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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Als die Mädchen der Sänfte entstiegen, öffnete sich das beim Einbruch der Dunkelheit verschlossene Frauenthor einem andern Tragstuhle, dessen Ziel gleichfalls der Ortliebhof zu sein schien.

Im Soler stand Kätterle mit der Schürze vor dem Gesicht. Sie hatte erfahren, daß man ihren treuen und standhaften Geliebten in das »Loch« abgeführt habe, und wartete hier auf die Herrinnen, sowie auf den Schultheißen und seine Hausfrau, die die alte Martsche in das Wohnzimmer im ersten Stock geführt hatte. Der Herr Oheim vermochte, ihrer Ansicht nach, so viel wie der Kaiser, und seine Gattin war wegen ihrer barmherzigen und thatkräftigen Güte in der ganzen Stadt wohl bekannt. Wenn das großmächtige Paar herunterkam, wollte Kätterle sich vor ihm auf die Kniee werfen und es anflehen, sich ihres Bräutigams zu erbarmen. Die Schwestern und Cordula trösteten sie mit der Verheißung, die Sache Biberlis dem Ohm zu empfehlen, doch als sie die Treppe hinanstiegen, gaben sie gegen einander der Besorgnis Ausdruck, Kätterle selbst würde früher oder später dem Herzliebsten in das Gefängnis folgen.

161 Im Wohngemach trafen die Mädchen den Ohm Schultheiß mit seiner Gattin.

Kätterle irrte sich kaum, wenn sie von dieser Frau freundlichen Beistand erwartete; denn ein wohlwollenderes Gesicht als das ihre ließ sich kaum denken, und dazu fehlte es Frau Christine auch gewiß nicht an Kraft, durchzusetzen, was sie für recht hielt. War sie auch nicht ganz so breit wie der untersetzte. höchst umfangreiche Gemahl, so überragte sie ihn doch an Größe um etliche Fingerbreiten, und die Zeit hatte aus dem hübschen, schlanken, bescheidenen Mädchen ein majestätisches Weib gemacht. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, der Schatten eines Bärtchens auf der Oberlippe und die tiefe Stimme verliehen ihr sogar etwas gebieterisch Entschiedenes. Wären die guten, treuen Augen und ein höchst liebenswürdiger Zug am Munde nicht gewesen, hätte man sich vergeblich gefragt, wie es gerade ihr gelingen konnte, in jedermann auf den ersten Blick Vertrauen auf ihre hilfbereite Herzensgüte zu erwecken.

Ihr grauer Mops war auch hieher mitgenommen worden. Wie könnte ein Tier wohl geliebte Menschen ersetzen; der Mops aber war ihr notwendig geworden, seit ihr Sohn wie so viele andere junge Männer aus den Nürnberger Geschlechtern auf dem Marchfelde gefallen und ihre Tochter dem Gatten nach Augsburg, seiner Heimat, gefolgt war. Den Gemahl zwang sein anspruchsvolles Amt, sie viel allein zu lassen, und in ihrem höchst thätigen Leben gab es doch einsame Stunden, in denen sie eines lebenden Wesens, das ihr treu anhing, bedurfte.

Oft war sie mit Arbeit geradezu überbürdet; denn 162 jede wohlthätige Anstalt suchte sie als »Pflegerin« zu gewinnen. In vielen Fällen freilich vergebens; denn was sie auf sich nahm, sollte tadellos durchgeführt werden, und die Sorge für die Waisenkinder in der Stadt, die Beghinen und das Siechenhaus an ihrem Sommersitz, beschäftigten sie zur Genüge.

Im Winter lebte sie mit dem Gatten in seiner Dienstwohnung auf der Reichsburg, sobald aber der Frühling kam, drängte es sie hinaus auf ihr Schlößlein in Schweinau; denn dort hatte sich an das Stift, das zur Aufnahme von Witwen adeliger Kreuzfahrer eingerichtet worden war, in dem aber nur noch die vier letzten dieser Damen verpflegt wurden, eine Anzahl von Beghinen geschlossen. Das waren fromme Mädchen und Frauen, die sich dem Zwange des Klosters nicht fügen wollten oder sei es die Fürsprache, sei es die Mittel nicht finden konnten, die die Aufnahme in ein solches erforderte.

Ohne sich zur Ehelosigkeit oder einer andern, den Nonnen auferlegten Beschränkung zu verpflichten, wünschten sie nur im Verein mit anderen Gleichgesinnten ein gottgefälliges Leben in freundlicher Sorge für den Nächsten zu führen. Gerade in Schweinau aber fand sich reichliche Gelegenheit für barmherzige Frauen, sich unglücklichen Mitmenschen hilfreich zu erweisen; denn dorthin wurden die Beklagenswerten gebracht, die von der Hand des Henkers und seiner Gehilfen verstümmelt oder auf der Folter verwundet und oft dem Tode nahe gebracht worden waren, um verbunden und notdürftig wieder hergestellt zu werden. An ihrer Wartung beteiligten sich die Beghinen, doch hatten sie mit der Geistlichkeit, die den an ein klösterliches Gelübde gebundenen Mönchen und Nonnen 163 den Vorzug gab, manchen Kampf zu bestehen. Nur die Orden des heiligen Franz sahen sie gern, traten für sie ein und überwachten sie mit wohlwollender Aufmerksamkeit, indem sie Sorge trugen, daß sie von sich fernhielten, was ihnen zum Vorwurf oder Tadel gereichte.

Frau Christine, die Schwester der Aebtissin Kunigunde, half ihr bei diesem Bestreben, und die Beghinen, zu denen die Schultheißgattin in keiner Weise gehörte, denen sie aber auf ihrem Grund und Boden ein Heim zur Verfügung gestellt hatte, leisteten ihr stillschweigend Gehorsam, wenn sie Mißstände in ihrem gemeinsamen Leben abgestellt zu sehen wünschte.

Els wie Eva hatten Frau Christine, die beiden gleich lieb war, längst in alles eingeweiht, was Anlaß zu den schmählichen Verleumdungen gab, die nun auch den Vater zu einer That gedrängt, die er im Gefängnisse büßte.

Als ein Bote ihres Gatten sie vor wenigen Stunden von dem Geschehenen unterrichtet, war sie sogleich in die Stadt gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und die des Vaters beraubten Mädchen aus dem verödeten Ortliebhofe in ihr Haus mitzunehmen. Der Schultheiß hatte dies Vorhaben lebhaft gebilligt und sie zu den »E's«, wie auch er die Nichten zu nennen liebte, begleitet.

Als ihr mitgeteilt worden war, welche Gründe Eva bestimmten, sich gerade jetzt dem Schutze des Klosters noch nicht anzuvertrauen, hatte Frau Christine sich auf die breite Hüfte geschlagen und dabei gerufen: »'s ist doch etwas Eigenes um das Blut. Die junge Kreatur handelt, als hätte die alte Muhme für sie gedacht.«

Ihre Einladung klang so liebreich und herzlich, ihr Gemahl wußte sie mit so gewinnend heiterer 164 Dringlichkeit zu wiederholen, und der Mops Amicus, der sich gegen Eva höchst zärtlich erwies, unterstützte den Wunsch der Herrin mit so kenntlichem Eifer, daß sie die Schwestern auch auf seine Fürsprache hinwies.

Die Mädchen hatten einander inzwischen schon mit der stummen Sprache des Auges die Geneigtheit zu erkennen gegeben, einer so herzlich gemeinten Aufforderung Folge zu leisten. Els stellte nur die Bedingung, erst morgen früh, nachdem sie den Vater besucht, auf die Schweinau zu kommen; Eva wünschte dagegen der gütigen Einladung je eher desto lieber zu folgen und bekannte der Muhme froh und dankbar, wie viel ruhiger sie in die Zukunft schaue, nun es ihr gestattet sei, sich unter ihren Schutz zu begeben.

»Krieche der alten Glucke nur unter die Flügel, mein Küchlein; sie hält Dich schon warm,« versicherte die freundliche Frau und küßte Eva. Als sie aber anzuordnen begann, wie die Uebersiedelung der Schwestern vor sich zu gehen habe, wurden neue Besucher gemeldet, und zwar mehrere auf einmal: zuerst Albert Ebner vom Rate mit seiner Hausfrau, dann Frau Clara Löffelholzin, die ohne den Gemahl kam, und die beiden Töchter des Reichsforstmeisters Waldstromer, Els' liebste Freundinnen. Sie waren gestern aus dem Waldhause gekommen, um der Beisetzung Frau Marie Ortliebs beizuwohnen. Jetzt sprachen sie mit Erlaubnis der Mutter hier vor, um die verlassenen Mädchen in den Forst zu laden. Auch die anderen baten die Schwestern, es sich bei ihnen gefallen zu lassen, und ebenso hielten es auch die Schürstab, die Behaim, Groß, Holzschuher und Pirckheimer vom Rate, die teils mit, teils ohne Gattin erschienen waren, um nach den Töchtern des gefangenen Kollegen zu sehen.

165 Das große Wohnzimmer füllte sich mit Gästen, und die kräftigen Gestalten und klugen, willensstarken Züge der Männer, die guten, tüchtigen, meist wohlgebildeten Gesichter der Frauen, denen menschenfreundliches Wohlwollen aus den blauen Augen strahlte, und die das Haupt doch hoch genug trugen, boten einen erfreulichen, Achtung gebietenden Anblick. Gegenüber den schon ergrauten unter ihnen konnte kein Zweifel herrschen, daß sie ein ansehnliches Haus vertraten und gewohnt waren, über etwas Großes zu gebieten. Da war keine, der nicht der Name der »Hausehre« wohl angestanden hätte, und wie selbstbewußt heiter klangen die tiefen Stimmen der Männer, wie mütterlich-freundlich die der älteren Frauen, die zum Teil gleichfalls zu den tiefen gehörten.

Els und Eva schauten einander, während sie die Besucher begrüßten, ihnen dankten, Fragen beantworteten, Erklärungen abgaben und Entschuldigungen hinnahmen, Einladungen empfingen und erkenntlich abwiesen, oft genug verstohlen an. Sie wußten sich beide nicht zu erklären, was diese plötzliche Sinnesänderung bei so vielen ihrer Standesgenossen bewirkt, was sie in so großer Zahl noch zu so später Stunde, als sei auch der kleinste Aufenthalt vom Uebel, in ihr stilles Haus führte, das heute noch einer Rutzin zu schlecht erschienen war, ihre Kinder in seinem Dienste zu lassen.

Der alte Schultheiß und seine Hausfrau meinten es dagegen zu wissen. Sie hatten den Schwestern die ersten Besucher empfangen helfen; als aber Frau Barbara Behaim, eine Base der verstorbenen Frau Maria, erschienen war, ihr den Platz geräumt und sich heimlich, um sich dem 166 Menschengewirr da drinnen zu entziehen, in das Nebenzimmer begeben.

Da hatten sie sich in die Nische zurückgezogen, die die sehr dicken Mauern mit dem breiten Mittelfenster des Hauses bildeten, und Herr Berthold Pfinzing hatte der Gattin zugeraunt: »Es ward mir zu viel der Menschenliebe und sorgenden Barmherzigkeit da drinnen. Viel Honig auf einmal widersteht mir. Doch Du Weissagerin sahst ja voraus, was jetzt da drinnen vorgeht, und auch ich erwartete es kaum anders. So lange einem das Wams noch bleibt, hat es das Mitleid nicht eilig; wird uns aber das letzte Hemd vom Leibe gezogen, dann ist die Barmherzigkeit, dank den Heiligen, rascher bei der Hand. Wir helfen ja selbst am liebsten, wo wir recht sicher fühlen, daß es den Notleidenden schlechter geht, als sie es verdienen. Mutterlose Kinder gibt es viele, – aber Jungfrauen, die ohne beide Eltern, preisgegeben jeder Unbill . . .«

»Das sind freilich seltene Vögel,« unterbrach ihn die Gattin, »und sicherlich kommt das den Kindern dort zu gute. Wenn sie aber von denselben braven Leuten in das Haus geladen werden, die noch vor wenigen Stunden sich zu gut fanden, um der Beisetzung ihrer trefflichen Mutter beizuwohnen und die eigenen Töchterlein ängstlich von ihnen fernhielten, so haben sie das doch wohl besonders den rechten Fürsprechern: dem alten, wackeren Vorchtel und noch einem andern, zu verdanken.«

»Wenn je, so gibt es freilich heute zu erkennen,« bemerkte der Schultheiß »wie schwer eines wahrhaft achtbaren Mannes Aussage und Beispiel ins Gewicht fallen! Wie für die eigene Tochter trat der erste Losunger für 167 die Kinder ein, schlug er los auf die Verleumder, – und daß ich ihn dabei nicht im Stiche ließ, versteht sich von selbst.«

»Wie der Römer Cicero,« rief Frau Christine munter, »versicherte Peter Holzschuher, hättest Du sie verteidigt. Doch, Alter, nichts für ungut. Wie schwer der Einfluß der beiden Bertholde – Vorchtels und Deiner – auch ins Gewicht fällt, ja, käme auch der eines dritten und vierten von den Allerbesten hinzu, das, was hier vor unseren leiblichen Augen und Ohren vorgeht, hätte sich doch nicht ereignet, wenn nicht –«

»Nun?« frug der Schultheiß gespannt.

»Wenn sie nicht alle mit einander,« gab die Matrone im Tone der festesten Ueberzeugung zur Antwort, »weit entfernt gewesen wären, im tiefsten Innern auch nur einen Augenblick an die schmähliche Afterrede zu glauben, die die Niedertracht den beiden da – schau sie nur näher an! – sich anzuhängen erfrechte.«

»Aber wenn das wirklich der Fall war,« . . . begann der Gatte ihr zu widersprechen; sie aber fuhr an seiner Stelle lebhaft fort: ». . . so verbot doch manche dem besseren Wissen oder Glauben den Mund, weil das böse Herz viel lieber das Ueble glaubt als das Gute, zumal wenn man selbst etwas im Haus hat – sagen wir, ein junges Töchterlein – dessen leuchtende Reinheit dadurch in ein noch helleres Licht kommt. Und dann . . . Hat's uns doch manchmal selbst verdrossen wie – der Wahrheit die Ehre! – wie trotzig Dein frommes Patenkind, die ›kleine Heilige‹ dort, in ihrem geistlichen Hochmut die Altersgenossinnen beiseite stehen ließ . . .«

»Und dann,« ergänzte der behäbige Herr beipflichtend, 168 »hört man zwei Jungfrauen nicht straflos in solchen Häusern die ›schönen E's‹ nennen, wo es ein weniger wohlgestaltetes T., S. und H. gibt. Denke nur an die Katerpecks dort. Da nehmen sie, dank den Heiligen, schon Abschied.«

»Die läßt Du mir in Ruhe!« gebot Frau Christine mit erhobenem Finger. »Es sind gute, wohlgeartete Kinder. Die hübsche Ermengarde Muffelin dort am Kamin – die war es, die nach dem Tanz auf dem Rathause am bösesten mit der spitzen Zunge – die Gevatterin Nützelin vernahm es – auf Dein Patenkind einstach.«

»Ja, dieser Tanz,« seufzte der Schultheiß leise auf. »Es war aber auch nichts Gemeines, wie das Kind dort vorgezogen wurde: Kaiser Rudolf selbst schaute ihr nach, als sei ihm ein Engel erschienen. Wie seine hohe Schwester ihrer gedenkt, das vernahmst Du ja selber. Ihr Herr, der alte Burggraf und sein Sohn, der stattliche Eitelfritz . . . Doch das weißt Du ja alles . . . Die Hälfte wäre genug gewesen, den bösen Willen bei mancher zu wecken.«

»Und ihr das holdselige Köpfchen vollends zu verdrehen,« fügte seine Gattin hinzu.

»Das – bei unserer Frau, Christine,« versicherte der Schultheiß, »das wenigstens blieb aus. Wie das Wasser vom Oelkrug lief es von ihr ab . . . Ich gewahrte es selbst, und die Aebtissin . . .«

»Deine Schwester,« unterbrach ihn die Matrone bedenklich. »Sie gerade führte sie auf den Weg, der nicht für sie taugt.«

»Nein, nein,« bestätigte der Schultheiß eifrig diese Bemerkung. »Eine Jungfrau, deren bloßer Anblick so 169 vielen wonniglich dünkt, schuf der Höchste nicht, um sie den Blicken der übrigen Kreatur zu entziehen.«

»Alter, Alter!« rief hier Frau Christine und schlug ihm munter auf den Arm. »Aber da machen die Schürstabs und Ebners sich auch schon davon. Wie das drunten auf der Straße rumort!«

Da schaute ihr Hausherr zum Fenster hinaus, wies ins Freie und forderte sie auf, sich an seine Seite zu stellen. Als sie aufgestanden war, legte er ihr den Arm um die schlankste Stelle, die er mit dem kurzen Arm dennoch nicht zu umspannen vermochte, und fuhr eifrig fort: »Sieh nur! Als gäb' es hier oben einen Schmaus oder ein Tanzfest. Die ganze Straße voll von Sänften, Knechten und Fackelträgern . . . Vor wenigen Stunden hatten die Büttel zu thun, um die verblendeten Leute abzuhalten, das Haus der sittenlosen E's zu zerstören, und jetzt kommt die Hälfte des erleuchteten, ehrbaren Rates, um ihnen die Hand unter die Füße zu legen. Weißt Du, Liebste, was mir an dem allen am besten gefällt?«

»Nun?« frug Frau Christine und wandte ihm das Antlitz mit einem lebhaften Frageblicke zu, der ihm zu erkennen gab, daß sie etwas Gutes zu hören erwartete. Er aber wiegte das schwere Haupt leise auf und nieder und versetzte: »Wir von den Geschlechtern hängen sämtlich am Alten, jeder will etwas Besonderes für sich sein, wie er ja auch das Wappen mit keinem andern teilt oder tauscht. Wenn es dann einer den übrigen an äußeren Dingen, wie sie auch heißen, zuvorthut, hat es gute Wege, bis es ein anderer ihm nachmacht. Wir sind eben fest auf den eigenen starken Beinen stehende, aus hartem Holz geschnittene Männer. Kommt aber Herz und Sinn eines 170 der unseren auf etwas recht Gutes, wovon männiglich sich sagen darf, daß es dem Vater im Himmel droben genehm ist, und führt es wohl zu Ende, dann, Christine, dann – in hundert Fällen nahm ich's wahr – dann springen die anderen ihm nach wie die Schafe dem Leitbock.«

»Und der bist Du diesmal gewesen mit dem andern Berthold,« rief Frau Christine und küßte dem alten Hausherrn schnell und heimlich hinter dem Vorhang die Wange.

Dann wandte sie sich in das spärlich erleuchtete Gemach zurück, wies auf die Thür des geöffneten Wohnraums und sagte: »Aber sieh nur . . . Wenn das nicht . . . Da kommt die Ursula Vorchtelin mit ihrem Verlobten, dem jungen Hans Nützel . . . Welch ein weidlicher Mann aus dem feinen Hänslein doch wurde! . . . Die Ursel . . . Daß sie sich hierher bemühte, das mag wohl das schönste sein, was der Els in dieser gesegneten Stunde begegnet.«

Und die kluge Frau hatte recht gesehen; denn als Ursel der früheren Freundin, die ihr so lange geflissentlich den Rücken gewandt, die Hände entgegenstreckte, wurden beiden Mädchen die Augen feucht, und auf Els' Wangen wechselten Röte und Blässe wie an einem sonnigen Mittag Licht und Schatten auf dem Boden des Laubwaldes, dessen Wipfel sich im Winde bewegen.

Was hatten sie sich alles zu sagen! – Sobald sie sich aber einen Augenblick unbeobachtet sahen, küßte Ursel die neu gewonnene Freundin und flüsterte ihr zu, indem sie auf den Bräutigam wies, den Frau Barbara Behaimin in Beschlag nahm: »Er lehrte mich erst kennen, wie echte Minne thut, und seitdem weiß ich, daß es unrecht und dazu thöricht von mir war, Dir zu grollen, mein Elslein, und daß Dein Wolff recht that, Dir feste Treue 171 zu halten, wie sauer die Seinen es ihm auch machten. Wäre mir mein Hans um weniges früher begegnet, wir hätten unsern armen Ulrich jetzt nicht zu beklagen. Ich weiß ja – denn oft genug lag es mir ob, seinen Groll zu beschwichtigen – wie schwer er Deinen Herzliebsten reizte. O, wie ist das alles so traurig! Doch Deine Muhme, die Aebtissin, hatte recht, als sie uns vor der Firmelung sagte: ›Wenn das Kreuz, das uns auferlegt ward, uns allzu schwer drückt, so kommt oft ein Engel und lüftet es, und umwindet es gar mit lieblichen Rosen!‹ Mir ist es so ergangen, Elslein, und wie großes Unrecht ich Dir auch that, da ich Dir so schnöd aus dem Weg ging, – hingezogen zu Dir hat es mich immer. Als sich aber die böse Afterrede erhob, da bin ich aufgestanden gegen sie alle und habe ihnen geboten, vor mir von dergleichen zu schweigen, weil es ganz und gar falsch sei und schmählich erlogen. Und wie für Dich, so trat ich auch ein für Deine Eva, obwohl sie sich mir recht unhold erwies, wo wir uns auch trafen.«

Wie froh ging Els bei diesen Bekenntnissen das Herz auf, eine wie warme Fürsprecherin wurde sie für die Schwester. Als wären die Tage der Kindheit wiedergekehrt, hatten die Mädchen einander den Arm um die Schultern gelegt, und als der Bräutigam Ursels auf die Verlobte hinsah, die trotz der wohlgebildeten Gestalt und des freundlichen Gesichtes nicht zu den Schönsten gehörte, meinte er, sie könnte sich an Anmutszauber mit der Allerholdseligsten messen, an Herzensgüte aber werde sie von keiner erreicht. Das kündete ihr auch der warme Liebesblick, mit dem er ihre guten grauen Augen suchte, als er auf sie zutrat, um sie zum Aufbruche zu mahnen. 172 Da winkte sie ihm zärtlich zu und bat ihn nur, einen kleinen Augenblick zu verziehen; den aber benutzte sie, um Els zuzuflüstern: »Bei uns und bei niemand anders dürftest Du Unterkunft suchen, wenn nicht der Vater . . . Denke nicht, er hätte mir wegen des armen Ulrich, oder weil er euch zürnte, versagt, euch zu uns zu laden. Es ist nur . . . Nach der Sitzung heute priesen sie alle sein edles Herz, und was weiß ich, so laut und mit solcher Uebertreibung, daß es ihm billig zu viel ward. Trat er für das Eysvogelsche Haus und für euch arme Kinder doch nur ein, weil er als gerechter Mann nicht anders konnte.«

»O Ursel,« fiel Els ihr hier ins Wort und wollte in das Lob ihres Vaters mit einstimmen; jene aber ließ sich nicht unterbrechen, sondern fuhr eifrig fort: »Nein, nein, Mädchen, so war es wirklich! Bescheiden, wie er nun einmal ist, widerstrebt es ihm arg, den Glauben zu erwecken, als nehme er die Braut des Mannes – Du weißt ja – und ihre Schwester ins Haus, um ein Beispiel christlicher Versöhnlichkeit zu geben. Falsches Lob, sagt er, drückt schwerer als Schande. Er bekam davon schon mehr als ihm lieb ist zu hören, und darum und aus keinem andern Grunde verschließt er euch das Haus; über seinen Rat und seinen Beistand, läßt er euch sagen, dürftet ihr getrost verfügen.«

Damit sagten die Freundinnen einander Lebewohl, und Ursula nahm auch Eva, die ihr mit warmen Dankesworten genaht war, in die Arme, küßte sie und rief ihr beim Abschiede zu: »Wenn wir uns wieder begegnen, Jungfer Ohnegnad, ist es mit dem Ausdemweggehen, hoff' ich, vorüber!«

173 Als sie mit dem Verlobten gegangen und die Mehrzahl der anderen ihnen gefolgt war, fühlte Els sich so dankbar gehoben, daß sie selbst nicht begriff, wie das Herz unter so großen und schweren Sorgen fähig sei, sich zu solcher feiertäglichen Glückseligkeit zu erheben.

Wie gern wäre sie zu Wolff geeilt, um ihm seinen Anteil an dieser Empfindung zu gönnen. Aber wenn auch nicht fortwährend neue Anforderungen an sie herangetreten wären, hätte sie ihn doch unter keiner Bedingung zu dieser Stunde in seinem Versteck aufsuchen können.

Als der letzte Gast und auch die Aebtissin sich entfernt hatten, forderte Frau Christine Els auf, einzupacken, wessen sie und die Schwester für die Uebersiedelung nach Schweinau bedurften; denn Eva sollte sie sogleich dorthin begleiten.

Gräfin Cordula, die, so nahe es ihr auch ging, die Hausgenossinnen missen zu sollen, doch einsah, daß sie recht thäten, das auch des Vaters beraubte Haus jetzt zu verlassen, wollte Els hilfreiche Hand leisten; doch als sie sich eben mit ihr entfernte, kam ein neuer Besuch: Konrad Teufel vom Rate, der Vetter Kaspar Eysvogels, an dessen Arm er am Nachmittag die Sitzung verlassen.

Ein anderer Gast hätte sie schwerlich zurückgehalten; dieser aber kam, wie schon aus seiner ersten Anrede hervorging, aus dem Hause, dem sie sich zugehörig fühlte, und das besorgte Antlitz des ergrauten, kinderlosen Witwers, der sonst zu den fröhlichsten Spaßvögeln gehörte, sowie die ungewöhnlich späte Stunde seines Besuches, ließen auf einen so ernsten Anlaß seines Kommens schließen, daß sie blieb und mit angstvoller Dringlichkeit frug, was er bringe.

174 Es war nichts Unerwartetes; doch fiel sein kurzer Bericht Els schwer auf das Herz, das sich eben noch, wie entlastet, froh und leicht zu schlagen vermessen.

Auch das Schultheißenpaar, Eva und die Gräfin hörten den Bericht des späten Gastes mit an.

Der Vetter war Kaspar Eysvogel in sein Haus gefolgt und bei ihm geblieben, während er Frau Rosalinde und ihrer Mutter, überströmend von Groll und zügellos heftigen Klagen über die Ungerechtigkeit und Willkür, der er besonders infolge der Feindseligkeit und Selbstüberhebung des alten Berthold Vorchtel zum Opfer gefallen, mitteilte, was der Rat über seine eigene und die Zukunft seines Hauses beschlossen.

Als er endlich berichtete, daß er selbst samt den Frauen Haus und Stadt zu verlassen hätte, und die Gräfin Rotterbach dabei mit einem verächtlichen Blick auf den schwer gedemütigten Schwiegersohn seiner Gemahlin heiser vor Ingrimm zurief: »So kommt es, wenn man sich fortwirft!« war der ohnehin in den Grundfesten erschütterte unglückliche Mann zusammengezuckt und leblos in die Kniee gesunken.

Ungesäumt hatte Konrad Teufel ihn zur Ruhe gebracht und nach dem Arzte gesandt; doch auch nachdem man ihm das Haupt mit frischem Wasser gekühlt und ihm zu Ader gelassen, war er nicht wieder zu sich gekommen. Die linke Seite schien völlig gelähmt, und die gehemmte Zunge vermochte nur unverständliche Worte hervorzustammeln.

Auf Wunsch des Medicus war eine Krankenpflegeschwester ins Haus genommen worden; denn Isabella Siebenburg, die Tochter des Leidenden, hatte sich schon, 175 dem Wunsche des Gatten gehorsam, mit ihrem Zwillingspärchen auf das Schloß des Ritters Heideck begeben.

Grollend war sie geschieden, weil sie sich vergeblich bemüht hatte, die Großmutter und die Mutter, die ihr nachsprach, zu bewegen, ihres Gemahls in milderer Weise zu gedenken. Wenn jene den Abwesenden vor den Zwillingen mit grausamer Härte herabsetzten, war es ihr – sie hatte es dem Vetter bekannt – gewesen, als verständen die Säuglinge, welche Schmach man ihrem Vater anthat, und mehr um die Knäblein, als um sich selbst vor den Feindinnen ihres Gatten sicher zu stellen, hatte sie dem sinkenden Hause trotz der flehenden Bitten und heißen Thränen, womit die Mutter sie beim Abschied zurückzuhalten versuchte, den Rücken gekehrt.

Bevor sie die Ihren verließ, hatte sie Konrad Teufel ihren kostbaren Schmuck und das Silberzeug, das der Großvater ihr vermacht, übergeben, um die drängenden Gläubiger ihres Gemahls zu befriedigen. Von dem Vater war sie in Eintracht geschieden und nicht zurückgehalten worden.

Jetzt wartete des alten Herrn nur die barmherzige Schwester; denn seine Gattin weinte und jammerte, ohne die Kraft zu finden, auch nur die Hand zu regen, und wies auch die eigene Mutter zurück, der sie vorwarf, sie alle ins Unglück gestürzt und den Schlag, der ihren Gemahl getroffen, verschuldet zu haben.

Die greise Gräfin, berichtete der Vetter, falle dagegen von einem Krampf in den andern, und als er sich ihr genähert, habe sie ihm die Worte »Undankbarkeit« und »schlechter Lohn« in den verschiedensten Tonarten so schrill entgegengekreischt, daß es ihm noch vor den Ohren gelle.

176 Außer Rand und Band sei alles in dem unseligen Hause.

Sein hoher Gast, der Herzog von Gülich, werde es empfinden; denn auch die Dienstboten hätten den Kopf verloren. Um ein Glas Wasser für den Kranken zu erlangen, hätte er selbst, trotz der zahllosen Knechte und Mägde des Hauses, den Brunnen aufsuchen müssen, und die Scherben des Gefäßes, das die Großmutter ihm mit der eigenen, gräflichen Hand nachgeschleudert, lägen gewiß noch am Boden. Er heiße Teufel, doch auch in seiner höllischen Heimat könne es kaum schlimmer hergehen.

Als der Vetter endlich schloß, wechselte der Oheim mit Frau Christine einen bedeutungsvollen Blick, Eva schaute mit ängstlicher Spannung und Gräfin Cordula mitleidig auf Els, die diesem Berichte tief atmend gefolgt war.

Als sie dann aber die feuchten Augen zu dem Schultheißen und seiner Gattin aufschlug und kleinlaut sagte: »So muß ich euch denn um Urlaub bitten, Herr Ohm und liebwerte Frau Muhme; denn ihr hörtet ja, wie nötig Wolffs Vater meiner bedarf,« sah jeder sich erfüllen, was er von ihr erwartet.

»Schwer, schwer,« machte der Schultheiß, während er ihr die Schulter streichelte. »Aber das Blei, womit man sich aus gutem Herzen belastet, wird zum Holz oder zuletzt gar zur Feder.«

Bei tröstlichen Worten wie der Gemahl ließ es Frau Christine indes nicht bewenden. Sie erbot sich vielmehr, Els zu begleiten und ihr den Platz frei zu machen, der ihr gebührte. Frau Rosalinde hatte sich der Matrone früher häufig genähert, um Rat bei ihr zu erholen und 177 ihr in beschämend deutlicher Weise zu erkennen gegeben, wie willig sie ihre überlegene Tüchtigkeit anerkenne. Die alte Gräfin war ihr zuwider, doch mit wem hätte sich die derbe Frau, die sich bewußt war, das Gute zu wollen, nicht fertig zu werden getraut? Da die eigene Tochter die Ihren verlassen, gehörte die künftige Hausfrau des Sohnes an das Siechenbett seines Vaters. Frau Rosalinde war schwach, doch die schlechteste nicht. »Warte nur, Kind,« schloß die Muhme, »bald genug wird sie erkennen, welcher Segen mit Dir in das Haus und an das Krankenlager kommt. Gegen die Bosheit der Alten werden wir einen Damm aufzurichten suchen.«

Konrad Teufel bekannte, daß er sich in der Hoffnung, Els, die der Mutter so geschickt und geduldig gewartet, zu solchem löblichen Entschluß zu bewegen, hieher begeben habe. Er versprach ihr auch beim Abschied, öfter nach dem Rechten zu sehen und, wäre es nötig, die alte Teufelin Bekanntschaft mit seinem eigenen Pferdefuß machen zu lassen.

Nachdem auch er sich entfernt, wurden die Vorbereitungen zum Aufbruch der Schwestern in Angriff genommen. Während Cordula Eva bei der Auswahl der Sachen half, die sie mit nach Schweinau nehmen sollte, und die ältere Schwester mit Hilfe Kätterles das Wenige zusammenlegte, dessen sie im Eysvogelhofe als Krankenpflegerin bedurfte, erbot sich die Gräfin, Herrn Ernst morgen früh in eigener Person auf dem Luginsland zu besuchen und ihm mitzuteilen, was die Töchter von ihm fernhielt. Gegen Abend konnte Eva unter dem Schutze der Muhme, die morgen von mancherlei Geschäften in Anspruch genommen 178 war, in die Stadt kommen, um nach dem Gefangenen zu sehen.

Eva rührte diesmal zur Ueberraschung der Schwester, die ihr dergleichen stets abgenommen hatte, die Hände selbst beim Packen. Als sie fertig war, führte sie das verweinte Kätterle mitleidig dem Oheim zu, damit sie ihn um Gnade für den Verlobten bitte.

Der Schultheiß war von dem Hergang der Dinge genau unterrichtet und sprach mit der ihm eigenen, von wahrer Herzensgüte durchdrungenen Leutseligkeit der Gürtelmagd zu. Freilich war Biberli schon vorhin einem peinlichen Verhör unterworfen worden; er hatte aber auf der Folter der Herzliebsten mit keinem Worte gedacht und auch standhaft alles geleugnet, was seinem Herrn zur Last fallen konnte. Morgen wartete seiner ein zweites Verhör; doch versprach der Schultheiß zu thun, was in seiner Macht stand, um ein möglichst mildes Urteil für ihn zu erzielen. Jedenfalls würde er, wie alle, die infolge eines Rechtsspruches Blut gelassen, zur Heilung auf die Schweinau gesandt, und da Kätterle Eva dorthin begleiten sollte, konnte sie Gelegenheit finden, den Bräutigam dort mit eigener Hand zu pflegen.

Damit entließ er die Mädchen; als er aber wieder mit der Hausfrau allein war, bekannte er, daß die Sache des armen Burschen sich leicht schlimm gestalten, ja daß es ihm an die Zunge gehen könnte, wenn er auf der Folter, die nun einmal zu dem peinlichen Verhöre gehörte, dem er abermals unterworfen werden sollte, bekannte, nächtlicherweile in das Haus eines »Ehrbaren« gedrungen zu sein. Daß er dabei nur dem Gebieter gefolgt sei, werde die Sache indes mildern. Die Schöffen 179 müsse er zur Verschwiegenheit anhalten, wenn sich der Notwendigkeit, sie von Evas Nachtwandeln zu unterrichten, nicht aus dem Wege gehen lasse. Falle das Urteil sehr hart aus, so werde er vielleicht die Vollstreckung hinausschieben können. Ritter Schorlin, der ja in der Gunst des Kaisers stehe, sei dann aufzufordern, den Herrscher anzugehen, es auf dem Wege der Gnade aufzuheben, oder doch zu mildern.

Hier wurde er von den Nichten und Cordula unterbrochen, und bald darauf brach die Muhme mit Els auf, um sie zu den Eysvogels zu begleiten.

Der Ohm blieb mit den beiden anderen zurück.

Keine Geringere als die Herzogin Agnes hatte sich bei ihm über die übermütige Gräfin beklagt. Gestern war diese nämlich mit ihrem Vater in den Wald geritten, und da ihr die junge, böhmische Königstochter hoch zu Roß entgegengekommen war, hatten ihre Dackel ihren zum Scheuen geneigten Araber so ingrimmig angefallen, daß es einer weniger sicheren Reiterin schwer gefallen wäre, sich im Sattel zu behaupten. Die folgsamen Tiere hatten diesmal der Herrin den Gehorsam versagt, und die Herzogin den Verdacht ausgesprochen, es sei der Montfort gar nicht Ernst mit dem Abrufen gewesen; denn sie habe sie wohl flüchtig um Entschuldigung gebeten, sie dabei aber wie zum Spotte gefragt, ob es etwas Ergötzlicheres gebe, als ein widerspenstiges Roß zum Gehorsam zu zwingen. Sie war Cordula indes die Antwort nicht schuldig geblieben und hatte erwidert, die Unfolgsamkeit ihrer Hunde beweise, daß sie es vielleicht bei Pferden, keineswegs aber bei anderen lebenden Wesen verstehe, sich das zu verschaffen, was sie ihr höchstes 180 Vergnügen nenne. Sie spreche ihr darüber ihre fürstliche Teilnahme aus.

Den Schultheißen hatte sie darauf hingewiesen, daß ihr der Ueberfall im Reichsforste widerfahren sei, wo, wie sie höre, das freie Umherlaufen von fremden Jagdhunden untersagt sei. Die Gräfin Montfort möchte darum veranlaßt werden, in Zukunft, wenn sie in den Wald reite, ihre Dackel daheim zu lassen.

Diese Klage brachte jetzt der Schultheiß an diejenige, gegen die sie sich wandte, und er that es in neckisch heiterem Ton, in den Cordula munter einstimmte.

Als der alte Herr sie frug, ob sie das reizbare Königskind schon früher gegen sich aufgebracht habe, erwiderte sie lachend: »Der Ehegenossin des Kaisersohnes versagten die lieben Heiligen wie anderen Dreizehn- oder Vierzehnjährigen bisher den Kindersegen, und sie spielt darum gern mit der Puppe. Zufällig gibt sie derjenigen den Vorzug, nach der sie auch mich die Hände ausstrecken sah.«

Der alte Herr verlangte vergebens nach einer Erklärung dieses Scherzwortes; Eva aber wußte, wen die Gräfin mit der Puppe meinte, und es war ihr peinlich, die beiden einander feindlich gesinnten Frauen, jede für sich, Kurzweil mit demjenigen treiben zu sehen, der so wenig einem Spielzeuge glich, und zu dem sie mit dem ganzen Ernst ihrer von tiefer Leidenschaft ergriffenen Seele hinaufsah.

Während der Schultheiß und die Gräfin mit einander heiter stritten und scherzten, blieb sie still, und die beiden anderen störten sie nicht.

Nach längerer Zeit kehrte Frau Christine zurück. 181 Man sah ihr an, daß sie geweint; doch hatte sie schon in der Sänfte die Augen getrocknet.

Was Els bei den Eysvogels gefunden, war freilich weit betrübender gewesen, als sie gefürchtet; ja, der Angriff, den sie von seiten der alten Gräfin erfahren hatte, war so verletzend, der hilflose Jammer Frau Rosalindes und der Zustand Herrn Kaspars so kläglich gewesen, daß sie schon daran gedacht hatte, das beklagenswerte Mädchen wieder mit sich fort zu nehmen und es diesen Menschen zu entziehen, die – sie wußte es – sobald sie sich entfernte, Els das Leben zur Hölle machen würden.

Die Frage der Großmutter, ob die Jungfrau Ortliebin den Schweizer Galan hier zu finden hoffe, und viele ähnliche verletzende Bemerkungen waren wie in Galle getaucht gewesen.

Welchen widrigen Anblick hatte die würdelose Greisin dazu geboten, wenn sie sich mit gravitätischem Spott, als sei sie ihre gehorsame Dienerin, knixend und wieder knixend vor Els verbeugt hatte. Doch das arme Kind war still geblieben, bis Frau Christine selbst die Stimme erhoben und ihrer Nichte am Krankenlager Herrn Kaspars den Platz angewiesen hatte, den sie besser als jede andere auszufüllen verstand.

Da war es still, und Els hatte kaum zu befürchten, viel gestört zu werden; denn der Gräfin war ernstlich untersagt worden, das Gemach des Leidenden zu betreten. Frau Rosalinde schien sich vor dem Anblick des Gelähmten zu fürchten, und die barmherzige Schwester war ein kräftiges, entschlossenes Weib, das Els mit redlicher Freundlichkeit willkommen geheißen und Frau Christine versprochen hatte, ihr nichts anthun zu lassen.

182 Draußen warteten schon die Sänften, und die Matrone hätte die Mitteilung dieser traurigen Erlebnisse gern auf später verschoben; Cordula verlangte indes so liebevoll zu erfahren, wie es die Freundin im Hause des Bräutigams gefunden, daß sie ihr kurz und schnell den Willen that. Das Reden erleichterte ihr das Herz, und einigermaßen beruhigt, ließ sie sich mit Eva nach Schweinau tragen.

 

 

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