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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Während Eva, allein mit sich selbst beschäftigt, diesen Entschluß faßte, stand Els tief atmend an dem offenen Fenster unter der Decke des Sitzungssaales und schaute und horchte zu ihm nieder.

Ihr gerade gegenüber stand der Spruch:

»Feldt Urtel auf erden, als ir dort woldt geurtheilt werden.««

in deutscher und lateinischer SpracheJudicium quale facis, taliter judicaberis. geschrieben; unter diesen die Schöffen zur Gerechtigkeit mahnenden Worten aber war ein großes Wandgemälde zu sehen, das den ungerechten Richter Sisamnes darstellte, dem Henkersknechte in der Tracht der Nürnberger »Leben« unter den Augen des Königs Kambyses die Haut abzogen, um damit den Richterstuhl zu überziehen. Diesen hohen Sitz, auf dem der Beherrscher Persiens Recht sprechend thronte, zeigte ein anderes Bild. Ein drittes stellte das römische Heer dar, wie es auf Befehl des Kaisers Trajan den Marsch unterbrach, damit der Kaiser Zeit gewinne, die Klage einer Witwe gegen den Mörder ihres Sohnes anzuhören und den Uebelthäter zu strafen.

131 Doch Els schenkte diesen ihr wohlbekannten Gemälden keinen Blick, sondern schaute zu den dreizehn älteren und ebenso vielen jüngeren Männern nieder, die zu ihrer Linken tief unter ihr auf hochlehnigen Stühlen Rat hielten. Es waren die Bürgermeister der Stadt, von denen je ein älterer und ein jüngerer gemeinsam während eines Monats als »Frager« die Regierung des städtischen Gemeinwesens und die Geschäfte des »ehrbaren Rathes« leiteten.

Diesmal standen Albert Ebner und Jörg Stromer diesem Amte vor, während unter dem Geheimen Rat, den sieben der älteren Herren bildeten, als höchste, ausführende Behörde Hans Schürstab als zweiter und der alte Berthold Vorchtel als erster Losunger die höchsten Aemter innehatten.

Der tief gekränkte Vater nahm also in diesem Jahre die oberste Stelle im Rate und im ganzen Nürnberger Gemeinwesen ein, und von ihm vor allem hing es ab, wie sich das Geschick der Eysvogels wenden würde.

Els wußte es und sah ihn bangen Herzens ernst und bekümmert auf die Papiere schauen, die der Stadtschreiber Martin Schedel ihm eben von einem besonderen Pulte aus vorgelegt hatte. Neben ihm in der Mitte der mit grünem Tuche bezogenen Tafel saß der Oheim der Lauscherin, der kaiserliche Schultheiß Berthold Pfinzing, der im Namen des Herrschers dem Gerichtshofe vorstand.

Auch in seiner Eigenschaft als Schutzherr der Juden war er erschienen, und eben hatte Samuel Pfefferkorn, ein israelitischer Wechsler, nachdem er verhört worden war, den Saal verlassen.

Kaspar Eysvogel schaute ihm totenbleich nach. Das 132 schöne Haupt zitterte ihm, während der Schultheiß sich an Berthold Vorchtel, den obersten Losunger, wandte und laut genug, um von allen verstanden zu werden, anhob: »So wäre denn auch dies im reinen. Die große Schuld an den Juden ward von Herrn Kaspar mit Uebergehung seines Sohnes und Geschäftsteilhabers eingegangen, und daraus erklärt sich bis auf den Gulden die Verschiedenheit in den Aufstellungen des Vaters Eysvogel von denen seines Sohnes. – Der junge Mann ward geflissentlich über die schwerste Gefahr, die dem Geschäfte drohte, im Dunkeln erhalten. Für ihn mußte die Lage des Hauses mißlich, doch keineswegs verzweifelt erscheinen. Ohne die Siebenburgs und die anderen Placker, die das letzte bedeutende und aussichtsvolle Geschäft der Handlung in einen großen Verlust verwandelten, und nach Verkauf der liegenden Gründe hätte es sich vielmehr schnell wieder heben und bei vorsichtiger und geschickter Leitung die alte Blüte zurückerlangen können. Die ungeheure Summe, zu der die Schuld an Samuel Pfefferkorn heranwuchs, gibt der Lage der Dinge ein anderes Ansehen. Da ich aber als Schutzherr der Juden auch auf der Rückzahlung dieses Kapitals samt den üblichen Zinsen bestehen muß, wird das alte Eysvogelsche Haus außer stande sein, seinen Verpflichtungen nachzukommen; ja, die Gläubiger werden nur zum Teil befriedigt werden können. Es bleibt uns darum nichts übrig, als zu trachten, die gemeine Stadt und die beteiligten Bürger, so weit es angeht, vor Schaden zu wahren. Schuldig einer Strafe ist indes, meiner Meinung nach, nicht die gesamte Leitung des Hauses, sondern der Vater allein, der den wackeren Sohn, wie seine eigenen Angaben und die des Samuel Pfefferkorn 133 ergeben, im Dunkeln ließ und dem Geschäftsteilhaber – es fällt mir schwer, Herrn Kaspar dies ins Antlitz zu rufen – in verhängnisvoller Weise auch noch, als die Gefahr dringend wurde, widerrechtlich die Möglichkeit entzog, ein richtiges Bild von dem wahren Stande der Dinge zu gewinnen. So mag denn das Recht im Namen des Kaisers seinen Gang gehen.«

Dem alten, großen und reichen Eysvogelschen Hause sprachen diese Worte das Urteil, und doch schlug Els das Herz hoch vor Freude, als nach einem kurzen Meinungsaustausche zwischen den versammelten Ratsherren der kaiserliche Schultheiß, indem er sich an den Herrn Vorchtel wandte, von neuem begann: »Euch, Herr Berthold, stünde es als oberstem Losunger zu, für den Angeklagten aus Eurer, des ehrbaren Rates, Mitte die Stimme zur Verteidigung zu erheben; da uns aber allen bewußt ist, wie schwere Kränkung Euch von seiten des Sohnes desselben Mannes widerfuhr, für den es Euch obliegen würde, zum Guten zu reden, so sollten wir Euch, meine ich, billig dieser Pflicht entheben und sie auf Herrn Hans Schürstab, den zweiten Losunger, oder auf Herrn Albert Ebner, den ältesten der regierenden Bürgermeister, übertragen, die, wenn auch nicht diesem betrübenden Falle, so doch den Eysvogels selbst ferner stehen im Guten wie im Bösen.«

Erleichtert atmete Els auf; denn die beiden Genannten waren Wolff wohlgesinnte Männer; doch schon hatte sich Herr Vorchtel erhoben und begann zu reden, indem er das kluge, alte Haupt leise hin und her wiegte und sich den weichen grauen Bart durch die Hand gleiten ließ.

Gelassen, als rede er zu Freunden an der eigenen Tafel, begann er, und der Klang seiner tiefen Stimme 134 sowie der Ausdruck seines wohlgebildeten, alten Gesichtes wirkte auf die Anwesenden mit beruhigender Kraft.

Hochklopfenden Herzens fühlte Els, daß, was dieser Mann befürwortete, nichts Unrechtes sein könnte und daß es sicher sei, Annahme zu finden; denn wie ein unerschütterlich fester, in der Luft der Rechtschaffenheit und Ehre ergrauter Hüter der Pflicht und des Gesetzes stand er da unter den jungen und betagten Mitleitern des Nürnberger Freistaates. So hatte sie sich den Getreuen Eckart vorgestellt, so konnte ihr Wolff einmal aussehen, wenn das Alter ihm das Haar gebleicht und Arbeit und Sorgen die hochgewölbte Stirn mit Furchen durchzogen hatten. Berthold Vorchtel und andere »Ehrbare«, die ihm glichen: den greisen Konrad Groß, den großen, breitschulterigen Friedrich Holzschuher, dem das lange, schneeweiße Haar in vollen Wellen bis auf die Schulter niederfloß, den erst halb ergrauten Ulrich Haller, der an Wuchs und Haltung einem Fürsten glich, den stattlichen Hermann Waldstromer mit den hellen Weidmannsaugen, die edlen Brüder Ebner, die auch in einer Versammlung von Rittern und Grafen die Blicke auf sich gezogen hätten, ja die meisten von denen da unten hatte Kaiser Rudolf wohl im Auge gehabt, als er von dem Nürnberger Rate gesagt, er erinnere ihn an einen deutschen Eichenwald, in dem auf jeden der edlen Stämme guter Verlaß.

Solch ein edler, verläßlicher, fester Baum war Herr Berthold Vorchtel in jedem Zolle. Els sagte es sich, und ob sie auch wußte, wie weh es ihm gethan, daß Wolff sie selbst seiner Tochter Ursula vorgezogen und wie tief er den Tod seines Ulrich beklagte, war sie dennoch überzeugt, daß dieser Mann den Eysvogels an dieser Stelle nicht 135 nachtragen werde, was ihm von ihnen angethan worden; denn über seine alten Lippen kam kein Wort, das nicht gerecht war und würdig.

Und sie hatte sich nicht getäuscht; denn nachdem Herr Berthold auf seinem Rechte bestanden, nicht für Herrn Kaspar, wohl aber für sein Haus und seine Erhaltung die Stimme zu erheben, bemerkte er vorwegnehmend, er pflichte zwar dem Herrn Schultheißen in allen Stücken bei, dennoch aber gedenke er zu zeigen, daß es zu Gunsten der gemeinen Stadt sich empfehle, das Eysvogelsche Haus nicht ohne weiteres dem Ansturme preiszugeben, den die eigene Schuld seines Leiters gegen das alte, wohlgefestigte Bauwerk heraufbeschworen.

Darauf wandte er sich zu den Papieren und Pergamenten, zu denen der Stadtschreiber eben einige Bücher und Rollen gefügt. Nüchtern und sachlich genug klang seine klare, oft von Einblicken in die vor ihm ruhenden Schriften unterbrochene Rede. Die in Zahlen ausgedrückte Höhe der Summen, die die Eysvogelsche Handlung schuldete, sowie die Namen seiner Gläubiger in Nürnberg, Augsburg, Ulm und Regensburg, in Venedig, Mailand, Brügge und anderen deutschen und ausländischen Städten bildete den wichtigsten Bestandteil seiner Rede. Dabei griff er oft nach Kreide und Rechenbrett und schrieb auf den grünen Tischüberzug mit rascher Hand ganze Reihen von Zahlen nieder, und besonders die jungen Bürgermeister lächelten einander voller Bewunderung zu, wenn der alte, geübte Kaufmannskopf im Nu zusammenzählte und abzog, wofür sie selbst doppelt langer Zeit bedurft hätten.

Der Lauscherin am Fenster schwirrte die Menge der Zahlen und Namen wie das Gesumme eines 136 Mückenschwarmes vor den Ohren. Sie zu fassen und zu behalten war ihr unmöglich, und staunend folgte sie dem Greise, der dies wüste Gewirr so klar übersah und ihm so sicher entnahm, wessen er für seine Zwecke bedurfte.

Als er schloß und mit einem lauten »Also« das Ergebnis mitzuteilen begann, nahm sie alles, was ihr an Geisteskraft innewohnte, zusammen, um es zu verstehen. Es gelang ihr auch; doch ihr wankten die Kniee, als sie die Höhe der Summen nennen hörte, die der Handlung anderen heimzuzahlen oblag.

Als Herr Berthold aber endlich die Schätzung des Eysvogelschen Vermögens an Waren, Baulichkeiten und liegenden Gründen mitteilte, staunte sie von neuem. Für so reich hätte sie die stolze Sippe Wolffs doch nicht gehalten, aber der Schluß dieser Aufstellung brachte wieder eine große Enttäuschung; denn mit Einschluß des Kapitals, das Herr Kaspar dem Juden Pfefferkorn entliehen, übertrafen die Verpflichtungen des Geschäftes seinen Besitz viel weiter als Els es bei der Größe seines Vermögens erwartet.

Ueber den Stand des Eigentums ihres Vaters war sie völlig im Dunkeln; daß es aber auch nicht von fern hinreichen würde, um hier zu helfen, das glaubte sie zu wissen. Und es schien sich in der That so zu verhalten; denn als Berthold Vorchtel von neuem das Wort ergriff, begann er Ernst Ortliebs zu gedenken. Teilnahmsvoll bedauerte er die unerhörte Beleidigung, die ihn zu der beklagenswerten Gewaltthat fortgerissen, die ihn verhinderte, an dieser Beratung teil zu nehmen. Vor seiner Abführung auf den Luginsland habe er ihm indes eine wichtige Vollmacht erteilt. Unter gewissen Bedingungen – doch freilich nur unter ihnen – stelle er ihm für 137 die Ordnung dieser Angelegenheit einen ansehnlichen Teil seines Vermögens zur Verfügung. So beträchtlich die verheißene Summe aber auch sei, genüge sie doch mit nichten, die Eysvogelsche Handlung vor dem Zusammenbruche zu retten. Trotzdem sei er, Berthold Vorchtel, der Meinung, daß ihr Sturz um jeden Preis verhindert werden müsse. Wie ernst es ihm mit dieser Ansicht sei, denke er mit dem besten Mittel zu beweisen, das dem Kaufmanne zu Gebote stehe: mit dem Einsatz eigenen, und zwar nicht eben unbedeutenden Kapitals.

Bei diesen Worten bemächtigte sich eine starke Bewegung der versammelten Männer, und Els sah, wie der Ohm Schultheiß dem alten Herrn einen Blick zuwarf, der ihn der warmen Anerkennung eines Gleichgesinnten versicherte.

Kaspar Eysvogel, der, in sich zusammengesunken, die Darlegungen des ersten Losungers, in die sich manches bittere Wort über sein Verhalten gemischt, widerspruchslos, ja, wie es schien, stumpf und nicht mehr fähig, ihnen im einzelnen zu folgen, hatte über sich ergehen lassen, richtete sich wieder auf und schaute Herrn Berthold, als wage er nicht, den eigenen Ohren zu trauen, fragend ins Antlitz; dieser aber blickte an ihm vorbei, indem er fortfahrend bemerkte, was er für die Eysvogelsche Handlung thue, geschehe keineswegs mit Rücksicht auf den Mann, der sie bisher geleitet, oder die Seinen, sondern ausschließlich zu Gunsten der guten Stadt, deren geschäftliche Angelegenheiten zu leiten das Vertrauen des Rates ihn berufen, und ihres Handels, dessen Gedeihen den meisten Ehrbaren, die hier um ihn versammelt, in gleicher Weise am Herzen liege.

Zustimmende Rufe und Geberden begleiteten den letzten 138 Satz; Berthold Vorchtel aber knüpfte an diese Kundgebung an, indem er bemerkte, sie zeige ihm, daß, wo es noch fehlte, der Rat im Namen der gemeinen Stadt sich geneigt finden würde, das Seine zu thun.

Diesem Ausspruche folgte auf mehreren Seiten leiser und von einem Sitze aus auch lauter Widerspruch, und Herr Berthold überhörte ihn nicht. Indem er sich an Peter Ammon, einen der Hauptgläubiger der Eysvogels, der am lebhaftesten Einspruch erhoben, wandte, bemerkte er, niemand könne es schärfer als ihm widerstreben, die Mittel des Gemeinwesens in Anspruch zu nehmen, um einem Bürger, der durch eigenes Verschulden in eine üble Lage geraten, vor den Folgen seiner Handlungsweise zu bewahren; dagegen werde man ihn stets – und in diesem Falle mit besonderem Eifer – bereit finden, einem solchen trotz der begangenen Fehler beizuspringen, wenn er glaube, die gemeine Sache dadurch vor schwerem Schaden zu bewahren.

Dann bat er für eine Abschweifung um Gehör, und da ihm von allen Seiten zugerufen wurde, er möge reden, begann er. In kurzen, klaren Sätzen zeigte er, wie sich der Nürnberger Handel aus kleinen Anfängen zu seiner jetzigen Höhe erhoben. Statt des zaghaften und ungeordneten Austausches der Güter bis zum Main, dem Rhein und der Donau habe jetzt ein regelmäßiger Verkehr mit Venedig, Mailand und Genua, mit Böhmen und Ungarn, mit Flandern, Brabant und der Ostseeküste begonnen. Nachdem besonders der Handel mit den italienischen Städten, und durch sie auch mit der Levante, unter den Hohenstaufen den ersten glücklichen Aufschwung genommen, habe er während der verhängnisvollen Zeit, in der fremde 139 Namenskaiser Deutschland und sein Wohlergehen vernachlässigt hätten, die schwerste Einbuße erfahren. Durch die Wahl Rudolfs von Habsburg, der mit Kraft, Wohlwollen und Verständnis auch der Sicherheit des Warenaustausches in den Landen, über die er gebiete, seine Aufmerksamkeit zugewandt habe, wären wieder bessere Tage für den Kaufmann gekommen, und es liege auf der Hand, was seine Arbeit fördere, was sie schädige und der wohlverdienten Frucht beraube. Das Vertrauen im Inland und in der Fremde sei die Grundlage des Gedeihens nicht nur des Nürnberger, sondern eines jeden Handels im Großen. Unter den Staufen hätten ihre redlichen Väter dies Vertrauen so trefflich gefestigt, daß man überall, wo er Fuß gefaßt, dem Nürnberger Kaufmann vor vielen, ja vielleicht vor allen anderen Achtung und Zutrauen schenke. Die Unsicherheit der Straßen und des Rechtes in der Willkürzeit vor der Wahl des Habsburgers hätte dies hohe Gut erschüttert; seit Rudolf aber mit kraftvoller Mannheit das Scepter führe, den Verkehr sichere und das Recht handhabe, sei auch das Vertrauen wiedergekehrt, und um dies aufrecht zu erhalten, sei kein Opfer zu teuer. Was ihn, Berthold Vorchtel, angehe, werde er sich selbst nicht schonen, und wenn er der gemeinen Stadt zumute, es ihm nachzuthun, würde er es zu verantworten wissen.

Hier wurde er von lauten Rufen des Beifalls unterbrochen; doch er achtete ihrer nicht, sondern fuhr gelassen fort: »Und es gilt nach zwei Richtungen hin das Vertrauen auf den Nürnberger Kaufmann, seine Redlichkeit und die ihm zu Gebote stehenden Mittel zu sichern. Die Geschäftsfreunde in der Nähe und Ferne müssen 140 fortfahren dürfen, fest wie auf Fels und Eisen auf unsere Zuverlässigkeit zu bauen. Brachten wir die hoffärtigen Welschen schon dahin, uns nachzusagen, unter den deutschen Städten, die Blinde wären, sei Nürnberg einäugig, so sollten wir sie jetzt auch zwingen, uns zu denen zu zählen, die mit beiden Augen sehen, und zwar mit den redlichen, Vertrauen weckenden blauen Augen des Deutschen. – Aber um dies Ziel zu erreichen, bedürfen wir des kaiserlichen Schutzes, der wachen Macht eines gerechten, uns wohlgesinnten Herrschers. Die Förderung, die unser Handel den Staufen dankte, beweist es; die kaiserlosen Jahre zeigten dagegen, was dem Handel und Verkehr droht, sobald dieser Beistand uns mangelt. Privilegien und Gerechtsame aus der Hand des Königs ebneten uns die Wege, auf denen wir es jetzt den anderen zuvorthun. Neue und immer wichtigere zu erwerben, muß unser Ziel sein. Seit dem ersten Reichstage, den Kaiser Rudolf hier abhielt, zeigte er uns, daß er uns hoch hält und wert seines Zutrauens. Durch mancherlei wichtige Privilegien gab er es uns zu erkennen. Dies Zutrauen, das der Urquell der wichtigsten Bevorzugungen Nürnbergs ist und bleiben wird, aufrecht zu erhalten, gebietet uns Kaufleuten die Klugheit, uns Leitern der gemeinen Stadt die Sorge für ihr Gedeihen. Aber, meine ehrbaren Freunde, so ungern ich es auch thue, muß ich euch dennoch erinnern, daß eben jenes Zutrauen schon hier und da durch die Schuld einzelner eine Erschütterung erfuhr. Wer hätte wohl die Geschichte von der schönen Mütze des unseligen Meisters Mertein vergessen, der uns ja schon in jene Welt voranschritt. Wohl ging sie nur von einem einzigen räudigen Schafe aus, sie gereichte aber dennoch der gesamten 141 Herde zur Unehr. Vielleicht weil sie sich so bald nach der Wahl Rudolfs zum Könige auf dem ersten Fürstentage in unserer guten Stadt zugetragen hatte, prägte sie sich unserem kaiserlichen Herrn so tief ins Gedächtnis. Noch vor wenigen Stunden begehrte er Auskunft von mir über den traurigen Handel, der uns hier beschäftigt, und da ich in Aussicht stellte, der Gemeinsinn und die Redlichkeit meiner Landsleute, Mitbürger und Ratsgenossen würde ihn unschädlich für die einheimischen und fremden Geschäfte machen, deutete er auf jene Geschichte, und zwar keineswegs in dem scherzhaften Sinne, mit dem er weiland des ärgerlichen Vorfalles gedachte, der niemand zur Ehre gereichte als seiner damals noch – sieben Jahre sind es her – so oft mit Heiterkeit vermischten Klugheit.«

Als der Redner auf diesen viel besprochenen Handel hinzuweisen begonnen, war ein Lächeln über die Züge der Lauscherin geflogen; denn sie erinnerte sich seiner gar wohl, und die Geschichte von Kaiser Rudolf und der Mütze wurde immer noch zu Ehren der Geistesgegenwart des weisen Habsburger Richters erzählt.

Während des Fürstentages hatte nämlich ein Nürnberger Bürger einen Sack mit zweihundert Guldein von einem fremden Kaufmanne, der Herberge bei ihm gefunden, zur Aufbewahrung erhalten; als aber das ihm anvertraute Gut zurückverlangt wurde, geleugnet, es überhaupt an sich genommen zu haben.

Dieser schmähliche Vorfall war dem Kaiser hinterbracht worden; er aber hatte ihn scheinbar unbeachtet gelassen und Meister Mertein unter anderen Bürgern, die ihm vorgestellt zu werden begehrten, empfangen. Der unredliche Mann war in schmucker Festtracht erschienen, 142 und als er seine Mütze, ein prächtiges Stück, das mit kostbarem, nordischen Pelzwerk verbrämt war, verlegen drehte, während der durchdringende Blick des kaiserlichen Auges ihn traf, hatte der Herrscher sie ihm aus der Hand genommen, sie wohlgefällig betrachtet und sie sich mit der Versicherung, sie würde auch dem Könige stehen, auf das eigene, hohe Haupt gesetzt. Diesem und jenem war er noch näher getreten, um ihm ein Wort zu vergönnen, und hatte sich dann, als habe er vergessen, daß er die fremde Kopfbedeckung trage, entfernt, um einem Boten zu gebieten, die Mütze sogleich zu der Hausfrau ihres Eigentümers zu bringen, sie ihr als Beglaubigungszeichen zu weisen und ihr aufzutragen, den ihm von dem fremden Kaufmanne anvertrauten Sack auf die Burg zu bringen. Das Weib hatte gethan, wie ihm geheißen, und der Betrüger war entlarvt.

Wie Els, so kannte jeder Anwesende diese Geschichte, die ein so grundfalsches übles Licht auf die Redlichkeit der Bürgerschaft warf. Wem wäre der Gedanke, daß Rudolf auch während seines jetzigen Aufenthaltes unter ihnen Zeuge der Benachteiligung anderer durch einen Nürnberger Kaufherrn werden sollte, nicht peinlich erschienen? Wer hätte Herrn Berthold jetzt entgegentreten mögen, da er entschiedener noch als vorher verlangte, das Gemeinwesen habe das Seine beizutragen, um den Glauben an die Zuverlässigkeit der Nürnberger Bürgerschaft und besonders des ehrbaren Rates und jedes seiner Glieder aufrecht zu erhalten?

Als er aber die hohe Summe nannte, mit der er selbst, und die andere, mit der Ernst Ortlieb sich unter gewissen Voraussetzungen bei der Ordnung dieser Angelegenheit zu beteiligen gedachte, trat auch Peter Ammon 143 von seinem Widerspruche zurück. Der Antrag des ersten Losungers fand einstimmig Annahme und ebenso die Bedingung, die sein Amtsbruder Ortlieb stellte. Kaspar Eysvogel aber, dem dieser Beschluß das Schwerste auferlegte, ließ ihn mit stummem Achselzucken über sich ergehen.

Wie schlug Els das Herz so hoch, wie gern wäre sie hinunter in den Sitzungssaal geeilt und hätte dem alten, wackeren Herrn dort am grünen Tische die Hände gedrückt, als er erklärte, die Leitung des neu gekräftigten Eysvogelschen Geschäftes müsse infolge der Bedingung Ernst Ortliebs, die er auch zur seinen mache, aus der Hand des Herrn Kaspar in die seines Sohnes Wolff übergehen, sobald die kaiserliche Gnade ihm aus dem Versteck hervorzutreten gestatte. Er, Berthold Vorchtel, werde keine Klage gegen ihn erheben; denn er wisse, daß Wolff gezwungen worden sei, das Schwert mit seinem Ulrich zu kreuzen. Nach schwerem Ringen mit sich selbst sei er zu diesem Entschlusse gelangt. Als Christ und billig denkender Mann habe er dem menschlichen Verlangen nach Rache entsagt, und als sei Gott der Herr bedacht gewesen, ihm ein Zeichen seiner Billigung zu erteilen, habe er ihm einen Ersatz für den Erschlagenen in das stille Haus geführt.

Neue Rufe des Beifalles unterbrachen diese Mitteilung, deren Sinn indes auch Els verborgen blieb.

Kein Wort des Widerspruches erhob sich, als der kaiserliche Schultheiß endlich vorschlug, Kaspar Eysvogel sollte samt den Frauen seines Hauses die Stadt verlassen und die schweren Vergehen, die ihm zur Last fielen, mit zehn Jahren Verbannung büßen. Eins seiner Güter, das er der Stadt zu erwerben rate, möge ihm zum 144 Aufenthalt angewiesen werden. Die Tochter des Herrn Kaspar, Isabella Siebenburg, hätte bereits mit ihrem Zwillingspaare bei dem Ritter Heideck Unterkunft gefunden. Ihr Gemahl, der sich mit seinen verbrecherischen Brüdern vereinte, werde bald genug der strafenden Gerechtigkeit anheimfallen und ernten, was er gesät. Für die endgültige Ordnung dieser Angelegenheit bitte er den ehrbaren Rat, etliche Bevollmächtigte zu ernennen, denen er sich gern anschließen werde.

Dann erhob sich Herr Vorchtel noch einmal und bat die ehrbaren Freunde, dem neuen Leiter des Geschäftes mit allem Vertrauen entgegenzukommen; denn aus den Büchern des Hauses und den Aufstellungen. die er in seinem Verstecke gemacht und dem Rate zugesandt habe, hätte er und der Herr Stadtschreiber mit ihm die Ueberzeugung gewonnen, daß er zu den umsichtigsten und tüchtigsten jungen Kaufleuten Nürnbergs gehöre. Diese Ansicht würde auch von den hervorragendsten Geschäftsfreunden des Hauses geteilt.

Das that der Lauscherin wohl. Während aber der Redner sich unter lebhafter Zustimmung der Amtsbrüder niederließ und Herr Kaspar Eysvogel am Arm seines Vetters Konrad Teufel schwankenden Schrittes und wie gebrochen den Saal verließ, nahm sie auch wahr, wie der Stadtschreiber Schedel nach einem flüchtigen Blick in die Höhe auf die Seitenthür zuschritt, durch die man auf die in seine Gemächer führende Treppe gelangte.

Gewiß hatte er im Sinne, sie von dem Ausfalle der Verhandlung zu unterrichten. Aber der alte Herr würde immerhin einiger Zeit bedürfen, um zu ihr zu gelangen, und so lauschte sie noch einmal hinunter.

145 Da hörte sie noch den Ohm Schultheiß von der unseligen That ihres Vaters reden und ihn dem Rate darlegen, wie der Name der aller Ehren reichen Töchter des Herrn Ernst unschuldig und infolge schändlicher Afterrede in den Mund der Leute geraten. Dann ließ sich der schleppende Schritt des freundlichen Greises dicht an der Thüre vernehmen.

Nun gab sie das Lauschen auf, um dem Glücksboten entgegenzueilen, und der alte Herr wollte den eigenen Augen nicht trauen, als ihm aus dem schönen, frischen Antlitz des Mädchens, das vorhin, in seiner Angst und Blässe, tiefes Mitleid in ihm erweckt hatte, helle Glückseligkeit entgegenstrahlte.

Daß ihm ein anderer als Freudenbote vorausgeeilt sei, war kaum denkbar, und der Herr Stadtschreiber hatte trotz seiner zweiundsiebenzig Jahre den Scharfblick der Jugend bewahrt. Als er mit Els den Vorsaal betrat und dort das offene Fenster und neben ihm die weiße Riese gewahrte, die sie, um besser zu hören, abgelegt hatte, befreite er sich von dem Arme, mit dem sie ihm die Schulter umfangen, drohte ihr verschmitzt mit dem Finger und rief: »Gut, daß ich dort nur noch die Riese und nicht mehr die Lauscherin finde. Ich müßte sie sonst wegen unbefugten Eindringens in die Geheimnisse des ehrbaren Rates dem Büttel oder gar den Folterknechten überantworten. Dem linnenen Tuche den Prozeß zu machen, geht doch nicht wohl an.«

 

 

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