Stunden gefragt, was denn die Größe des Kaisers vor Gott dem Herrn bedeute, daß sie um seinetwillen gezwungen werden sollte, dem Heiligsten untreu zu werden, zwang sie jetzt dennoch die Scheu vor der Majestät des mächtigen Herrschers, bang und schneller zu atmen.

Wie sie an der Hand des Herrn Pathen vor den Thron Kaiser Rudolfs gelangt war, wußte sie später nicht mehr zu berichten; denn was dann gekommen war, das hatte einem bunten, bald qualvollen, bald seligen Traume geglichen, aus dem sie erst durch die Mahnung des Vaters, es sei nun Zeit zum Aufbruch, erwacht war.

Als sie das niedergeschlagene Auge, womit sie sich Kaiser Rudolf genähert, zu ihm erhob, hatte er aufrecht 38 vor dem für ihn bereiteten Throne gestanden. Um ihm ins Antlitz zu schauen, war sie genötigt gewesen, den Kopf rückwärts zu neigen; denn wie ein Rolandsbild überragte er mit den sieben Fuß seiner Größe, was ihn umgab, um eines Hauptes Länge. Als sie aber, nachdem die kaum den Kinderschuhen entwachsene Herzogin von Oesterreich. seine Schwiegertochter, und die Burggräfin von Zollern, seine Schwester, sie gnädig begrüßt und Eva, nachdem sie bescheidentlich gedankt, sich auch vor Kaiser Rudolf tief verneigt hatte, war ihr trotz ihrer Bangigkeit ein Lächeln um die Lippen geflogen; denn während sie das Knie am tiefsten neigte, hatte ihr Scheitel ihm nur bis über den Gürtel gereicht. Dies Lächeln aber mußte die Frau Burggräfin, eine heitere Matrone, wahrgenommen haben; denn sie hatte ihr gewinkt, ihr einige freundliche Worte gegönnt und ihr den jungen Ritter, der hinter ihr, zwischen ihrem und dem Sessel der jungen Herzogin Agnes von Oesterreich stand, bei Namen genannt, und als einen wackeren Tänzer empfohlen.

Heinz Schorlin aber, der Herr des treuen und standhaften Biberli, hatte sich höfisch verneigt und ehrfurchtsvoll bemerkt, er hoffe sich nicht allzu unwürdig des Lobes aus solchem Munde zu erweisen. Dabei war sein Blick dem Evas begegnet, und die Frau Burggräfin mußte wohl wahrgenommen haben, mit wie warmer Bewunderung der Ritter auf die junge Nürnbergerin schaute; denn kaum war sie nach dem Abschiedsgruß zurückgetreten, als die hohe Frau leise, doch laut genug, daß Evas feines Ohr es verstand, ihm zurief: »Diese da, ist mir recht, wird gut thun, das Herzchen heute abend vor Dir, Wildfang, zu behüten. Welch holdseliges Engelsgesicht!«

39 Da war Eva vor Scham, aber auch vor Wohlgefallen an solchem Worte aus solchem Munde das Blut in die Wangen gestiegen, und allzu gern hätte sie erhorcht, was der Ritter sich jetzt der hohen Frau zuzuraunen getraute.

Die junge Herzogin Agnes, die Tochter des Königs Ottokar von Böhmen und Gemahlin des dritten Sohnes des Kaisers, der seinen Namen Rudolf teilte, war während dieses Vorganges durch den Herzog von Nassau in Anspruch genommen worden, der ihr seine Damen vorgeführt hatte; kaum aber waren diese zurückgetreten, als sie Heinz Schorlin winkte und ihm, während sie ihn anredete, mit so warmem kindlichen Wohlgefallen in die Augen schaute, daß es Eva verdroß; denn sie fand es unziemlich für eine Gattin und Herzogin, so vertraut mit einem schlichten Ritter zu verkehren. Ja, die Mißbilligung über das Verhalten der Königstochter mußte ihr merkwürdig tief gehen; denn so lange sie mit dem Ritter plauderte, brauste es ihr laut vor den Ohren. Hübsch war das Antlitz der Böhmin doch wohl zu nennen; denn die dunklen Augen blitzten ihr frisch und lebensvoll aus den leicht gebräunten kindlichen Zügen, und obgleich sie um vier Jahre jünger als Eva, war ihre mittelgroße Gestalt wohl ausgebildet und bei aller Beweglichkeit von vornehmer Haltung.

Im Gespräch mit Heinz Schorlin schien sie froh bewegt und von zutraulich unbefangener Wärme, doch gewann ihr Wesen schnell den Ausdruck der Enttäuschung und des selbstbewußten fürstlichen Stolzes, als ihr eine neue Gruppe von Herren und Damen vorgeführt wurde, die sie zwang, dem Schweizer mit einem bedauerlichen Achselzucken den Rücken zu wenden.

Die Grafen und Gräfinnen, Ritter und Ritterfrauen, 40 die sie umstanden, entzogen sie den Blicken Evas, die nun, da auch Heinz Schorlin sich von der Böhmin entfernt hatte, dem Kaiser von neuem ihre Aufmerksamkeit zuwandte und ihm sogar näher zu treten wagte. Wie väterlich mild klang doch die tiefe Stimme Rudolfs, wie wohl gefiel ihr sein Antlitz!

Auf Schönheit durfte das freilich keinen Anspruch erheben; denn dazu war die gebogene schmale Nase viel zu groß und lang gestreckt, dazu senkten die Mundwinkel sich zu tief nach unten, und vielleicht war es diese Besonderheit, die dem ganzen Antlitz einen so kummervollen Ausdruck verlieh. Sie glaubte auch zu wissen, woher er kam. Die Wunde, die ihm der Tod seines treuen Weibes, der Geliebten seiner Jugend, vor wenigen Monden geschlagen, schmerzte ihn noch immer. – Seine Augen konnte man weder groß noch glänzend nennen; doch wie freundlich, wie ernst und klug und – flog ihm etwas Scherzhaftes durch den Sinn – wie schelmisch wußten sie zu blicken! Sein hellbraunes Haar war für seine dreiundsechzig Jahre noch nicht stark ergraut, doch hatte es die Fülle verloren und floß ihm schlicht und nur am untern Saume leicht gebogen bis über den Hals nieder.

Der Vater Evas hatte als junger Mann den zweiten Friedrich, den Hohenstaufen, in Italien gesehen und pflegte dies eine besondere Gunst des Schicksals zu nennen. Die Muhme Aebtissin sagte zwar, sie neide ihm nicht die Ehre, dem Antichrist begegnet zu sein; dagegen hatte sie heute nach der Messe Eva selbst geraten, sich das Bild des Kaisers Rudolf ins Gedächtnis zu prägen. Frommen großen Männern zu begegnen, erhebe das Herz und mache uns besser, weil wir uns ihnen gegenüber der eigenen 41 Kleinheit bewußt würden und unserer Pflicht, ihnen nachzueifern. Mehr als ein Lebensjahr würde sie willig hergeben, wenn es ihr noch vergönnt gewesen wäre, dem heiligen Franz, der sieben Jahre nach ihrer Geburt die Augen geschlossen, in das reine, liebreiche Antlitz zu schauen.

So hatte denn Eva, die gewöhnt war, der verehrten Muhme Gehorsam zu leisten, sich redlich bemüht, jeder Bewegung des Kaisers Rudolf offenen Auges zu folgen; doch ihre Aufmerksamkeit war fortwährend abgelenkt worden, und zwar wiederum durch den jungen Ritter, von dem aus – die Schwester des Kaisers, die Frau Burggräfin Elisabeth, hatte es selbst gesagt – ihrem Herzen eine Gefahr drohen sollte.

Aber auch die junge Gräfin Cordula Montfort, ihre Hausgenossin, zwang sie, nach ihr hinzuschauen; denn Heinz Schorlin war auf die lebhafte Vorarlbergerin zugetreten, und die freie Weise, mit der sie ihm begegnete und von der sie sich sogar hinreißen ließ, ihm mit dem Fächer auf den Arm zu schlagen, verdroß und kränkte sie, wie eine ihrem ganzen Geschlecht zugefügte Unbill. Daß eine Jungfrau hohen Standes sich solchen Gebarens vor den Augen des Kaisers und seiner hohen Schwester unterfangen durfte!

Nicht um die Welt hätte sie es dulden mögen, daß ein Mann so mit ihr verkehrte und so über sie lachte. Der junge Ritter aber, den sie dies thun sah, war wiederum der Schweizer. Doch seine hellen Augen hatten vorhin mit so andächtiger Bewunderung auf ihr geruht, daß Unehrerbietigkeit gegen eine Dame gewiß nicht in seiner Art lag, und er sich nur genötigt sah, sich gegen seinen Wunsch und Willen der Gräfin und ihrer Keckheit zu erwehren.

42 Schon früher hatte Eva viel Rühmens von dem großen Heldenmut des Ritters Schorlin vernommen. Wenn Kätterle, deren Freund und Landsmann in seinen Diensten stand, von ihm geredet – und das war nicht selten geschehen – hatte sie ihn stets einen frommen Ritter genannt, und daß er in der That ein solcher war, gab er ihr deutlich genug zu erkennen; – denn wahrhaft inbrünstige Andacht lag in den Augen, mit denen er jetzt wie ein demütig Bittender die ihren abermals suchte.

Eben rief die Musik zum polnischen Tanze, und wahrscheinlich hatte der Ritter, den ihr die Schwester des Kaisers selbst als Tänzer empfohlen, sich mit jenem Blicke bei ihr entschuldigen wollen, daß er nicht sie, sondern die Gräfin Cordula Montfort zur Partnerin erwählte. Darum hatte sie auch diesem Blicke nicht auszuweichen brauchen und dem Drange ihres Herzens folgen dürfen, ihm mit der stummen Sprache der Augen, die doch so wohl verständlich ist, eine Warnung zu erteilen. Vorhin hatte sie nicht dazu kommen können, seine Anrede auch nur mit einem Worte zu erwidern, und trotzdem meinte sie zu wissen, daß es ihr bestimmt sei, ihm näher zu kommen, wenn auch nur, um ihm zu zeigen, daß seine Macht, von der die Burggräfin gesprochen, an einem frommen Jungfrauenherzen scheitere.

Und auch ihn mußte es zu ihr hinziehen; denn während ihr die Ehre widerfuhr, daß sie einer der stattlichen Söhne des Burggrafen von Zollern zu dem Marsche, den die Stadtpfeifer bliesen, im Saale auf und nieder führte, that er zwar mit seiner Dame das Gleiche, doch schaute er von ihr fort und auf sie hin, so oft sie an ihm vorbei kam.

43 Ihr Tänzer war gesprächig genug, und was er ihr von dem deutschen Orden berichtete, in den er, wie zwei seiner Brüder es schon gethan, zu treten gedachte, wäre ihr zu anderer Zeit wohl wert des Aufmerkens erschienen, jetzt aber folgte sie ihm nur mit halbem Ohre.

Als der Tanz zu Ende war, und Ritter Schorlin auf sie zutrat, schlug das Herz ihr so laut, daß sie meinte, die Nachbarn müßten es vernehmen; bevor er aber noch das erste Wort an sie gerichtet, begrüßte sie der alte Burggraf Friedrich in eigener Person, frug nach der kranken Mutter, der munteren Schwester und der Muhme Aebtissin, die in der Jugend bei jedem Tanze die Königin gewesen, und ob sie in seinem Sohn einen ihr wohlgefälligen Tänzer gefunden.

Eine seltene Auszeichnung war es, so von dem hohen Herrn ins Gespräch gezogen zu werden. Und doch hätte Eva ihn weit fortgewünscht, und ihre Antworten mochten einsilbig genug gelautet haben; aber die holde Verwirrung, die sich ihrer bemächtigt, stand dem sittigen, kaum erblühten Kinde so wohl, daß der Burggraf nicht von ihr wich, bis das Raien begann und er sie mit dem Ersuchen verließ, die Tarnkappe abzunehmen, die sie bisher zum Schaden der Ritter und Herren unsichtbar gemacht, und bei dem Tanzfeste, das er bald auf der Burg zu veranstalten gedenke, nicht zu fehlen.

Kaum hatte der freundliche Herr sie verlassen, als sie sich nach demjenigen umwandte, der ihr vorhin doch sicherlich genaht war, um sie zum Raien zu führen; aber da stand er wieder neben Cordula Montfort, und ein scharfer Groll bemächtigte sich ihrer.

Noch kecker als vorhin forderte die junge Dame ihn 44 heraus, indem sie das Haupt so stürmisch zurückwarf, daß der turbanartige Wulst auf ihrem Scheitel, trotz der breiten Binde, die ihn unter dem Kinn festhielt, beinahe zu Boden gefallen wäre. Doch ihr Aufbegehren verfehlte nicht nur die Wirkung, sondern schien den Ritter zu verdrießen. Und was konnte das Mädchen ihm auch gewähren, das in den die Mode überbietenden Prunkgewändern eher einer Türkin glich als einer christlichen Jungfrau. Stattlich war sie gewiß, und Els hatte vielleicht recht, wenn sie aus ihren derben Zügen eine gewisse Gutmütigkeit herauserkennen wollte, – aber an Liebreiz und dem Zauber sittsamer Weiblichkeit fehlte es ihr gänzlich. Die freundlichen grauen Augen und die vollen Lippen schienen nur da, um zu lachen, und solche Fülle der Gestalt mochte einer Ehefrau anstehen, nicht einem Fräulein in ihren jungen Jahren. Kein Fehler oder Fehlerlein entging Eva bei dieser Musterung. Daneben erinnerte sie sich auch des eigenen Spiegelbildes, und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihr den roten Mund.

Jetzt verneigte sich der Ritter.

Ob er die Gräfin wieder zum Tanze führen wollte?

Aber nein!

Er wandte ihr den Rücken und schritt ihr entgegen.

Da flog es Eva wie Sonnenschein über das holde Kindergesicht, und die Möglichkeit, ihm das Raien an seiner Hand zu versagen, kam ihr nicht einmal in den Sinn; er aber bekannte ihr aus freien Stücken, daß er Gräfin Cordula nur auf Befehl der Frau Burggräfin zum polnischen Tanze geführt, daß er jedoch, nun es ihm vergönnt sei an ihrer Seite zu weilen, die verlorene Zeit einzubringen gedenke.

45 Und er hielt Wort und ließ es sich an dem Raien mit ihr keineswegs genügen; denn nachdem die junge Herzogin Agnes ihn zu einem Zäunertanz gerufen und dabei abermals viel vertraulicher mit ihm verkehrt hatte, als es die sittige Nürnbergerin billigen konnte, überredete er Eva, es auch beim Schwäbeln mit ihm zu versuchen. Und sie, obgleich ihr dergleichen stets zuwider gewesen, that ihm den Willen, und ihre natürliche Anmut sowie der musikalische Taktsinn, der ihr eigen, halfen ihr, die fremden Schritte dieses Tanzes im Fluge zu treffen. Dabei raunte er ihr zu, höhere Wonne als es ihm bereite, so mit ihr im Arme dahinzuwallen, könnte auch den Engeln im Himmel nicht vergönnt sein; sie aber schaute glückselig zu ihm auf und neigte leise bejahend das Köpfchen. Lieber hätte sie ihm freilich laut und innig zugerufen: »Ja gewiß! Und von Dir, Du lieber, freundlicher Gesell, meint die Frau Burggräfin, drohe mir Gefahr, und ich thäte gut, mich vor Dir zu hüten!«

Vor allem fühlte sie sich ihm zu Dank verpflichtet. Wie wäre es ihr hier ohne ihn ergangen! Und dazu hatte es ein so wundersames Wohlgefühl in ihr erweckt, ihm in die Augen zu schauen, sich von seinem starken Arm durch den weiten Raum schwingen zu lassen, dicht an ihn geschmiegt zu ahnen, daß sein schnell pochendes Herz den Schlag des ihren empfinde. Statt ihr wehe zu thun, ihr übel zu wollen und Unrechtes von ihr zu begehren, trug er gewiß nichts für sie im Sinn als Gutes. Als stände er an der Stelle ihres einzigen Bruders, der in der Schlacht auf dem Marchfelde gefallen, war er um sie besorgt. – Alle Tänze mit ihr zu tanzen – er hatte es selbst gesagt – wäre ihm das 46 liebste gewesen, doch der Wohlanstand und die fürstlichen Damen, die ihn an ihre Seite befahlen, ließen es nicht zu. Dafür kam er in jeder Pause zu ihr, um wenigstens einige kurze Worte und einen Blick mit ihr zu wechseln. Während der längsten, die über eine Stunde dauerte und der Erfrischung der Gäste gewidmet war, führte er sie in einen Nebenraum, den man in einen blühenden Garten verwandelt. Dort standen hinter grünen Birkenstämmen, in deren Zweigen bunte Lampen hingen, und bei den Rosenbüschen, die einen kleinen duftenden Springquell umgaben, Ruhesitze, und Eva war dem Schweizer schon über die Schwelle gefolgt, als sie in der grünen Laube im Hintergrund des Gemaches Gräfin Cordula wahrnahm, der einige junge Ritter zu Füßen knieten oder lagen und unter ihnen Seitz Siebenburg, der Schwager Wolff Eysvogels, des Bräutigams ihrer Schwester.

Das Verhalten des Eheherrn und Vaters, dem sein Weib vor kaum sechs Wochen ein Zwillingspaar, zwei prächtige Büblein, geschenkt und der seiner Pflichten um Cordulas willen so schmählich vergaß, trieb ihr vor Unwillen das Blut in die Wangen, während der halb mißbilligende, halb bekümmerte Blick, mit dem der Ritter Altrosen bald auf die Gräfin, bald auf Siebenburg schaute, sie lehrte, daß sie selbst auf dem Wege sei etwas zu begehen, das die Besten nicht gut heißen konnten; denn den Altrosen, der dort stumm neben der Gräfin an der Wand lehnte und sich das kohlschwarze Haar aus dem blassen Gesicht strich, hatte der Ohm Schultheiß den edelsten unter der gesamten jüngeren Ritterschaft genannt. Daß hier kein Platz für sie sei, rief ihr auch eine Stimme im eigenen Innern zu. Wäre Els bei ihr gewesen, sagte 47 sie sich, hätte sie ihr sicher nicht gestattet, allein mit einem Ritter in dies Gemach, wo es so ausgelassen herging, zu treten, und dieser Gedanke entzog sie auf kurze Zeit dem seligen Rausche, in dem sie bis dahin geschwelgt, und erweckte in ihr die Ahnung, daß dennoch eine Gefahr darin liege, sich Heinz Schorlin sorglos zu überlassen.

»Hier nicht,« bat sie den Ritter, und er that ihr ungesäumt den Willen, obgleich Gräfin Cordula ihm laut und als sei er allein und nicht der Begleiter einer Dame, munter gebot, da zu verweilen, wo sich der Frohsinn unter Rosen eine Hütte baute.

Daß ihr neuer Freund die junge Gräfin nicht einmal einer Antwort würdigte, that Eva wohl. Aus seinem Gehorsam meinte sie auch zu erkennen, ihr Bangen sei vergebens gewesen. Dennoch legte sie sich so ernstlich strengere Zurückhaltung auf, daß er es wahrnahm und sie frug, welche Wolke den reinen Glanz seines holden Sonnenscheins trübe.

Da schlug sie das Auge nieder und versetzte leise: »Ihr hättet mich nicht dahin führen sollen, wo man der Scheu vergißt, die man der Sittsamkeit schuldet.« Heinz Schorlin aber verstand sie und freute sich dieser Antwort; denn auch in seinen Augen überschritt Gräfin Cordula an diesem Abend die Freiheit, die man ihr vor anderen vergönnte. In Eva meinte er das Urbild schöner und reiner Weiblichkeit gefunden zu haben. Er hatte ihr das Herz geschenkt, seit ihr Blick dem seinen zum erstenmal begegnet war. Sie in allen Stücken so zu finden, wie er sie sich gedacht, bevor er noch das erste Wort von ihren Lippen vernommen, steigerte das Wohlgefühl, das ihn erfüllte, zur reinsten Glückseligkeit, die er jemals empfunden.

48 Für wie viele hatte er schon in flüchtiger Minne geglüht; keine aber war ihm auch nur entfernt so liebenswert erschienen, wie dies junge anmutsvolle Geschöpf, das ihm so kindlich vertraute, dessen unschuldige Sicherheit neben ihm, dem gefürchteten Herzensbrecher, ihn rührte.

Noch keiner gegenüber war es ihm in den Sinn gekommen, sich zu fragen, ob sie seinem Mütterlein daheim wohlgefallen würde. Der Gedanke, die verehrte Frau könnte einen Zauberspiegel besitzen, der ihr den leichtfertigen Sohn zeigte, wie er mit den gefälligen Schönen koste, deren Zärtlichkeit ihm neben dem Würfelspiel das Blut am stärksten erregte, hatte ihm sogar, seit Biberli ihn darauf gebracht, bisweilen die Ruhe gestört. Als Eva aber mit der gläubigen Zuversicht eines vertrauensvollen Kindes froh zu ihm aufblickte, sagte er sich, es könnte nichts Wonnigeres geben, als die Mutter daheim dies anmutsvolle Geschöpf herzen und es ihr liebes Töchterlein nennen zu hören.

Der Wagemut war ihm wie gebrochen, und eine weiche, ihm bis dahin fremde Bewegung ergriff ihn, als sie ihm zuflüsterte: »Führt mich an eine Stelle, wo alle uns sehen, wo es uns aber vergönnt ist, keines andern zu achten.«

Was in dem kleinen Worte »uns« doch alles gelegen war! Es zeigte ihm, daß sie sich selbst und ihn schon als ein einiges zusammengehörendes Etwas zu denken vermochte. Ihrem lauteren Wesen konnte ja auch nichts genehm sein, was sich vor dem Licht der Sonne und den Augen der Menschen hätte verbergen müssen.

Und ihr Wunsch war erfüllbar.

Die Stelle des Saales, an der Biberli ihn mit ihr 49 entdeckt und wo dem Kaiser und den ihm am nächsten stehenden Herren und Damen, zu denen sich auch einige hohe Kirchenfürsten gesellt, eben Erfrischungen gereicht wurden, war von den Bannerherren abgeschlossen worden, und kein Unberufener durfte sie betreten; er aber gehörte zu der nächsten Umgebung des Herrschers und hatte überall Zutritt.

So führte er denn Eva hinter die schwarzgelbe Schnur zu zwei frei stehenden Stühlen im Hintergrunde des Raumes, wo man für den Kaiser und die anderen höchsten Gäste der Stadt die Tafel schnell aufgerichtet hatte.

Diese Sessel waren den Blicken aller Anwesenden erreichbar, und doch hätte man ihn und seine Dame dort ebenso wenig stören dürfen wie die Tischgenossen des kaiserlichen Paares. Unbesorgt folgte Eva dem Ritter auf den gut gewählten Platz und ließ sich neben ihm nieder.

Ein ihm vertrauter junger Schenk von gräflicher Geburt reichte ihm und seiner Begleiterin ungerufen funkelnden Malvasier in venetianischen Gläsern, und Heinz begann das Gespräch, indem er Eva bat, mit ihm anzustoßen auf die vielen durch ihre Huld verschönten Tage, die, wenn die lieben Heiligen sein Gebet erhörten, diesem köstlichsten Abend seines Lebens folgen sollten. Sie zu bitten, ihm den Wein zu kredenzen, unterließ er; denn er wußte, daß mancher unter den Gästen im Saal auf sie hinsah; auch kam das mutwillige Gräflein wieder und wieder, um ihm den Pokal zu füllen; er aber wollte alles vermeiden, was zu Stichelreden herausfordern konnte. Der junge Schenk ließ übrigens von ihm ab, nachdem er gewahrt, mit wie achtungsvoller Zurückhaltung 50 er seiner Dame begegnete. Bald war er auch gezwungen, den Saal mit seinem Lehnsherrn, dem Herzog Rudolf von Oesterreich, zu verlassen, der morgen in der Frühe nach Kärnthen aufbrechen mußte und sich, ohne an dem Gastmahle teil zu nehmen, mit seiner Gemahlin entfernte. Jetzt begleitete sie den Gatten auf die Burg, – doch sollte sie in Nürnberg zurückbleiben, um während des Reichstages dem einsamen verwitweten Kaiser, der die junge böhmische Königstochter besonders ins Herz geschlossen hatte, Gesellschaft zu leisten. Vorher und während des Tanzes mit Heinz hatte sie ihn gebeten, sich des edlen arabischen Rosses – ein Geschenk des Sultans Kalaûn an den Kaiser – das dieser ihr verehrt hatte, anzunehmen, und dabei die Hoffnung ausgesprochen, dem Ritter recht oft zu begegnen.

In dem Gespräch, das der Schweizer mit Eva begann, war er zuerst genötigt, die eigene Verteidigung zu führen; denn sie hatte ihm bekannt, daß sie die Mahnung der Frau Burggräfin vernommen, sich vor ihm zu hüten.

Dabei war es ihr angelegen gewesen, dem Ritter zu zeigen, daß ihr Herz nach anderer als nach weltlicher Minne trachte, und daß sie sich sicher fühle, vor wem es auch sei, weil die heilige Klara jederzeit über sie wache.

Da zeigte er ihr, daß er in Frömmigkeit erzogen, daß er wisse, wie eng ihre Patronin mit dem heiligen Franz von Assisi zusammenhing, und daß auch er von diesem Gottesmanne mancherlei in Erfahrung gebracht. Sie aber frug mit warmer Teilnahme, wo und von wem, und er vertraute es ihr gern.

Auf dem Wege von Augsburg nach Nürnberg war 51 ihm, da er dem kaiserlichen Hoflager vorausritt, bei Treuchtingen ein alter Barfüßler begegnet, der, von der Hitze des Tages erschöpft, an der Straße zusammengesunken war. Wie entseelt hatte er das Haupt an den Stamm eines Kreuzes gelehnt, und Heinz war mitleidig abgestiegen, um zu sehen, wie es mit dem Greise bestellt sei. Einige Schluck Wein hatten ihm die Besinnung zurückgegeben, doch die matten, wunden Füße ihn nicht weiter tragen wollen. Aber es wäre dem Greise schmerzlich gewesen, die Wanderung unterbrechen zu müssen; denn das Generalkapitel zu Portiuncula in Italien hatte ihn mit einer wichtigen Botschaft an seine Ordensbrüder in Deutschland und vornehmlich auch in Nürnberg entsandt.

Der alte Minoritenpater war von besonders ehrwürdigem Aussehen, und als er gelegentlich erwähnte, er habe den heiligen Franz in eigener Person gar wohl gekannt und zu denen gehört, die ihn während seiner letzten Krankheit gepflegt, war ein Wettstreit zwischen Heinz Schorlin, dem Waffenträger und seinem Diener Walther Biberli entbrannt; denn jeder hatte begehrt, den Sattel für den Greis zu räumen und ihm zu Liebe und um des Gotteslohnes willen zu Fuß weiter zu wandern.

Aber der Minorit war nicht zu bewegen gewesen, seinem Eide, nie wieder einen ritterlichen Streithengst zu besteigen, zuwider zu handeln, und wäre es nicht aus seinen Worten hervorgegangen, hätte es, versicherte Heinz, doch der vornehme Anstand seines Wesens verraten, daß er einem edlen Geschlechte entstammte. Die Beredsamkeit Biberlis hatte ihm auch hier zum Siege verholfen, und obgleich der Roßknecht noch einen ledigen jungen Hengst am Zügel führte, den der frühere Schulmeister hätte 52 besteigen können, war er doch wohlgemut neben dem alten Bruder dahin geschritten und hatte mit seinem langen Gewande den Staub gefegt.

In der Herberge war dem Ritter und seinen Leuten dann reichlich vergolten worden, was sie dem Minoriten Gutes gethan; denn er wußte fesselnd und erbaulich zu erzählen, und vieles was er von dem heiligen Franz berichtet hatte, wiederholte Heinz seiner Dame, die ihm aufmerksam das Ohr lieh.

Damit war Eva aber auch auf den Boden gelangt, der ihr der liebste und auf dem sie heimisch, und das Zünglein ging ihr darum schnell genug, und ihre großen blauen Augen gewannen einen besonders hellen und frohen Glanz, während sie ergänzte und berichtigte, was der junge Ritter von dem Heiligen erzählte.

Und wie viel Liebenswürdiges, Gütiges, Wunderbares gab es von diesem Verkünder des Friedens und der Liebe, diesem Apostel der Armut und Arbeit zu berichten, der in jeder Regung der Natur einen Aufruf zur Erkenntnis der Allmacht und Güte Gottes, eine Einladung zur andächtigen Hingabe an den Höchsten erblickt und empfunden.

Wie viel Heiteres und doch Erbauliches und Rührendes hatte ihr die Aebtissin Kunigunde von ihm und den liebsten seiner Jünger berichtet. Davon gab sie dem Ritter mancherlei zu hören, und die Freude an dem Gegenstande des Gespräches steigerte die Lebhaftigkeit ihres regen Geistes und brachte sie bald dahin, mit eifriger Beredsamkeit das Wort zu führen; Heinz Schorlin aber hing an ihrem Munde, und sein Auge, das ihr verriet, wie tief alles, was er vernahm, auf ihn wirkte, ruhte 53 in dem ihren, bis eine Fanfare meldete, daß die Pause vorüber.

Entzückt und – er fühlte es – auf ewig mit ihr verbunden, hatte er ihr gelauscht, und als die Pflicht ihn rief, dem Kaiser aufzuwarten, frug er sich, ob wohl je bei einem fröhlichen Tanzfeste ein gleiches Gespräch geführt worden sei, ob Gott der Herr in seiner Güte je ein an Leib und Seele gleich vollkommenes Wesen geschaffen wie diese holdselige Heilige, die es verstand, aus dem Tanzsaal eine Kirche zu machen.

Ja, das war Eva gelungen; denn wie heiß den Ritter die Minne auch brannte, mischte sich doch etwas wie fromme Andacht in sein sehnsüchtiges Verlangen. Die letzten Worte, die er, bevor er sie zu den anderen zurückführte, an sie richtete, enthielten auch das Versprechen, die heilige Klara, ihre Patronin, zu der seinen zu machen.

Für den nächsten Tanz hatte ihn die Prinzessin von Nassau auffordern lassen, doch sie fand in dem Heinz Schorlin, von dem die junge Herzogin Agnes vorhin versichert, sein Frohmut sei dazu angethan, Tote lebendig zu machen, einen stillen Genossen; der junge Herr Schürstab aber, der Eva zum Tanze führte, und wie alles, was zum ehrbaren Rate gehörte, wußte, daß sie nach dem Schleier begehrte, versicherte später seinen Freunden, für das jüngere Ortlieb-E tauge ein Karthäuserkloster, in dem das Reden verboten sei, weit besser als der Tanzsaal.

Aber nach diesem »Zäuner« löste Heinz Schorlin ihr wieder die Zunge. Als er ihr erzählt, wie er an den Hof gekommen, und nachdem sie erfahren, daß er in Lausanne zu Kaiser Rudolf gestoßen, da er eben dem Papst das Kreuzzuggelübde geleistet, fand sie des Fragens kein 54 Ende, warum das deutsche Kreuzheer nicht schon gegen die Ungläubigen gezogen, und ob er selbst nicht darauf brenne, sie sein Schwert fühlen zu lassen.

Dann erkundigte sie sich näher nach dem Bruder Benedictus, dem alten Minoriten, dessen er sich so freundlich angenommen. Heinz teilte ihr mit, was er wußte, und als er endlich zu erfahren begehrte, ob es sie noch reue, ihm, vor dem ihr gebangt, begegnet zu sein, schaute sie ihm frei in die Augen und schüttelte mit einem leisen Lächeln das Haupt.

Da wallte das Blut ihm heißer auf, und er bat sie recht innig, ihm zu sagen, wo er ihr wieder begegnen könne, und ihm zu gestatten, sie seine Dame zu nennen. Aber sie zauderte mit der Antwort, und bevor er ihr auch nur die bescheidenste Zusage abgerungen, unterbrach ihn Ernst Ortlieb, der vorher mit anderen Herren vom Rat in der Trinkstube geplaudert, um die Tochter nach Hause zu führen.

Sie folgte ihm ungern. Den Händedruck des Ritters fühlte sie noch auf dem Heimweg, und es wäre ja auch unmöglich und dazu unhold gewesen, ihn nicht zu erwidern.

Heinz Schorlin hatte keine Zusage erlangt; der letzte Blick ihres Auges war indes beredter gewesen als manches in Worte gekleidete Versprechen, und wie berauscht schaute er ihr nach.

Einer Entweihung gleich wollte es ihm erscheinen, die Hand, in der die ihre geruht, bei diesem Feste einer andern zum Tanze zu reichen, und als der behäbige Herzog von Pommern ihn einlud, ihm in sein Quartier im »Grünen Schild« zu einem guten Trunke zu folgen, 55 that er ihm den Willen; denn ohne sie erschien ihm der Saal wie verödet, das Licht seines Glanzes beraubt und die frohe Musik ein trübseliges Gewinsel.

Als aber im »Grünen Schild« der herzogliche Wein in den Bechern funkelte, das Gold auf den Tischen gleiste und blitzte, und das Geklapper der Würfel zum Spiele lud, dachte er, an solchem Glückstage müsse, was er auch unternahm, zu einem fröhlichen Ende gelangen.

Der Kaiser hatte ihm den Beutel wieder gefüllt, aber seine freundliche Gabe reichte nicht einmal aus, um seine Schulden zu decken, und ihrer wollte er ledig sein, bevor er der Mutter vermeldete, daß er eine liebe, fromme Tochter für sie gefunden und daß er endlich heimkehren wollte, um sich auf der väterlichen Burg, seinem Erbe, festzusetzen und mit dem alten Oheim die Verteidigung seiner Rechte, die Verwaltung der Fluren und Wälder zu teilen.

Es galt auch zum erstenmale an Stelle des heiligen Leodegar, seines heimischen Patrons, seine neue Schutzherrin, die heilige Klara, auf die Probe zu stellen.

Aber sie bestand sie übel genug; denn sie versagte ihm wenigstens beim Spiel ihre Hilfe. Nur zu bald war der volle Beutel bis auf die letzte Zechine geleert. Lachend drehte ihn Heinz vor den Augen der Spielgenossen um. Obgleich ihm aber der herzensgute, ihm besonders wohlgesinnte Herzog von Pommern mit den kurzen runden Händen ein Häuflein Gold zuschob, um das Glück mit geliehenem Gut, das Segen bringe, weiter zu versuchen, blieb er standhaft, und zwar, wenn auch nur mittelbar, um Evas willen.

Auf dem Wege in den »Grünen Schild« hatte er 56 nämlich Biberli, der ihm die Fackel vorantrug, bekannt, daß er dem Hofe den Rücken zu wenden und das Roß bald heim zu lenken gedenke, weil er diesmal die rechte Burgfrau gefunden.

»Das wäre das Neueste,« hatte der frühere Schulmeister gelassen versetzt und sich wohl gehütet, das Verlangen des jungen Herrn durch Widerspruch zu verschärfen. Nur die Bitte, er möge sich heute die Finger nicht an den Würfeln verbrennen, hatte er nicht zurückhalten können, und, um sie zu begründen, hinzugefügt, das Spielglück erweise sich karg, wo das Minneglück so reiche Gaben verschenke.

Jetzt erinnerte sich Heinz dieser Warnung.

Der Herzliebsten war ja auch vorausgesagt worden, er sei ihr zu ihrem Unheil begegnet; ihn aber beseelte der redliche Wille, das Kleinod seines Herzens zu nötigen, ganz anders als in Kummer und Reue Heinz Schorlins zu gedenken.

Was ihm noch vor wenigen Stunden unmöglich erschienen wäre, das machte er jetzt wahr. Mit sicherer Hand schob er dem Herzog, der nicht abließ, ihn mit freundlichen Blicken aus den guten kleinen Augen und leiser, dringlicher Mahnung zu seiner Annahme zu ermuntern, das Gold zurück und beurlaubte sich mit der Bemerkung, die Würfel wären ihm heute gram und er ihnen.

Damit war er aufgebrochen, obgleich der Wirt ihn beinahe gewaltsam zurückzuhalten versuchte, und auch die Gäste sich redliche Mühe gegeben hatten, den guten und frohen Gesellen zurückzuhalten.

Der Verlust, über den Biberli verdrießlich den Kopf 57 schüttelte, focht ihn nicht an. Auch auf dem Lager fand er nur kurze Zeit, des geleerten Beutels und der holdseligen Maid, die ihm die alte Burg mitten in seinen lieben Schweizerbergen zum Paradies machen sollte, zu gedenken; denn der Schlaf schloß ihm sehr bald die Augen.

Am nächsten Morgen wollten ihm die Erlebnisse des Abends wie ein Traum erscheinen. Wäre es doch ein solcher gewesen! Nur die süßen Erinnerungen, die sich an die Begegnung mit Eva knüpften, hätte er um keinen Preis missen mögen. Aber, ob sie wirklich sein eigen werden konnte? Er fürchtete, nein; denn je höher die Sonne stieg, desto unausführbarer wollten ihm seine Vorsätze von gestern abend erscheinen. Endlich gedachte er sogar mit einem überlegenen Lächeln, und als hätte es ein anderer an seiner Stelle geführt, des frommen Gespräches im Tanzsaal. Den Vorsatz, nun allen Ernstes um die Geliebte bei ihrem Vater zu werben, wies er jetzt weit von sich. Nein, zum Eheherrn und für das Stillsitzen auf der alten Burg taugte er noch nicht. – Dennoch sollte Eva die Dame seines Herzens, ihre Heilige seine Patronin bleiben, und um die Minne keiner andern wollte er je wieder werben. Ihrer Liebe mußte er sich jedenfalls versichern, ihre roten Lippen nur ein einzigesmal zu küssen, schien ihm wert, das Leben aufs Spiel zu setzen. Hatte er aber die brennende Sehnsucht gestillt, dann konnte er mit ihrer Farbe an Helm und Schild von Turnier zu Turnier reiten und beim Foresten in allen Landen, die er mit dem Kaiser durchzog, Lanzen für sie brechen. Was später geschehen sollte, das mochten die lieben Heiligen fügen.

Wie immer, so war Biberli auch diesmal sein 58 Vertrauter und zeigte sich gerne bereit, die Dienste Kätterles für ihn in Anspruch zu nehmen.

Er hatte dabei seine eigenen Gedanken. Auf den Beistand der Gürtelmagd durfte er zählen, und kam es zu heimlichen Begegnungen zwischen der Jungfrau Ortliebin und seinem Herrn, die die Sehnsucht des Ritters auch nur ein wenig stillten, dann konnte es ihm nicht mehr allzu schwer fallen, Heinz diese unseligen verfrühten Heiratsgedanken zu verleiden.

 

 

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