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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Der Luginslandturm lag im Norden der Stadt beim Kornhaus an der Veste, und man mußte ganz Nürnberg durchschreiten, um zu ihm zu gelangen.

Bevor noch der Schultheiß das Haus verlassen, beschlossen die Schwestern, den Vater aufzusuchen, und die Aebtissin billigte dies Vorhaben. Sie lud die Mädchen ein, wenn es ihnen in dem verödeten Hause zu einsam werden sollte, im Kloster zu nächtigen, doch sie behielten sich die Entscheidung darüber noch vor.

Gräfin Cordula, die jetzt auch mit Eva freundlich verkehrte, ergoß mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres Wesens die Schale ihres Zornes über den Ritter Siebenburg und die Leichtgläubigkeit und Bosheit der Leute. Es hatte von Anfang an bei ihr festgestanden, daß der »Schnurrbart«, wie sie den Ritter nur noch im Tone des tiefsten Abscheues nannte, diese schmähliche »Verschwörung« angezettelt habe, und durch Biberli war ihre Meinung bestätigt worden.

Jetzt hätte sie sich gern in Stücke gerissen, um den Schwestern ihr schweres Los zu erleichtern. Sie wollte sie auf den Luginsland begleiten, sie in ihrer von Pferden 120 zu tragenden Sänfte, die für mehrere Raum bot, dorthin führen lassen, und bat sie endlich um die Gunst, die Nacht in der Kammer neben ihrem Schlafgemache verbringen zu dürfen. Sollte es den Mädchen unter all diesen schnöden Verdächtigungen in Nürnberg unaushaltbar erscheinen, wollte sie den Schauplatz des Reichstages, mußte es sein, schon morgen, mit ihnen verlassen und sie mit auf ihr Schloß in Vorarlberg führen. Sie trug auch noch anderes für sie im Sinne, doch fehlte es ihr jetzt an Zeit, es den Schwestern zu eröffnen; denn sie fanden nur bis zum Untergang der Sonne Einlaß in das Gefängnis des Vaters, und in wenigen Stunden ging der lange Sommertag zu Ende.

Ihrer mit dem Ortliebschen Wappen geschmückten Sänften sich zu bedienen, die jedermann kannte, war nicht ratsam. Zu Fuß, mit der Riese vor dem Antlitz, die ohnehin zu ihrer Trauerkleidung gehörte, machten sie sich auf den Weg und ließen sich, um nicht gegen den Gebrauch zu verstoßen, von zwei Dienstboten, der alten Martsche und Kätterle, begleiten.

Von der Fleischbrücke aus hätten sie den Markt vermeiden können; Els aber wollte dort anfragen, ob die Eysvogelsche Angelegenheit schon verhandelt würde. Einer oder der andere von den »Ehrbaren«, die sie sämtlich kannte, war in der Nähe des Rathauses oder auf dem Hofe immer zu finden, und Eva verstand die Unruhe der Schwester und folgte ihr gern.

Als sie indes an dem Gefängnis vorbeikamen, ward ihr bang.

Durch die Quadrate, die das eiserne Gitter vor dem breiten Fenster des größten bildete, streckte sich Haupt an 121 Haupt und Hand an Hand der Straße entgegen. Die kurz geschorenen Köpfe der Gefangenen, unter denen manche kaum vernarbte Verstümmelungen von der Hand des Henkers zeigten, bildeten, wie sie über, unter und neben einander, nur durch Eisenstäbe getrennt, sich in die Luft hinausdrängten, ein Mosaikbild von abschreckend widerwärtigem Ansehen; denn wilde Gier funkelte aus den Augen der meisten und machte sich auch durch die Bewegungen der lang vorgestreckten, Gaben heischenden beweglichen Hände bemerkbar. Bittere Not und leidenschaftliches Verlangen schauten fordernd, flehend und drohend den Leuten entgegen, die das Fenster umdrängten. Dabei stand nur wenigen der Mund still. Sie baten die neugierigen und mitleidigen Männer, Weiber und Kinder, die angesichts ihres Elends das eigene, günstige Los wohlig empfanden, um Beistand in ihrem Elend, und selten völlig vergebens; denn manche Mutter gab den Kindern ein Brot, um es diesen Unglücklichen zu reichen und ihnen dabei einzuprägen, daß es ihnen ergehen würde wie den Abschreckendsten unter den Verstümmelten dort, wenn sie nicht brav wären und den Eltern und Lehrern fein gehorsam.

Gassenbuben hielten ihnen einen Apfel oder ein Stück Brot hin, um es ihnen zu entziehen, wenn sie es schon mit den Fingerspitzen berührt, und so, zwar zur eigenen Lust, doch am letzten, um diesen Aermsten wehe zu thun, ihr Spiel mit ihnen zu treiben. Dann lief wohl einem Manne, der früher bessere Tage gesehen, oder einem Verbrecher, den der Jähzorn zum Totschläger gemacht, die Galle über, und während sie in die Eisenstäbe griffen und mit wilder Gewalt an ihnen rüttelten, zogen die 122 anderen, laut aufkreischend, die Köpfe ein. Dabei schollen ihre wüsten Flüche, Drohungen und Schmähreden über den Markt hin, und laut aufkreischend wichen die Buben vor ihnen zurück; doch erneuerten sie bald wieder dies frevelhafte Spiel.

Oft freilich kam auch eine Mutter, die dem Kinde dies Amt überließ, oder ein altes, bescheidenes Weiblein, ein Handwerker oder Kriegsknecht, um den Gefangenen einen Krug mit frischer Milch oder stärkendem Wein aus wahrer Barmherzigkeit zu reichen. An Priestern oder Mönchen fehlte es gleichfalls selten, die den Beklagenswerten hinter dem Gitter den Trost des Glaubens zu bringen wünschten; doch sie ernteten meist schlechten Dank; denn nur wenige lauschten ihrem Zuspruche offenen Herzens, und nur zu oft wurden sie durch Schmähreden und rohes Geschrei zum Schweigen gezwungen.

Als die Schwestern mit den Mägden an diesen Beklagenswerten vorbeikamen, hatte eben Frau Tucherin, deren Töchterlein schwer erkrankt war, um sich einen Gotteslohn zu erwerben, den Gefangenen einen großen Korb voll frischen Backwerks gesandt. Ein Aufwärter ihres Hauses verteilte es, und gierig rissen sie ihm die willkommene Gabe aus der Hand. Ein Weib, das eines der Wecklein dem hohläugigen Kinde auf seinem Arme bestimmt und dem es ein roher Bursch, dem die Ohren fehlten, fortgehascht hatte, schlug ihm die scharfen Nägel in das mit Sommersprossen übersäte wüste Gesicht, und der Anblick des Blutes, das ihm von den wunden Lippen über das Kinn und auf das Brödlein troff, bot einen so abschreckenden Anblick, daß Eva sich fester an die Schwester klammerte, die eben in das Gürteltäschchen 123 gegriffen hatte, um diesen Unglücklichen einige Heller zuzuwerfen, und sie mit sich fortzog.

So schnell es anging, brachen sich beide mit den Mägden, die ihnen folgten, Bahn durch die Leute, die hier in großer Zahl zusammengeströmt waren. Die Schwestern wußten nicht zu welchem Zwecke, doch sollten sie es nur zu bald erfahren.

Seit längerer Zeit waren beide nicht hier gewesen, und erst vor wenigen Wochen hatten die »Ehrbaren« den Pranger von einer andern Seite des Rathauses hieher verlegt. Die Warnung Kätterles wurde von dem Lärm übertönt, der ihnen entgegenbrauste.

Die Menge um sie her drängte sich von Augenblick zu Augenblick dichter zusammen, und schon hatte Eva die Schwester zur Umkehr aufgefordert, als Els den Stadtknecht gewahrte, der dem Vater die Ladungen in den Rat überbrachte, und ihn ersuchte, sie durch den Auflauf in den Rathaushof zu begleiten; doch der Beamte hatte in dem wüsten Geschrei ringsum ihr Gesuch mißverstanden, und in der Meinung, sie wünschten dem Schauspiele beizuwohnen, das so viele hieherzog, brach er ihnen Bahn bis in die vorderste Zuschauerreihe. – Diejenige aber, die man eben an diese Stätte der Schmach gefesselt, war die Baderwitwe aus der Kotgasse, die schon einmal hier gestanden, weil sie Liebenden Gelegenheit zu heimlichen Zusammenkünften geboten, und zu der Kätterle sich geflüchtet, um Schutz bei ihr zu suchen. Gebeugt von der Last des Steines, den man ihr umgehängt hatte, schaute das Weib mit weit vorgestrecktem Kopfe wie ein zum Sprunge bereites Raubtier sich ingrimmig im Kreise ihrer Peiniger um, und kaum hatte der Stadtknecht die 124 Schwestern und die sie begleitenden Mägde in ihre Nähe geführt, als sie Kätterle erkannte und mit kreischender Stimme in die Menge hineinschrie, da kämen die Rechten, die Feinen, die man nur, weil sie zu den Großen gehörten, nicht dahin stellte, wohin sie, trotz der Riese vor dem Antlitz, mit der sie den verlorenen guten Leumund betrauerten, mit besserem Rechte gehörten als sie, die eben nur eines Baders geringe Wittib.

Von Entsetzen ergriffen, drängten die Mädchen sich weiter vorwärts, und auf Evas angstvollen Aufschrei: »Fort, nur fort!« that der Ratsdiener, was er vermochte. Dennoch kamen sie nur langsam durch das Gedränge, und das Johlen, Pfeifen und Zischen der Menge scholl ihnen nach, bis sie das nahe Eingangsthor des Rathauses erreichten.

Hier hielt die Wache mit gekreuzten Hellebarten die Leute zurück, die den Geschmähten nachdrängten, und es war gut so; denn die Füße versagten Eva den Dienst, und der älteren Schwester erlahmte die Kraft, die jüngere weiter zu stützen.

Tief aufseufzend führte Els jene auf die Bank, die hier zwischen zwei Pfeilern stand und befahl dann der alten Martsche und der Gürtelmagd, die an allen Gliedern zitterte, Eva bis zu ihrer Rückkehr zu behüten.

Bevor sie den Weg fortsetzten, mußte sie der Schwester einige Ruhe verschaffen, und der alte Ratsschreiber Martin Schedel war der Mann, bei dem sie sie finden konnte.

So rasch die Füße sie trugen, begab sie sich zu ihm, und ein freundliches Ungefähr führte ihr den wohlgesinnten Greis, der sie von Kind an kannte, schon auf der Treppe, die in den Sitzungssaal des Rates und in seine höher gelegenen Schreibstuben führte, entgegen.

125 Die unselige That Ernst Ortliebs und was er vorhin durch den Schultheißen über die schnöden Verleumdungen gehört, die sich an die Töchter des unglücklichen Mannes hefteten, hatte den würdigen Greis mit Bedauern und Entrüstung erfüllt. Eifrig ergriff er darum die Gelegenheit, was an ihm war, zu thun, um an den beklagenswerten Jungfrauen gut zu machen, was die Mitbürger an ihnen verschuldet. Den Mägden gebot er, sich in dem Warteraum des Vormundschaftsamtes zu gedulden. Die Schwestern führte er in die eigene Schreibstube, und half Eva mit dem alten, immer noch rüstigen Arme die lange Stufenreihe hinauf, die zu ihr führte. Nachdem er sie genötigt, in dem Lehnstuhle vor seinem großen Pulte Platz zu nehmen, und ihr Wein und Wasser vorgesetzt hatte, ersuchte er sie, es sich bei ihm bis zu seiner Wiederkehr gefallen zu lassen. In der Sitzung, die wohl schon begonnen habe, sei seine Gegenwart nötig. Es handle sich um die Eysvogelsche Sache, und wenn Els sich gedulden wolle, könne er ihr berichten, zu welchem Ergebnis sie führe.

Damit verließ er die Schwestern.

Leichenblaß und mit geschlossenen Augen ruhte Eva in dem hochlehnigen Armstuhle des Ratsschreibers. Els kühlte ihr die Stirn mit dem angefeuchteten Tuche und sprach ihr zu, indem sie ihr vorstellte, wie thöricht es sei, sich von der Bosheit der Allerschlechtesten das Leben verderben zu lassen.

Da nickte die Schwester ihr beipflichtend zu und sagte: »Hast Du auch bemerkt, wie sie aussahen, – die hinter dem Gitter. – Viel dümmer, mein' ich, als schlecht waren die Gesichter der meisten.« Hier stockte sie und fügte nachdenklich hinzu: »Doch klug können sie ja auch nicht 126 sein. Etwas Großes ist es doch selten, was Diebstahl und Betrug diesen Aermsten einbringen, – und wie furchtbar sind die Strafen, denen sie sich dafür aussetzen im Diesseits und Jenseits. Und das Gewissen!«

»Ja, das Gewissen!« sprach Els ihr eifrig nach. »So lange wir uns sagen dürfen, daß wir nichts Sträfliches begingen, können wir uns unbekümmert auch das Schlimmste nachsagen lassen.«

»Aber es ist mir doch,« seufzte Eva, »als hätten die Schimpfreden des gräßlichen Weibes am Pranger mich mit etwas Ekelhaftem behaftet, das kein Wasser abzuwaschen vermag. Was doch alles, seit die Mutter starb, auf uns hereinbricht, Elsle!«

Da nickte die Schwester ihr beipflichtend zu und sagte traurig: »Der Vater, mein Wolff, Dein armes, wundes Herz, – und da unten im Sitzungssaale, Ev, da wird vielleicht, während wir hier reden, der Stab über diejenigen gebrochen, die bald die Meinen sein sollen. Das trägt sich schwerer, Kind, als die Schmähungen, womit ein schlechtes Weib uns begeifert. Oft weiß ich selbst nicht, woher die Kraft mir kommt, den guten Mut zu bewahren.«

Dabei wandte sie sich ab, um unbemerkt die feuchten Augen zu trocknen; Eva aber gewahrte es dennoch und erhob sich, um sie an sich zu ziehen und ihr etwas Tröstliches zu sagen. Doch bevor sie noch den ersten Schritt gethan, fuhr sie zusammen; denn beim Aufstehen hatte sie an den zinnernen Wasserkrug des Stadtschreibers gestoßen, und er fiel klirrend zu Boden.

»Das Wasser!« rief Eva betrübt. »Und die Zunge ist mir wie verdorrt.«

127 »Ich hole anderes,« beruhigte Els die Schwester. »Von dorther brachte es Herr Martin.«

Damit öffnete sie die Thür, auf die sie gewiesen, und trat in einen weiten, niedrigen Vorsaal, in dem eine Spritze von Messing stand, – und Leitern, Eimer, sowie mancherlei anderes Gerät für das Löschen eines Rathausbrandes an der schlicht getünchten Wand hingen, die diesen Raum von dem Gemache des Stadtschreibers trennte. Die Mitte der jener gegenüberliegenden Mauer bildeten zwei Fensterlein, die ein breiter Rundbogen überspannte und eine kurze romanische Säule trennte. An beiden standen die Flügel offen, in denen kleine runde Hornscheiben von bleiernen Rahmen festgehalten wurden. Dies doppelte Fenster gehörte zu dem oberen Teile des zwei Stockwerke hohen Sitzungssaales. Um an diesem heißen Tage einen leichten Zugwind zu erzeugen, hatte man es weit geöffnet, und von unten her drangen Els deutlich vernehmbare Worte entgegen. Das erste aber, was sie unterschied, war der Name »Wolff Eysvogel.«

Da überlief es sie heiß. Wenn sie dem Fenster näher trat, konnte sie hören, was die Ehrbaren über das Eysvogelsche Hans beschlossen, und von dem brennenden Verlangen ergriffen, kein Wort zu verlieren, das bei der Verhandlung da unten über Wolffs Lebensglück und dadurch auch über ihr eigenes entscheiden sollte, brachte sie die Stimme im Nu zum Schweigen, die ihr vorhielt, daß das Lauschen nicht schön sei. Aber die Gewohnheit, für Eva zu sorgen, war ihr so lieb und beherrschte sie mit solcher Macht, daß sie, bevor sie in den Sitzungssaal hinunterhorchte, sich nach dem Wasser umsah, es, nachdem sie es schnell gefunden, der Dürstenden brachte 128 und ihr in fliegenden Worten bekannte, was sie in dem Nebenraume entdeckt und wie sie es zu benützen gedachte.

Trotz Evas Mahnung, es zu unterlassen, eilte sie dann an das offene Fenster zurück.

Kopfschüttelnd und doch verständnisvoll lächelnd schaute die jüngere Schwester der älteren nach.

Es gab keinen Zufall für Eva.

Vielleicht war es ihre Heilige selbst, die die Schwester, als sie gegangen war, um ihr eine Erfrischung zu bringen, an die Oeffnung des Saales geführt. Ihr, Eva, erschien es wie ein Geschenk, hier ganz allein dem sonst so gesunden, jetzt aber von Entsetzen erschütterten Leib Ruhe gönnen, sich sinnend zur Klarheit über das viele, das sie beunruhigte, durchringen und beten zu dürfen; denn das Gebet war für sie weit mehr als die Bitte um ein geistiges oder irdisches Gut; ja, sie betete weit seltener, um etwas zu erlangen, als infolge der Sehnsucht nach dem Höchsten, in dessen Nähe das Gebet sie hinaufschwang. So lange sie sich ihm hingab, fühlte sie sich der Welt entrückt und gleichsam in der Lebensluft Gottes.

Auch diesmal brachte sie, während Els lauschte, kein Anliegen, das irdische Dinge betraf, an die das Dasein des Alls wie ihr kleines Sonderleben leitende Macht; aber sie betete, und im Verkehr mit dem Allmächtigen, der ihr ein trauter Freund war, vergaß sie, was sie schmerzte und ängstigte und womit man ihr weh that. Dabei aber geschah ihr, was sie der Aebtissin vorausgesagt hatte; denn es war ihr, als erhöbe sich die Seele des Geliebten mit ihr zu der reinen Höhe, in der sie verweilte, und als sei die irdische Minne, die ihr und ihm das Herz erfüllte, nichts wie ein Ausfluß der großen, 129 ewigen Liebe, als deren Verkörperung Gott ihr erschien und der Heiland.

Wie zwei Bäche, die einem und demselben großen, unversieglichen, reinen und wohlthätigen Quell entfließen, sich wiederfinden, um, nachdem sie gesondert dahingeflossen, als ein einziger Strom blühendes Wiesenland zu durchfluten und es grün und frisch zu erhalten, erschien sie sich selbst im Bunde mit Heinz. Die Liebe Gottes, die ihre und die seine waren jede für sich etwas Besonderes und dennoch das Gleiche, dennoch Teile und Spenden des großen Borns, der sie wie ihn und das ganze, große All belebte, erhielt und beseligte. Ewig war der Quell, dem ihre und seine Minne entsprang, und darum konnten beide kein Ende haben, mochte geschehen, was da wollte.

Aber noch standen sie beide in der Welt. Wie er sicherlich die ganze Kraft einsetzen würde, um sich des Vertrauens wert zu erweisen, das sein Kaiser und Herr in ihn setzte, so mußte auch sie in dem schweren Kampfe, den sie begonnen, die junge Kraft bewähren. Was sie eben erfahren, das waren Flammen des Schmiedefeuers gewesen, von dem die Mutter geredet, und wie elend war sie ihrer Glut entwichen. Das sollte anders werden! Oftmals hatte sie gewahrt, daß die Seele, wenn der Körper ermattet war, an Schwungkraft gewinne. Sollte es nicht angehen, diese zu benutzen, um den schwachen Leib ihrem Willen gehorsam zu machen? Indem sie die Lippen fest zusammenschloß und die eine Hand zur Faust ballte, nahm sie sich vor, es zu versuchen.

 

 

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